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Gutenberg > Charlotte Brontë >

Jane Eyre, die Waise von Lowood.

Charlotte Brontë: Jane Eyre, die Waise von Lowood. - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorCharlotte Brontë
titleJane Eyre, die Waise von Lowood.
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub1847
translatorMaria von Borch (1853 - 1895)
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon
senderwww.gaga.net
created20060420
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Fünftes Kapitel.

Der Probemonat war dahin; seine letzten Stunden waren gezählt. Der schnell herannahende Tag – der Tag meiner Hochzeit – konnte nicht mehr aufgeschoben werden; und alle Vorbereitungen waren getroffen. Ich wenigstens hatte nichts mehr zu thun; an der Wand meines kleinen Zimmers standen meine Koffer, gepackt, verschlossen, geschnürt, alle in einer Reihe; morgen um diese Zeit würden sie schon auf dem Wege nach London sein, und desgleichen ich, oder eigentlich nicht ich, sondern eine gewisse Jane Rochester, eine Persönlichkeit, welche ich bis jetzt noch nicht kannte. Es blieb nur noch übrig, die Karten mit den Adressen festzunageln; dort lagen sie, vier kleine, weiße Vierecke, auf der Kommode. Mr. Rochester selbst hatte Namen und Bestimmungsort darauf geschrieben: »Mrs. Rochester, Western Hotel, London«, aber ich konnte mich nicht entschließen, sie zu befestigen oder befestigen zu lassen. Mrs. Rochester! Sie existierte ja nicht; sie sollte ja erst morgen das Licht der Welt erblicken, kurz nach acht Uhr morgens, und ich wollte warten, bis ich sicher war, daß sie lebendig zur Welt gekommen, bevor ich ihr mein ganzes Besitztum verschrieb. Es war schon genug, daß in jenem Kämmerlein, meinem Toilettetisch gegenüber, Toiletten, welche angeblich ihr gehörten, meine schwarzen, wollenen Anzüge, die noch von Lowood herstammten, verdrängt hatten: denn nicht mir gehörte jenes prachtvolle Hochzeitsgewand, das perlgraue Kleid, der luftige Schleier. Ich schloß das Kabinet, um den seltsamen, totenähnlichen Schmuck, welchen es enthielt, meinen Blicken zu entziehen, denn es warf zu dieser Stunde – neun Uhr abends – einen geisterhaften Schimmer über die Schatten meines Zimmers.

»Ich will dich allein lassen, du weißer Traum,« sagte ich, »Ich habe Fieber; ich höre den Wind heulen; ich will hinausgehen, um ihn meine heißen Schläfen kühlen zu lassen.«

Es war nicht allein die Eile der Vorbereitungen, die mich fieberkrank machte; nicht allein das Vorgefühl der großen Veränderung – des neuen Lebens, welches morgen beginnen sollte. Ohne Zweifel hatten diese beiden Umstände ihr Teil an der aufgeregten, ruhelosen Stimmung, die mich zu dieser späten Stunde noch in den dunkelnden Park hinaustrieb; aber noch eine dritte Ursache beeinflußte mein Gemüt noch mehr als jene anderen beiden.

Ein seltsamer, beängstigender Gedanke fraß mir am Herzen. Es war etwas geschehen, das mir unverständlich, unbegreiflich war. Außer mir hatte es niemand gesehen, niemand hatte davon gehört. Es hatte sich am vorhergehenden Abend zugetragen. Mr. Rochester war an jenem Abende vom Hause abwesend, er war auch jetzt noch nicht zurückgekehrt. Er war in Geschäftsangelegenheiten nach einigen kleinen Pachthöfen, die ungefähr dreißig Meilen von Thornfield entfernt lagen, gerufen; Geschäftsangelegenheiten, die er durchaus noch persönlich vor seiner beabsichtigten Abreise von England ordnen mußte. Jetzt wartete ich auf seine Rückkehr; ich sehnte mich danach, ihm mein Herz auszuschütten, und von ihm die Lösung des Rätsels zu erhalten, das mich verblüffte und beunruhigte. Warte bis er kommt, mein Leser; und wenn ich ihm mein Geheimnis enthülle, werde ich dich mit ins Vertrauen ziehen.

Ich suchte den Obstgarten auf; der Wind, welcher während des ganzen Tages voll und scharf aus Süden geweht hatte, trieb mich in den Schutz der Bäume. Kein Regentropfen war gefallen. Anstatt sich beim Herannahen der Nacht zu legen, schien er stärker zu heulen, heftiger zu rasen. Die Bäume neigten sich alle nach einer Seite, sie vermochten kaum sich während des Verlaufes einer ganzen Stunde auch nur einmal aufzurichten: so unausgesetzt war der Wind, der ihre belaubten Wipfel nordwärts beugte und große Massen von Wolken von Pol zu Pol jagte. An diesem Julitage war nicht ein einziger Sonnenstrahl auf unsere Erde gefallen, unser Auge hatte kein einziges Fleckchen Himmelsblau gesehen.

