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Jane Eyre, die Waise von Lowood.

Charlotte Brontë: Jane Eyre, die Waise von Lowood. - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorCharlotte Brontë
titleJane Eyre, die Waise von Lowood.
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub1847
translatorMaria von Borch (1853 - 1895)
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon
senderwww.gaga.net
created20060420
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Drittes Kapitel.

Eine herrliche Mittsommerzeit war über England gekommen. Gar selten sonst wird unser wogenbespültes Land mit einem so klaren Himmel, einem so strahlenden Sonnenschein beglückt, wie wir ihn jetzt ununterbrochen hatten. Es war, als ob eine Menge von italienischen Tagen wie eine Schar prächtiger Zugvögel vom Süden heraufgekommen wäre und sich, um auszuruhen, auf den Felsen Albions niedergelassen hätte. Alles Heu war hereingebracht. Die Wiesen um Thornfield waren grün und kurz geschoren; die Landstraßen waren hell und staubig, die Bäume prangten in dunklem Grün. Hecken und Bäume in ihrem vollen dunklen Blätterschmuck kontrastierten auf das prächtigste mit den hellen Matten, auf welchen sie standen.

Am Johannisabend war Adele, die den ganzen Tag wilde Erdbeeren in Havlane gesucht und daher zu Tode ermüdet war, mit der Sonne schlafen gegangen. Ich hatte ihr zugesehen, wie sie einschlief. Dann verließ ich sie und ging in den Garten.

Es war die süßeste von allen vierundzwanzig Stunden. Das glühende Feuer des Tages war erloschen, und auf die lechzende Erde und die durstigen Hügel fiel der wohlthätige Thau. Wo die Sonne in ihrer einfachen Pracht untergegangen war, ohne sich mit dem Pomp der Wolken zu umgeben, zog sich ein feierlicher, roter Streifen hin, in dem es hier und da funkelte wie das Feuer eines köstlichen Edelsteins oder die Flamme eines lodernden Hochofens. Hoch und weit, schwächer und schwächer werdend, zog er sich über den halben Horizont. Im tiefblauen Osten stieg ein einziger Stern empor, bald sollte ihm der Mond folgen; jetzt war er noch unter dem Horizont.

Während einiger Minuten ging ich auf der gepflasterten Terrasse hin und her; aber bald drang ein wohlbekannter Duft – der einer Cigarre – aus einem der geöffneten Fenster; ich bemerkte, daß die Fensterthür des Bibliothekzimmers ungefähr eine Handbreit geöffnet war, und ich wußte, daß man mich von dort aus möglicherweise beobachten konnte; deshalb ging ich hinunter in den Obstgarten. Im ganzen Park kein Winkel, der sich an Ruhe und paradiesischer Schönheit mit diesem hätte vergleichen können; die schattenreichsten Bäume, die duftendsten Blumen wuchsen hier; eine sehr hohe Mauer trennte ihn von dem Wirtschaftshofe an der einen Seite, an der andern verdeckte eine Buchenallee den großen dahinter liegenden Grasplatz, Am äußersten Ende war ein zerfallener Zaun, die einzige Scheide zwischen den einsamen Kornfeldern; zu diesem Zaun führte ein gewundener Fußpfad, an welchem Lorbeerbäume sich entlang zogen und der vor einem riesenhaften Kastanienbaum endigte, um dessen Stamm eine bequeme Bank aufgestellt war. Hier konnte man ungesehen umherwandern. Der Thau fiel, es wurde dunkler und immer dunkler, stiller und immer stiller, und mir war, als könnte ich an diesem geschützten Ort für immer weilen. Als ich aber die Blumenbeete und Baumgruppen am oberen Ende dieses abgesonderten Winkels überblickte, wurde mein Schritt plötzlich gehemmt – nicht durch einen Gegenstand, nicht durch einen Laut, sondern wiederum durch einen verräterischen Duft.

