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Jane Eyre, die Waise von Lowood.

Charlotte Brontë: Jane Eyre, die Waise von Lowood. - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorCharlotte Brontë
titleJane Eyre, die Waise von Lowood.
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub1847
translatorMaria von Borch (1853 - 1895)
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon
senderwww.gaga.net
created20060420
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Sechstes Kapitel.

Um sieben Uhr kam Sophie, um mich anzukleiden; es dauerte geraume Zeit, bevor sie sich ihrer Aufgabe entledigt hatte; so lange, daß Mr. Rochester, welcher über diese Verzögerung ungeduldig geworden, wie ich vermute, nach oben sandte und fragen ließ, weshalb ich noch immer nicht käme. Sie befestigte gerade meinen Schleier (schließlich hatte ich nun doch den einfachen Tüllschleier nehmen müssen) mit einer wertvollen Nadel. Sobald es mir möglich, entschlüpfte ich ihren Händen, um hinunter zu eilen.

»Halt!« rief sie auf französisch. »Sehen Sie sich doch im Spiegel an: Sie haben nicht einen einzigen Blick hineingeworfen.«

Ich wandte mich also noch in der Thür um. Im Spiegel sah ich eine Fremde; denn jene weißgekleidete, verschleierte Gestalt konnte unmöglich mein kleines Selbst sein.

»Jane!« ertönte eine Stimme und eilends lief ich hinunter. Am Fuße der Treppe empfing mich Mr. Rochester.

»Zauderin,« sagte er, »mein Gehirn flammt vor Ungeduld, und du zögerst so lange!«

Er führte mich in das Speisezimmer, betrachtete mich prüfend von Kopf bis zu Fuß, nannte mich so zart wie eine Lilie und nicht allein den Stolz seines Lebens, sondern auch den Wunsch seiner Augen, und indem er mir dann sagte, daß er mir zum Frühstücken nur zehn Minuten Zeit gestatte, zog er die Glocke.

Einer seiner erst kürzlich gemieteten Diener trat ein.

»Bringt John den Wagen in Ordnung?«

»Ja, Sir.«

»Ist alles Gepäck nach unten gebracht?«

»Die Leute sind im Begriff, es herunterzubringen.«

»Gehen Sie jetzt in die Kirche und sehen Sie, ob der Geistliche, Mr. Wood und der Küster bereits dort sind. Dann kommen Sie eilends zurück, um mir den Bescheid zu bringen.«

Wie mein Leser schon weiß, lag die Kirche gleich hinter dem Parkthor. Der Diener kehrte also nach wenig Augenblicken zurück.

»Mr. Wood ist bereits in der Sakristei, Sir, und zieht den Chorrock an.«

»Und der Wagen?«

»Die Pferde werden angeschirrt.«

»Wir brauchen ihn nicht für den Weg in die Kirche; aber der Wagen muß vor der Thür stehen, wenn wir zurückkommen; alles Gepäck muß aufgeladen und festgeschnallt sein, der Kutscher auf dem Bocke sitzen.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Jane, bist du bereit?«

Ich erhob mich. Wir hatten keine Brautführer, keine Brautjungfern; keine Angehörigen, die uns begleiteten oder uns erwarteten. Niemand, niemand außer Mr. Rochester und mir. Mrs. Fairfax stand in der Halle, als wir diese durchschritten. Ich hätte so gern mit ihr gesprochen, aber er hielt meine Hand mit eisernem Griffe fest. Er zog mich mit sich und schritt so schnell vorwärts, daß ich kaum folgen konnte; und als ich Mr. Rochester ins Antlitz blickte, da empfand ich deutlich, daß er mir um keinen Preis der Welt und unter keiner Bedingung auch nur eine Minute des Aufschubs gewähren würde. Ich möchte wissen, ob je ein Bräutigam seit Anbeginn der Welt so ausgesehen hat, wie er – so grimmig entschlossen, so energisch entschlossen zu handeln. Oder ob jemals die Augen eines Mannes auf seinem Wege zur Trauung unter hartnäckig gerunzelten Brauen so gefunkelt und geblitzt haben!

Ich weiß nicht, ob es ein schöner, klarer oder ein stürmisch regnerischer Tag war; als ich den großen Fahrweg hinunterschritt, blickte ich weder zum Himmel empor noch zur Erde hinab; meine Augen waren bei meinem Herzen, und beide weilten jetzt bei Mr. Rochester. Ich wollte jenes unsichtbare Etwas sehen, auf das er während unseres Weges seinen wilden ungestümen Blick zu heften schien. Ich wollte jene Gedanken kennen, nachempfinden, mit denen er rang und kämpfte.

An der Kirchhofspforte hielt er inne; jetzt erst entdeckte er, daß ich vollständig außer Atem war.

