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Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 3
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
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2.

Am anderen Morgen suchte Fanny die junge Baronesse vergeblich in ihrem Zimmer. Sie fand sie im schmalen Kabinett, auf dem Feldbett ihres Vaters ausgestreckt, wo sie, verlockt durch die wohlige Wärme, geblieben war. Gerade nur, daß sie die Oberkleider abgelegt hatte.

»Aber das heißt man doch nicht ausruhen«, meinte Fanny, als sie ihr den heißen Wasserkakao und die Büchse mit der Kondensmilch hinstellte.

Marianne war übrigens schon munter. Die Sorgen hatten sie zeitig geweckt. Sie überdachte ihre Lage. Von den paar Kronen Waisengeld, die sie als Offizierstochter von dem verkrachten Staat vielleicht erhalten würde, konnte sie ihre Existenz unmöglich fristen. Das reichte nicht einmal für die Gemeinschaftsküche.

Als der Vater fortgegangen war, ohne wiederzukommen, war er noch einmal in das Auktionshaus Schidloff gegangen, um sich ein letztes Mal die Miniaturen seiner Eltern, gemalt von Daffinger, anzusehen, ehe sie am nächsten Tag zur Versteigerung gelangten. So schwer hatte sich der Vater von diesen beiden Bildern getrennt. Viel schwerer als vom Familiensilber und den Perserteppichen, die der Not der Zeit schon lange zum Opfer gefallen waren, um das stumpfe Elend dieser Tage etwas zu mildern und zu erleichtern.

Den größten Teil des Erlöses dieser letzten Verkäufe hatten die Begräbniskosten verschlungen. Ein paar tausend Kronen waren noch da. Wenn sie sich einen neuen Velourmantel mit Pelzkragen kaufte, wovon als einer unbedingten Notwendigkeit schon immer die Rede war, würde gerade so viel bleiben, um bis zum Januar hindurchzukommen, vorausgesetzt, daß keine neue Teuerungswelle alle Berechnungen über den Haufen würfe.

Irgendetwas mußte geschehen. Von irgendeiner Seite mußte Geld kommen. Oder wenigstens eine Versorgung.

Der Gedanke, von früh bis abends über eine Schreibmaschine gebeugt zu sitzen, war ihr grauenhaft. Dazu fühlte sie sich nicht geeignet.

Also zu Kindern! Oder als Stütze der Hausfrau! Zu irgendeinem Schieber oder Kriegsgewinner. Denn wer sonst könnte sich ein Kinderfräulein leisten! Und was man da alles von ihr verlangen würde! Dabei konnte sie eigentlich nichts Brauchbares! Zeugnisse hatte sie auch keine! Also zur Konfektion? Verkäuferin oder Probierfräulein!

Ja, wenn sie noch ihre Stimme gehabt hätte, die früher ihre große Hoffnung gewesen war! Aber eine tückische Angina hatte sie einfach hinweggewischt. Also was tun? Da war guter Rat schwer.

Plötzlich fiel ihr Doktor Pummerer ein.

Pummerer war Rechtsanwalt, ihr Vater hatte einige Male mit ihm zu tun gehabt und hatte ihn ihr als relativ anständigen Menschen geschildert.

Zu diesem Doktor Pummerer wird sie gehen!

Mit dem wird sie sich beraten! Vielleicht kann sie der irgendwohin empfehlen! Vielleicht an irgendeinen Herrn der Reparationskommission oder an irgendeinen Vertreter der diversen Liebeswerke und Hilfsaktionen, die derzeit in Wien ihre Rettungsarbeiten durchführen.

 

Nachmittags saß sie in der Kanzlei des Doktors.

»Es wird lang dauern«, meinte das Fräulein, die eine Armee von weiblichen Hilfskräften kommandierte. »Der Herr Doktor hat eine wichtige Konferenz. Der Herr Präsident Wiesel ist bei ihm. Sie wissen doch, was das bedeutet?«

»So? Schön. Dann werde ich warten. Ich habe Zeit.«

Das Fräulein schien enttäuscht. Sie hatte den Namen »Wiesel« mit einem gewissen Stolz erwähnt und gar keinen Eindruck damit erzielt. Beleidigt wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu.

Nach einer guten Weile öffnete sich die Türe und von Doktor Pummerer mit süßlicher Devotion herausbegleitet erschien ein kleiner, schlanker Herr mit einem blassen, nervösen Gesicht, das von großen, schwarzen, etwas scheuen Augen belebt wurde, schob sich hastig, mit einer gewissen Katzengeschmeidigkeit durchs Zimmer, starrte einen Moment verdutzt die junge Dame an, wurde rot wie ein Schulbub und verschwand, von Doktor Pummerer ganz ergebenst hinausgedienert.

