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Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 20
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
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19.

Schon im Frühherbst hatte Madame Ratazzi den kleinen, unscheinbaren, aber tüchtigen Agenten Lauterbusch bestellt und ihm von Marianne erzählt.

»Da reift eine Sensation!«

Einmal durfte er auch bei einer Tanzprobe zusehen.

Außerdem hatte ihm Madame Ratazzi gesteckt: »Sie, die Dame hat einen schwerreichen Freund! Da schaut etwas heraus für Sie!«

Kurz und gut: Lauterbusch war geladen und geschwollen vor lauter Begeisterung. Ging durch ganz Wien und erzählte jedem:

»Sie, da habe ich eine Nummer! Eine Tänzerin – eine sehr feine Dame übrigens ... aber die ist schon ja großartig. Wenn die einmal losgeht, steht Wien auf dem Kopf. Ich muß nur erst sehen, wo ich sie auftreten lasse.«

Nach langem Hin und Her war Marianne, beraten von Madame Ratazzi und dem stillen Musikmacher aus dem Tanzkurs, bewogen worden, einen Kontrakt für das Ronacher-Theater zu unterzeichnen.

Drei Tänze – erste Nummer nach der Pause.

Angekündigt, auf dem Zettel und in den Blättern, sollte sie natürlich nicht unter ihrem Namen werden. Sie sollte als eine geflüchtete russische Prinzessin gelten und am Zettel Natascha heißen.

Ein williger, kleiner Journalist übernahm es, den Roman ihres Lebens zu erfinden, der durch alle Zeitungen laufen sollte.

Herrliche Bilder wurden durch Edith Barakovich, der genialen Photographin, von Marianne angefertigt und an alle illustrierten Zeitungen versandt.

Bilder in Toilette und fast ohne Toilette – perlenübersäten russischen Nationalkostümen und im großen prunkvollen Abendkleid – ganz unnahbare Dame der höchsten Gesellschaft alten Stiles.

Im Dezember prangten überall Riesenplakate:

»Natascha kommt! Die blonde Venus! Die schönste Frau der Welt!«

Die Reklame arbeitete wie verrückt, ohne daß der Direktor sein neues Mitglied noch jemals zu Gesicht bekommen hätte. Lauterbusch hatte das so arrangiert.

Ein mystischer Abgrund sollte die interessante Fremde von der Welt des Varietés bis zum letzten Augenblick trennen.

Auf Drängen des Impresarios entschloß sich Marianne doch, für eine Zeitlang die kleine Wohnung aufzugeben und das Appartement zu beziehen, das Ernö Kalmar seit so langer Zeit für sie bereit hielt. Oder wenigstens bereit gehalten hatte ... bis er sich die Sache bequemer einrichtete ...

Denn nachdem Marianne nicht eingezogen war, hatte schon mehr als eine Lebedame flüchtig darin gehaust. Mit der Treue nahm es Ernö Kalmar nicht mehr so genau, seitdem er so reich geworden war und die Weiber ihm nachliefen, was seiner Eitelkeit nicht wenig schmeichelte. So kam es, daß er eigentlich von der Übersiedlung Mariannens nicht sonderlich entzückt war. Denn er fühlte sich beobachtet und in seiner bisherigen Freiheit einigermaßen gehemmt.

Kein Mensch im Hotel, aber auch niemand von der Tischgesellschaft, die sich um Ernö Kalmar und Marianne zu versammeln pflegte, ahnte die Identität von Marianne-Natascha. Das Geheimnis war genügend bewahrt worden.

Man machte wohl Scherze, daß sie der russischen Prinzessin ähnlich sehe, die als große Sensation demnächst im Ronacher auftreten sollte. Da man aber die pikante Russin, den Berichten der Zeitungen entsprechend, noch in Paris vermutete, so blieb Mariannens Inkognito gewahrt.

Der kleine Musiker hatte im Ronacher-Theater im Auftrag der Prinzessin mit dem Orchester und dem Kapellmeister eine kurze Verständigungsprobe abgehalten. Die eigentliche Probe sollte erst vormittags am Tage des ersten Auftretens stattfinden, weil Madame Natascha angeblich erst am Tage des Debüts in Wien eintreffen wollte ...

Als Dekorationen waren nur drei Stoffvorhänge von genau bestimmter Farbennüance gefordert worden.

Die übrigen Requisiten brächte die Künstlerin mit.

Verlangt wurde Saftgrün für den ersten Tanz – ein tiefes Rot für den zweiten Tanz – und Schwarz für den dritten Tanz.

Die Scheinwerfer sollten ebenfalls erst im letzten Moment ausgeprobt werden. Nach der Orchesterprobe war die Beleuchtungsprobe angesetzt.

Am Vorabend des großen Tages saßen Marianne und Ernö Kalmar im Salon des Appartements. Es war das erstemal seit vielen Wochen, daß sie für einander Zeit hatten.

Marianne spürte keine Lust, in den Speisesaal hinunter zu gehen.

Sie konnte heute keine fremden Menschen mehr sehen. Sie hatte keine Geduld, um mit anderen zu schwatzen. Sie zog es vor, das Abendbrot hier oben zu nehmen, wo man schweigen konnte – oder vom morgigen Tag reden – wenn es nicht anders ging. Obwohl sie sich ganz sicher fühlte, war sie dennoch erregt.

Debüt bleibt Debüt! Und außerdem hatte sie das Gefühl: Dieser Abend morgen ist auch für mein ganzes übriges Leben entscheidend. Er bedeutet einen Wendepunkt. Aus dem Dunkel trete ich in das blendende Licht der Öffentlichkeit. Die Folgen sind unabsehbar und unberechenbar. Nur der erste Schritt ist frei – dann klirrt schon eine Kette, die uns nach vorwärts oder rückwärts reißt und uns erinnert, daß wir Sklaven sind.