»Bin ich grausam in meiner Liebe?« fragte er. »Warten wir einen Augenblick. Stütze dich auf mich, Jane.«

Und jetzt sehe ich wieder das Bild jenes grauen, alten Gotteshauses vor mir, wie es still und mächtig emporragte in den rosigen Morgenhimmel. Ein Raubvogel umkreiste den Kirchturm. Ich hege auch noch eine Erinnerung an die grünen Grabhügel; und ich habe ebensowenig jene beiden fremden Gestalten vergessen, welche zwischen den niedrigen Gräbern umhergingen und die Inschriften lasen, welche auf den wenigen moosbewachsenen Denksteinen zu entziffern waren. Ich bemerkte sie, weil sie augenblicklich hinter die Kirche traten, als sie unserer ansichtig wurden, und ich zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß sie durch die Thür des Seitenflügels in das Gotteshaus eintreten würden, um der Trauungsceremonie beizuwohnen. Von Mr. Rochester wurden sie nicht bemerkt; er blickte mir ernst ins Antlitz, aus dem für den Augenblick alles Blut gewichen war; denn ich fühlte, wie ein kalter Angstschweiß meine Stirn bedeckte und meine Wangen und meine Lippen eisig kalt wurden. Als ich mich erholt hatte, was sehr bald geschah, ging er langsam und fürsorglich den Pfad zum Kirchenportal mit mir hinauf.

Wir traten in den stillen, bescheidenen Tempel. Der Priester stand in seinem weißen Chorrock an dem niedrigen Altar und wartete. Neben ihm der Küster. Tiefe, heilige Ruhe überall. In einem entfernten Winkel bewegten sich zwei Schatten. Meine Vermutung war die richtige gewesen: die Fremden waren vor uns in die Kirche geschlüpft und jetzt standen sie an dem Grabgewölbe der Rochesters. Sie hatten uns den Rücken zugewendet und blickten durch die Gitterstäbe auf den alten, von der Zeit geschwärzten Marmorstein, wo ein knieender Engel die irdischen Überreste des Damer de Rochester hütete, welcher zur Zeit der Bürgerkriege auf Marston Moor den Tod gefunden hatte. Neben ihm ruhte Elizabeth, seine Gemahlin.

Wir hatten uns am Abendmahlstische aufgestellt. Als ich einen vorsichtigen Schritt hinter mir hörte, blickte ich über meine Schulter: einer der beiden Fremden – augenscheinlich ein Gentleman – näherte sich dem Altarplatz. Der Gottesdienst begann. Die Erklärung des Endzwecks der Ehe wurde durchgenommen. Dann trat der Geistliche um einen Schritt vorwärts und indem er sich leicht zu Mr. Rochester herabbeugte, fuhr er fort:

»Und so bitte und verlange ich denn von euch beiden (da ihr am furchtbaren Tage des jüngsten Gerichts, wenn das Geheimnis aller Herzen enthüllt sein wird, dafür werdet Rechenschaft ablegen müssen), daß wenn einem von euch ein Hindernis bekannt ist, weshalb ihr nicht gesetzmäßig in die Ehe treten könnet, ihr es jetzt bekennet. Denn das sollt ihr wissen, daß so viele da beieinander leben anders als durch Gottes Wort verbunden, so viele sind nicht durch Gott verbunden und ihre Ehe bedeutet nichts nach dem Gesetz.«

Hier hielt er inne, wie es der Brauch ist. Wann wird die Pause nach jener Frage jemals durch eine Antwort unterbrochen? Vielleicht nicht ein einziges Mal in einem ganzen Jahrhundert. Und der Geistliche, welcher die Blicke nicht von seinem Buche erhoben und den Atem nur für einen Augenblick angehalten hatte, fuhr jetzt fort. Seine Hand war schon gegen Mr. Rochester ausgestreckt und er öffnete die Lippen um zu fragen: »Willst du dieses Mädchen hier zu deinem Weibe nehmen« – als eine Stimme deutlich und klar sagte: »Die Trauung kann nicht vollzogen werden. Ich erkläre hiermit, daß ein Hindernis existiert.«

Der Prediger blickte auf und sah den Sprecher an – sprachlos stand er da. Ebenso der Küster. Mr. Rochester machte eine leise Bewegung, als spüre er ein Erdbeben unter seinen Füßen. Dann faßte er wieder festeren Fuß und indem er weder das Haupt noch den Blick wandte, sagte er mit gebieterischer Stimme: »Fahren Sie fort!«

Als er diese Worte gesprochen hatte, herrschte tiefe Stille. Leise aber fest waren sie erklungen. Dann sagte Mr. Wood:

»Ich kann nicht fortfahren, ohne Nachforschungen über die Behauptung anzustellen, welche hier soeben gemacht worden ist. Ich muß untersuchen, ob es Lüge oder Wahrheit gewesen.«

»Die Ceremonie der Trauung hat hier ein Ende,« entgegnete die Stimme hinter uns. »Ich bin in der Lage beweisen zu können, daß das, was ich behaupte, auf Wahrheit beruht. Es existiert ein unüberwindliches Hindernis für diese Ehe.«

Mr. Rochester hörte wohl, aber er achtete auf nichts; steif und starr stand er da. Er machte keine Bewegung, nur meine Hand faßte er noch fester. Welch ein starker, mächtiger, heißer Griff das war! – Und wie marmorgleich war seine blasse, festgewölbte, starke Stirn in diesem Augenblick! Wie sein Auge blitzte, wie ruhig, wie wachsam und doch wie feurig es glänzte!