»Jung schaut er aus, der Herr Präsident Wiesel«, sagte das Maschinenschreibfräulein begeistert, »und so interessant!«

 

Inzwischen hatte Doktor Pummerer die wartende Marianne entdeckt.

»Ja, was wäre denn dieses? Welch ein Fest für meine entzündeten Augen«, begann er mit widerwärtiger Liebenswürdigkeit. »Welch ein hoher Besuch in meiner niedrigen Hütte! Die schöne Baronesse Marianne, der Abgott ihres hochgeschätzten Herrn Papas, unseres verdienten Schlachtenlenkers ... und in Trauer, wie ich sehe. Ja, was wäre denn da passiert? Doch nicht ...?« Und das runde, rosenrote Ferkelgesicht des Doktor Pummerer wurde plötzlich kreideweiß. »Ein Schlagerl, vielleicht gar?«

»Ja, Herr Doktor. Mein armer Papa. Ich habe gedacht, Sie wüßten es ohnehin. Es stand ja in der Zeitung.«

»Ein Schlagerl, ein Schlagerl«, wiederholte Doktor Pummerer mechanisch. Und dabei fingen seine Knie zu zittern an, und er mußte sich setzen.

»Solche Sachen höre ich nicht gern. Wenn man selbst ein bißchen vollblütig ist, ist das immer wie eine leise Mahnung. Und der Herr Papa war doch noch so ein fescher Herr! Ja, ja, der Krieg hat uns alle hergenommen! Das war doch alles keine Nahrung, was man da fressen mußte. Wir waren doch alle unterernährt!«

Und er strich mit seinen kurzen, weißen, fleischigen Prälatenhänden über seinen schwellenden Bauch.

»Aber darf ich die allergnädigste Baronesse bitten, in das Allerheiligste einzutreten«, und er schob sie in sein Zimmer.

»Also was verschafft mir die hohe Ehre des Besuches? Vielleicht eine kleine Erbschaftsangelegenheit? Ein kleines Zankerl mit dem Herrn Vormund? Wird alles bestens besorgt werden.«

»Geerbt habe ich nichts. Mein Vater hat mir nichts hinterlassen. Verwandte habe ich keine. Die paar wertlosen Möbel wird mir niemand streitig machen. Vormund habe ich bis jetzt keinen. Ich glaube, ich brauche auch keinen mehr.«

Der Übereifer Doktor Pummerers war nach den ersten Worten Mariannens sichtlich erkaltet.

»Allerdings, eine kleine Eingabe an das Vormundschaftsgericht, und die gnädige Baronesse ist mündig. In dankbarer Erinnerung an den Herrn Papa, dem ich so manche wertvolle Konnexion in vergangenen Tagen verdanke, werde ich mir erlauben, die Verlassenschaftsabhandlung und die Mündigsprechung der geschätzten Dame kostenlos durchzuführen.«

»Ich danke Ihnen, Herr Doktor. Das ist sehr freundlich. Aber jetzt hätte ich noch eine Bitte. Ich suche einen Erwerb. Ich muß trachten, mich zu erhalten.«

»Wird nicht leicht sein, ein Unterkommen zu finden. Schlechte Zeiten! Handel und Gewerbe liegen darnieder! Der Krieg hat uns böse Wunden geschlagen. Wir sind Bettler mit Ausnahme der Herren Kriegsgewinner und Valutenschieber. Man müßte an ein Import- und Exporthaus denken. Sind das Fräulein in Sprachen bewandert? Die italienische Mission, die hier tagt, braucht immer junge Bureaukräfte. Ja, wo hatte ich nur meine Gedanken!« fuhr Doktor Pummerer plötzlich laut auf:

»Ich habe schon den richtigen Mann für Sie, der Ihnen eine Lebensstellung anbahnen wird. Haben gnädigste Baronesse ja gesehen, wer soeben von mir weggegangen ist, höchstpersönlich.«

»Ja, ein kleiner Herr, der ein bißchen merkwürdig und unheimlich aussieht. Wie ein kleines, gefährliches Raubtier auf der Lauer.«

