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Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 27
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
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26.

Von Tag zu Tag hatte Marianne gewartet, ob sich Leo Wartenstein nicht bei ihr oder Ernö Kalmar melden lassen würde, wie er zugesagt hatte; aber nichts dergleichen geschah. Sie wartete vergeblich. Er blieb unsichtbar und schwieg.

Marianne hielt es nicht länger aus und schrieb ihm:

»Ich möchte so gerne einiges von meinem Vater wissen. Im Schönbrunner Palmenhaus ist eine Azaleenausstellung. Ich bin morgen um halb zwölf draußen. Vielleicht kommen Sie auch zufällig hin.

Marianne H.«

Marianne fand Leo wartend vor dem Palmenhaus.

Sie waren alle beide etwas verlegen, während sie sich begrüßten. Pflichtschuldigst bewunderten sie zuerst wirklich die Ausstellung.

Die blendende Fülle der herrlichen Azaleenbüsche vom schimmernden Weiß bis zum brennenden Rot in allen Nüancen, die dazwischenliegen, fand ihren ehrlichen Beifall. Sie bewunderten die feurigen Riesenkelche der Amaryllis und im nächsten Raum die wunderlich geformten Orchideen und all die bunte Blütenpracht, eingebettet in das satte Grün üppig wuchernder Farne und exotischer Bäume, vom Johannesbrotbaum und der breitblätterigen Banane bis zur Riesenpalme mit den Fächerwedeln.

Das tiefe Halbrund einer Bank nahm sie dann beide auf.

Zuerst ein langes Schweigen. Dann gab sich Marianne einen Ruck.

»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind. Ich habe mir so gewünscht, jemanden kennen zu lernen, der mit meinem Vater in der Kriegszeit zusammen war. Als er fortging, war ich ein halbes Kind – und als er nach Hause kam, war er verbittert, gebrochen, krank – ein totgeweihter Mensch, von Sorgen gequält ... Was wird mit dir geschehen, wenn ich einmal nicht mehr bin, war alle Augenblicke seine bange Frage, die er mir angstvoll stellte ...«

Aus Worten, Geschichten und Zügen entwarf Leo ein liebevolles Bild von Mariannens Vater. So wie er ihn gekannt hatte, ehe die Mittellosigkeit und die Aussichtslosigkeit der Situation auch ihn zermürbt hatten.

Zwischen Lachen und Weinen hörte ihm Marianne zu, und von Zeit zu Zeit drückte sie Leo heftig und dankbar die Hand und sah ihn zärtlich an.

»Das war Ihr Vater – mehr kann ich nicht hinzufügen.«

Und wieder schwiegen sie eine Weile.

Beider Gedanken waren weit zurück in die Vergangenheit gerichtet.

Als ob es die Fortsetzung seines bisherigen Gedankenganges gewesen wäre, sprach jetzt Leo Wartenstein:

»Die Angst Ihres Vaters um seine Tochter war überflüssig ... Es geht Ihnen gut ... wenn man so einen Pelz hat und solche Ringe ...«

Marianne senkte das Haupt ganz tief, wie wenn ein Schlag auf den Kopf ihn herabgedrückt hätte. Schwere Tränen rollten unaufhörlich über ihr Gesicht. Und dann brach es aus ihr heraus, woran sie so schwer trug.

Stockend und immer wieder neuen Anlauf nehmend, breitete sie ihr ganzes Leben vor ihm aus. Nichts verschwieg sie ihm. Nicht ihre grenzenlose Einsamkeit nach dem Tode ihres Vaters, nicht den Versuch, eine anständige Arbeit zu bekommen, auch nicht ihren Drang nach dem Leben. Alles, alles sprach sie sich von der Seele.

Nun schwieg sie wieder.

Rauh und unterdrückt klang die Stimme Leos:

»Und werden Sie nun Herrn Kalmar heiraten oder weiter Tänzerin bleiben?«

»Es ist eines so schrecklich für mich wie das andere. Ich kann nicht auftreten, ohne ... ohne ...«

»Ohne was?« drängte Leo.

