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Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 36
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
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35.

Wochenlang hatte ein Detektivbureau im Auftrage Kalmars nach Marianne geforscht, ohne ihren Aufenthalt entdecken zu können.

Für die eine Nacht, die sie in dem kleinen Vorstadthotel bei Leo verbracht hatte, war sie nicht gemeldet gewesen.

Ihre Spur war verloren.

Aber noch standen die Möbel aus ihrer elterlichen Wohnung beim Spediteur. Vielleicht daß dort eine Zahlung einlief – doch auch diese Hoffnung, eine Spur auszukundschaften, versagte. Der Lagerzins war für ein halbes Jahr im Herbst erlegt worden – aber noch ehe Marianne verschollen war.

 

Kalmar wollte aus dem Verschwinden Mariannens keine Zeitungsaffäre machen. Er scheute den Spott und die Bemerkungen und sagte jedem: Baronesse Marianne sei zur Erholung in der Schweiz und würde erst im Herbst wiederkommen.

Die Kammerfrau wurde abgefertigt und die Effekten Mariannens zu Kalmar gebracht, der sie in Verwahrung nahm.

Er hatte das unerschütterliche Gefühl: Die geht mir nicht verloren! Sie trotzt sich aus – sie wird wiederkommen – früher oder später! Ich werde warten! Ich kann warten! Meine Stunde kommt noch!

Die Geschäfte gingen ihren Gang weiter! Das Glück verfolgte ihn!

Obwohl sein Bankhaus so ziemlich das jüngste war, gelang es ihm, daß sein Institut in die Reihe der befugten Valuten- und Devisenhändler aufgenommen wurde, was einen großen Vorsprung vor der Reihe der Bank- und Kommissionsgeschäfte, die wie Pilze bei trübem Wetter aus dem Boden schossen, bedeutete.

Mit scharfer Witterung für die Konsequenzen, die der Geldmarkt aus der jeweiligen politischen Situation zu ziehen pflegte, stellte er sich in seinen Kalkulationen aus Hausse und Westdevisen – und auf Baisse von Mark und Krone ein und suchte dementsprechend möglichst billig in deutsche und tschechische Industrien hineinzukommen.

Noch immer dauerte der Ausverkauf Wiens weiter an.

Die Warenlager leeren sich erschreckend schnell. Vorräte können nicht erzeugt werden, denn es fehlt an Geld, die Rohstoffe einzukaufen, die hier dem Veredlungsverfahren unterworfen werden sollen.

Alle Gewinne sind nur Scheingewinne.

Mit dem fortschreitenden Sommer wird die Situation von Tag zu Tag ärger. Die Londoner Konferenz, von der sich Österreich so viel versprochen, ist gescheitert und hat für das Land keine Hilfe gebracht. Lloyd George und Poincaré haben die Abgesandten Österreichs an den Völkerbund verwiesen.

Die Verzweiflung des Volkes ist im Steigen begriffen.

Die Auslandsdevisen werden von Tag zu Tag teurer. Die Händler und Profiteure der Not machen glänzende Geschäfte.

Die Banken werden reich. Das Volk und der Staat verarmen.

In greller Nacktheit entschleiert sich der hoffnungslose Zustand des zertrümmerten, hilflosen Staates, der am Rande des Abgrundes dahintaumelt. Der Gedanke der Aufteilung und der Verlust der Selbstständigkeit wird lebendig.

Ein Laib Brot kostet 4.190 Kronen.

Eine Wandlung zum Schlimmsten im rasenden Tempo beginnt.

Schwer und erstickend liegt die Luft über Wien.

Immer hat man geglaubt, ärger könne es nicht mehr werden – und dann kam ein Sturz in noch größere Tiefen der Not.

Von Mitte August an beginnen die Kronenkurse in Zürich wieder erschreckend abzubröckeln. Die Krone als Zahlungsmittel sinkt abermals im Wert. Die Tschechenkrone schnellt auf zweitausend empor ... Das englische Pfund erhöht sich um sechzigtausend Kronen.

Der Index zeigt hundertvierundzwanzig Prozent Steigerung der Lebensteuerung.

Bald wird die Regierung nicht mehr imstande sein, die für das arme Land nötigen Lebensmittel im Ausland einzukaufen.

Steigende Löhne – steigende Preise; sinkende Kraft der Devisenzentrale, die mit allen Mitteln bestrebt ist, erreichbare Devisen der Spekulation zu entziehen und dem Staate zuzuführen.

