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Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 14
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
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13.

»Der Herr Kalmar ist heute gar nicht nach Hause gekommen«, berichtete die Portiersfrau. »Das Bett ist ganz unberührt.«

Marianne war mehr erstaunt als erschrocken – es war doch sonst nicht seine Art!

Sie wartete ruhig bis Mittag.

Kein Kalmar – und keine Nachricht. –

Der Abend kam heran – noch immer nichts.

Sie wurde mit jeder Minute unruhiger. Wo blieb er nur? Warum verständigte er sie nicht? Er konnte sich doch denken, daß sie sich Sorgen machen würde.

Sie wachte die ganze Nacht. Fieberhaft wartete sie, daß sich endlich die Türe öffnen und Ernö Kalmar erscheinen würde.

Gespannt hörte sie auf jedes Geräusch im Vorzimmer.

Aber nichts ... nichts ... nichts ...

Langsam kam der Tag ...

Und nun war die zweite Nacht vorüber, in der Ernö Kalmar nicht nach Hause gekommen war. Da litt sie es nicht länger zu Hause. Irgendetwas Schreckliches mußte da geschehen sein. Ganz deutlich fühlte sie es nun.

Jetzt hieß es ungesäumt handeln – wenn es nicht zu spät war.

Sie ging zur Polizei und nahm ihre Hilfe in Anspruch. Sie schilderte sein Aussehen, seine Gewohnheiten, soweit sie dieselben kannte.

Was sie nur wußte, gab sie zu Protokoll.

Noch in ihrer Gegenwart begannen Telegraph und Telephon zu arbeiten.

Dann wieder nach Hause, um weiter zu warten, von fiebernder Angst geschüttelt.

Sie sperrte Ernö Kalmars Zimmer ab. Nichts ... nichts ... immer noch nichts, das war alles, was sie denken konnte. Wenn sie die Augen schloß, sah sie einen grauenhaft verstümmelten Leichnam halbnackt am Boden liegen ... Sie konnte nicht allein bleiben. Sie holte sich das Kind von den Portiersleuten herauf.

Die Abendblätter brachten bereits die Nachricht über das rätselhafte Verschwinden eines emigrierten Ungarn. Die Reporter hatten interessante Details über seine Persönlichkeit im Sowjetzimmer des »Imperial« erfahren.

Aber keine Spur wies auf den Vermißten hin.

Die Meinung, daß die Weißgardisten die Hand im Spiele hätten, stand fest. Entführung nach Ungarn. Allem Anschein nach ein gelungener Überfall eines politisch Kompromittierten.

Eine Kommission der politischen Polizei erschien in Mariannens Wohnung, durchsuchte Schreibtisch und Kasten und versiegelte alles.

Mehr tot als lebendig geisterte Marianne durch das Haus. Ihr Gesicht war bleich, die Augen tief umrandet. Sie hatte den einzigen Menschen verloren, der gut mit ihr gewesen war – und auf einmal fühlte sie es: dem auch sie hätte gut sein können.

Sie durchweinte die Nacht. Sie dachte an Selbstmord – und wartete auf ein Wunder.

Morgens gegen neun holte sie ein Polizeibeamter auf das Polizeipräsidium. Ernö Kalmar sei gefunden worden. Allerdings sei sein Zustand nicht ungefährlich – aber er lebe, und das sei die Hauptsache.

Ein Polizeihofrat empfing Marianne. Sie war so schwach vor Aufregung, daß sie in den Sessel niedersank, ehe sie noch ein Wort vernommen.

Der Hofrat teilte ihr mit: »Ein zertrümmertes Auto ist gefunden worden, noch in Österreich, nahe der ungarischen Grenze. Der Chauffeur tot. Unter dem Wagen lag Ernö Kalmar mit einer Gehirnerschütterung, mit Quetschungen und Abschürfungen – aber lebend. Er ist nach Wiener Neustadt ins Spital gebracht worden und derzeit weder vernehmungs- noch transportfähig.«

Marianne bekam einen Weinkrampf. Die ungeheure Spannung löste sich wohltätig. »Wenn er nur lebt! Wenn er nur lebt! Nur leben soll er!«

»Der Herr Bräutigam wird wieder ganz hergestellt werden. Es liegt absolut keine Lebensgefahr vor«, tröstete der Hofrat und benützte die Gelegenheit, das schöne Mädchen ein wenig zu streicheln und zu beruhigen. Das war auch in der Amtsstube harmlos!

