Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charlotte Brontë >

Jane Eyre, die Waise von Lowood.

Charlotte Brontë: Jane Eyre, die Waise von Lowood. - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorCharlotte Brontë
titleJane Eyre, die Waise von Lowood.
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub1847
translatorMaria von Borch (1853 - 1895)
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon
senderwww.gaga.net
created20060420
projectiddfc226c4
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel

Der nächste Tag begann wie der vorige. Wir standen beim Lampenlicht auf und kleideten uns an, aber an diesem Morgen mußten wir von der Zeremonie des Waschens dispensiert werden – das Wasser in den Wasserkrügen war gefroren. Am Abend vorher war eine Veränderung im Wetter eingetreten, und ein scharfer Nordostwind, der die ganze Nacht durch die Ritzen in unseren Schlafzimmerfenstern gepfiffen, hatte uns in unseren Betten vor Kälte beben und den Inhalt der Waschkrüge zu Eis gefrieren gemacht.

Bevor die langen anderthalb Stunden des Gebets und des Bibellesens zu Ende waren, war ich nahe daran, vor Kälte ohnmächtig zu werden. Endlich kam die Frühstückszeit, und an diesem Morgen war der Haferbrei nicht angebrannt, die Qualität war eßbar, die Quantität ließ viel zu wünschen übrig. Wie klein erschien mir doch meine Portion! Ich wünschte, sie wäre doppelt so groß gewesen.

Im Laufe des Tages wurde ich der vierten Klasse als Schülerin eingereiht, und regelmäßige Aufgaben und Beschäftigungen wurden mir angewiesen; bis jetzt war ich nur Zuschauerin bei den Vorgängen in Lowood gewesen, jetzt sollte ich eine der Mitspielenden werden. Da ich wenig daran gewöhnt gewesen, auswendig zu lernen, schienen die Aufgaben mir unendlich lang und schwer, auch der häufige Wechsel des Gegenstandes der Lektionen verwirrte mich; ich war daher froh, als Miß Smith mir gegen 3 Uhr Nachmittags einen zwei Ellen langen Streifen weißen Mußlins samt Fingerhut und Schere gab und mir gebot, mich in einen stillen Winkel des Schulzimmers zu setzen, wo sie mir Anweisungen gab, wie ich säumen sollte. Um diese Zeit nähte auch die Mehrzahl der anderen Mädchen, nur eine Klasse war noch um Miß Scatcherds Stuhl gruppiert und mit Lesen beschäftigt. Da tiefe Stille herrschte, konnte man den Gegenstand des Unterrichts deutlich vernehmen und ebenso die Art und Weise, wie jedes Mädchen sich ihrer Aufgabe entledigte, oder Miß Scatcherd ihre Mißbilligung oder Anerkennung zu verstehen gab. Es war die englische Weltgeschichte. Unter den Leserinnen bemerkte ich meine Bekannte von der Veranda; beim Beginn der Lektion hatte sie ihren Platz als Erste der Klasse gehabt, aber wegen irgend eines Irrtums in der Aussprache oder einer Unaufmerksamkeit in Bezug auf Interpunktion wurde sie plötzlich an das Ende der Schülerinnenreihe geschickt. Und selbst noch in dieser obskuren Stellung blieb sie unausgesetzt ein Gegenstand für Miß Scatcherds beständige Aufmerksamkeit; fortwahrend richtete sie Worte wie die folgenden an sie:

»Burns,« (dies schien ihr Name zu sein; die Mädchen wurden hier, wie anderswo die Knaben, mit ihren Familiennamen angeredet). »Burns, du stehst schon wieder einwärts, augenblicklich die Fußspitzen nach außen.« – »Burns, weshalb steckst du das Kinn in so häßlicher, unangenehmer Weise vor? Halte den Kopf gerade!« – Burns, ich bestehe darauf, daß du dich gerade hältst, ich will dich in solcher Stellung nicht vor mir sehen,« u. s. w., u. s. w.