Angstkäufe an allen Enden und Ecken in Zucker, Mehl, Reis und Teigwaren. Wer irgend kann, sucht seine Kronen, deren Wert täglich sinkt, loszuwerden und legt sie in Realitäten, in Sachwerten oder in halbwegs sicheren Industriepapieren an – es sei denn, er habe schon von vorneherein ein Auslandskonto, das nicht antastbar und kontrollierbar ist. Die ganz Klugen haben längst ihre Beute in Sicherheit.

Jeder Tag bringt neue Teuerungsdemonstrationen oder Aufzüge der Arbeitslosen.

Eine Fabrik nach der anderen stellt die Produktion ein. Sie kann den Lohn nicht mehr bezahlen, der gefordert werden muß, um das Lebensminimum zu decken ...

Die Trunkenheitsexzesse mehren sich – das Elend will vergessen.

Untergangsstimmung.

In Prag spricht der Kanzler zu den Journalisten.

Noch ist in Österreich Ruhe und Ordnung – aber niemand kann wissen, ob es so bleibt. Der Kanzler eilt nach Berlin ... nach Verona ...

Er stachelt die Gleichgültigen auf und bettelt um Rettung der Länder, um Kredite für Löhne, Industrien, für den Einkauf von Lebensmitteln.

Das Kriegswucheramt ist von der Wirtschaftspolizei abgelöst worden, um Preistreibern und Kettenhändlern das Handwerk zu legen. Aber ehe es zur Gerichtsverhandlung kommt, sind die scheinbar unerhörten Preise von noch weit unerhörteren überholt.

Zersetzt und zerfetzt ist der Wert des Geldes!

Wie die Fieberkurve eines Sterbenden jagen die Kurse auf und nieder.

Die Devisenzentrale kann den Wareneinkäufern nur mehr zehn Prozent ihrer Anforderungen bewilligen.

Die Vorräte der Getreidezentrale sind erschöpft. Ein eiserner Vorrat, der gerade für sechs Wochen reicht, ist noch vorhanden; wenn der auch erschöpft ist – was dann? Woher das Geld nehmen, um Mehl zu kaufen?

Weiter geht die Sanierungsbettelei der Regierung.

Schon zahlt man Millionen für einen Anzug, eine viertel Million für ein Paar Schuhe – wer irgend kann, schließt sein Geschäft. Niemand will verkaufen, denn niemand kann sein Lager ergänzen. Niemand will wertlose Kronen einnehmen!

Fruchtlos sind alle die ungeheuren Opfer, die der Staat allen Klassen der Bevölkerung auferlegt hat. Die Vermögensabgabe, die Zwangsanleihe sind zur reinen Farce und zu Beträgen geworden, die im Staatshaushalt keine Rolle mehr spielen.

Was in Goldkronen erworben und bezahlt wurde und vor einem Jahr noch Kaufkraft hatte – ist heute nahezu Makulatur.

Der Notenumlauf hat tausend Millionen überschritten.

Wien glüht im tödlichen Fieber.

Die Kluft zwischen dem kleinen Häuflein der Verdiener und Genießer und der dumpfen Riesenmasse der Verzweifelten ist ungeheuer geworden.

Neben dem unbedenklichen Rowdytum der ungezähmten Genußgier lauert das krasse Elend.

Aus verhängten und vergitterten Lokalen klingt das Kreischen der Weiber, schmettern die gehackten Melodien der fremden Musik, die den Rhythmus von Wien angibt, nachdem sie lallend weitertaumelt – die verlorene Stadt.

Drinnen Champagner und nackte Weiber ...

Draußen zerlumpte Mütter mit abgezehrten Kindern, die um Brot betteln ... Die Spitäler überfüllt mit zerbrochenen Menschen, die Not und Laster gebändigt und vertiert haben ...

 

So fanden Marianne und Leo Wien im September wieder, das sie im April verlassen hatten.

Sie haben monatelang keine Zeitung gelesen – sie erkennen Wien nicht wieder ...

Fast über Nacht sind aller Mut und alle Lebensstärke verflogen, die sie in ihrem versteckten Tiroler Winkel aufgestapelt haben.

Entsetzt mustern sie ihre gemeinsame Barschaft. Was soll man mit diesem bescheidenen Häufchen Geld bei dieser Teuerung? Und man braucht doch allerhand Sachen. Besonders Marianne hat doch so gut wie nichts.

