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Gutenberg > Charlotte Brontë >

Jane Eyre, die Waise von Lowood.

Charlotte Brontë: Jane Eyre, die Waise von Lowood. - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorCharlotte Brontë
titleJane Eyre, die Waise von Lowood.
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub1847
translatorMaria von Borch (1853 - 1895)
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon
senderwww.gaga.net
created20060420
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Zwanzigstes Kapitel

Ich hatte vergessen, die Vorhaenge herabzulassen; das war ganz gegen meine sonstige Gewohnheit; und ebenso wenig hatte ich die Fensterläden geschlossen. Die Folge davon war, daß der strahlende Vollmond – es war eine herrliche, klare Nacht – mich mit seinem weißen Glanz weckte, als er auf seiner stillen Fahrt durch den Himmelsraum an jene Stelle gelangte, die meinem Fenster gegenüberlag. Als ich mitten in der Nacht erwachte, fielen meine Blicke auf die silberweiße, krystallklare Scheibe. Es war schön, aber zu feierlich. Ich erhob mich im Bette, um die Vorhänge, die es schützten, zusammenzuziehen.

Allbarmherziger Gott! Welch ein Schrei! – Die Nacht – die Stille – die Ruhe wurden zerrissen durch einen wilden, scharfen, gellenden Schrei, welcher das Herrenhaus von Thornfield-Hall von einem Ende bis zum andern durchdrang.

Meine Pulse hörten auf zu schlagen – mein Herz stand still; mein ausgestreckter Arm war gelähmt. Der Schrei starb hin; ihm folgte kein zweiter. Und in der That, welches Wesen diesen furchtbaren Schrei ausgestoßen haben mochte – es konnte ihn nicht so bald wiederholen; selbst der stolzeste, mächtigste Kondor der Anden hätte nicht vermocht, zweimal einen solch gellenden Schrei aus jener Wolke herabzusenden, die seinen Horst einhüllt. Das Geschöpf, welches solchen Laut ausgestoßen, mußte ruhen, bevor es dieselbe Anstrengung noch einmal machen konnte.

Er kam aus dem dritten Stockwerk, denn er zog über meinen Kopf fort. Und über mir – ja, gerade in dem Zimmer über dem meinen – hörte ich ein Ringen; nach dem Lärm zu urteilen, schien es ein tödlicher Kampf zu sein; und eine halberstickte Stimme schrie:

»Hilfe! Hilfe! Hilfe!« dreimal hinter einander. »Kommt mir denn niemand zu Hilfe?« rief es wieder.

Und als dann das Ringen und Stampfen und Schreien oben fortgesetzt wurde, hörte ich deutlich durch das Gebälk der Zimmerdecke:

»Rochester! Rochester! Um Gottes willen! Komm mir zu Hilfe! Komm!«

Eine Thür wurde geöffnet: jemand stürzte lautlos aber schnell wie von Furien gepeitscht durch die Galerie. Ein anderer Fuß stampfte über meinem Kopfe. Dann ein fürchterlicher, schwerer Fall. Und jetzt war alles still.

Ich hatte schnell einige Kleidungsstücke übergeworfen, obgleich ich vor Entsetzen an allen Gliedern bebte. Jetzt trat ich aus meinem Zimmer heraus. Alle Schläfer waren aufgewacht: Ausrufe, erschrecktes Gemurmel tönten aus allen Zimmern; eine Thür nach der andern wurde aufgerissen; ein Gesicht kam zum Vorschein, dann ein zweiter, bald ein dritter Kopf. Die Galerie war bald voller Gestalten, die sich ängstlich aneinander drängten. Sowohl Herren wie Damen hatten ihre Betten verlassen, und von allen Seiten hörte man ein wirres Stimmengemisch:

»O, was bedeutet das?« – »Was ist geschehen?« – »Wer ist verletzt?« – »Holt ein Licht!« – »Ist Feuer ausgebrochen?«

»Haben sich Diebe und Mörder eingeschlichen?« – »Wohin soll man eilen?« – »Wem Hilfe leisten?« – »Wohin uns retten?« – Hätte nicht der Mond seine Strahlen in die Galerie geworfen, so hätten wir alle uns in der tiefsten Dunkelheit befunden. Alles lief hin und her. Sie drängten sich aneinander. Einige schluchzten, andere stolperten und fielen. Die Verwirrung war unbeschreiblich und schien unauflösbar.

»Wo zum Teufel ist Rochester?« rief Oberst Dent. »In seinem Bette ist er nicht mehr.«

»Hier, hier!« rief eine andere Stimme in Erwiderung. »Beruhigen Sie sich alle! Ich komme sofort.« Und dann wurde die Thür am Ende der Galerie aufgerissen, Mr. Rochester erschien in derselben, in der Hand trug er eine brennende Kerze. Er kam gradeswegs aus dem oberen Stockwerk herab. Eine der Damen lief direkt auf ihn zu; sie packte ihn am Arm. Es war Miß Ingram.

»Welch entsetzliches Ereignis hat sich zugetragen?« sagte sie. »Sprechen Sie! Lassen Sie uns lieber gleich das Fürchterlichste erfahren.«

»Aber reißen Sie mich nicht zu Boden, und erwürgen Sie mich nicht,« erwiderte er, denn jetzt hatten auch die beiden Miß Eshtons sich an ihn gehängt; und die beiden verwitweten Damen segelten majestätisch wie Dreimaster bei vollem Winde auf ihn zu.

»Alles in Ordnung! – alles in Ordnung!« rief er. »Es ist nur eine Generalprobe von »Viel Lärm um nichts.« Meine Damen, entfernen Sie sich – oder ich werde gefährlich.«

Und gefährlich sah er aus; seine schwarzen Augen sprühten Funken. Dann machte er eine Gewaltanstrengung, um sich zu beruhigen und fügte hinzu:

«Eine Dienerin war vom Alpdrücken befallen; das ist alles. Sie ist eine leicht erregbare, nervöse Person. Ohne Zweifel hielt sie ihren Traum für eine Erscheinung oder irgend etwas Ähnliches und bekam vor Schrecken Krämpfe. Nun, meine Herrschaften, muß ich Sorge tragen, daß Sie alle sicher in Ihre Zimmer zurückgelangen; denn bevor die Bewohner des Hauses sich nicht beruhigt haben, kann für die Person nichts geschehen. Meine Herren, haben Sie die Güte, den Damen mit gutem Beispiel voran zu gehen. Miß Ingram, ich bin fest überzeugt, daß Sie nicht unterlassen werden, sich als erhaben über solch eitlen Schrecken zu zeigen. Amy und Louisa, Ihr süßen Täubchen, kehrt in euer Nest zurück. Meine Damen – zu den beiden Witwen gewendet – Sie würden sich ohne Zweifel erkälten, wenn Sie auch nur noch eine Minute länger in dieser feuchtkalten Galerie verweilen.«

Und während er in dieser Weise abwechselnd befahl und schmeichelnd überredete, gelang es ihm, sie alle wieder in ihre verschiedenen Schlafgemächer hineinzubringen. Ich wartete nicht darauf, daß er mir befahl, das meinige wieder aufzusuchen, sondern zog mich unbemerkt zurück, wie ich es auch unbemerkt verlassen hatte.

