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Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 39
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
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38.

Vorsichtigerweise hatte Kalmar in das Wasser, das am Nachtkästchen stand, ein Veronalpulver geschüttet.

So holte sie sich selbst den Schlaf, als ihre fiebertrockenen Lippen das Wasser hinunterstürzten.

 

Als sie morgens spät erwachte, waren ihre sämtlichen Effekten bereits in ihr neues Heim gebracht worden, und eine Pflegeschwester mit weißem Häubchen erwartete sie, um ihr über die ersten schweren Tage hinwegzuhelfen.

Kalmar ließ sich mit kluger Berechnung vorläufig bei ihr nicht blicken ... Der lichtüberflutete Glasgang mit seinem Gartenflor nahm sie auf.

Dort stand ein Liegestuhl zu ihrer größeren Bequemlichkeit bereit.

Ein Auto stand ihr für ihre eventuellen Bedürfnisse zur Verfügung.

Zeitungen wurden ferngehalten. Marianne sollte vergessen und genesen und diese ganze Episode mit Leo als einen fernen, bösen Traum empfinden lernen ...

 

Der österreichische Kanzler war vom Völkerbund, der in Genf getagt hatte, gut aufgenommen worden.

Die notwendigen Kredite zur versuchsweisen Sanierung des Rumpfstaates waren ihm gewährt worden.

Die Krone begann sich zu stabilisieren.

Die Notenpresse stellte ihre fieberhafte Tätigkeit ein.

Die Gründung der Nationalbank stand vor der Türe.

Die Zeiten, wo man mit Valuten- und Devisenspekulationen Riesengewinne einheimsen konnte, waren vorüber.

Österreich wurde für einen großen Spekulanten derzeit unergiebig und uninteressant – desto wertvoller begann Berlin zu werden.

Dort bröckelten die Kurse ab. Dort gab es Schwierigkeiten mit der Bezahlung der Reparationskosten.

Dort herrschte Geldknappheit.

Dort waren derzeit Geschäfte zu machen.

Kalmar fand es für nötig, mit seinen wichtigsten Mitarbeitern derzeit mehr in Berlin als in Wien zu sein.

Er mietete sich im »Adlon« ein.

Nachdem er und seine Bank schon in mehr als einem deutschen Konzern waren, konnte man ihm die Aufenthaltsbewilligung nicht versagen.

Außerdem war es in Berlin nicht mehr so wie früher. Es gab seit neuester Zeit – auch bei den offiziellen Stellen – Wege von hinten herum, die zum Ziel führten.

Der Herbst war wundervoll milde.

Weshalb sollte Marianne in Wien sitzen? Eine Nachtfahrt im Schlafwagen und sie war an der ehemals österreichischen Riviere, in Abbazia.

Das war der richtige Erdenfleck, um still und friedlich zu werden. Kein mondaines Treiben irgendwelcher Art. Kein Kasino, sondern ein lachendes, blaues Meer, ein goldflimmernder Himmel – und drüben im blauen Dunst die Inselwelt des Quarnero. Da gab es kleine Fahrten nach Lussin, nach Arbe, nach Cherso; da gab es ein süßes Untertauchen in die liebe Gewohnheit des Daseins. Da konnte die Lust am Leben wiederkehren.

Und so blieb Marianne mit ihrer Pflegerin bis tief in den November hinein – so lange das Wetter schön war, in diesem gesundheitsbringenden, wundervollen Erdenwinkel.

Von Kalmar kamen Telegramme und Grüße – aber nichts, was sie bedrängte oder beunruhigte.

Er hatte gelernt zu warten – bis der Tag der Ernte gekommen – und sich in Geduld zu fassen.

Mitte November kehrte Marianne nach Wien zurück.

Sie hatte sich mit dem Tode Leos scheinbar abgefunden. Der Widerwille gegen das öffentliche Auftreten war geblieben ...

Und so gab es wirklich kaum etwas Besseres, als früher oder später Kalmars Frau zu werden.

Sie war müde trotz ihrer Jugend.

Sie war in ihr Schicksal ergeben.

Es war nichts, was sie antrieb oder aufstachelte.

So gewann die gewisse Lethargie ihres Wesens wieder die Oberhand.

Sie ließ sich treiben – wohin? ... Wer weiß es!

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