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Gutenberg > Charlotte Brontë >

Jane Eyre, die Waise von Lowood.

Charlotte Brontë: Jane Eyre, die Waise von Lowood. - Kapitel 30
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typefiction
authorCharlotte Brontë
titleJane Eyre, die Waise von Lowood.
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub1847
translatorMaria von Borch (1853 - 1895)
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon
senderwww.gaga.net
created20060420
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Neuntes Kapitel.

An die drei Tage und Nächte, welche hierauf folgten, habe ich nur eine sehr schwache, verworrene Erinnerung bewahrt. Ich kann mir wohl einige Empfindungen zurückrufen, welche ich in der Zwischenzeit hatte; aber einen festen Gedanken vermochte ich nicht zu hegen; eine Handlung zu vollbringen war ich zu schwach. Ich wußte, daß ich mich in einem kleinen Zimmer, in einem schmalen Bette befand. An das Bett schien ich fest gewachsen zu sein. Bewegungslos wie ein Stein lag ich darin, und wenn man mich daraus entfernt hätte, so wäre das gleichbedeutend mit Tod gewesen. Ich bemerkte nicht, daß die Zeit verging – ich wußte nichts vom Übergange des Morgens zum Mittag, des Mittags zum Abend. Ich bemerkte, wenn jemand ins Zimmer trat oder es wieder verließ; ich hätte sogar sagen können, wer sie waren; ich konnte verstehen, was gesprochen wurde, wenn der Redende in meiner Nähe stand, aber ich vermochte nicht zu antworten; es war mir ebenso unmöglich, ein Glied zu rühren, wie die Lippen zu bewegen. Hannah, die Dienerin, war meine häufigste Besucherin. Ihr Kommen störte mich. Ich hatte das Gefühl, als wünsche sie mich wieder fort; daß sie weder mich noch meine Verhältnisse begriff; daß sie ein Vorurteil gegen mich hege. Ein- oder zweimal täglich erschienen Diana und Mary im Zimmer. Sie flüsterten viel an meinem Bette, und ungefähr wie folgt:

»Ich bin froh, daß wir sie aufnahmen.«

»Ja. Sonst wäre sie am folgenden Morgen ohne Zweifel tot vor unserer Thür gefunden worden, wenn wir sie die ganze Nacht draußen gelassen hätten. Ich möchte nur wissen, was sie alles durchgemacht hat.«

»Seltene Trübsal und Entbehrungen, glaube ich – armes, verhungertes, bleiches Menschenkind!«

»Sie ist keine ungebildete Person, vermute ich, nach ihrer Sprache zu urteilen. Ihr Accent war sehr rein; und die Kleider, welche sie abgelegt hat, waren, wenn auch naß und schmutzig, so doch fein und wenig abgenützt.«

»Sie hat ein eigentümliches Gesicht; trotzdem es fleischlos und hager ist, gefällt es mir doch; und ich kann mir sehr gut vorstellen, daß ihre Physiognomie angenehm, wenn sie gesund und fröhlich und glücklich ist.«

In all ihren Gesprächen hörte ich niemals auch nur eine einzige Silbe des Bedauerns über die Gastfreundschaft, welche sie mir gewährt hatten; oder ein Wort der Abneigung oder des Mißtrauens gegen mich. Ich war also beruhigt. Mr. St. John kam nur einmal; er sah mich an und sagte, daß dieser Zustand der Lethargie das Resultat der Reaktion nach übermäßiger und anhaltender Ermüdung sei. Er erklärte es für unnötig einen Doktor holen zu lassen; es sei seiner Überzeugung nach am besten, wenn man der Natur ihren freien Lauf ließe. Er sagte, jeder Nerv sei auf irgend eine Weise aufs höchste angespannt, und daß das ganze System eine Zeit lang in einer Art Betäubung verharren müsse. Es sei durchaus keine Krankheit. Er glaube, daß meine Genesung, wenn sie einmal begonnen, eine sehr schnelle sein werde. Diese seine Ansichten sprach er in wenigen Worten aus, mit einer leisen, ruhigen Stimme. Und nach einer Pause fügte er in dem Ton eines Mannes, der wenig an erläuternde Bemerkungen gewöhnt ist, hinzu: »eine ziemlich ungewöhnliche Physiognomie; ganz entschieden trägt sie nicht das Gepräge der Gemeinheit oder der Gesunkenheit.«

»Weit entfernt davon,« entgegnete Diana, »Ehrlich gesprochen, St. John – mein Herz zieht mich zu der armen, kleinen Seele. Ich wollte, daß wir ihr für die Dauer nützlich sein könnten.«

