Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 15
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
Schließen

Navigation:

14.

Der Gedanke, daß Doktor Pummerer, den er doch mit Doktor Banciu im Spielsalon kennen gelernt hatte, mit Präsident Wiesel so liiert sei, ließ Ernö Kalmar nicht mehr zur Ruhe kommen.

Sein Geschäftsgeist war erwacht. Diese Verbindung mußte hergestellt und ausgenützt werden. Da war ein Weg, der nach oben führte ...

Natürlich mußte sich alles abspielen, ohne daß der Präsident Wiesel erfuhr, daß die schöne Marianne, nach der er vergeblich seine Hand ausgestreckt hatte, die Freundin des Mannes geworden war, der sich an ihn heranmachte, um ihn ein bißchen auszunutzen.

Vorerst galt es, Herrn Doktor Pummerer zu kapern und ihm eine tüchtige Portion Geld in den Rachen zu werfen, um so die sichere Brücke zu gewinnen, die zum anderen führte, dem das ganze Manöver eigentlich galt.

Nachdem es mit Marianne und ihm nun einmal soweit gekommen war, war es für ihn selbstverständlich, daß er auch die Sorge für ihre weitere Existenz übernahm.

Nichtsdestoweniger sollte an dem Plan ihrer Ausbildung zur Tanzattraktion festgehalten werden.

 

Anfang März nahm Ernö Kalmar wieder sein normales Leben auf: die Tagesgeschäfte in den diversen Kaffeehäusern, in denen die Abschlüsse über Import und Export zustande kamen und die diversen Akkreditive ausgetauscht wurden – und die Nachtgeschäfte im Salon der Damen Varnay und Bergen.

Eines Tages hatte Kalmar das Geschäft, das gut genug war, um an Doktor Pummerer damit heranzutreten.

Zwei Italiener hatten glücklich drei Kisten mit Saccharin nach Wien gebracht und sie wohlbehütet vor den Augen der Wirtschaftspolizei in einer Privatwohnung untergebracht.

Wohl wäre Kalmar imstande gewesen, ihnen das Saccharin einfach abzukaufen und das Geschäft allein abzuwickeln – aber er wollte Doktor Pummerer daran verdienen lassen.

So kam er zu ihm, erinnerte ihn an die nächtliche Szene bei Anka von Bergen mit der falschen Alarmnachricht und wurde auf das netteste aufgenommen.

Dann rückte er mit seiner eigentlichen Absicht heraus.

Es wäre ein Geschäft zu machen – ein ganz sicheres, glänzendes Geschäft. Aber er selbst sei nicht kapitalskräftig genug. In Wien lagern drei Kisten Saccharin, sofort greifbar, aber der Kaufpreis sei in Italien zu erlegen. Es könne sie also nur jemand kaufen, der unten ein Depot habe, über das er disponieren könne. Das Saccharin könnte im Schleichhandel mit enormem Profit sofort abgesetzt werden. Es sei weiter gar kein Risiko zu befürchten.

Herr Doktor Pummerer würde natürlich eine höchst achtbare Provision dafür erhalten, wenn er als angesehener Advokat Ernö Kalmar als kredit- und vertrauenswürdig bei irgendeinem großzügig denkenden, modernen Bankmenschen einführen würde. Bei seinen Beziehungen zu den neuen Reichen, Kriegsgewinnern und Bankkönigen würde ihm das gewiß nicht schwer fallen.

»Das kann Ihnen nur einer machen: Präsident Wiesel! Er muß Ihnen bei seiner Bank einen Lire-Kredit einräumen. Außerdem hat gerade er glänzende Beziehungen zu italienischen Banken.«

Nach einer Viertelstunde hatte Ernö Kalmar seinen Einführungsbrief für Präsident Wiesel in der Tasche.

Noch am selben Tage stand Ernö Kalmar vor dem erfolgreichen, großen Finanzmann.

Zum Glück für Kalmar hatte er einen guten Tag.

Der Brief Doktor Pummerers tat seine Wirkung.