Mr. Wood schien in diesem Moment nicht zu wissen, was er thun solle.

»Und welcher Art ist dieses von Ihnen erwähnte Hindernis?« fragte er endlich, »Vielleicht ließe es sich hinwegräumen – erklären – überwinden?«

»Wohl kaum,« lautete die Antwort. »Ich habe es unüberwindlich genannt und ich spreche mit Überlegung.«

Der Sprecher trat vor und lehnte sich über das Gitter des Altarplatzes, Dann fuhr er fort, deutlich, ruhig, ohne inne zu halten, aber nicht laut.

»Es besteht einfach in einer bereits früher geschlossnen Ehe. Mr. Rochester hat eine Gattin, welche noch am Leben ist.«

Diese leise und ruhig gesprochenen Worte machten meine Nerven erbeben, wie ein Donnerschlag es nicht vermocht hätte zu thun – mein Blut empfand ihre listige Gewalttätigkeit, wie es niemals Frost oder Hitze empfunden hatte. Aber ich war gefaßt, grausam gefaßt, und die Gefahr des Ohnmächtigwerdens drohte mir nicht. Ich blickte Mr. Rochester an – und ich zwang ihn, mich anzusehen. Sein ganzes Gesicht erschien mir in diesem Augenblick wie ein farbloser Felsen. Sein Auge war Funke und Feuerstein zugleich. Er leugnete nichts. Er sah nur aus, als sei er bereit, allen Dingen der Erde und des Himmels Trotz zu bieten. Er sprach nicht; er lächelte nicht; er schien in mir kein lebendes Wesen mehr zu erkennen. Nun umschlang er meine Taille mit seinem Mannesarm und hielt mich so an seiner Seite fest.

»Wer seid Ihr?« fragte er den Störer,

»Mein Name ist Briggs – ich bin Advokat in Regentstreet, London.«

»Und Sie wollen mir eine Gattin imputieren?«

»Nein Sir, ich wollte Sie nur an die Existenz Ihrer Gemahlin erinnern! Das Gesetz erkennt Ihre erste Ehe an, wenn auch Sie selbst nicht gesonnen scheinen, dies zu thun.«

»Beglücken Sie mich doch mit einer Beschreibung dieser Dame – mit ihrem Namen – ihrem Herkommen – ihren Verwandten – ihrem Wohnsitz.«

»Gewiß, Sir, ich stehe ganz zu Diensten.«

Hier zog Mr. Briggs ruhig ein Papier aus seiner Tasche und las mit einer gewissermaßen geschäftsmäßigen und nasalen Stimme folgendes:

»Ich bestätige und kann beweisen, daß am zwanzigsten Oktober anno domini, (hier folgte eine Jahreszahl, die um fünfzehn Jahre zurück datierte) Edward Fairfax Rochester von Thornfield-Hall, in der Grafschaft –, und von Ferndean-Manor in –shire, England, mit meiner Schwester Bertha Antoinette Mason, Tochter von Jonas Mason, Kaufmann, und seiner Gattin Antoinette, einer Kreolin, in der Kirche Allerheiligen zu Spanish Town auf Jamaika getraut wurde. Das Protokoll über jene Trauung steht in den Kirchenbüchern der genannten Kirche verzeichnet – eine Kopie desselben befindet sich zur Zeit in meinen Händen.

gez. Richard Mason.«

»Das mag beweisen – wenn es übrigens ein echtes Dokument ist, daß ich einmal verheiratet war, aber es beweist nicht, daß jenes Weib, welches darin als meine Gattin bezeichnet wird, noch am Leben ist.«

»Wenigstens lebte sie vor drei Monaten noch,« entgegnete der Advokat, »das ist bewiesen.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich habe einen Zeugen für jenes Faktum, Sir; einen Zeugen, Sir, dessen Aussagen selbst Sie nicht bestreiten oder entkräften können.«

»Bringen Sie ihn zur Stelle – – oder fahren Sie zum Teufel!«

»Vorerst will ich ihn zur Stelle bringen – er befindet sich in nächster Nähe. Mr. Mason, haben Sie doch die Güte vorzutreten.«

Als Mr. Rochester diesen Namen hörte, knirschte er mit den Zähnen; ein starkes convulsivisches Zittern machte seinen ganzen Körper erbeben; er hielt mich so fest an sich gedrückt, daß ich das krampfhafte Beben der Wut und der Verzweiflung, das seine ganze Gestalt durchfuhr, mit empfinden mußte.