Damals bei ihrer Flucht ist doch alles im Bristol zurückgeblieben. Soll sie fragen, ob vielleicht die Hoteldirektion die Sachen aufgehoben hat?

Noch zögert sie – aber die Not drängt.

Ihre Rückkehr kann jedoch nicht geheim bleiben.

Leo und sie sind sich einig geworden, daß sie noch im September hinaustreten soll vor das Publikum – aber als eine völlig andere. Als eine Gewandelte mit einem Programm der Liebe, der Völkerversöhnung, das anstürmt gegen die törichten Schranken, die Nation von Nation – Herz von Herzen trennen.

Leo hat den ganzen Sommer daran gearbeitet, dieses Programm zusammenzustellen ...

Marianne kann es Wort für Wort auswendig.

Zuerst wird Leo einen kurzen, ernsten Vortrag halten. Dann wird Marianne hinaustreten, ganz schlicht in einem dunkelvioletten, wallenden Gewand, und wird Christusworte sprechen, von einer Orgel begleitet ... und dann Worte von Romain Rolland und schließlich die Hymnen der Liebe von Leo Wartenstein ... ganz süß und leise ... von einer einzigen Geige nur begleitet. Wie eine Andacht soll das Ganze werden ... Eine weihevolle Vorahnung besserer ... reinerer ... kommender Tage ...

Leo meldet sich bei seinen alten Gesinnungsgenossen, den Friedensfreunden. Sie sollen die Sache veranstalten. Aber die Friedensfreunde haben kein Geld. Wer soll die Saalmiete zahlen? Den Orgelspieler? Den Violinspieler? Das violette Kleid soll gekauft werden! Plakate gedruckt werden!

Leo geht von Konzertbureau zu Konzertbureau – von Agent zu Agent.

Niemand will anbeißen.

Jeder lächelt nur mitleidig und ironisch:

»Lieber Herr, wir haben jetzt andere Sorgen – als ein Programm der Liebe. Wir brauchen ein Sensationsprogramm. Für Schmonzes haben wir keine Zeit – und auch kein Geld nicht. Wenn Madame Natascha im Rahmen eines Varietés als Tanznummer auftreten will – darüber läßt sich reden ... Man hat sie zwar schon wieder halb vergessen ... aber man wird sich wieder erinnern, wenn man gut für sie arbeitet.«

Jedesmal kehrt Leo trostloser in sein kleines, kahles Hotel zurück und muß der angstvoll wartenden Marianne sagen:

»Wieder nichts!«

Man sitzt verzweifelt beisammen und berät sich – was fangen wir an?

Marianne steht wieder genau dort, wo sie beim Tode ihres Vaters stand. Nur daß die Zeit tausendmal ärger ist und daß sie eine verzweifelte Liebe zu einem jungen Menschen im Herzen trägt, der gerade so hilflos ist wie sie und sich nicht anpassen kann und das werden, was die Zeit fordert, die keinen kleinen Heiland brauchen kann, keinen geistigen, sondern nur qualifizierte Arbeiter oder Schieber und Spekulanten. Der Typus Leo ist zum Aussterben bestimmt, wenn er sich nicht anpassen kann.

Seelische Luxustierchen sind unzeitgemäßer denn je.

Wenn er und sie nur einmal öffentlich auftreten könnten, dann könnte Leo vielleicht für Zeitungen schreiben, dann könnte man vielleicht auch eine Tournee machen und den Abend in verschiedenen Städten wiederholen ... Aber woher nimmt man das Geld zu diesem ersten Abend?

Da erinnert sich Marianne: Wie sie damals fort ist von Kalmar, ist auch der Ring ihres Vaters mit dem Familienwappen im Schreibtisch zurückgeblieben. Auf diesen Ring hat sie doch eigentlich ein Anrecht. Den kann sie fordern, ohne sich etwas zu vergeben. Dieser Ring wird vielleicht genügen, um den Abend veranstalten zu können.

Sie selbst will Kalmar nicht sehen. Sie will ihm auch womöglich nicht verraten, wo sie wohnt.

Sie schreibt Kalmar ein paar Zeilen und ersucht ihn, den Ring bei seinem Portier zu deponieren. Er wird geholt werden.

Leo ist mürbe genug geworden, den Auftrag zu übernehmen.

Kalmar erhält den Brief.

Endlich ein Lebenszeichen, eine Spur von ihr! Sie ist in Wien! Jetzt muß sie gefunden werden!

