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Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 7
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
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6.

So gegen den 10. Dezember begann die alte Fanny, die bisher die Anhänglichkeit und Gutherzigkeit in Person gewesen war, ein seltsames Benehmen an den Tag zu legen. Sie hatte beständig verweinte Augen und wich jeder Aufklärung ängstlich aus. Irgendetwas schien mit ihr vorzugehen. Aber vorläufig war nicht herauszubekommen, was es war, obwohl sich Marianne redlich darum bemühte, denn Fanny, die längere Zeit bei ihrem Vater gewesen war als ihre eigene Mutter, erschien ihr weit eher wie eine alte Verwandte als wie eine bezahlte Dienerin.

Und so setzte sie sich eines Tages zu ihr hin, als sie wieder einmal an ihrem Küchentisch hockte und mühsam einen Brief nach Hause zusammendrechselte.

»Fanny, kann ich dir nicht beim Briefschreiben helfen?«

Fanny wurde sehr verlegen und lehnte ab.

»Fanny, was ist los mit dir? Jetzt sprich dich doch endlich einmal aus. Wir stehen doch wirklich so gut miteinander, daß wir zueinander ehrlich sein können.«

Diese Rede tat ihre Wirkung.

Plötzlich begann Fanny zu schluchzen, und endlich kam es langsam und ruckweise heraus:

»Ich habe den seligen Baron Franz immer so gern gehabt, noch als kleinen Buben. Und die Vozelka Anna – die gnädige Frau Baronin, was doch meine Landsmännin war – auch, und die liebe Baronesse natürlich auch. Aber sie setzen mir so zu von zu Haus, meine Geschwister: Ich hätt' es doch nicht nötig, in Wien elendes Kukuruzbrot zu essen, wo ich es zu Haus bei uns im Dorf so gut haben könnte. Überhaupt es sei eine Schande, daß ich noch immer bei unseren Feinden im Dienst sei, was doch nicht mehr nötig wäre, wo wir jetzt ein Siegervolk wären, schreiben sie von zu Haus.«

Und Fanny heulte mächtig auf. Marianne begriff alles.

»Fahre ruhig nach Hause, Fanny. Du bist alt und müde und verdienst deine Ruhe. Und wer weiß, wie lange ich dir noch deinen Lohn zahlen kann – und was überhaupt mit mir geschieht.«

Fanny atmete wie erlöst auf.

»Und das Baronesserl wird nicht böse sein auf die alte, dumme Fanny und hinter mir herschimpfen?«

»Aber nein, Fanny. Wir haben uns ja immer gerne gehabt und vertragen. Wir scheiden als Freunde und wünschen einander das Beste.«

»Na, das Baronesserl wird ja ohnedies bald heiraten – einen feschen ausländischen Offizier –, und was tut da die alte Fanny in der jungen Wirtschaft?«

»Freilich, freilich. Und dann, Fanny, noch eins. Deine vierzehn Tage brauchst du natürlich nicht zu machen. Du kannst nach Hause fahren, wann du willst – jeden Moment.«

»Die Baronesse ist ja so gut mit der alten Fanny.« Und sie stürzte sich über Marianne und ließ sich nicht abhalten, ihr die Hand zu küssen, wie sich das gehörte bei Herrschaft und Dienstboten.

»Also, dann möchte ich mir's so einteilen, daß ich am Sonntag schon zu Hause bin. Da hat nämlich meine Schwester Namenstag und da sind alle die meinigen Verwandten g'rad beisammen.«

»Gut, gut, Fanny. Fahre nur übermorgen, daß du Sonntag zu Hause bist und nichts versäumst.«

Marianne hatte sich fest und lächelnd gehalten bis zum letzten Moment. Dann ging sie in das Kabinett, wo sie sich jetzt beinahe ständig aufhielt.

Es war bereits dunkel geworden, doch machte sie kein Licht. In den finstersten Winkel zog sie sich zurück. Ihr war so entsetzlich bang. Sie war so ganz allein.

»Jetzt geht die auch noch.«

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