Aber nicht um mich wieder schlafen zu legen, im Gegenteil, ich begann mich sorgfältig anzukleiden. Das Geräusch, welches ich unmittelbar nach jenem gräßlichen Angstschrei vernommen und die Worte, welche an mein Ohr gedrungen, hatte wahrscheinlich außer mir niemand gehört, denn sie kamen aus dem Zimmer, welches sich über dem meinen befand; aber sie überzeugten mich auch, daß es nicht der Traum einer Dienerin gewesen, welcher einen solchen Schrecken über das ganze Haus verbreitet. Ich wußte ebenfalls, daß die Erklärung, welche Mr. Rochester gegeben, nur eine Erfindung war, deren er sich bedient, um die erregten Gemüter seiner Gäste zu beruhigen. Ich kleidete mich also an, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Als ich damit fertig war, setzte ich mich ans Fenster, blickte lange, lange auf den stillen Park und die vom silbernen Mondlicht beschienenen Felder hinaus und wartete auf – ich weiß nicht was. Mir war, als müsse noch eine Begebenheit auf jenen seltsamen Schrei, den Kampf und den Angstruf folgen.

Nein. Überall herrschte Ruhe und Frieden. Nach und nach verstummte jedes Geräusch, alles Murmeln, und nach Verlauf einer Stunde lag Thornfield-Hall wieder so öde und lautlos da wie die Wüste. Es schien als herrschten die Nacht und Schlaf wieder ungestört in ihrem Reich. Jetzt war der Mond seinem Untergange nahe – dann ging er unter. Ich wollte nicht länger in der Kälte und der Dunkelheit dasitzen und beschloß mich in meinen Kleidern auf mein Bett zu legen. Ich verließ den Sitz am Fenster und ging so geräuschlos und vorsichtig wie möglich über den Teppich; als ich mich niederbeugte, um meine Schuhe abzustreifen, klopfte es mit leiser Hand an die Thür.

»Will jemand mit mir sprechen?« fragte ich.

»Sind Sie wach?« fragte die Stimme, welche ich zu hören erwartet hatte, nämlich diejenige meines Herrn.

»Ja, Sir.«

»Und angekleidet?«

»Ja.«

»Dann kommen Sie heraus, aber leise.«

Ich gehorchte, Mr. Rochester stand in der Galerie; in der Hand hielt er eine brennende Kerze.

»Ich bedarf Ihrer,« sagte er, »kommen Sie mit mir, aber lassen Sie sich Zeit und machen Sie keinen Lärm.«

Meine Schuhe waren dünn und leicht. Ich schlich über die mit Teppichen belegten Dielen so leise wie eine Katze, Er ging durch die Galerie, die Treppe hinauf und hielt in dem niedrigen, düsteren Korridor des verhängnisvollen dritten Stockwerks inne. Ich war ihm gefolgt und stand an seiner Seite.

»Haben Sie einen Schwamm in Ihrem Zimmer?« fragte er im Flüsterton.

»Ja, Sir.«

»Haben Sie auch irgend ein Salz – Riechsalz?«

»Gewiß.«

»Gehen Sie zurück und holen Sie beides.«

Ich ging zurück, suchte den Schwamm auf dem Waschtisch, das Riechsalz in meiner Kommode und schlich noch einmal auf demselben Wege zurück. Er wartete noch auf mich; in der Hand hielt er einen Schlüssel; indem er sich einer der kleinen, schwarzen Thüren näherte, steckte er ihn in das Schloß derselben; dann hielt er inne und sprach wiederum zu mir gewendet.

»Wird Ihnen unwohl beim Anblick von Blut?«

»Ich glaube kaum. Ich war noch niemals in der Lage.«

Ein Schaudern überlief mich, als ich ihm diese Antwort gab; aber es war weder Kälte noch Schwindel.

»Dann geben Sie mir Ihre Hand,« sagte er, »es ist doch besser, es nicht auf einen Ohnmachtsanfall ankommen zu lassen.«

Ich legte meine Hand in die seine. »Sie ist warm und zittert nicht,« bemerkte er. Dann drehte er den Schlüssel im Schloß um und öffnete die Thür.

Vor mir sah ich ein Zimmer, das ich schon einmal gesehen zu haben mich erinnerte, – an jenem Tage, als Mrs. Fairfax mir das ganze Haus zeigte. Es war mit schweren Gobelins behängt. In diesem Augenblick waren die Gobelins indessen an einer Stelle in die Höhe genommen und dadurch war eine Thür sichtbar geworden, welche früher verborgen gewesen. Diese Thür war geöffnet, ein Lichtstrahl drang aus dem innern Zimmer. Von dort kam ein schnappender, knurrender Ton, der fast wie das Knurren eines Hundes klang. Indem Mr. Rochester die Kerze auf den Tisch setzte, sagte er zu mir »Warten Sie einen Augenblick«, und ging dann in das innere Gemach. Ein grelles Lachen begrüßte ihn bei seinem Eintritt; zuerst war es lärmend und tobend, aber es endete in Grace Pooles eigenartigem gnomenhaften Ha! Ha! Ha! Sie war also da. Er traf irgend ein Arrangement ohne zu sprechen, obgleich ich eine leise Stimme vernahm, die ihn anredete. Dann kam er heraus und schloß die Thür hinter sich.

»Hier Jane!« sagte er, und ich trat an die andere Seite eines großen Bettes, welches mit seinen faltenreichen Vorhängen einen großen Teil des Zimmers einnahm. Am Kopfende des Bettes stand ein Lehnstuhl; in diesem saß ein Mann, welcher bis auf den Rock vollständig angekleidet war; er lag fast bewegungslos da, sein Kopf war zurückgesunken, die Augen waren geschlossen, Mr. Rochester hielt das brennende Licht über ihn. In dem bleichen und anscheinend leblosen Gesichte erkannte ich den Fremden, Mr. Mason wieder. Ich sah auch, daß sein Hemd an der einen Seite buchstäblich von Blut durchtränkt war.

