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Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 19
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
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18.

Die Notenpresse arbeitet fieberhaft ... immer neue Berge von Papierfetzen produziert sie. Zehntausendkronenscheine! Fünfhunderttausendkronenscheine! Man zahlt im Inland mit wertlosem Geld, das keiner mehr nehmen will. Im Ausland droht jeden Moment die Gefahr, daß die Krone gestrichen wird ... Was dann?

Die Inflation steigt wie das Manometer eines überheizten Kessels, der vor der Explosion steht. Niemand will noch Kronen besitzen, sondern nur mehr Realwerte. Die Flucht vor der Krone wird zum Schlagwort der Menge.

Ein Börsenrun setzt ein. Jeder will sein Geld in Mitbesitz an Eisenwerke, Bahnen, Brauereien, an Industrieunternehmungen, an Transportsyndikaten umwandeln: Juli Süd ... Alpine ... Felten ... Poldihütte ... A.E.G ...

Ein Papier nach dem andern klettert in die Höhe.

Ein Börsenspekulationstaumel erfaßt die Stadt.

Riesige Scheingewinne werden realisiert. Einer steigert den anderen. Kauft – verdient ... wirft weg – und kauft wieder ...

Kluge setzen ihren raschen Gewinn in Häuser, Liegenschaften, Schmuck, Antiquitäten, kurz in Sachwerte um. Nur kein bares Geld im Hause haben!

Vielleicht schon morgen ist es nichts mehr wert. –

Ernö Kalmar steht mitten drin im tosenden Betrieb des Börsenspieles.

Zwischen Berlin, Wien, Zürich, New York laufen seine Telegramme.

Er verdient, verdient!

Seine Konti im Inland und im Ausland wachsen.

Millionen werden zu Milliarden!

Aus Kaffeehäusern werden Bankfilialen – alte Adelspaläste müssen es sich gefallen lassen, daß in ihre Prunksäle Gipswände eingebaut werden, um sie zu Bankbureaus zu machen.

Vor den Auslagen der Wechselstuben drängen sich in den Mittagsstunden die Menschen und studieren den Kurszettel.

Kaum daß man die Abendblätter erwarten kann, um den Verlauf des Börsentages zu erfahren. Was habe ich gewonnen? Was soll ich kaufen? Was soll ich verkaufen?

Die Bankdirektoren nehmen sich zwanzig oder noch mehr Milliarden aus dem Bankvermögen und spekulieren für sich. Geht's gut, ist es ihr Gewinn ... geht's schlecht – hat es die Bank zu tragen, denn in diesem Falle hat sie für die Aktionäre gearbeitet.

Ernö Kalmar ist überall mitten drin. Bei Syndikaten und Konzernen ... Bei enthusiastischen Emissionssyndikaten und bei Rückkaufssyndikaten, die künstlich eine pessimistische Sphäre um gewisse Papiere schaffen, um sie billig zu kaufen.

Ernö Kalmar geht nicht mehr zu Fuß – er hat schon einen Mercedes mit seinem Monogramm am Wagenschlag.

Er gibt bereits Diners bei Sacher.

Für Marianne hat er wenig Zeit – und Marianne hat auch wenig Zeit für ihn. Er stellt ihr jede Summe zur Verfügung, die sie für ihre Karriere braucht, aber im übrigen ist er nachlässiger und unaufmerksamer geworden. Das Geschäft tötet jede zartere Intimität.

Man sieht sich nur bei den Mahlzeiten.

Heimlich ist Kalmar bereits entschlossen, Marianne mit einem größeren Betrag sicherzustellen und abzufertigen und dann eine Ehe zu schließen, die seinen neuen Reichtum mit dem alten fest verbindet und sein Parvenütum auslöscht – oder, wenn das nicht geht, irgendeine junge Aristokratin, die es nötig hat, ihr Wappen neu vergolden zu lassen ...

Das reizt ihn eigentlich noch mehr als das Geld, daß er – Ernö Kalmar aus Klausenburg, Schauspieler, Juwelenagent, Journalist, Terrorist, Emigrant, Hungerleider, Winkelbankier, Kokainhändler – und weiß Gott, was noch alles – heute so dasteht, daß er sich den Luxus gönnen kann, eine irgend verarmte Esterhazy, Erdödy oder Appony nicht ohne Aussicht auf Erfolg zu begehren.

Der Lakai, der sich zum Herrn aufgeschwungen hat, regt sich! Untertanenblut läßt sich nicht verleugnen – auch wenn es durch die Adern eines Freigelassenen strömt – er begehrt, er herrscht – und dient doch.

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