Als ein Kapitel zweimal durchgelesen war, wurden die Bücher geschlossen und die Mädchen geprüft. Die Lektion hatte einen Teil der Regierung Karls I. umfaßt, und es waren unterschiedliche Fragen über Tonnengeld und Pfund- und Schiffszoll gestellt worden, welche die meisten der Mädchen zu beantworten außer stande gewesen. Jede kleine Schwierigkeit jedoch wurde gelöst, wenn sie zu Burns kam; ihr Gedächtnis schien die Substanz der ganzen Lektion gefaßt zu haben, und sie hatte für jeden Punkt eine Antwort bereit. Ich saß da und wartete freudig erregt, daß Miß Scatcherd ihre Aufmerksamkeit rühmen würde, statt dessen rief sie plötzlich aus:

»Du schmutziges, widerwärtiges Mädchen! Heute morgen hast du deine Nägel wieder nicht gereinigt!«

Burns antwortete nicht, ich wunderte mich über ihr Schweigen.

»Weshalb,« dachte ich, »erklärt sie denn nicht, daß sie weder ihr Gesicht waschen noch ihre Nägel reinigen konnte, da das Wasser gefroren war?«

Hier wurde meine Aufmerksamkeit durch Miß Smith abgelenkt, welche mich bat, ihr beim Abwinden des Zwirns behilflich zu sein. Während sie ihn abwickelte, sprach sie von Zeit zu Zeit mit mir, fragte, ob ich schon früher eine Schule besucht habe, ob ich zeichnen, sticken, stricken könne u. s. w.; als sie mich endlich entließ, konnte ich meine Beobachtungen über Miß Scatcherds Verhalten nicht fortsetzen. Als ich auf meinen Sitz zurückkehrte, erteilte diese Dame gerade einen Befehl, dessen Inhalt ich nicht verstehen konnte. Burns verließ jedoch augenblicklich die Klasse und trat in ein kleines, inneres Zimmer, wo die Bücher aufbewahrt wurden. Nach kaum einer halben Minute kehrte sie zurück und trug in ihrer Hand ein kleines Reisigbündel, das an einem Ende zusammen gebunden war. Dieses ominöse Werkzeug überreichte sie Miß Scatcherd mit einem respektvollen Knix, dann löste sie schweigend, ohne daß es ihr befohlen wurde, ihre Schürze – und augenblicklich versetzte die Lehrerin ihr mindestens ein Dutzend scharfer Streiche mit der Rute auf Arme und Nacken. Nicht eine einzige Thräne trat in Burns Augen und während ich mit meiner Arbeit innehielt, weil ein Gefühl ohnmächtigen, hilflosen Zorns meine Finger erbeben machte, veränderte nicht ein einziger Zug in ihrem nachdenklichen, ernsten Gesicht seinen Ausdruck.

»Verhärtetes Mädchen!« rief Miß Scatcherd aus, »nichts kann dich von deinen unordentlichen Gewohnheiten heilen! – Trage die Rute wieder fort.«

Burns gehorchte. Ich sah ihr scharf ins Gesicht, als sie wieder aus der Bücherkammer heraustrat. Sie schob gerade ihr Taschentuch wieder in die Tasche, und eine Thräne glänzte in ihrem Auge und rann langsam über ihre hohle, bleiche Wange.

Die Spielstunde am Abend galt mir als der angenehmste Teil des ganzen Tages in Lowood. Wenn das kleine Stück Brot, der Schluck Kaffee, den ich um fünf Uhr genossen, meinen Hunger auch nicht gestillt, so hatte er wenigstens meinen Lebensmut neu beseelt. Der lange Zwang des Tages fiel fort. Das Schulzimmer war wärmer als am Morgen, denn die Feuer in demselben durften heller brennen, weil sie in gewissem Maße die Lichter ersetzen sollten, die noch nicht eingeführt waren. Der rötliche Feuerschein, der gestattete Lärm, die Konfusion vieler Stimmen rief ein wohliges Gefühl von Freiheit hervor.

