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Gutenberg > Charlotte Brontë >

Jane Eyre, die Waise von Lowood.

Charlotte Brontë: Jane Eyre, die Waise von Lowood. - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorCharlotte Brontë
titleJane Eyre, die Waise von Lowood.
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub1847
translatorMaria von Borch (1853 - 1895)
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon
senderwww.gaga.net
created20060420
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Neunzehntes Kapitel.

Das Bibliothelszimmer sah sehr friedlich aus, als ich eintrat, und die Sibylle – wenn sie wirklich eine Sibylle war – saß ganz ruhig und bequem in einem Lehnstuhl vor dem Kaminfeuer. Sie trug einen roten Mantel und einen schwarzen Hut und schien beim Schein des Kaminfeuers in einem kleinen, schwarzen Buche zu lesen, das fast aussah wie ein Gebetbuch. Sie murmelte die Worte vor sich hin, wie alte Frauen es oft zu thun pflegen, wenn sie lesen. Auch hörte sie nicht sofort bei meinem Eintritt mit dieser Beschäftigung auf. Es sah fast aus, als wolle sie den Paragraphen noch zu Ende lesen.

Ich stand auf dem Teppich vor dem Kamin und wärmte meine Hände, die fast erstarrt waren, weil ich in dem Gesellschaftszimmer in beträchtlicher Entfernung von dem Kaminfeuer gesessen hatte. Ich war jetzt bereits so ruhig geworden, wie ich es sonst zu sein pflegte; in der That, in der äußeren Erscheinung der Zigeunerin lag nichts, was die Ruhe eines Menschen hätte erschüttern können. Sie schlug das Buch zu und blickte langsam auf; der breite Rand ihres Hutes beschattete zum größten Teil das Gesicht, und doch konnte ich bemerken, als sie zu mir aufsah, daß es ein gar seltsames sei. Es war durchweg braun und schwarz. Verworrenes Haar quoll unter einer weißen Binde hervor, welche unter dem Kinn zusammentraf und die Backen oder vielmehr die Kinnbacken halb bedeckte. Ihr Auge blickte mich mit einem scharfen, kühnen, durchbohrenden Blicke sofort an.

»Nun, Sie wollen sich ebenfalls wahrsagen lassen?« sprach sie mit einer Stimme, die ebenso bestimmt wie ihr Blick, ebenso hart wie ihre Züge war.

»Es liegt mir nicht viel daran, Mutter; thut wie Ihr wollt! Aber eins muß ich Euch vorher sagen: ich habe keinen Glauben.«

»Diese Frechheit erwartete ich von Ihnen – ich erwartete sie. Ich hörte es in Ihrem Schritte, als Sie über die Schwelle traten.«

»Wirklich? Dann habt Ihr ein scharfes Ohr.«

»Ja; das habe ich. Und ein gar scharfes Auge! Und ein noch schärferes Gehirn.«

»Nun, das alles braucht Ihr auch notwendig für Euer Handwerk.«

»Das brauche ich. Besonders wenn ich mit solchen Kunden zu thun habe, wie Sie sind. Weshalb zittern Sie denn eigentlich nicht?«

»Mich friert nicht.«

»Weshalb werden Sie nicht blaß?«

»Ich bin nicht krank.«

»Weshalb nehmen Sie meine Kunst denn nicht in Anspruch?«

»Ich bin nicht so albern.«

Die alte Hexe kicherte leise in ihre Bandagen hinein. Dann zog sie eine kurze, geschwärzte Pfeife hervor, zündete sie an und begann zu rauchen. Nachdem sie sich eine Weile an diesem Beruhigungsmittel gelabt hatte, richtete sie den gebeugten Körper in die Höhe, nahm die Pfeife aus dem Munde und während sie unverwandt in das Feuer blickte, sagte sie ganz bedächtig und wohlüberlegt:

»Es friert Sie; Sie fühlen sich unwohl, und Sie sind albern.«

»Beweist mir das,« entgegnete ich.

