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Jane Eyre, die Waise von Lowood.

Charlotte Brontë: Jane Eyre, die Waise von Lowood. - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorCharlotte Brontë
titleJane Eyre, die Waise von Lowood.
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub1847
translatorMaria von Borch (1853 - 1895)
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon
senderwww.gaga.net
created20060420
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Dreizehntes Kapitel.

Als Mr. St. John ging, begann es zu schneien, und der Schneesturm hielt die ganze Nacht an. Am nächsten Tage brachte ein scharfer Wind frischen, blendenden Schneefall; um die Dämmerungszeit war das Thal ganz verweht und fast unwegbar geworden. Ich hatte die Fensterladen geschlossen, eine Matte vor die Thür gelegt, um zu verhindern, daß der Schnee unterhalb derselben hereinwehe, das Feuer geschürt, und nachdem ich beinahe eine Stunde am Kamin gesessen und dem dumpfen Toben des Sturms gelauscht hatte, zündete ich eine Kerze an, nahm »Marmion« vom Bücherbrett und begann zu lesen. Bald vergaß ich den Sturm über die Musik der Verse.

Ich hörte ein Geräusch. Der Wind, glaubte ich, rüttele an der Thür. Nein, es war St. John Rivers, der den Riegel zurückschob und durch eisigen Orkan und undurchdringliche Finsternis zu mir gekommen war. Er stand vor mir. Der Mantel, welcher seine hohe Gestalt einhüllte, war weiß und eisig wie ein Gletscher. Ich war fast bestürzt; so wenig hatte ich an jenem Abend einen Besucher aus dem verschneiten Dorfe erwartet.

»Irgend welche böse Nachrichten?« fragte ich. »Ist irgend etwas geschehen?«

»Nein. Wie leicht erschreckt Sie doch sind!« antwortete er, indem er den Mantel abnahm und in der Thür aufhängte, gegen welche er ganz gelassen die schützende Matte zurückschob, die durch seinen Eintritt von ihrem Platze entfernt worden. Dann stampfte er den Schnee von den Füßen.

»Ich werde die Weiße Ihres Fußbodens zerstören,« sagte er, »aber dies eine Mal müssen Sie mir verzeihen,« Dann näherte er sich dem Feuer: »Es war ein hartes Stück Arbeit hierher zu gelangen, das kann ich Sie versichern,« bemerkte er, während er seine Hände über dem Feuer wärmte. »Einmal geriet ich bis an die Brust in eine Schneewehe; glücklicherweise ist der Schnee noch ganz weich.«

»Aber weshalb kamen Sie denn?« konnte ich nicht umhin zu fragen.

»Es ist wenig gastfrei, eine solche Frage an einen Besucher zu richten; aber da Sie nun einmal fragen, antwortete ich Ihnen: ganz einfach, um ein wenig mit Ihnen zu plaudern. Ich wurde meiner stummen Bücher und leeren Zimmer endlich müde. Außerdem empfinde ich seit gestern die Neugierde eines Menschen, dem eine Geschichte nur zur Hälfte erzählt worden ist und der nun mit Ungeduld das Ende derselben erwartet.«

Er setzte sich. Ich erinnerte mich seines seltsamen Betragens von gestern und begann wirklich zu fürchten, daß seine Vernunft gelitten habe. Indessen, wenn er wahnsinnig, so war sein Wahnsinn ein sehr stiller und harmloser; niemals hatte ich sein schönes, gemeißeltes Gesicht marmorähnlicher aussehend gefunden, als gerade jetzt, da er sein durchnäßtes Haar aus der Stirn strich und der Schein des Kaminfeuers auf seine bleiche Stirn und seine ebenso bleichen Wangen fiel, wo ich heute zum erstenmal die Furchen und Linien entdeckte, welche Kummer und Sorge so deutlich darauf gezogen. Ich schwieg, immer erwartend, daß er irgend etwas mir verständliches sagen würde. Aber jetzt hatte er das Kinn in die Hand gestützt, den Finger auf den Mund gelegt – er dachte nach. Es fiel mir auf, daß seine Hand ebenso bleich und abgezehrt war wie sein Gesicht. Ein ungekanntes und kaum gefordertes Gefühl des Erbarmens kam über mich; ich ließ mich hinreißen zu sagen:

»Ich wollte Diana und Mary kämen, um bei Ihnen zu leben; es ist zu traurig, daß Sie so ganz allein sind, denn Sie nehmen gar keine Rücksicht auf Ihre Gesundheit.«

»Durchaus nicht. Wenn es nötig ist, bin ich selbst sehr vorsichtig, aber ich bin jetzt ganz wohl. Was fällt Ihnen denn an meinem Aussehen auf?«

Dies sagte er mit einer sorglosen, abstrakten Gleichgiltigkeit, welche bewies, daß meine Besorgtheit, seiner Meinung nach wenigstens, überflüssig sei. Ich schwieg also.

Er fuhr noch immer langsam mit dem Finger über die Oberlippe und noch hing sein Blick träumerisch an den glühenden Kohlen des Kamins; da ich es für dringend notwendig hielt, doch irgend etwas zu sagen, so fragte ich ihn endlich, ob er kalten Zug von der Thür her verspüre, die hinter ihm lag.