Von jetzt ab fuhr Marianne jeden zweiten Tag zu Ernö Kalmar ins Spital nach Wiener Neustadt – saß ganz still eine Stunde neben seinem Bett, und wenn seine heißen Augen unruhig wanderten und das Gehirn nicht zur Ruhe kommen wollte, legte sie ihm die kühle, feste Hand auf den glühenden Kopf – dann glitt so etwas wie ein Lächeln, halb dankbar, halb ironisch, über sein Gesicht und er wurde wieder ruhig.

Nach acht Tagen war er transportfähig.

Marianne brachte ihn im Krankenautomobil nach Wien, wich nicht von seiner Seite und betreute ihn mit rührender Sorgfalt, ohne müde zu werden, bei Tag und Nacht.

Das Geld ging ihr aus. Um ihn nicht unnütz aufzuregen, trug sie den väterlichen Ring ins Versatzamt.

Sie schrieb ihm die wichtigsten Briefe, erledigte für ihn die wichtigsten Gänge, war nichts als leise Zärtlichkeit, tiefe Dankbarkeit und innere Bereitwilligkeit, ihm nicht nur zu helfen und zu dienen, sondern sich auch von ihm führen und modeln und in die Form bringen zu lassen, die ihm genehm sein würde.

Ihr ganzes Ich war wie verschwunden, in ihm aufgegangen.

Sie hatte sich an ihn verloren – und bereute es nicht. Im Gegenteil.

An die Tanzarbeit dachte sie überhaupt nicht mehr. Auf ihre Zukunftspläne hatte sie gänzlich vergessen; ihr Lebensinhalt hieß Ernö Kalmar, weiter dachte und fühlte sie nicht und war glücklich dabei.

Nach vier Wochen war Ernö Kalmar geheilt.

Zart und zärtlicher waren in den Tagen seiner Genesung die Beziehungen zu Marianne geworden.

Er verlor seine Schroffheit und abwehrende Haltung, und sie verlor ihre Scheu und zeigte ihre ganze verspätete Kindlichkeit. Das Merkwürdige, Unreife und Unerschlossene ihrer Natur, alles, was sie jünger erscheinen ließ, als sie tatsächlich war.

In der schüchternen Februarsonne schlenderten sie die beschnittenen, jetzt so kahlen Baumhecken entlang, die zum Belvedere-Schloß hinaufführen.

Sie stützte ihn leicht. Wenn sie die Augen schloß, hatte sie dasselbe warme Gefühl wie beim Papa im letzten Jahre, wo sie ihn erst so eigentlich kennen gelernt hatte, wo die bange Kinderscheu endlich einem vertraulichen Ton gewichen war.

All ihre verhaltene Liebeszärtlichkeit übertrug sie auf den Mann, der bereit war, an ihr zu handeln, wie ihr Vater auch gehandelt hätte.

Und Ernö Kalmar wieder empfand zum ersten Male, daß man nicht nur seine Mutter, sondern auch eine andere Frau mit einer behutsamen Liebe umgeben könne, ohne sie sofort brutal zu begehren, zu genießen und ernüchtert zu verlassen.

Eine Wandlung schien mit ihm vorzugehen, die ihn erschreckte und beunruhigte. Von dieser Seite hatte er sich selbst noch nicht erlebt. Und dazu hatte er vierzig Jahre alt werden müssen.

Scheu sah er seine Begleiterin von der Seite an und drückte ihr leise den Arm.

Ein voller, warmer Blick gab ihm alles zurück, was er von ungesprochener Zärtlichkeit soeben verraten hatte.

Es war unglaublich – dieses schöne Geschöpf von zwanzig Jahren, Baronesse dazu, empfand etwas für ihn, Ernö Kalmar, aus dem tiefsten, armseligsten, schmutzigsten Ungarn. Für ihn, der sein Leben so gut wie hinter sich hatte! Der es durch den Schmutz gezogen, vergeudet, verspielt, verhöhnt hatte.

