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Jane Eyre, die Waise von Lowood.

Charlotte Brontë: Jane Eyre, die Waise von Lowood. - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorCharlotte Brontë
titleJane Eyre, die Waise von Lowood.
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub1847
translatorMaria von Borch (1853 - 1895)
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon
senderwww.gaga.net
created20060420
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Viertes Kapitel.

Während ich mich erhob und mich ankleidete, überdachte ich noch einmal alles, was geschehen war und fragte mich verwundert, ob nicht das ganze ein Traum gewesen sei. Ich konnte nicht an die Wirklichkeit glauben, bevor ich Mr. Rochester nicht wiedergesehen und ihn seine Liebesworte und sein Gelöbnis hatte erneuern hören.

Während ich meine Flechten aufsteckte, betrachtete ich mein Gesicht im Spiegel und sah, daß es nicht mehr häßlich sei; es drückte Hoffnung aus und lebhafte Röte bedeckte die Wangen. Meine Augen blickten, als hätten sie den Born des Lebens gesehen und ihren Glanz von seinen spielenden Wellen geborgt. Ich hatte meinen Herrn oft nur widerstrebend angesehen, weil ich fürchtete, mein Blick könne ihm unangenehm sein. Jetzt wußte ich aber, daß ich mein Antlitz zu dem seinen emporheben dürfe, ohne daß seine Liebe dadurch abgekühlt würde. Ich nahm ein einfaches aber sauberes, leichtes Sommerkleid aus meinem Schranke und legte es an; mir war, als hatte kein Gewand mich jemals so gut gekleidet – ich hatte ja auch noch niemals eins in so glückseliger Stimmung getragen.

Als ich in die Halle hinunterlief, war ich durchaus nicht erstaunt zu sehen, daß ein herrlicher Junimorgen auf den heftigen Sturm der Nacht gefolgt war. Ein erfrischender, duftiger Luftzug strömte mir durch die geöffnete Glasthür entgegen. Die Natur mußte ja fröhlich sein, wenn ich so unsagbar glücklich war.

Eine Bettlerin und ihr kleiner Knabe – beide bleich, elend und zerlumpt – kamen den breiten Gartenweg herauf und ich lief ihnen entgegen und gab ihnen die ganze Summe, welche ich zufällig in meiner Geldbörse hatte; es waren wohl vier oder fünf Schilling; (ein engl. Schilling = eine Mark) ob gut, ob böse, alle Menschen sollten an meiner Seligkeit teilhaben. Die Raben krächzten, die kleinen Vögel sangen, aber nichts war so lustig und so wohltönend wie die Musik meines eigenen Herzens.

Mrs. Fairfax setzte mich in Erstaunen, indem sie mit traurigem Gesicht zum Fenster hinaussah und in ernstem Ton sagte: »Miß Eyre, wollen Sie zum Frühstück hereinkommen?« Während der Mahlzeit war sie ruhig und kalt, aber der Augenblick war noch nicht gekommen, um ihr die beabsichtigte Aufklärung zu geben. Ich mußte warten, bis mein Herr kam und ihr alles erklärte, und darauf mußte auch sie warten. Ich aß, was ich konnte und eilte dann nach oben.

Ich traf Adele, welche aus dem Schulzimmer kam.

»Wohin gehst du? Es ist Zeit, die Lehrstunden zu beginnen.«

»Mr. Rochester hat mich nach der Kinderstube geschickt.«

»Wo ist er?«

»Dort« sagte sie und zeigte auf das Zimmer, welches sie soeben verlassen.

Ich trat ein. Dort stand er.

»Komm herein und sag mir `Guten Morgen´« sagte er. Fröhlich ging ich zu ihm. Es war jetzt kein kaltes, höfliches Wort mehr oder ein gleichgültiger Händedruck, den er mir spendete, sondern eine zärtliche Umarmung, ein inniger Kuß. Es schien mir ganz natürlich; es war ein seliges Bewußtsein, so von ihm geliebt zu sein, so zärtlich von ihm geliebkost zu werden.

»Jane, du siehst so blühend, so lächelnd, so hübsch aus,« sagte er, »wirklich hübsch heute Morgen. Ist dies meine bleiche, zarte, kleine Elfe? Ist dies meine Glockenblume? Dies kleine, sonnige Mädchen mit Grübchen in den Wangen und rosigen Lippen? Mit dem seidenweichen, kastanienbraunen Haar und den strahlenden braunen Augen?«

Lieber Leser, ich hatte grüne Augen, aber du mußt den Irrtum entschuldigen; vermutlich waren sie für ihn frisch gefärbt. »Es ist Jane Eyre, Sir.«

»Und wird bald Jane Rochester sein,« fügte er hinzu, »in vier Wochen, Jane; nicht einen Tag länger. Hörst du das und verstehst du mich?«

Ich hörte ihn wohl, aber ich konnte es nicht fassen. Es verursachte mir Schwindel. Das Gefühl, das durch diese Ankündigung in mir geweckt wurde, war etwas heftigeres, bewältigenderes als Freude – etwas das mich schmerzte, mich betäubte: ich glaube es war etwas wie Furcht.

»Du warst rosig, Jane, und jetzt bist du bleich wie der Tod. Weshalb das?«

»Weil Sie mir einen neuen Namen gaben – Jane Rochester, und das klang so seltsam.«

»Ja, Mrs. Rochester,« sagte er, »die junge Mrs. Rochester, – das mädchenhafte Weib Fairfax Rochesters.«

»Es kann nicht sein, Sir, niemals! Es wird nicht sein, es klingt zu unwahrscheinlich. Auf dieser Welt wird keinem Erdenwesen ungetrübtes Glück zu teil. Ich bin ja nicht zu einem besseren Geschick geboren als meine Mitmenschen. Daß solch ein Los mir zu teil werden sollte, ist ein Feenmärchen – ein Morgentraum.«

»Den ich in Erfüllung gehen lassen kann und werde. Noch heute werde ich mit der Verwirklichung beginnen. Heute Morgen habe ich an meinen Banquier in London geschrieben, daß er mir gewisse Juwelen schickt, die er in Verwahrung hat – Erbstücke der Gebieterinnen von Thornfield. In zwei, drei Tagen hoffe ich, sie dir in den Schoß schütten zu können, denn jeder Vorzug, jede Aufmerksamkeit soll dir werden, die ich der Tochter eines Pairs gewähren würde, wenn ich im Begriffe stände, sie zu heiraten.«

»O, Sir, sprechen Sie nicht von Juwelen! – Ich mag nicht davon reden hören. Juwelen für Jane Eyre! Das klingt seltsam und unnatürlich! Ich möchte sie lieber nicht haben.«

»Ich selbst will die Diamantenkette um deinen Hals legen und deine Stirn mit dem Diadem krönen! Wie herrlich wird es dich kleiden! Denn die Natur hat dir den Adelsbrief auf die Stirn geschrieben, Jane! Und ich will diese zarten Gelenke mit Armbändern schmücken, und diese kleinen Feenfinger mit kostbaren Ringen beladen.«

»Nein, nein, Sir! Denken Sie an andere Dinge, sprechen Sie von anderen Sachen und mit anderen Worten! Reden Sie nicht zu mir, als wenn ich eine Schönheit wäre; ich bin nichts als Ihre einfache, quäkerhafte Gouvernante.«

»In meinen Augen bist du eine Schönheit, und gerade eine Schönheit nach meinem Herzen; – zart und elfengleich.«

»Klein und unbedeutend, wollen Sie sagen. Ach, Sie träumen, Sir, oder Sie spotten meiner. Um der himmlischen Barmherzigkeit willen, seien Sie nicht satyrisch!«

»Ich werde es auch noch dahin bringen, daß die Welt dich als Schönheit anerkennt,« fuhr er fort, während die Art und Weise seiner Rede begann mich unruhig zu machen. Denn ich fühlte, daß er entweder sich selbst täuschte, oder mich zu täuschen versuchte.