Am Abend des Tages, an dem ich gesehen hatte, wie Miß Scatcherd ihre Schülerin Burns mit der Rute gezüchtigt hatte, ging ich wie gewöhnlich ohne Gefährtin zwischen Tischen und Bänken und lachenden Gruppen umher, ich fühlte mich indessen nicht einsam. Wenn ich an den Fenstern vorüberging, hob ich dann und wann einen Vorhang in die Höhe und blickte hinaus. Der Schnee fiel in dichten Flocken, vor den unteren Fensterscheiben lag bereits eine hohe Schicht; wenn ich mein Ohr dicht an das Fenster legte, konnte ich durch den fröhlichen Tumult im Zimmer das traurige Sausen und Toben des Windes draußen unterscheiden.

Wenn ich ein glückliches Heim und gütige Eltern verlassen hätte, so wäre dies wahrscheinlich die Stunde gewesen, in der ich die Trennung am bittersten und schmerzlichsten empfunden hätte. Dieser draußen tobende Sturm würde mir das Herz schwer gemacht haben, dieses düstere Chaos würde meinen Frieden gestört haben – wie die Dinge aber lagen, rief das Getöse eine seltsame Erregung in mir wach. Ich wurde unruhig und fieberhaft, ich wünschte, daß der Wind lauter heulen, die Dämmerung zur Dunkelheit werden und der Lärm in Toben ausarten möchte. Über Bänke fortspringend und unter Tischen weiterkriechend bahnte ich mir einen Weg zu einem der Kamine. Dort fand ich auf dem hohen Fender knieend Burns, welche bei dem matten Schein der glühenden Asche über der Gesellschaft ihres Buches alles vergessen hatte, was um sie her vorging.

»Ist es noch immer Rasselas?« fragte ich hinter ihr stehend.

»Ja,« sagte sie, »ich bin gerade damit zu Ende.«

Nach weiteren fünf Minuten schlug sie das Buch zu. Ich war froh darüber.

»Jetzt,« dachte ich, »kann ich sie vielleicht zum Sprechen bringen.« Ich setzte mich neben sie auf den Fußboden,

»Welchen Namen hast du noch außer Burns?«

»Helen.«

»Bist du von weit hergekommen?«

»Ich komme von Norden her, von der schottischen Grenze.«

»Wirst du jemals wieder nach Hause gehen?«

»Ich hoffe es, aber niemand kann in die Zukunft sehen.«

»Wünschest du nicht sehr, Lowood zu verlassen?«

»Nein, weshalb sollte ich das wünschen? Ich bin nach Lowood geschickt worden, um eine gute Erziehung zu bekommen, und was würde es nützen, fortzugehen, wenn dieser Zweck nicht erreicht ist.«

»Aber jene Lehrerin, Miß Scatcherd ist doch so grausam gegen dich?«

»Grausam? Durchaus nicht! Sie ist strenge. Sie hat einen großen Widerwillen gegen meine Fehler.«

»Und wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich sie hassen, ich würde mich gegen sie auflehnen; wenn sie mich mit jener Rute schlüge, würde ich sie ihr aus der Hand reißen, vor ihrer Nase würde ich das Ding zerbrechen.«

»Wahrscheinlich würdest du nichts von alledem thun, aber wenn du es thätest, so würde Mr. Brocklehurst dich mit Schimpf und Schande aus der Schule jagen. Und das wäre doch ein großer Kummer für deine Angehörigen. Es ist viel besser, einen Schmerz mit Geduld zu ertragen, den niemand fühlt, als du selbst, denn eine unüberlegte That zu begehen, deren böse Folgen alle treffen, die dir verwandt sind – und überdies gebietet die Bibel uns, Böses mit Gutem zu vergelten.«

»Aber es ist doch entehrend, mit Ruten gepeitscht zu werden und in der Mitte eines Zimmers stehen zu müssen, das voller Menschen ist, und du bist schon ein so großes Mädchen; ich bin viel jünger als du und ich könnte es nicht einmal ertragen.«

»Und doch wäre es deine Pflicht, es zu ertragen, wenn du es nicht vermeiden könntest. Es ist schwach und albern zu sagen, daß du nicht ertragen kannst, was das Schicksal dir auferlegt.«

Staunend hörte ich ihr zu. Ich konnte diese Lehre der Duldsamkeit nicht begreifen; und noch weniger konnte ich die Versöhnlichkeit, mit welcher sie von ihrer Quälerin sprach, verstehen, noch mit derselben sympathisieren. Doch fühlte ich, daß Helen Burns alle Dinge in einem Lichte sah, das meinen Augen nicht sichtbar war. Ich vermutete, daß sie Recht hatte und ich Unrecht; aber ich wollte nicht tiefer über die Sache nachdenken – wie Felix schob ich es für eine passendere Gelegenheit auf.

