Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Felix Dörmann: Jazz - Kapitel 11
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleJazz
publisherEd. Strache Verlag
year2012
isbn978-3-9024-9855-7
editorAlexander Kluy
firstpub1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectid365a1d59
Schließen

Navigation:

10.

Die drei Damen, die mehr oder weniger auch Schauspielerinnen waren, hatten eine gemeinsame große Wohnung. Drei Schlafzimmer, drei Studierzimmer, einen gemeinsamen Salon, einen Speisesaal und sonst noch allerhand Nebenräume.

Die Wohnung hatte eine glänzende Lage am Ring nahe der Oper. Ein Hauseingang befand sich überdies in einer dunklen Seitengasse, was höchst praktisch war, denn nicht jeder, der kam und ging, wollte beobachtet werden.

Auch sonst war die Wohnung mit Vorsichtsmaßregeln aller Arten ausgezeichnet versehen. Über die Hintertreppe konnte man in die Wohnung einer ehrbaren kleinen Beamtensfamilie gelangen, die für diese allnächtliche Bereitschaft eine Monatsunterstützung bezog. In dieser Wohnung gab's friedliche, stets aufnahmsbereite Betten.

Die Schwelle zur Portiersloge hatte eine unauffällige Stelle: Wer sie betrat, gab nach oben ein Klingelzeichen als Warnung für die Gesellschaft, daß Gefahr im Anzuge sei.

Gefahr war die Polizei, die darauf aus war, Spielgesellschaften auszuheben, die Anwesenden zu perlustrieren und nach Möglichkeit abzuschieben.

Lisa hatte vorsichtigerweise einen kleinen Schauspieler geheiratet, der nach Wien zuständig war, von dem sie aber weiter keinen Gebrauch machte. Er kam nur von Zeit zu Zeit und forderte Geld.

Anka von Bergen hatte für Österreich optiert, obwohl sie eigentlich Jugoslawin war.

Und die Dritte im Bunde, die schöne, schlanke Trude Hedemann aus Hannover, hatte eine Beziehung zu einem auswärtigen Gesandten, den das arme Österreich so notwendig brauchte, daß sich seine Freundin so manches gestatten durfte und ihr niemand etwas anhaben konnte.

Die Wohnung war auf das luxuriöseste möbliert. Im Salon stand ein Erard-Flügel, auch ein Klavierspieler war gemietet, der auf dem sordinierten Instrument, das überdies auf einem Teppich stand, gerade noch so laut spielte, daß man dazu tanzen konnte.

Für Spielgäste stand das Bufett mit kalten Speisen gratis zur Verfügung. Die Haushälterin verkaufte Weine. Die waren allerdings so teuer, daß man begriff, warum das Bufett nichts kostete.

In Nischen, die mit Paravents geschützt waren, wurde geflirtet.

Wer den Hausbrauch kannte, fand sogar noch ein geschützteres Plätzchen, das bei sanft gedämpftem Licht seidenüberspannter Ampeln noch weit größere Annehmlichkeiten bot.

Freundinnen und Kolleginnen der drei Hausdamen waren ja immer als Gäste anwesend. Man aß und trank und liebte – und, das war das Wichtigste: Man spielte und hielt Bank.

Und von der Gagnotte wurde das Haus erhalten.

Die Fenster waren dicht verhängt. Kein Lichtschein durfte hinausdringen und verraten, was oben vorging – denn ungefährlich war es nicht.

Die Polizei streifte die Straßen ab und musterte die Fenster.

Die städtischen Elektrizitätswerke waren arm an Kohle. Es mußte gespart werden mit der Beleuchtung. Mit der Moral hätte man sich eher abgefunden.

Die ehemalige Lichtstadt war dunkel und schmutzig und gefährlich geworden. Die Raubüberfälle häuften sich. Jede Parkanlage, jeder größere Platz war gefährlich zu passieren.

Im Salon der drei Damen ging es fröhlich zu – man merkte nichts von der Not der Zeit, vom Hunger, vom Mangel an Licht und Wärme.

Man war hemmungslos heiter.

Freilich, die Gesellschaft war höchst gemischt. Elegante Offiziere der diversen Missionen und dicht daneben pechschwarze Balkanfiguren – Schlawinertypen. Einige, die darauf aus waren, vom Spiel zu leben, gesellschaftsmäßig im Smoking, andere im Werktagsgewand, aber dafür mit überfüllten Harmonikabrieftaschen; das waren die Verdiener, die sich amüsieren und das Leben genießen wollten.

Die Hände, die sich über den Spieltischen kreuzten, verrieten alles. Magere, nervöse, gepflegte Hände, die gierig nach den Geldlappen griffen – und fette, plumpe, ungepflegte Hände, die gleichgültig die farbigen Fetzen hinschmissen.

Ein widerlicher Dunst von Zigarren, Alkohol, Parfüm und Menschen lag über den Räumen.

Das Spielerglück wechselte hin und her.

Gesichter leuchteten auf und andere verzerrten sich.

Abseits in einem Fauteuil saß Ernö Kalmar.