Ich ließ mich nicht ohne ein gewisses Behagen vom Winde treiben und übergab meine Herzensqual dem maßlosen Luftstrom, welcher durch den Raum tobte. Als ich den Lorbeerweg hinunterging, stand ich plötzlich vor dem Wrack des Kastanienbaumes; dort stand er schwarz, gespalten; der Stamm, dessen eine Hälfte zerschmettert, hatte etwas gespensterhaft Grausiges. Die auseinandergespaltenen Hälften hingen noch immer zusammen, denn die feste Erde, die starken Wurzeln hielten sie ungeteilt zusammen, obgleich die Gemeinsamkeit der Lebenskraft gestört war – der Saft konnte nicht mehr fließen; die großen Zweige zu beiden Seiten waren tot, und die Stürme des nächsten Winters würden bestimmt die eine Hälfte oder auch gar beide zu Boden fällen, wenn man jetzt auch wohl noch sagen konnte, daß sie einen Baum bildeten – eine Ruine – aber eine einzige Ruine.

»Ihr thatet recht, zusammen zu halten,« sagte ich, als wenn die ungeheuren Splitter lebende Wesen wären und mich hören könnten. »Wie zerstört, verbrannt und wund Ihr auch ausseht, mir ist, als müßte doch noch ein wenig Leben in Euch sein, das jener Anhänglichkeit der ehrlichen, treuen Wurzeln entspringt. Ihr werdet niemals wieder grünen Blätterschmuck tragen – niemals die Vögel wieder Nester in euren Zweigen bauen sehen und Lobhymnen in euren Wipfeln singen hören; eure Zeit der Liebe und des Glücks ist dahin – aber ihr seid nicht einsam, jede von euch hat eine Gefährtin, die den Verfall mit ihr beweint!«

Als ich zu ihnen emporblickte, erschien der Mond für einen Augenblick an jenem Teil des Himmels, welcher durch ihren Spalt sichtbar war; die Scheibe war blutrot und wie in Nebel eingehüllt; sie schien mir einen einzigen traurigen, bestürzten Blick zuzuwerfen, und hüllte sich dann sofort wieder in die jagenden Wolken. Für einen Augenblick legte der Sturm sich, der das Herrenhaus von Thornfield umtobt hatte, aber weit fort über Wald und Wasser zog der Wind wild klagend dahin; es war traurig, dem zuzuhören, und ich lief wieder weiter.

Ich durchstreifte den Obstgarten und sammelte die Äpfel auf, mit denen der Rasen unter den Bäumen dick bestreut war; dann beschäftigte ich mich damit, die reifen von den unreifen zu sondern. Ich trug sie ins Haus und brachte sie in die Vorratskammer. Darauf begab ich mich in die Bibliothek, um mich zu vergewissern, ob das Feuer angezündet sei; denn obgleich es Sommer war, wußte ich, daß Mr. Rochester an einem so düstern Abend bei seiner Heimkehr erfreut sein würde, ein helles, anheimelndes Kaminfeuer zu sehen. Ja, das Feuer war schon längst angezündet und brannte lustig. Ich schob seinen Lehnstuhl in die Kaminecke, dann rollte ich einen Tisch vor denselben; die Vorhänge ließ ich herab und befahl, die Kerzen zum Anzünden bereit hereinzubringen. Ruheloser denn je, als ich diese Arrangements getroffen hatte, konnte ich nicht still sitzen, nicht einmal im Hause bleiben. Da schlugen eine kleine, französische Pendule im Zimmer und die alte Stockuhr in der Halle zu gleicher Zeit zehn Uhr.

»Wie spät es wird!« sagte ich, »ich werde hinunter zum Parkthor laufen; dann und wann scheint der Mond; ich kann eine lange Strecke von der Landstraße übersehen. Er kommt jetzt vielleicht gerade, und wenn ich ihm entgegengehe, erspare ich mir einige Minuten der Angst.«

Der Wind heulte in den hohen Bäumen, welche das Parkthor umgaben; aber so weit ich die Landstraße links und rechts überblicken konnte, war alles still und einsam. Nur die Schatten der Wolken glitten zuweilen darüber hin, wenn der Mond zum Vorschein kam; sonst war es eine schmale, helle Linie, auf der sich auch nicht ein Pünktchen bewegte.

Eine Thräne trübte mein Auge, als ich so hinausstarrte – eine Thräne der Enttäuschung und der Ungeduld; ich schämte mich ihrer und trocknete sie schnell. Ich verweilte aber noch; der Mond schloß sich jetzt ganz in sein wolliges Gemach und zog die dichtesten Vorhänge vor; die Nacht wurde immer dunkler; jetzt brachte der Sturmwind auch Regenschauer.

»Ach, wenn er nur käme! Wenn er nur da wäre!« rief ich aus von einer trüben Vorahnung erfaßt. Ich hatte schon vor der Theestunde auf seine Rückkehr gewartet; jetzt war es dunkel. Was konnte ihn denn zurückhalten? War ein Unglück geschehen? Die Begebenheit von gestern Abend fiel mir wieder ein. Ich deutete sie jetzt wie eine Vorbedeutung von großem Unglück. Ich fürchtete, daß meine Hoffnungen zu strahlend seien, um sich erfüllen zu können. Und ich hatte in der letzen Zeit zu viel Glückseligkeit empfunden, deshalb glaubte ich, daß mein Glück seinen Meridian überschritten habe und sich jetzt seinem Niedergange zuneige.