»Halten Sie das Licht,« sagte Mr. Rechtster, und ich nahm es. Er holte eine Schüssel mit Wasser vom Waschtisch, »Halten Sie sie,« sagte er. Ich gehorchte. Er nahm den Schwamm, tauchte ihn in das Wasser und befeuchtete das leichenblasse Gesicht mit demselben. Dann verlangte er mein Riechflaschchen und hielt es ihm unter die Nase, Bald darauf öffnete Mr. Mason die Augen; er stöhnte vor Schmerz. Mr. Rochester öffnete das Hemd des Verwundeten, dessen Arm und Schulter verbunden war. Er wusch das aus der Wunde sickernde Blut ab.

»Ist augenblickliche Gefahr vorhanden?« fragte Mr. Mason mit matter Stimme.

»Bah! keineswegs – kaum geritzt. Laß dich doch nicht so überwältigen, Mensch! Halte dich brav. Ich werde selbst einen Wundarzt holen. Ich hoffe, daß wir dich morgen schon transportieren können. Jane –« fuhr er fort.

»Sir?«

»Ich bin gezwungen, Sie für ungefähr eine Stunde mit diesem Herrn allein zu lassen; – vielleicht werden auch zwei Stunden daraus. Sie werden das herabträufelnde Blut abwaschen, wie ich es thue. Wenn er ohnmächtig wird, führen Sie das Glas, welches auf jenem Tische steht, an seine Lippen und das Riechsalz an die Nase. Sie dürfen unter keinen Umständen zu ihm reden – und – Richard – es geht auf Gefahr deines Lebens, wenn du mit ihr sprichst. Öffnest du auch nur die Lippen – regst du dich auf – so kann niemand für die Folgen stehen.«

Wiederum stöhnte der arme Mensch; er sah aus, als wage er nicht, sich zu bewegen; Furcht vor dem Tode oder vor etwas anderem Entsetzlichen schien ihn fast zu lähmen. Mr. Rochester reichte mir den von Blut durchtränkten Schwamm, und ich fuhr fort, ihn zu gebrauchen, wie er es gethan. Er beobachtete mich eine Minute und sagte dann: »Vergessen Sie nicht! – Jede Unterhaltung ist verboten.« Gleich darauf verließ er das Zimmer. Ein seltsames Gefühl überkam mich, als ich hörte, wie er den Schlüssel im Schloß drehte und seine Schritte dann in dem langen Korridor verhallten.

Nun befand ich mich also in der dritten Etage, eingeschlossen in eine jener mystischen Zellen; schwarze Nacht um mich; vor meinen Augen, unter meinen Händen ein bleiches, blutiges Bild; von einer Mörderin nur durch eine einzige, schwache Thür getrennt: ja – dies letzte war fürchterlich – das Übrige vermochte ich noch zu ertragen; aber ein kalter Todesschauer überlief mich bei dem Gedanken, daß Grace Poole sich auch jeden Augenblick auf mich stürzen könne.

Ich mußte indessen auf meinem Posten ausharren. Ich mußte dies geisterbleiche Antlitz betrachten – diese blauen, stillen Lippen, die sich nicht mehr öffnen durften – diese Augen, die sich bald öffneten, bald schlossen; nun im Zimmer suchend umherwanderten, dann forschend auf mir ruhten und immer den entsetzlichsten Schrecken wiederspiegelten. Immer wieder mußte ich meine Hand in die Schüssel voll Blut und Wasser tauchen, um das geronnene Blut abzuwischen. Ich mußte das Licht über meine traurige Beschäftigung tief herabbrennen sehen; die Schatten auf den alten Gobelins wurden dunkler; die Vorhänge des massiven, großen Bettes wallten düster herab; seltsame Lichter und Schatten spielten auf einem antiken Schranke, dessen Thüren in prächtiger Schnitzerei die Köpfe der zwölf Apostel trugen, während sich auf der oberen Kante des alten Möbelstückes ein Kruzifix mit einem sterbenden Christus von Ebenholz erhob.

Je nach der wechselnden Dunkelheit oder dem flackernden Schein, welcher auf diesen antiken Schrank fiel, waren es bald der bärtige Arzt, Sankt Lukas mit gerunzelter Stirn; bald der heilige Johannes mit wallendem Haar, nun wieder das teuflische Gesicht des Judas Ischarioth, welche aus dem Rahmen hervortraten und Leben anzunehmen schienen.

Und während dieser ganzen Zeit hatte ich ebensowohl zu horchen, wie zu hüten; zu horchen auf die Bewegungen des wilden Tieres oder des Teufels in der angrenzenden Zelle. Seit dem Besuch Mr. Rochesters in jenem Gemache schien der Lärm indessen wie gebannt. Während der ganzen Nacht hörte ich in langen Zwischenräumen nur dreimal ein Geräusch, – einen knarrenden Schritt, eine kurze Wiederholung jener eigentümlich knurrenden Laute, die an das Murren eines Hundes gemahnten, und ein tiefes, herzzerreißendes Stöhnen aus Menschenbrust.

Nun begannen meine eigenen Gedanken mich zu quälen. Was für ein Verbrechen war es, das Mensch geworden, in diesem Hause abgesondert lebte, und welches der Besitzer weder zu bezwingen noch zu verbannen imstande war? – Welch ein Geheimnis war es, das sich in der Totenstille der Nacht einmal in Feuer, ein ander Mal in Blut offenbarte? – Was für ein Geschöpf war es, das die Gestalt und das Gesicht eines gewöhnlichen Weibes trug und bald die Töne eines spöttischen Dämons, bald die eines beutegierigen Raubvogels ausstieß?

