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Japanische Märchen

Karl Alberti: Japanische Märchen - Kapitel 21
Quellenangabe
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authorKarl Albrecht Heise
titleJapanische Märchen
publisherCl. Attenkofersche Verlagsbuchhandlung, Straubing
illustratorT. Tokikuni
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#23393
created20090813
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Belohnte Kindesliebe.

Vor ungefähr zweihundert Jahren lebte in der zwischen Inaba und Harima gelegenen Provinz Mino nahe beim Städtchen Tarni ein Holzhacker, der nur einen Sohn hatte. Beide waren sehr arm und mußten täglich ins Gebirge, um durch Holzhauen ihr Brot mühsam und spärlich zu verdienen. Solange beide gesund und kräftig waren, gelang es ihnen auch ihren Lebensunterhalt zu gewinnen. Aber der Vater wurde immer älter und immer steifer und ungelenkiger wurden seine Glieder, sodaß schließlich der Sohn allein in den Wald gehen mußte, während der Alte daheim blieb. Dem jungen Manne machte dies keine große Sorge; kräftig und rüstig, wie er war, arbeitete er umso fleißiger und war glücklich, wenn er außer der täglichen Nahrung noch einige SenJapanische Kupfermünze heutiger Währung = 2 Pfg. mehr verdient hatte, um seinem alten Vater ein Fläschchen SakeReiswein. kaufen zu können, den dieser leidenschaftlich gern trank und der ihm auch wohltat und ihn kräftigte.

Nun kam aber einmal ein sehr kalter Winter und der Schnee bedeckte bis spät in den Frühling Feld und Flur und machte die Wege ungangbar, sodaß der junge Holzhauer nur einen kärglichen Verdienst fand und daher oftmals seinem Vater nicht den gewohnten Sake kaufen konnte. Darüber war er natürlich sehr traurig und betete oft zu den Göttern, sie möchten doch dem harten Winter ein Ende machen oder ihm anderweit Hilfe senden. Eines Tages hatte er wieder nur eine ganz kleine Last Holz in die Stadt bringen können, und der Erlös reichte nicht einmal zu dem Nötigsten, geschweige denn zu einem Fläschchen Sake für den Vater. Obgleich ihm der Sakehändler gern auf Borg gegeben hätte, wollte der junge Mann davon nichts wissen, denn er gedachte des Sprichworts: »Schulden sind schlimmer als Motten im Pelz!«Japanisches Sprichwort. Es ähnelt dem deutschen »Borgen macht Sorgen!«

So ging er denn betrübt heim und dachte während seines Weges nur darüber nach, wie er seinem Vater eine Stärkung verschaffen könnte. Am Fuße des Tagiyama angekommen, hockte er sich nieder um ein Weilchen auszuruhen, aber auch hier fand er keine Ruhe vor seinen Sorgen und so wandte er sich wieder in inbrünstigem Gebete zu den Göttern.

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Da hörte er plötzlich ein seltsames Rauschen, Dampf stieg an der Seite des Berges auf und ein eigentümlicher Geruch, fast wie erwärmter Sake, erfüllte die Luft. Schnell war die Müdigkeit des jungen Mannes verschwunden, er sprang auf und eilte zur Stelle, wo der leichte Dampf aufstieg.

Was erblickte er da? Welches Wunder sahen seine Augen?

Dort, wo stets eine kahle Felsenstelle war, sprang jetzt ein munterer Quell hervor und hüpfte in lustigen Sprüngen dem Tale zu. Der junge Mann schöpfte in der hohlen Hand etwas Wasser, das warm war, und kostete es. Welch' eigentümlicher Geschmack! So etwas hatte er noch nie getrunken. »Das ist ein Geschenk von Euch, o Götter!« rief er aus und füllte, nachdem er ein Dankgebet verrichtet hatte, seine Reiseflasche mit dem kostbaren Naß.

Frohgemut und seiner Sorge ledig, eilte er nun seinem Heime zu, wo er seinem Vater den wundervollen Trank verabreichte. Es war aber auch wirklich ein Wundertrank, denn der alte Mann fühlte neue Kräfte in seinen Körper einziehen; ja, am nächsten Tage fühlte er sich schon so weit gekräftigt, daß er aufstehen und, auf seinen Sohn gestützt, zur Quelle wandern konnte. »Sollte diese Gabe der Götter nur zum Trinken sein?« fragte sich der Sohn und riet seinem Vater in dem warmen Wasser ein Bad zu nehmen, was dieser auch tat. Er merkte, daß nach dem Bade seine Gliederschmerzen nachließen.

Tagtäglich wanderten nun beide zu dem wunderbaren Quell und nach kurzer Zeit war der Alte so weit hergestellt, daß er seinen Sohn wieder in den Wald begleiten und bei seinem Tagwerke helfen konnte; infolgedessen waren beide von aller Sorge befreit und konnten zufrieden und glücklich leben.

Die Kunde von dieser wunderbaren Heilung verbreitete sich natürlich schnell und von fern und nah eilten Kranke und Gebrechliche herbei um Heilung ihrer Leiden zu suchen und zu finden. Selbst dem Kaiser wurde von dieser Heilquelle berichtet, der, nachdem er sich von der Richtigkeit überzeugt hatte, ihr den Namen YoroYo = Kraft, Stärke, Pflege, ro = das Alter, Yoro = Kräftigung oder Pflege des Alters. geben ließ, ja, er nannte sogar die Zeitepoche von der Entstehung der Quelle »Yoro-Zeit.«Wie in China ist es auch in Japan Sitte, die Jahreszahl nicht ununterbrochen fortlaufend zu führen, sondern in Zeitepochen, von irgend einem besonderen Ereignis abgeleitet. So haben die Japaner jetzt nicht 1912 sondern das Jahr »45 Meiji«, d.h. »Aera des wahren Friedens«.

Die Quelle – eine Mineralquelle – hat ihre Heilkraft bis auf den heutigen Tag behalten.Der vollständige Name der Quelle ist: Yoronotaki auch Yorogataki, taki = Wasserfall, Yoro siehe oben.

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