»Ich will meine Jane in Samt und Seide und Spitzen kleiden und sie soll Rosen im Haar tragen; und das Haupt, das mir über alles teuer ist, will ich in einen köstlichen, unschätzbaren Schleier hüllen.«

»Und dann werden Sie mich nicht mehr kennen, Sir; und ich werde Ihre alte Jane Eyre nicht mehr sein, sondern ein Affe in einer Harlequinsjacke – eine Elster in geborgten Federn. Wahrlich, Mr. Rochester, ich möchte Sie lieber in einem Theaterkostüm sehen, als mich selbst in dem Kleide einer Hofdame. Und ich sage nicht, daß Sie schön sind, Sir, obgleich ich Sie grenzenlos liebe: viel zu innig und wahr, um Ihnen zu schmeicheln. Deshalb schmeicheln auch Sie mir nicht.«

Er setzte sein Thema jedoch fort, ohne meine ablehnende Mißbilligung zu bemerken.

»Noch heute werde ich dich nach Millcote hinüberfahren, damit du einige Kleider für dich wählst. Ich habe dir ja gesagt, daß wir in vier Wochen verheiratet sein werden. Die Trauung wird in aller Stille vollzogen, dort unten in jener Kirche, und dann werde ich dich sofort nach der Hauptstadt bringen. Nach einem kurzen Aufenthalt in London werde ich meinen Schatz in Regionen tragen, welche der Sonne näher sind, nach französischen Weingärten und italienischen Ebenen; und du wirst alles sehen, was berühmt in der alten Geschichte und wertvoll und kostbar in der Neuzeit ist. Du sollst auch das Leben in den großen Städten sehen, und du wirst lernen dich selbst hochzuschätzen durch den gerechten Vergleich mit andern.«

»Ich soll reisen? – und mit Ihnen, Sir?«

»Du sollst in Paris, Rom und Neapel leben; in Florenz, Venedig und Wien; du sollst den Boden wieder betreten, über den ich einst gewandelt bin; dein kleiner Fuß soll über die Stätten schweben, auf welchen ich einst einhergeschritten. Vor zehn Jahren bin ich wie ein Wahnsinniger durch ganz Europa gerast; Ekel, Haß und Wut waren meine Gefährten; jetzt werde ich geheilt und rein denselben Weg gehen – mir zur Seite ein Engel als Trösterin.« Ich lachte bei diesen seinen Worten.

»Ich bin kein Engel,« versicherte ich, »und ich werde auch keiner werden, bevor ich nicht tot und im Paradiese bin. Ich werde nur ich selbst sein. Mr. Rochester, Sie dürfen weder etwas himmlisches von mir erwarten, noch fordern – denn diese Forderung würde ich nicht erfüllen können, ebensowenig, wie Sie eine solche von meiner Seite erfüllen könnten. Aber ich erwarte auch nichts derartiges von Ihnen.«

»Was erwartest du denn von mir, Kleine?«

»Während einer kleinen Weile werden Sie vielleicht bleiben, wie Sie jetzt sind, – aber nur während einer sehr kurzen Weile. Und dann werden Sie kalt werden, und dann launenhaft, und schließlich werden Sie strenge werden und hart, und ich werde viel zu thun haben, um Sie zufrieden zu stellen; aber wenn Sie sich ganz an mich gewöhnt haben, so werden Sie mich vielleicht wieder lieb haben – lieb haben sage ich, nicht lieben. Ich vermute, daß Ihre Liebe in sechs Monaten, oder in vielleicht noch kürzerer Zeit, dahinschwinden wird. In Büchern, welche von Männern geschrieben sind, habe ich diesen Zeitpunkt als den weitesten erwähnt gefunden, bis zu welchem die Liebe eines Mannes sich erstreckt. Und doch hoffe ich, daß ich meinem teuren Herrn als Freundin und Begleiterin niemals ganz gleichgiltig sein werde.«

»Nicht ganz gleichgiltig! Und dich wieder lieb haben! Ich glaube, daß ich dich immer und immer wieder lieb haben werde, und du wirst mir eines Tages gestehen müssen, daß ich dich nicht nur lieb habe, sondern dich wahrhaft, innig und beständig liebe.«

»Und sind Sie nicht launenhaft, Sir?«

»Frauen gegenüber, an denen mir nichts gefällt, als ihr Gesicht, bin ich ein wahrer Teufel, wenn ich herausfinde, daß sie weder Herz noch Seele haben – wenn sie mir nur eine Perspektive von Unbedeutendheit, Schalkheit, Dummheit, Roheit und Böswilligkeit eröffnen; – aber für ein klares Auge und eine beredte Zunge, für eine feurige Seele und einen Charakter, der sich wohl beugt aber nicht bricht – der zugleich biegsam und stark, beständig und doch leicht zu behandeln ist – für diese bin ich stets treu und wahr.«

»Haben Sie je einen solchen Charakter kennen gelernt, Sir? Haben Sie einen solchen geliebt?«

»Ich liebe ihn jetzt.«

»Aber vor mir noch, wenn ich überhaupt einen so schwierigen Standpunkt einnehmen kann?«

»Ich habe niemals deinesgleichen gefunden, Jane, du gefällst mir, und du beherrschest mich – du scheinst dich zu unterwerfen, und ich bewundere die Schmiegsamkeit an dir; und während ich die weiche Seide um meinen Finger wickle, macht sie mein Herz erbeben. Ich bin beeinflußt, besiegt, und dieser Einfluß ist süßer, als ich sagen kann; und der Sieg, dem ich mich unterwerfen muß, ist bezaubernder als irgend ein Triumph, den ich gewinnen könnte. Weshalb lächelst du, Jane? Was hat jener unerklärliche, unschöne Wechsel des Gesichtsausdrucks zu bedeuten?«

»Ich dachte, Sir (Sie werden den Ideengang entschuldigen, er war unwillkürlich) ich dachte an Herkules und Samson –«

»Wirklich, meine kleine Elfe.«

»Ruhig, Sir! Sie sprechen in diesem Augenblick nicht sehr weise; nicht viel weiser als jene beiden Herren handelten. Indessen, wenn sie verheiratet gewesen wären, so würden sie ohne Zweifel durch ihre Strenge als Ehegatten ihre Thorheit als Bewerber wieder gut gemacht haben, – und ich fürchte, auch Sie werden das thun. Ich möchte nur wissen, wie Sie mir nach Ablauf eines Jahres antworten werden, wenn ich Sie um einen Dienst oder eine Gefälligkeit bitten sollte, deren Gewährung Ihnen nicht angenehm ist.«

»Bitte mich jetzt um etwas, Jane – um eine Kleinigkeit nur, ich wünsche, daß du mich bitten möchtest –«

»Gewiß Sir, ich will es, gewiß; ich habe schon eine Bitte in Bereitschaft.«

»Sprich! Wenn du aber aufblickst und mich mit solchem Ausdruck anlächelst, so schwöre ich dir Erfüllung deiner Bitte, bevor ich sie kenne, und das würde mich zum Thoren machen.«