»Ich habe mir das so angewöhnt ... ich weiß, es richtet mich langsam zugrunde ... aber was liegt schon daran!? Ohne das hielt ich es nicht aus ...«

»Morphium – oder?«

»Kokain!«

»Um Himmelswillen!! Seit wann schon?«

»Zwei Monate.«

»Ja, aber woher nehmen Sie es denn? Man bekommt das doch nicht so ohne weiters.«

»Ach, Sie sind ein großes Kind! Für Geld kriegt man bekanntlich alles! Und Geld spielt doch keine Rolle mehr – seitdem ich ...«

»Aber, um Gotteswillen, das kann doch nicht so weitergehen!«

»Warum denn nicht? Ich sehe keinen Weg, herauszukommen ... je früher es zu Ende geht, desto besser ...«

»Sie müssen weg von dem Beruf, zu dem Sie nicht taugen! Weg von diesem Herrn Kalmar!«

»Was soll ich anfangen? Wohin soll ich gehen? Zu einem anderen Mann, der mich erhält – und der mir ebenso widerwärtig ist? Es kommt immer auf dasselbe heraus. Mit der Zeit werde ich mich schon an alles gewöhnen und mich vielleicht ganz wohl dabei fühlen ...«

»Das darf nicht sein! Das darf nicht sein!«

»Wie wollen Sie es denn verhindern?«

»Das weiß ich noch nicht – aber ein Weg wird sich schon finden!«

»Wenn Sie ihn gefunden haben, sagen Sie es mir!«

Marianne lächelte müde.

»Aber Sie müssen sich beeilen – sonst ist es zu spät. Bei Ronacher bleibe ich noch bis Ende März. Dann gehe ich auf eine Tournee, die mein Agent zusammengestellt hat. Dann soll geheiratet werden!«

»Liebste Baronesse, es wird ein Ausweg gefunden werden! Es muß ein Ausweg gefunden werden! Ich werde nicht rasten und nicht ruhen! Es wird die Aufgabe meines Lebens sein!«

»Still, lieber, kleiner Leo! Sie haben andere Aufgaben! Sie müssen die Menschheit retten und zu höheren Zielen führen. Wo hätten Sie für ein Mädel Zeit, die nichts ist, nichts kann, nichts bedeutet und für nichts zu brauchen ist, als ... o pfui, ich werde gemein ...«

Sie erhob sich plötzlich.

»Ich muß nach Hause; verzeihen Sie, wenn ich Sie angejammert habe, vergessen Sie alles, was ich von mir erzählt habe. Jedenfalls danke ich Ihnen für die Liebenswürdigkeit, daß Sie gekommen sind und mir so viel von meinem lieben Papa erzählt haben. Bitte, begleiten Sie mich nicht – ich gehe lieber allein.«

Leo verbeugte sich stumm.

 

Sie lief nahezu durch den winterlichen Park über den festgefrorenen Schnee zum Hietzinger Tor des Schönbrunner Parkes, wo ihr Auto stand, und warf sich hinein. Sie war mit ihrer Selbstbeherrschung zu Ende.

Ein Schluchzen schüttelte sie und warf sie wie im Krampfe. Die Erinnerung an ihren Vater hatte alles in ihr aufgewühlt. Sie empfand, was sie gewesen und was sie geworden war, tausendmal tiefer und schmerzlicher als jemals. Und dieser junge Mensch mit seinen reinen und tiefen Kinderaugen – wie er sie entsetzt angestarrt hatte ... O, das tut weh!

Und sie krampfte die Hände und schluchzte:

»Ich kann nicht mehr – ich bin zu Ende.«

Sie griff nach ihrer Tasche, entnahm ihr eine Emaildose.

Gierig schnupfte sie das darin befindliche Kokain.

Langsam wurde ihr leichter ums Herz. Der Lebensmut kam wieder.

»Aber es muß weitergehen! Und es wird auch weitergehen! Solange ich das habe, kann mir nichts passieren!«

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