Der zweite Fremde, welcher sich bis jetzt im Hintergrunde gehalten hatte, trat jetzt ebenfalls näher. Ein bleiches Gesicht blickte über die Schulter des Rechtsgelehrten – ja – es war Mr. Mason in eigener Person. Mr. Rochester wandte sich um und starrte ihn an. Wie ich schon oft erwähnt habe, war sein Auge schwarz – jetzt aber hatte es einen rotbraunen, nein, einen blutigen Glanz in seiner Düsterkeit; – sein Antlitz färbte sich – die olivefarbenen Wangen, die bleiche Stirn wurden von einer Glut überzogen, die wie ein Feuer aus dem gemarterten Herzen emporzusteigen schien. Dann machte er eine Bewegung, erhob seinen starken Arm – er war im Begriff, Mason niederzuschlagen, ihn auf den Boden der Kirche hinzustrecken, schonungslos sein Leben zu zerstören – aber Mason zuckte zurück und schrie hilflos »Allmächtiger Gott!«

Hier bemächtigte plötzlich grenzenlose Verachtung sich Mr. Rochesters und machte ihn ruhig – seine Leidenschaft erlosch, als hätte der Frost sie mit einem Schlage vernichtet, und er fragte nur: »Was haben Sie noch zu sagen?«

Eine unhörbare Antwort entrang sich den bleichen Lippen Mr. Masons.

»Der Teufel soll dich holen, wenn du nicht deutlich antworten kannst. Ich frage dich noch einmal, was du zu sagen hast,« schrie Mr. Rochester ihn an.

»Sir – Sir,« unterbrach ihn hier der Geistliche, »vergessen Sie nicht, daß Sie sich an geweihter Stätte befinden.«

Dann wandte er sich zu Mr. Mason und fragte sanft: »Wissen Sie, Sir, ob die Frau dieses Herrn hier noch am Leben ist oder nicht?«

»Mut, – Mut!« tröstete ihn der Advokat, »sprechen Sie nur gerade heraus.«

»Sie lebt noch – und zwar in – Thornfield-Hall;« sagte Mason mit deutlicherer Stimme. »Zum letztenmal sah ich sie dort im April. Ich bin ihr Bruder.«

»In Thornfield-Hall!« rief der Prediger entsetzt aus. »Unmöglich! Ich bin ein alter Bewohner dieser Gegend, Sir, und noch niemals, nein, niemals habe ich von einer Mrs. Rochester auf Thornfield-Hall gehört.« Ich sah, wie ein grausames Lächeln Mr. Rochesters Lippen verzerrte. Er murmelte:

»Nein, bei meinem Gott! Ich habe Sorge getragen, daß niemand davon hören sollte – oder von ihr – unter jenem Namen.«

Er dachte nach. Volle zehn Minuten ging er mit sich zu Rate. Dann hatte er seinen Entschluß gefaßt und verkündete ihn:

»Genug – genug! Jetzt soll alles mit einemmal heraus, wie die Kugel aus der Kanone. – Wood, schließen Sie Ihr Buch und ziehen Sie Ihren Chorrock aus; John Green (zum Küster gewendet) verlaßt die Kirche. Heute wird keine Trauung mehr stattfinden.«

Der Mann that, wie ihm geheißen.

Mr. Rochester fuhr fort, kühn und unentwegt:

»Bigamie ist ein furchtbares Wort! Und doch hatte ich die Absicht, ein Bigamist zu werden! – Aber das Schicksal hat mich überlistet – oder die Vorsehung hat mir Einhalt geboten, – vielleicht ist das letztere richtig. In diesem Augenblick bin ich wenig besser als ein Teufel, und, wie der Priester dort wahrscheinlich sagen würde, verdiene ich ohne Zweifel die furchtbarsten Strafen des Himmels – das ewige Feuer – die ewige Verdammnis. Ihr Herren, mein Plan ist durchkreuzt! – was dieser Advokat und sein Klient sagen, ist wahr: ich war verheiratet – und das Weib, mit welchem ich verheiratet war, lebt! Wood, Sie sagen daß Sie niemals von einer Mrs. Rochester da drüben im Herrenhause gehört haben, – aber ich vermute, daß Sie Ihr Ohr gar manchesmal den Klatschereien über die geheimnisvolle Wahnsinnige geliehen haben, die dort unter Aufsicht und strenger Wacht gehalten wird. Einige Leute haben Ihnen zugeflüstert, daß sie meine illegitime Halbschwester sei, andere wieder, daß sie meine verstoßene Geliebte, welche ich selbst zum Wahnsinn getrieben! Aber ich sage Ihnen jetzt, daß sie meine Gattin ist, mit welcher ich mich vor fünfzehn Jahren verheiratet habe, – Bertha Mason mit Namen, Schwester jenes entschlossenen, furchtlosen Menschen, der Ihnen jetzt mit seinen bebenden Gliedern und leichenfahlem Antlitz beweist, welch mutiges Herz mancher Mann im Leibe trägt! – Ermanne dich, Dick! Hab doch keine Angst vor mir! – Ich würde doch eher ein wehrloses Weib schlagen als dich armen Kerl! – Bertha Mason ist wahnsinnig; und sie entstammt einer wahnsinnigen Familie – Idioten und Tobsüchtige seit drei Generationen! Ihre Mutter, die Kreolin, war sowohl eine Verrückte, wie eine Säuferin! Das erfuhr ich erst nachdem ich die Tochter geheiratet hatte, denn vor meiner Heirat hatten sie alle Familiengeheimnisse mit größter Diskretion gehütet. Bertha als pflichtgetreue Tochter ahmte ihrer Mutter in beiden Dingen nach. Ich hatte eine reizende Gefährtin – rein, unschuldig, klug, bescheiden – Sie können mir glauben, daß ich ein glücklicher Mann war!