»Nun, nach Hause kann ich nicht zurückkehren,« dachte ich; »ich kann nicht ruhig am Kamin sitzen, während er in so rauhem Wetter draußen ist. Lieber will ich meine Füße ermüden, als mein Herz bis aufs äußerste anspannen. Ich will weiter gehen, ihm entgegen.«

So machte ich mich denn auf den Weg; ich ging schnell, aber nicht weit. Bevor ich eine Viertelmeile gegangen, hörte ich Hufschläge; ein Reiter kam in vollem Galopp daher; ein Hund lief neben ihm. Fort mit den bösen Ahnungen! Er war es! Da saß er hoch zu Roß auf Mesrour, Pilot folgte ihm. Er sah mich; denn der Mond hatte sich jetzt gerade ein großes, blaues Feld am Himmel erobert und segelte nun auf der klaren Fläche dahin. Mr. Rochester nahm seinen Hut ab und schwenkte ihn hoch über seinem Kopfe. Jetzt lief ich ihm entgegen.

»Sieh da!« rief er aus, indem er sich vom Pferde herabbog und mir die Hand entgegenstreckte, »du kannst nicht ohne mich sein, das ist doch ganz augenscheinlich. Steige auf die Spitze meines Stiefels, gieb mir beide Hände und jetzt spring herauf.« Ich gehorchte. Die Freude machte mich behende; ich sprang hinauf. Er gab mir einen herzhaften Willkommenkuß und triumphierte ein wenig, was ich mir so geduldig wie möglich gefallen ließ. Er unterbrach sich in den Äußerungen seiner Freude, um mich zu fragen:

»Aber ist irgend etwas geschehen, Jane, daß du mir um diese Stunde entgegenkommst? Ist ein Unglück passiert?«

»Nein. Aber ich glaubte, daß Sie nimmermehr kommen würden. Ich konnte es nicht länger ertragen, im Hause auf Sie zu warten; und dann dieser Regen, dieser Wind!«

»Regen und Wind in der That! Ja, du triefst ja wie eine Meerjungfrau; wickle dich in meinen Mantel; aber ich glaube, du fieberst Jane; deine Wangen wie deine Hände sind brennend heiß. Ich frage dich noch einmal, ist irgend etwas vorgefallen?«

»Jetzt ist's nichts mehr. Ich bin weder furchtsam noch unglücklich!«

»Also dann warst du beides?«

»Ein wenig, ja. Aber ich werde Ihnen das alles nach und nach erzählen, Sir; und ich bin fest überzeugt, daß Sie meiner Qualen nur lachen werden.«

»Wenn der morgende Tag vorüber ist, werde ich herzlich über dich lachen; früher habe ich nicht den Mut dazu. Der Preis ist mir noch nicht gewiß. Bist du es wirklich, die während des ganzen letzten Monats so glatt wie ein Aal und so dornig wie eine Heckenrose war? Ich konnte nirgend meine Hand hinlegen ohne gestochen zu werden, und jetzt ist es, als hielte ich ein verirrtes Lamm in meinen Armen. Du hast die Herde verlassen, um deinen Hirten zu suchen, nicht wahr, Jane?«

»Ich sehnte mich nach Ihnen. Aber Sie dürfen deshalb nicht übermütig werden. Hier sind wir in Thornfield. Jetzt lassen Sie mich absteigen.« Er ließ mich an der Terrasse vom Pferde steigen. Nachdem John ihm das Tier abgenommen, folgte er mir in die Halle und sagte, ich solle mich mit dem Wechseln meiner Kleidung beeilen und dann zu ihm ins Bibliothekzimmer kommen. Als ich im Begriff war, die Treppe hinaufzusteigen, hielt er mich auf, um mir das Versprechen abzunehmen, daß ich nicht lange bleiben würde. Und ich brauchte auch nicht viel Zeit; nach kaum fünf Minuten war ich wieder bei ihm. Ich fand ihn beim Abendessen.

»Nimm einen Stuhl und leiste mir Gesellschaft, Jane; wenn es Gott gefällt, ist dies die vorletzte Mahlzeit, die du auf lange Zeit hinaus in Thornfield einnimmst.«

Ich setzte mich an seine Seite, sagte aber, daß ich nicht essen könne.

»Ist es, weil du eine Reise vor dir hast, Jane? Ist es der Gedanke, daß du London sehen wirst, der dir den Appetit raubt?«

»Heute abend liegen meine Aussichten nicht klar vor mir, Sir; und ich weiß kaum, welche Gedanken mein Hirn durchkreuzen. Alles erscheint mir so seltsam, so unwahrscheinlich.«

»Mit Ausnahme meiner selbst, nicht wahr? Ich bin doch Wirklichkeit? Da, berühre mich.«

»Sie, Sir, sind von allem das gespensterhafteste – Sie sind nichts als ein Traum.«

Er streckte mir die Hand entgegen und fragte lachend: »Ist das ein Traum?« Dann hielt er sie mir dicht vor die Augen. Er hatte eine wohlgerundete, muskulöse, kräftige Hand und einen langen, starken Arm.

»Ja, wenn ich sie auch berühre – es ist doch ein Traum,« sagte ich, als ich die Hand beiseite schob. »Sir, haben Sie Ihre Abendmahlzeit beendet?«

»Ja, Jane.«

Ich zog die Glocke und befahl die Speisen abzutragen. Als wir wieder allein waren, schürte ich das Feuer von neuem und setzte mich dann auf einen niederen Schemel zu den Füßen meines Herrn.

