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Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 16
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
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15.

Am Westbahnhof stand der Kinderzug bereit.

Der Vizebürgermeister, die Herren der Schweizer Gesandtschaft, der Polizeipräsident, die Komiteemitglieder der Kinderhilfsaktionen, mitten unter ihnen die schwarze Erscheinung der Frau Regierungsrätin Selma Boskovits-Silbermann.

Man sah nur sie, hörte nur sie, sie organisierte alles.

»Napoleon im Unterrock!« bemerkte einer.

Die Kinder nahmen Abschied von den Eltern. Sie wurden in Achterreihen aufgestellt, jedes Grüppchen bekam ein Aufsichtsfräulein.

Die Aufsichtsfräulein, die den Kinderaufenthalt in der Schweiz mitmachen sollten, hatten alle über ihre Kleider blaue Leinenschürzen und ebensolche Ärmel. Auf dem Kopfe trugen sie weiße Häubchen.

Ein Kinooperateur arbeitete – die Zeitungsreporter notierten.

Da kam es im letzten Augenblick noch zu einer reizenden Überraschung.

Mit drei großen Körben erschien ein Kinderfreund und Finanzmann, der schon eine ansehnliche Spende für die Ausstattung der Kinder zur Verfügung der Frau Regierungsrätin gestellt hatte.

Alle drei Körbe enthielten Teddybären – schwarze, braune, gelbe, weiße ...

Und alle diese Teddybären wurden an die Kinder verteilt.

Im Nu waren alle Tränen getrocknet. Der Abschiedsschmerz machte einem lachenden Jubel Platz.

Und in dieser Stimmung ging die gefürchtete Einwaggonierung der Kinder klaglos vonstatten.

Hoch klingt das Lied vom braven Mann! Der Name Ernö Kalmars – so hieß der edle Spender – war in aller Munde und verdunkelte sogar für ein paar Minuten die Popularität der verdienstvollen Philantropin Boskovits-Silbermann.

Unter den Aufsichtsdamen, die mit den Kindern in die Schweiz fuhren, war auch Marianne Hartenthurn.

Ernö Kalmar hatte ganz fremd und formell getan, um die Leute nicht aufmerksam zu machen – vor allem, um Marianne nicht unnütz aufzuregen, denn sie war blaß und ihre Hände zitterten.

Einen einzigen Moment nur trat er auf sie zu.

»In deiner Kindergruppe ist ein einziger weißer Teddybär ..., schau' ihn dir gut an – er ist der einzige, der zweierlei Augen hat ... ein blaues und ein gelbes. Diesen Teddybären mußt du, sobald du über die Schweizer Grenze bist, dem Kind auf eine Viertelstunde wegnehmen. Du trennst die Rückennaht auf, nimmst das Ledersäckchen heraus und verwahrst es unter deinen Effekten. Übermorgen bin ich auch in der Schweiz – werde die Kinder besuchen und du händigst mir das Ledersäckchen ein. Wenn an der Grenze etwas passieren sollte – was ich zwar nicht glaube – hast du nichts gewußt und bist unangreifbar ...«

Mit freundlichen und außergewöhnlich lauten Wünschen für das gute Gelingen der Aktion verabschiedete sich Ernö Kalmar, bedankt und gefeiert von allen Anwesenden, und verschwand mit vollendeter Harmlosigkeit.

Mehr tot als lebendig begab sich Marianne zu ihren Kindern, mit scheuem Blick den gewissen Teddybären erspähend und im Auge behaltend.

Der Zug rollte ab unter Zurufen und Tücherwehen und Schluchzen der zurückbleibenden Eltern.

Und mit dem Zug rollten wohlgeschützt und verborgen die gesamten Perlen und Brillanten einer hochfürstlichen Familie ins sichere Ausland.

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