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Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 18
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
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17.

»Ah, da schau her«, sagte Doktor Pummerer eines Tages, als er Ernö Kalmar und Marianne im Speisesaal des Hotels traf ... Und von diesem Augenblick an wußte ganz Wien: Marianne Hartenthurn ist die Geliebte des Ernö Kalmar, der Glück gehabt hat.

Von jetzt ab kannte Doktor Pummerer wieder Marianne, von jetzt ab war sie wieder sein liebes Baronesserl – denn mit der Geliebten von einem Ernö Kalmar, der ein so geschickter Kerl ist, muß man sich verhalten, der wird entweder Milliardär in diesen Zeiten oder er endet im Kriminal. Dann gibt's wenigstens eine fette Vertretung!

Von da an erschien Doktor Pummerer häufig im »Bristol« und lud sich, ohne viel zu fragen, selbst zum Essen.

»Ein armer Rechtsanwalt muß schauen, daß er zu einem guten und billigen Paperl kommt! Was macht denn so ein Menü aus für einen großen Herrn von der Börse?!«

Marianne empfand die plumpe Vertraulichkeit Doktor Pummerers höchst lästig. Aber Ernö bat sie, ihn um seinetwillen zu dulden.

Es dauerte nicht lange, da wußte sie durch eine Indiskretion Doktor Pummerers auch von der Geschäftsverbindung Kalmars mit Präsident Wiesel, die Ernö bis zu diesem Augenblick vor ihr geheim gehalten hatte.

Klarer und klarer wurden ihr die Zusammenhänge des Lebens und ein Ekel überfiel sie bisweilen.

Aber sie sah keinen Ausweg aus der Wirrnis, in die sie geraten war.

Sie war manchmal recht froh, daß Kalmar jetzt häufig nach Berlin fuhr.

Auch dort war es soweit gekommen, daß man mit der Not der Zeit Geschäfte machen konnte. Man kaufte derzeit billig in Berlin; der Marksturz war dem Kronensturz gefolgt.

Auch Anka von Bergen und Lisa Varnay erschienen eines Tages im »Bristol«. Sie hatten das Gefühl: Man muß im »Bristol« beim Lunch gesehen werden. Vielleicht findet sich der oder jener, der in irgendeiner Weise geschäftlich in Betracht kommt.

Ihr Spielsalon ging in der letzten Zeit auch nicht mehr so glänzend wie früher. Man mußte sich anderweitig schadlos halten.

Die auswärtigen Missionen waren zum größten Teil schon wieder abgereist. Auch die valutastarken Ausländer, die Wien und Österreich bereisten und auskauften, wurden immer seltener.

Die erotische Konjunktur begann abzuflauen.

Die geschäftstüchtigen Damen mußten notgedrungen den Einheimischen wieder etwas mehr Beachtung schenken als bisher.

Das bedeutete allerdings einen beträchtlichen Valutasturz ...

Es war selbstverständlich, daß sie zu ihrem ehemaligen Hausbankier, der noch dazu Karriere gemacht hatte, an den Tisch kamen.

Natürlich hatten sie schon von Marianne gehört und behandelten sie sofort kameradschaftlich und kollegial – beinahe mit ein bißchen Bewunderung.

»Es war ja so klug von Ihnen, damals den Präsidenten Wiesel abfallen zu lassen. Er hat seit damals schon die dritte Freundin, es hält's ja keine aus mit ihm. Diese Launen, diese Nervosität – und dann die Unregelmäßigkeit des Lebens, zu der er einen zwingt. Einmal kommt er vormittag, dann wieder um zwei Uhr in der Früh – und immer soll man auf ihn warten und bereit sein und selig, daß er überhaupt kommt. So viel kann einem ja überhaupt kein Mann bieten, um das auf die Dauer auszuhalten. Er spielte sich geradezu als der reine Napoleon auf. Der hat sich auch immer so schlecht benommen.«

Immer peinlicher empfand Marianne das Zweideutige ihrer Lage, ohne es ändern zu können.

Die Hoffnung, Ernö werde sie heiraten, hatte sie bereits aufgegeben. Sie empfand es jetzt deutlich – sie mußte als Künstlerin etwas erreichen. Das bedeutete Selbständigkeit, bedeutete Geltung, unabhängig von dem Mann, der für einen sorgt, vielleicht sogar die Möglichkeit der freien Wahl.

Und beinahe über Nacht erwachte ein Ehrgeiz in ihr, den sie bisher nicht gekannt hatte. Sie hatte es satt, nur die Geliebte Ernö Kalmars – und sonst weiter nichts zu sein.

Das mußte anders werden. Und zwar so rasch wie möglich.

Sie verdoppelte ihren Arbeitseifer, verzichtete auf Theater, Konzerte und Gesellschaft, bis sie endlich von Luisa Ratazzi die bündige Erklärung hatte: Sie sei reif, vor ein Publikum zu treten.

Keinesfalls aber sollte es vor November geschehen. Zu erwägen war auch, ob in einem ausgesprochenen Tanzlokal – Tabarin oder Chapeau rouge – oder in einem der großen Varietés wie Apollotheater oder Ronacher.

Die Theaterfachleute warnten: Die Zeit sei schlecht, die Lokale wären schwach besucht – die Ausländer fort, und die Einheimischen hätten kein Geld. Es wäre klüger, auf eine Besserung der wirtschaftlichen Zustände zu warten – auf die versprochenen Auslandshilfen und Kredite, auf eine Börsenstimmung, die weniger trostlos sei als die jetzige. So wie jetzt könne es nicht bleiben. Es müsse eine Wendung kommen – hinauf oder hinunter. Staatsbankrott oder Sanierung ... völliger Zusammenbruch oder Aufschwung.