Jasmin und Nelken, Stabwurz und Feldrosen haben längst ihr allabendliches Opfer an Weihrauch dargebracht; dieser neue Duft entsteigt weder einer Blume noch einem Strauch – er entströmt, ich weiß es nur zu wohl, Mr. Rochesters Cigarre. Ich blicke umher und horche. Ich sehe die Bäume mit reifenden Früchten beladen. Eine halbe Meile von hier entfernt, in einem lieblichen Gehölz, höre ich eine Nachtigall schlagen. Keine sich bewegende menschliche Gestalt ist sichtbar, kein nahender Schritt hörbar, aber jener Duft wird stärker: ich muß fliehen. Ich schreite auf die Gitterpforte zu, welche in die Baumschule führt – und sehe Mr. Rochester eintreten. Ich trete seitwärts in die epheuumrankte Nische; er wird ja nicht lange verweilen; bald wird er dorthin zurückkehren, von wo er gekommen, und wenn ich mich sehr ruhig verhalte, wird er mich vielleicht nicht sehen.

Aber nein – die Abendruhe ist ihm ebenso wohlthuend wie mir, und dieser altertümliche Garten übt die gleiche Anziehungskraft auf ihn; und weiter schlendert er. Jetzt hebt er den Zweig eines Stachelbeerbusches empor, um die reifenden Früchte zu prüfen, welche so groß wie Pflaumen sind und schwer zu Boden hängen. Dann pflückt er eine reife Kirsche vom Spalier; nun wieder beugt er sich zu einer Blumengruppe nieder, entweder um ihren Duft einzuatmen oder die Thautropfen in ihren Kelchen zu bewundern. Eine große Motte summt an mir vorüber; sie läßt sich auf einer Pflanze zu Mr. Rochesters Füßen nieder; er sieht sie und beugt sich, um sie genau anzusehen.

»Jetzt wendet er mir den Rücken,« dachte ich, »und ist emsig beschäftigt; wenn ich sehr leise und geräuschlos gehe, komme ich vielleicht ungesehen davon.«

Ich schlich am Rande der Beete entlang, damit das Knirschen der Kieselsteine, mit denen die Wege bestreut waren, mich nicht verraten sollte, einige Fußbreit von der Stelle entfernt, an welcher ich vorbei mußte, stand er zwischen den Blumengruppen; augenscheinlich beschäftigte die Motte ihn. »Ich werde gewiß unbemerkt vorbeikommen,« dachte ich. Als ich über seinen Schatten, welchen der eben aufgegangene Mond über den Fußpfad warf, hinwegschritt, sagte er ruhig ohne sich umzuwenden:

»Jane, kommen Sie her und sehen Sie dies Tier an.«

Ich hatte kein Geräusch gemacht: er hatte auch keine Augen auf dem Rücken – konnte sein Schatten denn fühlen? Im ersten Augenblick schrak ich zusammen, dann näherte ich mich ihm.

»Sehen Sie die Flügel an,« sagte er, »sie erinnert mich an ein westindisches Insekt; in England sieht man eine so große und lustige Nachtschwärmerin nicht oft: ah! nun fliegt sie davon!«

Und die Motte flog fort. Auch ich wollte mich leise davon machen; aber Mr. Rochester folgte mir, und als wir die Pforte erreichten, sagte er:

»Kehren Sie mit mir um; es ist eine Sünde, an einem so herrlichen Abend im Hause zu sitzen; und niemand kann doch wünschen, sein Lager aufzusuchen, wenn Sonnenuntergang und Mondaufgang so wundersam zusammentreffen.«

Es ist einer meiner Mängel, daß meine Zunge, die oft so leicht die passende Antwort findet, mir zuweilen den Dienst versagt, wenn es gilt, eine Entschuldigung vorzubringen, wenn ein leichthingeworfenes Wort oder ein plausibler Vorwand mich aus einer peinlichen Verlegenheit reißen könnte. Es war mir nicht angenehm, um diese Stunde mit Mr. Rochester allein im Obstgarten spazieren zu gehen; aber mir fiel kein Prätext ein, unter dem ich ihn hätte verlassen können.

Mit zögernden Schritten folgte ich ihm, mein Gehirn mühte sich ab, ein Mittel zu finden, um mich aus der Affaire zu ziehen, aber er selbst sah so ruhig und ernst aus, daß ich begann, mich meiner Verwirrung zu schämen. Das Unrecht – wenn von gegenwärtigem oder künftigem Unrecht die Rede sein konnte – schien nur auf meiner Seite zu liegen; seine Stimmung schien ruhig und gefaßt zu sein.

