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Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 35
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
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34.

Immer wieder war Leo zu Marianne hinauf gegangen – und immer noch schlief sie ihren unheimlichen, schweren Schlaf der Erschöpfung.

Endlich gegen sieben Uhr abends wurde sie wach.

Sie sah müde und verfallen aus und hatte tiefe Schatten unter den Augen.

Leos Fragen, was ihr denn eigentlich fehle, brachten sie rasch zum Geständnis, womit sie sich in der letzten Zeit der scheinbaren Erfolge aufgepulvert hatte.

Da gab's nur einen Ausweg: Fort von Wien! Fort von der Möglichkeit, in den Stunden der Depression wieder rückfällig zu werden!

Marianne war einverstanden.

Stille, Ruhe, Frieden, ein tiefes Versinken in eine andere Welt als ihre bisherige, waren die Träume ihrer Sehnsucht.

Ein Regimentskamerad von Leo Wartenstein hatte in den Tiroler Bergen ein kleines Schlössel, das noch ein paar Zimmer aufwies, die ganz gut bewohnbar waren ... Freilich wird dort jetzt noch alles verschneit sein, wenn auch hier in Wien der Frühling sich schon zu regen beginnt.

Dorthin wird er Marianne bringen und sie vorerst gesund machen.

Weiter braucht man vorderhand noch nicht zu denken. Dort wird man leben, wie der Rittmeister Stuppach lebt – billig und bäuerisch. Herr und Knecht zugleich ... In stiller Abgeschlossenheit von dieser Welt, die sich wieder einmal in rasenden Krämpfen der Umbildung windet. Dort steht die Zeit still ... dort schweigt die Welt ... dort wird Marianne gesund werden ... und auch er wird Klarheit gewinnen – und Einkehr halten ... und endlich wissen, wohin er steuern muß.

Es ist gar nicht nötig, dem Rittmeister Stuppach zuerst zu schreiben – man überrascht den Einsiedler. Wozu erst lange überlegen? Je eher man wegkommt von diesem Wien mit seinem Talmiglanz – desto besser.

 

Der Bahnhof ist nicht weit. In zwei Stunden geht der Nachtschnellzug. Um sieben Uhr früh ist man in Innsbruck – gegen Mittag kann man an das Tor des Weitmoser-Schlössels pochen.

Die paar Habseligkeiten sind rasch gepackt. Nötigenfalls kann man ja etwas Warmes noch in Innsbruck kaufen – vor allem stärkere Schuhe.

Und so rollen die beiden davon.

Gegen Mittag bekommt Stuppach, der Einsiedler, Logierbesuch und strahlt.

Auf einem kleinen Hügel über dem breiten Inntal liegt das Weitmoser-Schlössel, von riesigen Tannen gegen Norden geschützt. Nach Süden geht der Blick in ein Seitental, aus dem die weißen Gletscher im grellen Sonnenlicht funkeln.

Eine halbe Stunde weiter, an der großen Straße, die gegen Landeck führt, liegt ein Dorf. Dort holt man Brot und Fleisch, Reis und Makkaroni, Ziegenmilch und Kakao sind im Hause. Auch Apfelmost und Dirndlschnaps. Man verhungert nicht! Und das Holz zum Heizen ist seit Herbst eingelagert und ausgetrocknet. Der große, grüne Kachelofen mit der Bank ringsherum wärmt so behaglich, wenn die Sonne hinter den Bergen versunken ist.

Auf dem braunen Boden liegen noch vereinzelte Schneeflecken – aber überall kommen bereits Schneeglöckchen, gelbe und blaue Primeln hervor, die sich im wilden Brausen des Windes ängstlich am Boden ducken.

Die Luft ist rein, voll Herbheit und Frische – so wie sie der Gletscher herabsendet. Rauch und Schwaden und der Wahnsinn der Großstadt versinken wie dämmernde Schatten unter der Schwelle der Erinnerung.