Neue Aufträge an das Detektivbureau. Noch am selben Abend weiß er, wo sie wohnt und mit wem sie wohnt – und wie die Verhältnisse liegen.

Er wird sie wieder in die Hand bekommen! Er muß!

Wie eine rasende Feuergarbe schießt eine späte Leidenschaft für diese Frau, die er besessen und verloren, in ihm empor.

Sein ganzes Leben hat keinen Sinn, wenn es dieses Weib nicht mit ihm teilt.

Er stürzt zum Spiegel und prüft sich.

Freilich, die Schläfen sind grau geworden ... und das Gesicht gelblicher ... aber es gibt ja viel Ältere und viel Häßlichere, die auch schöne Weiber haben. Und er kann ja schließlich einer Frau doch etwas bieten! Der Luxus vermag viel und ist eine starke Macht!

Kalmar kalkuliert: Der Ring wird vermutlich von diesem Leo geholt werden, mit dem sie lebt. Diesen jungen Mann muß man sich genauer ansehen.

Der Portier bekommt einen entsprechenden Auftrag.

Als Leo um zehn Uhr vormittags kommt, die Antwort zu holen, wird er nach oben verwiesen – oben wieder weitergeleitet ... und plötzlich steht er vor Kalmar selbst ... in einem Raum, den er gut kennt, denn er war einmal sein eigenes Kinderzimmer ...

»Ich komme, einen Gegenstand zu holen.«

»Ich weiß – den Ring der Baronesse Marianne ... Aber möchten Sie nicht einen Moment Platz nehmen? Es ist ja kein Grund vorhanden, daß wir nicht ruhig und sachlich einen Moment miteinander reden können ...«

»Wenn Sie Gewicht darauf legen ...«

»Ein sehr großes Gewicht! ... Eine Zigarette ...?«

»Danke. Nein!«

»Haben Sie die Absicht, Baronesse Marianne zu heiraten – oder ist es vielleicht schon geschehen?«

»Es wird geschehen – sobald es mir möglich ist.«

»Und darf ich fragen, welchem Beruf Sie sich zugewendet ...«

Leo wird rot:

»Ich bin noch unschlüssig ... ich werde für Zeitungen arbeiten ...«

»Im finanziellen Teil oder ...«

»Im literarischen.«

»Und davon wollen Sie und Marianne leben?«

Kalmar lacht ein bißchen unverschämt. Er erinnert sich seiner eigenen Vergangenheit.

Leo will gereizt auffahren – aber Kalmar drückt ihn wieder in den Stuhl zurück.

»Graf Wartenstein, Sie haben keinen Grund, gegen mich gereizt zu sein. Sie haben mir ein junges Mädchen entführt ...«

»Pardon – es hat sich zu mir geflüchtet ...«

Kalmar ignorierte den Einwurf.

»... das ich unendlich geliebt habe, für das ich gesorgt habe ... auch in Zeiten, wo es mir knapp ging ... Das ich zu einer berühmten Künstlerin gemacht habe – natürlich hat Marianne Talent gehabt – sonst wäre es eben nicht gegangen. Ich war im Begriff, die junge Dame zu meiner Frau zu machen. Sie wäre versorgt und angesehen gewesen für ihr Leben ... Jawohl, angesehen! Wenn Sie auch spöttisch lächeln ... Hier im Hause verkehren Männer und nennen sich meine Freunde, die nicht weniger sind wie Sie! Männer von Namen und Rang, die etwas leisten ... Und da kamen Sie und zerstörten alles. Sind Sie sich der Verantwortung bewußt, die Sie auf sich geladen? Um ein so herrliches Geschöpf wie Marianne besitzen zu dürfen, muß man auch ein Recht darauf haben! Haben Sie ein Recht? Vielleicht sind Sie reich? Vielleicht begabt? Vielleicht stark – und schaffen sich und ihr eine Existenz ... Oder glauben Sie, daß Marianne dafür bestimmt ist, mit Ihnen zu hungern und zu darben? In Fetzen zu gehen! Oder vielleicht gar Sie zu erhalten?«

»Sie haben kein Recht, von mir zu glauben ...«

»Ich glaube gar nichts! Ich mache Sie nur auf alle Möglichkeiten aufmerksam. Die Zeit ist hart – und Sie sind weich ... will mir scheinen. Ich habe keine Ursache, Sie zu schonen und Rücksicht zu üben ... Sie haben es ja auch nicht getan! Menschen von Ihrer Art werden derzeit niedergetrampelt ...«