Bis gegen Neujahr würde man wissen, wie man daran sei – vor Jänner also sei an ein Auftreten nicht zu denken. Man könne ja bis dahin alles vorbereiten.

Marianne sah diese praktischen Argumente ein, die ihr das magere Zeitungsschlieferl mit den goldblonden Lockerln und der fettigen Stirne und den kurzsichtigen, bezwickerten Augen mit Aplomb und selbstgefälliger Wichtigtuerei auseinandersetzte, und ließ sich auf Januar vertrösten. Aber ihre Glanznummern wollte sie bis dahin unter allen Umständen fertig haben.

Der Klavierspieler und heimliche Komponist aus der Ratazzi-Schule hatte auf ihren Auftrag hin eine Reihe von Tanzevolutionen für sie zusammengestellt, aus der sie die Auswahl treffen sollte.

Die Nummern sollten bis zum Debüt strengstes Geheimnis bleiben. Die Noten für die einzelnen Stimmen des Orchesters sollte der Komponist, der in diesem Falle mehr Kompilator war, selbst und eigenhändig herausschreiben, damit niemand vorzeitig Einblick in die Partitur gewänne und eine Ahnung bekäme, um was es sich eigentlich handelt.

Frau Luisa Ratazzi übernahm selbstverständlich den choreographischen Teil der Arbeit; die Kostümfigurinen entwarf ein junger Kunstgewerbler, der mit dem Komponisten befreundet war.

Eine fieberhafte Tätigkeit aller Beteiligten setzte ein.

Aber auch Ernö Kalmar sollte überrascht werden, und man wahrte das Geheimnis des Programmes auch vor ihm.

Bei drei verschiedenen Schneiderinnen wurden die Kostüme zusammengestellt, die für die Tanznummern nötig waren; die Stoffe hatte der junge Kunstgewerbler ausgesucht.

Die Herbstmonate gingen im Fluge dahin. Arbeiten, Konferenzen und Proben füllten den Tag. Ein angenehmes Prickeln der Erwartung begann Marianne zu schütteln. Sie wurde übermütig und hinreißend und strahlend in ihrer Lustigkeit.

Täglich etablierte sich im »Bristol« ein Stammtisch von Herren, dessen Mittelpunkt die sprühende Marianne war.

Ernö Kalmar wurde stolz. Eine Baronin, eine Generalstochter, eine so schöne Person, überdies in Gesellschaft eine so amüsante Frau ... und alles das gehörte ihm – Herrn Ernö Kalmar aus Klausenburg – ehemals Schauspieler, ehemals ... Aber weiter dachte er nicht gerne.

Er hatte es wirklich weit gebracht und Glück gehabt.

Und sein Vermögen wuchs mit dem Elend Österreichs.

Eine Besserung der Zustände wäre nur eine Verminderung seiner Erfolgchancen gewesen.

Täglich saßen sie so beisammen – die Gewinner und ihre Parasiten und Zutreiber.

Der Haute Sauterne des »Hotel Bristol« war noch Friedensware. Und wenn draußen auch die dunkle Masse nach Arbeit schrie und hungerte, wenn der Mittelstand und alle Geistigen an den Bettelstab kamen, wenn das Heer der Arbeitslosen auch unheimlich anschwoll – im warmen, hell erleuchteten Saal des »Hotel Bristol« war von all dem nichts zu merken und zu spüren.

Für Geld stand den Fremden und den Stammgästen alles zu Gebote!

Wieder hielt man fröhliche Mittagstafel schon über die gewohnte Stunde hinaus ... da auf einmal ein vielstimmiges Schreien, ein Klirren von zerschmettertem Glas ..., ein Dröhnen wie von stürzenden Objekten ... eingehender Ruf: »Die Arbeitslosen sind da!«

Und schon stürmten sie das »Hotel Bristol«.

Einer voran mit einer Eisenstange und Männer und Weiber hinter ihm her.

Es klirren die Spiegel, es zerkrachen die Möbel, die Marmorverkleidung der Wände geht in Scherben.

Die Kristalluster schmettern zu Boden, Speiseservice und Weinkaraffen kollern über die Tische, von denen die Tücher herabgerissen werden. Die Pelze und Mäntel, die im Vorraum untergebracht waren, wandern auf die Straße und bekleiden, wunderlich und maskenhaft, ausgemergelte Hungergestalten.

Der mit der Eisenstange hat einen weißen Damenhut mit nickenden Straußfedern über den Schädel gezogen und zerdrischt brüllend alles Erreichbare.

»Hin muß alles sein, hin – eher wird's nicht besser auf der Welt!«

Über die Weinflaschen und Liköre sind sie hergefallen. Einer hat eine Ziehharmonika mit, der andere wirft seine Lumpen ab und zieht einen eleganten Herrenanzug an, den er irgendwo ergattert hat. Ein Dritter wirft seine durchlöcherten Schuhe fort und versucht mit kindischer Freude ein Paar funkelnagelneue »Amerikaner«.

Bis in die Stockwerke hinauf dringt die rasend gewordene Menge und plündert, verwüstet, tobt ihren Zorn aus und lacht ... singt ... brüllt und sauft und frißt ... und lebt, lebt, lebt ... endlich wieder ... und befreit sich – wenn auch nur für Minuten – von dem fürchterlichen Druck und der Last ihres Jammerdaseins.

Über Hintertreppen und dunkle Korridore ist die fröhliche Tischgesellschaft schreckensbleich geflohen.

Draußen die Kommandorufe der Polizei, die das Haus zerniert hat und langsam einzuschreiten beginnt.

Pferdegetrappel der Berittenen auf dem Asphaltpflaster, Sukkurs ist eingetroffen.

Die Verhaftungen beginnen.

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