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Gutenberg > Charlotte Brontë >

Jane Eyre, die Waise von Lowood.

Charlotte Brontë: Jane Eyre, die Waise von Lowood. - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorCharlotte Brontë
titleJane Eyre, die Waise von Lowood.
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub1847
translatorMaria von Borch (1853 - 1895)
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon
senderwww.gaga.net
created20060420
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Viertes Kapitel.

Aus meiner Unterredung mit Mr. Lloyd und der soeben wiederholten Konferenz zwischen Abbot und Bessie schöpfte ich Hoffnung genug, um den Wunsch nach Genesung zu hegen; eine Veränderung schien bevorstehend – ich wünschte und wartete im Stillen. Die Sache verzögerte sich indessen. Tage und Wochen vergingen; mein Gesundheitszustand war wieder ein normaler, aber ich vernahm keine Anspielung mehr auf den Gegenstand, über welchen ich brütete. Oft betrachtete Mrs. Reed mich mit strengen, finsteren Blicken, aber nur selten sprach sie zu mir. Seit meiner Krankheit hatte sie eine schärfere Grenzlinie denn je zwischen mir und ihren eigenen Kindern gezogen; mir war eine kleine Kammer als Schlafgemach angewiesen worden; man hatte mich verdammt, meine Mahlzeiten allein einzunehmen, und ich mußte allein in der Kinderstube verweilen, während meine Vettern und Cousinen sich stets im Wohnzimmer aufhielten. Indessen fiel noch immer kein Wink über den Plan, mich in ein Erziehungsinstitut zu schicken; und doch hegte ich die instinktive Gewißheit, daß sie mich nicht mehr lange unter ihrem Dache dulden würde; denn mehr als je drückte ihr Blick, wenn er auf mich fiel, einen unüberwindlichen und eingewurzelten Abscheu aus.

Eliza und Georgiana handelten augenscheinlich nach Instruktionen, indem sie so wenig wie möglich mit mir sprachen; John streckte die Zunge aus sobald er mich erblickte und versuchte sogar einmal mich zu züchtigen; da ich mich aber augenblicklich gegen ihn wandte und er in meinen Blicken dieselbe Wut wahrnahm, in welcher ich mich schon einmal gegen ihn aufgelehnt hatte, hielt er es für besser, abzulassen und unter lauten Verwünschungen davon zu laufen, während er schrie, ich habe ihm das Nasenbein zertrümmert. Allerdings hatte ich nach diesem hervorragendsten Gesichtszuge einen Schlag geführt, so heftig wie meine Knöchel ihn auszuteilen vermochten; und als ich sah, daß entweder dieser Schlag oder meine Blicke ihn eingeschüchtert hatten, spürte ich die größte Neigung, meinen Vorteil noch weiter auszubeuten; er war indessen schon zu seiner Mutter gelaufen. Ich hörte, wie er mit stammelnden Lauten eine Geschichte begann »wie diese abscheuliche Jane Eyre« einer wilden Katze gleich auf ihn gesprungen sei; mit strenger Stimme unterbrach ihn seine Mutter.

»Sprich mir nicht von ihr, John; ich habe dir gesagt, daß du ihr nicht zu nahe kommen sollst; sie ist nicht einmal deiner Beachtung wert; ich will nicht, daß du oder eine deiner Schwestern mit ihr etwas zu thun haben.«

In diesem Augenblick lehnte ich mich über das Treppengeländer und schrie plötzlich ohne im geringsten über meine Worte nachzudenken:

»Sie sind nicht wert, mit mir zu verkehren.«

Mrs. Reed war eine ziemlich starke Frau; als sie indessen diese seltsamen und frechen Worte vernahm, kam sie ganz leichtfüßig die Treppe herauf gelaufen, zog mich mit Windeseile in die Kinderstube und indem sie mich an die Seite meines kleinen Bettes drückte, verbot sie mir mit pathetischer Stimme, mich von dieser Stelle fortzurühren und während des ganzen Tages auch nur noch ein einziges Wort zu sprechen.

»Was würde Onkel Reed jetzt sagen, wenn er noch lebte?« war meine fast willenlos gethane Frage. Ich sage, »fast willenlos«, denn es war, als spräche meine Zunge diese Worte aus, ohne daß mein Wille darum wußte. – Es sprach etwas aus mir, worüber ich keine Gewalt hatte.

»Was?« zischte Mrs. Reed fast unhörbar; in ihrem sonst so kalten, ruhigen, grauen Auge blitzte etwas auf, das der Furcht glich; sie ließ meinen Arm los und blickte mich an, als wisse sie nicht recht, ob ich ein Kind oder ein Teufel sei. Jetzt faßte ich Mut.

»Mein Onkel Reed ist im Himmel und kann alles sehen, was Sie thun und sagen; und mein Vater und meine Mutter auch; sie wissen, daß Sie mich den ganzen Tag einsperren und daß Sie nur wünschen, ich wäre tot.«

Mrs. Reed war schnell wieder gefaßt; sie schüttelte mich heftig, sie ohrfeigte mich aus allen Kräften und verließ mich dann ohne eine Silbe zu sprechen. Bessie füllte diese Lücke aus, indem sie mir eine stundenlange Strafpredigt hielt, in welcher sie mir ohne jeden Zweifel bewies, daß ich das elendeste und pflichtvergessenste Kind sei, das jemals unter einem Dache erzogen worden. Halb und halb glaubte ich ihr; denn ich empfand selbst, wie in diesem Augenblick nur böse Gefühle in meiner Brust tobten.