»Nein, nein,« entgegnete er kurz mit einem Anflug von Ärger.

»Gut,« dachte ich, »wenn Sie nicht reden mögen, so schweigen Sie; ich werde mich nicht mehr um Sie kümmern, sondern zu meiner Lektüre zurückkehren.«

Ich putzte also das Licht mit der Schere und begann von neuem, »Marmion« zu lesen. Bald darauf machte er eine Bewegung; unwillkürlich zog das meinen Blick an; er zog nur ein ledernes Notizbuch aus der Tasche und entnahm demselben einen Brief, den er schweigend durchlas, zusammenfaltete und wieder zurücklegte. Dann versank er wiederum in Nachdenken. Es war vergeblich, lesen zu wollen mit einem so undurchdringlichen Gegenstand vor mir; und in meiner Ungeduld vermochte ich mich ebensowenig stumm zu verhalten; er konnte mich ja zurückweisen, wenn er wollte, aber reden mußte ich.

»Haben Sie kürzlich von Diana und Mary gehört?«

»Nichts seit jenem Briefe, den ich Ihnen vor einer Woche zeigte.«

»Und in Ihren eigenen Ungelegenheiten hat sich auch nichts geändert? Werden Sie England nicht doch noch früher verlassen müssen, als Sie anfangs glaubten?«

»Nein, in der That, ich fürchte, das wird nicht geschehen. Solch ein Glück wäre zu groß, als daß es mir werden könnte.«

Hier war ich also wieder zurückgeschlagen. Ich wechselte das Thema und begann von der Schule und meinen Schülerinnen zu sprechen.

»Mary Garretts Mutter ist besser, und Mary kam heute morgen wieder zur Schule; nächste Woche kommen vier neue Schülerinnen von der Gießerei; sie wären schon heute gekommen, wenn der Schneefall sie nicht zurückgehalten hätte.«

»So?«

»Mr. Olliver bezahlt für zwei.«

»Wirklich!«

»Und Weihnachten beabsichtigt er, der ganzen Schule ein Fest zu geben.«

»Das weiß ich.«

»Geschieht es auf Ihren Vorschlag?«

»Nein.«

»Auf wessen denn?«

»Auf seiner Tochter Vorschlag, wie ich glaube.«

»Das sieht ihr gleich. Sie ist so gutmütig.«

»Ja.« Wiederum entstand eine Pause. Die Uhr schlug acht Schläge. Das erweckte ihn; er richtete sich empor und wandte sich zu mir.

»Lassen Sie Ihr Buch einen Augenblick und rücken Sie näher ans Feuer,« sagte er.

Mit endloser Verwunderung that ich, was er verlangte.

»Vor einer halben Stunde,« fuhr er fort, »sprach ich von meiner Ungeduld, die Fortsetzung einer Geschichte zu hören; nach reiflicher Überlegung sehe ich ein, daß die Sache besser gehen wird, wenn ich die Rolle des Erzählers und Sie diejenige der Zuhörerin übernehmen. Bevor ich jedoch beginne, ist es nur in der Ordnung, wenn ich Ihnen vorhersage, daß die Geschichte in Ihren Ohren ein wenig abgedroschen klingen wird; aber alle Erzählungen gewinnen manchmal wieder einen gewissen Grad von Frische, wenn neue Lippen sie vortragen. Übrigens – ob nun alt oder neu, sie ist kurz.

»Vor ungefähr zwanzig Jahren verliebte sich ein armer junger Hilfsprediger – sein Name thut in diesem Augenblick nichts zur Sache – in die Tochter eines reichen Mannes; auch sie verliebte sich in ihn und heiratete ihn gegen den Willen und den Rat ihrer Angehörigen und Freunde; diese sagten sich nach ihrer Heirat gänzlich von ihr los. Ehe zwei Jahre vergangen, war das unbedachte, junge Paar tot und lag ruhig Seite an Seite unter einem Grabstein. (Ich habe ihr Grab gesehen; es bildete einen Teil des Pflasters eines großen Kirchhofs, welcher die finstere, rauchgeschwärzte, alte Kathedrale einer längst überflügelten Fabrikstadt in –shire umgab.) Sie hinterließen eine Tochter, welche schon bei ihrer Geburt von der Barmherzigkeit Armen umfangen ward, die doch so kalt sind wie die Schneewehen, in welchen ich heute abend fast stecken blieb. Die Barmherzigkeit trug das arme, verlassene Ding in das Haus seiner reichen Verwandten mütterlicherseits; es wuchs auf im Hause einer angeheirateten Tante, welche – Mrs. Reed von Gateshead hieß (Sie sehen, jetzt fallen mir die Namen ein). Sie erschrecken, vernehmen Sie ein Geräusch? Ich vermute, daß es nur eine Ratte ist, welche an den Dachsparren des anstoßenden Schulhauses entlang läuft; es war eine Scheune, bevor ich es umbauen ließ, und Scheunen werden fast immer von Ratten heimgesucht.

