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Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 38
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
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37.

Der kleine, rührige Konzertagent mit dem schwarzen Krauskopf und den blauschwarzen Hängebacken hatte sich endlich bereit gefunden, im mittleren Konzerthaussaal den Abend Natascha-Wartenstein mit dem Zitat »Über alles die Liebe« durchzuführen, nachdem ihm Leo so ziemlich den ganzen Betrag, den er für den Ring bekommen, als Garantie bezahlt hatte.

Marianne hatte der Versuchung nicht widerstehen können und den Ring neuerdings zurückerworben. Sie hatte eines der überflüssigen Dinge aus ihrer Schmuckkassette veräußert – natürlich, ohne daß Leo davon etwas erfuhr – denn das hätte er nie geduldet ...

Seit einer Woche klebten die Plakate ...

Endlich kam der große Abend ...

Wider Erwarten war der Saal ausverkauft.

»Wir hätten doch den großen nehmen sollen«, meinte Marianne.

Der Agent war wie verwandelt.

»Der Name Natascha zieht eben doch! Die Leute haben Ihren Triumph vom vorigen Jänner doch noch nicht vergessen ...«

»Wenn sie nur nicht enttäuscht sind ...«

»Na, Sie verstehen es ja besser! Sie werden schon das Richtige getroffen haben.«

Ein elegantes Publikum füllte das Parterre. Damen in großer Toilette, Herren im Smoking.

Die Welt, die noch Geld hatte, sich eine Sensation zu leisten, war gekommen.

Elegante Leute – den Kleidern nach ... die Führenden und Tonangebenden und Großen des Tages ...

Was sie vor einem Jahr noch waren – und wo sie waren, konnte niemand sagen!

Die einleitenden Worte Leos wurden mit achtungsvollem Schweigen aufgenommen ...

Man wartete auf die Sensation Natascha ...

Endlich erschien sie ... Schön – aber ernst.

Immerhin, sie wurde mit Applaus empfangen.

Sie las die Christusworte.

Verblüffte Gesichter.

»Da steckt ein Trug dahinter! Ein Witz! Dieser Ernst kann doch nicht ernst sein! Gleich werden diese violetten, schleppenden Stoffe fallen. Gleich wird dieser zitternde Geigenton in eine freche Tanzmelodie umschlagen.«

Aber nichts von alledem geschieht.

Worte der Liebe, der Heiligkeit, der Brüderlichkeit erklingen, von Marianne mit rührender Schlichtheit und beseelter Empfindung gesprochen.

Auf einmal eine gröhlende Stimme:

»Na, wann hört sie denn schon auf mit dem faden Geschwätz? Sie soll lieber tanzen!«

Und auf einmal das ganze feine Auditorium:

»Tanzen! Tanzen! Ausziehen! Tanzen!«

Und ein wüstes Getrampel mit den Beinen – dazwischen vereinzelte Rufe:

»Ruhe! Ausreden lassen!«

Marianne ist bleich und schlotternd getaumelt und weiß nicht, soll sie gehen – oder bleiben.

Sie fühlt sich einer Ohnmacht nahe und klammert sich an das Tischchen, an dem sie steht.

Im Parterre geht die Schlacht weiter.

Die Leute beginnen sich gegenseitig zu beschimpfen und zu prügeln.

In diesem Augenblick stürzt Leo leichenblaß auf das Podium zurück. Seine weit aufgerissenen Augen glühen die wogende Masse an.

Dann brüllt er ihnen entgegen mit der alten Kommandostimme, die in ihm lebendig wird:

»Schweine, Schweine, Schweine!«

Einen Moment tiefste Ruhe der Verblüffung – dann wendet sich der Sturm gegen ihn.

Ein feister Herr im Smoking springt aufs Podium, gibt ihm eine schallende Ohrfeige ...

Andere gesellen sich dazu ...

Es regnet Hiebe ...

Grelle Pfiffe ertönen ...

Die Wache schreitet ein ...

Mit zerfetzten Kleidern, ohnmächtig und blutend wird Leo ins Inspektionszimmer getragen, wo ihn die Rettungsgesellschaft labt und verbindet.

Mit Gewalt wird der Saal geräumt und gesäubert ...

»So ein frecher Patron! Na, der hat's ordentlich bekommen! Der wird sich das merken und kein zweites Mal wagen, so etwas zu tun!«

Von einem verdeckten Platz der Galerie aus hat Kalmar die Situation übersehen und geleitet – und das verhängnisvolle Wort mit voller Absicht in den Saal gerufen ... und den Skandal entfesselt.