»Das ist kaum anzunehmen,« lautete seine Antwort. »Ihr werdet finden, daß sie ein junges Mädchen ist, welches einen Streit mit seinen Angehörigen gehabt und diese dann unvernünftigerweise verlassen hat. Vielleicht gelingt es uns, sie jenen wieder zuzuführen, wenn sie nicht allzu eigensinnig ist; aber ich sehe Linien in ihrem Gesicht, die auf Widerstandskraft schließen lassen und mich skeptisch in Bezug auf ihre Lenksamkeit machen.«

Er stand und betrachtete mich während einiger Minuten, dann fügte er hinzu: »Sie sieht klug aus, aber sie ist durchaus nicht hübsch.«

»Sie ist so krank, St. John.«

»Krank oder gesund, häßlich wird sie immer sein. Jenen Zügen fehlt die Anmut und Harmonie der Schönheit durchaus.« Am dritten Tage fühlte ich mich besser; am vierten konnte ich sprechen, mich bewegen, im Bette aufsitzen und mich umdrehen. Es war wie ich vermutete um die Mittagsstunde, als Hannah mir ein wenig Grütze und einige geröstete Brotschnittchen brachte. Ich hatte mit Appetit gegessen, die Nahrung war gut – ihr fehlte zum erstenmal der fieberische Beigeschmack, welcher bis dahin alles vergiftet, was ich gegessen. Als sie mich verließ, fühlte ich mich neu belebt und verhältnismäßig stark, und bald darauf wurde ich der Ruhe müde, empfand ich den Wunsch nach Bewegung, nach Thätigkeit. Ich wollte aufstehen; aber welche Kleider sollte ich anlegen? Nur meine feuchten, beschmutzten Gewänder, in welchen ich auf dem Erdboden geschlafen hatte und auf dem Moor gefallen war? Ich schämte mich in solcher Kleidung vor meinen Wohlthätern zu erscheinen. Aber diese Demütigung blieb mir erspart.

Auf einem Stuhl neben meinem Bette lagen all meine eigenen Kleidungsstücke, aber rein und trocken. Mein schwarzseidener Rock hing an der Wand. Die Spuren des Schlammes waren davon entfernt, die Falten, welche durch die Nässe entstanden, waren geglättet: es sah durchaus anständig aus. Sogar meine Schuhe und Strümpfe waren gereinigt und wieder brauchbar gemacht. Alle Gegenstände zum Waschen im Zimmer, sogar Kamm und Bürste, um mein Haar zu ordnen. Nach einem sehr langwierigen Verlauf, bei dem ich mich alle fünf Minuten ausruhen mußte, war es mir gelungen, mich anzukleiden. Meine Kleider hingen lose auf mir, denn ich war sehr abgemagert; aber diese Mängel bedeckte ich mit einem Shawl, und endlich wieder sauber und anständig aussehend – kein Körnchen Schmutz, keine Spur von Unordnung, die ich so sehr haßte und die mich in meinen Augen tief erniedrigte, haftete an mir – kroch ich die steinerne Treppe hinunter, mich fortwährend am Geländer haltend; ich gelangte in einen engen Korridor und fand gleich darauf meinen Weg in die Küche. Sie war voll von dem Duft frisch gebackenen Brotes, und ein großes, helles Feuer durchwärmte sie. Hannah war mit Backen beschäftigt. Es ist ja eine bekannte Sache, daß es am schwersten ist, Vorurteile aus solchen Herzen auszurotten, deren Boden niemals durch Erziehung urbar und fruchtbar gemacht worden; dort wachsen und wuchern sie fast wie das Unkraut zwischen Felsgestein. Hannah war in der That anfangs kalt und steif gewesen; seit kurzem hatte sie angefangen, ein wenig aufzutauen, und als sie mich nun sauber und anständig gekleidet eintreten sah, lächelte sie sogar.

»Was! Sie sind aufgestanden!« rief sie aus. »Da sind Sie also endlich besser? Wenn Sie wollen, dürfen Sie sich in meinen Stuhl am Herd setzen.«

Sie zeigte auf den Schaukelstuhl. Ich nahm ihn. Sie wirtschaftete in der Küche umher und warf mir von Zeit zu Zeit einen prüfenden Seitenblick zu. Indem sie einige Brote aus dem Backofen nahm, wandte sie sich zu mir und sagte derb:

»Haben Sie schon früher gebettelt, ehe Sie zu uns kamen?«

Einen Augenblick war ich empört; aber glücklicherweise fiel es mir ein, daß ich mich nicht ärgern dürfe, und daß ich in ihren Augen allerdings wie eine Bettlerin erscheinen müsse; daher antwortete ich ruhig, aber nicht ohne eine gewisse, markierte Schärfe:

»Sie irren sich, wenn Sie meinen, daß ich eine Bettlerin sei. Ich bin ebensowenig eine Bettlerin wie Sie oder Ihre jungen Gebieterinnen,«

Nach einer Pause sagte sie wieder: »Nun, das verstehe ich nicht. Sie haben doch kein Haus und kein Kupfer?«

»Daß ich kein Haus und kein Kupfer (ich vermute, daß Sie damit Geld meinen) besitze, macht mich noch immer nicht zur Bettlerin in Ihrem Sinne des Wortes.«

»Sind Sie denn büchergelehrt?« fragte sie gleich darauf.

