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Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 9
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
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8.

Das Kabinett, in dem Marianne jetzt ausschließlich wohnen mußte, hatte einen Eingang von der Küche her. Die Verbindungstür zum großen Zimmer wurde von Marianne auf beiden Seiten durch einen Kasten verstellt. Dann richtete sie das große Zimmer so wohnlich als möglich her und verabredete mit der Portiersfrau die Bedienung des Zimmerherrn.

Nachmittags zog er mit zwei Koffern ein.

Sie hörte ihn herumhantieren.

Es war doch ein banges Gefühl: so ein wildfremder Mensch in der Wohnung. Sie untersuchte Schloß und Riegel im Kabinett. Sogar einen alten Armeerevolver ihres Papas machte sie schußfertig und verwahrte ihn in der Schreibtischlade für alle Fälle.

Aber Tag für Tag verging und sie sah und hörte nichts von ihrem Mieter. Abends schlief sie, wenn er nach Hause kam, und morgens hörte sie das Geplätscher des Wassers, wenn er Toilette machte.

Der Mann schien vollkommen einsam zu leben.

Nach und nach begann sie das Rätsel dieser Existenz zu interessieren. Was trieb der Mann eigentlich Tag und Nacht? Vor drei Uhr kam er nicht heim und ging um zehn Uhr vormittags wieder aus dem Hause. Er benützte sein Zimmer wirklich nur zum Schlafen.

 

Im Hause unten war ein kleines Volkscafé. Zeitungen gab es auch und ein Tee mit Rum wurde serviert. Aber der Tee war kein Tee und der Rum kein Rum.

In dieses Volkscafé ging Marianne täglich und las die Zeitungen. Das war ihr Vergnügen und ihre Verschwendung.

In die großen Kaffeehäuser wagte sie sich nicht, denn sie hatte immer eine gewisse Scheu vor all den fremden Menschen.

Aber im Hause kannte man sie und respektierte sie als Baronesse.

Und da saß sie zwischen stellensuchenden Dienstboten, die die Zeitungen auf Angebote hin lasen. Zwischen abgebauten Beamten und Pensionisten.

Ab und zu trat ein Chauffeur herein und verlangte Punsch oder Bier und erregte Aufsehen durch diese exorbitante Ausgabe.

So saß sie auch eines Nachmittags dort, als ihr Zimmerherr eintrat.

Er wollte nur rasch telephonieren.

Am Rückweg erkannte er sie, grüßte und fragte artig, ob er sich einen Moment zu ihr setzen dürfe.

Anfangs schien er es furchtbar eilig zu haben, und dann blieb er eine Stunde sitzen.

»Wissen Sie, daß ich mir schon oft den Kopf zerbrochen habe, was Sie eigentlich so den ganzen Tag machen?«

Sie lachte unwillkürlich und gestand freimütig:

»Sehen Sie, ganz dasselbe habe ich mich in Bezug auf Sie gefragt.«

Darüber schien er ein bißchen erstaunt, lächelte und schwieg.

»Nur, daß ich in der Nacht schlafe – aber Sie kommen auch in der Nacht nicht nach Hause. Es ist unglaublich, mit wie wenig Schlaf Sie auskommen.«

»Ja, mein Gott, ich ... ich habe eben immer zu tun.«

Das war alles, was Ernö Kalmar über sich verriet. Desto mehr Interesse zeigte er für Mariannens Leben.

Bald genug hatte er heraus, daß sie ein ganz dummes, sinnloses Dasein führte, absolut nichts wußte, was sie mit sich beginnen sollte, und doch den Wunsch hatte, etwas zu werden.

»Ich kann es Ihnen gar nicht sagen, wie ungeschickt ich dem Leben gegenüberstehe. Und niemanden habe, mit dem man sich aussprechen kann! Mit irgendeinem klugen Menschen einmal über mein künftiges Leben beraten, wäre wohl das einfachste. Aber wo sollte sich schon so ein kluger Mensch finden?«

Ernö Kalmar überlegte nur ganz kurz.

»Wissen Sie was? Übermorgen ist ja Weihnachten. Während der Feiertage müssen meine Geschäfte ohnedies ruhen. Wir werden die Weihnachtstage zu einer gründlichen Besprechung ausnützen. Ist Ihnen das recht?«

Marianne war einverstanden.

»Was haben Sie am Vierundzwanzigsten vor? Sind Sie in Ihrer Familie?«

»Ich habe doch keine.«

»Ich auch nicht! Also, liebes Fräulein ... Baronesse, ich mache Ihnen einen Vorschlag: Sie sind allein – ich bin es auch. Sie liefern einen Tee – ich liefere die Punschessenz und sonst noch was, und wir verplaudern diesen Abend, als ob wir alte Bekannte wären.«

Dies alles wurde in einem netten, kameradschaftlichen Ton gesprochen – Marianne hatte keinen Grund, irgendetwas dagegen einzuwenden. Die Verabredung galt.

Diese bestimmte Art des Mannes, der nicht lange fragte, der sie nicht als Beute betrachtete und nicht den leisesten Versuch machte, zudringlich zu werden, gefiel ihr. Sie fühlte, wie Mißtrauen und Widerstand im Schwinden begriffen waren.

Und so sah sie dem heiligen Abend, den sie so sehr gefürchtet hatte in ihrer großen Einsamkeit, nicht ohne angenehmes Vorgefühl entgegen.

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