»Es ist bald Mitternacht,« sagte ich.

»Ja, Jane, aber du hast doch nicht vergessen, daß du mir versprochen hast, in der Nacht vor meiner Hochzeit mit mir zu wachen?«

»Ich erinnere mich dessen wohl und ich werde mein Versprechen halten; wenigstens für eine oder zwei Stunden, Ich hege nicht den Wunsch schlafen zu gehen.«

»Bist du mit allen Vorbereitungen zu Ende?«

»Mit allen, Sir.«

»Ich bin es ebenfalls,« entgegnete er, »ich habe alles geordnet, und wir werden Thornfield morgen innerhalb einer Stunde nach unserer Rückkehr aus der Kirche verlassen.«

»Ich bin damit einverstanden, Sir.«

»Mit welchem außerordentlich seltsamen Lächeln begleitetest du die Worte: »ich bin damit einverstanden, Sir!« Welch glühendes Rot bedeckt deine beiden Wangen! Und wie deine Augen blitzen! Du bist doch wohl?«

»Ich glaube, daß ich es bin.«

»Du glaubst! Was ist denn geschehen? Sag mir doch, wie dir ums Herz ist.«

»Das könnte ich nicht, Sir. Worte vermöchten nicht auszudrücken, was ich fühle. Ich wollte, daß die gegenwärtige Stunde nie ein Ende nähme! Wer weiß, welch furchtbares Schicksal die nächste schon bringen mag.«

»Dies ist die reine Hypochondrie, Jane. Du bist überreizt oder übermüdet.«

»Sind Sie denn ruhig und glücklich, Sir?«

»Ruhig? – nein, aber glücklich – bis in das Innerste meines Herzens.«

Ich blickte zu ihm auf, um die Zeichen seines Glückes in seinen Zügen zu lesen; sie waren erregt und gerötet.

»Schenk mir dein Vertrauen, Jane,« sagte er, » entlaste dein Gemüt von jeder Bürde, die es bedrückt, indem du mir alles mitteilst. Was fürchtest du? – Daß ich kein guter Gatte sein werde?«

»Der Gedanke liegt mir ferner als alle anderen.«

»Fürchtest du dich etwa vor der neuen Sphäre, in welche einzutreten du jetzt im Begriff bist? – vor dem neuen Leben, das vor dir liegt?«

»Nein.«

»Du beunruhigst mich, Jane. Dieser Blick und dieser Ton traurigen Mutes quälen und ärgern mich. Ich will eine Erklärung.«

»So hören Sie denn, Sir. – Gestern Abend waren Sie vom Hause abwesend.«

»Das war ich; ich weiß es, und vor einer Weile deutetest du an, daß sich während meiner Abwesenheit etwas zugetragen habe. Wahrscheinlich nichts von Bedeutung, aber kurzum, es hat dich beunruhigt. Laß mich es hören. Vielleicht hat Mrs. Fairfax etwas gesagt? Oder du hast das Geklatsch der Dienstboten überhört. – Deine so empfindliche Selbstachtung ist irgendwie verletzt worden?«

»Nein, Sir.«

Jetzt schlug es zwölf Uhr – ich wartete bis die silbernen Töne der alten Stockuhr verklungen waren – dann fuhr ich fort:

»Während des ganzen Tages war ich gestern sehr beschäftigt gewesen und in meiner unaufhörlichen Rührigkeit hatte ich mich unendlich glücklich gefühlt, denn ich fürchte mich durchaus nicht vor der neuen Sphäre und dem neuen Leben, wie Sie zu glauben scheinen, denn ich denke, es muß etwas unendlich Glückseliges sein, mit Ihnen zu leben, weil ich Sie grenzenlos liebe. Nein, Sir, liebkosen Sie mich jetzt nicht – lassen Sie mich ungestört weiter reden. Gestern glaubte ich wohl an die Vorsehung und meinte, daß alle Begebenheiten zu Ihrem und meinem Besten zusammenwirkten. Es war ein schöner Tag – wie Sie sich wohl entsinnen können – die Ruhe in der Luft und am Himmel verboten jede Befürchtung in Bezug auf Ihren Komfort oder Ihre Sicherheit auf der Reise. Nach dem Thee ging ich ein wenig auf der Terrasse auf und nieder und dachte an Sie. Im Geiste sah ich Sie mir so nahe, daß ich Ihre wirkliche Gegenwart gar nicht vermißte. Ich dachte an das Leben, das vor mir lag – an Ihr Leben, Sir – ein ausgedehnteres, bewegteres Dasein als das meine, um soviel mehr so, als die Tiefen des Meeres, in welches der Bach sich ergießt, es sind als dieser letztere. Ich fragte mich verwundert, weshalb Moralisten diese Welt eine traurige Wildnis nennen, für mich war sie blühend und strahlend wie eine Rose. Gerade um Sonnenuntergang wurde die Luft kalt und der Himmel wolkig. Ich ging ins Haus. Sophie rief mich nach oben, um mein Hochzeitskleid anzusehen, das gerade gebracht worden. Und darunter fand ich in der Kiste Ihr Geschenk – den Schleier, welchen Sie in Ihrer fürstlichen Freigebigkeit und Extravaganz aus London hatten kommen lassen, fest entschlossen, wie es mir schien, mich dazu zu bringen, daß ich etwas ebenso Kostbares tragen solle, wenn ich auch Ihre Juwelengabe ausgeschlagen hatte. Ich lächelte, als ich die Spitzen auseinanderfaltete und machte schon einen Plan, wie ich Sie mit Ihrem aristokratischen Geschmack necken wollte und mit Ihren Bemühungen Ihre plebejische Braut mit den Attributen einer Pairstochter zu maskieren. Ich dachte, wie ich Ihnen das Stück einfachen Tülls herunterbringen wollte, den ich selbst als eine Bedeckung für meinen niedrig geborenen Kopf gekauft hatte; und dann hätte ich Sie gefragt, ob dieser Schmuck nicht gut genug sei für ein Mädchen, das ihrem Gatten weder Reichtum, Schönheit noch Familie zubringen könne. Ich sah deutlich vor mir, wie Sie aussehen würden; und ich hörte Ihre ungestümen, republikanischen Antworten und Ihre hochmütige Versicherung, daß Sie nicht nötig hätten, Ihren Reichtum durch die Heirat mit einem Geldbeutel ober Ihre Stellung durch die Verbindung mit einer Krone zu befestigen.«