November, Dezember und die Hälfte des Januar gingen vorüber. Das Weihnachtsfest und Neujahr waren in Gateshead in der üblichen fröhlichen Weise gefeiert worden; Geschenke waren nach allen Seiten hin ausgeteilt und Mittag- und Abendgesellschaften gegeben. Von jeder Feier und Festlichkeit war ich natürlich ausgeschlossen; mein Anteil an diesen bestand darin, daß ich täglich mit ansehen mußte, wie Eliza und Georgiana auf das schönste herausgeputzt in ihren zarten Muslinkleidern und rosenroten Schärpen, mit sorgsam gelocktem Haar, in den Salon hinabgingen; und später horchte ich dann auf die Töne des Klaviers oder der Harfe, die zu mir herauf drangen; hörte, wie der Kellermeister und die Diener hin und her liefen, wie die Teller klapperten und die Gläser klangen, während die Erfrischungen umher gereicht wurden; und wenn die Thüren des Salons geöffnet und wieder geschlossen wurden, drangen sogar abgebrochene Sätze der Konversation an mein Ohr. Wenn ich des Lauschens müde geworden, verließ ich meinen Posten auf dem Treppenabsatz und ging in die stille, einsame Kinderstube zurück; dort, wenn ich auch traurig war, fühlte ich mich wenigstens nicht elend. Offen gestanden, hegte ich nicht das leiseste Verlangen, in Gesellschaft zu gehen, denn in der Gesellschaft schenkte mir selten irgend jemand Beachtung; und wenn Bessie nur ein wenig liebenswürdig und freundlich gewesen wäre, so hätte ich es für eine Bevorzugung angesehen, die Abende ruhig mit ihr anstatt unter den gefürchteten Augen von Mrs. Reed, in einem Kreise von mir unsympathischen Herren und Damen zubringen zu dürfen. Aber sobald Bessie ihre jungen Damen angekleidet hatte, pflegte sie sich in die lebhafteren Regionen der Küche und des Zimmers der Haushälterin hinunter zu begeben und gewöhnlich auch noch die Lampe mit fortzunehmen. Dann saß ich da mit meiner Puppe im Arm, bis das Feuer herabgebrannt war, und blickte zuweilen ängstlich umher, um mich zu vergewissern, daß sich nichts schlimmeres als ich selbst in dem düsteren Zimmer befand; wenn sich dann nur noch ein Häufchen glühend roter Asche auf dem Roste befand, entkleidete ich mich hastig, riß und zerrte aus allen Kräften an den Bändern und Knöpfen meiner Röcke und suchte in meinem Bettchen Schutz vor der Kälte und der Dunkelheit. In dieses Bettchen nahm ich auch stets meine Puppe mit; jedes menschliche Wesen muß etwas lieben, und da mir jeder andere Gegenstand für meine Liebe fehlte, fand ich meine Glückseligkeit darin, ein farbloses, verblaßtes Gebilde zu lieben, das noch häßlicher als eine Miniatur-Vogelscheuche war. In der Erinnerung scheint es mir jetzt unbegreiflich, daß ich mit so alberner Zärtlichkeit an diesem kleinen Spielzeug hängen konnte; oft bildete ich mir ein, daß es lebendig sei und mit mir empfinden könnte. Ich konnte nicht schlafen, wenn ich es nicht in die Falten meines Nachthemdchens gehüllt hatte, und wenn es dort sicher und warm lag, fühlte ich mich verhältnismäßig glücklich, weil ich glaubte, daß es ebenfalls glücklich sein müsse.

Wie lang schienen mir die Stunden, wenn ich auf das Fortgehen der Gesellschaft wartete und auf den Wiederhall von Bessies Tritten auf der Treppe horchte. – Zuweilen kam sie auch in der Zwischenzeit herauf, um ihren Fingerhut und ihre Schere zu suchen oder mir irgend etwas zum Abendbrot, vielleicht einen Käsekuchen oder ein Milchbrot herauf zu bringen; dann pflegte sie auf der Bettkante zu sitzen, während ich aß, und wenn ich fertig war, wickelte sie mich fest in die Decken und küßte mich zweimal und sagte: »Gute Nacht, Miß Jane.« Wenn Bessie so sanft war, erschien sie mir wie das beste, hübscheste, freundlichste Geschöpf auf der Welt; und dann wünschte ich so innig, daß sie stets so fröhlich und liebenswert sein und mich niemals wieder umherstoßen oder schelten oder mich ungerecht beschuldigen möchte, wie es doch meistens ihre Gewohnheit war. Ich glaube, daß Bessie Lee ein Mädchen mit guten natürlichen Anlagen gewesen sein muß, denn in allem, was sie that, war sie flink und geschickt, außerdem hatte sie ein wundersames Erzählungstalent oder wenigstens schien mir es so nach dem Eindruck, welchen ihre Kinderstubengeschichten auf mich machten. Auch war sie hübsch, wenn weiter die Erinnerung an ihre Gestalt und ihr Gesicht mich nicht täuscht. Sie steht vor mir wie ein schlankes, junges Weib mit schwarzem Haar, dunklen Augen, sehr hübschen Zügen und einer klaren, gesunden Gesichtsfarbe; aber sie war von heftigem und launenhaftem Temperament und sehr unausgeglichenen Begriffen von Gerechtigkeit und Grundsätzen – und doch, wie und was sie auch sein mochte, sie war mir lieber, als irgend ein anderes lebendes Wesen in Gateshead-Hall.

Es war am 15. Januar, ungefähr gegen neun Uhr morgens. Bessie war zum Frühstück hinuntergegangen; meine Cousinen waren noch nicht zu ihrer Mama gerufen worden; Eliza zog gerade ihren warmen Gartenmantel an und setzte ihren Hut auf, um hinunterzugehen und ihr Geflügel zu füttern – eine Beschäftigung, welche sie sehr liebte – und ebensoviel Vergnügen machte es ihr, der Haushälterin ihre Eier zu verkaufen und das Geld, welches sie auf solche Weise erlangte, zusammen zu sparen. Sie hatte viel Sinn für den Handel und einen ausgesprochenen Hang zur Sparsamkeit; dies zeigte sich nicht allein im Verkaufen von Hühnern und Eiern, sondern auch in scharfem Handeln mit dem Gärtner um Blumenpflanzen, Samen und junge Schößlinge; dieser Funktionär hatte von Mrs. Reed den strengen Befehl erhalten, der jungen Herrin alle Produkte ihres kleinen Gartens, welche sie etwa zu verkaufen wünschte, abzukaufen – und Eliza würde jedes einzelne Haar von ihrem Kopfe verkauft haben, wenn sie einen namhaften Profit dabei erzielt hätte! Anfänglich hatte sie ihr Geld in allen möglichen Winkeln und Ecken, in altes Lockenpapier oder in Lumpen gewickelt, versteckt; aber als einige dieser aufgespeicherten Schätze von dem Stubenmädchen entdeckt worden, willigte Eliza, welche fürchtete, eines Tages ihr ganzes Hab und Gut zu verlieren, darein, es ihrer Mutter gegen unerhörte Wucherzinsen – fünfzig oder sechzig Prozent – anzuvertrauen. Diese Zinsen trieb sie regelmäßig jedes Vierteljahr ein und führte mit ängstlicher Sorgfalt in einem kleinen Notizbuche hierüber Rechnung.