– Ich erlebte die schönsten Scenen! O! meine Erfahrungen waren himmlischer Art! Wenn Sie das alles nur wüßten! Aber zu weiteren Enthüllungen bin ich Ihnen nicht verpflichtet. Briggs, Wood, Mason, – ich lade Sie alle ein, hinauf ins Herrenhaus zu kommen und Grace Pooles Schutzbefohlene, meine Gemahlin, zu besuchen!

– Sie sollen mit eigenen Augen sehen, wie man mich betrogen, als man mich dieses Geschöpf heiraten ließ. Und dann sollen Sie urteilen, ob ich ein Recht hatte oder nicht, einen solchen Vertrag zu brechen und Sympathie und Teilnahme bei einem Wesen zu suchen, das wenigstens menschlich ist.«

»Wood,« fuhr er fort, »dieses Mädchen hier hatte ebensowenig eine Ahnung von dem widerlichen Geheimnis, wie Sie selbst. Sie glaubte, daß alles in bester Ordnung und nach dem Gesetz sei; sie ließ sich's nicht träumen, daß sie im Begriff war, eine fingierte Ehe mit einem betrügerischen, elenden Verbrecher einzugehen, der bereits an ein schlechtes, wahnsinniges und vertiertes Weib gebunden ist! Kommt alle! alle! alle! Folgt mir!«

Und indem er mich noch immer mit eiserner Faust hielt, verließ er die Kirche. Die drei Herren folgten uns. Vor der großen Einfahrtsthür zur Halle fanden wir den Wagen.

»Fahr ihn nur zurück in die Remise, John,« sagte Mr. Rochester ganz ruhig und gefaßt, »heute werden wir ihn nicht mehr brauchen.«

Bei unserem Eintritt kamen uns Mrs. Fairfax, Adele, Leah und Sophie entgegen, um uns zu beglückwünschen.

»Fort mit euch! Jeder an seine Arbeit! – Fort! fort!« schrie der Gebieter, »zum Teufel mit euren Glückwünschen! Wer braucht sie! Wer hat sie verlangt? – Ich nicht! – Sie kommen um fünfzehn Jahre zu spät!«

Immer noch meine Hand haltend, stürmte er an den versammelten Frauen vorüber und machte den Herren ein Zeichen, ihm zu folgen, was auch geschah.

Wir gingen die erste Treppe hinauf, gingen über die Galerie und gelangten endlich in das dritte Stockwerk. Mr. Rochester öffnete mit seinem Hauptschlüssel die niedrige, schwarze Thür, ließ uns in das mit Gobelins behangene Zimmer eintreten, in welchem sich jenes große Bett und der altmodische, schöne Schrank befanden.

»Sie kennen dies Gemach, Mason,« sagte unser Führer, »hier war es ja, wo sie Sie biß und zu erdolchen versuchte.«

Er hob die Vorhänge an der Wand empor und enthüllte unseren Blicken auf diese Weise eine zweite Thür, welche er ebenfalls öffnete.

In einem Zimmer ohne Fenster brannte ein großes, helles Feuer, welches durch einen starken Kaminschirm geschützt wurde. Eine Lampe hing an einer Kette von der Decke herab. Grace Poole stand über das Feuer gebeugt und war augenscheinlich damit beschäftigt, irgend etwas in einer Kasserole zu kochen. An dem entfernteren Ende des Zimmers in tiefem Schatten lief eine Gestalt unaufhörlich hin und her. Beim ersten Anblick vermochte man nicht zu entscheiden, ob es ein Tier oder ein menschliches Wesen sei. Anscheinend kroch es auf allen Vieren. Es schnappte und brüllte wie ein wildes Tier. Aber es war mit Kleidern behängt, und eine Menge dunklen, ergrauenden Haars verbarg Kopf und Gesicht wie eine wilde Mähne.

