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Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 49
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
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48.

Frau Doktor Heffter hatte die Rückkehr Mariannens schon mit äußerster Ungeduld erwartet.

Marianne fand sie im Begriffe, ihre Koffer zu packen.

»Was ist geschehen? Was soll das bedeuten?«

»Ich muß dich allein lassen, Liebling ... Ich habe Nachrichten bekommen. Man braucht mich! Es gehen große Dinge vor! Man wird mich wahrscheinlich vor eine Aufgabe stellen. Ich werde drunten am Balkan etwas leisten müssen.«

»Du willst mich allein lassen? Gerade jetzt, wo eine so schwere Zeit anbricht für mich? Wo ich eine Freundin so notwendig brauche?« klagte Marianne.

»Was kann ich machen, Liebling? Befehl ist Befehl! Unsereins kann nur ganz selten ein Privatleben haben. Das liegt schon so in der Natur der Sache.«

»Und wann kommst du wieder? Wie lange bleibst du aus?«

Frau Doktor Heffter zuckte die Achseln:

»Wer kann das wissen? Vielleicht gleich – vielleicht gar nicht mehr.«

»Was heißt das?«

»Mein Gott! Man ist da unten nicht so rücksichtsvoll. Vielleicht läßt man mich lautlos verschwinden, verunglücken – sagen sie dort! Es handelt sich nur, ob vor oder nach der Lösung meiner Aufgabe. Darauf kommt es für mich und meine Leute hauptsächlich an. Wenn geschehen ist, was geschehen muß, dann ist mein Privatschicksal natürlich wieder unendlich gleichgültig. Hoffentlich erwischen sie mich nicht. Ich möchte mir noch in Wien die Haare blond färben lassen. Man schaut doch anders aus und wird nicht so rasch agnosziert. Ich reise natürlich mit falschem Paß und unter einem anderen Namen. Zuerst muß ich nach Riga, dann nach Christiania, und von dort trete ich erst meine richtige Reise an. Von Wien wäre es zu auffällig. Schließlich weiß man nie, ob man nicht ausspioniert wird. Man muß die Leute ein bißchen irreführen, das gehört nun einmal dazu.«

»Wenn du fortfährst von hier, gehe ich natürlich mit! Allein bleibe ich nicht hier droben. Auch möchte ich wenigstens so lange wie möglich noch mit dir beisammen sein.«

»Dann laß dir aber rasch die Koffer packen. Ausruhen kannst du dich in der Bahn. Wir können heute noch in Zürich sein und vielleicht den Anschluß an den Orient-Expreß erreichen, wenn wir Glück haben.«

Marianne und Olga durchfliegen die Schweiz und Tirol und treffen mit dem Abendzug in Wien ein.

Marianne hatte telegraphisch das Auto zur Bahn bestellt. Kalmar hat das Telegramm lächelnd gelesen. Er schreibt die rasche Heimkehr natürlich dem Gutskauf zu.

So habe ich sie doch zurückgelockt.

Und er lächelt selbstzufrieden und erwartet das Beste von der Zukunft.

Er ist selbstverständlich an der Bahn, um Marianne persönlich abzuholen. Er ist etwas enttäuscht, daß Frau Doktor Heffter mitkommt. Natürlich ist er gerade deshalb doppelt liebenswürdig. Er will sie unbedingt für sich einnehmen und durch sie auf Marianne womöglich wirken.

Er hat sich diesmal diese Taktik zurechtgelegt.

Seine Frau ist die Undurchdringlichkeit selbst.

Er kommt ihr unbefangen entgegen. Keine Silbe, kein Ton, der an die letzten peinlichen Szenen in Deauville auch nur im entferntesten erinnert.

Er hat seiner Frau eine Mappe mit Bildern von Hartenthurn und Umgebung mitgebracht und überreicht sie ihr im Auto zum Durchblättern.

Dann wendet er sich an Frau Doktor Heffter:

»Sie werden selbstverständlich bei uns wohnen. Ich habe Ihnen ein Zimmer bereitstellen lassen. Vielleicht begleiten Sie meine Frau nach Hartenthurn – ich selbst habe augenblicklich keine Zeit. Meine Bank macht mir Sorgen und gibt mir Arbeit wie noch nie ... Ich nehme an, du wirst Lust haben, das alte Fledermausnest so bald als möglich zu besichtigen.«

»Selbstverständlich!«

Ganz mechanisch sagte dies Marianne.