Und dieser Mann, über den ich mich beugte – dieser einfache, gewöhnliche, stille Fremde – wie war er in dieses Schreckensgewebe verwickelt worden? – Weshalb hatte jene Furie sich auf ihn gestürzt? – Was hatte ihn veranlaßt, diesen Teil des Hauses zu einer so ungewöhnlichen Zeit aufzusuchen, wenn er ruhig in tiefem Schlaf im Bette hätte liegen sollen? Ich hatte doch gehört, daß Mr. Rochester ihm im unteren Stockwerk ein Gemach angewiesen hatte – was hatte ihn denn hierher gebracht? Und weshalb war er jetzt so zahm unter der Gewalt oder dem Verrat, welchen man ihm angethan hatte? Weshalb unterwarf er sich so geduldig der Geheimhaltung, welche Mr. Rochester gebieterisch verlangt hatte? Seinen Gast hatte man in der empörendsten Weise beleidigt; bei einer früheren Gelegenheit hatte man ihm selbst so abscheulich nach dem Leben getrachtet – und diese beiden Anschläge hüllte er in Geheimnis und suchte sie in Vergessen zu begraben! Und schließlich sah ich auch, daß Mr. Mason sich vollständig dem Willen Mr. Rochesters unterwarf; daß die eiserne Willenskraft des letzteren vollständige Gewalt über die Trägheit und Willenlosigkeit des ersteren besaß. Die wenigen Worte, welche beide miteinander gewechselt hatten, mußten mich davon überzeugen. Es war augenscheinlich, daß die passive Sinnesart des einen während ihres früheren Verkehrs gewöhnlich durch die seltene Thatkaft des anderen beeinflußt worden. Aber welchem Grunde entsprang dann Mr. Rochesters Schrecken, als er von Mr. Masons Ankunft unterichtet ward? – Weshalb hatte der bloße Name dieses willenlosen, schwachen Individuums – das er mit einem einzigen Worte beherrschen konnte wie ein Kind – ihn niedergeschmettert, wie der Blitz zuweilen die starke Eiche zerstört?

Ach! ich war nicht imstande, seinen Blick und sein bleiches Gesicht zu vergessen, als er flüsterte: »Jane, ich habe einen Schlag erlitten – einen furchtbaren Schlag, Jane,« – Ich konnte nicht vergessen, wie der Arm gezittert, der sich auf meine Schulter gestützt hatte. Und es konnte keine unbedeutende Kleinigkeit sein, welche imstande war, den entschlossenen Geist und die mächtige Gestalt Fairfax Rochesters derartig zu erschüttern.

»Wann wird er kommen? Wann wird er wiederkommen?« rief ich in meinem Sinne, als die Stunden der Nacht hinschwanden – als der blutende Kranke schwächer und schwächer und kränker wurde und herzzerreißend stöhnte – und weder die heißersehnte Hilfe noch der erlösende Morgen kam. Immer wieder hatte ich das Wasser an Mr. Masons bleiche Lippen geführt; fortwährend hatte ich ihm das stärkende Riechsalz geboten – aber all mein Bemühen schien erfolglos. Entweder das körperliche oder das geistige Leiden oder der Blutverlust oder alle drei zusammen machten seine Kräfte schnell dahinschwinden. Er stöhnte so sehr und sah so schwach, so wild, so verloren aus, daß ich fürchtete, er würde sterben. Und es war mir nicht einmal gestattet, zu ihm zu sprechen.

Endlich war das Licht zu Ende gebrannt – jetzt erlosch es. Bei seinem letzten Aufflackern bemerkte ich, daß graue Streifen auf den Fenstervorhängen spielten. Tagesanbruch war also nicht mehr fern. Und jetzt vernahm ich auch Pilots fernes Bellen, das aus einer Hundehütte im Hofe zu mir heraufdrang, – neue Hoffnung kam über mich.

Es war keine vergebliche gewesen, denn nach fünf Minuten wurde der Schlüssel im Schlosse gedreht, die Thür wurde geöffnet – meine Nachtwache hatte ein Ende. Sie konnte kaum mehr als zwei Stunden gedauert haben – aber manche Woche hatte mich kürzer gedünkt, als diese Nachtstunden.

Mr. Rochester trat ein, und mit ihm der Wundarzt, welchen er herbeigeholt hatte. »Jetzt beeilen Sie sich, Carter,« sagte er zu letzterem gewendet, »ich gebe Ihnen nur eine halbe Stunde, um die Wunde zu untersuchen, den Verband anzulegen, den Patienten nach unten zu transportieren und ihn zu expedieren.«

»Kann er denn transportiert werden, Sir?«

»Ohne Zweifel! Es ist durchaus keine ernstliche Verwundung, er ist nur sehr nervös, man muß ihn aufzurütteln suchen. Schnell, schnell, walten Sie Ihres Amtes.«

Mr. Rochester zog die dicken Fenstervorhänge zur Seite, zog die holländische Jalusie auf und ließ soviel Tageslicht wie möglich ins Zimmer fallen. Wie froh und überrascht war ich zu sehen, daß der Tag endlich gekommen war! Rosige Streifen begannen den östlichen Horizont zu färben. Dann näherte Mr. Rochester sich seinem Gaste, welchen der Wundarzt bereits untersuchte.

»Nun, mein guter Junge, sag', wie fühlst du dich jetzt?« fragte er heiter.

»Ich fürchte, sie hat mit mir ein Ende gemacht,« lautete die mit schwacher Stimme gegebene Antwort.

»Ach, Unsinn! – Nur Mut! Mut! Heute über vierzehn Tage wirst du die ganze Sache bereits vergessen haben. Du hast ein wenig Blut verloren. Das ist die ganze Geschichte. Carter, versichern Sie ihm doch, daß nicht die mindeste Gefahr vorhanden ist.«

»Das kann ich mit bestem Gewissen thun,« sagte Carter, welcher jetzt den Verband zurecht gelegt hatte, »ich wünschte nur, ich wäre früher zur Stelle gewesen: er hätte dann nicht soviel Blut verloren. – Aber was bedeutet dies? Das Fleisch hier auf der Schulter ist ja nicht allein zerschnitten – es ist förmlich zerrissen. Diese Wunde rührt nicht von einem Messer her: hier haben Zähne gewütet!«

»Sie hat mich gebissen,« murmelte er. »Als Rochester ihr das Messer entrissen, zerfleischte sie mich wie eine Tigerin.«

»Du hättest nicht nachgeben sollen; du hättest sofort mit ihr ringen müssen,« sagte Mr. Rochester.

»Aber was blieb mir unter solchen Umständen zu thun übrig?« entgegnete Mr. Mason. »Ah! Es war fürchterlich! fürchterlich!« fügte er hinzu und ein kalter Schauer überlief ihn. »Und ich war gar nicht darauf gefaßt, denn anfangs sah sie so ruhig und vernünftig aus.«

»Ich habe dich gewarnt,« lautete die Antwort seines Freundes, »Ich sagte dir: sei auf deiner Hut, wenn du ihr nahe kommst. Außerdem hättest du bis zum Morgen warten können, damit ich dich begleitete. Es war eine grenzenlose Thorheit, die Unterredung schon am Abend und zwar allein herbeizuführen.«

»Ich glaubte, ich würde etwas Gutes damit bewirken.«

»Du glaubtest! Du glaubtest! Wahrhaftig! Es macht mich ärgerlich, dir zuzuhören. Aber, du hast gebüßt und wirst wahrscheinlich noch mehr dafür büßen müssen, daß du meinen Rat nicht befolgt hast. Deshalb will ich dir keine Vorwürfe mehr machen. – Carter! – Beeilen Sie sich! Beeilen Sie sich! Es ist die höchste Zeit! Die Sonne wird bald aufgehen – und ich muß ihn so bald wie möglich fortschaffen!«

»Gleich, Sir, gleich! Die Schulter ist bereits verbunden. Jetzt muß ich diese zweite Wunde hier am Arm untersuchen. Wie es scheint, hat sie auch hier mit ihren Zähnen gewütet.«

»Sie sog das Blut heraus; sie sagte, sie wolle mein Herzblut trinken,« erzählte Mason.