»Jane,« begann er von neuem, als wir in den Lorbeerbepflanzten Weg traten und langsam in der Richtung des verfallenen Zaunes und des Kastanienbaumes hinschritten, »Jane, Thornfield ist ein prächtiger Aufenthalt im Sommer, nicht wahr?«

»Ja, Sir.«

»Das Haus muß Ihnen doch schon ein wenig lieb geworden sein, – Sie, die Sie ein Auge für Naturschönheit haben und einen stark ausgebildeten Sinn der Seßhaftigkeit.«

»Allerdings hege ich eine Vorliebe für Thornfield.«

»Und obgleich ich nicht begreife, wie es zugeht, so bemerke ich doch, daß Sie eine Art von Zuneigung für das thörichte kleine Ding, die Adele gefaßt haben und ebenso für die bescheidene Dame Fairfax.«

»Ja, Sir, in verschiedener Weise habe ich beide herzlich lieb.«

»Und würde es Ihnen schwer fallen, sich von beiden zu trennen?«

»Gewiß.«

»Wie schade!« sagte er seufzend. Dann schwieg er lange. »So geht es immer im Leben,« fuhr er nach einer Weile fort, »kaum hat man einen glücklichen Ruhefleck gefunden, so ertönt die Stimme, die einem zuruft aufzustehen und weiter zu gehen, denn die Stunde der Ruhe ist vorüber.«

»Muß ich denn weitergehen, Sir?« fragte ich. »Muß ich Thornfield wieder verlassen?«

»Ich glaube, Sie müssen, Jane. Es thut mir leid, Jane, aber ich glaube wirklich, daß Sie fort müssen.«

Das war ein Schlag; aber ich ließ mich nicht von ihm zu Boden schmettern.

»Nun, Sir, ich werde bereit sein, wenn der Befehl zum Aufbruch kommt.«

»Er kommt jetzt – ich muß ihn schon heute Abend erteilen.«

»Sie wollen sich also verheiraten, Sir?«

»Sie haben es erraten – vollkommen erraten. Mit Ihrer gewöhnlichen Klugheit haben Sie wieder den Nagel auf den Kopf getroffen.«

»Bald, Sir?«

»Sehr bald, meine –, ich wollte sagen Miß Eyre; und Sie werden sich noch erinnern, als das Gerücht oder ich Ihnen zum erstenmal mitteilte, daß es meine Absicht sei, meinen alten Junggesellennacken unter das heilige Joch zu beugen, in den heiligen Stand der Ehe zu treten – Miß Ingram an mein Herz und meinen Herd zu nehmen, kurzum ... also ... nun, wie ich Ihnen schon sagte – hören Sie mich an, Jane! Sie wenden den Kopf doch nicht ab, um noch mehr Motten zu suchen? Es war nur eine verirrte, die heimwärts flog. Ich wollte Sie nur daran erinnern, daß Sie die erste waren, die mir sagte – allerdings mit jener Vorsicht und Fürsorglichkeit und Demut, welche Ihrer verantwortungsvollen und abhängigen Stellung zukommen – daß Sie und die kleine Adele für den Fall, daß ich Miß Ingram heiraten sollte, am liebsten fortgehen würden. Ich will nicht von der Beleidigung reden, welche in diesem Begehren für die Angebetete meines Herzens liegt; in der That, Jane, wenn Sie weit fort sein werden, will ich sogar versuchen, diese Beleidigung zu vergessen; ich will nur an die weise Fürsorge denken, welche darin lag; diese war so groß, daß ich sie sogar zur Richtschnur für meine Handlungsweise machen will. Adele muß in ein Institut geschickt werden, und Sie, Miß Eyre, müssen eine neue Stellung haben.«

»Ja, Sir, ich will sofort eine Annonce in die Zeitungen rücken lassen, inzwischen aber vermute ich – –« ich wollte sagen, »vermute ich, daß ich hier bleiben darf, bis ich eine andere Unterkunft gefunden habe,« aber ich hielt inne, weil ich fühlte, daß ich mich nicht an einen so langen Satz wagen dürfe, da ich meine Stimme in diesem Augenblick nicht ganz in der Gewalt hatte.