Georgiana saß auf einem hochbeinigen Stuhl und ordnete ihr Haar vor dem Spiegel; in ihre Locken flocht sie künstliche Blumen und verblichene Federn, von denen sie einen ganzen Vorrat in einer Kiste auf der Bodenkammer gefunden hatte. Ich brachte mein Bett in Ordnung, denn Bessie hatte mir den strikten Befehl erteilt, damit fertig zu sein, bevor sie zurückkommen würde; sie benutzte mich jetzt häufig wie eine Art von zweitem Stubenmädchen, um das Zimmer aufzuräumen, den Staub von den Möbeln zu wischen u. s. w. – Nachdem ich die Bettdecke ausgebreitet und mein Nachtkleid zusammengefaltet hatte, ging ich an das Fensterbrett, um einige Bilderbücher und Möbel aus der Puppenstube, welche dort umherlagen, fortzuräumen; aber ein lauter Befehl Georgianas, ihre Spielsachen nicht anzurühren (denn die Liliput-Stühle und Spiegel, die Feen-Teller und Tassen waren ihr Eigentum) gebot meinem Thun Einhalt. In Ermangelung jeder anderen Beschäftigung fing ich jetzt an, auf die Eisblumen, welche die Kälte auf die Fensterscheiben gezaubert hatte, zu hauchen, und mir so eine kleine Öffnung auf dem Glase zu verschaffen durch welche ich in den Garten blicken konnte, wo der harte Frost alles getötet und versteinert hatte.

Durch dieses Fenster war die Loge des Portiers und die Fahrstraße sichtbar und gerade als ich so viel von dem silberweißen Laubgewinde, das die Scheiben verschleierte, fortgehaucht hatte, um hinausblicken zu können, sah ich, daß die Pforten geöffnet wurden und ein Wagen durch das Thor rollte. Mit größter Gleichgiltigkeit verfolgte ich ihn, wie er vor das Haus rollte: es kamen ja so oft Wagen nach Gateshead, aber niemals brachten sie Besucher, für die ich auch nur das geringste Interesse hegte. Er hielt vor dem Hause, die Glocke wurde heftig gezogen; der Besucher erhielt Einlaß. Da dieser ganze Vorgang mich nicht kümmerte, fand meine jetzt unbeschäftigte Aufmerksamkeit bald lebhaftere Anziehungskraft in dem Anblick eines kleinen, hungrigen Rotkehlchens, das sich piepend auf die entlaubten Zweige eines Spalierkirschenbaumes nahe am Fenster setzte. Die Überreste meines Frühstücks von Brot und Milch standen auf dem Tische und nachdem ich eine Semmel in Krümel zerrieben hatte, zog ich an dem Klappfenster, um die Brosamen auf das Fenstersims streuen zu können, als Bessie atemlos in die Kinderstube stürzte.

»Miß Jane, nehmen Sie Ihre Schürze ab; was machen Sie da? Haben Sie heute morgen Gesicht und Hände schon gewaschen?« – Bevor ich antwortete, zog ich noch einmal an der Fensterklinke, denn ich wollte dem Vogel gern sein kleines Mahl sichern; die Klinke gab nach, ich streute die Brosamen aus, einige auf das steinerne Gesimse, andere auf die Zweige des Kirschbaumes; dann erst schloß ich das Fenster und entgegnete:

»Nein, Bessie, ich bin erst jetzt mit dem Aufräumen fertig geworden.«

»Unartiges, unordentliches Mädchen! Und was machen Sie da jetzt? Sie sehen so rot aus, als hätten Sie irgend ein Unheil angerichtet. Weshalb haben Sie das Fenster aufgerissen?«

Die Antwort blieb mir erspart, denn Bessie schien zu große Eile zu haben, um meinen Erklärungen Gehör schenken zu können; sie zerrte mich an den Waschtisch, unterwarf meine Hände und mein Gesicht einer erbarmungslosen aber glücklicherweise kurzen Waschung mit Seife, Wasser und einem groben Handtuch; ordnete meinen Kopf mit einer scharfen Bürste, entkleidete mich meiner Schürze und riß mich dann schnell an die Treppe, wo sie mir gebot, eilig hinunter zu gehen, da man mich im Frühstückszimmer erwarte.

Ich hätte gern gewußt, wer mich erwartete; gern hätte ich gefragt, ob Mrs. Reed dort sei; aber Bessie war schon wieder davon gelaufen und hatte die Kinderstubenthür hinter sich geschlossen. Langsam stieg ich die Treppe hinunter. Seit fast drei Monaten hatte Mrs. Reed mich nicht mehr rufen lassen; seit dieser Zeit war ich auf die Kinderstube angewiesen gewesen, und das Frühstückszimmer, der Speisesaal und der Salon waren für mich Regionen geworden, die ich nur mit Schrecken und Angst betreten konnte.

Ich stand jetzt in der leeren Halle; vor mir war die Thür des Frühstückszimmers, zitternd und furchtsam hielt ich inne. Welch einen elenden kleinen Feigling hatte die Furcht vor ungerechter Bestrafung in jenen Tagen aus mir gemacht! Ich fürchtete mich, in die Kinderstube zurückzugehen; ich fürchtete mich, in das Wohnzimmer einzutreten! Zehn Minuten stand ich ängstlich zögernd da; das heftige Klingeln der Glocke im Frühstückszimmer entschied: ich mußte eintreten.