Ich sah, wie Mr. Rochester zusammenschauderte. Ein seltsamer Ausdruck von Ekel, Entsetzen, Haß verzerrte sein Antlitz fast bis zur Unkenntlichkeit; aber er sagte nur:

»Komm Richard, schweig' jetzt und kümmere dich nicht um ihr Gewäsch! Wiederhole es wenigstens nicht!«

»Ach, ich wollte, ich wäre imstande, es zu vergessen,« lautete die müde Antwort.

»Du wirst es können, wenn du dies Land erst im Rücken hast. Wenn du nach Spanish Town zurückgekehrt bist, gedenke ihrer nur, als wäre sie tot und begraben – oder besser ist es noch, wenn du überhaupt nicht mehr an sie denkst.«

»Unmöglich, diese Nacht des Grauens zu vergessen!«

»Es ist nicht unmöglich! Mensch, zeige doch ein wenig Energie! Vor zwei Stunden meintest du noch, du seiest so tot wie ein Hering, und jetzt lebst du doch noch und sprichst so lebendig wie ich. Siehst du! Carter ist jetzt auch beinahe fertig mit dem Verbinden. Und nun will ich dich in wenig Augenblicken schön wie einen Adonis machen. Jane« – dies waren die ersten Worte, welche er seit seinem Wiedereintritt mit mir sprach – »Jane, nehmen Sie diesen Schlüssel: gehen Sie hinunter in mein Schlafzimmer und von dort gradeswegs in mein Ankleidezimmer; öffnen Sie die obere Schublade der Kommode und nehmen Sie ein reines Hemd und ein Halstuch aus derselben. Beides bringen Sie her. Aber beeilen Sie sich!«

Ich ging, suchte das Möbelstück, dessen er erwähnt hatte, fand die genannten Gegenstände und kam mit ihnen in das dritte Stockwerk zurück.

»Nun gehen Sie an die andere Seite des Bettes, während ich ihm helfe Toilette zu machen,« sagte er. »Aber verlassen Sie das Zimmer nicht; es ist möglich, daß ich Ihrer Hilfe noch einmal bedarf.«

Ich zog mich hinter das große Himmelbett zurück, wie mein Herr mir befohlen hatte.

»War in den unteren Etagen schon jemand auf den Füßen, als Sie hinunterkamen, Jane?« fragte Mr. Rochester gleich darauf.

»Nein, Sir, alles war still.«

»O Dick, wir werden dich bequem und ungesehen fortbringen. Und das wird das Beste sein, sowohl für dich wie für das arme, beklagenswerte Geschöpf da drüben. Ich habe so lange gekämpft, um eine Bloßstellung zu vermeiden, und ich möchte nicht, daß sie nun doch endlich hereinbräche! Hier Carter, helfen Sie ihm ein wenig mit seiner Weste. Wohin hast du deinen Pelzrock gethan? In diesem verdammten kalten Klima kannst du nicht eine halbe Meile ohne denselben reisen, das weiß ich. In deinem Zimmer? – Jane, laufen Sie hinunter in Mr. Masons Zimmer, – es stößt direkt an das meinige, – und bringen Sie den Rock, welchen Sie dort finden werden.«

Wiederum lief ich fort und kehrte mit einem ungewöhnlich großen Mantel zurück, der mit Pelz gefüttert und verbrämt war.

»So, jetzt habe ich noch einen Auftrag für Sie,« sagte mein unermüdlicher Brotherr, »Sie müssen noch einmal hinunter in mein Zimmer laufen. Welch ein Glück, Jane, daß Sie samtbeschuhte Füßchen haben! ein Bote mit Holzpantoffeln würde bei dieser Gelegenheit kaum zu verwenden sein! Sie müssen die mittlere Schieblade meines Toilettetisches öffnen und ein kleines Fläschchen und ein kleines Glas, welche Sie dort finden werden, herausnehmen. Bringen Sie es mir schnell!«

Ich flog hinunter und wieder hinauf und brachte die gewünschten Dinge.

»So ist's gut! Jetzt, Doktor, werde ich mir die Freiheit erlauben, ihm selbst ein Dosis beizubringen, auf meine eigene Verantwortung, Ich bekam dieses Belebungsmittel in Rom von einem italienischen Charlatan – einem Burschen, dem Sie einen Fußtritt versetzt haben würden, Carter. Es ist keine Medizin, die man ohne Unterschied zu machen anwenden kann, aber bei manchen Gelegenheiten wirkt sie Wunder! Wie jetzt zum Beispiel, Jane, ein wenig Wasser!«

Er reichte mir das kleine Glas, das ich bis zur Hälfte mit Wasser aus der Flasche vom Waschtische füllte.

»So ist's genug. Jetzt befeuchten Sie den Rand des Fläschchens.«

Ich that wie mir geheißen. Er goß zwölf Tropfen einer roten Flüssigkeit hinein und reichte es Mason hin.

»Trink Richard; es wird dir den Mut geben, der dir fehlt, für eine Stunde wenigstens.«

»Aber wird es mir auch nicht schaden? wird es keine Entzündung herbeiführen?«

»Trink! Trink! Trink!«

Mr. Mason gehorchte; aber nur, weil es augenscheinlich nutzlos war, sich zu widersetzen. Er war jetzt angekleidet; er sah wohl noch immer bleich aus, aber nicht mehr blutig und beschmutzt.

Mr. Rochester gestattete ihm, sich drei Minuten auszuruhen, nachdem er die Flüssigkeit getrunken hatte. Dann faßte er seinen Arm: »Jetzt bin ich fest überzeugt, daß du auf deinen Füßen stehen kannst. – Versuch es nur.« sagte er.

Der Kranke erhob sich.

»Carter, stützen Sie ihn an der andern Seite. Hab' nur guten Mut, Richard; so – jetzt schreite aus! – Siehst du – siehst du – es geht schon.«

»Ich fühle mich besser,« bemerkte Mr. Mason.