»Durchaus nicht, Sir. Ich erbitte nur dieses: lassen Sie die Juwelen nicht kommen und bekränzen Sie mich nicht mit Rosen; es wäre ja gerade so gut, als wenn Sie jenes einfache Taschentuch dort in Ihrer Hand mit einem echt goldenen Streifen umrändern wollten.«

»Ebensogut könnte ich echtes Gold vergolden. Das weiß ich wohl. Deine Bitte sei dir also gewährt – für den Augenblick wenigstens. Ich werde die Ordre, die ich meinem Banquier erteilt habe, widerrufen. Aber du hast noch immer nichts erbeten; du hast gebeten, daß man ein Geschenk zurückziehe: versuch es also noch einmal.«

»Nun Sir, so haben Sie denn die Güte, meine Neugierde zu befriedigen, die in Bezug auf einen gewissen Punkt sehr rege geworden ist.«

Er sah verdutzt aus. »Was ist es? Was kann das sein?« fragte er hastig. »Die Neugierde ist eine gefährliche Bittstellerin. Es ist nur ein Glück, daß ich nicht geschworen habe, jede Bitte zu erfüllen –«

»Es kann aber nicht gefährlich sein, wenn Sie diese hier erfüllen, Sir.«

»So sprich sie aus, Jane. Aber ich möchte lieber, daß du mich um die Hälfte meines Besitztums bätest, als daß du versuchtest, ein Geheimnis zu erfragen.«

»Aber, König Ahasverus! Was könnte mir die Hälfte deines Besitztums nützen!! Meinen Sie, daß ich ein jüdischer Wucherer bin, der sein Geld sicher in Ländereien anlegen möchte? Viel lieber möchte ich Ihr ganzes Vertrauen besitzen. Wenn Sie mich an Ihr Herz nehmen, werden Sie mich doch nicht von Ihrem Vertrauen ausschließen?«

»Nimm mein ganzes Vertrauen, wenn es der Mühe wert ist, Jane. Aber um Gottes willen, lade keine unerträgliche Bürde auf dich! Verlange nicht nach Gift – werde nicht zu einer wahren Eva in meinen Händen!«

»Weshalb nicht, Sir? Sie haben mir eben erst gesagt, wie gern Sie sich besiegen lassen, und wie sehr Sie es lieben, überredet zu werden. Meinen Sie nicht, daß es gut wäre, wenn ich mir dies Bekenntnis zu Nutze machte und anfinge zu liebkosen, zu bitten, ja, wenn es notwendig wäre, sogar zu weinen und zu schmollen – nur um es auf einen Versuch meiner Macht ankommen zu lassen?«

»Ich gestatte dir jedes Experiment dieser Art. Sei anmaßend, sei vermessen, und das Spiel ist zu Ende.«

»Wirklich, Sir? Sie geben das Spiel bald auf. Wie ernst Sie jetzt aussehen! Ihre Augenbrauen sind so dick wie mein Finger geworden und Ihre Stirn gleicht dem, was ich in einem verblüffendem Gedicht einst als bläulich schimmernden Donnerkeil bezeichnet fand. Vermutlich, Sir, werden Sie diese Miene stets zur Schau tragen, wenn Sie verheiratet sind?«

»Und wenn dies deine verheiratete Miene sein wird, muß ich als guter Christ bald die Absicht aufgeben, mich einem Geist ober einem Salamander zu vermählen. Aber, liebes Ding, was wolltest du von mir erfragen? Heraus damit!«

»Nun, da haben wir's! Jetzt sind Sie wirklich weniger als höflich. Aber mir ist die Unhöflichkeit lieber als Schmeichelei. Ich will lieber ein »Ding« sein als ein Engel. Dies war es, was ich fragen wollte: Weshalb gaben Sie sich so viel Mühe, mich glauben zu machen, daß Sie Miß Ingram heiraten wollten?«

»War das alles? Gott sei gelobt, daß es nichts Schlimmeres war!«

Und jetzt glättete sich seine Stirn; er blickte auf mich herab, lächelte mir zu, streichelte mein Haar, als empfände er eine innige Freude darüber, eine Gefahr abgewendet zu sehen,

»Ich glaube, ich darf es dir beichten,« fuhr er fort, »selbst auf die Gefahr hin, daß du ein wenig zornig bist. Jane, ich habe ja gesehen, welch ein Feuergeist du sein kannst, wenn du gereizt bist. Selbst in dem kalten Mondlicht sah ich dich gestern Abend erglühen, als du dich gegen das Schicksal auflehntest und beanspruchtest, von mir als meines Gleichen betrachtet zu werden. Jane, nebenbei gesagt, du warst es, die mir den Antrag machte.«

»Natürlich that ich das. Aber zur Sache, wenn es Ihnen beliebt, Sir – Miß Ingram?«

»Nun, so höre denn; ich machte Miß Ingram scheinbar den Hof, weil ich wünschte, dich ebenso wahnsinnig verliebt in mich zu machen, wie ich in dich verliebt war; und ich wußte, daß Eifersucht die beste Verbündete sein würde, welche ich zu diesem Zweck zu Hilfe rufen könne!«

»Ausgezeichnet! – Jetzt sind Sie klein – nicht um ein Jota größer, als die Spitze meines kleinen Fingers. Es war ein himmelschreiendes Unrecht und eine große Schande, in dieser Weise zu handeln. Dachten Sie denn gar nicht an Miß Ingrams Gefühle, Sir?«

»Ihre Gefühle konzentrieren sich in einem einzigen: in dem maßlosesten Stolze; und dieser muß gedemütigt werden. Warst du denn auch wirklich eifersüchtig, Jane?«

»Lassen wir das, Mr. Rochester. Es kann Sie unmöglich interessieren, das zu wissen. Antworten Sie mir noch einmal aufrichtig. Glauben Sie nicht, daß Miß Ingram unter Ihrer unehrlichen Koketterie leiden wird? Wird sie sich nicht für eine Verlassene, eine Verratene halten?«

»Unmöglich! – Ich habe dir doch erzählt, wie sie im Gegenteil mich verlassen hat. Die Flamme ihrer Liebe wurde in einem Augenblick durch das Gerücht meiner Insolvenz abgekühlt oder vielmehr gelöscht.«

»Sie haben einen seltsamen, intriguanten Sinn, Mr. Rochester. Ich fürchte, daß Sie in manchen Dingen sehr excentrische Grundsätze haben.«

»Meine Prinzipien wurden niemals durch eine strenge Schule herangebildet; durch Mangel an Zucht mögen sie ein wenig fadenscheinig geworden sein.«

»Noch einmal und in vollem Ernst: darf ich das große Glück, das mir geworden, ohne die Furcht genießen, daß nicht jetzt eine andere den bittern Schmerz durchkostet, den ich selbst noch vor kurzem empfand?«

»Das darfst du, mein kleines Mädchen. Auf der ganzen Welt giebt es kein zweites Wesen, das dieselbe reine Liebe für mich hegt, wie du – denn der Glaube an deine Liebe, Jane, ist der heilende, wohlthuende Balsam, den ich für meine Seele brauche.«

Ich drückte meine Lippen auf die Hand, welche auf meiner Schulter ruhte. Ich liebte ihn sehr – sehr – mehr als ich den Mut hatte ihm zu gestehen – mehr als Worte überhaupt auszudrücken vermochten.

