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Gutenberg > Charlotte Brontë >

Jane Eyre, die Waise von Lowood.

Charlotte Brontë: Jane Eyre, die Waise von Lowood. - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorCharlotte Brontë
titleJane Eyre, die Waise von Lowood.
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub1847
translatorMaria von Borch (1853 - 1895)
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon
senderwww.gaga.net
created20060420
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Fünftes Kapitel.

Am Morgen des 19. Januar hatte es kaum fünf Uhr geschlagen, als Bessie ein Licht in meine kleine Kammer brachte und mich bereits außer dem Bette und halb angekleidet fand. Ich war schon eine halbe Stunde vor ihrem Eintritt aufgestanden, hatte mein Gesicht gewaschen und mich beim Scheine des grade untergehenden Mondes, der seine Strahlen durch das schmale Fensterchen neben meinem Bette warf, angekleidet. An diesem Tage sollte ich Gateshead mit einer Postkutsche verlassen, die um sechs Uhr morgens an dem Parkthor des Herrenhauses vorüberfuhr. Bessie war die einzige Person, die aufgestanden war; sie hatte in der Kinderstube ein Feuer im Kamin angezündet und bereitete jetzt mein Frühstück an demselben. Nur wenige Kinder vermögen zu essen, wenn sie von dem Gedanken an eine Reise beherrscht sind, und ich konnte es auch nicht. Umsonst bat Bessie mich, nur einige Löffel voll von dem Milch- und Brotbrei zu essen, den sie für mich bereitet hatte; ich weigerte mich hartnäckig; dann wickelte sie einige kleine Brötchen und Zwieback in ein Papier und schob es in meine Reisetasche. Darauf bekleidete sie mich mit Hut und Pelz, hüllte sich in ein dickes Tuch und verließ mit mir die Kinderstube, Als wir an Mrs. Reeds Schlafzimmer vorüberkamen, sagte sie: »Wollen Sie hineingehen und Ihrer Tante Lebewohl sagen?«

»Nein, Bessie. Als du gestern zum Abendbrot in die Küche hinunter gegangen warst, kam sie an mein Bett und sagte, daß ich weder sie noch meine Cousinen heute morgen zu stören brauche, und dann ermahnte sie mich, nie zu vergessen, daß sie stets meine beste Freundin gewesen, und dankbar von ihr zu sprechen und an sie zu denken.«

»Was antworteten Sie darauf, Fräulein?«

»Nichts. Ich bedeckte mein Gesicht mit der Decke und wandte mich von ihr ab.«

»Das war nicht recht, Miß Jane.«

»Es war ganz recht, Bessie. Mrs. Reed ist niemals meine Freundin gewesen, sie war meine erbittertste Feindin.«

»O, Miß Jane, das dürfen Sie nicht sagen!«

»Lebewohl Gateshead!« rief ich, als wir durch die Halle gingen und durch die große Hausthür hinaustraten.

Der Mond war untergegangen und es war sehr dunkel. Bessie trug eine Laterne, deren Licht auf nasse Stufen und einen durch plötzlichen Thau aufgeweichten Kiesweg fiel. Feucht und rauh war dieser Wintermorgen, meine Zähne schlugen vor Kälte zusammen, als wir den Fahrweg hinuntereilten. Aus der Loge des Portiers glänzte ein Licht. Als wir näher kamen, sahen wir, daß die Pförtnersfrau gerade ein Feuer machte. Mein Koffer, welcher schon am Abend vorher hinuntergetragen war, stand mit Stricken geschnürt vor der Thür. Es fehlten nur noch wenige Minuten an sechs Uhr, und kurz nachdem die volle Stunde geschlagen hatte, verkündete das ferne Rollen der Räder das Nahen der Postkutsche. Ich ging an die Thür und beobachtete, wie die Laternen des Wagens schnell durch die Dunkelheit daher kamen.

»Fährt sie allein?« fragte die Portiersfrau.

»Ja.«

»Und wie weit ist es von hier?«

»Fünfzig Meilen.«

»Welch weiter Weg! Mich wundert es nur, daß Mrs. Reed es wagt, sie die lange Strecke allein fahren zu lassen.«

Die Kutsche hielt an; da stand sie mit ihren vier Pferden und dem von Reisenden besetzten Dach vor der Thür; der Kutscher und der Kondukteur trieben laut zur Eile an; mein Koffer wurde hinauf gehißt; man zog mich von Bessie fort, deren Nacken ich umklammert hielt und die ich mit Küssen bedeckte.

»Daß Ihr nur gut acht auf das Kind gebt!« rief sie dem Kondukteur zu, der mich in das Innere des Wagens hob.

»Ja! Ja! Ja!« war seine Antwort. Die Thür wurde wieder zugeschlagen, eine Stimme rief »Fertig«, und vorwärts ging es. So trennte ich mich von Bessie und Gateshead – so rollte ich davon, unbekannten und wie ich damals glaubte, fernen und geheimnisvollen Regionen entgegen.