»Das werde ich thun; mit wenigen Worten. Es friert Sie, weil Sie einsam sind; keine Berührung facht das Feuer, das in Ihnen glimmt, zur hellen Flamme an. Sie sind krank; weil das reinste der Gefühle, das höchste und süßeste, das dem Menschen in die Brust gelegt ist, Ihnen fern bleibt. Sie sind albern und dumm, weil Sie ihm kein Zeichen machen, sich auch Ihnen zu nähern – wie sehr Sie auch leiden mögen. Und Sie wollen auch keinen Schritt thun, um ihm dorthin entgegen zu eilen, wo es Ihrer wartet.«

Wiederum führte sie die kurze, schwarze Pfeife an die Lippen und begann in kräftigen Zügen zu rauchen.

»Ihr wißt, daß alles, was Ihr da sagt, ebenso gut auf jede andere passen würde, die einsam und in abhängiger Stellung in einem großen Hause lebt.«

»Sagen könnte ich es wohl jeder – würde es aber auch auf jede passen

»Auf jede, die so lebt wie ich.«

»Ja; das ist's; auf jede, die lebt wie Sie. Aber finden Sie doch noch eine, die so lebt.«

»Es wäre eine Kleinigkeit, tausend solche zu finden.«

»Es würde Ihnen schwer fallen, auch nur eine einzige zu finden. – Wissen Sie also: Ihre Lage ist eine ganz besondere; Sie stehen dem Glücke sehr nahe, ja, Sie brauchen nur die Hand danach auszustrecken. Das ganze Material zum Glück ist vorbereitet; es bedarf nur noch eines einzigen Zuges, um alles zusammenzufügen. Nur der Zufall hat es an getrennten Orten aufgehäuft. Lassen Sie es sich nähern – und das Ende wird Glück sein.«

»Ich habe kein Verständnis für Rätsel. In meinem ganzen Leben war ich noch nicht imstande, eins zu lösen.«

»Zeigen Sie mir Ihre Hand, wenn Sie wollen, daß ich deutlicher reden soll.«

»Wahrscheinlich muß ich die Fläche mit Silber bedecken, nicht wahr, Mutter?«

»Natürlich.«

Ich gab ihr einen Schilling; sie steckte ihn in einen alten Strumpf, den sie aus ihrer Tasche zog, und nachdem sie ihn zusammengebunden und in die Falten ihres Rockes zurückgeschoben hatte, gebot sie mir, die Hand auszustrecken. Ich that, wie mir geheißen. Sie näherte ihr Gesicht der Handfläche und sah sie lange sinnend an ohne sie zu berühren.

»Sie ist zu schön und fein,« sagte sie endlich. »Aus einer solchen Hand kann ich nichts lesen; sie hat fast gar keine Linien. Und außerdem – was kann eine Hand sagen? In ihr steht das Schicksal nicht geschrieben.«

»Das glaube ich Euch wohl,« sagte ich.

»Nein,« fuhr sie fort, »im Gesicht steht es zu lesen, auf der Stirn, um die Augen herum, in den Augen selbst, in den Linien des Mundes. Knieen Sie nieder und heben Sie den Kopf empor.«

»Ah! jetzt kommt Ihr der Wahrheit näher,« sagte ich, indem ich that, was sie verlangte. »Nun werde ich bald anfangen, Euren Worten ein wenig Glauben zu schenken.«

Wenige Fußbreit von ihr war ich hingekniet. Sie begann das Feuer aufzurühren, so daß die verglimmenden Kohlen wiederum einiges Licht verbreiteten. Da sie aber saß, warf der Schein nur noch einen tieferen Schatten über ihr Gesicht, während das meine hell beleuchtet wurde.

»Ich möchte doch wissen, mit welchen Gefühlen Sie heute Abend zu mir ins Zimmer gekommen sind,« sagte sie, nachdem sie meine Züge eine Weile hindurch geprüft hatte. »Ich möchte wissen, welche Gefühle in Ihrem Herzen geschäftig sind, wenn Sie so stundenlang in jenem prächtigen, strahlenden Gesellschaftszimmer sitzen und die vornehmen, eleganten Leute vor Ihren Blicken auf- und abflattern wie die Figuren in einer laterna magica. Zwischen Ihnen und jenen besteht doch gerade so wenig sympathische Gemeinschaft, als ob sie nur menschliche Schatten und nicht Gestalten aus Fleisch und Blut wären.«

»Oft bin ich alles dessen müde; oft auch schläfrig; selten aber traurig.«

»Dann nähren Sie also irgend eine geheime Hoffnung, die Sie erhebt und Sie mit ihren süßen Flüstertönen auf die Zukunft vertröstet?«