»Verlange noch etwas anderes von mir,« sagte er nach einigen Sekunden, »es ist meine Wonne, gebeten zu werden und nachzugeben.«

Ich hatte meine Bitte schon wieder in Bereitschaft.

»Teilen Sie Ihre Absichten Mrs. Fairfax mit, Sir, Sie hat mich gestern Abend mit Ihnen in der Halle gesehen, und sie war empört. Geben Sie ihr irgend eine Erklärung, bevor ich genötigt bin, wieder mit ihr zusammenzutreffen. Es kränkt mich, daß eine so gute Frau, wie sie ist, mich falsch beurteilt.«

»Geh auf dein Zimmer und setze deinen Hut auf,« entgegnete er. »Ich wünsche, daß du mich heute Morgen nach Millcote begleitest, und während du deine Vorbereitungen für die Fahrt triffst, will ich den Verstand der alten Dame aufklären. Jane, glaubte sie, daß du die Welt für deine Liebe hingegeben, und daß jetzt alles verloren sei?«

»Ich glaube, sie meinte, daß ich sowohl Ihre Stellung wie die meine vergessen hätte, Sir.«

»Stellung! – Stellung! – Deine Stellung ist in meinem Herzen und auf dem Nacken derjenigen, die dich jetzt oder in Zukunft beleidigen möchten. – Geh jetzt.«

Ich war bald angekleidet. Und als ich hörte, daß Mr. Rochester Mrs. Fairfax' Wohnzimmer verließ, eilte ich hinunter zu ihr. Die alte Dame hatte gerade ihr Morgenkapitel aus der Bibel gelesen – die Epistel für den Tag. Die Bibel lag aufgeschlagen vor ihr, und die Brille lag zwischen den Blättern. Diese ihre Beschäftigung, in welcher sie jetzt durch Mr. Rochesters Nachricht unterbrochen worden, schien jetzt vergessen. Ihre Augen, welche auf die gegenüberliegende leere Wand geheftet waren, drückten das Erstaunen eines stillen Gemüts aus, das durch überraschende Nachrichten aus seiner gewohnten Ruhe aufgescheucht worden. Als sie mich sah, ermannte sie sich; sie machte eine leise Anstrengung zu lächeln und stotterte einige beglückwünschende Worte hervor. Aber das Lächeln schwand hin, der Satz blieb unvollendet. Sie setzte die Augengläser wieder auf, schloß die Bibel und schob ihren Stuhl vom Tisch zurück.

»Ich bin so außerordentlich überrascht,« begann sie alsdann, »ich weiß kaum, was ich Ihnen sagen soll, Miß Eyre. Ich glaube fast geträumt zu haben, aber dem ist nicht so, nicht wahr? Wenn ich hier so allein sitze, falle ich manchmal in eine Art Halbschlaf und dann sehe und höre ich allerhand Dinge, die gar nicht existieren. Mehr als einmal habe ich in meinem Schlummer meinen armen teuren Mann gesehen, wie er hereinkam und sich an meine Seite setzte; er ist nun schon über fünfzehn Jahre tot, und doch habe ich ihn mich bei Namen rufen hören, Alice!! Alice! wie er es zu thun pflegte. Nun, können Sie mir sagen, ob es wirklich und wahrhaftig wahr ist, daß er Sie gebeten hat, ihn zu heiraten? Lachen Sie mich nicht aus! Aber mir ist wirklich, als wäre er vor kaum fünf Minuten hier im Zimmer gewesen und hätte mir erzählt, daß Sie binnen einem Monat seine Frau sein würden.«

»Dasselbe hat er mir gesagt,« entgegnete ich.

»Hat er das! Glauben Sie ihm? Haben Sie ihn wirklich angenommen?«

»Ja.«

Sie blickte mich bestürzt an.

»Das hätte ich nimmermehr gedacht. Er ist ein stolzer Mann. Alle Rochesters waren stolz. Und sein Vater wenigstens liebte auch das Geld gar sehr. Auch von ihm sagte man stets, daß er sehr vorsichtig und sparsam sei. Er hat wirklich die Absicht, Sie zu heiraten?«

»Wenigstens sagt er mir das.«

Sie musterte mich von Kopf bis zu Fuß. In ihren Augen las ich, daß sie keine Reize an mir fand, die stark genug gewesen waren, das Rätsel zu lösen.

»Nein, es geht über meinen Verstand,« fuhr sie fort, »aber es muß natürlich wahr sein, wenn Sie selbst es sagen. Wie es ausfallen wird – Gott mag es wissen: ich weiß es wahrlich nicht. Gleichheit der Stellung und des Vermögens ist in solchen Fällen sehr ratsam, und der Altersunterschied zwischen Ihnen beträgt mehr als zwanzig Jahre. Er könnte fast Ihr Vater sein.«

»Nein, in der That, Mrs. Fairfax!« rief ich ärgerlich aus. »Er hat durchaus nichts von einem Vater. Niemand, der uns jemals beisammen gesehen hat, würde derartiges vermuten. Mr. Rochester sieht so jung aus und ist so jung wie die meisten Männer mit fünfundzwanzig Jahren.«

»Und wird er Sie wirklich aus Liebe heiraten?« fragte sie dann wieder.

Ihr Skepticismus und ihre Kälte verletzten mich derartig, daß meine Augen sich mit Thränen füllten.

»Es thut mir leid, daß es Sie schmerzt,« fuhr die gutmütige, alte Witwe fort, »aber Sie sind so jung, Sie haben so wenig Menschenkenntnis, ich möchte Sie gern etwas vorsichtig machen. Es giebt ein altes Sprichwort: »es ist nicht alles Gold was glänzt«, und ich fürchte, daß wir in dieser Angelegenheit etwas finden werden, das sehr verschieden ist von dem, was Sie und ich erwarten.«

»Weshalb? – Bin ich denn ein Ungeheuer?« fragte ich. »Ist es unmöglich, daß Mr. Rochester eine aufrichtige Neigung für mich hegen könnte?«

»Nein. Sie sind ganz hübsch und in der letzten Zeit haben Sie sich sehr verschönt. Möglich ist es ja, daß Mr. Rochester Sie sehr lieb hat. Ich habe immer bemerkt, daß er eine gewisse Vorliebe für Sie hegte. Es hat Zeiten gegeben, wo ich um Ihretwillen ein wenig unruhig über seine so stark markierte Bevorzugung Ihrer Person war und oft wünschte, Sie ein wenig vorsichtig zu machen. Aber es verletzte mich, auch nur die Möglichkeit eines Unrechts zu berühren. Ich wußte, daß solch eine Idee Sie beleidigen, vielleicht empören würde; und Sie selbst waren so diskret, und so durchaus vernünftig und bescheiden, daß ich hoffte, man würde Sie Ihrem eigenen Schutz überlassen können. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, was ich gelitten habe, als ich Sie gestern Abend im ganzen Hause suchte und weder Sie noch unsern Herrn finden konnte. Und als ich Sie dann um Mitternacht mit ihm heimkehren sah!«

»Nun lassen Sie das jetzt und denken Sie nicht mehr daran,« unterbrach ich sie ungeduldig, »es muß Ihnen genügen, daß es durchaus in der Ordnung war.«

»Ich will nur hoffen, daß schließlich alles in Ordnung kommt,« sagte sie, »aber glauben Sie mir, daß Sie gar nicht vorsichtig genug sein können. Versuchen Sie, Mr. Rochester in einer gewissen Entfernung zu halten. Trauen Sie ihm ebensowenig wie sich selbst. Herren in seiner Stellung pflegen gewöhnlich nicht ihre Gouvernanten zu heiraten.«

Ich wurde wirklich ärgerlich; glücklicherweise kam Adele ins Zimmer gelaufen.

