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Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 22
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
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21.

Um zehn Uhr stand sie pünktlich hinter den Kulissen.

Die letzten Sekunden vor der Entscheidung.

Der Vorhang rauschte empor – die Musik setzte ein.

Noch hatte sie auf ihr musikalisches Stichwort zu warten.

Sie folgte der Musik – von der sie jede Note auswendig kannte. Russische Melodien waren es – Rimski-Korsakoff-Motive! Slavisches Volkslied hieß ihre erste Nummer.

Sentimental der Anfang, langsam und träumerisch ... dann zum heißeren Leben erwachend ... in jauchzender Seligkeit des Brautglückes schließend.

Als russische Bauernbraut – grellbunt, mit einer schimmernden Krone, betrat sie endlich die Szene. Ein Laut des Entzückens rauschte auf.

Sie sah nicht die starrende Menge in Logen und Parkett – der Scheinwerfer blendete sie und die Rampenbeleuchtung entzog ihr den störenden Anblick der Massen.

Sie dachte auch nicht an die Menge. Sie fühlte nur den Zauber der weichen Musik und die süße Hypnose der Töne – und wiegte sich, fessellos hingegeben.

Sie hatte Musik und Rhythmus in sich. Die Musik war nur Erweckerin schlummernder Kräfte und Gewalten, die in ihr erwachten, wenn der erste Ton erklang.

Der Tanz war zu Ende.

Stürmischer Beifall setzte ein.

Es war Stimmung im Hause.

Sie hatte unbedingt gewirkt. Sie war über die Barriere hinüber ... das Schwerste war vorbei. Sie wußte: Jetzt kann es nur besser kommen.

Zweite Nummer: Bacchischer Tanz.

Ein roter Vorhang. Auf einem Piedestal Bacchos-Dionysos, der schöne Jüngling, den Efeukranz im Haar, die schwellende Traube in der Hand. Flöten und Harfen, Cymbeln und donnernde Paukenschläge dazwischen, das Dröhnen von metallenen Becken, und wieder das Zwitschern einer Hirtenschalmei.

Und dann die Tänzerin! Sie stürmte herein, ein knappes Pantherfell quer über eine Schulter, die andere freilassend, das gelbe Haar gelöst, einen Efeukranz darin – Schenkel und Beine nackt ... den Thyrsusstab in der Hand.

Liebliche und stürmische Huldigung vor dem jungen Gott der trunkenen Leidenschaft und der dionysischen Mysterien.

Heißer und fesselloser wird der Tanz. Schwüler und sinnlicher die Musik.

Süße Raserei des Weines und der Liebe.

Der herrliche Körper der Tänzerin leuchtet auf im grellen Licht der Scheinwerfer, biegt und dreht sich und gibt seine junge Herrlichkeit preis.

Ein Ächzen und Stöhnen des Begehrens geht durch das Haus.

»Das ist das Weib aller Weiber!«

Und immer heißer schwillt die Musik – immer wieder fliegt der berauschende Körper, von seiner ungebändigten Jugendkraft getragen, durch die Luft und bricht endlich in seliger Erschöpfung zu Füßen des Dionysos zusammen.

Ein schreiendes Rasen des Beifalls tobt durch das Haus.

Ein Trampeln, ein Applaudieren, ein Rufen.

Immer wieder muß die Tänzerin sich dankend verneigen – bleich und zitternd vor Erschöpfung und vor innerer Aufregung.

Und noch steht die dritte Nummer aus.

Wieder steigt der Vorhang empor.

Schwarz der Hintergrund – düster und starr – wie eine verbrannte Welt.

Rote Schleier wehen und bauschen, von einer Windmaschine leicht emporgetrieben. Rotes Licht von der Rampe und rotes von den Scheinwerfern auf der Galerie. Ein pfeifender Windstoß – ein weiß aufleuchtender Blitz – ein donnernder Einschlag – und die Tänzerin kommt auf die Bühne gefegt mit Windeseile.

Über das flatternde Haar eine rote phrygische Mütze gestülpt, in durchscheinende rote Schleier gehüllt, die bei jeder Wendung einen anderen Teil des Körpers durchschimmern lassen.

Aus der russischen Sowjethymne, aus der Marseillaise, aus der Carmagnoll war eine Tanzmusik gestaltet worden, die, trotz alledem offenbachisch wirkend, eine infernalische Lustigkeit entfesselte, die zittern machte.

Ein Blutrausch war es – ein Tanz der Besessenheit, von einer unheimlichen, aufpeitschenden Großartigkeit, der an den Nerven zerrte und die Herzen zertrat.

Die Größe und das Grauen der Zeit lag in diesem Tanz. Die Verzweiflung und die grelle Lustigkeit der Verzweiflung im Shimmytakt getanzt.

Grelles Blech, winselnde Geigen, schrille Pfeifen – alles war zusammengefaßt zu einem Cancan der Vernichtung – zu einem Jazzband der Verzweiflung, die mit ihrem eigenen Elend Schindluder treibt.

Stimmung der Zeit! Terror!

Mit hocherhobenen Fäusten, reglos aufgereckt, den göttlichen Leib wie von Flammen umweht, blieb die Künstlerin stehen, bis der Vorhang fiel.