»Guten Morgen, Mrs. Poole!« sagte Mr. Rochester. »Wie geht es Ihnen? Und wie steht es heute mit Ihrer Schutzbefohlenen?«

»Ich danke Ihnen, Sir,« entgegnete Grace, »es geht uns beiden ganz erträglich.« Dann setzte sie das kochende Gericht behutsam auf den Kaminsims. »Ziemlich bissig, aber nicht tobsüchtig.«

Ein wütender Schrei schien diesen günstigen Bericht Lügen strafen zu wollen. Die angekleidete Hyäne erhob sich und stand groß und gewaltig auf ihren Hinterfüßen.

»Ach, Sir. Sie hat Sie gesehen!« rief Grace; »es wäre besser, wenn Sie fortgingen!«

»Nur ein paar Minuten, Grace; ein paar Minuten müssen Sie mir gestatten.«

»Aber dann seien Sie vorsichtig, Sir! um Gottes willen – seien Sie sehr vorsichtig!«

Die Wahnsinnige stieß ein förmliches Gebell aus. Sie strich sich die wilde Mähne aus dem Gesicht und blickte ihre Besucher wild und tierisch an. Ich erkannte dies blaurote Gesicht gar wohl wieder, – diese geschwollenen Züge. Mrs. Poole näherte sich ihr.

»Gehen Sie mir aus dem Wege,« sagte Mr. Rochester, indem er sie beiseite stieß, »ich hoffe, daß sie in diesem Augenblick kein Messer hat; überdies bin ich auf meiner Hut.«

»Man kann niemals wissen, was sie hat, Sir; sie ist so listig, so verschlagen. Es liegt nicht im Bereich der Möglichkeit, ihre Schlauheit, ihre Hinterlistigkeit zu ergründen.«

»Wollen wir sie nicht lieber verlassen?« flüsterte Mason.

»Geh zum Teufel!« lautete die freundliche Aufforderung seines Schwagers.

»Achtung!« schrie Grace, Die drei Herren traten gleichzeitig in den Hintergrund. Mr. Rochester warf mich hinter sich: die Wahnsinnige stürzte sich auf ihn, packte ihn wütend an der Kehle und fletschte die Zähne gegen sein Gesicht, Sie rangen miteinander. Sie war ein starkes Weib, an Länge kam sie ihrem Gatten fast gleich, außerdem war sie korpulent. In diesem Kampfe bewies sie eine fast männliche Kraft; mehr als einmal war sie nahe daran, ihn trotz seiner atlethischen Geschmeidigkeit zu erdrosseln. Mit einem wohlgezielten Schlage hätte er sie zu Boden schlagen können; aber er wollte nicht schlagen, er wollte nur kämpfen und ringen. Endlich war er imstande, ihre Arme zu packen; Grace Poole gab ihm einen Strick, und er band sie ihr auf dem Rücken zusammen; mit einem zweiten Strick, der schnell zur Stelle geschafft wurde, band er die Rasende auf einem Stuhle fest. Diese Sache wurde unter dem gellendsten Geschrei vollzogen, und die Gebundene machte mehr als einen konvulsivischen Versuch, sich loszureißen. Jetzt wandte Mr. Rochester sich zu den Zuschauern. Er blickte sie mit einem Lächeln an, das zugleich bitter und trostlos war.

»Das ist nun mein Weib!« sagte er. »Dies die einzige Umarmung, die ich je noch von meiner Gattin zu erwarten habe – dies sind die Liebkosungen, welche den Trost meiner Mußestunden bilden sollen! – Und dies hier ist das, was ich zu besitzen mich sehnte, (hier legte er seine Hand auf meine Schulter) dies junge Mädchen, welches so ernst und still, so unentwegt am Schlunde der Hölle steht und das Treiben eines Dämons gefaßt mit ansieht. Ich begehrte sie – nur wie eine Art von Abwechselung nach jenem beißenden Ragout. Wood und Briggs! Sehen Sie sich doch den Unterschied an! Vergleichen Sie diese klaren Augen mit jenen rollenden Feuerkugeln da drüben – dieses Gesicht mit jener graueneinflößenden Maske; diese Gestalt mit jenem Klumpen – und dann verurteilen Sie mich! – Du Priester des Evangeliums verurteile mich! Und du Mann des Gesetzes, thu desgleichen. Aber vergeßt nicht, daß ihr gerichtet werdet, wie ihr richtet! Und jetzt fort mit euch! Fort! Ich muß meinen kostbaren Schatz hier verschließen.« Wir zogen uns alle zurück. Mr. Rochester verweilte noch einen Augenblick, um Grace Poole weitere Befehle zu erteilen.

Als wir die Treppe hinuntergingen, wandte der Rechtsanwalt sich zu mir.