»Lassen Sie mich mitfahren, – nehmen Sie mich auch mit nach Millcote!« rief sie. »Mr. Rochester will mich nicht mitnehmen, obgleich in dem neuen Wagen noch soviel Platz ist. Mademoiselle, bitten Sie für mich, daß er mich mitnimmt.«

»Das will ich, Adele;« und froh, meiner trübseligen Lehrmeisterin zu entrinnen, lief ich mit ihr von dannen. Der Wagen war bereit, der Kutscher fuhr gerade am Hauptportal vor; mein Herr und Gebieter ging vor dem Hause auf und ab, Pilot folgte ihm geduldig vorwärts und rückwärts auf den Fersen.

»Nicht wahr, Sir, Adele darf uns begleiten?«

»Ich habe es ihr abgeschlagen. Ich will keine kleinen Rangen. Ich will nur dich.«

»Lassen Sie sie mitkommen, Mr. Rochester, ich bitte Sie darum. Es wäre wirklich besser.«

»Nein. Sie würde uns nur Zwang auferlegen.«

Er sprach in einem sehr befehlenden Ton; seine Blicke befremdeten mich. Ich stand noch unter dem erkältenden Einfluß von Mrs. Fairfaxs Warnungen; als ich an die Zweifel dachte, welche sie ausgesprochen, überlief es mich wiederum eisig. Meine Hoffnungen wurden durch ein Gefühl von Ungewißheit und Haltlosigkeit herabgedrückt. Das Bewußtsein meiner Macht über ihn schwand dahin. Ich war nahe daran, ihm ohne weitere Gegenvorstellungen zu gehorchen. Als er mir beim Besteigen des Wagens behilflich war, sah er mir indessen ins Gesicht.

»Was bedeutet das?« fragte er, »aller Sonnenschein dahin geschwunden. Wünschest du denn wirklich, daß das Kind uns begleitet? Betrübt es dich in der That, wenn die Kleine zurückbleiben muß?«

»Es wäre mir lieber, wenn sie mit käme, Sir.«

»Dann lauf und hole deinen Hut, sei aber schnell wie der Blitz,« rief er Adele zu.

Sie gehorchte ihm so schnell sie konnte.

»Schließlich bedeutet die Störung eines einzigen Morgens ja auch nicht viel,« sagte er, »denn bald werde ich ja dich, deine Gedanken, deine Worte, deine Gesellschaft ganz für mich in Anspruch nehmen – fürs ganze lange Leben.«

Als Adele in den Wagen gehoben wurde, begann sie mich zu küssen, um mir ihre Dankbarkeit für meine Vermittelung zu bezeigen. Augenblicklich schob er sie in einen Winkel auf seiner andern Seite. Dann beugte sie sich an ihm vorüber zu mir hin. Ihr ernster Nachbar legte ihr zu viel Zwang auf. Ihm wagte sie in seiner jetzigen frostigen Laune ihre Bemerkungen nicht zuzuflüstern, und ebensowenig wagte sie, irgend eine Aufklärung oder Auskunft von ihm zu erbitten.

»Lassen Sie sie zu mir kommen,« bat ich, »vielleicht wird sie Sie belästigen, Sir; auf dieser Seite ist noch genug Platz.«

Er reichte sie mir hin, als wäre sie ein Schoßhündchen. »Ich werde sie doch noch in ein Institut schicken,« sagte er, aber jetzt lächelte er.

Adele hörte seine Worte und fragte, ob sie »sans mademoiselle« in das Institut geschickt werden solle.

»Ja,« sagte er, »ganz entschieden sans mademoiselle; denn ich werde mit Mademoiselle in den Mond reisen und dort werde ich eine Höhle in einem der weißen Thäler zwischen den feuerspeienden Bergen suchen, und dort oben wird Mademoiselle dann mit mir leben, ganz allein mit mir.«

»Dort wird sie aber nichts zu essen haben; Sie werden sie zu Tode hungern lassen,« bemerkte Adele.

»Tag und Nacht werde ich Manna für sie sammeln; die Ebenen und Bergrücken sind weiß vor Manna dort oben im Mond, Adele.«

»Aber wenn sie friert und Wärme braucht, wie soll sie denn ein Feuer bekommen?«

»Das Feuer steigt aus allen Mondbergen auf; wenn sie friert, trage ich sie auf irgend eine Bergspitze und lege sie am Rande des Kraters nieder.«

»Oh, qu'elle y sera mal – peu comfortable! Und ihre Kleider – die wird sie abtragen. Wie soll sie dann neue bekommen?«

Mr. Rochester that, als sei er um eine Antwort verlegen.

»Hm!« sagte er. »Was würdest du thun, Adele? Zerbrich dir den Kopf, um ein Auskunftsmittel zu finden. Was meinst du wohl, wie würde eine weiße oder eine rosa Wolle sich als Kleid machen? Und aus einem Regenbogen könnte man vielleicht eine hübsche Schärpe schneiden.«

Nachdem Adele eine Weile nachgedacht hatte, sagte sie: »Nein, es geht ihr hier viel besser; und außerdem würde sie sich furchtbar langweilen und müde werden, wenn sie dort oben mit Ihnen allein wohnen sollte. Wenn ich Mademoiselle wäre, würde ich niemals einwilligen, mit Ihnen zu gehen.«

»Sie hat schon eingewilligt; sie hat mir ihr Wort gegeben.«

»Aber Sie können sie ja gar nicht hinaufbringen; es führt keine Straße zum Mond; es ist alles nur Luft; und Sie können nicht fliegen und Mademoiselle auch nicht.«

»Adele, sieh jenes Feld an.«

Wir waren jetzt außerhalb der Thore von Thornfield und rollten sanft auf der ebenen Landstraße nach Millcote zu. Der Gewittersturm hatte den Staub bewältigt; die niedrigen Hecken und hohen Bäume zu beiden Seiten des Weges prangten in schönstem Grün, das durch den Regen erfrischt war.

»Adele, auf jenem Felde ging ich vor ungefähr vierzehn Tagen eines Abends spät umher, es war am Abend jenes Tages, an dem du mit mir auf der großen Wiese im Obstgarten das Heu zusammengetragen hast. Da ich müde war von der Arbeit, setzte ich mich an einem Zauntritt nieder. Dann zog ich ein kleines Buch und einen Bleistift hervor und begann von einem Unglück zu schreiben, das vor langer Zeit über mich hereingebrochen; und dann schrieb ich den heißen Wunsch nieder, daß noch einmal glückliche Tage für mich kommen möchten. Ich schrieb sehr schnell, obgleich das Tageslicht dahinschwand, als etwas den Fußpfad heraufkam und einige Schritte vor mir stehen blieb. Ich blickte es an. Es war ein kleines, winziges Ding, das einen Schleier von Spinnweben auf dem Kopfe trug. Ich winkte ihm näher zu kommen; bald stand es auf meinem Schoße, Ich sprach nicht zu ihm – es sprach nicht zu mir – in Worten; aber ich las in seinen Augen und es las in den meinigen; und unser stummes Gespräch lautete ungefähr so:

»Es sei eine Elfe, sagte es, und käme aus dem Feenlande; es sei gekommen, um mich glücklich zu machen, aber ich müsse mit ihm aus der gemeinen, alltäglichen Welt hinausgehen an einen einsamen Ort – nach dem Monde zum Beispiel – und es zeigte dorthin, wo er gerade rot und leuchtend über dem Hügel aufging – und erzählte mir von den alabasternen Höhlen und silbernen Thälern, wo wir leben könnten. Ich sagte, daß ich gern mit ihm gehen würde, aber ich erinnerte das zarte Ding daran, wie du es gethan, daß ich keine Flügel zum Fliegen hätte.