Ein Moment Totenstille.

Dann hysterisches Rufen und Schreien, tierisches Beifallsgebrüll.

Die Leute verlassen ihre Plätze und stürmen zur Rampe.

»Natascha!« gellt es durch den Saal. Und immer wieder: »Natascha!«

Aber der Vorhang hebt sich nicht!

Noch immer nicht! Obwohl das Toben minutenlang weitergeht.

Endlich tritt ein Herr im Frack vor und verlangt mimisch zu reden.

Der tosende Lärm legt sich.

»Madame Natascha ist infolge der Aufregung ohnmächtig geworden und ist derzeit nicht imstande, für die überaus freundliche Aufnahme von Seiten des geschätzten Publikums persönlich zu danken.«

Ernö Kalmar ist bestürzt in die Garderobe geeilt.

Der Theaterarzt ist bei Marianne.

Er wird nicht hineingelassen – aber man gibt ihm beruhigende Auskunft. Ein kleiner Erregungszustand – ein Weinkrampf ohne Konsequenzen und Bedeutung. Das Herz ist gesund.

Der Direktor strahlt! Er hat für Wochen ausgesorgt! Das Etablissement Ronacher hat eine Attraktion allerersten Ranges gewonnen! Eine Tanzgröße von internationaler Bedeutung ist geschaffen worden an diesem Abend. Fünfzig ausverkaufte Häuser berechnet der Direktor.

»Wie recht habe ich gehabt« – sagt sich Ernö Kalmar, der in seinem Auto auf sie wartet – »daß ich nicht nachgegeben habe. Jetzt ist sie wer. Jetzt ist es sogar eine Ehre, wenn man mit ihr gesehen wird, und man kann stolz sein.«

Ein Theaterdiener tritt auf Kalmars Auto zu:

»Madame Natascha ist zu müde, um heute noch mit Herrn Kalmar zu soupieren. Sie hat sich nach Hause begeben, um sich auszuruhen.«

Kalmar ist wütend.

Er hat ein großes Souper bei Sacher bestellt und Freunde eingeladen. Sie sind schon vorausgefahren.

Na, du fängst mir schon früh an mit Künstlerlaunen, mein Schatz. Das werde ich dir noch abgewöhnen!

»Also, zum Sacher!« ruft er mißmutig dem Chauffeur zu und rollt davon.

In einem kleinen jüdischen Restaurant, das in einem alten Gäßchen ein verborgenes Leben führt und nur von wenigen Kennern wegen seiner vortrefflichen Küche geschätzt wird, treffen sich Madame Ratazzi, ihr gehorsamer Oberleutnant, der scheue Musikmacher und Marianne.

Hier ist sie sicher, nicht erkannt zu werden.

Sie dankt Madame Ratazzi und den übrigen mit aufrichtiger Herzlichkeit und empfängt die Glückwünsche zu dem märchenhaften, durchschlagenden Erfolg.

Noch einmal werden die drei Tanznummern technisch-kritisch durchgenommen. Was geglückt ist, was versagt hat, wo Wirkung war und wo keine – wo die Überraschung des Abends lag.

Auch das Publikum wird kritisiert. Dann trennt man sich müde – aber zufrieden. Die lange Strecke Arbeit, Aufregung und Hingabe haben einen Sinn gehabt.

Marianne kehrt ins »Bristol« zurück und begibt sich zu Bett.

Sie ist totmüde – aber schlafen kann sie nicht. Mit offenen Augen starrt sie ins Dunkle.

Soviel geht ihr durch den Kopf. An den Vater denkt sie – an die Mutter. Was die wohl gesagt hätten! Ob es überhaupt dazu gekommen wäre!

Geliebte eines erfolgreichen ungarischen Schiebers und seit heute eine berühmte Tänzerin! Welch ein Weg! Und doch durch Kalmar!

Sie möchte so gerne, so überströmend dankbar sein – und bringt es nicht zuwege. Ihr eigener Erfolg ist ihr innerlich so fremd, als ob ihn eine andere erlebt hätte und nicht sie selbst. Die Freude fehlt!

Aber warum eigentlich? Es scheint, daß sie doch keine Komödiantennatur ist. Daß ihr das gespielte Leben das gelebte Leben nicht vollwertig ersetzen kann. Wo bleibt das Glücksgefühl, die Seligkeit des Triumphes?

Sie hört Kalmar nach Hause kommen. Er macht Licht im Salon. Die Schalter knacken. Er kommt an ihre Tür. Er probiert leise an der Klinke.

»Schläfst du schon?«

Sie liegt wie erstarrt, sie kann sich nicht entschließen. Es ist abscheulich von ihr! Sie weiß es!

Er hat ein Recht, ein gutes Recht ... und trotzdem.

Es ist ja ein Glück, daß er sie gezwungen hat aufzutreten aber es ist ein gehaßtes Glück. Ein wesensfremdes Glück. Sie wäre so gern im Schatten geblieben. Das Licht tut weh – und er hat sie ins Licht gestoßen.

Sie hört, wie Kalmar sich entfernt und atmet auf.

Jetzt kann sie schlafen – tief ... fest ... traumlos ...

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