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Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 40
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
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39.

Nach dem großen Erfolg, den die christlich soziale Partei und ihr Führer, der Kanzler, in Genf davongetragen hatte, fand es Kalmar gut, sich noch mehr als bisher auf diese Partei zu stützen und gewissermaßen ihr finanzieller Vertrauensmann und geheimer Geschäftsführer zu werden. Er hatte ohnedies einen Direktor im Amt, der seinerzeit beim letzten eucharistischen Kongreß eine rege Tätigkeit entfaltet hatte und der Finanzleiter des Kongresses gewesen war.

Durch ihn suchte und fand er Fühlung im erzbischöflichen Ordinariat.

Dann hatte er auch den Bruder eines klerikalen Ministers, einen ehemaligen klerikalen Statthalter und einen ausgesprochen christlichsozial gesinnten, ehemalig höchst aktiven Sektionschef unter seinen Verwaltungsräten.

Das letzte Hindernis, das seinem Aufstieg noch im Wege sein konnte, sollte weggeräumt werden.

In der erzbischöflichen Hauskapelle ließ sich Ernö Kalmar taufen ... im vierzigsten Jahre seines Lebens.

Die Taufe vollzog der Weihbischof persönlich.

Die Taufpaten waren zwei seiner Verwaltungsräte – von bekannt streng kirchlicher Gesinnung und hochangesehen in der Partei.

Sie hatten sich verpflichtet, große Beträge vonseiten der Parteileitung in die Bank einzubringen und durch ihre Beziehungen eine kräftige Propaganda bei der Landbevölkerung zugunsten der Schwedisch-Österreichischen Bank durchzuführen.

Kalmar war wieder einmal zufrieden.

Nun konnte auch die Trauung mit Marianne öffentlich und mit Pomp durchgeführt werden ...

 

Eine goldene Zeit ist für Wien angebrochen.

Ein süßer Nebel berauscht alle Gehirne.

Die arbeitsscheuen und verdiensthungrigen Faiseure jubeln auf.

Österreich saniert sich!

Frankreich lächelt gnädig.

Italien nicht minder!

Die Schweiz erwirbt eine Tranche der Völkerbund-Anleihe.

Eine Börsenhausse jagt die andere.

Erst sind es nur die schweren Papiere, die man erwirbt – dann aber auch die leichten ...

Das Ausland zeigt Interesse an österreichischen Banken ...

Sogar Morgan erwirbt einen Anteil an der Kredit-Anstalt.

Man kann in Österreich à la Hausse spekulieren – und im gemarterten Deutschland, das an der Ruhrbesetzung krankt, à la Baisse.

Ein kluger Mann weiß die Devisenknappheit in Berlin auszunützen!

Berlin zahlt den Dollar mit 9.500 – und wird ihn noch teurer bezahlen müssen. Kalmar und seine Hyänen sind an der Arbeit.

Wie mit einer schillernden, blendenden Haut überzieht sich das versumpfte Wien ...

Die Hyänen und Haie der Inflation wollen sich amüsieren!

Eine Tanzbar und ein Nachtlokal nach dem andern schießt empor – und eine Bankfiliale nach der anderen.

Wien spielt! Wien kauft – Deckung – ohne Deckung!

Vor den Wechselstuben Menschenpolonaisen, die den Kurszettel studieren ...

Wien taumelt im Milliardenrausch! Und merkt nicht, daß es vom Volksvermögen lebt! Daß keine Werte schaffende Arbeit geleistet wird, daß die Industrien in auswärtige Hände übergehen – und ein Drittel der Stadt bereits dem Ausland gehört und ihm tributpflichtig geworden ist. Daß die Bergwerke des Landes in italienische Hände geraten sind, die Bahnen in französische und die Fabriken in englische. Daß es seine Realwerte gegen lächerliche Kronenmilliarden eingetauscht, die es im Begriffe ist zu verjubeln in Leichtsinn und Gedankenlosigkeit. In drei oder vier Händen strömt der Reichtum zusammen. Sie verstehen es, das Vermögen der Banken an sich zu reißen und es ins Ausland zu verschieben ...

Aber noch hält die Scheinfront ... und steht aufrecht ...

Durch einen Wall von Papiermilliarden und Aktienbündel geschützt.

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