»Du sagst, daß du Fehler hast, Helen, nenne sie mir doch. Mir erscheinst du so gut.«

»Dann lerne von mir, daß man nicht nach dem Schein urteilen darf. Ich bin, wie Miß Scatcherd sagt, sehr unordentlich; selten nur mache ich Ordnung zwischen meinen Sachen und niemals erhalte ich diese Ordnung; ich bin unachtsam; ich vergesse die Vorschriften; ich lese, wenn ich meine Aufgaben machen sollte; ich habe keine Methode und zuweilen sage ich wie du, ich kann es nicht ertragen, mich systematischen Einrichtungen zu unterwerfen. Alles dies ist sehr ärgerlich für Miß Scatcherd, welche von Natur sauber und reinlich und pünktlich ist.«

»Und böse und grausam,« fügte ich hinzu, aber Helen Burns wollte diesen Zusatz nicht gelten lassen, sie schwieg.

»Ist Miß Temple ebenso streng gegen dich, wie Miß Scatcherd?« fragte ich wieder.

Bei der Nennung von Miß Temples Name flog ein sanftes Lächeln über ihr sonst so ernstes Gesicht.

»Miß Temple ist voller Güte; es bereitet ihr Schmerz, gegen irgend jemanden strenge sein zu müssen, selbst gegen die schlechteste Schülerin der ganzen Schule. Sie sieht meine Fehler und belehrt mich mit Sanftmut über dieselben; wenn ich aber irgend etwas lobenswertes thue, so ist sie sehr freigebig mit ihren Lobeserhebungen. Ein starker Beweis für meine unglückselig elende, fehlerhafte, schwache Natur ist es, daß sogar ihre Vorstellungen, so milde, so vernünftig, nicht genug Einfluß haben, um mich von meinen Fehlern zu kurieren. Und sogar ihr Lob, obgleich ich es so hoch schätze, kann mich nicht zu andauernder Sorgsamkeit und Überlegung anspornen.«

»Das ist seltsam,« sagte ich, »es ist doch so leicht, sorgsam zu sein.«

»Für dich ist es das ohne Zweifel. Ich habe dich heute Morgen in deiner Klasse beobachtet und sah, wie unverwandt aufmerksam du warst. Deine Gedanken schienen niemals abzuschweifen, während Miß Miller die Lektion erklärte und dich befragte. Und die meinen wandern fortwährend; wenn ich Miß Scatcherd zuhören und mit Sorgfalt alles in mich aufnehmen sollte, was sie sagt, höre ich oft sogar den Laut ihrer Stimme nicht mehr; ich versinke in eine Art von Traum. Manchmal glaube ich, daß ich in Northumberland bin und daß der Lärm, den ich um mich herum höre, das Plätschern und Rieseln eines kleinen Baches ist, der durch Deepden, ganz nahe unserem Hause, fließt: – – wenn dann die Reihe an mich kommt zu antworten, muß ich erst geweckt werden, und weil ich dann von allem, was gelesen wurde, nichts gehört habe, weil ich dem Rauschen des imaginären Baches lauschte, so habe ich niemals eine Antwort in Bereitschaft.«

»Aber du hast doch heute Nachmittag so gut geantwortet.«

»Das war ein reiner Zufall, Der Gegenstand, über den wir gelesen, hatte mein ganzes Interesse geweckt. Anstatt von Deepden zu träumen, dachte ich heute Nachmittag verwundert darüber nach, wie ein Mann, der so innig wünschte, das Gute zu thun, oft so ungerecht und unklug handeln konnte wie Karl I. es gethan; und ich dachte, wie traurig es gewesen, daß er bei all seiner Rechtschaffenheit und Gewissenhaftigkeit nicht weiter blicken konnte, als bis zu den Prärogativen der Krone. Wenn er nur im stande gewesen wäre, in die Ferne zu blicken und zu sehen, wohin das, was man den Geist der Zeit nennt, eigentlich strebte! Und doch – ich liebe Karl – ich achte ihn – ich bedauere ihn, den armen gemordeten König! Ja, seine Feinde waren die schlimmsten; sie vergossen Blut, welches zu vergießen sie kein Recht hatten! Wie konnten sie es wagen, ihn zu töten!«