Von jener Reise erinnere ich mich nur noch an wenige Einzelheiten. Ich weiß nur noch, daß der Tag mir von einer unnatürlichen Länge erschien, und daß es mich dünkte, als ob die Landstraße, auf welcher wir dahinfuhren, hunderte von Meilen lang sei. Wir kamen durch verschiedene Städte, und in einer derselben, einer sehr großen, hielt die Kutsche an; die Pferde wurden ausgespannt und die Passagiere stiegen aus, um zu Mittag zu essen. Ich wurde in ein Wirtshaus geführt, wo der Kondukteur mich aufforderte, mich zum speisen hinzusetzen; da ich jedoch keinen Appetit hatte, ließ er mich in einem großen Zimmer allein, an dessen beiden Enden sich je ein Kamin befand; ein Kronleuchter hing von der Decke herab, und oben an der Wand war eine kleine, rote Galerie angebracht, auf der verschiedene musikalische Instrumente lagen. In diesem Gemach ging ich lange auf und ab; mir war gar seltsam zu Mute und ich hatte eine Todesangst, daß jemand hereinkommen könne, um mich zu rauben und fortzuführen, denn ich glaubte an Kinderdiebe; ihre Thaten hatten in Bessies Kaminfeuererzählungen stets eine hervorragende Rolle gespielt. Endlich kam der Kondukteur zurück, noch einmal wurde ich in die Kutsche gepackt; mein Beschützer stieg auf seinen eigenen Sitz, ließ sein Horn erklingen, und fort rasselten wir über die steinigen Straßen von L.

Naß und nebelig kam der Nachmittag heran; als die Dämmerung hereinbrach, begann ich zu fühlen, daß wir in der That schon weit von Gateshead entfernt sein mußten; wir hörten auf, Städte zu passieren; die Landschaft veränderte sich; große, graue Hügel begannen den Horizont einzuschließen. Als es dunkler und dunkler wurde, fuhren wir in ein düsteres, dicht bewaldetes Thal hinab, und lange nachdem die Nacht sich herabgesenkt hatte und jede Aussicht unmöglich machte, hörte ich den wilden Sturm durch die Bäume rauschen.

Dieses Rauschen lullte mich ein, endlich schlief ich fest. Doch hatte ich noch nicht lange geschlummert, als das plötzliche Aufhören der Bewegung mich weckte. Der Schlag der Postkutsche war geöffnet und eine Person, die wie eine Dienerin gekleidet war, stand daneben. Beim Schein der Laterne sah ich ihr Gesicht und ihre Kleidung.

»Ist ein kleines Mädchen hier, welches Jane Eyre heißt?« fragte sie. Ich antwortete »ja«, und wurde dann herausgehoben; man setzte meinen Koffer ab, und augenblicklich fuhr der Postwagen weiter.

Ich war steif vom langen Sitzen und ganz betäubt vom Lärm und von der Bewegung der Kutsche; nachdem ich mich einigermaßen erholt hatte, blickte ich umher. Regen, Wind und Dunkelheit füllten die Luft; trotzdem unterschied ich eine Mauer vor mir und eine geöffnete Thür in derselben. Durch diese Thür schritt ich mit meiner neuen Führerin; sie verschloß dieselbe sorgsam hinter uns. Jetzt wurde ein Haus oder ein Komplex von Häusern sichtbar – denn es war ein Gebäude von großer Ausdehnung – mit vielen, vielen Fenstern. Durch einige derselben fiel Lichterschein. Wir gingen einen breiten, mit Kies bestreuten Weg hinauf und wurden durch eine Thür in das Haus eingelassen, dann führte die Dienerin mich durch einen Korridor in ein Zimmer, wo ein helles Kaminfeuer brannte. Und nun blieb ich allein.

Ich stand und wärmte meine erstarrten Finger an der Glut, dann blickte ich umher. Es brannte kein Licht, aber bei dem unsicheren Schein des Kaminfeuers konnte ich tapezierte Wände, einen Teppich, Vorhänge und glänzende Mahagoni-Möbeln unterscheiden. Es war ein Wohnzimmer, zwar nicht so geräumig und prächtig wie der Salon in Gateshead-Hall, aber dennoch hübsch und gemütlich. Ich war grade damit beschäftigt, einen Kupferstich, welcher an der Wand hing, genau zu besichtigen, als die Thür geöffnet wurde und eine Gestalt eintrat, welche ein Licht in der Hand trug; eine zweite folgte ihr auf dem Fuße.

Die erste war eine schlanke Dame mit dunklem Haar, dunklen Augen und einer weißen, hohen Stirn; ihre Gestalt wurde zum Teil durch einen Shawl verhüllt; ihr Gesicht war ernst, ihre Haltung gerade.

»Das Kind scheint doch zu jung, um diese Reise allein zu machen,« sagte sie, indem sie das Licht auf den Tisch stellte. Mehrere Minuten betrachtete sie mich aufmerksam, dann fügte sie hinzu:

»Es wird gut sein, wenn sie bald zu Bette geht, sie sieht so müde aus. Bist du müde?« fragte sie und legte ihre Hand auf meine Schulter.

»Ein wenig, Madame.«

»Und auch hungrig, ohne Zweifel. Sorgen Sie dafür, Miß Miller, daß sie etwas zu essen bekommt, bevor sie sich schlafen legt. Ist es das erste Mal, daß du deine Eltern verlassen hast, mein kleines Mädchen, um hier in die Anstalt zu kommen?« Ich erklärte ihr, daß ich keine Eltern habe. Sie fragte mich, wie lange sie schon tot seien; dann wie alt ich sei, wie ich heiße, ob ich lesen könne und auch schreiben und ein wenig nähen. Endlich berührte sie meine Wange sanft mit ihrem Zeigefinger und sagte, »sie hoffe, daß ich ein gutes Kind sein würde,« und dann schickte sie mich mit Miß Miller fort.

