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Jean de La Fontaine: Fabeln

Jean de La Fontaine: Jean de La Fontaine: Fabeln - Der Quersack
Quellenangabe
typefable
authorLa Fontaine
titleDer Quersack
senderLorelies.Kuhn@t-online.de
created20011112
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La Fontaine

Der Quersack

Einst sprach der Vater Zeus: »An meines Thrones Stufen
erscheine, was da lebt; und wer über Gestalt
und Wesen zur Beschwerde sich berechtigt und berufen
meint, der rede ohne Hinterhalt!
Wo's geht, bin ich zu helfen willig.
Du, Affe, sprich zuerst: Sieh dir, wie recht und billig,
die Tiere alle an, vergleich' ihr Angesicht
und ihre Formen mit den deinen.
Bist du zufrieden?« – »Ich, warum denn nicht?
Ich hab' vier Füße doch wie jene, sollt' ich meinen!
Und mit Vergnügen stets hab' ich mein Bild beschaut.
Allein mein Bruder Bär ist gar zu plump gebaut,
und keinem Maler sollt' er je zu sitzen wagen!«
Der Bär tritt vor – man glaubt, er wolle sich beklagen.
Doch weit gefehlt! Man staunt, wie seinen Wuchs er rühmt.
Jedoch der Elefant – so schmäht er unverblümt –
hab' das am Ohr zu viel, was ihm am Schwanze fehlte;
unförmig, klobig er ihn schilt.
Der Elefant, der klug sonst gilt,
erschien an diesem Tag als Tor und schmälte,
daß für sein Maul, das nicht gering,
der Walfisch sich zu dick erwiese!
Die Milbe schien der Ameise ein winzig Ding,
dagegen sei sie selbst ein Riese!
Zeus schickt' sie alle heim, die so gelind
sich selber kritisiert. Wir Menschen aber sind
der Toren törichste, da wir im Leben –
luchsäugig für die anderen, für eigne Fehler blind –
uns selber alles, doch dem Nächsten nichts vergeben.
Nie gleichen Blicks hat man auf sich und andre acht.
Als Lumpenvolk schuf uns des Schöpfers Macht,
so war es früher und so ist es heute.
Quer auf die Schulter legt' er uns den Sack,
daß man darein die eignen Schwächen pack',
und vorne hat man den für fremde Leute.
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