Die Bank- und Kommissionsfirma des Präsidenten Wiesel eröffnete ihm einen ansehnlichen Kredit, ein Disponent erhielt vom Präsidenten die nötigen Aufträge und nahm die Beglaubigung Ernö Kalmars entgegen.

Außerdem hatte Präsident Wiesel das Ersuchen Ernö Kalmars, ihn zum Schein in sein Bankhaus aufzunehmen – ohne Gehalt natürlich – akzeptiert.

Auf diese Art hatte ihm Wiesel die Möglichkeit gegeben, sich eine Börsenkarte zu lösen und die jeweiligen schwankenden Stimmungen aus nächster Nähe beobachten und ausnützen zu können.

 

Ernö Kalmar schied zufrieden.

»Ein großzügiger Mann! Er lebt – und läßt andere leben!«

Den Kredit benützte Kalmar sofort – aber anders, als er Doktor Pummerer weisgemacht hatte.

Die Italiener hatten keine Lire im Ausland verlangt – sie wollten Kronen haben, um in Wien Häuser zu kaufen. Kronen hatte Kalmar für dieses Geschäft genug flüssig. Er zahlte die Italiener glatt aus und führte die zugesagte Provision an Doktor Pummerer ab.

So verging keine Woche und das Saccharin war bereits im Schleichhandel überall zu haben.

Ernö Kalmar hatte nicht nur sein Geld hereingebracht, sondern sogar verdoppelt. Was aber den Kredit beim Bankhaus Wiesel anbelangte, so hatte er ihn dahin ausgenützt, daß er sich für alle Fälle ein Depot in Dollar in einer Züricher Bank auf seinen Namen besorgen ließ, was durch die politischen Beziehungen des Bankhauses Wiesel möglich war.

Der Dollar mußte steigen, das war seine feste Überzeugung. Er mußte nach seiner Meinung zehn-, wenn nicht hundertmal so viel wert werden, als er heute galt ...

Bei der fortschreitenden Verelendung Wiens, bei den steigenden Preisen, bei der sinkenden Krone war alles geschäftliche Heil für diesen Moment nur bei den auswärtigen Valuten zu suchen.

Jede erreichbare Krone mußte in auswärtiges Geld umgewandelt und überdies im Ausland deponiert werden. Immer wieder empfand er das als den einzigen Weg zum Reichtum.

Zu England, zu Amerika hatte er Vertrauen, aber nicht zu Wien und nicht zu dem ganzen verlotterten Land.

Er glaubte an kein Steigen der Krone – er glaubte nur an ihren Niedergang und an die ungeheure Indolenz der Stadt, die er keiner soliden, ehrlichen, wertschaffenden Arbeit mehr für fähig hielt.

Eine Industrie nach der anderen stellte ihre Arbeit ein. Es gab kein Geld, Rohstoffe einzukaufen. Die Löhne und die gleitenden Zulagen stiegen. Man konnte die Konkurrenz mit dem Weltmarkt nicht aufnehmen.

Das Ausland kaufte die stillstehenden Maschinen, es kaufte die verkrachten Fabriken und alles nach auswärtigen Begriffen für ein Bettelgeld.

Die Vertreter Österreichs aber zogen von Land zu Land und winselten um Lebensmittelkredite, um Industriekredite, um Anleihen, um Sanierungsmöglichkeiten. Sie drohten mit dem Zusammenbruch, mit der Verzweiflung der Hauptstadt und des Landes.

Die Selbstmorde mehrten sich. Die Zahl der Demonstrationen stieg ... immer mehr Arbeitslose ... und weniger Arbeit und nirgends ein Zeichen der Besserung.

Die Notenpresse arbeitete fieberhaft ... und die Krone sank.

Jeder Monat zeigte einen größeren Banknotenumlauf an.

Die Baissespekulanten in Zürich ritten ihre Attacken auf die Krone weiter.

Vergeblich suchte die Regierung, durch Stützungsaktionen die Krone vor dem gänzlichen Verfall, vor Wertlosigkeit zu schützen.

Man sah den Tag kommen, wo sie von der ausländischen Börsenoptierung gestrichen wird.