Es wurde ihm fast heilig zumute. Er fühlte etwas wie ein liebliches Wunder. Eine heiße Dankbarkeit durchströmte ihn für dieses Leben, das ihn das alles noch in so späten Jahren erfahren ließ, was so wunderlich war und doch so schön.

In diesen einförmigen, stillen und reinen Tagen der Genesung, fern von den tierischen Kämpfen des Daseins, wurde Kalmar ein anderer Mensch.

Alle reineren und besseren Elemente seiner Natur waren an die Oberfläche gekommen, überzogen gewissermaßen die unedle Legierung seiner Person mit einem dünnen Goldhauch und verliehen ihr einen trügerischen Edelglanz.

Noch konnte er seinen Geschäften nicht nachgehen, wurde rasch müde und war ans Haus und auf den ausschließlichen Verkehr mit Marianne angewiesen.

Sie aßen mittags und abends zusammen, sie plauderten und machten Pläne – bis sie ihn mütterlich besorgt ins Bett schickte ...

Es kam vor, daß er ihre Hand in der seinen hielt, daß er ihr mit leiser, warmer Zärtlichkeit das Haar streichelte.

Eine süße, innerliche Vertraulichkeit wurde lebendig und von Tag zu Tag inniger.

Man fuhr nicht mehr voneinander zurück. Man saß nah und eng und eines fühlte mit einem süßen Schauder die warme Nähe des anderen.

Es war keine leidenschaftliche Bitte, kein gnädiges Gewähren – es war auch kein Überfall ... es kam, wie es kommen mußte ... leise, unwiderstehlich und selbstverständlich ...

Marianne hatte sich dem Manne voll und ganz geschenkt. Sie hatte Ernö Kalmar gewährt, was eine Frau einem Geliebten nur gewähren kann – ohne ein Versprechen zu verlangen – ohne Rückhalt – ohne Gedanken – mit einer rührenden und reizenden Natürlichkeit.

Er war ja schließlich der einzige Mensch, der zu ihr gehörte – und zu dem auch sie gehörte.

Warum sollte sie ihm etwas verweigern, was ihn glücklich machte.

Und sie dachte an ihre Mutter. Diese war ja auch nicht gerade so streng und abweisend gewesen – und es war letzten Endes gut für sie ausgegangen.

Die Kästen vor der Verbindungstür zwischen Zimmer und Kabinett waren fortgeschoben worden, der leichteren Kommunikation wegen. Warum sollte man immer erst durch Küche und Vorzimmer laufen, wenn man einander sehen wollte.

Außerdem wollte Marianne, wenn Besuche kamen, verschwinden können, ohne gesehen zu werden. Wenn es läutete, sah sie zuerst durchs Guckloch, und wenn der Besuch Kalmar galt, verschwand sie und er mußte öffnen.

Das »Café Imperial« schickte seine Besucher. Eines Tages erschienen auch Lisa Varnay und Anka von Bergen, die sich nach dem Bankier ihres Salons erkundigen wollten.

Marianne erkannte sie, ohne sie zu sehen, an den Stimmen wieder. Sie war erstaunt über diese Bekanntschaft Ernös.

Kalmar konnte nicht umhin, von seinem Verkehr in ihrem Salon zu erzählen, den er wahrheitsgemäß als reine Geschäftsangelegenheit erklärte ...

Bei dieser Gelegenheit erfuhr auch Kalmar, daß Marianne die beiden Damen kannte. Er erfuhr vom Abend bei Doktor Pummerer und dem Nachspiel im Auto des Präsidenten Wiesel.

Es erfüllte ihn mit einem gewissen Stolz, einen Mann ausgestochen zu haben, der mit so ganz anderen Mitteln ausgerüstet war als er, der arme ungarische Emigrant, der sich mit heißem Bemühen hinaufarbeitete.

Marianne lächelte ein bißchen über diesen Stolz und fand ihn eigentlich komisch, denn ihres Wertes als Frau war sie sich eigentlich noch immer nicht bewußt geworden. Sie begriff nicht, daß sie mit sich etwas verschenkt hatte, was anderen Frauen vielleicht das Mittel gewesen wäre, sich für immer eine glanzvolle Existenz zu sichern.

Aber so war nun einmal ihre Natur, die das Rechnen und Berechnen nicht verstand und als eine widerwärtige Aufgabe und Belästigung ansah.

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