»Wie gut du mich zu lesen verstehst, du kleine Hexe!« fiel Mr. Rochester hier ein. »Was fandest du aber außer der Stickerei noch an dem Schleier? Hast du Gift oder einen Dolch darin gefunden, daß du so traurig aussiehst?«

»Nein, nein, Sir, außer der Zartheit und dem Reichtum der Arbeit fand ich nur noch Fairfax Rochesters Stolz darin; und der erschreckte mich nicht, weil ich an den Anblick dieses Dämons schon gewöhnt bin. Aber, Sir, als es dunkel wurde, erhob der Wind sich; gestern Abend wehte er – nicht wie er jetzt weht, wild und laut – sondern mit einem klagenden Laut, der viel gespensterhafter klang. Wie wünschte ich, daß Sie zu Hause wären. Ich trat in dieses Zimmer, und der Anblick des kalten, schwarzen Kamins, Ihres leeren Lehnstuhls machte mich frösteln. Als ich endlich zu Bett gegangen, konnte ich noch lange nicht schlafen – ein Gefühl angstvoller Erregung quälte mich. Der noch immer pfeifende Wind schien mir einen traurigen anderen Laut zu übertönen; ob dieser aus dem Hause oder von draußen käme, konnte ich zuerst nicht unterscheiden, aber sowie der Wind sich einen Augenblick legte, hörte ich ihn von neuem, langsam, trübselig, gedehnt. Endlich meinte ich, daß es ein Hund sein müsse, der in einiger Entfernung heulte. Ich war froh, als es endlich aufhörte. Nachdem ich eingeschlafen, nahm ich das Bild einer düsteren, stürmischen Nacht mit in meine Träume hinüber. Aber auch den innigen, heißen Wunsch in Ihrer Nähe zu sein, und das Bewußtsein eines Hindernisses, das sich zwischen uns auftürmte und uns trennte. Während der ersten Stunden meines Schlafes verfolgte ich einen unbekannten, verschlungenen Pfad; totale Finsternis umgab mich; der Regen durchnäßte mich; ich trug eine schwere Last, ein kleines Kind, ein sehr zartes, kleines Wesen, das zu jung und zu schwach, um zu gehen und in meinen Armen vor Kälte bebte und jämmerlich schrie. Mir war, Sir, als seien Sie mir auf derselben Straße um eine lange Strecke voraus, und ich spannte alle meine Nerven an, Sie einzuholen; ich machte unzählige Anstrengungen Ihren Namen zu rufen und Sie zu bitten, daß Sie in Ihrem Lauf innehalten möchten – aber meine Bewegungen waren gelähmt und meine Stimme verhallte ungehört, während Sie – das fühlte ich – sich weiter und weiter entfernten.«

»Und diese Träume lasten jetzt noch auf deiner Seele, Jane, jetzt, wo ich an deiner Seite bin? Kleines, nervöses Ding! Vergiß dein eingebildetes Weh, und denk nur an dein wirkliches Glück! Du sagst, daß du mich liebst, Jane, ja – ich werde das niemals vergessen; und du kannst es auch nicht leugnen. Diese Worte erstarben nicht auf deinen Lippen. Ich hörte sie, klar, sanft und deutlich; vielleicht um einen Gedanken zu feierlich, aber süß wie Sphärenmusik: – »Es ist ein wundersames Ding um die Hoffnung, mit dir leben zu sollen, Edward, denn ich liebe dich.« – Liebst du mich, Jane? wiederhole es.«