Eine Lustigkeit der Verzweiflung brach herein.

»Wenns Geld eh nix wert ist – wozu hebt man's auf!« war die Devise.

Tanz und Spiel und Wein regierten die Stunde.

Jeden Tag gab es Nachrichten von ausgehobenen Spielhöllen, von Überschreitungen der Sperrstunden, von Perlustrierungen in den Kaffeehäusern der Valutenschmuggler und Spekulanten zu lesen.

Während eine kleine Gruppe von Leuten, welche die Zeit verstanden, profitieren, verkommen die anderen im Elend.

Keine Milch für die Kinder. Die Bauern hatten die Milchlieferung für die Großstadt eingestellt. Mit der Fixierung eines Höchstpreises war sie kein Geschäft mehr für die Bauern. Und für soziale Pflichten hatten sie nichts übrig.

»Sollen sie halt Donauwasser saufen und Granitpflaster fressen!«

Züge mit Liebesgaben kamen.

Aber alles war wie ein Tropfen auf einen heißen Stein.

Schreckensbilder, wie man sie aus dem hungernden Rußland oder Indien kannte, stiegen gespensterhaft empor. Fast war es ärger wie in den Kriegstagen. Zwar war alles da – aber unerschwinglich. Also noch aufreizender als früher, da wenigstens alle hungern und sich nichts verschaffen konnten.

Der harte Egoismus der selbständig gewordenen Kronländer, der durch keine zentrale Macht mehr gebändigt wurde, schloß Wien von seinen Nahrungsquellen ab, sperrte sogar innerhalb des Staates noch die Landesgrenzen und versagte Aufenthalts- und Einreisebewilligung. Die Provinz stellte sich mit ausgesprochener Gehässigkeit gegen die eigene Hauptstadt.

Die Nächststehenden waren wieder einmal die Lieblosesten und Härtesten. Alle Menschlichkeit und Güte kam vom Ausland.

Marianne bekam diesen ganzen Jammer verhältnismäßig wenig zu spüren.

Kalmar war geschickt und erfolgreich und verdiente. Verdiente in auswärtigen Valuten. Und Preise, die für Wien enormes Geld bedeuteten – für ihn waren sie höchstens ein halber Dollar und nicht der Rede wert.

Der Kredit beim Bankhaus Wiesel, der anfangs für Ernö Kalmar so wichtig gewesen war als Grundlage seiner Züricher Operationen, war längst beglichen. Er hatte sogar schon ein Guthaben auf seinen Namen und einen verzehnfachten Kredit, den er zu Zeiten zur höchsten Möglichkeit anspannte und ausnützte.

Aber deswegen verachtete er die kleinen Zufallsgeschäfte, die der Tag ihm brachte, keineswegs. Er nahm eben alles mit, was da kam.

Tagsüber ging er seinen Geschäften nach, und Marianne hatte ihre Tanzarbeit bei Luisa Ratazzi. Sie nahm die Arbeit ernst. Die Meisterin war mit ihr zufrieden. Es ging vorwärts. Sie hatte sich in Marianne nicht getäuscht.

Mittags speisten Marianne und Kalmar gemeinsam im Gasthaus, es war so das Einfachste, denn das Zusammentragen von Lebensmitteln war unendlich mühsam.

Abends von acht bis zehn waren beide zu Hause. Dann blieb sie meistens allein und ging früh zu Bette, denn die intensive Tanzarbeit strengte sie an.

Kalmar ging abends immer noch weg – teils zu den Freunden, teils, um neue Geschäfte auszuwittern ... Die Bankiertätigkeit im Salon Bergen hatte er aufgegeben. Sie war ihm zu gefährlich wegen der ewigen Razzien, aber auch im Ertrag viel zu geringfügig. Seitdem er selbst Börsenbesucher und Geschäftsmann großen Stiles geworden war, hatte er andere Begriffe von Summen und Verdiensten bekommen.

Mehr als einmal arbeitete er im Auftrag für das Bankhaus Wiesel mit glänzendem Erfolg. Für das Bankhaus – aber auch für sich. Skrupel – kennt er nicht.