»Ich habe keine. Das höchste, was ich zu erhoffen wage, ist, daß ich einmal im stande sein werde, Geld zu ersparen, um mir ein kleines Haus mieten und darin eine Schule errichten zu können.«

»Eine kärgliche Nahrung, um das Leben der Seele zu fristen! Und wenn Sie in jener Fenstervertiefung sitzen – – Sie sehen, ich kenne Ihr Leben bis in die kleinsten Details – –«

»Ihr habt das von den Dienstboten erfahren, Mutter?«

»Ah! Sie halten sich für sehr klug! Nun, vielleicht ist's auch so. Um die Wahrheit zu gestehen: ich kenne eine davon – eine Mrs. Poole –«

Ich sprang empor, als ich diesen Namen hörte.

»So – so,« rief ich, »es ist also doch eine Teufelei dabei im Spiel! dachte ich's doch!«

»Weshalb erschrecken Sie denn,« fuhr die seltsame Person fort, »Mrs. Poole ist eine zuverlässige Person, sehr ruhig und durchaus verschwiegen; jedermann kann ihr mit gutem Gewissen vertrauen. – Aber wie ich schon sagte: wenn Sie in jener Fenstervertiefung sitzen, denken Sie an nichts als an Ihre künftige Schule? Hegen Sie gar kein Interesse für irgend eine der Gestalten, die auf jenen Sofas und Stühlen sitzen? Ist nicht ein Antlitz darunter, in dem Sie zu lesen suchen? Nicht eine Gestalt, deren Bewegungen Sie wenigstens mit – mit – nun sagen wir mit Interesse verfolgen?«

»Es macht mir Vergnügen, alle Gesichter und alle Gestalten zu studieren.«

»Aber machen Sie denn keinen Unterschied mit einem – – oder vielleicht zweien?«

»O gewiß, sehr oft sogar. Wenn die Gebärden oder Blicke eines Paares zum Verräter werden, so macht es mir das größte Vergnügen, sie zu beobachten.«

»Und welche Geschichten lassen Sie sich denn am liebsten verraten?«

»Ach, die Auswahl ist nicht groß! Sie drehen sich gewöhnlich um dasselbe Thema – um das Hofmachen; und sie versprechen, mit derselben Katastrophe zu enden – mit der Heirat.«

»Und darf ich fragen, ob dies einförmige Thema Ihnen gefällt?«

»Es ist mir in der That sehr gleichgiltig. Was geht mich dieses Thema an?

»Was es Sie angeht? Wenn eine schöne, junge, vornehme, reiche Dame, strahlend von Leben und Gesundheit, bezaubernd, unterhaltend, witzig, – dasitzt und einem Herrn zulächelt, welchen Sie – – –«

»Nun, welchen ich was?«

»Den Sie kennen, und von dem Sie vielleicht – gut denken.«

»Ich kenne die Herren nicht, welche hier im Hause sind. Ich habe kaum eine Silbe mit einem derselben gesprochen; und was das Gutdenken anbetrifft, so halte ich einige von ihnen für respektabel und stattlich und mittelalterlich, und andere wieder für jung und elegant und schön und lebhaft. Aber es steht ihnen allen frei, sich anlächeln zu lassen, von wem sie wollen, ohne daß diese That meine Gefühle auch nur im allermindesten berührt.«

»Sie kennen die Herren hier im Hause nicht? Sie haben mit keinem derselben auch nur ein Wort gesprochen? Wollen Sie das von dem Herrn des Hauses auch behaupten?«

»Er ist nicht zu Hause.«

»Eine geistreiche Bemerkung! Eine höchst originelle Entgegnung! Welch ein Gewäsch! Er hat sich heute Morgen nach Millcote begeben und wird noch heute Abend oder spätestens morgen früh zurückkommen. Schließt dieser Umstand ihn etwa aus der Liste Ihrer Bekannten aus? Verschwindet er dadurch ganz und gar aus Ihrem Leben? Bitte, antworten Sie mir darauf!«

»Nein! Aber ich kann nicht recht einsehen, was Mr. Rochester mit dem von Euch berührten Thema zu thun hat.«