»Wer konnte nach mir verlangen?« fragte ich mich, als ich mit beiden Händen die Thürklinke erfaßte, welche mehrere Sekunden meinen Anstrengungen widerstand. »Wen würde ich noch außer Tante Reed in dem Zimmer erblicken? – Einen Mann oder eine Frau?« – Die Klinke gab nach, die Thür sprang auf, ich trat ein, machte einen tiefen Knix, blickte auf und sah – einen schwarzen Pfeiler! – Als ein solcher erschien mir wenigstens auf den ersten Blick die lange, schmale, schwarzgekleidete Gestalt, welche kerzengerade vor dem Kamin stand: das ernste Gesicht, welches dieselbe krönte, sah aus wie eine geschnitzte Maske, die als Kapitäl auf die Säule gestellt war.

Mrs. Reed hatte ihren gewöhnlichen Platz neben dem Kamin inne. Sie machte mir ein Zeichen, näher zu treten. Ich that es und sie stellte mich dem steinernen Fremden mit den Worten vor: »Dies ist das kleine Mädchen, um dessentwillen ich mich an Sie wandte.«

Er, denn es war ein Mann, wandte den Kopf langsam nach der Seite, auf welcher ich stand, und nachdem er mich mit zwei neugierigen, unter einem Paar buschiger Augenbrauen funkelnden Augen geprüft hatte, sagte er feierlich mit einer tiefen Stimme: »Sie ist klein von Gestalt, wie alt ist sie?«

»Zehn Jahre.«

»So alt?« lautete die zweifelnde Antwort, und dann fuhr er noch einige Minuten fort, mich schweigend zu prüfen. Darauf redete er mich an:

»Ihr Name, kleines Mädchen?«

»Jane Eyre, mein Herr.«

Als ich diese Worte aussprach, blickte ich auf; er erschien mir wie ein großer Mann, aber ich war ja so klein; seine Züge waren groß und wie alle übrigen Linien seiner Gestalt hart und scharf.

»Nun, Jane Eyre, sind Sie ein gutes Kind?«

Unmöglich, diese Frage bejahend zu beantworten; die kleine Welt, die mich umgab, war anderer Meinung – ich schwieg, Mrs. Reed antwortete für mich mit einem ausdrucksvollen Schütteln des Kopfes, gleich darauf fügte sie hinzu: »Je weniger man über diesen Punkt spricht, Mr. Brocklehurst, desto besser.«

»Thut mir in der That leid zu hören! sie und ich müssen ein wenig mit einander reden,« damit brachte er sich aus der perpendikulären Stellung und installierte seine Person in dem Lehnstuhl, welcher Mrs. Reed gegenüber stand. »Kommen Sie hierher,« sagte er.

Ich ging über den Kaminteppich; er stellte mich gerade und aufrecht vor sich. Welch ein Gesicht hatte er, jetzt wo es sich in gleicher Linie mit dem meinen befand! welch eine ungeheure Nase! und welch ein Mund! welche großen, hervorstehenden Zähne!

»Es giebt keinen schrecklicheren Anblick, als den eines unartigen Kindes,« begann er, »besonders eines unartigen kleinen Mädchens! Wissen Sie, wohin die Gottlosen kommen, wenn sie gestorben sind?«

»Sie kommen in die Hölle,« lautete meine schnelle und orthodoxe Antwort.

»Und was ist die Hölle? Können Sie mir das ebenfalls sagen?«

»Eine Grube voll Feuer.«

»Und möchten Sie wohl in diese Grube hineinfallen und dort für ewig brennen?«

»Nein, Sir.«

»Was müssen Sie denn thun, um das zu vermeiden?«

Einen Augenblick überlegte ich meine Antwort; als sie kam, war gewiß viel gegen sie einzuwenden: »ich muß gesund bleiben und nicht sterben.«

»Wie können Sie denn gesund bleiben? Täglich sterben Kinder, die jünger sind, als Sie. Erst vor zwei oder drei Tagen habe ich ein kleines Kind von fünf Jahren begraben – ein gutes Kind, dessen Seele jetzt im Himmel ist. Es steht zu befürchten, daß man dasselbe nicht von Ihnen sagen könnte, wenn Sie aus diesem Leben abberufen würden.«

Da ich nicht in der Lage war, seine Zweifel zu beheben, schlug ich nur die Augen nieder und ließ sie auf den beiden ungeheuerlichen Füßen ruhen, die sich in den Kaminteppich eingegraben hatten. Dann seufzte ich tief auf. Ich wünschte mich weit, weit fort.

»Ich hoffe, daß dieser Seufzer aus der Tiefe Ihres Herzens kommt und daß Sie bedauern, die Quelle so vieler Unannehmlichkeiten für Ihre ausgezeichnete Wohlthäterin gewesen zu sein.«

»Wohlthäterin! Wohlthäterin!« wiederholte ich innerlich. »Jedermann nennt Mrs. Reed eine Wohlthäterin; wenn sie das war, so ist eine Wohlthäterin eine sehr unangenehme Sache.«

»Sprechen Sie Abends und Morgens Ihr Gebet?« fuhr mein Examinator fort,

»Ja, Sir.«

»Lesen Sie Ihre Bibel?«

»Zuweilen.«

»Mit Freude? Lieben Sie Ihre Bibel?«

»Ich liebe die Offenbarung, und das Buch Daniel und Genesis und Samuel, und ein wenig vom Buch der Prediger und einen Teil der Könige und der Chronik, und Hiob und Ruth.«

»Und die Psalmen? Ich hoffe, Sie lieben sie auch?«

»Nein, Sir.«

»Nein? o, entsetzlich! Ich habe einen kleinen Knaben, viel jünger als Sie, der sechs Psalmen auswendig weiß. Und wenn Sie ihn fragen, ob er lieber eine Pfeffernuß zum essen, oder einen Vers aus den Psalmen zum auswendig lernen haben möchte, so sagt er: »O, den Vers aus den Psalmen! Die Engel singen ja Psalmen,« sagt er, »ich möchte schon hier auf Erden ein kleiner Engel sein«, und dann bekommt er zum Lohn für seine kindliche Frömmigkeit zwei Pfeffernüsse.«

»Psalmen sind nicht interessant,« bemerkte ich.

»Das beweist, daß Sie ein bösartiges Herz haben und Sie müssen Gott bitten, daß er Ihnen ein besseres giebt, ein neues, ein reines! daß er Ihnen Ihr Herz von Stein nimmt und Ihnen ein Herz von Fleisch giebt.«

Ich war gerade im Begriff, eine Frage in Bezug auf die Art und Weise zu thun, wie die Operation, mir ein neues Herz einzusetzen, vor sich gehen solle, als Mrs. Reed mich unterbrach, indem sie mir gebot, mich zu setzen, dann fuhr sie fort, selbst die Unterhaltung zu führen.