Er war mit diesem Abend zufrieden, und wieder hatte er einen Erfolg zu verzeichnen ... jetzt mußte in der Beziehung Mariannens zu Leo eine Änderung eintreten.

Am anderen Tage berichteten alle Blätter in ausführlicher Weise über den beispiellosen Skandal im Konzerthaussaal, gemildert durch die Ausdrücke des Bedauerns für Marianne-Natascha, die sich auf ein Gebiet verirrt habe, das ihr nicht zukomme, und die das Opfer eines ehrgeizigen Dilettanten geworden sei.

Ein paar demokratisch gewürzte Seitenhiebe auf den Aristokraten, der sich in der Rolle des Weltbeglückers aufspielte, konnte sich dieser oder jener nicht ersparen.

In dumpfem Schweigen, verbunden, das Gesicht zur Wand gedreht, lag Leo zu Bett und ließ sich, tief gedemütigt, die zarten Hilfeleistungen Mariannens gefallen ...

Jedes gute Wort von ihr empfand er wie ein unverdientes Almosen ...

»Ich habe kein Recht auf sie ... ich bin eine Last für sie ...«

Immer mußte er im fiebernden Geist Dialoge mit Kalmar führen ...

Und immer behielt der andere Recht ...

»Ich muß sie von mir befreien ... ich muß sie von mir befreien ... Aber mit Gewalt ... von selbst geht sie nicht ... also muß ich gehen ...«

Das war der Gedanke, der immer wieder in ihm emporstieg und unwiderruflich Gewalt über ihn gewann ...

Aber sie ging nicht fort!

Sie ließ ihn absolut nicht allein, als ob sie geahnt hatte ... Er muß sie fortbringen! Nur auf ein paar Minuten ... Er muß schlau sein! Muß sie betrügen! Er wird sich schlafend stellen ... Vielleicht geht sie dann auf einen Moment in ihr Zimmer ... und er gewinnt die Möglichkeit ... Tiefer begann er zu atmen ...

Sie beugte sich über ihn, er rührte sich nicht ...

Sie schien von seinem Schlaf überzeugt ...

Leise, ganz leise schlich sie zur Türe ... jetzt knackte die Türe ein wenig ... jetzt schloß sie sich ... jetzt war er allein ...

Mit einem Satz war er aus dem Bett und beim Schreibtisch, riß den großkalibrigen Armeerevolver heraus – und steckte ihn in den Mund ...

Ein dumpfer Krach erschütterte das Haus ...

Von wahnsinniger Angst getrieben, stürzt Marianne herbei.

Am Fußboden liegt Leo.

Aus dem grauenhaft zerschmetterten Kopf ist das Gehirn ausgetreten und quillt das Blut.

Marianne schlägt schreiend die Hände vor die Augen und jagt hinaus ...

»Fort! Nur fort von diesem Ort des Grauens!«

Sie wirft sich, wie gepeitscht aufschluchzend, vor Schmerz und wahnsinniger Erregung taumelnd, in ein Auto.

Nur jetzt nicht allein sein müssen! Jetzt nur mit einem Menschen beisammen sein – wer er auch sei!

Eine Viertelstunde später tritt sie aschfahl in Kalmars Zimmer.

»Da hast du mich wieder – wenn du mich noch willst. Aber wenn du nicht willst – ist es auch gut. – Nur heute nacht laß mich bei dir bleiben ... Heute nacht kann ich nicht allein sein – sonst werde ich wahnsinnig ... sonst ... Leo hat sich erschossen ... Nie, nie werde ich das vergessen – dieses Bild ... Und nur einen Moment bin ich hinausgegangen ... einen ganz kleinen Moment ... er war schlau ... er hat gewartet ... er hat sich schlafend gestellt ... ich ... ich habe ihn in den Tod gejagt ... ich bin an allem schuld ... Seine Mutter wird kommen ... und seine Schwester ... sie werden mich verfluchen ... aber ich schwöre dir ... ich habe es mit ihm so gut gemeint ... so gut ... so ...«

Und wieder schüttelte sie ein erbarmungsloses Schluchzen, das sie wie ein Krampf auf- und niederwirft. Sie steckte sich die Fäuste in den Mund, um nicht laut herauszubrüllen.

Wie ein Kind hob Kalmar sie empor und trug sie durch den Wintergarten in die Zimmer, die für sie vorbereitet waren und die auf sie gewartet hatten, wie Kalmar: schweigsam – zäh – und unerbittlich.

Mit eigener Hand zog Kalmar die Widerstandslose aus und brachte sie zu Bett.

Das war Mariannens Wiederkehr und Heimfall an ihren Herrn ...

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