»Ja, sehr!«

»Aber Sie sind doch niemals in einer Pension gewesen?«

»Ich war acht Jahre hindurch in einer Pension.«

Sie riß die Augen weit auf. »Und dann können Sie sich nicht einmal selbst erhalten?«

»Ich habe mich selbst ernährt und hoffe, es sehr bald wieder zu können. Was wollen Sie denn mit diesen Stachelbeeren machen?« fragte ich, als sie einen Korb dieser Früchte herbeitrug.

»Kuchen davon backen.«

»Geben Sie sie mir, ich will sie auslesen.«

»Nein, Ich mag nicht, daß Sie etwas thun.«

»Aber ich muß mich doch mit irgend etwas beschäftigen! Geben Sie sie nur her!«

Endlich willigte sie ein und brachte mir sogar ein reines Handtuch, um es über mein Kleid zu breiten, »damit es nicht schmutzig werde,« wie sie sagte.

»Sie sind wohl nicht an Hausarbeit gewöhnt gewesen; das sehe ich an Ihren Händen,« bemerkte sie. »Wahrscheinlich sind Sie Schneiderin.«

»Nein, Sie irren. Und nun kümmern Sie sich nicht um das, was ich gewesen bin; zermartern Sie Ihren Kopf nicht länger über meine Angelegenheiten; sondern sagen Sie mir, wo ich mich eigentlich befinde, wie dieses Haus heißt.«

»Einige Leute nennen es Marsh-End, andere nennen es Moor-House.«

»Und der Herr, welcher hier wohnt, heißt Mr. St. John?«

»Nein, er wohnt nicht hier; er hält sich hier nur für einige Zeit auf. Wenn er zu Hause ist, dann ist er in seinem eigenen Hause, und das ist der Pfarrhof von Morton.«

»Das Dorf einige Meilen von hier?«

»Ja, ja.«

»Und was ist er?«

»Er ist Prediger.« Mir fiel die Antwort der alten Haushälterin im Pfarrhofe ein, als ich gebeten hatte, mit dem Prediger sprechen zu dürfen.

»War denn dies das Haus seines Vaters?«

»Ja, ja. Der alte Mr. Rivers wohnte hier, und sein Vater und sein Großvater, und sein Urgroßvater vor ihm.«

»Der Name dieses Herrn ist also Mr. St. John Rivers?«

»Ja, ja. St. John ist so etwas wie sein Taufname.«

»Und seine Schwestern heißen Diana und Mary Rivers?«

»Ja.«

»Ihr Vater ist tot?«

»Vor drei Wochen gestorben. Schlagfluß.«

»Sie haben keine Mutter?«

»Die ist schon lange Jahre tot.«

»Sind Sie schon lange in der Familie?«

»Ich bin schon dreißig Jahre hier, Hab' ja die drei Kinder allein auferzogen.«

»Das beweist, daß Sie eine treue und ehrliche Dienerin sein müssen. Die Gerechtigkeit will ich Ihnen doch widerfahren lassen, obgleich Sie mich eine Bettlerin genannt haben.«

Wieder sah sie mich ganz erstaunt an.

»Am Ende glaube ich doch, daß ich mich in meinen Gedanken über Sie ein bißchen geirrt habe,« sagte sie dann; »aber Sie müssen mir doch vergeben, denn es gehen ja so viele Betrügerinnen umher, daß man gar nicht vorsichtig genug sein kann.«

»Und,« fuhr ich in ziemlich strengem Ton fort, »Sie wollten mich von der Thür fortjagen, in einer Nacht, wo Sie nicht einmal einen Hund hätten hinausjagen dürfen.«

»Na ja! Es war hart, – aber was kann der Mensch thun? Ich dachte ja doch mehr an die Kinderchen, als an mich selbst. Die armen Dingerchen! Für sie sorgt niemand als nur ich. Muß ich da nicht so ängstlich sein?«

Für einige Minuten hüllte ich mich in ernstes Schweigen. »Sie dürfen aber nicht allzuschlimm von mir denken,« fing sie dann wieder an.