»Ich sprach von Damen, welche die Herren verführerisch anlächeln! Und in letzter Zeit hat sich so manches Lächeln in Mr. Rochesters Augen wiedergespiegelt, daß diese davon überfließen wie zwei Schalen, die bis an den Rand mit edlem Rebensaft gefüllt sind. Haben Sie das niemals bemerkt?«

»Mr. Rochester hat ein Recht, sich an der Gesellschaft seiner Gäste zu erfreuen, sollte ich doch meinen.«

»Sein Recht stellt niemand in Frage! Aber ist es Ihnen denn niemals aufgefallen, daß die meisten und interessantesten und wildesten Heiratsgeschichten, die hier mit so großem Eifer kolportiert werden, stets Mr. Rochester zum Helden haben?«

»Die Neugierde und die gespannte Aufmerksamkeit des Zuhörers spornen die Zunge des Erzählers zu immer größeren Anstrengungen an.«

Diese Worte sprach ich mehr zu mir selbst als zu der Zigeunerin, deren seltsame Sprache, Stimme und Art mich nach und nach in einen Traumzustand versetzt hatte. Eine unerwartete Redensart nach der anderen kam von ihren Lippen, bis ich mich in ein förmliches Netz von Mystifikation verwickelt sah. Ich dachte nur noch verwundert darüber nach, welch unsichtbarer Geist seit Wochen an meinem Herzen gesessen haben könne, um sein Fühlen und Zittern und Zweifeln und Zagen auszukundschaften und es getreulich bis in das leiseste Empfinden hinein zu verzeichnen.

»Die Neugierde des Zuhörers!« wiederholte sie, »ja, Mr. Rochester hat stundenlang gesessen und sein Ohr den Worten jener bezaubernden Lippen geliehen, denen das Sprechen eine so unsagbare Wonne bereitete; und Mr. Rochester war so unendlich dankbar für die Zerstreuung und den Zeitvertreib, welcher ihm auf diese Weise gewährt wurde. Haben Sie es bemerkt?«

»Dankbar! Ich erinnere mich nicht, den Ausdruck der Dankbarkeit in seinem Gesichte entdeckt zu haben!«

»Entdeckt! Sie haben also doch versucht, es zu analysieren! Und was haben Sie sonst entdeckt, wenn es nicht Dankbarkeit war?«

Ich antwortete nicht.

»Sie haben Liebe in seinen Zügen gesehen, nicht wahr? – und in die Zukunft blickend, sahen Sie ihn verheiratet – und seine Gattin war ein glückliches Weib?«

»Hm! Nicht gerade das! Eure Hexenkunst irrt sich doch auch manchmal, wie ich sehe!«

»Was zum Teufel sahen Sie denn?«

»Das kümmert Euch nicht. Ich kam hierher um zu fragen, nicht um zu beichten. Ist es allgemein bekannt, daß Mr. Rochester sich verheiraten wird?«

»Ja. Und zwar mit der schönen Miß Ingram.«

»Binnen kurzem?«

»Wie es scheint, ist man zu dieser Schlußfolgerung berechtigt; und ohne Zweifel werden sie ein außergewöhnlich glückliches Paar sein, obgleich Sie mit einer Kühnheit daran zu zweifeln sich erlauben, daß man beinahe versucht wäre, Sie dafür zu strafen. Er muß eine so schöne, vornehme, kluge und hochgebildete Dame doch lieben! Und höchst wahrscheinlich liebt sie ihn auch; oder wenn auch nicht seine Person, so doch seinen Geldbeutel. Ich weiß, daß sie das Familiengut der Rochesters für außerordentlich begehrenswert hält; obgleich ich ihr (Gott verzeihe mir die Sünde!) vor einer Stunde Dinge darüber gesagt habe, die sie seltsam ernst gestimmt haben; die Winkel ihres schönen Mundes fielen um einen halben Zoll. Ich würde ihrem dunkeläugigen Anbeter doch raten, tüchtig auf seiner Hut zu sein. Wenn ein anderer kommt, der ein größeres und gesicherteres Einkommen hat, so läßt sie ihn einfach laufen – –«

»Aber, Mutter, Ihr wißt doch, daß ich nicht hierher gekommen bin, um Euch über Mr. Rochesters Zukunft zu befragen! Ich wollte von der meinen hören – und Ihr habt mir noch nicht eine Silbe darüber gesagt.«