Also weiter. Mrs. Reed behielt die Waise zehn Jahre; ob sie glücklich oder unglücklich bei ihr gewesen, vermag ich nicht zu sagen, da ich niemals etwas darüber erfahren habe; aber nach Ablauf dieser Zeit sandte sie sie an einen Ort, den Sie ebenfalls kennen – nach der Schule von Lowood, wo Sie selbst so lange untergebracht waren. Es scheint, daß ihre Carriere dort sehr ehrenwert war; aus einer Schülerin ward sie Lehrerin, wie Sie selbst, – wirklich, es ist auffallend, wie parallel Ihre Geschichte neben jener der Waise herläuft – dann verließ sie das Institut, um Gouvernante zu werden, auch da ist Ihr Geschick wieder analog. Sie übernahm die Erziehung der Mündel eines gewissen Mr. Rochester.«

»Mr. Rivers!« unterbrach ich ihn.

»Ich errate Ihre Gefühle,« sagte er, »aber ich bitte Sie, beherrschen Sie dieselben noch für ein paar Augenblicke. Ich bin beinahe schon zu Ende, hören Sie mich ruhig an. Von Mr. Rochesters Charakter weiß ich nichts, aber das eine Faktum, daß er vorgab, dies junge Mädchen zu seiner rechtmäßigen Gattin machen zu wollen, und daß dieses erst am Altar seine noch bestehende Ehe mit einer anderen – allerdings einer Wahnsinnigen – entdeckte. Welcher Art seine darauffolgende Handlungsweise und Vorschläge waren, kann nur ein Gegenstand vager Vermutungen sein; als jedoch ein Ereignis eintrat, welches die Nachfrage nach der Gouvernante notwendig machte, entdeckte man, daß sie fort war – niemand vermochte zu sagen, wie, wann oder wohin. Sie hatte Thornfield-Hall während der Nacht verlassen; jede Nachforschung nach der Richtung, welche sie eingeschlagen, war vergeblich gewesen; man hatte die Gegend nah und fern durchstreift; nirgend war irgend eine Spur oder Nachricht von ihr zu entdecken. Es wurde jedoch ein Gegenstand dringender Notwendigkeit, daß man sie fand; in alle Zeitungen ließ man Ankündigungen einrücken; ich selbst erhielt einen Brief von einem gewissen Mr. Briggs, einem Advokaten, welcher mir die soeben erzählten Details mitteilte. Ist das nicht eine seltsame Erzählung?«

»Sagen Sie mir nur dies Eine,« sagte ich, »und da Sie so viel wissen, werden Sie auch imstande sein, mir dies zu sagen: was ist mit Mr. Rochester geschehen? Wie geht es ihm? Wo ist er? Was thut er? Befindet er sich wohl?«

»Ich bin in vollständiger Unkenntnis über alles, was Mr. Rochester betrifft. Der Brief erwähnt seiner nur, um des betrügerischen und ungesetzlichen Versuchs zu erwähnen, von dem ich Ihnen gesprochen habe. Sie sollten mich lieber nach dem Namen der Gouvernante fragen – nach dem Ereignis, welches ihr Erscheinen dringend notwendig macht.«

»Ist denn niemand in Thornfield-Hall gewesen? Hat niemand Mr. Rochester gesehen?«

»Ich vermute nein.«

»Aber man hat ihm geschrieben?«

»Natürlich.«

»Und was sagte er? Wer hat seine Briefe?«

»Mr. Briggs deutet an, daß die Antwort auf seine Anfrage nicht von Mr. Rochester, sondern von einer Dame kam, welche sich »Alice Fairfax« unterzeichnet hat.«

Mir wurde eiskalt und ich fühlte einen stechenden Schmerz im Herzen. So waren meine ärgsten Befürchtungen also bestätigt. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte er England verlassen und eilte nun irgend einem seiner früheren Aufenthaltsorte auf dem Kontinente zu. Und welches Opiat für seine schweren Leiden – welchen Gegenstand für seine stürmischen, verzehrenden Leidenschaften hatte er dort gefunden? Ich wagte nicht, mir diese Frage zu beantworten. O, mein armer Geliebter! Einst fast schon mein Gatte! Er, den ich so oft »mein lieber Edward« genannt hatte!«

»Er muß ein schlechter Mensch gewesen sein,« bemerkte Mr. Rivers.

»Sie kennen ihn nicht – Sie dürfen auch keine Meinung über ihn aussprechen,« entgegnete ich mit Wärme.

»Meinetwegen,« sagte er ruhig, »und ich habe wahrlich auch andere Dinge im Kopf als ihn. Ich muß mit meiner Geschichte zu Ende kommen. Da Sie mich nicht nach dem Namen der Gouvernante fragen wollen, so muß ich Ihnen denselben aus eigenem Antriebe nennen. Warten Sie – ich habe ihn hier – es ist immer besser, wichtige Dinge niedergeschrieben, fein säuberlich schwarz auf weiß zu haben.«

Und wieder zog er ganz gelassen die Brieftasche hervor, öffnete sie und suchte etwas darin; aus einer der kleinen Abteilungen zog er ein unscheinbares Stückchen Papier, welches in Eile abgerissen zu sein schien; ich erkannte an seiner Farbe und seinen Flecken von ultramarin und blau und hochrot den geraubten Rand der Porträthülle. Er stand auf, hielt es mir dicht vor die Augen und ich las, in schwarzer Tusche von meiner eigenen Hand geschrieben, die Worte: »Jane Eyre«, – wahrscheinlich das Werk eines Augenblicks der Geistesabwesenheit.