»In ungefähr einem Monat hoffe ich Hochzeit zu halten,« fuhr Mr. Rochester fort, »und in der Zwischenzeit werde ich selbst nach einer Stellung und einem Asyl für Sie Umschau halten.«

»Danke, Sir, es thut mir leid, daß ich Ihnen so viel Mühe verursache.«

»Ah! Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen! Ich bin der Ansicht, daß eine Untergebene, welche ihre Pflicht so treu erfüllt hat, wie Sie, das Recht hat, von ihrem Brotherrn jede kleine Unterstützung und Hilfe zu verlangen, welche er ihr ohne große Mühe leisten kann; ich habe sogar schon durch meine künftige Schwiegermutter von einer Stellung gehört, die Ihnen möglicherweise konvenieren dürfte; es handelt sich darum, die Erziehung der fünf Töchter einer gewissen Mrs. Dionysius O'Gall auf Bitternutlodge, in der Grafschaft Connaught in Irland zu übernehmen. Irland wird Ihnen gefallen, glaube ich; man sagt mir, daß die Menschen dort zu Lande warmherzig und gütig sind.«

»Das ist aber so weit von hier, Sir.«

»Das schadet nicht – ein so vernünftiges Mädchen wie Sie wird sich doch nicht an die lange Reise oder die Entfernung stoßen – nicht wahr?«

»Nicht an die Reise – aber an die Entfernung, und dann ist die See doch immerhin eine Scheidewand – –«

»Zwischen wem, Jane?«

»Zwischen England, Thornfield, und – –«

»Nun?«

»Und Ihnen, Sir.«

Diese Worte entschlüpften mir fast unwillkürlich; und ohne daß ich etwas dagegen zu thun vermochte, stürzten mir die Thränen aus den Augen. Iniessen weinte ich nicht so laut, daß man mich hätte hören können; ich enthielt mich wenigstens des Schluchzens. Der Gedanke an Mrs. O'Gall in Bitternutlodge mit ihren sieben Töchtern machte mir fast das Herz erstarren; und noch erstarrender wirkte der Gedanke an all die Wogen und den Wellenschaum, die, wie es schien, bestimmt waren, zwischen mir und dem Manne, an dessen Seite ich jetzt wandelte, dahin zu rauschen; und am tödlichsten war das Denken an jenes größere, tiefere, unschiffbarere Meer – Reichtum, Stellung, Althergebrachtes – das mich von dem trennte, den ich unwiderstehlich, ewig lieben mußte.

»Es ist so weit von hier,« sagte ich noch einmal.

»Gewiß ist es das, und wenn Sie einmal in Bitternutlodge, Grafschaft Connaught in Irland sind, dann werde ich Sie niemals wiedersehen, Jane, das ist unumstößlich gewiß. Denn ich gehe niemals nach Irland hinüber, ich habe keine Sympathieen für dieses Land. Aber nicht wahr, Jane, wir sind immer gute Freunde gewesen?«

»Ja, Sir.«

»Und wenn gute Freunde am Vorabend einer Trennung stehen, dann sind sie glücklich, wenn sie die kurze Zeit, die ihnen noch bleibt, Seite an Seite verleben können. Kommen Sie – lassen Sie uns für eine Stunde oder länger ruhig über die Trennung und die Reise sprechen und betrachten wir dabei die Sterne, wie sie still einer nach dem andern am Himmel aufgehen. Hier auf dieser Bank unter dem alten, ehrwürdigen Kastanienbaum. Lassen wir uns heute Abend in Frieden dort nieder; vielleicht hat das Schicksal beschlossen, daß wir niemals wieder dort sitzen.« – Er drückte mich auf die Bank nieder und setzte sich dann neben mich.

»Der Weg nach Irland ist sehr weit, Jane, und es wird mir schwer, meine kleine Freundin auf eine so lange, mühevolle Reise zu schicken; wenn es aber nicht in meiner Macht liegt, etwas Besseres zu thun – was dann? Glauben Sie, daß Sie mir seelenverwandt sind, Jane?«

Es war mir in diesem Augenblick nicht möglich, irgend eine Antwort zu geben; mein Herz war zu voll.