»Mr. Brocklehurst, ich glaube, daß ich in dem Briefe, welchen ich Ihnen vor ungefähr drei Wochen schrieb, schon angedeutet habe, daß dieses kleine Mädchen nicht ganz den Charakter und die Eigenschaften hat, welche mir wünschenswert erscheinen. Wenn Sie sie in die Schule von Lowood aufnehmen sollten, so würde ich Ihnen dankbar sein, wenn Sie die Vorsteherin und die Lehrer ersuchen wollten, ein scharfes Auge auf sie zu haben und vor allen Dingen, ihrem schlimmsten Fehler, einen Hang zur Lüge und Verstellung, entgegen zu arbeiten. Ich erwähne dieser Sache in deiner Gegenwart, Jane, damit du nicht versuchst, auch Mr. Brocklehurst täuschen zu wollen.«

Wohl war ich berechtigt, Mrs. Reed zu fürchten, eine tiefe Abneigung gegen sie zu hegen, denn es lag in ihrer Natur, mich stets aufs grausamste zu verletzen. Niemals fühlte ich mich glücklich in ihrer Gegenwart; wie sorgsam ich mich auch bemühte, ihr zu gefallen, ihr aufs Wort zu gehorchen – meine Anstrengungen wurden stets nur durch solche Redensarten wie die obigen belohnt. Und jetzt schnitt diese Beschuldigung, vor einem Fremden ausgesprochen, mir tief ins Herz. Ich sah genau, wie sie schon wieder jegliche Hoffnung aus der neuen Lebensphase, in welche ich einzutreten im Begriff war, verbannte; ich fühlte, obgleich ich für diese Empfindung keine Ausdrucksweise gefunden hätte, daß sie bemüht war, Abneigung und Unfreundlichkeit auf meinen künftigen Lebenspfad zu säen; ich sah, wie ich mich in Mr. Brocklehurst's Augen in ein verschlagenes, eigensinniges Kind verwandelte; – und was konnte ich thun, um diesem gegen mich begangenen Unrecht abzuhelfen?

»Nichts, in der That!« dachte ich, als ich kämpfte, um ein Schluchzen zu unterdrücken und hastig einige Thränen, die ohnmächtigen Beweise meiner Herzensangst, abtrocknete.

»Verstellung ist in der That ein trauriger Charakterfehler bei einem Kinde,« sagte Mr. Brocklehurst, »ein Fehler, welcher mit der Falschheit und Lügenhaftigkeit nahe verwandt ist und alle Lügner werden ihren Anteil haben an dem See, in welchem Pech und Schwefel brennen; sie soll indessen sorgsam bewacht werden, Mrs. Reed; ich werde mit Miß Temple und den Lehrern und Lehrerinnen sprechen.«

»Ich wünsche, daß sie in einer Weise erzogen wird, welche mit ihren Lebensaussichten übereinstimmt,« fuhr meine Wohlthäterin fort, »sie soll sich nützlich machen und demütig bleiben. Die Ferien soll sie stets mit Ihrer Erlaubnis in Lowood bleiben.«

»Ihre Bestimmungen, Madame, sind durchaus vernünftig,« entgegnete Mr. Brocklehurst. »Die Demut ist ein Schmuck der Christen und einer, der ganz besonders für die Schülerinnen von Lowood passend ist; ich gebe daher die Weisung, daß ihrer Pflege eine besondere Sorgfalt gewidmet wird. Ich habe ein Studium darauf verwendet, zu ergründen, wie das weltliche Gefühl des Stolzes und des Hochmuts am besten in ihnen zu ersticken ist. Und vor wenigen Tagen erst hatte ich eine angenehme Probe meiner Erfolge. Meine zweite Tochter, Auguste, ging mit ihrer Mama, um die Schule zu besuchen und bei ihrer Rückkehr rief sie aus: »O mein teurer Papa, wie ruhig und einfach all die Mädchen in Lowood aussehen! Mit ihrem Haar, das glatt hinter die Ohren gestrichen ist und ihren langen Schürzen und den kleinen Taschen, welche sie über ihren Kleidern tragen – sie sehen beinahe aus, wie die Kinder armer Leute! und,« fuhr sie fort, »sie starrten Mamas und mein Kleid an, als ob sie in ihrem ganzen Leben noch kein seidenes Kleid gesehen hätten.«

»Das ist eine Einrichtung der Dinge, welche meinen ungeteilten Beifall hat,« erwiderte Mrs. Reed, »wenn ich ganz England durchsucht hätte, so würde ich kein System gefunden haben, das für ein Kind, wie Jane Eyre es ist, so vollkommen gepaßt haben würde. Konsequenz und Festigkeit, mein lieber Mr. Brocklehurst, ich befürworte Konsequenz in allen Dingen!«

»Konsequenz, Madame, ist die erste der christlichen Pflichten, und sie wird in dem Etablissement von Lowood bei jeder Unordnung in erster Linie berücksichtigt, einfache Kost, einfache Kleidung, einfache Einrichtungen, fleißige Gewohnheiten – das ist die Tagesordnung für das Haus und seine Bewohner.«

»Ganz in der Ordnung, Sir. Ich kann mich also darauf verlassen, daß dieses Kind als Schülerin in Lowood aufgenommen und dort ihrer Stellung und ihren Lebensaussichten angemessen erzogen wird?«

»Ja, Madame, das können Sie. Sie soll an jene Pflegestätte auserlesener Pflanzen versetzt werden – und ich hoffe, daß sie sich dankbar zeigen wird für das unschätzbare Privilegium, welches ihr dadurch zu Teil wird.«

»Ich werde sie also so bald wie möglich schicken, Mr. Brocklehurst, denn ich versichere Sie, ich hege das innigste Verlangen, so schnell wie irgend thunlich von einer Verantwortlichkeit befreit zu werden, welche mir endlich zu lästig geworden ist.«

