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Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 45
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
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44.

Endlose Briefe gehen an Frau Doktor Heffter ab, und endlose Briefe kommen auch von ihr ...

Marianne bittet, bittet und beschwört. Es sind förmliche Liebesbriefe, die sie schreibt.

Was sie noch an Gefühl besitzt, hat sich auf diese Frau konzentriert, die so ganz und gar ihr Widerspiel ist: kühl, klar, zielbewußt, energisch, immer Herrin ihres Wollens, in jeder Minute bereit, ihr ganzes Wesen einzusetzen und in jeder Minute alles zu entfalten, was in ihr an Fähigkeiten und Möglichkeiten vorhanden ist. Eine Persönlichkeit, bei der es kein Intermittieren, kein Herabsinken unter das Niveau und kein plötzliches Sicherheben über ihr Niveau gibt – weil das Niveau eben nie verlassen wird. Eine Frau, die nur von Frauen geliebt und bewundert und von Männern als Greuel und defektuöse Unweiblichkeit empfunden wird – keine Frau mehr – und noch immer kein Mann.

 

Wie gerne hätte Kalmar nur einen einzigen Brief dieses Briefwechsels gelesen – aber auch der armseligste Zettel wurde sorgfältig weggeschlossen. Er tappte vollkommen im Dunkeln, wie die beiden zueinander standen und was sie über ihn dachten. Aber er fühlte deutlich, daß ein Teil der Kälte, mit der ihm seine Frau begegnete, auf Rechnung der Frau Doktor Heffter zu setzen war. Er hatte immer so gewisse Minderwertigkeitsgefühle in ihrer Nähe und spürte etwas wie hochmütige Verachtung seines Wesens und seines Tuns – eine Verneinung seiner Persönlichkeit, die ihn rasend machte.

Um der Zweisamkeit mit ihrem Manne möglichst zu entgehen und sich auch sonst vor allen Eventualitäten und Zudringlichkeiten zu schützen, war Marianne auf die Idee gekommen, die Gelegenheit auszunützen und ihr Französisch zu verbessern. Sie hatte sich eine regelrechte Lehrerin engagiert, mit der sie stundenlang übte und las.

Anschluß an die Gesellschaft von Deauville zu suchen, dazu war sie überhaupt nicht zu bewegen. Immer wieder mußte Kalmar die Ausrede gebrauchen: Madame ist leidend.

La belle malade, so hieß man nachgerade Marianne, wenn sie auch nichts weniger als krank aussah.

List und Liebenswürdigkeit, Bitten und Vorstellungen glitten an Marianne ab. Nichts drang durch diesen Panzer kühler Unnahbarkeit, mit dem sie sich umgürtet hatte.

Langsam stieg in Kalmar eine grenzenlose Erbitterung empor.

Dieses Sphinxlächeln seiner Frau begann ihn rasend zu machen ...

Heiß stieg es in ihm auf ... Ein Gefühl, das zwischen Haß und Liebe schwankte, bemächtigte sich seiner.

Seine klaren Gedanken verwirrten sich. Er schätzte die Gefahr, die sich in dieser Stimmung barg, richtig ein und suchte ihr auszuweichen. Er wußte: Diese Stimmung kann bei mir zu einem plötzlichen Ausbruch drängen und in einem solchen Augenblick kann es vorkommen, daß ich nicht mehr Herr meiner selbst bin und bleibe. Und was dann geschieht ...

Immer wieder sagt er sich selber vor: Ruhe – Ruhe – Ruhe. Jede Heftigkeit ruiniert und richtet zehnmal mehr Schaden an als sie nützt.

Aber Marianne schien es gerade darauf abgesehen zu haben, ihn lachend und unauffällig zu reizen und zum Äußersten zu bringen und mit heimlichem Vergnügen seine inneren Kämpfe wohlgefällig auszukosten.

Die vollendete Gleichgültigkeit und Nichtbeachtung, mit der sie ihre Schönheit seinen Blicken bei jeder Gelegenheit preisgab, als ob er kein Mann, sondern nur ein Tier oder eine Sache sei, und doch wieder hochmütig verweigerte, brachte sein Blut zum Sieden ...

»Es gibt doch so viele Frauen hier! Muß es denn gerade ich sein!? Du bist doch reich genug – kaufe dir eine, die dir gefällt! Die Auswahl ist groß! Es ist für jeden Geschmack gesorgt – auch für deinen! Andere Frauen sollen auch etwas von dir haben! Ich bin nicht eifersüchtig, nicht kleinlich – ich bin großzügig wie du – deine Schülerin!«

Kalmar knirscht – und schweigt.

Noch tobt der Sturm innerlich. Noch zwingt er sich. Noch immer trägt er schweigend die Last seiner ungeheuren Liebe.

Er möchte dieses herrlich-kühle Weib, das sein Weib ist, an sich reißen und sie schlagen und küssen zugleich ...

Ein verhaltener Schrei preßt ihm die Kehle zu, der nichts Menschliches mehr hat, der wie der Brunstschrei eines wilden Tieres in ihm tobt ... Küssen ... Würgen ... Schlagen ... Besitzen ... Vernichten ...

Ihr in diese Smaragdaugen hineinschreien: Ich liebe dich ... ich liebe dich ... ich liebe dich, wie ich dich noch nie geliebt ... Und statt dessen Beherrschung und Manieren, Tischgespräche und seelenlose Redensarten.

Er möchte sie fassen, und sie entgleitet – immer wieder.

Manchmal hat er die Empfindung, als ob ihr Benehmen, von unsichtbarer Hand geleitet, einem fremden Willen und Einfluß unterworfen wäre.

Bisher galt doch sein Wille und er lenkte ihr Leben ... Und hatte er sie nicht sogar zurückgezwungen, damals, als sie fort war, in dieser dunklen Zeit, da er dulden mußte und warten, bis sein Augenblick kam ... Ein zweites Mal wird er sie nicht wieder verlieren – er wird kämpfen und wird siegen ...

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