»Aber ich denke doch schlimm von Ihnen,« sagte ich, »und ich will Ihnen sagen weshalb. Nicht so sehr, weil Sie sich weigerten, mir Obdach zu geben oder mich für eine Betrügerin hielten, sondern weil Sie mir eben noch einen Vorwurf daraus machten, daß ich kein Haus und kein »Kupfer« habe. Einige der besten Menschen, die jemals auf dieser Erde gelebt haben, sind ebenso arm gewesen wie ich es bin; und wenn Sie eine gute Christin wären, dürften Sie Armut nicht für ein Verbrechen halten.«

»Nein, das dürft ich nicht,« sagte sie. »Mr. St. John sagt mir das auch immer, und ich sehe ein, daß ich Unrecht hatte – aber jetzt, meiner Seel, denke ich auch anders von Ihnen als früher. Sie sehen ja wirklich aus wie eine anständige kleine Person.«

»Das ist genug – jetzt vergebe ich Ihnen. Geben Sie mir die Hand.«

Sie legte die schwielige, mehlige Hand in die meine; wieder zog ein Lächeln – diesmal sehr herzig und gutmütig – über ihr rauhes Gesicht, und von diesem Augenblick an waren wir Freunde.

Hannah liebte es augenscheinlich sehr zu schwatzen. Während ich die Beeren auslas, und sie den Teig zu dem Kuchen machte, fuhr sie fort, mir allerhand Einzelheiten über ihren verstorbenen Herrn und seine Gattin und die »Kinderchen« mitzuteilen, wie sie die jungen Leute unabänderlich nannte.

Der alte Mr. Rivers, sagte sie, sei ein einfacher Mann gewesen, aber ein Gentleman in jeder Beziehung, und aus einer so alten Familie, wie es kaum eine ältere gäbe. Marsh End hatte schon seit seiner Erbauung den Rivers gehört, und wie sie versicherte, »sei es viel älter als zweihundert Jahre, wenn es auch klein und bescheiden aussähe und sich in keiner Weise mit Mr. Ollivers großem Herrenhause da unten in Morton Vale vergleichen könne. Sie erinnere sich aber noch sehr gut, wie sie Bill Ollivers Vater als reisenden Nähnadelfabrikanten gesehen, und die Rivers seien schon Gentlemen in den Zeiten der Heinriche gewesen, wie jedermann sehen könne, wenn er sich nur die Mühe geben wolle, in den Kirchenbüchern von der Kirche zu Morton nachzublättern.« – Dennoch gab sie zu, »daß der alte Herr ganz wie andere Menschen gewesen sei, – nichts besonderes, aber toll im Jagen und in der Landwirtschaft und solchen Dingen.« Die Frau war anders gewesen. Sie beschäftigte sich viel mit Lesen und studierte immer, und die »Kinderchen« waren ihr ganz nachgeraten. Sie hatten ihresgleichen nicht in dieser Gegend; von dem Tag an, wo sie sprechen konnten, hatten sie beinahe schon angefangen zu lernen, und sie hatten schon immer »was so Apartes gehabt.« – Als Mr. St. John größer geworden, hatte er auf die Universität gehen und Prediger werden wollen, und die Mädchen, sobald sie die Schule verlassen, hatten Gouvernanten werden wollen, denn wie sie ihr erzählte, hatte Mr. Rivers vor mehreren Jahren durch den Bankrott eines Banquiers, dem er sein Vermögen anvertraut, einen großen Teil desselben verloren. Und da er ihnen kein Vermögen mitgeben konnte, wollten sie nun selbst für sich sorgen. Seit langer Zeit waren sie nur selten mehr im alten Heim gewesen, und jetzt hatte der Tod ihres Vaters sie auch nur für einige Wochen hergerufen, aber sie liebten Marsh-End und Morton und all diese Hügel und Thäler und Moore und Haiden so innig. Sie waren in London und vielen anderen großen Städten gewesen, aber immer hätten sie gesagt, der Heimat käme doch nichts gleich, und dann hatten sie sich einander so lieb und zankten nie und machten keinen Lärm. Sie meine, eine solche Familie, was Einigkeit beträfe, sei gar nicht mehr zu finden.

Nachdem ich mit meiner Arbeit des Beerenlesens zu Ende war, fragte ich, wo die beiden jungen Damen und ihr Bruder jetzt seien.

»Nach Morton hinüber spaziert; aber in einer halben Stunde werden sie zum Thee zurück sein.«

Sie kehrten innerhalb der von Hannah angegebenen Zeit zurück und traten durch die Küchenthür ein. Als Mr. St. John mich sah, verbeugte er sich nur und ging vorüber; die beiden Damen verweilten, Mary drückte in wenigen Worten freundlich und ruhig ihre Freude darüber aus, daß ich wohl genug sei, um herunter zu kommen, Diana schüttelte den Kopf, indem sie meine Hand ergriff.