»Ohne Zweifel, Madame, ohne Zweifel und jetzt will ich Ihnen guten Morgen wünschen. In ungefähr zwei bis drei Wochen werde ich nach Brocklehurst-Hall zurückkehren; mein guter Freund, der Erzbischof, wird mir kaum erlauben, ihn früher zu verlassen. Übrigens werde ich Miß Temple ankündigen, daß sie ein neues Mädchen zu erwarten hat, damit bei ihrem Eintritt keine Schwierigkeiten entstehen. Leben Sie wohl.«

»Leben Sie wohl, Mr. Brocklehurst; machen Sie Mrs. und Miß Brocklehurst und Augusta und Theodora und Ihrem Sohn Broughton Brocklehurst meine Empfehlungen.«

»Das werde ich thun, Madame. Mein kleines Mädchen, hier ist ein Buch mit dem Titel: »Des Kindes Führer«, lesen Sie es mit Gebeten, besonders jenen Teil, welcher von dem fürchterlichen, plötzlichen Tode Maria G.s handelt, einem unartigen Kinde, welches der Falschheit und Lüge ergeben war.«

Mit diesen Worten legte Mr. Brocklehurst ein Pamphlet, welches sorgsam in einen Umschlag genäht war, in meine Hand; dann ließ er seinen Wagen vorfahren und entfernte sich.

Mrs. Reed und ich blieben allein; mehre Minuten verharrten wir im Schweigen; sie nähte, ich beobachtete sie. Mrs. Reed mochte zu jener Zeit ungefähr sechs- oder siebenunddreißig Jahre alt sein; sie war eine Frau von robuster Gestalt, breiten Schultern und starken Knochen, nicht schlank und obgleich üppig, nicht zu fett. Sie hatte ein ziemlich großes Gesicht, der Unterkiefer war hervortretend und stark entwickelt; ihre Stirn war niedrig, das Kinn breit, Mund und Nase waren ziemlich regelmäßig; unter ihren farblosen Augenbrauen blitzte ein Auge, das wenig Herzensgüte verriet; ihre Haut war dunkel und matt, das Haar flachsblond; ihre Konstitution war fest und gesund – eine Krankheit nahte sich ihr niemals. Sie war eine strenge, pünktliche Hausfrau, der Haushalt und die Dienerschaft standen vollständig unter ihrer Kontrolle; nur ihre Kinder trotzten zuweilen ihrer Autorität und verlachten sie höhnisch; sie kleidete sich hübsch und verstand es, eine schöne Toilette mit Anstand zu tragen.

Wenige Schritte von ihrem Lehnstuhl entfernt saß ich auf einem niedrigen Schemel und ließ meine Blicke prüfend auf ihrer Figur und ihren Gesichtszügen ruhen. In der Hand hielt ich das Traktätchen, welches von dem plötzlichen Tode der Lügnerin handelte; meine Aufmerksamkeit war ganz besonders auf diese Erzählung gelenkt, weil sie eine passende Warnung für mich enthalten sollte. Noch war meine Seele wund und schmerzhaft von dem, was soeben geschehen war, was Mrs. Reed in Bezug auf mich mit Mr. Brocklehurst gesprochen, von dem ganzen Inhalt ihres Gesprächs. Ich hatte jedes Wort ebenso klar empfunden wie ich es gehört, und das leidenschaftlichste Rachegefühl begann sich in mir zu regen.

Mrs. Reed blickte von ihrer Arbeit auf; ihr Auge bohrte sich in das meine, ihre Finger hielten in ihrer geschäftigen Bewegung inne.

»Verlaß das Zimmer! Geh wieder in die Kinderstube zurück!« In meinem Blicke oder in meinen Bewegungen mußte sie etwas herausforderndes gesehen haben, denn sie sprach in heftigster, wenn auch unterdrückter Bewegung. Ich stand auf; ich ging an die Thür; ich kam wieder zurück; dann ging ich an das Fenster, durch das Zimmer, dicht an ihren Lehnstuhl.

Sprechen mußte ich, man hatte mich zu schmerzhaft verletzt, ich mußte mich auflehnen, doch wie? Welche Mittel hatte ich denn, um meine Gegnerin wirksam zu treffen? Ich faßte meinen ganzen Mut, meine ganze Energie zusammen und schleuderte ihr folgende Worte ins Gesicht:

»Ich bin nicht falsch, nicht lügnerisch, wäre ich es, so würde ich sagen, daß ich dich liebe, aber ich erkläre dir, daß ich dich nicht liebe, ich hasse dich mehr als irgend jemanden auf der ganzen Welt, John Reed ausgenommen, und dieses Buch hier mit der Geschichte einer Lügnerin, das kannst du deiner Tochter Georgiana geben, denn sie ist es, die dich und alle anderen belügt, nicht ich.«

Mrs. Reeds Hände ruhten unthätig auf ihrer Arbeit; ihr eisiges Auge bohrte sich erstarrend in das meine: »Hast du sonst noch etwas zu sagen?« fragte sie mich in jenem Tone, den man wohl Erwachsenen gegenüber, niemals aber im Gespräch mit einem Kinde anzuwenden pflegt.

Ihre Augen, ihre Stimme wühlten all den Haß, der in mir lebte, auf. Von Kopf bis zu Fuße bebend, von einer Erregung geschüttelt, deren ich nicht mehr Herr werden konnte, fuhr ich fort:

»Ich bin glücklich, daß Sie nicht meine Blutsverwandte sind. Niemals, so lange ich lebe, werde ich Sie wieder Tante nennen. Niemals, selbst wenn ich erwachsen bin, werde ich kommen, um Sie zu besuchen, und wenn irgend jemand mich fragen sollte, ob ich Sie liebe und wie Sie mich behandelt haben, so werde ich antworten, daß der Gedanke an Sie allein schon genügt, um mich todkrank zu machen, und daß Sie mich mit elender Grausamkeit behandelt haben.«