»O,« entgegnete die Elfe, »das schadet nicht! Hier ist ein Talisman, der alle Schwierigkeiten beiseite räumt,« und sie hielt mir einen hübschen, goldenen Riug vor die Augen. »Schiebe ihn an den vierten Finger meiner linken Hand und ich gehöre dir und du gehörst mir; und wir werden diese Erde verlassen und uns dort drüben unsern Himmel suchen.« Dann nickte das kleine Ding dem Monde wieder zu.

»Den Ring, Adele, trage ich in meiner Brusttasche, ich habe ihn in einen Sovereign verwandelt; aber ich werde ihn bald wieder entzaubern und einen Ring daraus machen.«

»Aber was hat Mademoiselle mit dem allen zu thun? Die Elfe kümmert mich nicht; Sie haben ja gesagt, Sie wollten Mademoiselle nach dem Mond tragen – – –?«

»Mademoiselle ist ja eine Elfe,« sagte er geheimnisvoll flüsternd. Darauf sagte ich ihr, dies alles sei nur Plauderei, und sie solle nicht darauf hören; und sie ihrerseits zeigte einen reichen Vorrat von echt französischem Skepticismus, indem sie Mr. Rochester »un vrai menteur« (einen wahren Lügner) nannte und ihm sagte, sie höre gar nicht auf seine Feengeschichten, und daß »du reste il n'y avait pas de fées, et quand même il y en avait« sie fest überzeugt sei, daß ihm keine erscheinen würden und ihm Ringe schenken und ihm anbieten, mit ihm nach dem Mond zu reisen.

Die Stunde, welche wir in Millcote zubrachten, war eine ziemlich qualvolle für mich. Mr. Rochester zwang mich, nach einer gewissen Seidenhandlung zu gehen, und dort befahl er mir, ein halbes Dutzend seidener Kleider zu wählen. Ich haßte dieses Geschäft, ich bat, es noch aufschieben zu dürfen, nein – es sollte jetzt abgeschlossen werden. Durch meine dringenden, ihm ängstlich zugeflüsterten Bitten reduzierte ich das halbe Dutzend auf zwei Stück; diese beiden schwor er aber selbst auswählen zu wollen. Mit wahrer Todesangst gewahrte ich, wie seine Blicke über den bunten Warenvorrat schweiften. Auf einem reichen amethystfarbenen Seidenstoff und einem prächtigen rosa Atlas blieben sie haften. Wiederum flüsterte ich ihm zu, daß er ebensogut ein goldenes Kleid und einen silbernen Hut für mich kaufen könne, denn ich würde niemals den Mut haben, die Stoffe seiner Wahl zu tragen. Er war starr wie ein Stein, und erst nach unendlicher Mühe gelang es mir, ihn zu überreden, daß er dafür ein solides schwarzes Atlaskleid und eine helle perlgraue Seidenrobe eintauschte.

»Für den Augenblick solle ich meinen Willen haben,« sagte er, »aber er würde mich doch noch einmal farbenprächtig gekleidet sehen, wie ein Blumenbeet.«

Ich war froh, ihn endlich aus dem Seidenwarengeschäft und schließlich noch aus dem Laden eines Juweliers herauszubekommen; denn je mehr er mir kaufte, desto mehr fühlte ich ein Erröten des Ärgers und der Herabwürdigung in meine Wangen steigen. Als wir wieder im Wagen saßen, und ich mich müde und fieberhaft in die Polster zurücklehnte, fiel mir ein, was ich im Lauf der trüben und glücklichen Begebenheiten ganz vergessen hatte – der Brief meines Onkels, John Eyre, an Mrs. Reed: seine Absicht mich zu aboptieren und mich zu seiner Erbin zu machen.

»Es würde in der That eine Erleichterung sein,« dachte ich, »wenn ich auch nur die allerbescheidenste Unabhängigkeit in pekuniärer Beziehung hätte; ich werde mich niemals darein finden können, von Mr. Rochester wie eine Puppe herausgeputzt zu werden, oder wie eine zweite Danaë dazusitzen und täglich den goldenen Regen auf mich herabfallen zu sehen. Sobald ich nach Hause komme, werde ich nach Madeira schreiben und meinem Onkel John mitteilen, daß ich im Begriff bin, mich zu verheiraten und mit wem; wenn mir nur die Aussicht blieb, daß Mr. Rochester eines Tages durch mich ein großes Vermögen zufallen würde, so sollte es mir auch nicht so schwer werden, mich jetzt von ihm erhalten zu lassen.«

Und nach diesem Gedanken, welchen ich nicht unterließ noch an demselben Tage auszuführen, faßte ich wieder den Mut, meinem Gebieter und Geliebten ins Auge zu sehen, das fortwährend meine Blicke gesucht hatte, obgleich ich sowohl Antlitz wie Augen abgewendet gehalten. Er lächelte; und mir schien sein Lächeln ähnlich jenem, mit welchem ein Sultan die Sklavin zu beglücken pflegt, welche er mit seinem Gold und seinen Juwelen geschmückt hat. Ich drückte seine Hand, welche fortwährend die meine gesucht hatte, herzhaft, und warf sie dann von mir; sie war noch rot von meinem leidenschaftlichen Drucke.

»Sie brauchen mich nicht so anzusehen,« sagte ich. »Wenn Sie es noch einmal thun, werde ich bis ans Ende des Kapitels nichts tragen als meine alten Kleider von Lowood. Ich werde mich in diesem fliederfarbenen Baumwollkleidchen trauen lassen – und Sie können sich aus dem perlgrauen Seidenzeuge einen Schlafrock machen lassen, und aus dem schwarzen Atlas eine endlose Reihe von Westen.«

Er kicherte in sich hinein; er rieb sich die Hände: »Ach, es ist ein kostbares Vergnügen, sie zu hören und zu sehen!« rief er aus. »Ist sie nicht originell? Ist sie nicht pikant? Ich würde dies eine kleine, englische Mädchen nicht gegen den ganzen Harem des Großtürken austauschen, mit all seinen Houriaugen und Gazellenformen!«

Diese orientalische Anspielung ärgerte mich wieder: »Ich werde Ihnen durchaus nicht den Harem ersetzen,« sagte ich; »also bitte ich Sie, mich nicht als Ersatz für einen solchen anzusehen; wenn Sie irgendwie für dergleichen Sinn haben, so machen Sie, daß Sie fortkommen, fort nach den Bazars von Stambul, Sir; und legen Sie einen Teil Ihres überflüssigen Geldes, welches Sie hier nicht nach Ihrem Sinne anbringen zu können scheinen, in ausgiebigen Sklavenankäufen an.«

»Und was wirst du thun, Jane, wenn ich um so und so viel Tonnen Fleisches und um ein Sortiment schwarzer Augen handle?«