»Ihre Zukunft ist noch zweifelhaft! Als ich Ihr Antlitz prüfte, widersprach ein Zug dem andern. Das Geschick hat auch für Sie ein gewisses Maß von Glück bestimmt – so viel weiß ich. Ich wußte es bereits, ehe ich heute Abend hierher kam. Es ist sorgsam für Sie auf die Seite gelegt worden. Ich selbst sah das Schicksal es thun. Es hängt von Ihnen ab, ob Sie die Hand ausstrecken und es nehmen wollen. Aber gerade ob Sie wollen, ist das Problem, welches ich zu lösen suche. Knieen Sie noch einmal dort auf jenem Teppich!«

»Aber Mutter, laßt mich nicht lange knieen, Die Flammen versengen mich fast.«

Ich kniete nieder. Sie beugte sich nicht mehr zu mir herab, sondern blickte mich nur unverwandt an, indem sie sich in den Stuhl zurücklehnte. Dann begann sie zu murmeln:

»Die Flamme zittert in dem Auge; das Auge erglänzt wie Thautropfen; es ist weich und sanft und voll Gefühl; es lächelt über mein Geschwätz; es ist empfänglich; ein Eindruck jagt den andern durch jene klare Sphäre; wenn es zu lächeln aufhört, wird es traurig; eine unbewußte Müdigkeit lagert schwer auf den Lidern: das bedeutet Traurigkeit, welche aus der Einsamkeit entspringt. Es wendet sich von mir ab; es will die genaue Prüfung nicht länger über sich ergehen lassen; sein spöttischer Blick scheint die Wahrheit der Entdeckungen, welche ich gemacht habe, leugnen zu wollen – es will die Anklage auf Empfindlichkeit entkräften – und doch bestärken sein Stolz und seine Zurückhaltung mich nur in meiner Meinung. Das Auge verspricht Gutes.

»Was den Mund betrifft, so hat er zuweilen Freude am Lachen; er hat die Gewohnheit, alles auszusprechen, was das Hirn denkt, obgleich ich überzeugt bin, daß er über alles, was das Herz empfindet, schweigt. Schmiegsam und beweglich, ist er gewiß nicht dazu bestimmt in die ewige Schweigsamkeit des Alleinseins hineingezwängt zu werden; es ist ein Mund, der viel sprechen und oft lächeln sollte und eine warme Zuneigung für denjenigen hegen müßte, mit dem er spricht, dem er zulächelt. Jener Zug Ihres Gesichts ist ebenfalls günstig.

»Gegen einen glücklichen Ausgang sehe ich nur einen einzigen Feind, und das ist die Stirn. Sie scheint zu sagen: »Ich vermag allein zu leben, wenn Selbstachtung und die Umstände von mir verlangen, daß es so sei. Ich brauche meine Seele nicht zu verkaufen, um Glück zu erkaufen. Ich besitze einen Schatz in meinem Innern, einen Schatz, der mit mir geboren wurde, der mich am Leben erhalten wird, wenn jedes fremde Glück mir fern bleiben sollte oder mir nur um einen Preis geboten wird, den ich nicht zu zahlen vermag.« Die Stirn erklärt weiter: »Meine Vernunft sitzt fest und hält die Zügel und sie wird nicht gestatten, daß die Gefühle sie fortreißen und in einen Abgrund stürzen. Die Leidenschaften mögen wild toben, Heiden wie sie sind; und die Wünsche mögen allerlei eitle Dinge herbeisehnen – aber dennoch soll die Vernunft in jeder Streitfrage das letzte Wort behalten und die entscheidende Stimme bei jeder Beschlußfassung, Stürme – Erdbeben und Feuersbrunst mögen hereinbrechen, – ich werde dennoch mich stets der Führung jener leisen, schwachen Stimme anvertrauen, welche die Eingebungen des Gewissens zu deuten sucht.«