Marianne war gewachsen und schlanker geworden. Einfach, aber mit vollendetem Geschmack angezogen, erregte sie Aufsehen, wo immer sie erschien. Aber sie benahm sich tadellos und hatte für keinen Menschen auch nur einen Blick. Sie fühlte sich absolut dem Manne zugehörig und ergeben, der ihr wirkliche Freundschaft und Liebe erwies, sie vor aller Not beschützte und ihr half, eine künstlerische Karriere vorzubereiten.

Allerdings, je länger sie bei Madame Ratazzi lernte, desto banger wurde ihr vor dieser Karriere. Sie sah zu viel. Und allmählich lernte sie die Kehrseite der Berühmtheit und den schonungslosen Kampf um den Platz in der ersten Reihe kennen.

Wenn sie auch Einzelunterricht hatte, kam sie doch mit so und so vielen anderen jungen Mädeln zusammen, welche die gleiche Karriere anstrebten. Ihr Unterhaltungsthema war ausschließlich der Mann und das Geld. Beide Themen wurden in der schamlosesten Weise behandelt. Und dabei waren es nicht nur Mädchen und Frauen, die aus obskuren Tiefen der Gesellschaft kamen.

Ein förmliches Wettrennen um den Preis der Gemeinheit war an der Tagesordnung. Eine überbot die andere in Erzählungen und Berichten von Abenteuern und Geschäften, von erfüllten und unerfüllten Hoffnungen.

Manchmal erschienen auch Männer, die zu den Frauen gehörten. Bewußte und Ahnungslose, degenerierte Schätzer der Gemeinheit und naive Liebhaber, die an die Komödie glaubten, welche ihnen im Augenblick ihres Erscheinens die Frauen vorzuspielen begannen, um ihre praktischen Zwecke zu erreichen, welche Geld, Schmuck, Kleider oder Protektion waren – und immer »Liebe« genannt wurden.

Die Tanzschule wurde für Marianne eine Lebensschule, die ihr die Augen öffnete. Sie ahnte jetzt, wie diese Welt beschaffen war: hemmungslos, verseucht und käuflich, aus den Fugen geraten und von nackter Profitgier geschüttelt. Die Lebensnot und Lebensangst hatten den dünnen Firnis der Sitte vernichtet, und die Kanaille trat offen zutage – ohne Scham und ohne Hülle.

Immer wieder hatte sie mehr oder weniger versteckte, plumpere und feinere Annäherungsversuche abzuweisen.

Frau Luisa Ratazzi lächelte ironisch:

»Auf diese Art werden Sie es nicht weiterbringen. Ihr Freund muß es ja nicht wissen. Eine Frau kann immer heimliches Geld brauchen. Wir Frauen machen unsere Karriere immer durch die Betten der Männer. Glauben Sie, wenn Sie wirklich in ein großes Etablissement kommen wollen, der Direktor oder der Regisseur oder der Geldmann des Unternehmens wird so dumm sein und gerade bei Ihnen auf sein Gewohnheitsrecht verzichten. Ja, wenn Sie erst einmal oben sind, dann können Sie kommandieren und schikanieren. Aber bis dahin heißt es gefällig sein, sonst bringt man es zu nichts und die nächstbeste Person, die viel weniger kann, erreicht mehr.«

Am lästigsten empfand Marianne wohl den Oberleutnant, der ihr mit verliebten Augen schmachtend überall nachschlich, aber kaum zu reden wagte, denn seine Existenz hing von Frau Luisa Ratazzi ab, die ihn kleidete, verköstigte, beherbergte und schlecht bezahlte.

Aber was sollte er schon machen als abgebauter Offizier, der für einen Intelligenzberuf zu wenig intelligent, für richtige Arbeit zu faul war und wirklich nur zum Eintänzer taugte.

Mehr oder weniger deutlich trug er sich Marianne immer wieder als Partner an, wenn sie sich entschließen könnte, Tanzduette zu machen. Er wäre so selig, wenn er loskäme von Frau Luisa, der Meisterin!