»Briggs schrieb mir von einer Jane Eyre,« sagte er, »die Zeitungsnummern nannten eine Jane Eyre – ich kannte eine Jane Elliot, – Ich muß gestehen, daß ich Argwohn, Vermutungen hegte, aber erst gestern nachmittag wurden sie zur Gewißheit. Sie bekennen sich zu dem Namen und entsagen dem alias?«

»Ja, ja – aber wo ist Mr. Briggs? Vielleicht weiß er mehr von Mr. Rochester als Sie?«

»Briggs ist in London; ich zweifle, daß er überhaupt irgend etwas von Mr. Rochester weiß; es ist nicht Mr. Rochester, für den er Interesse hat. Inzwischen vergessen Sie aber die Hauptsachen, indem Sie Kleinigkeiten nachgehen. Sie fragen nicht, weshalb Mr. Briggs Sie suchte – was er von Ihnen wollte.«

»Nun, was wollte er?«

»Ihnen nur mitteilen, daß Ihr Onkel, Mr. Eyre auf Madeira tot sei, daß er Ihnen sein ganzes Vermögen hinterlassen habe, und daß Sie jetzt reich seien – nur das – weiter gar nichts.«

»Ich! reich?«

»Ja! Sie, reich – eine Erbin!«

Darauf entstand eine Pause.

»Natürlich müssen Sie Ihre Identität beweisen,« fuhr Mr. St. John nach längerem Schweigen fort, »ein Schritt, der indessen keine Schwierigleiten darbietet; dann können Sie sofort Besitznahme ergreifen. Ihr Vermögen ist in der englischen Bank angelegt; Briggs hat das Testament und die nötigen Dokumente.«

So war es denn mit einem Schlage anders geworden! Es ist eine schöne Sache, mein lieber Leser, in einem kurzen Augenblick von Armut zu Reichtum emporgehoben zu werden – eine sehr schöne Sache, aber immerhin ein Ding, das man nicht in einem Moment begreifen und folglich genießen kann. Und dann giebt es Zufälle im Leben, die viel erschütternder oder entzückender sind: dies ist solide, ein Ding der Wirklichkeit, nichts ideales dabei; alles, was damit in Verbindung steht, ist solide und geschäftsmäßig und die Wirkungen sind es ebenfalls. Man schreit und springt nicht! Man ruft nicht Hurrah! wenn man erfährt, daß man ein Vermögen bekommen hat. Man fängt an, die Verantwortlichkeiten in Erwägung zu ziehen und über Geschäftsangelegenheiten nachzudenken, auf einer Basis stetiger Befriedigung erheben sich gewisse ernste Sorgen, – und wir sammeln uns, und brüten mit feierlich ernster Stirn über den uns zu teil gewordenen Segen.

Und überdies gehen die Worte Vermächtnis und Hinterlassenschaft Seite an Seite mit den Worten Tod und Begräbnis. Ich hatte gehört, daß mein Onkel, mein einziger Verwandter, tot sei. Von dem Augenblick an, wo ich von seiner Existenz gehört, hatte ich auch gehofft, ihn eines Tages zu sehen; und jetzt war auch das vorbei. Und dann bekam ja auch nur ich allein dies Vermögen, nicht ich und eine glückliche Familie, nur mein einsames Ich! Ohne Zweifel war es eine großartige Gabe, und Unabhängigkeit mußte ein gar köstliches Ding sein – ja, das fühlte ich – dieser Gedanke machte mein Herz vor Wonne erzittern.

»Endlich blicken Sie wieder auf,« sagte Mr. Rivers, »ich glaubte, Medusa habe Sie angeblickt und Sie seien zu Stein geworden – vielleicht werden Sie mich jetzt auch fragen, wieviel Sie wert sind?«

»Wieviel bin ich wert?«

»O, eine Kleinigkeit! Nichts, das der Mühe verlohnte zu nennen; nur zwanzigtausend Pfund Sterling, glaube ich, wurde gesagt. Aber was ist denn das!«

»Zwanzigtausend Pfund?«

Dies war ein neues Erstaunen für mich. Ich hatte auf vier- oder fünftausend Pfund gerechnet. Diese Nachricht beraubte mich in der That für einen Augenblick des Atems. Mr. St. John, den ich noch niemals lachen gehört – Mr. St. John lachte jetzt über mich!

»Nun,« sagte er, »wenn Sie einen Mord begangen hätten und ich Ihnen sagte, daß Ihre That entdeckt wäre, so könnten Sie nicht bestürzter aussehen.«

»Es ist eine große Summe – glauben Sie nicht, daß hier irgend ein Irrtum obwaltet?«

»Durchaus kein Irrtum.«

»Vielleicht haben Sie die Zahlen falsch gelesen – es werden nur zweitausend sein!

»Es ist in Buchstaben geschrieben, nicht in Zahlen – zwanzigtausend.«

Mir war ungefähr so zu Mute, wie einem Individuum, das nur eine geringe gastronomische Kraft besitzt und sich allein an einer Tafel niederläßt, welche mit Speisen und Leckerbissen für hundert Personen besetzt ist.