»Sie hätten meine Erlaubnis zum Herunterkommen abwarten sollen,« sagte sie. »Sie sehen noch so fürchterlich blaß aus – und so abgezehrt! Armes Kind! – armes Mädchen!«

Diana hatte eine Stimme, welche für mein Ohr wie das Girren einer Taube klang. Sie besaß Augen, deren Blick man nur mit Entzücken begegnen konnte. Ihr ganzes Angesicht war voll Reiz und Anmut. Marys Züge waren ebenso intelligent, – ebenso hübsch; aber der Ausdruck war zurückhaltender, und ihre Manieren, obgleich sanft, doch viel reservierter. Diana blickte und sprach mit einem gewissen Autoritätsbewußtsein; augenscheinlich hatte sie einen Willen. Es lag in meiner Natur, einer Überlegenheit wie der ihren mit Freuden nachzugeben und mich einem kräftigen Willen zu beugen, wo mein Gewissen und meine Selbstachtung es erlaubten.

»Und was haben Sie hier zu thun?« fuhr sie fort. »Dies ist kein Platz für Sie. Mary und ich sitzen zuweilen in der Küche, weil wir zu Hause gern einmal thun, was uns beliebt – aber Sie sind ein Gast und müssen ins Wohnzimmer kommen.«

»Ich fühle mich hier aber sehr behaglich.«

»Das kann nicht sein, mit Hannah, die umher wirtschaftet und Sie mit Mehl bestäubt.«

»Außerdem erhitzt das Herdfeuer Sie auch zu sehr,« warf Mary hier ein.

»Gewiß,« fügte ihre Schwester hinzu. »Kommen Sie. Gehorsam müssen Sie sein.« Und indem sie meine Hand noch immer hielt, ließ sie mich aufstehen und führte mich in das innere Zimmer.

»Nehmen Sie dort Platz,« sagte sie, indem sie mich auf das Sofa niederdrückte, »während wir unsere Mäntel ablegen und den Thee bereiten, das ist noch eins von jenen Privilegien, das wir in unserem kleinen Ländchen ausüben: wir bereiten unsere eigenen Mahlzeiten, wenn wir Lust dazu haben, oder wenn Hannah Brot bäckt, Bier braut, wäscht oder bügelt.«

Sie schloß die Thür und ließ mich allein mit Mr. St. John, der mir gegenüber saß mit einem Buche oder einer Zeitung in der Hand. Prüfend ließ ich meine Blicke durch das Wohnzimmer schweifen; dann hefteten sie sich auf mein Gegenüber.

Das Wohnzimmer war ein ziemlich kleiner, außerordentlich einfach ausgestatteter Raum; aber es war gemütlich, weil die peinlichste Sauberkeit darin herrschte. Die altmodischen Stühle waren blankpoliert und der Nußbaumtisch glänzte wie ein Spiegel. Einige seltsame, alte Porträts von Männern und Frauen vergangener Tage zierten die gemalten Wände. Ein Glasschrank enthielt einige Bücher und ein altes, wertvolles Porzellanservice. Im ganzen Zimmer waren keine überflüssigen Luxusgegenstände – nicht ein einziges neumodisches Möbelstück, außer zwei Arbeitskasten und einem Damenschreibtisch von Rosenholz; sonst sah alles, mit Einschluß des Teppichs und der Vorhänge aus, als sei es stets benutzt und stets geschont.

Es war nicht schwer, Mr. St. Johns Äußeres eingehend zu prüfen; er saß so still da, wie eins der dunklen Bilder an den Wänden. Sein Auge haftete fest auf den Zeilen, welche er las, und seine Lippen waren versiegelt. Wäre er eine Statue anstatt eines Mannes gewesen, so hätte man ihn nicht leichter besichtigen können. Er war jung – ungefähr zwischen achtundzwanzig und dreißig – groß und schlank; sein Gesicht mußte jedes Auge fesseln; es war ein griechisches Antlitz mit ernsten Linien, eine gerade, klassische Nase, Mund und Kinn eines Atheners. Es ist allerdings selten, daß ein englisches Gesicht der Antike so nahe kommt wie das seine. Es war nicht zu verwundern, daß er sich über die Unregelmäßigkeit meiner Züge entsetzt hatte, da die seinen so überaus harmonisch waren. Seine Augen waren groß und blau mit langen, dunklen Wimpern; Locken blonden Haares fielen sorglos hie und da auf seine hohe Stirn, die fast so farblos wie Elfenbein.