»Ich liebe Sie, Sir. – Ich liebe Sie von ganzem Herzen.«

»Nun,« sagte er nach minutenlangem Schweigen, »es ist seltsam, aber diese Worte haben meine Brust schmerzhaft durchbohrt. Weshalb? Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil du die Worte mit einem so ernsten, frommen Nachdruck aussprachst; und weil dein Aufblick zu mir so viel innigen Glauben, so viel Vertrauen und Hingebung ausdrückte. Es ist immer, als umschwebe mich irgend ein Geist. Sieh böse aus, Jane, das verstehst du ja so gut; schenk mir dein wildes, scheues, herausforderndes Lächeln; sag mir, daß du mich hassest – necke mich, ärgere mich; thu alles, nur mache mich nicht weich; ich möchte lieber, daß du mich erzürnst, als daß du mich weich machst.«

»Wenn ich meine Geschichte zu Ende erzählt habe, will ich Sie bis aufs Blut quälen und necken, Sir. Aber jetzt müssen Sie mir noch zuhören.«

»Ich glaubte, Jane, daß du mir schon alles erzählt hättest. Ich meinte, daß die Quelle deiner Melancholie diesem Traume entspränge!«

Ich schüttelte den Kopf.

»Was! giebt es noch mehr? Aber ich will nicht hoffen, daß es etwas Ernstes ist. Ich sage dir indessen vorher, daß du bei mir auf Ungläubigleit stoßen wirst. Also fahre fort, mein kleiner Liebling!«

Die Unruhe in seinen Mienen, die etwas furchtsame Ungeduld seines Wesens, überraschte mich, ich fuhr jedoch fort.

»Ich träumte noch einen andern Traum, Sir. Thornfield-Hall schien mir eine traurige Ruine, der Zufluchtsort von Eulen und Fledermäusen. Mir war, als sei von der stattlichen Front nichts übrig als eine hohle Mauer, sehr hoch und sehr zerbrechlich aussehend. An einem mondklaren Abend ging ich in dem grasbewachsenen Raume innerhalb jener Mauern umher. Hier fiel ich über einen Marmorkamin, dort stolperte ich über ein herabgefallenes Fragment des Haussimses. Ich trug noch immer das kleine, in einen Shawl gehüllte, unbekannte Kind; ich durfte es nirgend hinlegen, wie müde meine Arme auch waren – wie sehr das Gewicht dieses winzigen Geschöpfes mich auch am Weiterkommen hinderte, – ich mußte es noch immer tragen. In der Ferne hörte ich den Hufschlag eines Pferdes auf der Landstraße; ich war fest überzeugt, daß Sie es seien, und ich wußte, daß Sie auf viele, viele Jahre fortgingen, in ferne Lande. Ich erklomm die schwache Mauer mit wahnsinniger, gefahrbringender Hast, nur hoffend, daß ich von dort oben noch einen Blick von Ihnen erhaschen würde; die Steine rollten unter meinen Füßen fort; die Epheuranken, an denen ich mich festhielt, gaben nach; das Kind klammerte sich voll Angst an meinen Hals und erwürgte mich fast. Endlich langte ich auf der Höhe der Mauer an. Ich erblickte Sie nur noch wie einen winzigen Punkt auf einem weißen Wege, der mit jedem Augenblick enger wurde. Der Wind wehte so heftig, daß ich nicht stehen konnte. Ich setzte mich auf der schmalen Kante nieder; ich suchte das weinende Kind in meinen Armen zu beruhigen. Jetzt bogen Sie um eine Ecke der Landstraße; ich beugte mich vor, um einen letzten Blick zu erhaschen; die Mauer brach zusammen; ich verlor das Gleichgewicht, das Kind entglitt meinen Armen, ich sprang nach, fiel und erwachte.«

»Nun ist es hoffentlich alles, Jane.«

»Die ganze Vorrede, ja, Sir; die eigentliche Geschichte kommt noch. Als ich erwachte, blendete ein Licht mein Auge, Im ersten Moment dachte ich: »Ah, es ist bereits Tag!« Aber ich irrte mich. Es war wirklich nur der Schein einer Kerze, Ich vermutete, daß Sophie eingetreten sei. Auf meinem Ankleidetisch stand ein Licht, und die Thür des kleinen Kabinetts, in welches ich mein Hochzeitskleid und meinen Schleier gehangt bevor ich schlafen gegangen, und die ich dann fest verschlossen, stand offen. Ein Geräusch kam von dort. Ich fragte: Sophie, was thun Sie dort? Niemand antwortete, aber eine Gestalt trat aus dem Kabinett; sie ergriff das Licht, hielt es empor und betrachtete die Kleider, welche an den Kleiderriegeln hingen.

»Sophie! Sophie!« rief ich wiederum – und noch immer gab die Gestalt keinen Laut von sich. Ich hatte mich im Bette erhoben und neigte mich nach vorn; zuerst bemächtigte Erstaunen sich meiner, dann Bestürzung – und schließlich erstarrte das Blut mir fast in den Adern. – Mr. Rochester, es war nicht Sophie, es war nicht Leah, nicht Mrs. Fairfax – nein, sie waren es nicht, nein, dessen war ich gewiß und bin es noch, es war nicht einmal jene seltsame Person, die Grace Poole.«

»Eine von ihnen muß es doch gewesen sein,« unterbrach mich mein Gebieter.

