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Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 47
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
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46.

Frau Doktor Heffter ist in Deauville eingetroffen.

Die beiden Frauen sind fast den ganzen Tag zusammen. Mit Kalmar trifft man sich nur bei den Mahlzeiten, die in eisigem Schweigen verlaufen.

Kalmar erfährt die Behandlung, die man in feudalen Zeiten einem Lakaien zuteil werden ließ.

Marianne hatte Olga alles gebeichtet und Olga hat ihr Absolution erteilt und billigt ihr Betragen.

»Er soll büßen – und bezahlen!«

Es klingt hart und nüchtern, wie sie das sagt.

»Zahlen, hoffen – und verzweifeln! Und sich in Eifersucht und Selbstvorwürfen verzehren.«

In hilfloser Wut, lächerlich und gedemütigt, umschleicht Kalmar die beiden Frauen und sucht eine Gelegenheit, einzuhacken – und findet keine ...

Der Zustand wird von Tag zu Tag unerträglicher. Ein Telegramm ruft Kalmar nach Wien zurück: Es ist in der Bank nicht alles, wie es sein soll – es gehen Dinge vor.

Kalmars Abreise wird als eine Erlösung empfunden – auch von ihm.

Wenige Tage nach Kalmar verlassen auch die beiden Frauen Deauville. Sie sehnen sich beide nach Ruhe und haben für die leichten Reizungen des Strandlebens nichts übrig.

Sie fahren nach Paris. Setzen sich für ein paar Tage ins Grand Hotel. Absolvieren gewissenhaft wie ein Paar Lyzealschülerinnen die wichtigsten Sehenswürdigkeiten.

Olga sucht ein paar politische Freunde auf, und schon geht es weiter in die Schweiz. Sie haben beide Sehnsucht nach Gletscherluft.

Sankt Moritz und Malaia sind den beiden viel zu bewegt, und so verfallen sie auf die hochgelegene Wengenalpe im Angesicht der Jungfrau und des Mönchs. Nach dem Geschrei von Deauville tut die Stille doppelt gut.

Olga ist auch hier droben unermüdlich an der Arbeit.

Marianne macht stundenlang einsame Spaziergänge und denkt an Leo und die Tage, als sie auf den Tiroler Gletschern gemeinsam herumkletterten.

Stärker und stärker ergreift der Tote wieder von ihr Besitz. Sie hört ihn sprechen ... Seine Worte fallen ihr wieder ein. Seine Verse sogar.

Wieder erlebt sie jene Tage des furchtbaren Zusammenbruches und den Morgen seines Todes. Und sie verachtet sich tief, daß sie damals so feig und jämmerlich weggelaufen und ein Obdach bei jenem Kalmar gesucht, der ihr Mann geworden ist – dem eigentlichen Mörder ihres Geliebten. Denn es gibt einen Mord, der nach keinem Messer und Revolver zu greifen braucht – und doch ein Mord ist. Ein Mord, der sie nicht ruhen und rasten läßt, der sie jagt und treibt – und den sie rächen muß.

Wie ein Gift sitzt es in ihr und arbeitet und schwärt und frißt weiter – und gibt nicht eher Ruhe ...

Sie möchte sich selbst entrinnen! Sie ist nicht immer stark – sie ist feig, und doch muß es sein!

Ein Gottesgericht will sie anrufen!

Da, dicht vor ihr, liegt die Jungfrau mit steilen Eisflanken. Bis zum Jungfraujoch geht die Eisenbahn. Oben wird sie übernachten, sich einen Führer nehmen und den Aufstieg wagen. Wenn er gelingt, wenn sie hinaufkommt und wieder hinunter – wenn der Schwindel sie nicht niederreißt oder die Kräfte versagen, dann ist sie stark genug – dann ist es ihre Pflicht, den Mord an Leo zu rächen und die schwere Aufgabe durchzuführen.

Sie denkt an keine Rache mit der Waffe in der Hand. Ihre Rache muß anders sein! Seine Seele muß zertreten werden – so wie man Leos Seele zertreten hat ... Und seine Seele ist das Geld – dort ist er zu fassen. Aber wer faßt ihn? Wer ist schlau genug? Wer ist stark genug? Sie kann es nicht allein! Sie muß sich Helfer suchen, Helfer bezahlen – mit sich selbst, wenn es nicht anders geht.

Durch die schweigende Nacht klirren die Eissplitter, die der Führer bei jeder Stufe loshackt, und sausen über die glatte Eisflanke in den Abgrund.

Marianne hängt am Seil und setzt Fuß für Fuß in das flache, kleine Loch, das der Führer geschlagen, Schritt um Schritt mit dem Eispickel verankernd.