Nicht wahr, mein teurer Leser, dies ist eine zarte Schilderung? Und doch machte der, den ich beschreibe, nicht den Eindruck einer sanften, nachgiebigen, eindrucksfähigen, milden Natur. Obgleich er so still dasaß, entdeckte ich doch Züge um seinen Mund, seine Stirn, seine Nase, welche meiner Wahrnehmung nach auf ruhelose, ungestüme, harte und heftige Elemente schließen ließen. Er sprach nicht ein Wort mit mir; er warf nicht einmal einen Blick auf mich, bis seine Schwestern wieder eintraten. Als Diana bei den Vorbeitungen zum Thee aus- und einging, brachte sie mir einen kleinen Kuchen, der auf der Platte des Backofens gebacken war.

»Essen Sie das jetzt,« sagte sie, »Sie müssen ja hungrig sein. Hannah sagt, daß Sie seit dem Frühstück nur ein wenig Grütze gegessen haben.«

Ich weigerte mich nicht, denn mein Appetit war ganz und voll zurückgekehrt. Mr. Rivers schloß sein Buch jetzt, näherte sich dem Tische und heftete seine blauen, bilderähnlichen Augen voll und fest auf mich, indem er Platz nahm. Jetzt lag eine unceremonielle Gradheit, eine prüfende, bestimmte Festigkeit in seinem Blicke, welche mir zeigten, daß Absicht, nicht Gleichgültigkeit ihn bis jetzt von der Fremden fern gehalten.

»Sie sind sehr hungrig,« sagte er.

»Das bin ich, Sir.« Es war meine Art – es war stets instinktiv meine Art gewesen – dem Kurzen mit Kürze, dem Geraden mit Geradheit zu begegnen.

»Es war ein Glück für Sie, daß ein leichtes Fieber Sie seit drei Tagen zum Fasten gezwungen hat; es wäre sehr gefährlich gewesen, wenn Sie gleich dem Verlangen Ihres Appetits nachgegeben hätten. Jetzt dürfen Sie essen, aber immer doch nur mäßig.«

»Ich hoffe, daß ich nicht lange auf Ihre Kosten essen werde,« war meine unhöfliche und durchaus unpassende Antwort.

»Nein,« sagte er kalt, »wenn Sie uns den Wohnort Ihrer Angehörigen mitgeteilt haben werden, so können wir ihnen schreiben, und Sie werden Ihrer Familie wiedergegeben.«

»Ich muß Ihnen rundweg erklären, daß es nicht in meiner Macht liegt, das zu thun, da ich weder ein Heim noch irgendwelche Anverwandte habe.«

Die drei blickten mich an, aber nicht mißtrauisch; ich fühlte, daß kein Mangel an Vertrauen in ihren Blicken lag, mehr eine Regung der Neugierde. Ich spreche besonders von den jungen Damen. Die Augen St. Johns, obgleich außerordentlich klar im buchstäblichen Sinne, waren im bildlichen Sinne schwer zu ergründen. Er schien sie mehr als Werkzeuge zu betrachten, um anderer Leute Gedanken zu erraten, wie als Mittel, seine eigenen zu verraten. Und diese Kombination von Zurückhaltung und Scharfsinn war bedeutend mehr geeignet, in Verlegenheit zu bringen, als zu ermuntern.

»Wollen Sie damit sagen,« fragte er, »daß Sie vollständig allein im Leben dastehen?«

»Ja. Kein Land fesselt mich an irgend ein lebendes Wesen; ich habe kein Recht, die Aufnahme unter irgend ein Dach in ganz England zu beanspruchen.«

»Eine seltsame Lage in Ihrem Alter!«

Hier sah ich, wie er einen Blick auf meine Hände warf, die ich gefaltet vor mir auf den Tisch gelegt hatte. Ich wunderte mich über den prüfenden Blick. Aber seine Worte erklärten bald, was er suchte.

»Sind Sie niemals verheiratet gewesen? Sie sind Jungfrau?«

Diana lachte. »Aber sie kann ja kaum älter als siebzehn oder achtzehn Jahre sein, St. John,« sagte sie.

»Ich zähle beinahe neunzehn, aber ich bin nicht verheiratet, nein.«

Ich fühlte, wie eine dunkle Glut mein Gesicht überzog; denn durch die Anspielung auf eine Heirat waren bittere und aufreizende Erinnerungen wieder in mir wach geworden. Alle sahen meine Verlegenheit und meine Bewegung. Mary und Diana kamen mir zu Hilfe, indem sie ihre Blicke von meinem glutübergossenen Gesichte abwandten; aber der kalte, harte Bruder fuhr fort, mich anzustarren, bis der Kummer, den er mir dadurch bereitete, mir heiße Thränen entlockte.

»Wo haben Sie zuletzt gelebt?« fragte er dann.

»Du bist zu neugierig und fragst zuviel, St. John,« murmelte Mary leise; aber er lehnte sich über den Tisch und verlangte eine Antwort durch einen zweiten durchdringenden Blick.

