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Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 17
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
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16.

Milliardenwerte waren glücklich verschoben worden.

Vom Augenblick, wo Ernö Kalmar sicher war, daß Marianne im Kinderzug unangefochten in die Schweiz kommen würde, hatte er begonnen, eine fieberhafte Tätigkeit zu entfalten.

Er wußte: Die Provision für den Transport der Juwelen ins Ausland würde so viel betragen, daß die Summe unter allen Umständen eine Existenzsicherung bedeuten würde.

Er beschloß infolgedessen, alles bisher Erworbene für einen großen Coup einzusetzen.

Seit Wochen bereits hatte er seiner Züricher Bank den Auftrag gegeben, durch Vertrauensleute privat alle erreichbaren Kronenbeträge, sowie sie von den Nachfolgestaaten und dem übrigen Ausland nach Zürich strömten, unauffällig aufkaufen zu lassen.

Während diese Manipulation in Zürich vonstatten ging, benützte Kalmar die Zeit, in Wien seinen Kredit aufs äußerste anzuspannen und kaufte Schweizer Franken – und immer wieder Schweizer Franken, mit Termin bis zum zwanzigsten Juni.

Zwei Tage nach Marianne traf er in Einsiedeln, wo die Kinder untergebracht waren, ein. Marianne hatte ihn mit bebender Nervosität erwartet. Nur los werden wollte sie die Sache, nur los werden. Jedes Klingelzeichen, jedes laute Wort machte sie Zittern.

Aus Mariannens Händen empfing er das kostbare Ledersäckchen. Alles war gut gegangen, kein Mensch hatte den Zug auf unerlaubte Ausfuhr untersucht. Der Reiz der seligen, lachenden, jubelnden Kinder hatte keinen Verdacht auch nur aufkommen lassen. Marianne hatte ihre krankhafte Blässe mit Eisenbahnmigräne entschuldigt – und man hatte ihr ohne weiteres geglaubt und sie bedauert.

»Marianne, jetzt kann uns nicht mehr viel geschehen. Jetzt soll noch eine andere Sache gut ausgehen – und dann sind wir über den Berg. Ich fahre für zwei Tage nach Paris, dann komme ich nach Zürich zurück und bleibe vierzehn Tage in Zürich. Wenn du einen Weg findest, deine Verbindlichkeiten als Aufsichtsdame zu lösen, komm zu mir herüber, wir fahren dann noch an den Vierwaldstätter See oder nach Lugano – je nach dem Wetter und nach unserer Laune. Es wird uns beiden gut tun, eine Zeitlang den Wiener Elendsdruck los zu sein.

Marianne war, wie immer, mit allem einverstanden. Je länger sie von Wien fern blieb, je mehr die Künstlerkarriere im Schatten versank – desto besser.

Ernö Kalmar kehrte von Einsiedeln nach Zürich zurück.

Er begann von der Züricher Börse aus eine neue wütende Attacke auf die österreichische Krone.

Er gab und gab – und verschleuderte seine aufgehäuften Kronenwerte.

In wilden Sprüngen sauste die Krone herab.

Eine panikartige Baisse erschütterte die Wiener Börse.

Mit einem ungeheuren Ruck stieg der Schweizer Franken empor.

Mit einem geringen Bruchteil seines Frankenkontos löschte Kalmar seine Kronenschulden in Wien – noch ehe das Wiener Finanzministerium sich entschlossen hatte, durch eine neuerliche Aktion die Krone zu stützen.

Für alle Fälle aber konvertierte Kalmar sein Guthaben an Schweizer Franken in Pfunden und Dollar.

Der große Coup war geglückt.

Er war ein wohlhabender Mann in auswärtigen Valuten geworden und unabhängig von den weiteren Ereignissen in Wien.

Aber auch den Reservebetrag, den er für die Überführung der Juwelen in Paris erhalten hatte, schlug er zu seinem Schweizer Depot.

Pfunde, Dollar und Schweizer Franken – diese Dreiheit war die Leidenschaft seines Lebens geworden, gegen die alles andere weit zurücktrat.

Gegen Ende des Monats kam Marianne aus Einsiedeln nach Zürich.

Das stille Leben unter günstigen Bedingungen hatte ihr unendlich wohlgetan. Sie war schöner als je.

Ernö Kalmar hatte nicht mehr viel an sie gedacht. Aber jetzt, als er sie so verlockend vor sich sah, flammte seine Leidenschaft für das herrliche Geschöpf mächtig empor.

Er überhäufte sie mit Zärtlichkeiten und Geschenken. Er war überhaupt in einer verklärten Stimmung – wie immer, wenn er viel verdiente. Er brauchte nicht mehr zu sparen und zu sorgen. Er hatte sich die Freiheit und Unabhängigkeit erkämpft.

Da drunten in Ungarn, wo er zu Hause war, ging es wüst zu. In Österreich regierte das Elend, und er saß mit einem wundervollen Geschöpf, um das er beneidet wurde, in der Schweiz. Er hatte noch nichts von der Welt gesehen und Marianne auch nicht.

»Weißt du was, mein Kind? Deine Karriere hat doch Zeit bis zum Herbst. Vor November brauchst du nicht aufzutreten. Es ist Zeit, wenn wir Ende August nach Wien zurückkommen. Bis dahin wollen wir es uns gut gehn lassen.«

Und dabei blieb es.

Es war ein tiefes Atemholen für beide.

Mit rührender Geduld und unerschöpflicher Liebe umgab Marianne den Mann, der ihr so viel gegeben hatte, daß sie ihm nichts verweigern konnte, an dem sie mit allen Fasern ihres Gemütes hing.