»Ausgezeichnet beobachtet«, meckerte Doktor Pummerer vergnügt. »Kleines, gefährliches Raubtier auf der Lauer! Der hat's verstanden – besser als alle andern. Finanzgenie, hat seine Zeit verstanden. Großer Mann geworden, das kleine, gefährliche Raubtier! Geht bei der Regierung ein und aus! Vertrauensmann des Finanzministeriums und der Valutazentrale! Intimus des Polizeipräsidenten! Millionär in Dollar, Pfunden und Schweizer Franken. Hat mit der Regierung große Geschäfte gemacht! Und die Regierung mit ihm! Reicher Mann! Nobler Mann! Galant den Damen gegenüber! Werde sprechen mit dem Mann. Der wird schon den richtigen Ausweg wissen. Ein Wort von ihm, mit dem nötigen Nachdruck gesprochen, und alle Türen öffnen sich sperrangelweit. Die gnädigste Baronesse wird mir die werte Adresse da lassen und da werden wir sie verständigen, wenn es soweit ist. Vielleicht machen wir ein kleines, gemütliches Soupetscherl bei mir. In allen Ehren natürlich! In allen Ehren! Der Herr Präsident kommt gerne zu mir. Er weiß, er findet immer eine nette Gesellschaft und die Unterhaltung bleibt diskret. – Mit Rücksicht auf den Trauerfall ist natürlich doppelte Vorsicht geboten. Also engster Kreis. Der Herr Präsident hat ausgezeichnete Weine und läßt es sich niemals nehmen, so oft er zu mir kommt, ein paar Flaschen allererster Güte für meine lieben Gäste heraufzusenden, nebst einem kleinen Souvenir für die Damen und einer Schachtel exquisiter Zigarren für die Herren. Ja, der Herr Präsident versteht zu leben. Aber ganz im stillen! Er liebt kein Aufsehen! Das macht böses Blut und erregt nur den Neid der besitzlosen Klasse. Die Herren Sozialdemokraten haben es ohnehin scharf auf ihn. Wir werden nächstens etwas tun müssen für die notleidende Bevölkerung oder für den geistigen Arbeiter.«

Das Fräulein meldete einen neuen Besuch.

Marianne erhob sich.

»Also, wie gesagt, meine gnädigste Baronesse, es bleibt dabei. Ich werde Sie dem Herrn Präsidenten dringendst ans Herz legen. Der Moment ist ungemein günstig. Er fühlt sich ohnedies derzeit sehr verwaist und vereinsamt und sucht nach einer Anregung für die karge Zeit, wo ihn seine Geschäfte nicht bis zur Erschöpfung in Anspruch nehmen. Vielleicht, daß er sich das Baronesserl höchst persönlich als Privatsekretärin engagiert.«

»Ja, aber ich kann doch gar nicht stenographieren und maschineschreiben.«

»Aber das macht doch gar nichts! Das lernt sich! Es lernt sich so vieles in diesen Zeiten!« Und er musterte wohlgefällig Mariannens herrliche Gestalt, ihren zarten Teint und das schwere, weizengelbe Haar.

Nur vor diesen Augen fuhr er ein bißchen zurück. Denn in diesen glasgrünen, funkelnden Augen lag etwas Unheimliches, dessen man nicht sicher war. Und für Unbequemlichkeiten und Irregularitäten war der Herr Doktor Pummerer nicht zu haben. Es mußte alles hübsch glatt und mit Behagen gehen.

»Also, wir hören voneinander.«

Und so schieden sie für diesmal. Beide Hoffnungen erfüllt.

 

Marianne war noch nicht im Hausflur, als bei Doktor Pummerer bereits das Telephon aufschrillte. Der Herr Präsident wollte von Herrn Doktor Pummerer erfahren, wer die interessante, junge Dame gewesen sei, die er bei ihm im Vorzimmer getroffen habe. Er müsse unbedingt ihre Bekanntschaft machen.

Doktor Pummerer suchte schnell nach Ausflüchten – stellte die Angelegenheit höchst schwierig hin. Um so größer sollte dann sein Verdienst sein, wenn sie doch gelang. Jedenfalls sollte einstweilen der Herr Präsident ein bißchen auf der Folter zappeln, ehe ihm Doktor Pummerer seinen Wunsch erfüllte.

Marianne aber mit dem Gefühl: Ich bekomme ja doch jetzt bald eine Stellung – dieser liebe, gute Doktor Pummerer wird mir helfen, wurde leichtsinnig und kaufte sich nicht nur eine Orange, sondern auch ein Paar neue Schuhe für ihr Abendkleid. Vielleicht geht man doch einmal irgendwo hin, wo man anständig angezogen sein muß!

Neunzehn Jahre war sie alt geworden und hatte von ihrem Leben nichts gehabt als Not und Entsagung. Der Krieg hatte ihr ihre Jugend einfach gestohlen. Und diese letzten zwei Jahre an der Seite ihres lieben, aber auch so verbitterten Papas hatten das Martyrium ihres jungen Lebens vollendet. Atmen dürfen in Licht und Sonne ohne Lebenssorgen – welch ein Traum von Glück! Arbeiten – gut! Aber manchmal auch fühlen dürfen, daß man jung und schön ist! Gestern hatte man den Vater begraben – und heute ... es war gewiß roh, aber sie hatte heute so eine Sehnsucht, lachen und tanzen zu dürfen.

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