»Der Ort, wo, und der Name der Person, mit welcher ich lebte, sind mein Geheimnis,« entgegnete ich bestimmt.

»Welches Sie nach meiner Ansicht ein Recht haben zu wahren, sowohl vor St. John wie vor jeder anderen Person,« bemerkte Diana ruhig.

»Und doch vermag ich Ihnen nicht zu helfen, wenn ich nichts von Ihnen oder von Ihrer Lebensgeschichte weiß,« sagte er. »Sie bedürfen aber der Hilfe, nicht wahr?«

»Ja, ich bedarf ihrer und ich suche sie, insoweit Sir, daß ich einen wahren Menschenfreund suche, der mir Arbeit schafft, welche ich verrichten kann, und deren Ertrag mir die Mittel zum Leben giebt, wenn auch nur die allernotwendigsten.«

»Ich weiß nicht, ob ich ein wahrer Menschenfreund bin; aber ich bin Willens, Ihnen mit allen mir zu Gebote stehenden Kräften in der Ausführung eines so ehrlichen Vorsatzes zu helfen. Sagen Sie mir also vor allen Dingen, an welche Art von Arbeit Sie gewöhnt sind und was Sie leisten können

Jetzt hatte ich meinen Thee getrunken. Er hatte mich mächtig erfrischt; gerade so, als ob ein Riese Wein getrunken hätte. Er stärkte meine erschütterten Nerven und machte es mir möglich, diesem durchdringenden jungen Richter kräftig zu entgegnen.

»Mr. Rivers,« sagte ich, indem ich mich zu ihm wandte und ihn ansah, wie er mich, offen und ohne Furcht, »Sie und Ihre Schwestern haben mir einen großen Dienst geleistet – den größten, welchen ein Mitmensch dem andern leisten kann; Sie haben mich durch Ihre edle Gastfreundschaft vom Tode errettet. Diese mir erwiesene Wohlthat giebt Ihnen einen unbegrenzten Anspruch auf meine Dankbarkeit und bis zu einem gewissen Grade auch Anspruch auf mein Vertrauen. Ich werde Ihnen so viel von der Geschichte des Wanderers erzählen, den Sie beherbergt haben, wie ich es kann ohne meinen Seelenfrieden aufs neue zu gefährden – meine eigene geistige und körperliche Sicherheit so wie diejenige anderer.

»Ich bin eine Waise; die Tochter eines Geistlichen. Meine Eltern starben, bevor ich sie kennen konnte. Ich wurde in Abhängigkeit erzogen, in einer gemeinnützigen Anstalt erzogen. Ich will Ihnen sogar den Namen des Instituts nennen, in dem ich sechs Jahre als Schülerin und zwei als Lehrerin zubrachte – das Waisenasyl von Lowood in –shire; Sie werden davon gehört haben, Mr. Rivers. Der ehrwürdige Mr. Brocklehurst ist der Verwalter.«

»Ich habe von Mr. Brocklehurst gehört und ich kenne die Schule.«

»Vor ungefähr einem Jahre verließ ich Lowood, um Gouvernante in einer Familie zu werden. Ich hatte eine gute Stellung und war glücklich. Vier Tage bevor ich hierher kam, war ich gezwungen, die Stellung aufzugeben. Ich kann und darf die Veranlassung zu meiner Abreise nicht erklären, es wäre auch nutzlos – gefährlich, und würde überdies nicht glaubhaft klingen. Kein Tadel haftet an mir; ich bin ebenso frei von jeder Schuld wie irgend einer von Ihnen dreien. Unglücklich bin ich und werde es auch noch eine lange Zeit bleiben; denn die Katastrophe, welche mich aus dem Hause trieb, wo ich ein Paradies gefunden, war seltsamer und schrecklicher Art. Ich beobachtete nur zwei Dinge, als ich meine Flucht plante: Eile und Geheimnis; um diese zu sichern, mußte ich alles zurücklassen, was ich besaß, mit Ausnahme eines kleinen Pakets, welches ich in meiner Eile und Seelenangst aus der Kutsche zu nehmen vergaß, die mich nach Whitecroß geführt hatte. So kam ich denn von allen Mitteln entblößt in diese Gegend. Zwei Nächte schlief ich draußen in Gottes freier Natur, und zwei Tage wanderte ich umher, ohne die Schwelle einer menschlichen Wohnung zu betreten. Nur zweimal während dieser Zeit kam etwas Nahrung über meine Lippen; und als Sie, Mr. Rivers, es hinderten, daß ich vor Hunger und Mangel an Ihrer Thür umkam, indem Sie mich in Ihr Haus aufnahmen, hatten Hunger und Verzweiflung und Erschöpfung mich dem Tode nahe gebracht. Ich weiß, was Ihre Schwestern seitdem für mich gethan haben, denn während meiner anscheinenden Betäubung war ich nicht immer besinnungslos, und ihrem echten, freiwilligen, ungeheuchelten Mitleid verdanke ich ebensoviel, wie Ihrer christlichen Barmherzigkeit.«