Die Dame, die ich soeben verlassen, mochte ungefähr neunundzwanzig Jahre alt sein. Die, welche mit mir ging, konnte um einige Jahre weniger zählen; die erstgenannte machte durch ihre Mienen, ihren Blick und ihre Stimme einen großen Eindruck auf mich. Miß Miller war von gewöhnlicherem Schlage, ihr Teint war gesund, obgleich ihre Züge die Spuren von Kummer und Sorgen trugen; sie war hastig in Gang und Bewegungen wie jemand, der fortwährend eine Menge der verschiedensten Dinge zu besorgen hat; in der That, man sah auf den ersten Blick, daß sie war, was ich späterhin erfuhr – eine Unterlehrerin. Von ihr geführt, ging ich von Zimmer zu Zimmer, von Korridor zu Korridor durch ein großes, unregelmäßiges Gebäude. Endlich hörte die vollständige und trübselige Stille des von uns durchschrittenen Teiles des Hauses auf, und bald schlug ein Gewirr von Stimmen an unser Ohr. Wir traten in ein großes, langes Zimmer, in welchem an jedem Ende zwei große, hölzerne Tische standen; auf diesen brannten zwei Kerzen und rund um dieselben saßen auf Bänken eine Menge von Mädchen jeden Alters, von neun, zehn bis zu zwanzig Jahren. In dem trüben Schein der Talgkerzen schien ihre Unzahl mir Legion, obgleich ihrer in Wirklichkeit nicht mehr als achtzig waren. Sie trugen sämtlich eine Uniform von braunen wollenen Kleidern nach ganz altmodischem Schnitt und lange, baumwollene Schürzen. Es war die Stunde, in welcher sie ihre Aufgaben für den morgenden Tag lernten und das Gesumme von Stimmen, welches ich zuerst vernommen, war das vereinigte Resultat ihrer geflüsterten Repetitionen. Miß Miller machte mir ein Zeichen, mich auf eine Bank nahe der Thür zu setzen; dann ging sie an das obere Ende des großen Zimmers und rief mit sehr lauter Stimme:

»Aufseherinnen, sammelt die Schulbücher zusammen und legt sie an ihren Platz!«

Augenblicklich erhoben sich vier große Mädchen von verschiedenen Tischen, nahmen die Bücher zusammen und legten sie fort. Von neuem ertönte Miß Millers tönendes Kommandowort:

»Aufseherinnen, holt die Bretter mit dem Abendessen!«

Die großen Mädchen gingen hinaus und kehrten augenblicklich zurück. Jede trug ein großes Präsentierbrett mit Portionen von irgend welchem Essen – ich konnte nicht unterscheiden, was es war – und in der Mitte eines jeden solchen Brettes stand ein Krug mit Wasser und ein Becher. Die Portionen wurden umher gereicht, wer wollte, konnte auch einen Schluck Wasser trinken, der Becher war für alle gemeinsam bestimmt. Als die Reihe an mich kam, trank ich, denn ich war durstig; die konsistentere Nahrung ließ ich unberührt. Aufregung und Ermüdung machten es mir unmöglich zu essen, indessen sah ich jetzt, daß es ein dünner Kuchen von Hafermehl war, der in Stücke geschnitten worden.

Als die Mahlzeit vorüber war, las Miß Miller das Abendgebet vor, und die Klassen gingen in Reihen von zwei und zwei nach oben. Jetzt hatte die Müdigkeit mich vollständig überwältigt, ich bemerkte kaum, welche Art von Aufenthaltsort das Schlafzimmer eigentlich war; ich sah nur, daß es ebenso lang war wie das Schulzimmer. Diese Nacht mußte ich das Bett mit Miß Miller teilen, sie half mir beim entkleiden. Als ich mich niederlegte, blickte ich auf die lange Reihe von Betten, von denen jedes schnell mit zwei Teilhabern sich füllte, nach zehn Minuten wurde das einzige Licht ausgelöscht. Stille und vollständige Dunkelheit herrschten; ich schlief ein.

Die Nacht verstrich schnell. Ich war sogar zu müde und abgespannt, um träumen zu können. Nur einmal erwachte ich und vernahm, wie der Wind in wütenden Stößen durch die Bäume brauste. Der Regen fiel in Strömen. Jetzt gewahrte ich auch, daß Miß Miller ihren Platz an meiner Seite eingenommen hatte. Als ich die Augen wieder öffnete, schlug der laute Ton einer Glocke an mein Ohr. Die Mädchen waren bereits aufgestanden und kleideten sich an; der Tag war noch nicht angebrochen, und ein oder zwei Lichter brannten im Zimmer. Widerwillig erhob auch ich mich, es war bitter kalt, und ich kleidete mich an so gut wie ich es vor Kälte bebend vermochte. Als eine Waschschüssel frei geworden war, wusch ich mich. Allerdings mußte ich lange auf diese glückliche Fügung warten, denn auf den Waschtischen, welche durch die Mitte des Zimmers entlang standen, befand sich nur immer eine Schüssel für je sechs Mädchen. Wieder ertönte die Glocke. Alle traten wie am vorigen Abend zwei und zwei in die Kolonne, und in dieser Ordnung gingen sie die Treppe hinunter. Sie traten in das trübe erhellte und kalte Schulzimmer; hier las Miß Miller das Morgengebet vor; dann rief sie laut:

»Bildet die Klassen!«

Hierauf folgte ein großer Tumult, der einige Minuten anhielt. Inzwischen rief Miß Miller zu wiederholten Malen: »Ruhe!« und »Ordnung!« Als diese endlich eingetreten, sah ich, daß alle sich in vier Halbkreisen vor vier Stühlen aufgestellt hatten, welche vor vier Tischen standen. Alle hielten Bücher in den Händen und ein großes Buch, einer Bibel ähnlich, lag auf jedem Tisch vor dem leeren Stuhl. Nun entstand eine minutenlange Pause, während welcher man nichts vernahm, als das leise Gemurmel von Zahlen. Miß Miller ging von Klasse zu Klasse und machte diese unbestimmten Laute verstummen.

Aus der Ferne ertönte eine Glocke. Gleich darauf traten drei Damen ins Zimmer. Jede derselben ging an einen der Tische und nahm ihren Platz ein. Miß Miller nahm den vierten Stuhl, welcher der Thür am nächsten stand und um den die kleinsten Kinder sich versammelt hatten; dieser letzten Klasse wurde auch ich zugewiesen und zwar als letzte in derselben.

Jetzt begann die Arbeit. Die Kollekte des Tages wurde wiederholt, dann wurden mehre Texte aus der heiligen Schrift hergesagt, und endlich folgte das Lesen von Kapiteln aus der Bibel, welches eine ganze Stunde dauerte. Als wir mit dieser Übung zu Ende gelangt, war der Tag vollständig angebrochen. Die unermüdliche Glocke ertönte jetzt zum viertenmal. Die Klassen sammelten sich und marschierten in ein anderes Zimmer, wo das Frühstück eingenommen wurde. Wie froh war ich bei der Aussicht, jetzt endlich etwas zu essen zu bekommen. Der Hunger hatte mich beinahe schon krank gemacht, denn Tags zuvor hatte ich fast gar keine Nahrung zu mir genommen.

Das Refektorium war ein großes, niedriges, düsteres Gemach. Auf zwei langen Tischen dampfte etwas Heißes in kleinen Näpfen, das indessen zu meiner größten Enttäuschung einen Geruch ausströmte, der nichts weniger als einladend war. Als der Dampf dieser Mahlzeit in die Geruchsorgane derjenigen drang, welche bestimmt waren, selbige zu vertilgen, bemerkte ich eine allgemeine Kundgebung der Unzufriedenheit. Aus dem Nachtrab der Prozession, den die großen Mädchen der ersten Klasse bildeten, hörte man die geflüsterten Worte:

»Ekelhaft! Der Haferbrei ist schon wieder angebrannt!«

»Ruhe!« gebot eine Stimme. Es war nicht diejenige Miß Millers, sondern sie gehörte einer der Oberlehrerinnen, einer kleinen dunklen Person, die hübsch gekleidet war, hingegen sehr mürrisch und unangenehm aussah. Diese nahm an dem oberen Ende an einem der Tische Platz, während eine behäbigere Dame an dem anderen präsidierte. Umsonst hielt ich Umschau nach der Gestalt, welche ich am ersten Abend gesehen hatte, sie war nicht sichtbar. Miß Miller hatte am unteren Ende des Tisches Platz genommen, an welchem ich saß und eine seltsam fremdartig aussehende, ältliche Dame – die französische Lehrerin – wie ich später erfuhr – nahm denselben Platz am nächsten Tische ein. Ein langes Gebet wurde gesprochen, eine Hymne gesungen, dann brachte eine Dienerin den Thee für die Lehrerinnen herein und die Mahlzeit nahm ihren Anfang.

Vollständig ausgehungert und ermattet verschlang ich mehrere Löffel voll von meiner Portion, ohne an den Geschmack zu denken; als aber der erste, quälende Hunger gestillt war, bemerkte ich, daß ein übelriechendes Gemisch vor mir stand. Angebrannter Haferbrei ist beinahe ebenso abscheulich wie verfaulte Kartoffeln; selbst die Hungersnot schreckt davor zurück. Die Löffel wurden ganz langsam in Bewegung gesetzt, ich sah, wie jedes Mädchen die ihr vorgesetzte Nahrung kostete und versuchte, sie hinunterzuschlucken, aber in den meisten Fällen wurden diese Bemühungen aufgegeben. Das Frühstück war vorüber und niemand hatte gefrühstückt. Wir sprachen das Dankgebet für etwas, was wir gar nicht bekommen hatten, und nachdem eine zweite Hymne abgesungen worden, leerte das Refektorium sich und wir begaben uns in das Schulzimmer. Ich war eine der letzten, die hinausging und als ich die Tische passierte, sah ich, wie eine der Lehrerinnen einen Napf mit Haferbrei nahm, um den Inhalt desselben zu kosten; sie blickte die anderen an; die sämtlichen Gesichter drückten Entrüstung aus, und eine der Damen, die behäbige, flüsterte:

»Abscheulicher Mischmasch! Das ist empörend!«

Eine Viertelstunde verging, bevor die Stunden wieder begannen. Während dieser Zeit herrschte in dem Schulzimmer ein glorreicher Aufstand! In dieser Viertelstunde schien es nämlich erlaubt, frei und laut zu sprechen; und die Mädchen machten den umfassendsten Gebrauch von diesem Privilegium. Die ganze Konversation drehte sich um das Frühstück, auf das eine und alle ungeniert schalten. Die armen Dinger! Es war der einzige Trost, den sie hatten! Außer Miß Miller war keine andere Lehrerin im Zimmer. Einige der erwachsenen Mädchen bildeten eine Gruppe um sie und sprachen mit ernsten, trotzigen Geberden. Ich hörte von einigen Lippen den Namen Mr. Brocklehursts. Miß Miller schüttelte mißbilligend den Kopf, aber sie machte keine großen Anstrengungen, um die allgemeine Wut und Empörung zu dämpfen; ohne Zweifel teilte sie dieselbe.

Eine Uhr im Schulzimmer schlug die neunte Stunde. Miß Miller verließ den Kreis, welcher sich um sie gebildet hatte, trat in die Mitte des Zimmers und rief mit lauter Stimme:

»Ruhe! Auf die Plätze!«

Die Disziplin trug den Sieg davon. Nach fünf Minuten war Ordnung in die wirre Menge gekommen, und verhältnismäßige Ruhe folgte auf die Sprachenverwirrung von Babel. Die Oberlehrerinnen nahmen jetzt pünktlich ihre Posten ein, und doch schienen alle noch auf irgend etwas zu warten. Auf den Bänken, welche sich an den Seiten des Zimmers entlang zogen, saßen achtzig Mädchen bewegungslos und kerzengerade; eine seltsame Versammlung in der That – allen war das Haar glatt aus der Stirn gekämmt, nicht eine Locke war sichtbar – in ihren braunen Kleidern, die bis an den Hals reichten und oben mit einer schmalen Rüsche abschlossen – mit kleinen Taschen aus baumwollenem Stoffe, (ungefähr so geformt wie die Säcke der Hochländer) die an der Vorderseite des Kleides befestigt waren und den Zweck hatten als Arbeitstasche zu dienen – dazu die wollenen Strümpfe und die einfach gearbeiteten Schuhe, welche mit Messingschnallen befestigt waren – ja, in der That, eine seltsame Versammlung! – Ungefähr zwanzig der auf diese Weise gekleideten Mädchen waren erwachsen oder eigentlich schon über die allererste Jugend hinaus; das Kostüm kleidete sie schlecht und gab selbst der hübschesten unter ihnen ein sonderbar abstoßendes Aussehen.

Ich betrachtete sie noch, und dann und wann auch die Lehrerinnen, von denen keine einzige mir besonders gefiel, denn die Behäbige hatte etwas gewöhnliches, die Dunkle sah sehr trotzig aus, die Fremde heftig und grotesk und Miß Miller, das arme Ding, sah blaurot und abgehärmt und überarbeitet aus – da plötzlich, als meine Blicke noch von einem Gesicht zum anderen wanderten, erhob die ganze Schule sich gleichzeitig und wie auf Kommando, als hätte eine einzige Sprungfeder sie alle in die Höhe geschnellt.

Was war denn geschehen? Ich hatte keinen Befehl vernommen – ich war ganz bestürzt. Bevor ich mich noch gesammelt und orientiert hatte, saßen die Klassen schon wieder. Da sich jetzt aber alle Blicke auf einen Punkt richteten, so folgten auch die meinen jener Richtung – und fielen auf die Dame, welche mich am vorhergehenden Abend empfangen hatte. Sie stand am Kamin, am unteren Ende des Zimmers, an jedem Ende desselben befand sich nämlich ein Kaminfeuer. Ernst und ruhig musterte sie die beiden Reihen der Mädchen. Miß Miller näherte sich ihr und schien eine Frage zu thun. Nachdem sie die Antwort erhalten, ging sie an ihren Platz zurück und sagte laut:

»Aufseherin der ersten Klasse, gehen Sie und holen Sie den Globus.«

Während diese Weisung befolgt wurde, ging die Dame, welche befragt worden war, langsam durch das Zimmer. Ich glaube, mein Organ der Ehrerbietung muß stark entwickelt sein, denn noch heute erinnere ich mich des Gefühls von staunender Bewunderung, mit welchem ich ihren Schritten folgte. Jetzt im hellen Tageslicht sah sie schlank, groß und stattlich aus. Braune Augen mit wohlwollendem, klarem Blick und fein gezeichnete Wimpern, welche sie umgaben, hoben die schneeige Weiße ihrer Stirn noch besonders hervor. Nach der Mode jener Zeit, wo weder glatte Scheitel, noch lange Schmachtlocken en vogue waren, trug sie ihr schönes, dunkelbraunes Haar in kurzen, dicken Locken an den Schläfen zusammengefaßt. Ihre Kleidung, ebenfalls nach der Mode des Tages, bestand aus dunkelviolettem Tuch mit einer Art von spanischem Besatz aus schwarzem Sammet. Eine goldene Uhr (Uhren wurden in jenen Tagen noch nicht allgemein getragen) hing an ihrem Gürtel. Um das Bild vollständig zu machen, muß der Leser sich noch feine, vornehme Züge hinzudenken, eine bleiche, aber klare Gesichtsfarbe, eine stattliche Haltung und Gestalt – und dann hat er, so deutlich wie Worte ihn zu geben vermögen, einen richtigen Begriff von dem Äußeren der Miß Temple – Maria Temple, wie ich später einmal in einem Gebetbuche las, welches mir anvertraut wurde, um es in die Kirche zu tragen.