Der einzige Mensch in diesem Milieu, das Marianne von Tag zu Tag widerlicher wurde, war der Klavierpauker. Die Not hatte auch ihn in diese unwürdige Stellung getrieben. Ein Musiker von feinstem Geschmack und subtilstem Können stak in ihm.

Aber wer konnte sich noch den Luxus gestatten, künstlerisch zu arbeiten und seinen Träumen nachzuhängen.

Man mußte froh sein, wenn man sich das elende, gelbe, zerbröckelnde Maisbrot und einen Kohlenbrand zusammenklimperte, um existieren zu können.

Marianne und er wurden einig, daß er ihr für ein angemessenes Honorar die Musik für drei effektvolle Tanznummern zusammenstellen sollte.

Trotz aller Fortschritte, die sie machte, trotz des uneingeschränkten Lobes, das ihr Frau Luisa, von den gerügten Schrullen abgesehen, spendete, nährte Marianne noch immer den geheimen Wunsch, »wenn es nur nicht dazu käme, daß ich wirklich auftreten muß«.

Sie wagte natürlich nicht, diesen Wunsch laut zu äußern, aber alle die Gefahren und Widerwärtigkeiten, von denen sie erfuhr, schilderte sie lebhaft und deutlich in der Hoffnung, daß ihr Ernö eines Tages sagen würde: Weißt du was, Marianne, laß diese ganze dumme, ekelhafte Tanzerei und werde meine Frau. Die Hände hätte sie ihm geküßt vor Glück und Dankbarkeit, wenn er so gesprochen hätte.

Leider aber zögerte er, beruhigte sie wegen der Widerwärtigkeiten und freute sich des Lobes, das er über seine Marianne von allen Seiten hörte.

Im übrigen hatte er Glück und verdiente, und sein Selbstgefühl stieg. Er begann sogar, auf elegantes Auftreten Gewicht zu legen.

Aber auch Marianne gegenüber war er durchaus nicht kleinlich und gestaltete ihr Leben so sorgenlos und angenehm wie möglich – inmitten einer trüben, tobenden Flut des Jammers und der Verzweiflung, die über Wien dahinbrauste.

Er hatte es eben verstanden – und stand da als ein Profiteur der Situation ... mit einem Lächeln der Befriedigung auf den schmalen Lippen. Beinahe jung hatte ihn der materielle Erfolg gemacht ... und er war noch lange nicht auf seiner Höhe angelangt.

Er fühlte: Wien muß weiter sinken, damit ich steigen kann.

»Kennst du eine gewisse Regierungsrätin Selma Boskovits-Silbermann?« fragte Ernö eines Tages Marianne.

»In den Zeitungen hab' ich von ihr gelesen. Sie leitet allerhand Aktionen, Mittelstandsküchen und Liebesgaben-Verteilungen, Kinder auf's Land ... und solche Sachen.«

»Ganz richtig! Und mit dieser Frau mußt du bekannt werden!«

»Ich? Warum?«

»Es geht im nächsten Monat ein Kinderzug in die Schweiz. In diesem Zug mußt du unbedingt mitfahren, als Aufsichtsdame für die Kinder ... und mußt zum Schein auch noch eine Zeitlang bei ihnen in der Schweiz bleiben.«

»Ich versteh' das alles nicht.«

»Du mußt mir einen großen Dienst erweisen. Wenn das gelingt, was ich vorhabe, bin ich mit einem einzigen Schlag ein reicher Mann.«

»Ich versteh' das zwar nicht – und weiß nicht, wie das mit dem Kinderzug zusammenhängt ...«

»Der Kinderzug wird an der Grenze sehr milde kontrolliert werden ... du mußt etwas über die Grenze mitnehmen – es wird ganz leicht sein. Ich hab' mir alles ausgedacht. Du mußt es nur bei Selma Boskovits-Silbermann erreichen, daß du mitfährst ...!«

»Ja, aber wie soll ich das?«

»Na, Kind, sei doch nicht so ungeschickt. Du gehst eben zu ihr hin, sie hat täglich Sprechstunde, sie ist eine sehr enthusiastische Natur. Du stellst dich vor als Baronesse und Generalstochter, sprichst von deiner Not und deiner erschütterten Gesundheit und daß du eine Erholung brauchen würdest und daß du gern als Pflegerin mit den Kindern für ein paar Wochen aus Wien herauskommen möchtest.