Die großen, weißen Gestirne leuchten am dunklen Himmel und flimmern in strahlender Reinheit – hoch über dem erstarrten Gipfelmeer.

Langsam neigt sich der Große Bär in seinem Lauf ... Die Stunden gehen weiter.

Die Körper sind heiß, trotz der eisigen Kälte.

Langsam dämmert es, anfangs blau-fahles Licht, dann safrangelb. Glühend trifft es plötzlich die weißen Gipfel und rollt wie ein purpurner Mantel an ihnen herab.

Die Sonne ist da!

Der letzte Eisfirst wird im senkrechten Anstieg genommen. Marianne hat den Gipfel erreicht.

Ganz einsam setzt sie sich hin, fern von dem Führer, und starrt über die Gipfelwelt, über die Eisfelder und Abgründe hin.

Hier oben ist Geist von Leos Geist. Sie fühlt sich ihm nah – wie nie. So saß er in den langen Kriegswintern auf der Punta dei Cristallo in endlosen Nächten und hielt Hochwacht und spann und träumte seinen Weltbeglückungstraum. Wenn er hinuntersteigt zu den Menschen, dann wird er zu ihnen sprechen und ihnen sagen, was er gefühlt und erlauscht hier oben, was das wahre und wirkliche Leben ist und was Schein und Trug und wertloser Tand.

Und in schweren Topfen rinnt es über ihre Wangen, und sie flüstert dem Unsichtbaren zu: »Mein armer, süßer, kleiner Heiland – ich hab' dich ja so lieb!«

Und leise formen sich ihr auf den Lippen jene Verse, die sie damals sprechen sollte, als er und sie hintraten vor die Menschen in ihrem ahnungslosen Kinderglauben – vor die Menge, die sie niederschrie – und nichts von ihr wollte als ihren Tanz und ihren nackten Körper.

Und sie feiern Lebensfeste,
Ketten kindisch Traum an Traum,
Türmen schimmernde Paläste,
Schlürfen ihrer Tage Schaum.

Preisen hoch und auserlesen,
Was vergänglich, arm und klein,
Halten für der Dinge Wesen,
Was vielleicht – der Dinge Schein.

Kinder eines kurzen Tages
Dämmern sie durchs Leben leer,
Mag es um sie dunkel, mag es
um sie funkeln ahnungsschwer.

Tief von Traum und Schlaf umfangen,
Ahnen sie nicht Glanz und Licht,
Das dem sehnenden Verlangen
Tröstend in die Seele bricht.

Jenes selig-süße Grausen –
Sie empfinden es gar nie,
Einzufallen in das Brausen
Einer ewigen Melodie.

Welten werden und vergehen
Wie ein Tropfen, der gerinnt,
Und Zerstäuben und verwehen
Spurlos wie die Spreu im Wind.

Aller Schöpfungsstürme Rasen,
Aller Seele Glanz und Leid –
Seifenblasen – Seifenblasen ...
Mückentanz in Ewigkeit ...

Was sie im rasenden Schmerz der ersten Minute und in der plötzlichen Erkenntnis der Zusammenhänge herausgeschrien und Kalmar ins Gesicht geschleudert – dieses: Jedem will ich gehören, nur dir nicht! – versinkt in diesem Augenblick für immer. Nur ein unendlicher Ekel vor dem Schmutz dieser Welt bleibt zurück wie ein kranker, bitterer Geschmack, der nicht wegzubringen ist.

Und noch eines bleibt: ein eiserner Vernichtungswille, ein tödlicher Haß gegen Kalmar und seinesgleichen – gegen den ganzen tierischen Verdienerwahnsinn der Welt, der nichts begehrt und erstrebt als Geld und wieder Geld und die käuflichen Genüsse des Tages.

Kalmar wuchs in ihrem Gefühl über sich selbst hinaus und nahm phantastische Formen an. Er war nicht bloß ein Mann – er war der Mann der Zeit, der Todfeind, der Antichrist, der gefällt werden mußte, herabgestürzt von seinem Piedestal, um zu sühnen, was er verbrochen – an einem und an allen anderen auch.

Und mit diesem Gefühl des Unabwendbaren und des Urteils, das sie über Kalmar gesprochen, stieg sie langsam und vorsichtig nieder – jeden Fußtritt erwägend, jeden Halt benützend, der sich ihr bot, kein Schwindelgefühl aufkommen lassend – immer kalt und ruhig und beherrscht ...

Immer tiefer kam sie herab ... Immer näher den Menschen.

Ihr Leben hatte plötzlich einen Sinn und ein Ziel bekommen. Es war ihr kostbar geworden und mußte gehütet werden, daß es die Aufgabe erfülle, zu der sie sich berufen fühlte ...

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