Helen sprach jetzt mit sich selbst; sie hatte ganz vergessen, daß ich wohl kaum im stande war, sie zu verstehen – daß ich unwissend war, daß der Gegenstand, über den sie diskutierte, mir fast unbekannt war. Ich rief sie wieder auf meinen Standpunkt zurück.

»Wandern deine Gedanken auch, wenn Miß Temple dich unterrichtet?«

»Nein, gewiß nicht, oder doch nur selten. Miß Temple hat immer etwas zu sagen, das für meine eigenen Reflexionen noch neu ist. Ihre Sprechweise ist mir seltsam angenehm, und die Belehrung, welche sie erteilt, ist meistens grade das, was ich zu lernen wünschte.«

»Also mit Miß Temple bist du gut?«

»Ja, in einer passiven Weise. Ich mache keine besondere Anstrengung, ich folge nur, wohin meine Neigung mich führt. In solcher Güte liegt doch kein besonderes Verdienst.«

»Ein großes Verdienst! Du bist gut mit denen, die gut mit dir sind. Wahrhaftig, ich wünschte nur, daß ich das sein könnte. Wenn die Menschen stets gut und gehorsam den Ungerechten gegenüber wären, so ginge den bösen Menschen ja alles nach ihrem Kopfe; sie würden vor nichts zurückschrecken und sich niemals bessern, sondern immer schlechter und schlechter werden. Wenn man uns ohne Grund schlägt, so sollten wir mit aller Macht wieder schlagen. Ganz gewiß – das sollten wir thun, so kräftig, daß die Person, welche es gethan hat, sich wohl hüten würde, es jemals wieder zu thun.«

»Ich hoffe, du wirst anderen Sinnes werden, wenn du älter wirst, bis jetzt bist du ja nur ein kleines, unwissendes Mädchen, das es nicht besser gelernt hat.«

»Aber das fühle ich doch klar, Helen, daß ich die hassen muß, die fortfahren mich zu hassen, trotzdem ich alles thue, was ihnen Freude machen kann; ich muß mich auflehnen gegen die, welche mich ungerecht bestrafen. Es ist ebenso natürlich, wie daß ich jene liebe, die mir Liebe zeigen, oder daß ich mich ruhig einer Strafe unterwerfe, wenn ich fühle, daß sie verdient ist.«

»Heiden und wilde Stämme huldigen solcher Doktrin, aber Christen und civilisierte Nationen erkennen sie nicht an.«

»Wie? Ich verstehe das nicht.«

»Nicht Heftigkeit oder Gewalt vermag den Haß am besten zu besiegen – nicht befriedigtes Rachegefühl heilt die geschlagenen Wunden.«

»Was sonst?«

»Lies das Neue Testament und merke, was Christus sagt, wie er handelt – mache sein Wort zu deiner Richtschnur, sein Thun zu deinem Beispiel.«

»Was sagt er?«

»Liebet eure Feinde, segnet die, so euch fluchen, thut wohl denen, die euch hassen und euch beleidigen.«

»Dann müßte ich Mrs. Reed lieben und das kann ich nicht; ich müßte ihren Sohn John segnen, und das ist unmöglich.«

Ihrerseits bat Helen Burns nun, mich ihr zu erklären, und sofort begann ich in meiner eigenen Weise ihr die ganze Geschichte meiner Leiden und Qualen, das ganze Register der mir widerfahrenen Unbill zu erzählen. Wild und bitter, wenn ich erregt war, sprach ich, wie ich fühlte, ohne Beschönigung, ohne Zurückhaltung.