Und doch gab es Momente, wo sie das Gefühl hatte: Ich stürze gegen eine dicke Glaswand und schlage mir den Schädel blutig. Ein letzter, allerletzter, tiefster seelischer Zusammenhang, ein Vertrauen auf Tod und Leben, wollte sich nicht einstellen. Irgendein dunkler Widerstand war in ihm, den sie immer wieder fühlte, den sie weder überwinden noch erklären konnte.

Das waren die Augenblicke, wo sie mitten im Glanz eines äußeren Glückes eine unendliche Verlassenheit und trostlose Einsamkeit empfand, die sich bis zu Tränen steigerte.

»Was du für eine Ursache zu weinen hast, möchte ich auch wissen! Besser kann's einem doch wirklich nicht gehen. Weiberlaunen, Hysterie!«

Unwillig ließ er sie allein. Denn er haßte Tränen und Szenen. Überflüssige Seelenübungen, wie er das nannte.

Anfang September kehrten sie nach Wien zurück.

Sie fanden die Zustände trostloser als je.

Der ungeheure Kronensturz hatte die Verhältnisse unendlich verschärft. Sie mußten sich erst an die lächerlichen Beträge gewöhnen, die für die geringsten Kleinigkeiten verlangt wurden. Freilich, wenn sie es wieder auf die Schweizer Franken umrechneten, mit denen sie jetzt zwei Monate lang gerechnet hatten, so kamen wieder so geringe Summen zum Vorschein, daß sie das Gefühl hatten: Wir leben ja in diesem armseligen Wien umsonst.

Ernö Kalmar hatte nicht im entferntesten daran gedacht, von dem großen Gewinn, der ihm durch Mariannens Reise mit dem Kinderzug zugefallen war, irgendeinen Teilbetrag auf ihren Namen schreiben zu lassen.

Allerdings, Marianne, gedankenlos und ohne Interesse für Geldsachen, froh, daß sie überhaupt versorgt war – hatte es auch nicht beansprucht. Soweit dachte sie nicht. Sie freute sich kindisch, daß sie in Zürich eine Perlenkette, einen hübschen Ring und sonst noch allerhand wertvolles Schmuckzeug bekommen hatte.

Sie fragte nicht einmal, wieviel Geld ihrem Ernö der Schmuggel, den sie für ihn durchgeführt, getragen hatte. Von der Angst abgesehen, hatte sie eigentlich nicht einmal moralische Bedenken gehabt.

Schwer enttäuscht war sie nur, als Ernö mit ruhiger Selbstverständlichkeit verlangte, sie solle ihre Tanzstunden weiterführen. Aber gewohnt zu gehorchen, tat sie es auch dieses Mal und stellte sich gehorsam wieder bei Luisa Ratazzi ein.

Aber eine andere Sache war es, die Marianne viele bittere Stunden bereitete.

Willig war sie wieder zur Tanzarbeit zurückgekehrt – willig in ihre bescheidene, kleine Wohnung ... mit ihren schlichten Möbeln und den großen Unbequemlichkeiten.

Ernö Kalmar aber war, verwöhnt vom Schweizer Hotelluxus, nicht mehr mit seinem einfachen Zimmer zufrieden.

Er machte Marianne den Vorschlag, ins »Hotel Bristol« zu übersiedeln. Er fand auf einmal nötig, einen Empfangsraum zu besitzen, und wünschte eine Bedienung, die er jeden Moment in Anspruch nehmen konnte. Nichts war ihm mehr gut genug. Was ihm vor einem Jahr noch als höchstes Ziel seiner Wünsche vorgeschwebt hatte, empfand er jetzt als unmöglich und unerträglich.

Aber diesmal stieß er bei Marianne auf Widerspruch.

Sie weigerte sich einfach, die Wohnung ihrer Eltern zu verlassen, so primitiv sie auch war. Sie hing an diesen alten »Scherben«, wie sie Ernö Kalmar pietätlos zu bezeichnen pflegte.

Auch den Vorschlag, die alte, kleine Wohnung neu zu möblieren, nahm sie nicht an ... So wie es war, sollte alles bleiben.

»Wenn's für die Eltern gut genug war, ist es auch für uns gut genug.«

Seiner Art entsprechend, dachte Kalmar, sie vor eine vollendete Tatsache zu stellen, und teilte ihr mit, er habe mit dem Direktor des »Bristol« ein Abkommen getroffen und ein gemeinsames Appartement gemietet, bestehend aus einem Salon und rechts und links davon je ein Schlafzimmer mit Ankleide- und Baderaum.

Aber auch diese Überrumpelung hatte keinen Erfolg.

Ernö Kalmar wurde zum ersten Mal gereizt und erklärte, er werde das Appartement auf jeden Fall beziehen, denn das sei er seiner Stellung schuldig, und er hoffe, Marianne werde ein Einsehen haben und ihm dahin folgen, wenn sie sich alles überlegt haben werde.

Und so schieden sie zum ersten Male verstimmt von einander.

Aber Marianne folgte diesmal nicht.

Ein merkwürdiger Starrsinn war in ihr erwacht. Irgendein zarteres Band, das sie bisher willenlos an Ernö gefesselt hatte, war zerrissen.

Sie konnte sich selbst darüber keine Rechenschaft geben, woher sie auf einmal die Kraft zum Widerstand nahm. Aber sie hatte sie und blieb in ihrer Wohnung.

Wenn Kalmar sie sehen wollte, mußte er zu ihr kommen. Das neue Appartement betrat sie um keinen Preis.

Sie speisten zusammen im Grill-Room oder im großen Speisesaal, aber weiter ging sie nicht. Sie haßte das Hotel, das ihre häusliche Idylle zerstört und sie und Kalmar mit seiner kalten und banalen Pracht entfremdet hatte.

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