Die Oberin oder Vorsteherin von Lowood (denn dieses Amt bekleidete die Dame) nahm ihren Sitz vor einem Globus ein, der auf einem der Tische stand, rief die erste Klasse auf, sich um sie zu sammeln, und begann dann, eine Unterrichtsstunde in Geographie zu geben. Die niederen Klassen wurden von den Lehrerinnen aufgerufen: Repetitionen in der Weltgeschichte, Grammatik u. s. w. Dies dauerte eine Stunde. Dann folgte Arithmetik und Schreibunterricht, und Miß Temple gab einigen der größeren Mädchen Musikstunde. Die Dauer jeder Unterrichtsstunde wurde nach der Uhr bemessen. Endlich schlug es zwölf. Die Vorsteherin erhob sich:

»Ich habe einige Worte an die Schülerinnen zu richten,« sagte sie.

Der Tumult, welcher stets nach Beendigung der Schulstunden einzutreten pflegt, hatte sich bereits erhoben, aber er legte sich sofort beim Klange ihrer Stimme. Sie fuhr fort: »Ihr habt heute morgen ein Frühstück gehabt, welches ihr nicht essen konntet, ihr müßt hungrig sein – ich habe befohlen, daß für euch alle ein Gabelfrühstück von Brot und Käse aufgetragen wird.«

Die Lehrerinnen richteten Blicke auf sie, welche das größte Erstaunen verrieten.

»Es soll auf meine Verantwortung geschehen,« fügte sie hinzu, gewissermaßen in einem erklärenden Tone für die Damen; gleich darauf verließ sie das Zimmer.

Brot und Käse wurden alsbald hereingebracht und verteilt, zum größten Ergötzen und zur höchsten Befriedigung der ganzen Schule. Und nun erging die Ordre: »In den Garten!« Jede Schülerin setzte einen groben, häßlichen Strohhut mit Bändern von buntem Kaliko auf und band einen Mantel von grauem Fries um. Ich wurde in gleicher Weise equipiert, und dem Strome folgend machte ich meinen Weg in die frische Luft hinaus.

Der Garten war ein weiter Plan, der mit so hohen Mauern umgeben war, daß er jeden Blick in die Außenwelt unmöglich machte; eine überdachte Veranda zog sich an der einen Seite entlang, und breite Kieswege umschlossen einen Mittelraum, der in unzählige, kleine Beete abgeteilt war. Diese Beete waren den Schülerinnen zum Bebauen und zur Pflege übergeben, und jedes Beet hatte eine Besitzerin. Ohne Zweifel waren sie sehr hübsch, wenn sie mit blühenden Blumen bedeckt waren, aber jetzt gegen Ende des Monats Januar boten sie dem Auge nur ein Bild der winterlichen Zerstörung und des traurigen Verfalls. Es durchschauerte mich, als ich so dastand und umherblickte. Der Tag war der Bewegung im Freien durchaus nicht günstig, es war kein ordentlicher Regen, der alles durchnäßte, sondern ein dicker, gelber, herabrieselnder Nebel. Der Boden unter unseren Füßen war durch den gestrigen Regen noch gänzlich durchweicht. Die kräftigeren unter den Mädchen liefen umher und belustigten sich mit fröhlichen Spielen: aber unter der Veranda stand eine ganze Schar bleicher, magerer Gestalten, die ängstlich zusammenkrochen, als suchten sie hier Schutz und Wärme. Oft ertönte aus ihrer Mitte, als der dichte Nebel ihnen fast bis auf die Haut drang, ein hohler, Böses verkündender Husten.

Bis jetzt hatte ich noch mit niemand gesprochen und niemand schien mir sonderliche Beachtung zu schenken, ganz einsam stand ich da; aber an dieses Gefühl der Vereinsamung war ich ja gewöhnt, es bedrückte mich nicht mehr als sonst. Ich lehnte mich gegen einen Pfeiler der Veranda, zog meinen grauen Mantel fest um mich zusammen und indem ich versuchte, die Kälte, die mich von außen schmerzte, und den unbefriedigten Hunger, der von innen an mir nagte, zu vergessen, gab ich mich ganz der Beschäftigung hin, zu beobachten und nachzudenken. Meine Reflexionen waren zu unbestimmt und zu fragmentarisch, als daß sie einer Erwähnung verdienten. Ich wußte noch kaum, wo ich mich eigentlich befand. Gateshead und mein bisheriges Leben schienen in einer unermeßlichen Ferne zu verschwinden, die Gegenwart war seltsam und vag und von der Zukunft wagte ich nicht, mir irgend ein Bild zu machen. Ich blickte in dem klösterlichen Garten umher, dann zum Hause hinauf. Es war ein großes Gebäude, dessen eine Hälfte grau und alt erschien, während die andere ganz neu war. Dieser neue Teil, welcher das Schulzimmer und den Schlafsaal enthielt, hatte vergitterte Bogenfenster, die ihm ein kirchenähnliches Aussehen gaben. Eine steinerne Tafel oberhalb der Thür trug die Inschrift:

»Institut von Lowood. – Dieser Teil des Hauses wurde wieder erbaut an. dom. ... durch Naomi Brocklehurst von Brocklehurst-Hall in dieser Grafschaft.«

»Lasset euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.« Ev. Matthäi, 16.