»Aber ich kann nicht mitkommen, Herr Präsident. Ich muß schon morgen abreisen – nach Berlin ... und weiter ... für unbestimmte Zeit.«

»Sie wollen sich trennen von meiner Frau? Von Ihrer besten Freundin? Ja, warum das?«

Kalmar verbirgt seinen Triumph und heuchelt Bedauern und Enttäuschung.

»Ja, es hat seine Gründe. Ich kann mir denken, wie schwer Sie mich vermissen werden.«

Eine unerschütterliche Ruhe und Trockenheit klingt durch Olgas Worte.

Kalmar pariert:

»Ich hoffe, Sie sind davon überzeugt.«

»Ich bin es!«

Unwillkürlich denkt Marianne: Es ist einfach unerhört, wie diesem Manne alles ausgeht und gelingt. Er haßt Olga und wünscht sie zu allen Teufeln. Wie wird er innerlich triumphieren, daß wir uns trennen müssen.

Und wieder erfaßt sie eine unendliche Traurigkeit. Wer weiß, ob sie noch einmal zurückkommt ... Sie wird allein sein in den schwersten Augenblicken ihres Lebens. Ein Ahnen steigt in ihr auf: Es gilt einen harten Kampf zu kämpfen mit Kalmar, um ihn und sein Glück zu besiegen. Er wird zäh sein – und sie wird viel opfern müssen, um siegreich aus diesem stummen Duell hervorzugehen.

Kalmars Freundlichkeit gegenüber Frau Heffter bekam, nun da er wußte, daß es mit ihrer Abreise ernst sei, eine gewisse Natürlichkeit:

»Meine arme Frau, wie wird sie sich kränken!«

Zu Hause angekommen, begab sich Kalmar sofort wieder zu seinen Geschäften und Konferenzen, die bis in die Nacht hineindauerten.

 

Die beiden Frauen verbringen noch die halbe Nacht im ernsten Gespräch ...

Olga ist auf das eifrigste bemüht, die Romantik, die noch in Marianne steckt, auszubrennen und sie auf Nüchternheit einzustellen.

»Du haßt deinen Mann. Du willst einen Mann, den du geliebt hast, an ihm rächen. Gut, dagegen habe ich nichts. Aber ich bitte dich, lasse dabei alles aus dem Spiel, was nach Boulevarddrama schmeckt. Kein Gift, kein Dolch, keine Revolverkugel! Wenn wir von der Partei notgedrungen mit dem Revolver oder mit einer Handgranate arbeiten müssen, so ist das eine Art Volksgericht, das wir ausüben – ein abgekürztes Verfahren der Hinrichtung. Dazu hast du kein Recht, denn du verfolgst eine persönliche, eine private Rache, die keine Idee vertritt und keine Sache, sondern nur ein Gefühl und ein Einzelschicksal. Ich will diesen Kalmar, der mir ganz gleichgültig ist, durchaus nicht schützen. Er mag Existenzen genug auf dem Gewissen haben – außer deinem Leo ... Du willst deine weibliche Rache an ihm haben. Einverstanden! Nimm sie dir! Aber als Weib! Triff ihn, wo du ihn treffen kannst als Weib: in seiner Liebe, in seiner Eitelkeit, in seiner Geldgier; als Rächerin – aber nicht als Richterin, die auch das Urteil vollzieht. Verdamme ihn zu einem Leben in Armut ohne dich. Wenn er dann dieses Leben nicht mehr erträgt, wird er selber Hand an sich legen – so wie jener andere ... und das wird gut sein. Nur du sollst nichts tun, was dich ins Unrecht setzt, nicht vor dir, nicht vor den Menschen ... Ich bin gegen jeden Mord – das sag' ich dir, die ich vielleicht den Auftrag habe, da unten am Balkan jemandem das Lebenslicht auszublasen. Aber es ist eben ein Unterschied zwischen Mord und Mord. Und was für mich eine Pflicht ist, ist für dich noch lange kein Recht. Abgesehen von der Gefahr, in die du dich selber begibst – denn niemand wird dich begreifen ... ich ausgenommen.«

»Ich kann dich nicht ganz verstehen«, klagt Marianne. »Ich bin nicht gescheit genug, aber wenn du es sagst, wird's schon recht sein.«

Frau Olga lächelt, und ihre harten Züge gewinnen einen Ausdruck von gütigem Verstehen, den man gar nicht bei ihr erwartet hätte.