»Nein, Sir, ich kann Sie des Gegenteils heilig versichern. So lange ich in Thornfield-Hall gewesen, haben meine Augen die Gestalt, welche vor mir stand, nicht gesehen. Die Größe, das Gesicht, die Formen waren mir unbekannt.«

»Beschreibe sie, Jane.«

»Es schien mir eine Frau zu sein, deren langes, schwarzes, dickes Haar ihr über den Rücken herabfiel. Ich weiß nicht, welcher Art das Gewand war, welches sie trug; es war weiß und eng, ob es aber ein Kleid, ein Betttuch oder ein Leichentuch war, in welches sie sich gehüllt, das vermag ich nicht zu sagen.«

»Hast du ihr Gesicht gesehen?«

»Im ersten Augenblick nicht. Aber nun nahm sie plötzlich meinen Schleier von seinem Platze; sie hielt ihn ausgebreitet empor, blickte ihn lange an, warf ihn über ihren eigenen Kopf und betrachtete sich dann im Spiegel. In diesem Augenblick sah ich das Spiegelbild ihres Gesichts und ihrer Figur ganz deutlich in dem dunklen, länglichen Glase.«

»Und welcher Art waren diese?«

»Furchtbar und gespensterhaft schienen sie mir, Sir! O, ich habe niemals ein ähnliches Gesicht gesehen! – Es war ein blutiges Gesicht – es war ein wildes Gesicht. Ich wollte, ich könnte das Rollen der roten Augen vergessen – die fürchterlichen, aufgedunsenen, schwarzen Gesichtszüge!«

»Aber Geister sind doch gewöhnlich blaß, Jane!«

»Dieser Geist war aber blaurot, Sir; die Lippen waren geschwollen und dunkel, die Stirn gefurcht; die schwarzen Augenbrauen bildeten einen hohen Bogen über den blutunterlaufenen Augen. Darf ich Ihnen sagen, an was es mich erinnerte?«

»Das darfst du.«

»An das schauerliche, germanische Gespenst – an den Vampyr.«

»Ah! – Und was that es?«

»Sir, endlich nahm es meinen Schleier von seinem unförmlichen Kopfe, riß ihn in zwei Teile, warf diese auf den Boden und trat mit beiden Füßen und voller Wut darauf.«

»Und weiter?«

»Dann zog es die Fenstervorhänge zur Seite und blickte hinaus. Vielleicht sah es, daß Tagesanbruch nahe war, denn es nahm die Kerze und ging an die Thür. Gerade neben meinem Bette blieb die Gestalt stehen. Die entzündeten Augen glotzten mich an – sie hielt mir das Licht dicht ans Gesicht und löschte es vor meinen Augen aus. Ich fühlte, wie ihr finsteres Gesicht dem meinen immer näher kam – – dann verlor ich das Bewußtsein; zum zweitenmal in meinem Leben – nur zum zweitenmal – wurde ich vor Schrecken bewußtlos.«

»Wer war bei dir, als du wieder zu dir kamst?«

»Niemand, Sir, als das helle Licht des Tages. Ich stand auf, kühlte mein Gesicht mit frischem Wasser und that einen kühlen Trunk; obgleich ich matt war, fühlte ich mich doch nicht krank, und so faßte ich den Entschluß, von dieser Vision niemand Mitteilung zu machen. Jetzt, Sir, sagen Sie mir, wer und was jenes Weib war?«

»Die Ausgeburt eines überreizten Gehirns, weiter nichts; davon bin ich überzeugt. Ich muß dich sorgsam hüten, mein Schatz. Nerven wie die deinen sind nicht gemacht, um widrige Schicksale zu ertragen.«

»Sir, verlassen Sie sich darauf, es war nicht die Schuld meiner Nerven; es war Wirklichkeit; der Übergang hat in der That stattgefunden.«

»Und deine vorhergehenden Träume? War das auch Wirklichkeit? Ist Thornfield-Hall eine Ruine? Bin ich durch unüberwindliche Hindernisse von dir getrennt? Verlasse ich dich ohne eine Thräne? – ohne einen Kuß? – ohne ein Wort?«

»Noch nicht.«

»Bin ich denn im Begriff, es zu thun? – Der Tag, der uns für alle Zeiten unauflöslich aneinander ketten soll, ist bereits angebrochen; und wenn wir einmal verbunden sind, werden diese seelischen Qualen und Schrecken nicht wiederkehren; dafür stehe ich dir ein.«

»Seelische Qualen und Schrecken, Sir! Ich wollte, ich könnte glauben, daß es nichts anderes wäre; jetzt wünsche ich es mehr denn je, da selbst Sie mir das Geheimnis dieses fürchterlichen Besuchs nicht erklären können.«

»Und da ich es nicht kann, ist es auch nicht Wirklichkeit gewesen, Jane.«

»Aber Sir, als ich mir heute morgen beim Aufstehen dies alles sagte und im Zimmer umherblickte, um beim Anblick jedes bekannten und lieben Gegenstandes im hellen Tageslicht wieder Mut und Trost zu schöpfen – da sah ich – vor mir auf dem Teppich – das, was meine Hypothesen deutlich Lügen strafte – den Schleier, welcher in zwei Hälften gerissen am Boden lag!«

Ich fühlte, wie Mr. Rochester entsetzt und schaudernd zusammenfuhr; hastig umfing er mich mit beiden Armen und rief aus: »Allmächtiger Gott sei bedankt, daß nur dem Schleier ein Unfall zustieß, als ein böser Unhold sich in deiner nächsten Nähe befand. – O! zu denken, was hätte geschehen können!«

Er atmete schnell und zog mich so fest an sich, daß ich zu keuchen begann.