»Sie, Madame,« sagte er, »trifft wahrlich nicht der leiseste Tadel. Ihr Onkel wird glücklich sein, das zu hören – wenn er in der That noch am Leben ist, sobald Mr. Mason nach Madeira zurückkehrt.«

»Mein Onkel? Was soll's denn mit ihm? Kennen Sie ihn vielleicht?«

»Mr. Mason kennt ihn. Mr. Eyre ist jahrelang der Korrespondent seines Hauses in Funchal gewesen. Als Ihr Onkel jenen Brief von Ihnen erhielt, in welchem Sie von Ihrer beabsichtigten Verbindung mit Mr. Rochester sprachen, befand Mr. Mason sich gerade zur Wiederherstellung seiner angegriffenen Gesundheit auf Madeira, wo er einige Wochen bei Ihrem Onkel zuzubringen beabsichtigte, bevor er nach Jamaika zurückkehrte. Im Laufe des Gesprächs erwähnte Mr. Eyre zufällig dieser von Ihnen erhaltenen Nachricht; denn er wußte sehr wohl, daß mein Klient hier mit einem Herrn Namens Rochester bekannt sei. Mr. Mason, welcher, wie Sie sich wohl vorstellen können, ebenso erstaunt wie bestürzt war, enthüllte jetzt die ganze Lage der Dinge. Es thut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, daß Ihr Onkel jetzt auf dem Krankenbette liegt, von welchem er sich wahrscheinlich niemals wieder erheben wird, wenn man die Natur seiner Krankheit – die Schwindsucht – und das Stadium, welches dieselbe bereits erreicht hat, in Betracht zieht. Er selbst konnte also nicht nach England eilen, um Sie aus der Schlinge zu befreien, in welche Sie geraten waren, aber er flehte Mr. Mason an, keinen Augenblick Zeit zu verlieren, sondern sofort die nötigen Schritte zu thun, um diese ungültige Heirat zu verhindern. Er wies ihn an mich und ersuchte um meine Beihilfe. Ich wandte die größte Eile an und bin glücklich, daß ich nicht zu spät gekommen bin. Und ich hege keinen Zweifel, daß Sie es nicht ebenfalls sind. Wenn ich nicht moralisch überzeugt wäre, daß Ihr Onkel tot sein muß, bevor Sie Madeira erreichen, so würde ich Ihnen raten, mit Mr. Mason zusammen die Reise nach dort anzutreten; aber wie die Sachen liegen, halte ich es für besser, wenn Sie in England bleiben, bis Sie entweder von oder über Mr. Eyre Nachricht erhalten haben.«

»Warten wir noch auf irgend etwas?« sagte er dann zu Mr. Mason gewandt.

»Nein, nein, nein! Lassen Sie uns eilen, daß wir fortkommen,« lautete die angsterfüllte Antwort. Und ohne zu warten und sich von Mr. Rochester zu verabschieden, schritten sie zur Thür der großen Halle hinaus. – Der Prediger blieb noch, um seinem hochmütigen Gemeindemitgliede ein paar Worte entweder des Trostes oder des Tadels zu sagen. Als diese seine Pflicht gethan war, ging auch er fort.

Ich hörte ihn gehen, als ich so an der halbgeöffneten Thür meines Zimmers stand, in welches ich mich zurückgezogen hatte. Nachdem es im Hause ruhig geworden und ich alle Fremden fort wußte, schloß ich mich ein, schob den Riegel vor, damit niemand mich stören solle, und begann – nicht zu weinen, nicht zu jammern und zu trauern; dazu war ich noch zu ruhig – sondern mechanisch mein Hochzeitskleid auszuziehen und es durch das wollene Gewand zu ersetzen, welches ich noch am vorhergegangenen Tage getragen und zwar, wie ich damals gehofft, zum letzten Male. Dann setzte ich mich. Ich fühlte mich müde und matt. Ich verschränkte die Arme auf dem Tische und legte meinen Kopf darauf. Und jetzt begann ich zu denken. Bis zu diesem Augenblick hatte ich nur gehört, gesehen, hatte mich bewegt – ich war hinauf- und hinuntergelaufen, wohin man mich geführt oder gezogen hatte – ich hatte beobachtet, wie eine fürchterliche Begebenheit der andern folgte, wie auf eine grausame Enthüllung die nächste kam – aber erst jetzt begann ich zu denken!

Der Morgen war mit Ausnahme des einen kurzen Auftrittes mit der Wahnsinnigen ein ziemlich ruhiger gewesen. Die Transaktion in der Kirche war ohne Lärm vor sich gegangen. Keine Ausbrüche der Leidenschaft, kein lauter Wortwechsel, kein Streit, keine Herausforderung, keine Weigerung, keine Thränen, kein Schluchzen! Nur wenige Worte waren gesprochen worden, eine ruhig ausgesprochene Einwendung gegen die Heirat; einige harte Fragen von Mr. Rochesters Seite; Antworten und Erklärungen wurden gegeben, Beweise beigebracht; mein Herr und Gebieter hatte die Wahrheit offen eingestanden, – und dann hatten wir den lebenden Beweis gesehen! Jetzt waren all jene Eindringlinge wieder fort. – Alles war vorüber!

Ich war wie gewöhnlich in meinem Zimmer – mein eigenes Selbst, ohne die geringste sichtbare Veränderung. Ich war nicht verwundet oder verletzt – niemand hatte mich geschlagen, niemand hatte mich beschimpft! – Und doch! Wo war die Jane Eyre von gestern? – wo war ihr Leben? – wo ihre Hoffnungen fürs Leben?