Jetzt erhob sich Mr. Rivers und nahm seinen Mantel um.

»Wenn es nicht ein so stürmischer Abend wäre,« sagte er, »so würde ich Hannah herunter senden, um Ihnen Gesellschaft zu leisten. Sie sehen so verzweifelt unglücklich aus; man sollte Sie nicht allein lassen. Aber das arme Weib, die Hannah, könnte nicht so gut durch die Schneewehen kommen wie ich; ihre Beine sind nicht ganz so lang. Daher muß ich Sie schon einsam Ihrem Kummer überlassen. Gute Nacht!«

Er zog den Riegel zurück. Da kam mir ein plötzlicher Gedanke.

»Warten Sie eine Minute,« rief ich.

»Nun?«

»Es macht mir Kopfzerbrechen, weshalb Mr. Briggs an Sie über mich schrieb; oder woher er Sie kannte und wie er glauben konnte, daß Sie, der Sie in einem so weltentlegenen Winkel wohnen, die Macht besäßen, ihm zu meiner Entdeckung behilflich zu sein.«

»O! ich bin ein Prediger,« sagte er, »und an die Geistlichen wendet man sich oft in den seltsamsten Angelegenheiten.«

Wieder rasselte der Riegel.

»Nein, das genügt mir nicht!« rief ich aus. Und in der That lag etwas in der hastigen, unklaren Antwort, das meine Neugierde nur noch mehr reizte, anstatt sie zu befriedigen. »Das ist eine seltsame Geschichte,« fügte ich hinzu, »und ich muß noch mehr darüber erfahren.«

»Ein ander Mal.«

»Nein, heute abend! – heute abend!« und als er sich von der Thür abwandte, stellte ich mich zwischen diese und ihn. Er sah ziemlich verlegen aus.

»Sie werden bestimmt nicht von hier gehen, bevor Sie mir nicht alles gesagt haben!« sagte ich.

»Erlassen Sie mir das, für den Augenblick wenigstens.«

»Sie sollen – Sie müssen!«

»Ich möchte lieber, daß Diana oder Mary mit Ihnen darüber spräche.«

Natürlich machten seine Einwendungen mich nur noch erregter. Mein Verlangen, alles zu erfahren, hatte den höchsten Grad erreicht. Es mußte befriedigt werden, und das ohne Vorzug. Ich sagte ihm das.

»Ich sagte Ihnen vorher, daß ich ein hartköpfiger Mann sei,« sagte er, »schwer zu überreden.«

»Und ich bin ein hartköpfiges Weib; – unmöglich mich abzuweisen!«

»Und dann,« fuhr er fort, »bin ich kaltblütig; keine Leidenschaft reißt mich hin.«

»Während ich heißblütig bin, und Feuer schmilzt Eis. Das Holzfeuer dort hat allen Schnee auf Ihrem Mantel schmelzen gemacht; und jetzt ist er auf meinen Fußboden herabgeronnen und hat ihn zu einer schmutzigen Straße gemacht. Mr. Rivers, wenn Sie hoffen, daß Sie Vergebung für das Verbrechen finden werden, den sandbestreuten Fußboden einer Küche beschmutzt zu haben, so sagen Sie mir alles, was ich zu erfahren wünsche.«

»Nun,« sagte er, »gut; ich gebe nach, wenn auch nicht Ihrem Ernst, so doch Ihrer Ausdauer; gerade so wie auch der Stein durch einen fortwährenden Tropfenfall ausgehöhlt wird. Überdies müssen Sie es ja doch eines Tages erfahren – also besser jetzt als später. Ihr Name ist also Jane Eyre?«

»Natürlich. Darüber waren wir ja schon im Reinen.«

»Sie wissen vielleicht nicht, daß ich Ihr Namensvetter bin? daß ich St. John Eyre Rivers getauft bin?«

»Nein, in der That; ich erinnere mich jetzt wohl, in den Büchern, welche Sie mir zu verschiedenen Zeiten geborgt haben, auch den Buchstaben E gesehen zu haben; doch fragte ich niemals, für welchen Namen er stehe. Und nun weiter? Ohne Zweifel –«

Ich hielt inne. Ich hatte nicht einmal den Mut, den Gedanken zu fassen, – viel weniger ihm Worte zu verleihen, – der sich vor mir verkörperte und nach Ablauf der nächsten Minute als starke Wahrscheinlichkeit vor mir stand. Die Umstände knüpften aneinander an, paßten zusammen, ordneten sich in Reih und Glied; die Kette, welche bis jetzt in einem formlosen Haufen von Gliedern dagelegen, wurde gerade auseinandergezogen – jeder Ring war vollständig, die Verbindung ununterbrochen. Instinktiv wußte ich, wie die Sache lag, bevor St. John noch ein Wort gesprochen; aber ich kann nicht verlangen, daß mein Leser dasselbe instinktive Ahnungsvermögen habe, deshalb muß ich seine Erklärung wiederholen.