»Gut gesprochen, Stirn; deine Erklärung soll geachtet werden. Ich habe meine Pläne gemacht – ich glaube, daß es ehrliche und gerechte Pläne sind – und bei ihrer Ausarbeitung habe ich auf die Stimme des Gewissens, die Ratschläge der Vernunft gehorcht. Ich weiß, wie bald die Jugend schwindet und die Schönheit schwindet, wenn in dem Kelche, welchen das Glück uns bietet, auch nur ein Tröpfchen von Schande, ein Hauch von Gewissensqualen geträufelt ist; und ich will keine Opfer, keinen Kummer, keine Zerstörung – das ist nicht nach meinem Geschmack, Ich will wohlthun, ich will erhalten – aber nicht vernichten – ich will Dankbarkeit ernten – nicht blutige Thränen auspressen, nicht einmal salzige. Ich will Lächeln, Liebkosungen, süße Worte ernten. – Nun ist's genug! Ich glaube, ich tobe in einem köstlichen Delirium, Ich möchte diesen Augenblick bis in die Ewigkeit verlängern, aber ich wage es nicht. Bis zu diesem Moment ist es mir gelungen, mich zu beherrschen. Ich habe gehandelt, wie ich mir innerlich geschworen hatte, handeln zu wollen – was aber jetzt kommt, geht über meine Kräfte. Stehen Sie auf Miß Eyre, stehen Sie auf! Verlassen Sie mich! Das Spiel ist zu Ende gespielt!«

Wo war ich? Wachte ich oder träumte ich? Hatte ich das alles nur im Schlafe gehört? Träumte ich noch immer? Die Stimme der alten Frau war plötzlich verändert. Ich kannte ihre Sprache und ihre Bewegungen ebenso gut, wie ich mein eigenes Gesicht im Spiegel wieder erkannte – wie die Sprache meiner eigenen Lippen, Ich erhob mich, aber ich ging nicht. Ich sah sie an, dann rührte ich in den Kohlen, und nun blickte ich sie wieder an. Aber sie zog den Hut und die Binde noch tiefer ins Gesicht und gab mir wiederum das Zeichen, mich zu entfernen. Die Flammen des Kamins warfen ihren Schein auf die ausgestreckte Hand; auf meiner Hut wie ich war, und fortwährend darauf bedacht, Entdeckungen zu machen, bemerkte ich augenblicklich diese Hand. Es war ebensowenig das welke Glied einer alten Frau wie meine eigene Hand es war: sondern eine runde, weiche, schön und kräftig geformte Hand; ein kostbarer Ring blitzte an dem kleinen Finger, und indem ich mich verbeugte und den Edelstein betrachtete, erblickte ich ein Juwel, das ich schon hundertmal bemerkt hatte. Wiederum sah ich zu dem Gesicht empor, das nicht mehr von mir abgewandt war – im Gegenteil, der Hut war fortgeschleudert, die Binde zurückgeschoben – der Kopf neigte sich mir zu.

»Nun, Jane, kennen Sie mich?« fragte die teure, mir so wohlbekannte Stimme.

»Nehmen Sie nur den roten Mantel ab, Sir, dann werde ich wohl – –«

»Das Band hat sich zu einem festen Knoten verschürzt – helfen Sie mir.«

»Zerreißen Sie es nur, Sir.«

»Wohlan denn – fort mit dem Mummenschanz!« Und Mr. Rochester warf seine Verkleidung von sich.

»Aber Sir, welche seltsame Idee von Ihnen!«

»Indessen gut durchgeführt, nicht wahr? Stimmen Sie mir nicht bei?«

»Mit den Damen ist Ihnen das Spiel gut gelungen.«

»Mit Ihnen nicht?«

»Mir gegenüber hielten Sie den Charakter der Zigeunerin nicht inne.«

»Welchen Charakter denn sonst? Meinen eigenen?«

»Nein; irgend einen, der mir unverständlich. Kurz und gut, ich glaube, daß Sie versucht haben, mich anzulocken oder vielmehr etwas aus mir heraus zu locken. Sie redeten Unsinn, um mich ebenfalls gedankenloses Zeug sprechen zu lassen. Das war nicht schön von Ihnen, Sir.«

»Können Sie mir vergeben, Jane?«

»Das weiß ich nicht, bevor ich nicht über die ganze Sache nachgedacht habe. Wenn ich nach reiflicher Überlegung eingesehen, daß ich keine zu große Albernheit begangen habe, so werde ich versuchen, Ihnen zu vergeben; aber es war dennoch nicht recht von Ihnen, Sir.«

»O, Sie haben ganz korrekt gehandelt – Sie waren sehr vorsichtig, sehr vernünftig.«