»Aber das ist ja ...«

»Hüten Sie Marianne, daß sie nicht mit Ihnen niedergetrampelt wird! Seien Sie stark, wenn Sie können, und schützen Sie das Mädchen – oder bleiben Sie nicht länger an ihr als eine Last, die sie niederreißt. Wenn sie frei wird von Ihnen, kann sie hinauf – mit Ihnen muß sie hinunter!«

»Es kommt nur darauf an, was für Sie unten und oben bedeutet ...«

»Allerdings richtig! Aber von Bettlerphilosophie wird man nicht satt, heizt man kein Zimmer und kauft keine Kleider! Soll ich übrigens die Effekten von Baronesse Marianne in den Penzinger Gasthof ›Zum Mondschein‹ senden lassen?«

»Ich habe keinen diesbezüglichen Auftrag.«

»Also nur den Ring? Hier ist er, bitte ... Einmal hat ihn die Baronesse meinetwegen versetzt! Es scheint, daß sie dasselbe jetzt Ihretwegen tun will ... Ja, die Zeiten – und die Männer wechseln!«

Leo war totenblaß geworden, nahm den Ring, verbeugte sich schweigend und ging.

Als Leo nach Hause kam, saß im roten Korbstuhl vor der Portiersloge seine Mutter.

»Hier draußen also haust du? In einer Bettlerherberge? Weit hast du es gebracht! Ich hab's gar nicht glauben können, was mir Gretl gesagt hat, daß du mit einer verrufenen Person zusammenlebst, die schon die Geliebte von einem Schieber war! Irgendeine obskure Tänzerin ...«

»Ich bitte dich, Mama, schweig! Gretl ist vollkommen falsch informiert – und du auch!«

»Aber der Portier sagt ja doch dasselbe. Sogar ein Detektiv ist gestern dagewesen, hat nach ihr gefragt und wollte wissen, wovon ihr lebt und wie es euch geht. Statt dir mit deinem bißchen Geld eine Existenz zu gründen, verjubelst du es mit dieser Person, die dich zugrunde richtet!«

»Bitt' dich, Mama, muß denn das ganze Haus unsere Familienangelegenheiten hören!?«

»Das ist mir egal! Wenn ich sie erwische, diese Person, so sag' ich ihr es auch ins Gesicht, meinetwegen ... Mein ganzes Geld wird von Tag zu Tag weniger wert! Ich werde noch zur Bettlerin auf meine alten Tage! Wer soll für mich sorgen – wenn nicht mein Sohn?! Und du vergeudest deine Zeit mit leichtsinnigen Weibern, statt an deine Karriere zu denken. In Graz hat der Sohn meiner Freundin auch die Tochter eines Schiebers geheiratet, und es geht ihm herrlich! Das könntest du doch auch tun!«

»Bist du jetzt endlich fertig, Mama? Dann werde ich dich zur Elektrischen oder nach Hause bringen. Wo wohnst du denn?«

»Im Hotel natürlich. Ich habe doch kein eigenes Heim in Wien mehr. Man hat es mir ja abgeschwätzt. Das Doppelte hätte ich dafür haben können. Dieser Kalmar, der es jetzt hat, hat mich betrogen ... Aber wenn man keine Kinder hat, die sich um eine alte, hilflose Frau kümmern ...«

»Also komm, Mama, komm! Wir reden unterwegs weiter!«

Und er führte die alte Gräfin hinaus.

 

Marianne hatte, am untersten Treppenabsatz der dunklen Treppe stehend, jedes Wort gehört.

Zuerst wollte sie wütend hinunterstürzen und der alten Gräfin ihren Zorn ins Gesicht schreien – aber dann kam ihr das Gefühl: Sie sagt es roh – aber im Grunde hat sie recht. Ich hänge an ihm ... ich ziehe ihn herunter ... ohne mich käme er weiter ...

Müde schlich sie die Treppe empor und sank grübelnd auf ihr Bett.