»Ich bereite mich darauf vor, als Missionärin hinauszugehen in alle Lande und Freiheit allen denen zu predigen, die in Sklaverei leben – unter anderen auch den Bewohnerinnen Ihres Harems. Man wird mir dort Einlaß gewähren, und ich werde eine Empörung anzetteln. Und Sie, Pascha mit den drei Roßschweifen, werden im Umsehen von unseren Händen gefesselt dastehen; und ich für mein Teil werde nicht eher einwilligen, Ihre Fesseln zu lösen, bis Sie nicht das freisinnigste Gesetz unterschrieben haben, welches ein Despot jemals gegeben hat.«

»Ich würde mich dir auf Gnade und Ungnade ergeben, meine kleine Jane.«

»Ich würde keine Gnade üben, Mr. Rochester, wenn Sie mich mit solchen Augen darum bäten. Wenn Sie so aussähen, würde ich sicher sein, daß Sie jedes Gesetz, welches Sie unter drückendem Zwange unterschreiben, sofort übertreten würden, wenn Sie wiederum in Freiheit sind.«

»Nun, Jane, was willst du denn eigentlich von mir? Ich fürchte, du wirst mich zwingen, noch eine zweite Trauungsceremonie, außer jener am Altar, vornehmen zu lassen. Du wirst noch ganz besondere Bedingungen stipulieren; das sehe ich schon – welcher Art werden sie sein?«

»Ich möchte nur ein fröhliches Gemüt, Sir, auf dem keine Verpflichtungen lasten. Erinnern Sie sich, was Sie von Celine Varens sagten? – von den Diamanten, den Cachemirs, die Sie ihr geschenkt haben. Ich will nicht Ihre englische Celine Varens sein. Ich werde fortfahren, Adeles Gouvernante zu sein, damit verdiene ich mir Wohnung und Beköstigung, und außerdem noch dreißig Pfund jährlich. Von diesem Gelde werde ich meine Garderobe anschaffen, und Sie sollen mir nichts geben als – – –«

»Nun, als?«

»Ihre Achtung; und wenn ich Ihnen die meine dafür wiedergebe, so ist die Schuld abgezahlt.«

»Wahrhaftig, was kalte, angeborene Keckheit, und reinen, unbeugsamen Stolz anbetrifft, hast du nicht deinesgleichen,« sagte er. Jetzt näherten wir uns Thornfield.

»Möchtest du heute mit mir zu Mittag speisen?« sagte er, als wir durch die Parkthore von Thornfield fuhren.

»Nein, ich danke Ihnen, Sir.«

»Und weshalb »nein, ich danke Ihnen, Sir,« wenn man so frei sein darf zu fragen?«

»Ich habe noch niemals mit Ihnen gespeist, Sir, und ich sehe nicht ein, weshalb ich es jetzt thun sollte, bevor – –«

»Nun, bevor? Diese halben Phrasen scheinen dir ein besonderes Vergnügen zu machen.«

»Bevor es nicht sein muß.«

»Glaubst du vielleicht, daß ich wie ein Menschenfresser oder wie ein Vielfraß esse, daß du nicht die Gefährtin meiner Mahlzeiten sein willst?«

»Ich habe mir wirklich gar keine Meinung über diese Sache gebildet, Sir; aber ich möchte noch einen Monat so weiter leben wie bisher.«

»Nein, du sollst deine Gouvernantensklaverei augenblicklich aufgeben.«

»In der That! Ich bitte um Verzeihung, Sir, aber ich werde das nicht thun. Ich werde gerade so weiter leben wie bisher. Ich werde mich während des ganzen Tages von Ihnen fern halten, wie ich gewöhnt war, es zu thun; wenn Sie mich sehen wollen, können Sie mich des Abends holen lassen; dann werde ich kommen; aber zu keiner andern Zeit.«

»Ich möchte eine Cigarre rauchen, Jane, oder eine Prise Tabak nehmen, um mich für alles dies zu trösten »pour me donner une contenance« wie Adele sagen würde; und unglücklicherweise habe ich meine Cigarrentasche und meine Tabaksdose vergessen. Aber hör' mich an, jetzt ist es deine Zeit, kleine Tyrannin, aber binnen kurzem wird die meine kommen. Und wenn ich dich einmal ordentlich gefaßt habe, um dich zu haben und zu halten, so werde ich dich – figürlich gesprochen – an eine Kette wie diese hier legen.« Hier berührte er seine Uhrkette, »Ja, du kleines, liebes Ding, ich werde dich an meinem Herzen tragen, damit mein Juwel nicht verloren geht.« Dies sagte er, indem er mir behilflich war, dem Wagen zu entsteigen; und während er darauf Adele heraus half, trat ich ins Haus und entkam glücklich nach oben.

Am Abend ließ er mich richtig holen. Ich hatte ihm eine Beschäftigung zugedacht; denn ich war fest entschlossen, den Abend nicht im tête-à-tête mit ihm zuzubringen. Ich erinnerte mich seiner schönen Stimme; ich wußte, daß er gern sang; gute Sänger thun es gewöhnlich. Ich selbst war keine Sängerin und nach seinem strengen Urteil auch nicht einmal musikalisch. Aber es war eine Wonne für mich zuzuhören, wenn die Leistung eine gute war. Kaum war also die Dämmerung, die Stunde der Romantik hereingebrochen und hatte ihr blau- und goldgestirntes Banner vor unsere Fenster gebreitet, als ich mich erhob, das Klavier öffnete und ihn um des Himmels willen bat, mir ein Lied zum besten zu geben. Er sagte, ich sei eine launenhafte Hexe, und daß er mir lieber ein anderes Mal etwas vorsingen wolle; aber ich behauptete, daß nichts über die Gegenwart gehe.

»Ob seine Stimme mir denn eigentlich so sehr gefiele?« fragte er.

»Ganz außerordentlich.«

Ich war eigentlich nicht willens, seiner großen Eitelkeit zu schmeicheln; aber dieses eine Mal ward ich meinen Grundsätzen aus Nützlichkeitsrücksichten untreu, und ich begann ihn anzuspornen und zu bitten.

»Dann mußt du aber die Begleitung spielen, Jane.«

»Meinetwegen, Sir, ich werde es versuchen.«

Ich versuchte es also, aber er entfernte mich sofort von dem Stuhl und nannte mich »eine kleine Stümperin«. Nachdem er mich ohne weiteres Ceremoniell beiseite gestoßen hatte – das war's ja gerade, was ich wollte – nahm er meinen Platz ein und fuhr fort, sich selbst zu begleiten, denn er konnte ebensogut spielen wie singen. Ich verkroch mich in die Fenstervertiefung, und während ich dasaß und hinaus auf den dämmernden Garten und die stillen Baumgruppen blickte, horchte ich auf ein süßes Lied, das mit herrlicher Stimme gesungen wurde. Die Worte lauteten:

Die treuste Lieb', die je ein Herz
Mit Allgewalt bewegt,
Das höchste Leid, den größten Schmerz
Hab' ich um sie gehegt.

Mein Glück, ihr Kommen war's allein,
Ihr Scheiden meine Qual,
Und der Gedanke herbe Pein,
Sie bleibe fort einmal.

Es war ein Traum voll Seligkeit,
Von ihr geliebt zu sein.
Du schöner Traum, wie weit, wie weit
Liegst du im Dämmerschein.

Denn dunkel war der weite Raum,
Der unser Leben trennt,
Und voll Gefahr und Not, wie kaum
Das Schiff im Sturm sie kennt.

Doch ich, ich trotzte der Gefahr,
Ich stürmte dran vorbei.
Und nahm, was drohend, warnend war,
Als ob's für mich nicht sei.

Denn hin durch Dunkelheit und Nacht,
Durch Wolken schwer und wild,
Strahlt mir in glänzend heller Pracht
Ihr liebes, süßes Bild.