»Das wußte ich vorher. Nun Jane, trippeln Sie uns vorauf zur Hintertreppe; riegeln Sie die Thür des Seitenkorridors auf und sagen Sie dem Kutscher der Postchaise, die Sie im Hofe sehen werden – oder dicht vor dem Hofthor, denn ich befahl ihm mit seinen rasselnden Rädern nicht über das Pflaster zu fahren – sich bereit zu halten. Wir kommen gleich. Und noch eins, Jane, wenn Sie unten irgend jemand wach finden, so kommen Sie an den Fuß der Treppe und räuspern Sie sich.«

Inzwischen war es halb sechs geworden, und die Sonne war im Begriff aufzugehen. Trotzdem war die Küche noch dunkel, und alles war ruhig. Die Thür des Seitenkorridors war verriegelt; ich öffnete sie so geräuschlos wie möglich. Auch im Hofe herrschte noch Ruhe. Die Thore standen aber weit geöffnet, und draußen hielt eine Postchaise; die Pferde waren eingespannt, der Kutscher saß auf dem Bocke.

Ich näherte mich ihm und sagte, daß die Herren kämen; er nickte; dann blickte ich sorgfältig spähend umher und horchte.

Überall noch die heilige Ruhe des frühen Morgens! Sogar an den Fenstern der Dienstbotenzimmer waren die Vorhänge noch herabgelassen; die Vögel zwitscherten in den blütenschweren Zweigen der Bäume im Obstgarten, die gleichsam mit weißen Guirlanden jene Mauer schmückten, welche die eine Seite des Hofes einschlossen. Die Pferde der Equipagen stampften von Zeit zu Zeit in den noch geschlossenen Ställen. – Sonst war alles still. Jetzt kamen die Herren. Mr. Mason, welcher sich auf Mr. Rochester und den Arzt stützte, schien bereits wieder mit Leichtigkeit gehen zu können. Sie halfen ihm den Wagen zu besteigen; Carter setzte sich zu ihm.

»Behüten Sie ihn wohl,« sagte Mr. Rochester zu dem letztgenannten gewendet, »und behalten Sie ihn in Ihrem Hause, bis er ganz wieder hergestellt ist. In ein oder zwei Tagen werde ich hinüberkommen, um zu sehen, wie seine Genesung fortschreitet. Richard, wie fühlst du dich jetzt?«

»Die frische Luft belebt mich, Fairfax!«

»Carter, lassen Sie das Fenster an seiner Seite herab; es ist ganz windstill. Die frische Luft schadet ihm nicht. Lebwohl Dick, mein Junge!«

»Fairfax –«

»Nun, was giebt's noch?«

»Laß sie sorgsam behüten; laß sie so nachsichtig behandeln wie möglich, laß sie –« hier hielt er inne und brach in bittere Thränen aus.

»Ich thue mein Bestes; ich habe es gethan und werde es auch in Zukunft thun,« lautete die Antwort. Dann schlug er die Wagenthür zu, und die Postchaise fuhr davon.

»O, wollte Gott doch, daß dies alles ein Ende hätte!« seufzte Mr. Rochester tief auf, als er die schweren Hofthore wieder schloß und sorgsam verriegelte. Nachdem er dies gethan, ging er mit langsamen Schritten, in düstere Gedanken versunken, auf eine Thür in jener Mauer zu, die den Obstgarten begrenzte.

Da ich vermutete, daß meine Arbeit hier abgethan sei, schickte ich mich an, in das Haus zurückzugehen; indessen hörte ich ihn gleich darauf »Jane!« rufen. Er hatte jene Pforte geöffnet und stand jetzt vor derselben, anscheinend auf mich wartend.

»Kommen Sie für ein paar Augenblicke mit mir dorthin, wo es frisch und luftig ist; jenes Haus ist ein wahrer Kerker. Empfinden Sie das nicht ebenfalls?«

»Mich dünkt es ein prächtiges Schloß, Sir.«

»Die Fata morgana der Unerfahrenhcit blendet Ihre Augen,« entgegnete er. »Und Sie sehen es durch einen Zauberspiegel; Sie können nicht unterscheiden, daß das Gold bloßer Schlamm und die seidenen Draperien nichts als Spinnweben sind; daß der Marmor elender Schiefer und das kostbar polierte Holz nur fortgeworfene Späne und gemeine Baumrinde ist. Aber hier – damit deutete er auf das schattige Plätzchen, das wir soeben betraten – hier ist alles süß, alles rein, alles wirklich!«

Er schlenderte einen Fußpfad hinunter, der mit Buchsbaum eingefaßt war; an der einen Seite standen Apfelbäume, Birnbäume und Kirschbäume, auf der andern Seite Beete, auf denen alle möglichen altmodischen Blumen standen, wie Levkojen, Feldrosen, Schlüsselblumen, Stiefmütterchen, dazwischen Stabwurz, Feldrosen und allerlei duftende Kräuter. Dies alles war so frisch und farbenprächtig, wie eine ganze Reihe von Aprilschauern es nur machen konnten, auf die ein lieblicher Frühlingsmorgen gefolgt. Die Sonne stieg majestätisch an dem flockigen Horizonte empor und ihr Licht strahlte auf den schattigen, thaufrischen Obstgarten und seine stillen, lauschigen Wege herab.

»Jane, wollen Sie eine Blume?«

Er pflückte eine halbgeöffnete Rose, die erste an ihrem Strauche, und reichte sie mir.

»Ich danke Ihnen, Sir.«

»Finden Sie diesen Sonnenaufgang schön, Jane? Jenen Himmel mit seinen hohen, leichten, luftigen Wolken, die sich zerstreuen werden, wenn der Tag älter wird – diese klare, balsamische Atmosphäre – finden Sie Freude daran?«

»Gewiß, Sir, viel Freude.«

»Dies war eine seltsame Nacht, Jane.«

«Ja, Sir.«

»Und sie hat Sie bleich gemacht! – Empfanden Sie Furcht, als ich Sie mit Mason allein ließ?«

»Ich fürchtete nur, daß jemand aus dem inneren Zimmer kommen könne.«

»Aber Sie hatten doch gesehen, wie ich die Thür verschloß – den Schlüssel trug ich in der Tasche. Ich wäre ein pflichtvergessener Hirte gewesen, wenn ich ein Lamm – mein Lieblingslamm – unbehütet so nahe bei der Höhle des Löwen gelassen hätte; – nein, Sie waren in Sicherheit.«