Geduldig hörte Helen mir bis zu Ende zu. Ich erwartete dann, daß sie irgend eine Bemerkung machen werde, aber sie verharrte schweigend.

»Nun,« fragte ich ungeduldig, »ist Mrs. Reed nicht ein herzloses, böses Weib?«

»Sie ist nicht gütig gegen dich gewesen, ohne Zweifel, weil sie – das mußt du begreifen lernen – deinen Charakter ebenso widerlich findet wie Miß Scatcherd den meinen. Wie genau du dich aber an alles erinnerst, was sie dir gethan, was sie dir gesagt hat! Welch einen seltsam tiefen Eindruck ihre Ungerechtigkeit auf dein Herz gemacht zu haben scheint! So tief vermag die Erinnerung an erlittenes Unrecht sich meinem Gefühl nicht einzuprägen. Würdest du nicht glücklicher sein, wenn du versuchtest, ihre Strenge zu vergessen, sowie die leidenschaftlichen Empfindungen, welche diese wachrief? Das Leben scheint mir doch zu kurz zu sein, um es damit hinzubringen, Feindseligkeit zu nähren und erduldete Unbill zu verzeichnen. Ein jeder von uns ist auf dieser Welt mit Fehlern beladen und er muß es sein; – aber bald wird die Zeit kommen, das hoffe ich zuversichtlich, wo wir sie ablegen zusammen mit unserem vergänglichen, irdischen Leibe; wo wir Vergänglichkeit und Sünde mit diesem hinfälligen Fleische von uns streifen, und nur der Geistesfunke zurückbleibt – dieser unerschütterliche, unverrückbare Grundstein des Lebens und des Gedankens, so rein geblieben wie er war, als er vom Schöpfer ausging, um die Kreatur zu beleben; er wird dorthin zurückkehren, von wannen er kam – vielleicht um in ein Wesen überzugehen, das höher und erhabener ist als der Mensch – vielleicht um durch alle Phasen der Ewigkeit zur Herrlichkeit einzugehen, von der ohnmächtigen menschlichen Seele bis hinauf zum Seraph zu steigen! Denn gewiß, nimmer kann es doch sein, daß wir umgekehrt vom Menschen zum Teufel degenerieren? Nein. Das kann ich nicht glauben. Mein Glaubensbekenntnis ist ein anderes. Niemand hat es mich jemals gelehrt, und nur selten spreche ich davon, aber es ist meine ganze Glückseligkeit, und ich klammere mich fest daran, denn es gewährt allen Hoffnung – es macht die Ewigkeit zur Ruhe, zum Frieden – zur himmlischen Heimat, nicht zum Schrecken, nicht zum Abgrund. Und außerdem gewährt dieser Glaube mir die Fähigkeit, zwischen dem Verbrecher und seinem Verbrechen zu unterscheiden. Ich bin im stande, ersterem von Herzen zu vergeben, während ich seine That verabscheue. Und dieser mein Glaube macht auch, daß Rachegefühl mein Herz niemals quält, Zurücksetzung mich nicht zu tief verwundet, Ungerechtigkeit mich niemals ganz zermalmen kann: ich lebe in Frieden und denke an das Ende!«

Helens Kopf, den sie immer ein wenig gesenkt trug, sank noch tiefer herab, als sie die letzten Worte sprach. Ich sah es ihren Blicken an, daß sie kein Verlangen trug, noch länger mit mir zu reden, daß sie gern mit ihren eigenen Gedanken allein sein wollte. Man ließ ihr jedoch nicht Zeit zum Nachdenken. Eine Aufseherin, ein großes, grobes Mädchen trat in diesem Augenblick an sie heran und rief im ausgeprägten cumberländischen Accent:

»Helen Burns, wenn du nicht hinauf gehst und augenblicklich Ordnung in deiner Schieblade machst und sofort deine Arbeit sauber zusammenfaltest, so werde ich Miß Scatcherd rufen und sie bitten, sich die Sache anzusehen.«

Helen seufzte, als ihre Träumereien ein so jähes Ende nahmen, aber sie erhob sich und gehorchte der Aufseherin ohne Zögern, ohne Erwiderung.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.