Ich sann nach, ich überlegte und fand, daß dies wirklich der Fall gewesen. Das war wenigstens ein Trost; und ich war in der That seit Beginn der Unterredung auf meiner Hut gewesen. Ich hatte gleich anfangs eine Verkleidung vermutet. Ich wußte, daß Wahrsagerinnen und Zigeunerinnen sich nicht auszudrücken pflegen, wie diese anscheinend alte Frau es gethan; außerdem war mir ihre verstellte Stimme aufgefallen, ich hatte bemerkt, welche Mühe sie sich gab, ihre Züge zu verbergen. Aber ich hatte an Grace Poole gedacht – an jenes lebende Rätsel, jenes Geheimnis aller Geheimnisse, wie sie mir stets erschien, Mr. Rochester war mir allerdings nicht in den Sinn gekommen.

»Nun,« sagte er, »an was denken Sie? Was bedeutet jenes melancholische Lächeln?«

»Verwunderung und Selbstbeglückwünschung, Sir! Aber jetzt werden Sie mir hoffentlich erlauben, daß ich mich endlich zurückziehe?«

»Nein, verweilen Sie noch einen Augenblick, um mir zu erzählen, was meine Gäste im Salon treiben.«

»Vermutlich unterhalten sie sich noch über die Zigeunerin.«

»Setzen Sie sich! – Lassen Sie mich hören, was jene über mich sprachen.«

»Es ist ratsam, daß ich nicht lange verweile, Sir, es muß bald elf Uhr sein. O, wissen Sie denn, Mr. Rochester, daß während Ihrer Abwesenheit ein Fremder hier eingetroffen ist?«

»Ein Fremder! – nein; wer mag es sein? Ich erwartete niemanden. Ist er wieder fort?«

»Nein. Er sagte, daß er Sie seit langen Jahren kenne und sich daher die Freiheit nehmen dürfe, sich bis zu Ihrer Rückkehr häuslich niederzulassen.«

»Zum Teufel mit ihm! – Hat er seinen Namen genannt?«

»Sein Name ist Mason, Sir, und er kommt aus Westindien; aus Spanish Town auf Jamaika, wenn ich nicht irre.«

Mr. Rochester stand neben mir; er hatte meine Hand gefaßt, wie um mich zu einem Sessel zu führen. Als ich die letzten Worte sprach, packte er mein Gelenk mit einem konvulsivischen Griffe; das Lächeln auf seinen Lippen erstarrte; es war, als hätte ein Krampf ihn erfaßt.

»Mason! – – Westindien!« sagte er, und die Worte entrangen sich einzeln seinen Lippen, ungefähr so, wie ein redender Automat sie gesprochen haben würde. »Mason! – Westindien!« wiederholte er noch einmal; dreimal wiederholte er mechanisch die Worte und wurde dabei bleich wie ein Toter. Er schien kaum noch zu wissen, was er that, was um ihn her vorging.

»Fühlen Sie sich krank, Sir?« fragte ich.

»Jane, ich habe einen Schlag erlitten; – einen furchtbaren Schlag, Jane!« stammelte er,

»O, Sir! stützen Sie sich auf mich.«

»Jane, Sie haben mir schon einmal Ihren Arm als Stütze geboten; – geben Sie ihn mir jetzt,«

»Ja, Sir, ja!«

Er setzte sich und ich mußte mich ihm zur Seite setzen. Er streichelte meine Hand, die er in der seinen hielt. Dann heftete er einen traurigen, müden Blick auf mich, der aber dennoch liebevoll war,

»Meine kleine Freundin!« sagte er; »ich wollte, ich wäre allein mit Ihnen auf einer stillen, einsamen Insel, wo die trüben Erinnerungen, wo Angst und Kummer und Aerger mir fern bleiben müßten.«

»Kann ich Ihnen helfen, Sir? Ich würde willig mein Leben hingeben, wenn ich Ihnen damit nutzen könnte.«

»Jane, wenn ich Hilfe brauche, werde ich sie bei Ihnen suchen; das kann ich Ihnen selbst in diesem Augenblick schon versprechen,«

»Ich danke Ihnen, Sir; sagen Sie mir, was ich thun soll, – ich werde wenigstens versuchen, es zu thun.«