»Wird Grace Poole noch länger hier im Hause bleiben, Sir?«

»O gewiß! Aber zerbrechen Sie sich den Kopf nicht über sie – – verbannen Sie sie gänzlich aus Ihren Gedanken.«

»Und doch will es mir scheinen, daß Sie Ihres Lebens nicht sicher sind, so lange sie hier im Hause weilt.«

»Fürchten Sie nichts, Jane – ich werde mich in Acht zu nehmen wissen.«

»Und ist die Gefahr, welche Sie gestern Abend fürchteten, vorüber gegangen, Sir?«

»Dafür kann ich erst bürgen, wenn Mason England wieder verlassen haben wird. Jane, mein Leben ist das Leben auf einem Vulkan, der jeden Augenblick Feuer speien und mich verschlingen kann.«

»Aber Sir, Mr. Mason scheint doch ein Mann zu sein, der sich leicht leiten läßt. Ihr Einfluß scheint bei ihm allmächtig zu sein. Er wird Ihnen niemals trotzen oder Sie wissentlich zu schädigen suchen.«

»O nein, Mason wird mir niemals trotzen oder mir mit Wissen und Willen Schaden zufügen – aber unabsichtlich könnte er mich in einem einzigen Augenblick durch ein unüberlegtes Wort, wenn auch nicht um das Leben selbst, so doch um das ganze Glück meines Lebens bringen.«

»Sagen Sie ihm doch, vorsichtig zu sein, Sir. Lassen Sie ihn wissen, was Sie fürchten und zeigen Sie ihm, wie die Gefahr abgewendet werden kann.«

Er lachte ironisch, ergriff hastig meine Hand und schleuderte sie ebenso hastig wieder von sich.

»Einfältiges Kind! Wenn ich das zu thun vermöchte, wo wäre denn die Gefahr? In einem Augenblick wäre sie vernichtet. Seitdem ich Mason kenne – und das ist schon eine lange Zeit – habe ich ihm nur zu sagen gebraucht: »Thue das,« und die Sache ward gethan. Aber in diesem Falle kann ich ihm nichts befehlen, ich kann ihm nicht sagen: »Hüte dich davor mir Schaden zuzufügen, Richard,« denn es ist durchaus notwendig, daß er niemals erfährt, es liege in seiner Macht, mich unglücklich zu machen. Sie sind verwirrt, Sie zerbrechen sich den Kopf, – und Sie werden sich den Kopf noch weiter über mich zerbrechen. Aber Sie sind meine kleine, treue Freundin, nicht wahr, Jane?«

»Sir, es wird mir Freude machen, Ihnen in allem was recht ist zu gehorchen und zu dienen.«

»In der That! Ich sehe, daß dem so ist. Ich sehe aufrichtige, ungeheuchelte Befriedigung in Ihren Mienen, in Ihrer Haltung, in Ihren Augen und Ihrem Gesicht, wenn Sie mir helfen – wenn Sie für mich und mit mir arbeiten in allem, »was recht ist«, wie Sie so charakteristisch sagen. Denn wenn ich etwas von Ihnen verlangte, was unrecht wäre, so würde ich wohl kein leichtfüßiges Laufen, keine bereitwillige Fröhlichkeit, keine lebhaften Blicke und blühende Gesichtsfarbe sehen. Meine Freundin würde sich dann bleich und ruhig zu mir wenden und sagen: »Nein, Sir; das ist unmöglich; ich kann es nicht thun, weil es Unrecht wäre,« und sie würde unbeweglich bleiben wie ein Fixstern. Nun, auch Sie haben Macht über mich und könnten mir Schaden zufügen; aber ich wage nicht, Ihnen die Stelle zu zeigen, wo ich verwundbar bin, aus Furcht, daß Sie mich, treu und freundlich wie Sie sind, auf der Stelle durchbohren könnten.«

»Wenn Sie nicht mehr von Mr. Mason zu fürchten haben als von mir, Sir, dann sind Sie wahrlich sicher.«

»Gott gebe, daß es so ist! – Hier, Jane, ist eine Laube, setzen wir uns.«

Die Laube war ein mit Epheu dicht bewachsener Bogen in der Mauer; eine einfach ländliche Bank stand darin, Mr. Rochester setzte sich, ließ jedoch einen Platz für mich frei. Ich setzte mich nicht, sondern blieb vor ihm stehen.

»Setzen Sie sich,« sagte er, »die Bank hat Raum für uns beide. Zögern Sie denn, an meiner Seite Platz zu nehmen? Ist das auch unrecht, Jane?«

Ich antwortete ihm, indem ich mich setzte. Ihm seinen Wunsch abzuschlagen, wäre unklug gewesen; das fühlte ich.

»Und jetzt, meine kleine Freundin, während die Sonne den Thau schlürft – während all die Blumen in diesem altmodischen Garten zum Leben erwachen und ihre Kelche dem Kusse des Tagesgestirns erschließen – während die gefiederte Welt ihren Jungen das Frühstück aus den Feldern von Thornfield zusammenholt, und die emsigen Bienen an ihre Arbeit gehen – jetzt will ich Ihnen eine Geschichte erzählen und Sie müssen versuchen, diese für Ihre eigene zu halten. Zuerst blicken Sie mich aber an und sagen Sie mir, daß Sie sich nicht unbehaglich fühlen und daß Sie nicht fürchten, ein Unrecht zu begehen, indem Sie sich hier von mir zurückhalten lassen.«

»Nein, Sir; ich fühle mich behaglich hier.«

»Also gut, Jane; rufen Sie Ihre Phantasie zu Hilfe: – nehmen Sie an, daß Sie nicht mehr ein wohlerzogenes, hochgebildetes Mädchen wären, sondern ein wilder Knabe, der seit seiner Kindheit nur seinen eigenen Willen gekannt hat. Versetzen Sie sich in ein fremdes, fernes Land; nehmen Sie an, daß Sie dort einen großen Fehler begehen, gleichgültig welcher Art oder aus welchen Beweggründen, aber ein Fehler, dessen Konsequenzen Ihnen durch Ihr ganzes Leben folgen und Ihre ganze Existenz vernichten. Merken Sie wohl auf, ich sage nicht ein Verbrechen; ich spreche nicht von Blutvergießen oder irgend einer anderen Schuld, welche den Thäter dem Gesetze verfallen ließe, – nein, mein Wort ist Fehler.