Jane Eyre, die ein liebendes, erwartungsvolles Weib – beinahe schon Gattin gewesen – war wieder ein kaltes, starres, einsames Mädchen. Ihr Leben war farblos; ihre Aussichten trostlos. Ein harter Winterfrost war um die Mittsommerzeit gekommen; ein scharfer Dezembersturm war durch den Juni gebraust; Reif lag auf den heranreifenden Früchten; Schneewehen hatten die knospenden Rosen erdrückt; ein eisiges Leichentuch lag über blühenden Wiesen und wogenden Kornfeldern; Heckenwege, die gestern noch im glühenden Blumenschmuck prangten, waren heute verschneit und pfadlos; und die Wälder, welche vor zwölf Stunden noch duftig und schattig rauschten wie tropische Haine, lagen heute weit und wild und weiß da wie Tannenwälder im winterlichen Norwegen. All meine Hoffnungen waren tot – gestorben unter einem grausamen Urteil, so wie es in einer einzigen Nacht all die Erstgeborenen Egyptens befallen hatte. Ich sah auf meine teuersten Wünsche – gestern noch so prangend und üppig – sie lagen da wie kalte, starre, bleiche Tote, die nichts mehr zum Leben zu erwecken vermochte. Und dann blickte ich auf meine Liebe: jene Empfindung, die meinem Herrn gehörte –, die er geweckt hatte; sie lebte in meinem Herzen wie ein krankes Kind in einer kalten, harten Wiege; Angst und Krankheit hatten sie erfaßt; sie durfte Mr. Rochesters Arm nicht mehr suchen – sie konnte nicht mehr Lebenswärme an seiner Brust finden. O, nimmer, nimmermehr durfte sie zu ihm flüchten, denn der Glaube war dahin – das Vertrauen zerstört! Mr. Rochester war für mich nicht mehr, was er gewesen, denn er war nicht das, wofür ich ihn gehalten. Ich wollte ihm nicht Lasterhaftigkeit beimessen. Ich wollte nicht sagen, daß er mich betrogen habe, aber mit dem Gedanken an ihn verband ich nicht mehr das Attribut fleckenloser Wahrheit. Und nun mußte ich fort aus seiner Nähe – das wenigstens empfand ich klar. Wann – wie – wohin – das sah ich jetzt noch nicht deutlich. Aber ich zweifelte nicht daran, daß er selbst mich so schnell wie möglich von Thornfield fortschicken würde. Wahre Liebe – so schien es mir – konnte er doch unmöglich für mich gehegt haben. Es war nur eine vorübergehende Leidenschaft gewesen, deren Befriedigung vereitelt worden; jetzt würde er meiner nicht mehr bedürfen! Ich fürchtete mich sogar, jetzt seinen Pfad zu kreuzen: mein Anblick mußte ihm verhaßt sein. O! wie blind waren meine Augen gewesen! Wie jämmerlich schwach mein Verhalten!

Meine Augen waren bedeckt und geschlossen. Wirbelnde Dunkelheit schien mich zu umgeben; wie eine schwarze, schlammige Flut stürzten die Gedanken über mich hin. Machtlos, schwach, zu kraftlos um eine Anstrengung zu machen, war mir als läge ich in dem ausgetrockneten Flußbette eines großen Stromes: ich hörte wie der rauschende Gießbach von fernen Gletschern daherbrauste, ich fühlte wie die Flut kam – aber ich hatte nicht den Mut mich zu erheben, nicht die Kraft um zu fliehen. Ohnmächtig lag ich da; ich sehnte mich nur nach dem Tode! Nur noch ein einziger lebensfähiger Gedanke durchzuckte mich zuweilen: der Gedanke an Gott. Und dieser erzeugte ein unausgesprochenes Gebet in mir; die Worte zogen in meiner verdüsterten Seele auf und nieder wie etwas, das geflüstert werden sollte: aber ich hatte nicht die Energie, sie auszusprechen:

»Bleib bei mir, o Gott, denn die Prüfung ist nahe und kein Helfer da!«

Sie war nahe, und da ich keine Bitte gen Himmel gesandt, sie von mir abzuwenden – da ich weder die Hände gefaltet, noch das Knie gebeugt oder die Lippen bewegt hatte – da kam sie: in großen schweren Wogen brauste der Strom über mich fort. In einer grauen, fürchterlichen Masse strömte das Bewußtsein meines zerstörten Lebens, meiner verlorenen Liebe, meiner erloschenen Hoffnung, meines toten Glaubens auf mich ein. Jene bittere Stunde kann ich nicht beschreiben. In der That: die Wasser strömten in meine Seele; ich sank in einen tiefen Sumpf, ich hatte keine Stütze, keinen Grund mehr, ich kam in die Tiefe, – die Fluten brausten über mich fort.

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