»Denn,« fuhr er fort, »zuweilen habe ich eine so seltsame Empfindung Ihnen gegenüber, besonders wenn Sie mir so nahe sind wie in diesem Augenblick; es ist als hatte ich unter meiner linken Rippe irgendwo einen Faden, welcher fest und unauflöslich mit einem gleichen Faden an derselben Stelle Ihres kleinen, zarten Körpers verknüpft wäre. Und ich fürchte, daß dies vereinigende Band für immer zerreißt, wenn jener stürmische Kanal und mehr als zweihundert Meilen Landes zwischen uns liegen. Und ich hege eine nervöse Angst, daß ich dann an innerer Verblutung sterben müßte. Was Sie anbetrifft – Sie – würden mich bald vergessen.«

»Das könnte ich niemals, Sir – Sie wissen das« – weiter vermochte ich nichts hervorzustammeln.

»Jane, hören Sie die Nachtigall dort drüben im Walde schlagen? Horchen Sie nur.«

Indem ich aufhorchte, begann ich konvulsivisch zu schluchzen; denn ich konnte mein Empfinden nicht länger unterdrücken; ich mußte nachgeben, und mein lange verhaltener Schmerz schüttelte mich von Kopf bis zu Fuß. Als ich wiederum redete, geschah es nur, um den stürmisch leidenschaftlichen Wunsch auszusprechen, daß ich niemals geboren oder niemals nach Thornfield gekommen wäre.

»Weil es Ihnen schwer wird, wiederum von hier fortzugehen, Jane?«

Die Gewalt jener Empfindungen, welche Liebe und Kummer in mir erweckt hatten, rang nach der Oberherrschaft und wollte sich Bahn brechen – sie machten ihr Recht gewaltsam geltend, sie wollten endlich ans Tageslicht, sie wollten leben, sich erheben, herrschen; ja – und sie wollten auch reden.

»Ich traure, weil ich Thornfield verlassen soll, denn ich liebe Thornfield – ich liebe es, weil ich hier ein ganzes volles, wonniges Leben gelebt habe – für kurze Augenblicke wenigstens. Man hat mich hier nicht mit Füßen getreten. Ich bin hier nicht versteinert. Man hat mich nicht mit niedrig denkenden Menschen zusammengeworfen, ich bin nicht ausgeschlossen worden von der Gemeinschaft mit allem, was hell und strahlend und hoch und kraftvoll ist. Ich habe von Angesicht zu Angesicht mit dem reden können, was ich verehre; mit einem kraftvollen, großmütigen, weitblickenden, eigenartigen Charakter. Ich habe Sie kennen gelernt, Mr. Rochester, und es erfüllt mich mit Angst und Schrecken, daß ich mich für immer von Ihnen losreißen soll. Ich sehe die Notwendigkeit der Abreise vor mir, und sie starrt mich gespenstisch an wie die Notwendigkeit des Sterbens.«

»Wo sehen Sie die Notwendigkeit?« fragte er mich dann plötzlich.

»Wo ich sie sehe? Sie selbst, Sir, haben sie mir doch vor Augen gestellt.«

»In welcher Gestalt?«

»In der Gestalt von Miß Ingram, einer edlen, schönen Frauengestalt – Ihrer Braut.«

»Meiner Braut! Welcher Braut? Ich habe keine Braut!«

»Aber Sie werden eine haben.«

»Ja, ich werde! – ich werde!« Und fest entschlossen biß er die Zähne zusammen.

»Und deshalb muß ich gehen – Sie selbst haben es ja gesagt.«

»Nein! Sie müssen bleiben! – Ich schwöre es! Und diesen Eid werde ich halten.«

»Und ich sage Ihnen, daß ich gehen muß,« – entgegnete ich leidenschaftlich erregt. »Glauben Sie, daß ich bleiben kann, um Ihnen nichts zu werden? Meinen Sie denn, daß ich ein Automat bin? – eine Maschine ohne Gefühl? Und daß ich es ertragen kann, mir den Bissen Brot von den Lippen entreißen, den Kelch mit dem Tropfen klaren Wassers aus den Händen winden zu lassen? Glauben Sie, daß ich ohne Seele, ohne Herz bin, weil ich arm und klein und häßlich und einsam bin? – Nein, Sie irren! – Ich habe ebensoviel Seele wie Sie – ebensoviel Herz wie Sie! Wenn Gott mir nur ein wenig Schönheit und großen Reichtum geschenkt hätte, so würde ich es Ihnen ebenso schwer gemacht haben, mich zu verlassen, wie es mir jetzt wird, von Ihnen zu gehen. Ich spreche in diesem Augenblick nicht durch das Medium der Gewohnheit, des Althergebrachten zu Ihnen – nein, nicht einmal das Fleisch ist es, das zum Fleische spricht – es ist meine Seele, die zu der Ihren redet, es ist als wären beide durch die dunkle Pforte des Todes gegangen, und wir ständen zu den Füßen Gottes – einander gleich – wie wir es auch hier sein sollten!«