Allnächtlich saß er hier oben bis in den grauen Morgen hinein. Er spielte nicht. Er hatte die Kraft, nicht zu spielen, obwohl es ihn dazu riß. Er verfolgte nur die Spielenden mit den Augen: wer gewann und wer verlor? War der Gewinnende ein Schuldner, dann hieß es rasch einkassieren, ehe der Gewinn wieder zum Teufel ging. War es aber einer, der fertig wurde, dann hieß es schnell und scharf überlegen: kann man ihm leihen oder nicht? Am liebsten lieh er eigentlich Damen, denn die hatten meistens etwas, was sie verpfänden konnten, einen Ring oder eine Kette oder kamen auf eine andere Art wieder zu größeren Summen. Allerdings waren sie weitaus knausriger als die Männer, was Provisionen betraf.

Die Drehscheibe wirbelte, die Kugel hüpfte und Ernö Kalmar verdiente bei Verlusten und bei Gewinnen und genoß die absolute Achtung als streng reeller und kulanter Bankier des Salons.

»Ich weiß nicht, wozu du mich da hergeschleppt hast, lieber Pummerer. Das alles sieht man doch auch in Monte Carlo. Die Kokotten dort sind auch viel eleganter und haben einen weitaus großartigeren Schmuck.«

»Ja, aber bei uns ist das alles viel gemütlicher, da ist alles so hübsch beieinander. Die Weiber und das Spiel und die guten Sacherln zum Essen. Na, und wenn grad die Versuchung kommt – die eine oder die andere von den Damen wird schon mit sich reden lassen.«

»Jetzt kennst du mich so lange und weißt noch immer nicht, daß ich nicht für so plötzliche Sachen bin. Bei mir muß alles sorgfältig vorbereitet sein.«

»Lieber Gott, es ist doch ein Kreuz, wenn man so ein komplizierter Mensch ist.«

»Das verstehst du nicht ...«, und Doktor Banciu wollte einen Lobgesang auf seine diversen Eigenheiten loslassen und wieder einmal von seiner Erotik reden ...

Da, auf einmal, ein schrilles Läuten, das nicht enden will ...

Alle Lichter sind plötzlich erloschen.

Einen Moment herrscht Totenstille. Dann ein unterdrücktes Tuscheln.

»Die Polizei!«

Ein Hin- und Herhuschen beginnt.

Taschenlaternen blitzen auf.

Karten, Jetons und Roulette verschwinden in wohlvorbereitete Verstecke.

Dienstbare Geister packen die Überkleider und jagen mit ihnen über die Hintertreppe zum Bodenraum empor.

»In was für Situationen bringst du mich?« blockt Doktor Banciu erregt.

»So ein Pech! So ein Pech!« jammert Doktor Pummerer und tupft mit dem Taschentuch sein kahles Haupt, auf dem die Schweißperlen ausbrechen.

»Ich bin exterritorial! Meine Gesandtschaft muß mich schützen.«

Ernö Kalmar ist aufgesprungen und zu den beiden hilflosen Herren getreten.

»Bitte, rasch mit mir!«

Und er führt sie einen Stock höher in sein wohlvorbereitetes Zimmer zu der braven Beamtenfamilie, bei der eine stinkende, aber solide Petroleumlampe ihr traulich schimmerndes Licht verbreitet.

Anständigkeit und Familienduft erfüllten stickig den Raum.

»Ich mache die Herren aufmerksam: Wir sind Familienfreunde und Gäste bei Herrn Regierungsrat Haselbrunner. Von dem, was da unten vorgeht, haben wir alle keine Ahnung. Wir sind und bleiben naiv.«

Und alle drei setzten sich in die roten Plüschfauteuils und lehnten friedlich das Haupt an die gehäkelten weißen Schutzdecken.

Aber schon öffnete sich die Türe von der anderen Seite, und ein würdiger, älterer Herr mit weißem Vollbart erschien, ging auf die verdutzten Herren mit ausgestreckten Händen zu und rief ihnen mit unverhohlener Herzlichkeit entgegen: »Meine lieben Freunde, wie freue ich mich, Sie wieder einmal bei mir im trauten Familienkreise begrüßen zu dürfen. Meine Frau und meine Töchter haben schon geschlafen, aber sie werden sofort erscheinen. Hat einer der Herren zufällig eine Zigarre mit?«

Der Herr Regierungsrat erhielt drei und bedankte sich bestens. Das war ein schöner Tag!

»Ich danke Ihnen, mein Herr«, sagte Doktor Banciu zu Kalmar. »Wenn Sie einmal in Rumänien etwas brauchen sollten, so stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.«

Ernö Kalmar verneigte sich.

»Meine Kanzlei finden Sie im Adreßbuch«, meldete sich Doktor Pummerer, »Sie haben uns einen großen Dienst erwiesen ... Weißt du übrigens, daß ich vor lauter Schrecken einen Mordshunger gekriegt habe! Da unten waren so gute Sacherln. Glaubst du, daß die Polizei das alles wegschleppt – oder vielleicht gar auffrißt?«

»Du denkst immer nur ans Essen. Du hast gar keine Ideale!«

»Na, die deinen könnten mir auch gestohlen werden.«

Ein dienstbarer Geist meldete, es wäre blinder Alarm gewesen. Es sei schon alles wieder in schönster Ordnung.

Der freundliche Hausherr bedauerte, seine lieben Gäste schon wieder verlieren zu müssen, und schickte Weib und Kind ins Bett zurück.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.