Was kümmert mich nun Haß und Wut,
Was mein vergang'nes Leid!
Was kümmert mich der Rache Glut,
Sie komm' – ich bin bereit!

Denn sie, sie gab die weiße Hand
Mir still vertrauensvoll,
Und flüstert, daß ein heil'ges Band
Uns bald vereinen soll.

Ein Kuß besiegelt, daß sie sich
Mir ganz zu eigen giebt!
In heiliger Freude juble ich:
Ich lieb', und werd' geliebt!

Er erhob sich und kam zu mir; ich sah sein Gesicht entflammt, sein reiches, falkenähnliches Auge blitzte und Zärtlichkeit und Leidenschaft spiegelten sich in seinen Zügen. Einen Augenblick sank mir der Mut – dann ermannte ich mich. Ich wollte keine Liebesscene, keine kühne Demonstration – und beides drohte mir in diesem Moment. Eine Verteidigungswaffe mußte vorbereitet werden – ich wetzte meine Zunge, Als er neben mir stand, fragte ich strenge: »Nun, wen werden Sie denn jetzt heiraten?«

»Das ist eine seltsame Frage von den Lippen meines Lieblings, Jane!«

»In der That! Ich hielt sie für sehr natürlich und vor allen Dingen für sehr notwendig. Sie sprachen davon, daß Ihre zukünftige Gattin mit Ihnen sterben solle? Was meinen Sie mit solch einer heidnischen Idee? Ich habe durchaus nicht die Absicht, mit Ihnen zu sterben – darauf können Sie sich verlassen.«

»O, alles was ich ersehne, alles was ich erflehe, ist, daß es uns vergönnt sein möge, miteinander zu leben! Der Tod ist nicht da für ein Wesen wie du es bist.«

»In der That ist er das! Ich habe ebensogut das Recht zu sterben, wenn meine Zeit kommt, wie Sie; aber ich will die Zeit abwarten und mich nicht wie eine indische Witwe mit meinem Gatten verbrennen lassen.«

»Willst du mir jenen selbstsüchtigen Gedanken vergeben und mir deine Verzeihung durch einen versöhnenden Kuß beweisen?«

»Nein, lieber nicht, wenn es sein kann.«

Hier hörte ich, wie er mich »ein hartköpfiges, kleines Ding« nannte, und dann vernahm ich noch, wie er in den Bart brummte: »Jedes andere Weib wäre bis ins Mark erschüttert gewesen, wenn sie solche Stanzen zu ihrem Ruhme hätte girren gehört.«

Ich versicherte ihn, daß ich von Natur sehr hartherzig sei – wie ein Feuerstein ungefähr – und daß er das nur zu oft empfinden werde; und daß ich überdies entschlossen sei, ihm etliche rauhe Punkte in meinem Charakter zu zeigen, bevor die nächsten vier Wochen abgelaufen wären. Denn er solle wissen, welche Art von Handel er zu machen im Begriffe sei, während es noch nicht zu spät, ihn rückgängig zu machen.

»Willst du jetzt still sein oder vernünftig mit mir reden?«

»Ja, ich will still sein, wenn Sie es wünschen; aber was das Vernünftigreden anbetrifft, so schmeichle ich mir, es auch jetzt zu thun.«

Er knirschte mit den Zähnen, sagte: Pfui! und Bah!

»Meinetwegen!« dachte ich. »Du magst toben und rasen nach Gefallen. Aber ich bin fest überzeugt, daß dies die beste Art und Weise ist, wie man mit dir fertig wird. Ich liebe dich mehr, als Worte sagen können, aber ich will nicht in Gefühlsschwärmerei versinken, und mit dieser scharfen Art der Entgegnung werde ich auch dich von jenem Abgrund zurückhalten, und mehr noch, durch diese beißende Hilfe halte ich jene Entfernung zwischen dir und mir aufrecht, welche am meisten geeignet scheint, zu unserm beiderseitigen Glücke zu führen.

Mehr und mehr brachte ich ihn in starke Erregung; nachdem er sich dann endlich grollend an das entfernteste Ende des Zimmers zurückgezogen hatte, erhob ich mich und sagte in meiner gewöhnlichen, respektvollen Weise: »ich wünsche Ihnen gute Nacht, Sir.« Dann schlüpfte ich durch eine Seitenthür zum Zimmer hinaus und machte mich von dannen.

Mit diesem so begonnenen System fuhr ich während der ganzen Prüfungszeit fort, und zwar mit dem besten Erfolge. Allerdings erhielt ich ihn auf diese Weise ziemlich böse und ärgerlich; aber im Großen und Ganzen merkte ich doch, daß er sich außerordentlich gut unterhielt, und daß eine lammgleiche Unterwürfigkeit und turteltaubenähnliche Empfindsamkeit, welche seinen Despotismus nur genährt hätte, seinem Verstande, seiner Vernunft und überhaupt seinem ganzen Geschmack weniger zugesagt haben würde.

In Gegenwart anderer war ich wie früher ehrerbietig und ruhig, denn jedes andere Betragen wäre unpassend gewesen; es war nur bei unseren abendlichen Konferenzen und tête-à-têtes, daß ich ihn so quälte und mit ihm stritt. Er fuhr aber fort, mich stets mit dem Glockenschlage sieben holen zu lassen, obgleich er jetzt, wenn ich vor ihm erschien, niemals mehr so honigsüße Worte hatte, wie »Liebling« und »Engel«; die besten Worte, welche er jetzt für mich in Gebrauch nahm, waren »ärgerliche Drahtpuppe«, »boshafte Elfe«, »Gespenst«, »Wechselbalg« u. s. w. u. s. w.. Anstatt der Liebkosungen bekam ich jetzt Grimassen; anstatt mir die Hand zu drücken, kniff er mich jetzt in den Arm; anstatt eines Kusses auf die Wange, zupfte er mich am Ohr. Aber es war so recht. Für den Augenblick zog ich allerdings diese schmerzhaften Gunstbezeugungen jeder anderen Zärtlichkeit vor. Ich sah, daß Mrs. Fairfax mein Betragen billigte; ihre Angst und Besorgnis um meinetwillen schwand dahin; deshalb war ich der festen Überzeugung, daß ich recht handelte. Inzwischen versicherte Mr. Rochester, daß ich ihn durch meine Behandlung zu einem Knochengerippe verwandle, und er drohte mir furchtbare Rache, die er in nicht zu ferner Zeit an mir üben würde. Ich lachte mir bei seinen Drohungen ins Fäustchen.

»Jetzt vermag ich dich durch vernünftige Behandlung im Schach zu halten,« dachte ich bei mir, »und ich zweifle gar nicht, daß es mir auch in Zukunft gelingen wird. Wenn ein Mittel seine Macht und Wirkung verliert, muß man schnell auf ein anderes bedacht sein.«

Und doch war meine Aufgabe keine ganz leichte; oft hätte ich ihm lieber etwas Gutes gethan und ihn erfreut, anstatt ihn zu quälen. Mein künftiger Gatte wurde bereits meine ganze Welt, – mehr als die Welt: er wurde meine Hoffnung auf die ewige Seligkeit. Er stand zwischen mir und jedem religiösen Gebanken, so wie eine Sonnenfinsternis zwischen die helle Sonne und den Menschen kommt. In jenen Tagen betete ich Gott nur in seinem Geschöpf an; aus diesem hatte ich ein Götterbild gemacht.

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