Die Folgen Ihrer That werden Ihnen mit der Zeit vollständig unerträglich; Sie ergreifen Maßregeln, um Ihre Lage zu erleichtern – ungewöhnliche Maßregeln, in der That, aber sie sind weder ungesetzlich noch verdammenswert. Und doch sind Sie tief elend, denn die Hoffnung verließ Sie schon, als Ihr Leben kaum begann, Ihre Sonne wird schon um die Mittagszeit durch eine Finsternis verdunkelt, welche – das wissen Sie nur zu wohl – bis zum Sonnenuntergang anhalten wird. Bittere, niedere Ideenverbindungen sind die einzige Nahrung Ihres Erinnerungsvermögens geworden. Sie wandern hierher – dorthin. Sie suchen Ruhe in der freiwilligen Verbannung, – Glück im Vergnügen – ich meine, im herzlosen, sinnlichen Vergnügen – im Vergnügen, das den Verstand einschläfert, das Gefühl abstumpft. Nach langen Jahren des freiwilligen Exils kehren Sie heim, müde im Herzen, öde in der Seele. Sie machen eine neue Bekanntschaft – wie oder wo ist gleichgiltig. In diesem fremden Wesen finden Sie all jene guten, glänzenden Eigenschaften, die Sie seit zwanzig Jahren suchten und niemals fanden; sie sind so frisch, so gesund, so wahr, ohne Flecken, ohne Makel. Dieser Verkehr belebt Sie wieder, er läßt Sie neu geboren werden. Sie fühlen, wie wiederum glücklichere Tage anbrechen – sie hegen reinere Gefühle, edlere Wünsche. Sie hegen das Verlangen, Ihr Leben von vorne zu beginnen und den Rest Ihrer Lebenstage in einer Weise zu verbringen, die eines unsterblichen Wesens würdiger sind.

Und um dies zu erreichen – sind Sie berechtigt, ein Hindernis, das im Hergebrachten liegt, zu übersteigen? Ein nur konventionelles Hindernis, das weder durch Ihr Gewissen geheiligt, noch durch Ihr gesundes Urteilsvermögen gebilligt wird?«

Hier hielt er inne und wartete auf eine Antwort. Was aber sollte ich sagen? Ach, um einen guten Geist, der mir eine vernünftige und zugleich befriedigende Antwort eingegeben hätte! – Eitler Wunsch! Der Westwind flüsterte in den herabhängenden Epheuranken; aber kein sanfter Ariel borgte ihnen seinen Hauch als Medium der Sprache, – die Vögel sangen und zwitscherten in den Wipfeln der Bäume; aber wie süß ihr Gesang auch klang – er war ja unverständlich.

Mr. Rochester begann von neuem:

»Ist der ruhelose, sündhafte, jetzt aber ruhesuchende und reuige Mann berechtigt, der Meinung der Welt zu trotzen, indem er für alle Zeiten jenes gute, sympathische, liebevolle, fremde Wesen an sich fesselt und damit seinen eigenen Seelenfrieden, seine Wiedergeburt des Herzens sichert?«

»Sir,« entgegnete ich, »die Ruhe eines Irrenden, die Bekehrung eines Sünders sollte niemals von einem Mitmenschen abhängig sein dürfen, Männer und Frauen sterben. Philosophen fehlen in ihrer Weisheit, Christen irren in ihrer Güte. Wenn ein Mensch, den Sie kennen, gefehlt und gelitten hat, so lassen Sie ihn höher hinauf blicken als zu seinen Nebenmenschen; Trost und Heilung für seine Wunden, Kraft für seine Umkehr wird von oben herab kommen.«

»Aber das Werkzeug – das Werkzeug! Gott, der das Werk thut, wählt das Werkzeug. Ich selbst war ein weltlich gesinnter, ruheloser, verschwenderischer Mann – dies sage ich Ihnen ohne Gleichnis – und ich glaube, daß ich das Werkzeug für meine Bekehrung gefunden habe in –«

Er hielt inne: die Vögel fuhren fort zu zwitschern; die Blätter rauschten über unseren Häuptern. Etwas wie Erstaunen kam über mich, daß auch sie nicht ihr Zwitschern und Rauschen einstellten, um jene unterbrochene Offenbarung zu hören! Aber sie hätten viele lange Minuten warten müssen – so lange dauerte das Schweigen.

Endlich blickte ich zu dem zögernden Sprecher auf: er hatte seine lebhaften Blicke auf mich geheftet,

»Kleine Freundin,« sagte er in gänzlich verändertem Ton, während auch sein Gesicht sich veränderte, er verlor den Ernst und die Güte und wurde hart und sarkastisch – »Sie haben meine zärtliche Neigung für Miß Ingram bemerkt: glauben Sie nicht, daß sie aus Rache meine Wiedergeburt herbeiführen würde, wenn ich sie heiratete?«

Dann sprang er plötzlich auf, ging schnell bis an das äußerste Ende des Fußpfades, und – pfiff ein Lied, als er zu mir zurückkam.

»Jane! Jane!« rief er aus, als er vor mir stehen blieb, »die Nachtwache hat Sie ganz bleich gemacht. Verwünschen Sie mich nicht, weil ich Ihre Ruhe gestört habe.«

»Sie verwünschen? Nein, Sir.«

»Geben Sie mir die Hand zur Bekräftigung Ihrer Worte, Wie kalt diese kleine Hand ist! Sie war wärmer, als ich sie gestern Abend an der Thür des geheimnisvollen Zimmers berührte. Jane, wann werden Sie wieder mit mir wachen?«

»Sobald ich Ihnen damit nützlich sein kann, Sir.«

»Zum Beispiel in der Nacht vor meiner Hochzeit! Dann werde ich sicherlich nicht imstande sein zu schlafen. Wollen Sie versprechen, dann mit mir aufzubleiben und mir Gesellschaft zu leisten? Mit Ihnen kann ich von meiner Geliebten reden: denn jetzt haben Sie sie gesehen und kennen sie.«

»Ja, Sir.«

»Nicht wahr, Jane, sie ist ein seltenes Geschöpf?«

»Ja, Sir,«

»Stämmig – wirklich stämmig, Jane; groß, braun, geschmeidig und willfährig; mit Haaren, wie die Frauen von Karthago es gehabt haben müssen, Gott sei mir gnädig, da sind Dent und Lynn schon in den Ställen! Gehen Sie durch jene Pforte in die jungen Anpflanzungen, und dann ins Haus.«

Während ich auf dem einen Wege davon ging, schlug er den andern ein und ich hörte noch, wie er laut und fröhlich im Hofe rief:

»Mason ist euch allen heute früh zuvor gekommen. Noch vor Sonnenaufgang ist er auf und davon gegangen. Ich bin um vier Uhr aufgestanden, um ihm Lebewohl zu sagen.«

Ende des ersten Teiles.

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