»Der Name meiner Mutter war Eyre; sie hatte zwei Brüder; der eine war Geistlicher und heiratete Miß Reed von Gateshead; der andere John Eyre Esq., Kaufmann, ist vor kurzem in Funchal auf Madeira gestorben. Da Mr. Briggs Mr. Eyres Sachwalter ist, schrieb er im letzten August an uns und teilte uns den Tod unseres Onkels mit; zugleich unterrichtete er uns davon, daß er sein Vermögen der Tochter seines Bruders hinterlassen habe; wir waren übergangen infolge eines Streites zwischen ihm und meinem Vater, dem er niemals vergeben hatte. Vor einigen Wochen schrieb Mr. Briggs wieder, um uns zu sagen, daß die Erbin unauffindbar sei und anzufragen, ob wir nichts von ihr wüßten. Ein Name, vielleicht einmal in der Zerstreuung auf ein Stück Papier geschrieben, hat mich in den Stand gesetzt, sie ausfindig zu machen. Das übrige wissen Sie.«

Und wiederum wollte er gehen, aber ich stellte mich vor die Thür.

»Lassen Sie mich sprechen,« sagte ich, »geben Sie mir nur einen Augenblick, um aufzuatmen und nachzudenken.«

Ich hielt inne – er stand vor mir, den Hut in der Hand, und sah sehr ruhig und gefaßt aus.

Ich fuhr fort:

»Ihre Mutter war die Schwester meines Vaters.«

»Ja.«

»Folglich meine Tante.«

Er nickte.

»Mein Onkel John war Ihr Onkel John? Sie, Diana und Mary sind die Kinder seiner Schwester, ebenso wie ich das Kind seines Bruders bin?«

»Ohne Zweifel.«

»Sie sind also meine Vettern und Cousinen; die Hälfte unseres Bluts fließt also aus derselben Quelle?«

»Wir sind Vettern und Cousinen; ja.«

Ich beobachtete ihn. Mir war's als hätte ich einen Bruder gefunden, und noch dazu einen, auf den ich stolz sein konnte – den ich lieben konnte; und zwei Schwestern, welche so große, erhabene Eigenschaften besaßen, daß sie mir, als sie für mich nur fremde Menschen waren, die größte Liebe und Bewunderung eingeflößt hatten. Die beiden Mädchen, auf welche ich an jenem Abend, als ich auf dem feuchten Erdboden kniete und durch das niedrige, vergitterte Fenster der Küche von Moorhouse sah, mit einem so bitteren Gemisch von Interesse und Verzweiflung geblickt, – sie waren meine nächsten Verwandten! Und der junge, stattliche Mann, welcher mich fast sterbend auf seiner Schwelle gefunden – er war durch Bande des Bluts an mich gebunden. Welche Entdeckung für eine unglückliche Verlassene! Dies war Reichtum in der That! – Reichtum für mein Herz! – eine ganze Fundgrube reiner und natürlicher Liebe! Dies war eine Himmelswohlthat, rein, klar, neubelebend. Nicht wie ein schweres Geschenk von Gold, das in seiner Art willkommen genug sein mag, durch sein Gewicht aber stets zu Boden drückt. In einer plötzlichen Aufwallung von Freude klatschte ich in die Hände – meine Pulse flogen – in meinen Schläfen hämmerte es.

»O, ich bin so froh! – ich bin so froh!« rief ich aus.

St. John lächelte.

»Sagte ich nicht, daß Sie die Hauptsache vernachlässigten, um Kleinigkeiten nachzuhängen?« fragte er. »Sie wurden ernst, als ich Ihnen sagte, daß Ihnen ein Vermögen zugefallen sei, und jetzt sind Sie freudig erregt um einer Sache willen, die gar keine Bedeutung hat.«

»Was wollen Sie damit sagen? Für Sie mag es keine Bedeutung haben; Sie besitzen Schwestern und kümmern sich wenig darum, ob Sie eine Cousine haben; ich jedoch hatte niemand; und jetzt sind plötzlich drei Verwandte – oder nur zwei, wenn Ihnen nichts daran liegt, mitgerechnet zu werden – in Lebensgröße in mein Dasein getreten. O, ich sage es noch einmal, ich bin so glücklich!«

Ich ging schnell durch das Zimmer. Dann hielt ich inne. Die Gedanken, welche schneller kamen, als ich sie erfassen, begreifen, ordnen konnte, erstickten mich fast, – Gedanken über das, was über kurz oder lang sein konnte, mußte und sollte. Ich starrte die kahle Wand an; sie erschien mir wie ein Himmel, der dicht mit leuchtenden Sternen übersäet war – und jeder einzelne derselben bedeutete mir ein Glück, eine Wonne, eine That! Jetzt konnte ich jenen Wohlthaten erweisen, die mir das Leben gerettet und die ich bis zu diesem Augenblick nur unthätig hatte wieder lieben können. Sie lebten in einem Joche, ich konnte sie befreien, sie waren in der Welt zerstreut, ich konnte sie wieder vereinigen, – die Unabhängigkeit, der Überfluß, dessen ich mich erfreute, konnte auch ihnen zu teil werden. Waren wir nicht unserer vier? Zwanzigtausend Pfund in gleiche Teile geteilt, würde für jeden fünftausend geben – reichlich genug; der Gerechtigkeit sollte Genüge geschehen, – unser aller Glück gesichert werden. Jetzt lastete der Reichtum nicht schwer auf mir, jetzt war es nicht nur ein Erbteil an Geld und Geldeswert – nein, es war ein Legat an Leben, Hoffnung und Genuß!