»Wie wir es auch hier sein sollten!« wiederholte Mr. Rochester – »so«, fügte er hinzu und schloß mich in seine Arme, zog mich an sein Herz, drückte seinen Mund auf meine Lippen und sagte: »so, Jane!«

»Ja, so, Sir,« sprach ich ihm nach, »und doch nicht so; denn Sie sind ein verheirateter Mann – oder so gut wie ein verheirateter Mann – und sogar verheiratet mit einer die weit unter Ihnen steht – mit einer, für die Sie keine Sympathie hegen – die Sie unmöglich aufrichtig und von Herzen lieben können; denn ich habe gesehen und gehört, wie Sie ihrer gespottet haben. Ich würde eine solche Verbindung verschmähen, verachten, deshalb bin ich besser als Sie – lassen Sie mich!«

»Wohin, Jane? Nach Irland?«

»Ja, nach Irland, Ich habe meine Ansicht jetzt ausgesprochen und nun kann ich gehen, wohin ich will.«

»Jane, schweigen Sie; sträuben Sie sich nicht, wie ein wilder Vogel, der in seiner Verzweiflung sein eigenes Gefieder zerreißt.«

»Ich bin kein Vogel, und kein Netz und kein Vogelsteller vermag mich zu fangen. Ich bin ein freies, menschliches Wesen mit einem unabhängigen Willen, und jetzt mach ich denselben geltend, indem ich Sie verlasse.«

Noch eine gewaltsame Anstrengung machte mich frei, und jetzt stand ich hoch aufgerichtet vor ihm.

»Und Ihr Wille soll auch über Ihr Geschick entscheiden,« sagte er, »Ich biete Ihnen meine Hand, mein Herz und einen Teil von allem, was ich besitze,«

»Sie spielen eine Posse, die mir nur ein Lachen abgewinnen kann.«

»Ich bitte Sie, an meiner Seite durch das Leben zu gehen – mein besseres Ich, meine treuste irdische Gefährtin zu sein.«

»Zu dem Zweck haben Sie Ihre Wahl ja bereits getroffen, und jetzt müssen Sie ertragen und ausharren.«

»Jane, seien Sie jetzt während weniger Augenblicke ruhig; Sie sind mehr als aufgeregt. Auch ich will suchen, mich zu beruhigen.«

Ein Windhauch zog durch die Lorbeergänge und klang zitternd in den Zweigen des Kastanienbaumes; dann zog er weiter – weiter – in unbestimmte Ferne und erstarb. Jetzt war der Sang der Nachtigall die einzige Stimme in der Natur; als ich auf sie horchte, begannen meine Thränen von neuem zu fließen. Mr. Rochester saß regungslos da und blickte mich ernst und liebevoll an. Unter Schweigen gingen noch einige Minuten hin, dann sagte er endlich:

»Kommen Sie an meine Seite, Jane, und erklären wir uns und suchen wir einander zu verstehen.«

»Ich werde mich niemals wieder an Ihre Seite setzen. Jetzt habe ich mich losgerissen und kehre nimmermehr zurück.«

»Aber Jane, ich begehre von Ihnen, daß Sie mein Weib werden; nur Sie beabsichtige ich zu heiraten.«

Ich schwieg. Ich glaubte, er spotte meiner.

»Kommen Sie Jane – hier an meine Seite.«

»Ihre Braut steht zwischen uns, Sir.«

Er erhob sich und stand mit wenigen Schritten an meiner Seite.

»Meine Braut steht hier,« sagte er und zog mich wieder an sich, »weil sie meinesgleichen ist und weil sie mir ähnlich. Jane, wollen Sie mich heiraten?«

Noch immer antwortete ich nicht, sondern suchte, mich seinen Armen zu entwinden; ich war noch immer ungläubig.