»Wie kannst du es wagen, Jane Eyre, das zu behaupten?«

»Wie ich es wagen kann, Mrs. Reed? Wie ich es wagen kann? Weil es die Wahrheit ist. Sie glauben, daß ich kein Gefühl habe, daß ich ohne die geringste Liebe und Güte leben kann, aber so kann ich nicht leben – – und Sie kennen kein Mitleid, kein Erbarmen. Ich werde niemals vergessen, wie Sie mich heftig und rauh in das rote Zimmer zurückstießen und mich dann einschlossen – bis zu meiner Sterbestunde werde ich es nicht vergessen. Obgleich die Todesangst mich verzehrte, obgleich ich vor Jammer und Entsetzen fast erstickend aus allen Kräften schrie und flehte: »Hab Erbarmen, Tante Reed! Hab Erbarmen!« Und diese Strafe ließen Sie mich erdulden, weil Ihr boshafter, schlechter Sohn mich schlug – mich ohne Grund und Ursache zu Boden schlug. Und diese Geschichte – gerade so, wie ich sie jetzt erzähle – werde ich jedem erzählen, der mich fragt. Die Leute glauben, daß Sie eine gute Frau sind, aber Sie sind schlecht! Sie sind hartherzig! Sie sind lügnerisch und falsch!« Ehe ich noch mit dieser Antwort zu Ende war, begann ein seltsam glückseliges Gefühl der Freiheit, des Triumphes sich meiner Seele zu bemächtigen. So hatte ich noch niemals empfunden. Es war als wenn unsichtbare Fesseln und Bande plötzlich zerrissen wären, und ich mir endlich den Weg zur unverhofften Freiheit erkämpft hätte. Und dieses Gefühl kam nicht ohne Veranlassung über mich, denn – Mrs. Reed schien erschrocken und furchtsam; die Arbeit war von ihrem Schoße gefallen, sie erhob die Hände und wiegte sich hin und her, ihr Gesicht verzerrte sich, als wolle sie anfangen zu weinen.

»Jane, du irrst, du irrst dich, Kind! Was ist mit dir vorgegangen? Weshalb zitterst du so heftig? Möchtest du einen Schluck Wasser trinken?«

»Nein, Mrs. Reed.«

»Möchtest du irgend etwas anderes, Jane? Du kannst mir glauben, ich wünsche nichts anderes, als dir eine Freundin zu sein.«

»Nein, das ist nicht wahr. Sie haben Mr. Brocklehurst gesagt, daß ich einen lügnerischen, bösen und falschen Charakter habe. Aber ich werde jedem Menschen in Lowood erzählen, was Sie sind, und was Sie gethan haben! Das schwöre ich Ihnen.«

»Jane, du verstehst solche Dinge nicht. Kinder müssen von ihren Fehlern geheilt werden.«

»Falschheit ist aber nicht mein Fehler!« schrie ich mit lauter, wilder, gellender Stimme.

»Aber du bist leidenschaftlich und heftig, Jane, das mußt du zugeben. Und jetzt geh wieder in die Kinderstube – so – das ist ein gutes, liebes Kind! – Geh und ruh dich ein wenig aus.«

»Ich bin nicht Ihr gutes, liebes Kind! Ich kann mich nicht ausruhen! Schicken Sie mich bald in die Erziehungsanstalt, Mrs. Reed, denn das Leben hier ist mir unerträglich und verhaßt geworden.«

»Wahrhaftig, ich will sie bald in die Schule schicken,« murmelte Mrs. Reed, sotto voce. Dann raffte sie ihre Arbeit zusammen und verließ hastig das Zimmer.

Ich blieb nun allein, ich behauptete das Schlachtfeld. Es war der erbittertste Kampf, den ich jemals gekämpft, und der erste Sieg, den ich je errungen. Einige Augenblicke stand ich vor dem Kamin auf derselben Stelle, wo Mr. Brocklehurst gestanden, und genoß die Einsamkeit des Sieges! Zuerst lächelte ich still vor mich hin und fühlte mich gehoben; aber diese trotzige Freude schwand dahin in demselben Maße, wie das beschleunigte Tempo meines Pulsschlags nachließ. Ein Kind kann nicht mit älteren Leuten streiten, wie ich es gethan – kann seinen unbemeisterten Gefühlen nicht ungehindert Ausdruck verleihen, wie es soeben von mir geschehen – ohne daß es nachher die Qualen der Gewissensbisse, den Schauder der Reaktion empfindet. Ein Streifen brennenden Heidelandes, glühend, tobend, verzehrend – das wäre eine passende Verbildlichung meines Gemüts gewesen als ich Mrs. Reed anklagte und bedrohte. Und dasselbe Heideland, schwarz und versengt, nachdem die Flammen erloschen, würde ebenso treffend meinen späteren Gemütszustand versinnlicht haben, nachdem die Ruhe und das Nachdenken einer halben Stunde mir den Wahnsinn meines Vorgehens und die Trübseligkeit meiner verhaßten Lage und hassenden Stimmung vor Augen geführt hatte.

Zum erstenmal hatte ich die Süßigkeit der Rache empfunden; aromatischer Wein dünkte sie mich, der während des Trinkens süße und feurig ist; sein Nachgeschmack aber ist herbe und metallisch – so hatte ich das Gefühl, als ob ich vergiftet sei. Gern wäre ich gegangen, um Mrs. Reeds Verzeihung zu erbitten, aber ich wußte, teils aus Erfahrung, teils aus Instinkt, daß sie mich dann nur mit doppelter Verachtung zurückstoßen und dadurch jedes meiner Natur innewohnende heftige Gefühl aufs neue erwecken würde. Gern hätte ich eine andere mir innewohnende Fähigkeit geübt als die des heftigen, trotzigen Sprechens; gern hätte ich Nahrung für ein sanfteres Gefühl gefunden, als das der finsteren Empörung. Ich nahm ein Buch – es waren arabische Erzählungen; ich setzte mich und war bemüht zu lesen. Ich konnte den Sinn des Ganzen nicht verstehen; meine eigenen Gedanken schwebten fortwährend zwischen mir und den Zeilen, die mich sonst stets gefesselt hatten. Ich öffnete die Glasthür, welche aus dem Frühstückszimmer in den Garten führte; die jungen Anpflanzungen lagen so still da; der düstere Frost, weder durch Sonne noch Wind gestört, hatte sein Reich im Garten aufgeschlagen. Ich bedeckte meinen Kopf und meine Arme mit dem Rock meines Kleides und ging hinaus, um in einem abgeschiedenen Teil des Parks zu spazieren – aber ich fand keine Freude an den stillen, bewegungslosen Bäumen, den herabfallenden Tannenzapfen, den erstarrten Reliquien des Herbstes, den braunen, welken Blättern, welche der Wind in Haufen zusammen gefegt und der Frost bewegungslos gemacht hatte. Ich lehnte mich gegen eine Pforte und blickte auf eine einsame Weide, auf welcher keine Schafe mehr grasten, wo das kurze Gras geschwärzt und welk und traurig aussah. Es war ein sehr grauer Tag; ein matter Himmel, der voll Schneewolken hing, wölbte sich über die Landschaft; dann und wann fielen einige Schneeflocken, die auf den hartgefrorenen Wegen und Büschen und Bäumen liegen blieben, ohne zu schmelzen.