Ich kann nicht sagen, wie ich aussah, während diese Gedanken auf meine Seele einstürmten; aber bald bemerkte ich, daß Mr. Rivers einen Stuhl hinter mich gestellt hatte und sanft versuchte, mich auf denselben nieder zu drücken. Er riet mir auch, gefaßt zu sein; mich aber empörte seine Anspielung auf meine Hilflosigkeit und Erregtheit; ich schüttelte seine Hand von meiner Achsel und begann von neuem auf und ab zu wandern.

»Schreiben Sie schon morgen an Diana und Mary und sagen Sie ihnen, daß sie sofort nach Hause kommen,« sagte ich, »Diana hat mir oft gesagt, daß sie sich für reich halten würden, wenn sie tausend Pfund hätten, folglich werden sie mit fünftausend Pfund sehr gut leben können.«

»Sagen Sie mir, wo ich Ihnen ein Glas Wasser holen kann,« sagte St. John, »Sie müssen sich wirklich beruhigen und Ihre Gefühle zu beherrschen suchen.«

»Unsinn! und welche Folgen wird diese Erbschaft für Sie haben? Wird sie Sie in England zurückhalten und Sie bewegen, Miß Olliver zu heiraten? Werden Sie sich in Ruhe niederlassen, wie ein gewöhnlicher Sterblicher?«

»Sie phantasieren. Ihre Gedanken verwirren sich; ich habe Ihnen diese Nachricht zu plötzlich mitgeteilt; es war zuviel für Ihre Kräfte.«

»Mr. Rivers! Sie machen mich wirklich ungeduldig; ich bin vollkommen vernünftig; Sie sind es, welcher mich mißversteht, oder welcher vielmehr vorgiebt, mich mißzuverstehen.«

»Vielleicht würde ich Sie besser verstehen, wenn Sie sich klarer ausdrückten.«

»Klarer ausdrücken! Was ist denn hier noch klarer auszudrücken. Sie müssen doch einsehen, daß zwanzigtausend Pfund, die in Frage stehende Summe, zu gleichen Teilen zwischen dem Neffen und den drei Nichten meines Onkels verteilt, fünftausend Pfund für jeden ergeben? Was ich will, ist, daß Sie an Ihre Schwestern schreiben und ihnen Mitteilung von dem Vermögen machen, welches ihnen zugefallen ist.«

»Ihnen selbst, wollen Sie sagen.«

»Ich habe Ihnen deutlich meine Ansicht über die Sache erklärt. Eine andere vermag ich nicht zu fassen. Ich bin nicht brutal selbstsüchtig, nicht blindlings ungerecht, nicht teuflisch undankbar. Außerdem bin ich entschlossen, mein Heim zu gründen, mir Verwandte zu schaffen. Ich liebe Moor-House, und in Moor-House will ich wohnen. Ich liebe Diana und Mary, und bei Diana und Mary will ich mein Lebelang bleiben. Es wird mir ein Segen und eine Freude sein, fünftausend Pfund zu besitzen; aber es würde mich quälen und bedrücken, zwanzigtausend mein eigen zu nennen; und außerdem könnten sie mir niemals von Rechtswegen gehören, wenn auch das Gesetz sie mir zuspricht. So überlasse ich Ihnen nur das, was für mich absolut überflüßig wäre. Opposition und Diskussion in dieser Sache sind durchaus nutzlos. Einigen wir uns lieber über den Gegenstand und ordnen alles nötige sofort.«

»Dies heißt nach der ersten Eingebung handeln; Sie bedürfen mehrerer Tage, um die Sache zu überlegen, bevor ich Ihr Wort als giltig annehmen kann.«

»O! Wenn es nur die Aufrichtigkeit und Dauer meines Willens ist, die Sie bezweifeln, so bin ich ruhig. Sehen Sie denn wenigstens die Gerechtigkeit der Sache ein?«

»Ja; eine gewisse Gerechtigkeit erkenne ich an; doch läuft sie jedem hergebrachten Brauch entgegen. Außerdem haben Sie Anspruch an das ganze Vermögen; mein Onkel erwarb es durch seine eigenen Anstrengungen; es stand ihm frei, es zu hinterlassen, wem er wollte: er hinterließ es Ihnen. Und schließlich erlaubt das Gesetz Ihnen, es zu behalten. Mit reinem Gewissen können Sie es als Ihnen gehörig betrachten.«

»Bei mir ist es ebensogut eine Sache des Gewissens wie des Gefühls,« sagte ich. »Und ich muß nach meinem Gefühl handeln. Ich habe bis jetzt so selten Gelegenheit gehabt, das zu thun. Und wenn Sie während der Dauer eines ganzen Jahres mit mir stritten, mich ärgerten und mir widersprächen, so würde ich mir die selige Freude nicht versagen, die sich mir in dieser Stunde flüchtig offenbart hat – nämlich, zum Teil eine schwerwiegende Verbindlichkeit abzuzahlen und mir Freunde für das ganze Leben zu erringen.«