Eine plötzliche Bangigkeit befiel sie. Eine dunkle, witternde Angst vor dem Kommenden, dem Unbekannten, dem Unabwendbaren, dem Unwiderruflichen.

Nein, nein, sie wollte nicht auftreten! Sie wollte nicht gesehen, gefeiert, berühmt werden. Sie wollte keine Spielpuppe der Männer, kein Schauobjekt der Menge werden, das man für Geld beklatscht oder auszischt; das sich und seine Schönheit und sein Temperament täglich zur Schau stellt und prostituiert.

Eine keuchende Angst trieb sie plötzlich an Ernö Kalmars Seite hinüber. Sie flehte:

»Reisen wir ab! Gehen wir durch! Zahlen wir die Konventionalstrafe! Ich zahle sie! Ich gebe allen Schmuck, den du mir geschenkt hast, dafür her! Aber laß mich nicht auftreten! Du wirst sehen, es wird ein Unglück, für dich und für mich! Ich fürchte mich für uns beide! Mir ekelt! Stoße mich nicht auf die Bühne hinaus – unter diese widerliche Horde! Laß mich bei dir! Ich bin jung, ich bin schön ... ich habe dich ja noch lieb ... noch immer ... ich bin dir dankbar ... und will dir noch dankbarer sein ... mache mich zu deiner Frau ... du wirst es nicht zu bereuen haben ...«

Und ein Wein- und Schreikrampf schüttelte die Wehrlose.

Kalmar tat sein möglichstes, sie zu beruhigen ... legte sie aufs Ruhebett, wusch ihr die Schläfen.

»Aber schau, Marianne ... ich sag ja nicht nein ... wir werden gewiß einmal zusammenkommen – früher oder später ... doch deswegen kannst du doch ruhig morgen auftreten. Du bist schön, du hast etwas gelernt – du wirst einen großen Erfolg haben. Wir werden uns beide darüber freuen, wenn es endlich soweit ist mit dir ... Du bist heute nervös ... Das ist das Lampenfieber. Morgen wirst du das alles ganz anders ansehen. Wirst lachen über deine kindischen Bedenken von heute und mir dankbar sein, daß ich dir zugeredet und dich abgehalten habe, eine Dummheit zu begehen, und für dich fest geblieben bin. Du wirst unter allen Umständen einen Riesenerfolg haben ... Es kann gar nicht anders sein ...! Ich spür' das förmlich!«

»Ernö, ich will keinen Erfolg ... ich will dich ... du sollst für mich auf der Welt sein – und ich für dich. Bist du denn nicht ein bißchen eifersüchtig, wenn so alle Blicke auf mir brennen werden ... wenn sie mich anstarren werden, mit den Gläsern ... wenn die Männer reden werden über meine Schultern, über meine Beine ... über meine Hüften ... wenn ich so dahinrasen werde, wenn die Musik mich entzündet und alles aufflackert in mir ... Ich fürchte den Funken!«

»Das ist alles nur Kinderei – diese Stimmungen zwischen Angst und Erwartung hat wahrscheinlich jeder durchzumachen. Und an dieses Anstarren gewöhnt man sich. Da findet man mit der Zeit nichts dabei! Im Gegenteil! Es fehlt einem, wenn es einmal ausbleibt! Das hat mir noch jeder Künstler gestanden.«

»Also gut, du läßt es darauf ankommen ... selbst auf die Gefahr hin, daß von morgen an zwischen uns beiden ein Riß entsteht, der nicht wieder gut zu machen ist ... der sich erweitern wird ... der uns noch schließlich auseinandertreiben wird.«

Kalmar lächelte überlegen – und vielsagend.

»Ich lasse es darauf ankommen, weil ich nicht an diesen Riß glaube.«

»Gut! Also dann trage die Folgen deiner Kurzsichtigkeit ... ich habe dich gewarnt.«

Böse und verbissen schrillte das Wort durch den Raum. Ihre dunklen Augenbrauen schoben sich zusammen, daß sie wie ein einziger Bogen die grün leuchtenden Augen überspannten.

Wie ein böses Katzentier, das sprungbereit auf der Lauer liegt, sah sie in diesem Augenblick aus.

»Gut! Du hast es gewollt! Ich habe dich gewarnt! Ich werde auftreten morgen! Die Welt soll mich sehen, soll sich an mir weiden – sie wird genug zu sehen haben! Sie sollen auf ihre Kosten kommen.«

Ohne eine Entgegnung von Ernö noch abzuwarten stand sie brüsk auf und verschwand in ihrem Zimmer.

Kalmar seufzte erleichtert auf.

»Ein herrliches Weib – aber mühsam. Sie erschwert sich und mir ganz unnütz das Leben.«

Dann zündete er sich noch eine Zigarre an und fuhr in den Automobilklub, dem er seit kurzer Zeit angehörte, um die halbe Nacht beim Spiel zu verbringen.

Marianne hatte bis zum letzten Augenblick gelauscht und immer noch gehofft, er würde zurückkommen und ihr etwas Liebes sagen. Sie wartete auf das »Liebe«.

Aber Minute auf Minute schwand – und nichts geschah.

Da knarrte nebenan die Tür und wurde geschlossen und abgesperrt. Kalmar war gegangen!

Mariannens Spannung wich – totmüde warf sie sich aufs Bett.

»Es ist entschieden.«

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