»Zweifeln Sie an mir, Jane?«

»Gewiß.«

»Sie haben kein Vertrauen zu mir?«

»Keines!«

»Bin ich denn ein Lügner in Ihren Augen?« fragte er leidenschaftlich. »Kleine Skeptikerin, Sie müssen überzeugt werden. Welche Liebe könnte ich denn für Miß Ingram hegen? Keine. Und Sie wissen das. Welche Liebe hegt sie für mich? Keine! Ich habe mir Beweise dafür verschafft. Ich nahm mir die Mühe, das Gerücht zu verbreiten, daß mein Vermögen nicht ein Drittel von dem betrüge, was man vermutet, und gleich darauf trat ich ihr gegenüber, um zu ermessen, welche Wirkung dies gehabt. Ihre Mutter sowohl wie sie selbst empfingen mich außerordentlich kalt. Um keinen Preis würde ich – könnte ich Miß Ingram heiraten. Sie seltsames – Sie überirdisches Ding! – Ich liebe Sie wie mein eigenes Ich. Sie – die Sie arm und niedrig geboren und klein und unbedeutend sind – ich flehe Sie an, meine Hand anzunehmen.«

»Wie! Ich!« rief ich aus, indem ich begann durch seinen Ernst, seine Unhöflichkeit an seine Aufrichtigkeit zu glauben. »Mich wollen Sie heiraten, die ich außer Ihnen keinen Freund auf der Welt habe – wenn Sie wirklich mein Freund sind – die ich keinen Schilling besitze, außer dem, was Sie mir gegeben haben?«

»Ja, Sie Jane. Ich muss Sie mein Eigen nennen dürfen – ganz mein Eigen. Wollen Sie mein sein? Sagen Sie ja, schnell! schnell.«

»Mr. Rochester, lassen Sie mich in Ihr Gesicht blicken; wenden Sie sich dem Mondlicht zu.«

»Weshalb?«

»Weil ich in Ihrem Gesicht lesen will. Wenden Sie sich um!«

»Sie werden es kaum leserlicher finden, als eine verwischte, halbverlöschte Schrift, Lesen Sie, nur beeilen Sie sich, denn ich leide furchtbar.« Sein Antlitz verriet die größte Erregung; eine dunkle Röte stieg ihm in die Wangen, in seinen Zügen arbeitete es gewaltig und seine Augen schossen seltsame Blitze.

»O Jane, Sie quälen mich!« rief er aus, »Sie quälen mich mit diesen forschenden und doch so treuen, großherzigen Blicken! Sie quälen mich!«

»Wie könnte ich Sie quälen? Wenn Sie wahr sind und Ihr Antrag aufrichtig gemeint ist, so kann mein einziges Gefühl Ihnen gegenüber nur Dankbarkeit und Ergebenheit sein – dann kann ich Sie nicht quälen!«

»Dankbarkeit!« rief er höhnisch aus. Dann fügte er in wildem Ton hinzu: »Jane, nehmen Sie mich an, schnell, schnell! Sagen Sie, Edward – nennen Sie mich bei Namen – Edward – ich werde Sie heiraten.«

»Ist es wahrhaftig Ihr Ernst? – Lieben Sie mich wahr und aufrichtig? Wünschen Sie von Herzen, daß ich Ihr Weib werde?«

»Ich wünsche es, ja! Und wenn es eines Eides bedarf, um Sie zu beruhigen, so werde ich schwören.«

»Nein Sir – ich will Sie heiraten,«

»Edward, sagen Sie Edward – mein kleines Weib.«

»Teurer Edward!«

»Kommen Sie zu mir – kommen Sie für Zeit und Ewigkeit zu mir,« sagte er und fügte in seinem innigsten Tone hinzu, indem er seine Wange an die meine legte und mir ins Ohr flüsterte: »Mach du mein Glück – ich werde das deine machen.«

»Gott möge mir verzeihen!« fügte er dann nach einer langen Pause hinzu, »und die Menschen mögen mich schonen und sich nicht um mich bekümmern. Ich habe sie, und – werde sie zu halten wissen.«

»Niemand wird sich um uns bekümmern, Sir. Ich habe keine Anverwandten, die sich in unsere Angelegenheit mischen könnten.«

»Nein, ich weiß, und das ist das beste daran,« sagte er. Und wenn ich ihn weniger innig geliebt hätte, so würden seine Worte und sein Blick des Entzückens mich wild gedünkt haben. Aber wie ich so neben ihm saß – befreit von dem Alpdrücken der nahebevorstehenden Trennung – eingelassen in das Paradies der süßen Vereinigung – da dachte ich nur an die Glückseligkeit, die ich jetzt in so vollen Zügen schlürfen durfte.