»Gut, Jane; holen Sie mir ein Glas Wein aus dem Speisesaal; sie werden jetzt alle beim Souper sein; und sagen Sie mir dann, ob auch Mason unter ihnen ist und was er in diesem Augenblick thut.«

Ich ging. Wie Mr. Rochtster vorhergesagt, fand ich die ganze Gesellschaft im Speisezimmer beim Abendessen; sie saßen nicht an der Tafel – das Souper war auf der Kredenz aufgestellt; jeder hatte genommen, was ihm gefiel, und mit den Tellern und Gläsern in der Hand standen die Gäste in Gruppen umher. Alle schienen in bester Laune zu sein. Laut klangen das Gelächter und die allgemeine Unterhaltung mir entgegen. Mr. Mason stand am Kamin und sprach mit Oberst Dent und seiner Gemahlin; er schien der fröhlichste unter allen. Ich ging und füllte ein Weinglas mit dem feurigsten Wein an, (Miß Ingram beobachtete mich stirnrunzelnd, während ich es that; wahrscheinlich war sie der Ansicht, daß ich mir eine große Freiheit erlaubte) und kehrte dann in das Bibliothekszimmer zurück.

Mr. Rochesters außergewöhnliche, unheimliche Blässe war geschwunden, und er schien die alte Ruhe und Festigkeit wieder erlangt zu haben. Er nahm mir das Glas aus der Hand.

»Dies auf dein Wohl, hilfreicher Geist!« sagte er, trank den Inhalt auf einen Zug aus und gab mir das Glas zurück. »Was thun sie da drüben, Jane?«

»Sie lachen und sprechen, Sir.«

»Sehen sie nicht ernst und geheimnisvoll aus, als hätten sie soeben eine seltsame Geschichte vernommen?«

»Durchaus nicht: – sie scherzen und lachen und unterhalten sich auf das lebhafteste.«

»Und Mason?«

»Er lachte auch.«

»Jane, was würden Sie thun, wenn all jene Leute hier einträten und mich anspieen?«

»Sie alle zum Zimmer hinaustreiben, wenn ich dürfte, Sir.«

Er lächelte. Ein trübes, müdes Lächeln.

»Wenn ich nun aber hinüber ginge, und sie kalte Blicke auf mich hefteten und einander spöttische Dinge zuflüsterten, und dann einer nach dem andern dies Haus verließen – Was dann? Würden auch Sie mit ihnen gehen?«

»Ich glaube nicht, Sir; ich würde glücklich sein, wenn ich allein bei Ihnen bleiben dürfte.«

»Um mich zu trösten?«

»Ja, Sir, um Sie zu trösten, so gut ich es eben vermöchte,«

»Und wenn man Sie in die Acht erklärte, weil Sie treu zu mir hielten?«

»Wahrscheinlich würde ich von dieser Achterklärung nichts erfahren; und selbst, wenn dies der Fall wäre, würde ich mich wenig darum kümmern.«

»Sie würden es also um meinetwillen wagen, der öffentlichen Meinung zu trotzen?«

»Ich würde es um jedes Freundes willen thun, den ich meiner Anhänglichkeit wert hielte. Das würden auch Sie thun, Sir, dessen bin ich sicher.«

»Gehen Sie in das Gesellschaftszimmer zurück; gehen Sie still und unbemerkt zu Mason und flüstern Sie ihm ins Ohr, daß Mr. Rochester zurückgekehrt sei und mit ihm zu sprechen wünsche. Führen Sie ihn zu mir herein und verlassen Sie uns alsdann wieder.«

»Ja, Sir.«

Ich that wie er mir befohlen. Die ganze Gesellschaft starrte mich an, als ich mitten durch sie hindurch schritt. Ich suchte Mr. Mason, richtete ihm jene Botschaft aus und ging dann ihm voran zum Zimmer hinaus. Vor der Thür der Bibliothek angekommen, öffnete ich dieselbe und ging auf mein Zimmer.

Sehr spät in der Nacht, als ich schon längst mein Lager aufgesucht hatte, hörte ich, wie die Gäste sich auf ihre Zimmer begaben. Ich unterschied Mr. Rochesters Stimme und hörte ihn sagen: »Hierher, Mason, dies ist Ihr Zimmer.«

Er sprach fröhlich. Die klaren Laute beruhigten mein Herz. Bald schlief ich ein.

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