»Laß sie jetzt nicht mehr reden, St. John,« sagte Diana als ich innehielt; »wie du siehst, ist sie noch keiner Art von Aufregung gewachsen. Kommen Sie jetzt hier aufs Sofa und setzen Sie sich, Miß Elliott.«

Als ich dieses alias vernahm, schrak ich unwillkürlich zusammen; ich hatte meinen neuen Namen fast vergessen. Mr. Rivers, dem nichts zu entgehen schien, bemerkte es sofort.

»Sagten Sie nicht, Ihr Name sei Jane Elliott?« bemerkte er.

»Das sagte ich, und ich halte es für zweckmäßig, mich für den Augenblick so zu nennen; aber in Wirklichkeit ist das mein Name nicht, und wenn ich ihn höre, klingt er meinem Ohr fremd.«

»Sie wollen Ihren wahren Namen also nicht nennen?«

»Nein. Was ich am meisten fürchte, ist entdeckt zu werden; und ich vermeide jede Mitteilung, die dazu führen könnte.«

»Ich bin überzeugt, daß Sie daran ganz recht thun,« sagte Diana. »Jetzt aber, lieber Bruder, laß ihr in der That Ruhe.«

Als St. John jedoch einige Minuten nachgedacht hatte, fing er ebenso scharfsinnig und unerschütterlich von neuem an.

»Sie möchten nicht lange von unserer Gastfreundschaft abhängig sein – ich sehe, daß Sie so schnell wie möglich mit dem Mitleid meiner Schwestern abgethan haben möchten und vor allen Dingen mit meiner Barmherzigkeit; (ich merke den Unterschied, welchen Sie hier machen, sehr wohl und zürne Ihnen deshalb durchaus nicht – er ist nur gerechtfertigt) – Sie möchten gern unabhängig von uns werden?«

»Gewiß möchte ich das. Ich sagte es ja schon. Zeigen Sie mir, wie ich arbeiten kann oder wie ich Arbeit finden kann, das ist alles, um was ich jetzt bitte, dann lassen Sie mich ziehen, und wenn es in die niedrigste Hütte ist – aber bis dahin gestatten Sie mir hier zu bleiben. Ich kann nicht noch einmal den Kampf mit den Schrecken der heimatlosen Armut aufnehmen.«

»In der That, Sie werden hier bleiben,« sagte Diana, indem sie ihre weiße Hand auf meinen Kopf legte.

»Sie werden bleiben,« wiederholte Mary in dem Ton anspruchsloser Aufrichtigkeit, der ihr eigen zu sein schien.

»Wie Sie sehen, macht es meinen Schwestern Freude, Sie hier zu behalten,« sagte Mr. St. John, »gerade so wie es ihnen Freude bereiten würde, einen halberfrorenen Vogel, den der winterliche Wind in ihr Fenster getrieben hat, zu hegen und zu pflegen. Ich allerdings bin mehr geneigt, Ihnen die Möglichkeit zu schaffen, für sich selbst zu sorgen, und ich werde mich auch bemühen, das zu thun. Aber merken Sie wohl auf, meine Sphäre ist eng begrenzt. Ich bin nur der Pfründenbesitzer einer armen Landgemeinde; meine Hilfe kann daher nur der allerbescheidensten Art sein. Wenn Sie also geneigt sind, das Wenige gering zu achten, so müssen Sie wirksamere Hilfe suchen, als ich Ihnen bieten kann.«

»Sie hat ja schon gesagt, daß sie jede ehrliche Arbeit verrichten will, deren sie fähig ist,« antwortete Diana für mich; »und du weißt, St. John, sie hat keine Wahl; sie ist gezwungen, mit so rauhen Menschen vorlieb zu nehmen wie du.«

»Ich will Schneiderin werden, ich will eine einfache Arbeiterin werden; eine Magd, eine Kinderwärterin, wenn sich nichts anderes findet.« antwortete ich.

»Recht so,« sagte Mr. St. John sehr kalt. »Wenn das Ihre Gesinnung ist, so verspreche ich Ihnen zu helfen, sobald ich Zeit und Mittel finde.«

Dann nahm er das Buch wieder auf, mit dem er vor dem Thee beschäftigt gewesen. Ich zog mich bald zurück, denn ich war so lange außerhalb des Bettes gewesen und hatte soviel gesprochen, wie es der augenblickliche Zustand meiner Kräfte nur irgend erlaubte.

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