Immer und immer wieder fragte er mich: »Bist du glücklich, Jane?«

Und immer wieder antwortete ich: »Ja, ja!«

Und dann murmelte er: »Das wird es gut machen – das wird es gut machen. Habe ich sie nicht arm und verlassen und ohne Freunde gefunden? Werde ich sie nicht behüten und lieben und trösten? Ist nicht Liebe in meinem Herzen und Beständigkeit in meinen Entschließungen? Das wird mich vor Gottes Thron rein waschen. Denn was das Urteil der Welt anbelangt – da wasche ich meine Hände. Es kümmert mich nicht. Der Meinung der Menschen trotze ich.«

Was war aber aus dem lichten Abend geworden? Der Mond konnte noch nicht untergegangen sein – und doch saßen wir bereits im Schatten, Ich konnte kaum das Gesicht meines Herrn sehen, wie nahe ich ihm auch war. Und was war mit dem Kastanienbaum geschehen? Er ächzte und stöhnte, während der Wind in dem Lorbeerwäldchen heulte und sausend über uns dahinfuhr.

»Wir müssen hineingehen,« sagte Mr. Rochester, »das Wetter verändert sich, ich hätte bis zum Morgen mit dir hier sitzen können, Jane!«

»Und wie gern wäre ich bei dir geblieben,« dachte ich. Vielleicht hätte ich dieser Empfindung auch Worte verliehen, aber ein bläulicher, heller Funke schoß aus einer Wolke hervor, die ich gerade betrachtete, dann folgte ein Krachen, ein Dröhnen und ein Prasseln; ich dachte nur daran, meine geblendeten Augen an Mr. Rochesters Schulter zu verbergen. Der Regen strömte herab. Er zog mich eilends durch den Gartenweg, durch den Park und hinein ins Haus; aber wir waren vollständig durchnäßt, bevor wir die Schwelle erreicht hatten. Er war gerade im Begriff, mir in der großen Halle den Shawl von den Schultern zu nehmen und mein nasses Haar auszuschütteln, als Mrs. Fairfax aus ihrem Zimmer trat. Im ersten Augenblick bemerkte ich sie nicht; ebensowenig wurde Mr. Rochester ihrer ansichtig. Die Lampe war angezündet. Die Uhr schlug gerade zwölf Uhr.

»Beeile dich, deine nassen Kleider abzulegen,« sagte er; »und bevor du gehst, gute Nacht – gute Nacht, mein einziger, teurer Liebling!«

Er küßte mich wiederholt. Als ich mich seinen Armen entwand und aufblickte, stand die Witwe vor mir, bleich, ernst, fast versteinert. Ich lächelte ihr nur zu und lief die Treppe hinauf.

»Die Erklärung kommt noch immer früh genug,« dachte ich. Als ich jedoch mein Zimmer erreicht hatte, fühlte ich einen stechenden Schmerz im Herzen bei dem Gedanken, daß sie auch nur für einen Augenblick das mißdeuten könne, was sie gesehen. Aber die Glückseligkeit übertäubte bald jedes andere Gefühl; und wie laut der Wind auch pfiff, wie heftig und nah der Donner grollte, wie blendend und oft der Blitz die Luft durchzuckte, wie sündflutähnlich der Regen auch während dieses Gewitters von zweistündiger Dauer den Wolken entströmte – ich empfand keine Furcht, keine Angst, keinen Schrecken. Während dieses Aufruhrs in der Natur kam Mr. Rochester dreimal an meine Thür, um zu fragen, ob ich mich sicher und ruhig fühle. Und das war ein Trost, das gab mir zu allem Kraft.

Ehe ich mich am nächsten Morgen erhob, kam die kleine Adele in mein Zimmer gelaufen, um mir zu erzählen, daß der große Kastanienbaum am Ende des Gartens während der Nacht vom Blitz getroffen und zur Hälfte zerschmettert sei.

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