Da stand ich, ein unglückliches Kind und flüsterte immer wieder: »Was soll ich thun? – Was soll ich thun?«

Plötzlich hörte ich eine helle Stimme rufen: »Miß Jane! Wo sind Sie? Kommen Sie zum Gabelfrühstück herein!«

Ich wußte sehr wohl, daß es Bessie sei, aber ich rührte mich nicht von der Stelle; dann ertönte ihr leichter Schritt auf dem Gartenwege. »Sie unartiges, kleines Ding!« sagte sie. »Weshalb kommen Sie nicht, wenn man Sie ruft?«

Bessies Gegenwart war erheiternd im Vergleich zu den düsteren Gedanken, die meine Gesellschaft gewesen, selbst dann, wenn sie, wie gewöhnlich, etwas zornig war. Die Sache war nämlich die, daß ich mir nach meinem Konflikte mit Mrs. Reed und meinem Sieg über dieselbe nur noch sehr wenig aus dem vorübergehenden Zorn des Kindermädchens machte. Ich war vielmehr geneigt, mich in ihrer jugendlichen, beneidenswerten Leichtherzigkeit zu sonnen. So schlang ich denn meine beiden Arme um ihren Hals und sagte schmeichelnd: »Komm Bessie, schilt mich nicht!«

Diese Bewegung war natürlicher und furchtloser als irgend eine, die ich mir bis jetzt erlaubt hatte; sie mußte auch dem Mädchen gefallen.

»Sie sind ein sonderbares Kind, Miß Jane,« sagte sie, indem sie zu mir herabblickte, »ein kleines ruheloses, einsames Ding; also vermutlich wird man Sie jetzt in die Schule schicken?«

Ich nickte.

»Und wird es Ihnen nicht schwer, Ihre arme Bessie zu verlassen?«

»Was kümmert Bessie sich um mich? Sie schilt mich ja immer nur.«

»Weil Sie ein so furchtsames, scheues, sonderbares, kleines Ding sind. Sie sollten dreister sein.«

»Was? Um noch mehr Schläge zu bekommen?«

»Unsinn! Aber es ist wahr, es wird hart mit Ihnen umgegangen. Als meine Mutter mich vorige Woche besuchte, sagte sie, daß sie keins von ihren kleinen Kindern an Ihrer Stelle wissen möchte. – Aber kommen Sie jetzt nur herein, ich habe Ihnen etwas angenehmes zu erzählen!«

»Ach nein, Bessie, das hast du nicht.«

»Kind! Was fällt Ihnen denn ein? Mit welch traurigen Augen Sie mich ansehen! Nun, die gnädige Frau und die jungen Damen und Master John fahren heute Nachmittag zum Thee aus, und Sie sollen mit mir Thee trinken. Ich werde die Köchin bitten, daß sie Ihnen einen kleinen Kuchen backt, und später sollen Sie mir helfen, Ihre Schränke und Schiebladen durchzusehen; denn ich werde bald Ihren Koffer packen müssen. Die gnädige Frau hat beschlossen, daß Sie in ein bis zwei Tagen Gateshead verlassen sollen; Sie dürfen alle Spielsachen aussuchen, die Sie mitnehmen möchten.«

»Bessie, du mußt mir versprechen, mich nicht mehr zu schelten, so lange ich noch hier bin.«

»Nun, das will ich Ihnen versprechen! Aber nun müssen Sie auch ein gutes Kind sein und sich nicht mehr vor mir fürchten. Schrecken Sie nicht immer gleich auf, wenn ich einmal ein bißchen scharf spreche, das ist so ärgerlich!«

»Nein, ich glaube nicht, daß ich mich jemals wieder vor dir fürchten werde, Bessie; ich habe mich jetzt an dich gewöhnt, und gar bald werden andere Leute da sein, vor denen ich mich zu fürchten habe.«

»Wenn Sie sich vor ihnen fürchten, so werden die Leute Sie niemals lieb haben.«

»Wie du es thust, Bessie?«

»O, ich habe Sie lieb, Fräulein, ich glaube, ich halte mehr von Ihnen, als von all den anderen!«

»Aber du zeigst es mir nicht.«

»Sie kluges, kleines Ding! Sie sprechen mit einem Male ganz anders. Was macht Sie denn so mutig, so waghalsig?«

»Nun, ich werde ja bald weit von hier sein, und außerdem« – ich war im Begriff etwas von dem zu sagen, was zwischen Mrs. Reed und mir vorgefallen war, aber bald fühlte ich, daß es doch besser sei, über diesen Punkt Schweigen zu bewahren.

»Sie sind also froh, mich zu verlassen?«

»O gewiß nicht, Bessie; in der That, in diesem Augenblick thut es mir beinahe leid.«

»In diesem Augenblick! und »beinahe!« Wie ruhig die kleine Dame das sagt! Ich glaube wahrhaftig, wenn ich Sie in diesem Augenblick um einen Kuß bäte, so würden Sie ihn mir nicht geben. Sie würden dann sagen, beinahe lieber nicht.«

»Ich will dich küssen, und gern küssen; komm, biege deinen Kopf zu mir herunter.« Bessie neigte sich, wir umarmten uns, und ich folgte ihr ganz getröstet ins Haus. Dieser Nachmittag verging in Frieden und Eintracht, und am Abend erzählte Bessie mir einige ihrer bezauberndsten Geschichten und sang mir ihre süßesten Lieder vor. Sogar auf mein Leben fiel dann und wann ein Sonnenstrahl.

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