Im oberen Talgrund liegt noch der Schnee. Dort kann man noch Ski fahren und rodeln.

Marianne bekommt rote Wangen und wird zum Kind, das fröhlich und jauchzend dahinfliegt.

Und Leo fliegt mit ihr! Er hat doch schließlich den Bergführer- und Skikurs absolviert und war im Krieg Lehrer für die Soldaten, die am Cristallo-Massiv die hochalpine Grenzwacht hielten.

 

Der alte, fröhliche Rittmeister Stuppach mit dem kahlen Schädel, den wasserblauen Augen und dem weiß-gelben Schnauzbart spielt Vater und Mutter, betreut die zwei jungen Leute und kocht und füttert sie.

Er hat sich sogar ein Kochbuch kommen lassen, um sein Repertoire zu verbessern, und bringt jeden Tag eine Überraschung.

Und abends erzählt man sich Geschichten, harmlos und fröhlich. Der Rittmeister spielt sogar Zither. Man trinkt noch ein paar Gläser Punsch oder Tee, und dann versinkt man in den großen Bauernbetten mit der blaugewürfelten Wäsche ...

Die meterdicken Wände lassen keinen Laut der Zärtlichkeit durchdringen. Sie verschlingen den Seufzer und den Schrei der letzten Seligkeit.

Zwei junge Menschen haben sich gefunden, und sie haben beide das Gefühl: Wir haben die Liebe entdeckt, und niemals hat man vorher gewußt, was Liebe ist, ehe wir zwei uns nicht gefunden. Denn wir beide sind für einander geboren!

Und sie schmieden Pläne, wie sie sich die Zukunft denken.

Hand in Hand wollen sie im Herbst mit dem Evangelium der Liebe vor die kalten, egoistischen Menschen, die nur für das Geld leben, ohne Ideal und Herzenswärme, hinaustreten als die jungen Eroberer und Verkünder einer besseren Zeit, die anbrechen muß, um die alte, verkalkte Welt zu erneuern!

»Der Sommer soll die Zeit der Stärkung und Vorbereitung sein!« meinte Leo.

»Und ein bißchen auch die Zeit unseres Glückes.« Marianne lächelt mit bezwingender Schalkhaftigkeit.

Der Frühling überzieht die Wiesen mit sonnengelben Blumen, die Talhänge oben glühen vom heißen Rot der Alpenrosen.

Von allen Bergen rieseln die Wasser zu Tal. Ein Rauschen von überall. Die Tannen setzen grüne Spitzen an. Die Lawinen donnern, von der Sonne gelöst, am frühen Vormittag die steilen, ausgefahrenen Lawinenrinnen herab.

Heiß drückt der Föhn auf Menschen und Tiere, daß sie todesmatt hinschleichen. In schweren, schwarzblauen Wolkenmassen verschleiern sich die Berge – bis endlich das erlösende Wetter losbricht.

Marianne und Leo klettern wie die Gemsen und genießen die stille Seligkeit des Hochgebirges in einsamen Wanderungen, wo der Eispickel Stufe um Stufe schlägt ... Vereiste Steilwände arbeiten sie sich empor und rasten selig auf windumtosten Gipfeln. –

Im Fluge ziehen die Tage. Die Sonne wird blasser – die Abende länger.

Ein Frühling war – und ein Sommer geht zu Ende.

Es heißt erwachen aus diesem Traum des Genießens, der wunschlosen Seligkeit! Es ruft die Pflicht! Es ruft die Notwendigkeit! Die Barmittel schmelzen – wie der Schnee in der Frühlingssonne schmolz, als man hier im April, müde und zerbrochen, gelandet.

Stark und jung und arbeitsfreudig ziehen sie jetzt hinaus – die Welt zu unterwerfen.

»Leb' wohl, lieber Stuppach – Herr und Knecht auf eigener Scholle ...«

Nun geht es heim, nach Wien – in den brodelnden Kessel.

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