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Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 30
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
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29.

In tiefster seelischer Verwirrung war Leo von der Begegnung mit Marianne im Schönbrunner Palmenhaus heimgekommen. Da saß er jetzt in seinem armseligen Hotelzimmer mit den paar Kisten und Erinnerungen an seine vornehme Familie und an die Zeit in den winterlichen Dolomitenbergen.

Er kämpfte einen harten Kampf, der seine Natur in ihren Grundfesten erbeben ließ. Er hatte sich so sicher und frei gefühlt, vor allem Weiblichen so gewappnet ... durch den Panzer seiner Ideen und Propagandapläne. So unempfindlich für alles, was Lebensreiz und Lebensfreude hieß. Nicht der kleine Heiland, wie ihn die anderen nannten, sondern höchstens der kleine Johannes, der Prediger in der Wüste, war sein Vorbild. Vorläufer eines Größeren wollte er sein, der mit Macht und Ungestüm das Wort der Liebe zu den Völkern tragen, die Grenzen zersprengen und den wüsten Egoismus der Staaten zerstören würde.

Seine Persönlichkeit sollte ausgelöscht sein. Hingabe an seine Aufgabe sollte der Inhalt seines Daseins sein! Neue Menschen für eine neue Welt! Untergang dieser Scheinkultur! Heraufkommen einer neuen Weltordnung! Heiße sie jetzt, wie sie wolle! Neosozialismus oder Neochristentum – ohne Christus –, auf die Gesinnung, auf die lebendige Tat sollte es ankommen, auf das gelobte und betätigte Leben und nicht auf die Theorie ...

Und auf einmal war in ihm der Wunsch nach persönlichem Glück erwacht ... der Wunsch, einen Menschen zu retten ... für sich zu retten ...

Als eine Vision, die nicht weichen wollte, stand diese Frau vor ihm ... die Goldkrone des Haares, der üppige Mund mit seinem leichten, schmerzlichen Zucken ... und die Augen ... grün, tief ... eine Welt der Sehnsucht und des Glückes ...

Und Bilder stiegen vor ihm auf ... von fernen Ländern, wo nichts zu fühlen war von all den Schmerzen und Drangsalen, die Europa zerrissen ... wo nichts zu fühlen war von der Dollarwütigkeit Amerikas ... wo nichts war als Natur, Stille und Liebe ... und selige Einsamkeit zu zweien.

Halb widerwillig formte sich in ihm sein Gefühl zu Versen.

Es war im Palmenhaus! Die feuchte Luft
Von Blumendünsten schwer, umspielte laulich
In weichen Wellen unser beider Haupt.
In eine tiefgebauchte Gartenbank
Zurückgelehnt, so saßen wir ganz still ...
Und Asiens wunderliche Riesenblumen,
Sie nickten langsam wie Pagodenhäupter
Und schwer gewürzte Glutaromen rannen
In die europamüden Schwärmerseelen ...
Mit heimwehkranker Seele träumten wir
Von einer fernen Südseeinsel Strand,
Wo weicher die Natur und farbenheißer;
Wo lilasilbern Meereswogen leuchten
In winddurchkoster, schwüler Tropennacht.
Wo still und träumerisch und sinnlich mild
Das Leben weiterfließt. Wo keine Schranken
Des Herzens träumerisch-bizarre Wünsche
Stumpfsinnig kühl verneinen und zerstören ...
Wo bist du, meine ferne Südseeinsel ...?

Nach kurzem Kampfe adressiert er die Zeilen rasch an Marianne, ehe ihn sein Entschluß wieder reut, und trägt sie selbst zum Postkasten.

Dann geht er zögernd, mit einem gewissen inneren Schamgefühl, in das nächste Theaterkarten-Bureau und löst dort eine Karte fürs Ronacher-Varieté.

Aus dem Hintergrund einer Loge will er sie sehen – von der ganz Wien spricht, zu der ganz Wien läuft ... zu der Frau, die neben ihm saß, deren Hand er brüderlich in der seinen gefühlt, deren feiner Duft ihn umweht und berauscht hatte, die sein ganzes Wesen über den Haufen geworfen hat und Feuer in seine Ader laufen ließ ... die er begehrt mit der Inbrunst eines Mönches und Asketen, in dem die lang verdrängte, geknechtete Jugend plötzlich erwacht ist ...

Und er sieht Marianne ... sieht ihre schamlos enthüllte Herrlichkeit ... sieht sie dahinfliegen im inbrünstigen Rausch ihres Tanzes ...

Wie ein roter Schleier liegt es über ihm.

Er möchte sie töten und küssen ... er muß sie hassen und lieben zugleich ...

Alle Pläne und Projekte sind wie weggewischt!

Was war er für ein Narr!

Für andere hatte er leben wollen! Und er selbst war im Begriffe gewesen, sich ans Marterholz der Entsagung zu schlagen, sein eigenes Leben zu versäumen!

Hier ist ein Preis – hier ist ein lebendiges Ziel!

Und außerdem – sie braucht ihn! Sie ist elend trotz ihres Glanzes – lieblos geliebt, voll Sehnsucht nach dem einen, der sie erlöst.

Und der eine ist er! Er, Leo von Wartenstein! Nicht der Heiland der Welt – aber der Heiland für dieses Weib! Der Retter aus Schande und Seelennot.

Noch in der Nacht setzt er sich hin ... stammelnd und dann wieder in fliegender Hast offenbart er ihr seine junge, sehnsüchtige Seele.

All seinen großen Glauben an die erlösende Liebe für sie und sich. Er bettelt und beschwört sie, die Seine zu werden, diese unwürdige Umwelt zu verlassen, mit ihm ein neues Leben zu beginnen – ein Leben der Arbeit und der Liebe ... Fort von diesem Mann, der sie mit dem Tand der Welt verblendet, der ihr glitzernde Steine statt Brot geboten ...

Und mitten im schönsten idealen Pathos seines jugendlichen Schwärmertums packt ihn die hitzige Leidenschaft seiner Jugend, und eine rasende Melodie der Zärtlichkeit und der Anbetung wogt über die Blätter seines Briefes.

Er kann nicht schlafen – noch in der Nacht muß er fort und in ihrer Nähe sein. Und er stürmt hinaus in den Schnee und läuft den Weg von seinem Vorstadthotel bis zum Ring, läutet den Portier heraus und gibt ihm den Brief – ganz zeitig muß ihn Marianne haben und über sein und ihr Schicksal entscheiden.

Frühmorgens liest Marianne noch im Bette diese Epistel des Wahnsinns und der Leidenschaft.

Ihre Hände zittern und ihre Augen füllen sich mit Tränen ...

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