Wieder und wieder las ich diese Worte. Ich fühlte, daß sie noch eine Erklärung haben mußten, und war außer stande, ihren ganzen Inhalt zu erfassen. Noch dachte ich über die Bedeutung des Wortes »Institut« nach und bemühte mich, einen Zusammenhang zwischen den ersten Worten und dem Bibelvers zu finden, als ein hohler Husten hinter mir mich veranlaßte, den Kopf zu wenden.

Ich sah ein Mädchen auf einer nahen Steinbank sitzen, sie war über ein Buch gebeugt, dessen Inhalt sie vollständig zu fesseln schien. Von der Stelle aus, wo ich stand, konnte ich den Titel lesen – es war »Rasselas«, ein Name, der mich seltsam dünkte und mich infolgedessen fesselte. Als sie ein Blatt umwandte, blickte sie zufällig auf, und sogleich sagte ich:

»Ist dein Buch interessant?« Ich hatte bereits den Entschluß gefaßt, sie eines Tages zu bitten, daß sie es mir leihen möge.

»Mir gefällt es,« sagte sie nach einer Pause von einigen Sekunden, während welcher sie mich angeblickt.

»Wovon handelt es denn?« fuhr ich fort. Noch weiß ich kaum, woher ich den Mut nahm, in dieser Weise eine Konversation mit einer gänzlich Unbekannten anzufangen, – es war so gänzlich meiner sonstigen Gewohnheit und meiner Natur entgegen, aber ich glaube, daß ihre Beschäftigung irgend eine sympathische Seite in mir berührt hatte, denn auch ich liebte die Lektüre, obgleich die meine stets kindisch und nichtssagend gewesen war; die schwere und ernste konnte ich weder verstehen noch verdauen.

»Du darfst es dir ansehen,« sagte das Mädchen und gab mir das Buch.

Das that ich. Eine kurze Besichtigung überzeugte mich, daß der Inhalt weit weniger fesselnd war als der Titel. »Rasselas« schien meinem seichten Geschmack höchst langweilig; ich fand nichts von Feen, von Genien, die eng gedruckten Seiten schienen keine fröhliche Abwechselung zu bieten. Ich gab ihr das Buch zurück. Sie nahm es ruhig und ohne ein weiteres Wort zu sprechen war sie im Begriff, sich ganz ihrer früheren Beschäftigung wieder hinzugeben, als ich noch einmal wagte, sie zu stören:

»Kannst du mir sagen, was die Inschrift dort auf dem Stein über der Thür bedeutet? Was ist »Institut von Lowood?«

»Es ist das Haus, in welchem du hier lebst.«

»Und weshalb nennen sie es Institut? Ist es denn in irgend einer Weise von anderen Schulen verschieden?«

»Es ist zum Teil eine Mildthätigkeits-Schule. Du und ich und alle übrigen sind Mildthätigkeits-Zöglinge. Ich vermute, daß du eine Waise bist; ist nicht dein Vater oder deine Mutter tot?«

»Sie sind beide tot, schon lange, ich habe gar keine Erinnerung mehr an sie.«

»Nun, all die Mädchen hier haben entweder Vater oder Mutter oder beide Eltern verloren, und man nennt dies ein Institut für die Erziehung von Waisen.«

»Bezahlen wir denn kein Schulgeld? Werden wir hier umsonst erhalten?«

»Wir oder unsere Verwandten bezahlen fünfzehn Pfund Sterling jährlich.«

»Weshalb nennt man uns denn Mildthätigkeits-Kinder?«

»Weil fünfzehn Pfund nicht hinreichend sind für Kost und Schule – und das Fehlende wird durch Subskriptionen aufgebracht.«

»Wer subskribiert denn?

»Verschiedene barmherzige Damen und Herren in dieser Gegend und in London.«

»Wer war Naomi Brocklehurst?«

»Die Dame, welche den neuen Teil dieses Hauses gebaut hat, wie die Inschrift besagt, und deren Sohn hier alles überwacht und anordnet.«

»Weshalb thut er das?«

»Weil er der Schatzmeister und Verwalter des ganzen Instituts ist.«

»Dann gehört dieses Haus also nicht der großen, schlanken Dame, welche eine Uhr trägt, und die sagte, daß wir Brot und Käse bekommen sollten?«

»Miß Temple? O nein! Ich wollte, es gehörte ihr! Sie ist Mr. Brocklehurst für alles, was sie thut, verantwortlich. Mr. Brocklehurst kauft alle Nahrungsmittel und alle Kleider für uns.«