»Und dann, Marianne, die Hauptsache, du bist ja gar kein halber Mann wie ich. So eine Person wie ich bringt so etwas fertig – aber du, du bist ein Weib und wirst es ewig bleiben. Versuch' doch erst nicht, über dich hinauszuwachsen, du wirst nur kläglich scheitern. Bleib' in deiner Sphäre! Also, merk' dir, Marianne: keine Gewalt! Und dann, Kind, wenn ich doch wiederkomme – ganz ausgeschlossen ist es ja doch nicht – will ich dich doch wiedersehen – jung, schön, strahlend, in allem Glanz, der so gut zu dir und so schlecht zu mir paßt. Soll ich dich vielleicht gar im Untersuchungsgefängnis aufsuchen ... oder gar in der Strafanstalt mit geschorenen Haaren im blau-weiß gestreiften Kittel finden?«

»Nein, nein. Lieber sterben!«

»Nein, nein. Lieber leben und leben lassen«, sagt Olga schalkhaft.

Gleich darauf aber wird sie wieder ernst:

»Hast du nicht einmal das Wort gebraucht von der gemordeten Seele. Ich glaube mich zu erinnern. Nun wohl: Da hast du deine Aufgabe und deine Rache. Ermorde seine Seele! Glaub' mir, das trifft jede Frau besser als der Mann – und trifft ihn damit härter, als jeder Mann einen anderen jemals treffen kann.«

Marianne schlief ein, und Olga saß bei ihr und hielt ihre Hand wie eine zärtliche Mutter, ehe sie selbst für ein paar Stunden zur Ruhe ging.

Der Vormittag in Wien verging rasch.

Frau Doktor Heffter, gewohnt, mit schwedischen Kronen zu rechnen, fand alles, was die Wiener enorm teuer fanden, lächerlich billig. Sie staffierte sich noch ein bißchen aus, wurde im Verlaufe eines Vormittags eine Goldblondine und verwandelte sich mit Bedacht in eine Erscheinung, die schon auf kleine Distanz wie eine Kokette wirkte. Sie behauptete, das wäre diesmal nötig und gehöre zum Programm.

Um vier Uhr nachmittags verließ sie Wien im Berliner D-Zug.

Marianne war bis zum letzten Augenblick nicht einen Moment von ihrer Seite gewichen.

Kalmar hatte herrliche Malmaison-Rosen gesandt.

Schluchzend fuhr Marianne vom Bahnhof zurück. Sie kam sich zum zweiten Male verwaist vor. Sie schloß sich in ihr Zimmer ein und war für niemanden zu sprechen. Vorher hatte sie noch Auftrag gegeben, alles Nötige für einen längeren Aufenthalt in Hartenthurn einzupacken. Einfache, ländliche Sachen – auch Konserven und Dunstobst.

Das Auto sollte für sie bereit gestellt werden, denn um sieben Uhr früh wollte sie Wien wieder verlassen, um den Herbst auf Hartenthurn zu verbringen.

In tiefster Einsamkeit wollte sie sich über die entscheidenden Schritte gegen Kalmar klar werden.

Kalmar hatte sich die Mühe nicht verdrießen lassen und war um sieben Uhr im Hofe der Villa erschienen, um sich von Marianne zu verabschieden.

Nochmals entschuldigte er sich höflichst, daß er sie nicht selbst hinausbringen könne – aber das Geschäft ... es erfordert derzeit dringend seine Anwesenheit.

Er respektierte vollkommen die Distanz, die Marianne zwischen ihn und sich gelegt hatte, und machte nicht die leiseste Miene, mit irgendeiner unangebrachten Vertraulichkeit die ihm gezogene Grenze zu überschreiten. Er stellte seinen Besuch bei Gelegenheit in Aussicht.

Marianne konnte nicht gut ablehnen. Überhaupt war ihr Gefühl in einige Verwirrung geraten.

Sie war ihrer Sache nicht mehr so sicher wie früher. Die kluge Rede Olgas hatte ihr die Primitivität und die Naivität ihres Entschlusses geraubt. Die Sache war nicht mehr so einfach, wie sie ihrer Natur entsprochen hätte.

Langsames, schlaues, zielbewußtes Vorbereiten, systematisches Durchführen eines Planes war eigentlich ihre Sache nicht. Sie war eine Natur des Affekts, die im hitzigen Drang eines Momentes unbedenklich vollendete, was ihr im entscheidenden Augenblick als das einzig Notwendige und Unausweichliche erschien.

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