Nach minutenlangem Schweigen fuhr er dann plötzlich fröhlich fort:

»Jetzt werde ich dir alles erklären, Jane. Es war halb Traum, halb Wirklichkeit; ich zweifle nicht daran, daß ein Frauenzimmer in deinem Heiligtum gewesen: und jenes Weib war – Grace Poole. Du selbst nennst sie eine wunderliche, seltsame Person; nach allem, was du weißt, hast du ein Recht, sie so zu nennen – denn bedenke nur, was sie mir gethan! was sie Mason gethan! – In einem Zustande zwischen Wachen und Schlafen bemerktest du ihren Eintritt und ihre Geberden; aber fieberhaft erregt, fast delirierend wie du warst, sahst du sie wie einen Kobold, ganz verschieden von ihrer wirklichen Gestalt; das lange, wirre Haar, das geschwollene schwarze Gesicht; die unnatürliche Gestalt, waren Ausgeburten deiner Einbildungskraft; die Resultate eines Alpdrückens. Das zornige Zerreißen deines Brautschleiers war Wirklichkeit – und dergleichen kann man von ihr sehr wohl erwarten. Ich sehe dir an, daß du fragen möchtest, weshalb ich ein solches Geschöpf im Hause behalte. Wenn wir Jahr und Tag verheiratet gewesen sind, dann werde ich es dir erzählen. Jetzt aber noch nicht. Bist du's zufrieden, Jane? Genügt dir meine Erklärung des Geheimnisses?«

Ich dachte einige Augenblicke nach, und dann erschien mir seine Deutung wirklich als die einzig mögliche. Zufrieden war ich allerdings noch immer nicht damit, aber ihm zu Liebe that ich, als sei ich es wirklich – und beruhigt war ich auch in der That. Deshalb antwortete ich ihm mit freundlichem Lächeln. Und da ein Uhr jetzt längst vorüber war, rüstete ich mich, ihn zu verlassen.

»Schläft Sophie nicht mit Adele in der Kinderstube?« fragte er, als ich meine Kerze anzündete.

»Ja, Sir.«

»Und für dich ist in Adeles kleinem Bette Platz genug. Diese Nacht mußt du es mit ihr teilen, Jane. Es ist kein Wunder, daß der Vorfall, über welchen du mir berichtet hast, dich nervös gemacht hat, und es wäre mir lieber, wenn du nicht allein schliefst. Versprich mir, daß du nach der Kinderstube gehst.«

»Ich bin nur zu froh, es thun zu dürfen, Sir.«

»Und verschließe die Thür sorgsam und sicher von innen. Wecke Sophie, wenn du nach oben gehst unter dem Vorwande, daß du sie bittest, dich morgen früh zeitig zu wecken. Denn du mußt vor acht Uhr angekleidet sein und gefrühstückt haben. Und nun keine trüben Gedanken mehr; verscheuche die bösen Sorgen, Jane! Hörst du nicht, wie der Sturm sich gelegt hat und der Wind nur noch zärtlich und leise flüstert? Kein strömender Regen schlägt mehr gegen die Fensterscheiben: blick nur hinaus,« – hier zog er den Vorhang zurück – »es ist eine liebliche Nacht geworden!«

Es war eine liebliche Nacht, Die Hälfte des Himmels war klar und wolkenlos. Die Wolken, welche der Wind vor sich hertrieb, zogen jetzt in langen, silbernen Kolonnen gegen Osten. Und friedlich schien der Mond auf die schlummernde Erde herab.

»Nun?« sagte Mr. Rochester, indem er mir fragend in die Augen blickte, »wie fühlt meine Jane sich jetzt?«

»Die Nacht ist still und ungetrübt, Sir, – und ich bin es jetzt ebenfalls.«

»Und dir wird nicht wieder von Trennung und Trübsal und Kümmernissen träumen, sondern nur von einer glücklichen Liebe und seliger Vereinigung!«

Diese Weissagung ging nur zur Hälfte in Erfüllung. Mir träumte nicht von Trennung und Kümmernissen, aber auch ebensowenig von Freude und glücklicher Liebe; denn ich schlief überhaupt nicht einen Augenblick. Ich hielt die kleine Adele in den Armen und bewachte den glücklichen Schlummer der Kindheit – so ruhig, so leidenschaftslos, so unschuldig – und so erwartete ich den jungen Tag, Das Leben pulsierte mächtig in meinen Adern, und als die Sonne aufging, erhob auch ich mich. Ich erinnerte mich, wie fest Adele sich an mich klammerte, als ich mich losmachen wollte. Ich erinnere mich noch, wie innig ich sie küßte, als ich ihre kleine Händchen, die meinen Nacken umfaßt hielten, löste; eine seltsame Rührung übermannte mich, ich brach in Thränen aus und mußte mich von ihrem Lager fortschleichen aus Furcht, daß mein Schluchzen sie wecken könne. Sie lag noch in tiefem Schlaf. Sie war das Sinnbild meines ganzen bisherigen Lebens, und er, dem zu begegnen ich mich jetzt festlich schmückte, war der gefürchtete aber auch vergötterte Inbegriff meiner Zukunft.

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