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Japanische Märchen

Karl Alberti: Japanische Märchen - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefairy
authorKarl Albrecht Heise
titleJapanische Märchen
publisherCl. Attenkofersche Verlagsbuchhandlung, Straubing
illustratorT. Tokikuni
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#23393
created20090813
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Der Abt des Klosters Yakushi.

Bei Nara auf der Straße nach Osaka liegt ein altes Kloster, das heute allgemein unter dem Namen Nishi no KiyoHort des Westens, Nishi-Welt. bekannt ist, obgleich sein alter wirklicher Name »Yakushi-ji«Yakushi = Name des Heilgottes, ji = Kloster. Dieses Kloster befand sich früher im westlichen Teile der Stadt. Da letztere heute teilweise zerfallen und viel von ihrer Größe und ihrem Umfang verloren hat, ist die Lage des Klosters jetzt außerhalb der Stadt an der Landstraße. ist.

Einst war in diesem Kloster ein frommer, gottesfürchtiger Abt, der sich bemühte, durch seinen Lebenswandel allen ein gutes Beispiel zu geben; er sammelte keine Reichtümer an, sondern verteilte die dem Kloster gemachten Geschenke und Gaben wieder an die Armen und behielt keinen Sen für sich. So hoffte er, wenn seine Todesstunde nahe, als gerechter Diener in Buddha's Paradies einziehen zu können. Als aber diese Stunde kam und er gottergeben des Boten Buddha's harrte, der ihn abrufen sollte, da sah er nicht diesen, sondern einen feurigen Wagen nahen, der von allerlei buntfarbigen Höllengeistern gezogen wurde. Der Abt war aufs tiefste erschrocken und bat um Auskunft, was er, der sich keines Unrechts bewußt war, Böses begangen habe, da anstatt Buddhas Bote Diener der Hölle kämen. Die Antwort lautete:

»Du hast vor vielen Jahren eine Maß Reis aus dem Klostereigentum für dich entnommen und bis heute noch nicht zurückgegeben. Dieser Sünde wegen harret deiner die Hölle!«

Der Abt bat, ihm noch Zeit zu gönnen, diese von ihm längst vergessene Schuld, der er keine Bedeutung beigelegt habe, tilgen zu können. Diese Bitte wurde ihm gewährt.

Er rief hierauf alle Klosterbrüder und Schüler des Klosters an sein Lager, erzählte ihnen die Gefahr, in der er wegen der geringen unbedachten Schuld geschwebt habe und sagte: »Nehmet alle meine geringe Habe, veräußert sie und gebet den Erlös zum Klostergute, auf daß meine Schuld getilgt werde und ich in Frieden sterben kann. Euch alle aber ermahne ich, laßt diese Lehre nie aus eurem Herzen schwinden, denn wenn mir schon einer einzigen Maß Reis wegen die Hölle drohte, wie mag es denen erst ergehen, die sich bewußt am Klostergute vergreifen und Reichtümer zur Lust und zum Wohlleben aufsammeln!«

Nachdem er dies gesagt hatte, legte er sich zurück, seine Lippen murmelten: »Der Friedensbote naht!« »Namida Butsu – Heiliger Buddha hilf!« Ein Lächeln verklärte sein Gesicht, er war tot, eingegangen in das Paradies als getreuer Diener des Herrn.

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