Was bin ich? ... Und wozu tauge ich ...? Diesen Menschen hab' ich lieb – und trotzdem ruiniere ich ihm sein Leben ... Ich muß wieder zurück! Ich muß wieder tanzen im Kokainrausch ... halb nackt ... dafür bin ich bestimmt ... dazu bin ich zu brauchen ... und für sonst nichts! Schade um mich! Ich wäre gern so was ganz anderes geworden ... aber der Leo ... er trifft's halt nicht ... Er braucht eine andere Frau als mich, die ihn stützt ... und ich brauche wieder einen, der mich stützt ... Freilich, ich könnt' ja verdienen ... ich könnt' ihn ja erhalten – aber er wird nicht wollen ... er wird zu streng sein ... Aber er ist ja so ahnungslos ... man könnte ihm ja so manches einreden ... er muß es ja nicht wissen ... ich möcht' ihn halt nicht ganz verlieren ... Ich habe ihn doch so gern – und er mich auch ... Besser, er teilt – als er hat gar nichts mehr von mir ... Und wenn's mir gut geht, dann kann er schreiben, was er will ... und arbeiten und braucht sich um nichts zu kümmern als um seine Ideen ... Und wenn genug Geld da ist, wird auch seine Mutter nicht so schimpfen, sondern ein Auge zudrücken ... Nur nicht verlieren ... nur nicht verlieren ... meinen lieben, süßen, kindischen Buben.

Sie fuhr auf.

Eben trat Leo ein.

»Hier ist der Ring. Es sind auch noch andere Sachen von dir dort. Du sollst sie holen – oder man wird sie dir schicken ... ich weiß nicht ganz genau ...«

Leo sagte dies alles in müdem Ton, gänzlich unschlüssig, was er ihr von Kalmar und seiner Mutter weiter berichten sollte. Es sah alles so grau und so hoffnungslos aus. Am liebsten hätte er geweint wie ein Kind und sich irgendwo hingeflüchtet, wo man mit ihm gut und zärtlich sein würde.

Aber durfte er denn Marianne diese Stimmung zeigen und auch sie noch herabstimmen?

Auch Marianne fand nicht den Mut zu gestehen, daß sie die Worte der Mutter gehört hatte und daß sie vor fünf Minuten noch fest entschlossen war, alle Konsequenzen aus der trostlosen Situation zu ziehen.

Und so gab auch sie sich einen Ruck und drängte alles Häßliche weit weg von sich ...

Sie wog den Ring in der Hand.

»Du, der ist schwer – für den wird man eine ganze Menge Geld kriegen ... Ich glaube, es wird ausreichen, daß wir davon unseren Abend bestreiten können.«

»Sollen wir ihn denn überhaupt machen? Hat es denn einen Zweck? Behalte lieber den Ring für die äußerste Not ... ich werde lieber schauen, daß ich irgendwo unterkomme ... als Chauffeur oder Eintänzer ... oder in irgendeiner Bar als Klavierspieler, damit ich was verdiene und ein brauchbares Mitglied der allermodernsten Gesellschaft werde.«

Bitter lachte er auf.

»Aber geh! Wer wird denn so kleinmütig sein!? Wir werden zusammen einen Abend geben – einen Riesenerfolg haben. Die Zeitungen werden sich um deine Artikel und Gedichte reißen! Du wirst mit einem Schlag berühmt sein und wir werden zusammen auf Reisen gehen! Und du wirst deine Pläne von Paneuropa verwirklichen – allen Geldsäcken zum Trotz, die von der Zwietracht und den Kriegsrüstungen leben! Hab' doch ein bissel Mut! Schau, ich habe so viel Mut – und du gar keinen ... Und dabei warst du doch der Offizier und nicht ich!«

»O, der Krieg ist lange nicht so grausam wie dieser Frieden und dieses Leben, wo einer den anderen vernichten will, um auf seine Kosten Profite zu hamstern. Die Anständigkeit ist eine Luxusware geworden, die sich unsereins nicht gönnen darf. Aber wenn man nur anders könnte! Doch es geht nicht! Man wird ja die Hemmungen nicht los, von denen die anderen überhaupt nichts wissen! Was täte ich nicht für dich – wenn ich es könnte!«

»Darf ich wieder zum Varieté zurück? Darf ich wieder so tanzen wie früher? ... so wie es den Leuten gefällt ... Dann haben wir Geld – dann geht es uns gut ...«

»Und ich bin ein Lump und ein ausgehaltener Mann!«

»Also, bitte, dann nimm wenigstens den Ring und mache ihn zu Geld. Ich will mit dir den Abend haben. Ich glaube an eine Wendung von diesem Tag an für uns beide.«

Mit einem Seufzer nahm Leo den Ring.

»Gut! Wir wollen noch einmal alles versuchen, was in unserer Macht liegt – und nicht feig auskneifen.«

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