Du bist jung und schön – Christin – aus der alten Gesellschaft. Die Dame ist das alles nicht – und wird entzückt sein, wird dich auf beide Wangen küssen, wird ihr Äußerstes tun, damit du mitkommst. Alles andere ist dann meine Sache. Du wirst dich wundern, wie wenig Schwierigkeiten dir das alles machen wird. Also, sag' schon ja!«

Marianne hatte das Gefühl, ich kann doch dem Manne, der so viel für mich tut, nicht eine so kleine Bitte abschlagen. Es ist das erstemal, daß er etwas von mir verlangt.

Außerdem war ihr jeder Vorwand recht, um aus dem Tanzschulen-Milieu herauszukommen.

Im übrigen war sie schon lange nicht mehr so streng und so rasch bei der Hand, ein moralisches Verdammungsurteil zu fällen wie noch vor einem Jahr. Sie hatte zuviel gesehen.

»Und was hätte ich zu tun, wenn ich schon unterkomme und mitgenommen werde bei diesem Kinderhilfszug?«

»Nichts – als auf die Kinder aufzupassen, die dir anvertraut werden.«

»Das ist alles?« fragte Marianne etwas ungläubig.

»Das ist alles. Also, du bist im Prinzip einverstanden?«

»Ja, warum denn nicht?«

»Nun, dann wäre es gut, wenn du heute noch zu der Dame Boskovits-Silbermann gingest. Aber mache dich so schön wie möglich, damit du wirkst ...«

Ernö Kalmar hatte recht gehabt mit seiner Psychologie der Philantropin. Marianne wurde mit Jubel und Entzücken aufgenommen. Alle Anwesenden mußten Marianne bewundern. Man hatte in diesem Hause, wie bei allen unschönen Menschen, für Schönheit etwas übrig.

Die Sache war binnen einer Viertelstunde so gut wie geordnet.

Eine Baronesse, eine Generalstochter als Pflegerin für Proletarierkinder, das war ein zu dankbares Thema für Propagandazwecke.

Sogleich wurde von einem findigen Hausjournalisten eine entzückende Legende über Marianne erfunden und unter der Spitzmarke »Der Schutzengel der Kleinen« in die Blätter lanciert.

Natürlich begann der Artikel mit einer Reklame für die Macherin vom Ganzen.

Der bekannten Philantropin Frau Regierungsrätin Selma Boskovits-Silbermann ist es gelungen, als Begleiterin des Schweizer Kinderzuges eine junge Dame zu gewinnen, welche ...

Ernö Kalmar war mit Marianne sehr zufrieden.

»Bist ein Prachtmädel in jeder Beziehung ..., man muß dich lieb haben, ob man will oder nicht.«

Er strich ihr über die Haare und küßte ihr den roten, heißen Mund.

Er wurde in der Freude des Erfolges, den sie für sich und ihn gehabt hatte, fast leidenschaftlich. Fest in seinen Armen liegend, wartete Marianne unter seinen Zärtlichkeitsausbrüchen auf das eine Wort, das sie so sehnlichst zu hören wünschte – das eine kleine, bescheidene, bürgerliche Wort: »Sei meine Frau ...«

Aber das Wort kam nicht! Müde und enttäuscht und ein bißchen ernüchtert löste sie sich aus seinen Armen und wurde auf einmal müde.

Was war das doch für ein merkwürdiger Mensch, dieser Ernö Kalmar! So feinhörig in vielen Beziehungen und in dieser einen gerade so stumpf und taub ...

Verstand er nicht – oder wollte er nicht? Und wenn er nicht wollte – warum? War sie nicht jung und schön und ihm wirklich ohne Falsch und Rückhalt ergeben? Was hatte er gegen sie? Warum zögerte er noch immer?

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.