»So denken Sie jetzt,« begann St. John wiederum, »weil Sie nicht wissen, was es heißt, Reichtum zu besitzen und folglich sich desselben zu erfreuen; Sie haben keinen Begriff von der Wichtigkeit, welche der Besitz von zwanzigtausend Pfund Ihnen verleihen würde; von der Stellung, welche sie Ihnen in der Gesellschaft geben würden; von den Aussichten, welche sich Ihnen dadurch eröffnen würden; Sie können nicht – – –«

»Und Sie,« unterbrach ich ihn, »können sich keinen Begriff machen von der Sehnsucht, welche ich nach schwesterlicher und brüderlicher Liebe empfinde. Ich hatte niemals eine Heimat, niemals Brüder oder Schwestern, Ich will und muß sie jetzt haben. Widerstrebt es Ihnen denn, mich aufzunehmen und anzuerkennen?«

»Jane, ich will Ihnen ein Bruder sein – meine Schwestern werden Ihre Schwestern sein – ohne daß Sie uns das Opfer Ihrer gerechten Ansprüche bringen.«

»Bruder? Ja, In der Entfernung von einigen tausend Meilen! Schwestern? Ja! Die ein Sklavenleben zwischen Fremden führen! Und ich reich! Überschüttet mit Gold, das ich mir nicht erworben und das ich nicht verdiene! Und Ihr arm! Großartige Gleichberechtigung und Brüderlichkeit! Enge, innige Vereinigung! Herzliche Liebe und Anhänglichkeit!«

»Aber Jane, Ihre Sehnsucht nach Familienbanden und häuslichem Glück könnte doch in anderer Weise gestillt werden, als in jener, welche Sie im Sinne haben! Sie könnten sich doch verheiraten!«

»Noch einmal Unsinn! Heiraten! Ich will nicht heiraten und werde niemals heiraten!«

»Das ist zuviel gesagt. Solche gewagte Behauptungen sind ein Beweis von der Erregung, in welcher Sie sich befinden.«

»Es ist nicht zuviel gesagt. Ich weiß, was ich empfinde und wie all mein Denken dem bloßen Gedanken einer Heirat widerstrebt. Niemand würde mich aus Liebe heiraten, und ich wünsche nicht in dem Licht einer einfachen Geldspekulation dazustehen. Überdies will ich keinen fremden, mir unsympathischen Menschen, der ganz von mir verschieden ist. Ich will meine Anverwandten, mit denen ich jedes Gefühl gemeinsam habe. Sagen Sie noch einmal, daß Sie mein Bruder sein wollen. Als Sie jene Worte aussprachen, war ich zufrieden und glücklich; wiederholen Sie sie, wenn Sie können; wiederholen Sie sie aufrichtig!«

»Ich glaube, daß ich es kann. Ich weiß, daß ich meine eigenen Schwestern stets geliebt habe; und ich weiß, auf was meine Liebe für sie gegründet ist – auf die Achtung vor ihrem Wert, auf die Bewunderung ihrer Eigenschaften und Talente. Auch Sie besitzen Gemüt, Herz und Grundsätze; Ihre Geschmacksrichtung und Ihre Gewohnheiten gleichen denen Marys und Dianas; Ihre Gesellschaft ist mir stets angenehm; in der Unterhaltung mit Ihnen habe ich schon seit langer Zeit einen wohlthuenden Trost gefunden. Ich fühle, daß ich Ihnen leicht und gern einen Platz in meinem Herzen einräumen kann; Sie sind meine dritte und jüngste Schwester.«

»Ich danke Ihnen! Für heute abend bin ich damit zufrieden. Jetzt sollten Sie aber gehen; denn wenn Sie noch länger blieben, regten Sie mich vielleicht von neuem durch Ihre mißtrauischen Gewissensbisse auf.«

»Und die Schule, Miß Eyre? Die wird jetzt doch vermutlich geschlossen werden müssen?«

»Nein; ich werde den Platz einer Lehrerin behalten und ausfüllen, bis Sie einen Ersatz für mich gefunden haben.«

Er lächelte zustimmend. Dann drückten wir uns die Hände und er ging.

Ich brauche wohl nicht bis in alle Einzelheiten der weiteren Kämpfe, welche ich zu bestehen hatte, der vielen Argumente, derer ich mich bedienen mußte, zu erwähnen, bis ich endlich die Angelegenheit der Erbschaft so geordnet hatte, wie ich es wünschte. Meine Aufgabe war eine sehr schwierige; da ich aber fest entschlossen war – da meine Verwandten endlich einsahen, daß es unwiderruflich fest bei mir stand, eine gerechte und gleichmäßige Teilung des Vermögens vorzunehmen, – da sie endlich in ihrem innersten Herzen wohl die Billigkeit dieser Absicht anerkannt und außerdem sich wohl klar bewußt waren, daß sie an meiner Stelle gerade so gehandelt haben würden, wie ich zu handeln wünschte – so gaben sie schließlich insoweit nach, daß sie einwilligten, die Sache einem Schiedsgericht zu unterbreiten. Die erwählten Richter waren Mr. Olliver und ein tüchtiger Rechtsanwalt; beide stimmten mit meiner Ansicht überein. Ich trug den Sieg davon. Die Akte der Übertragung wurden ausgefertigt. St. John, Diana, Mary und ich bekamen alle ein hinreichendes Auskommen.

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