»Wohnt er hier?«

»Nein – zwei Meilen von hier, in einem großen, prächtigen Herrenhause.«

»Ist er ein guter Mann?«

»Er ist ein Geistlicher, und man sagt, daß er sehr viel Gutes thut.«

»Sagtest du, daß die schlanke Dame Miß Temple heißt?«

»Ja.«

»Und wie heißen die anderen Lehrerinnen?«

»Die eine mit den roten Wangen heißt Miß Smith, sie muß auf die Handarbeiten achten und schneidet zu – denn wir nähen unsere eigene Wäsche, unsere Kleider und unsere Mäntel – kurzum alles; die kleine mit dem schwarzen Haar heißt Miß Scatcherd, sie lehrt Geschichte und Grammatik und überhört die Repetitionen der zweiten Klasse; die dritte, die ein Tuch trägt und das Taschentuch mit einem gelben Bande an der Seite festgebunden hat, ist Madame Pierrot, sie kommt aus Lisle in Frankreich und lehrt Französisch.«

»Liebst du die Lehrerinnen?«

»O ja, so ziemlich.«

»Liebst du auch die kleine Schwarze und die Madame – – –? Ich kann ihren Namen nicht so gut aussprechen wie du.«

»Miß Scatcherd ist heftig – du mußt dich hüten, sie ärgerlich zu machen. Madame Pierrot ist gerade keine böse Person.«

»Aber Miß Temple ist die beste – nicht wahr?«

»Miß Temple ist sehr klug und sehr gut; sie steht über all den anderen, weil sie viel mehr weiß, als sie.«

»Bist du schon lange hier?«

»Zwei Jahre.«

»Bist du eine Waise?«

»Meine Mutter ist tot.«

»Fühlst du dich hier glücklich?«

»Du thust eigentlich zu viele Fragen. Für jetzt habe ich dir genug geantwortet. Jetzt will ich lesen.«

In diesem Augenblick erklang die Glocke, die uns zum Mittagessen rief. Alle kehrten zurück in das Haus. Der Geruch, welcher jetzt das Refektorium füllte, war kaum appetitlicher als jener, welcher unsere Nasen beim Frühstück regaliert hatte. Das Mittagessen wurde in zwei unendlich großen Zinnschüsseln serviert, aus denen ein scharfer Dampf aufstieg, der stark an ranziges Fett erinnerte. Ich fand, daß dieses Gemengsel aus bedeutungslosen Kartoffeln und seltsamen Fetzen rötlichen Fleisches bestand, die untereinander gerührt und zusammen gekocht waren. Von dieser köstlichen Speise wurde jeder Schülerin eine ziemlich große Portion vorgesetzt. Ich aß so viel ich konnte und fragte mich still verwundert, ob die Kost der anderen Tage nicht besser sein würde als diese.

Nach dem Mittagessen verfügten wir uns sofort in das Schulzimmer. Die Stunden begannen von neuem und dauerten bis fünf Uhr.

Die einzig bemerkenswerte Begebenheit des Nachmittags bestand darin, daß ich sah, wie das Mädchen, mit dem ich in der Veranda gesprochen von Miß Scatcherd mit Schimpf und Schande aus der Weltgeschichtsstunde gejagt wurde und inmitten des großen Schulzimmers stehen mußte. Die Strafe schien mir im höchsten Grade entehrend, besonders für ein so großes Mädchen, das mehr als dreizehn Jahre zu zählen schien. Ich erwartete bei ihm Anzeichen von großer Scham und Verzweiflung zu sehen, aber zu meinem größten Erstaunen weinte sie weder noch errötete sie; gefaßt, wenn auch ernst, stand sie da, aller Blicke waren auf sie gerichtet. »Wie kann sie das so ruhig – so gefaßt tragen?« fragte ich mich. »Wenn ich an ihrer Stelle wäre, so würde ich doch gewiß wünschen, daß die Erde sich öffnen möchte, um mich zu verschlingen. Sie sieht aus, als dächte sie an etwas, das über ihre Strafe hinaus liegt – – über ihre ganze Lage, an etwas, das nicht um sie, nicht vor ihr ist. Ich habe von wachen Träumen gehört – träumt sie jetzt einen solchen Traum? Ihre Augen sind auf den Boden geheftet, aber ich bin überzeugt, daß sie ihn nicht sehen – ihr Auge scheint nach innen gewendet, in ihr Herz gesenkt, sie sieht nur die Dinge, die in ihrer Erinnerung leben, nichts, was die Gegenwart ihr bringt. Ich möchte doch wissen, was für ein Mädchen sie ist – ob gut oder unartig.«

Bald nach fünf Uhr Nachmittags hatten wir wieder eine Mahlzeit, die aus einem kleinen Becher Kaffee und einer halben Schnitte Schwarzbrot bestand. Ich verschlang mein Brot und trank meinen Kaffee mit wahrem Ergötzen. Aber ich wäre froh gewesen, wenn ich doppelt so viel gehabt hätte – ich war noch hungrig. Darauf folgte eine halbstündige Erholung, und dann begannen die Studien von neuem. Schließlich kam das Glas Wasser mit dem Stückchen Haferkuchen, das Gebet und das Schlafengehen. – Das war mein erster Tag in Lowood.

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