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Jane Eyre, die Waise von Lowood.

Charlotte Brontë: Jane Eyre, die Waise von Lowood. - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorCharlotte Brontë
titleJane Eyre, die Waise von Lowood.
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub1847
translatorMaria von Borch (1853 - 1895)
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon
senderwww.gaga.net
created20060420
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Sechzehntes Kapitel.

An dem Morgen, welcher dieser schlaflosen Nacht folgte, fürchtete und wünschte ich zugleich, Mr. Rochester wiederzusehen. Ich sehnte mich, seine Stimme zu hören, und doch fürchtete ich, seinem Blicke zu begegnen. Während der ersten Morgenstunden erwartete ich jeden Augenblick, ihn kommen zu sehen. Es war nicht seine stete Gewohnheit, in das Schulzimmer zu kommen, aber zuweilen trat er auf einige Minuten ein, und ich hatte die Idee, daß er an diesem Tage gewiß kommen würde.

Aber der Morgen ging hin wie gewöhnlich; nichts trug sich zu, das den ruhigen Verlauf von Adelens Studien hätte stören können. Nur kurz nach dem Frühstück vernahm ich einigen Lärm in der Nähe von Mr. Rochesters Zimmer, Mrs. Fairfaxs Stimme, und Leahs und der Köchin, welche Johns Frau war, – sogar Johns eigene rauhe Töne hörte ich. Ich vernahm Ausrufe, wie »Welch ein Glück, daß unser Herr nicht in seinem eigenen Bette verbrannt ist!« – »Es ist stets gefährlich ein Licht während der Nacht brennen zu lassen!« – »Welch ein glücklicher Zufall, daß er Geistesgegenwart genug hatte, an den Wasserkrug zu denken!«

»Es wundert mich nur, daß er niemand geweckt hat!«

»Hoffentlich wird er sich bei dem Schlafen auf dem Sofa der Bibliothek nicht erkälten!« u. s. w. u. s. w.

Auf dies endlose vertrauliche Gespräch folgte das Geräusch von Reiben und Waschen und Aufräumen; und als ich auf dem Wege hinunter zum Mittagessen an dem Zimmer vorüberging, sah ich durch die geöffnete Thür, daß sich alles bereits wieder in der alten Ordnung befand; nur von dem Bette waren die Vorhänge heruntergenommen. Leah stand in der Fenstervertiefung und rieb die Glasscheiben, welche durch den Rauch geschwärzt waren. Ich war im Begriff, sie anzureden, denn ich wünschte zu wissen, welche Deutung der Sache gegeben worden; als ich jedoch näher trat, sah ich noch eine zweite Person im Zimmer – eine Frau, die neben dem Bette saß und Ringe an die neuen Vorhänge nähte. Diese Frau war keine andere als Grace Poole.

Da saß sie, ruhig und schweigsam wie gewöhnlich, in ihrem braunen Wollkleide, der karrierten Schürze, dem weißen Halstuche und der Haube. Sie war emsig mit ihrer Arbeit beschäftigt, in welcher alle ihre Gedanken aufzugehen schienen; auf ihrer harten Stirn und in ihren gewöhnlichen Zügen war nichts von der Blässe und der Verzweiflung sichtbar, welche man als Kennzeichen auf dem Gesichte einer Frau erwartet haben würde, die einen Mordversuch begangen hatte, und deren auserkorenes Opfer ihr am vorhergehenden Abende in ihren Schlupfwinkel gefolgt war und sie – wie ich glaubte – sie des Verbrechens angeklagt hatte, das sie zu verüben beabsichtigt hatte. Ich war erstaunt – versteinert. Sie sah auf, als ich sie noch anstarrte. Sie fuhr nicht zusammen, kein Wechsel der Farbe verriet irgend eine Bewegung, von der man auf ein Schuldbewußtsein hätte schließen können, oder auf eine Furcht vor Entdeckung, Sie sagte: »guten Morgen, Fräulein,« in ihrer gewöhnlichen, kurzen, phlegmatischen Weise. Dann nahm sie einen neuen Ring und ein Stück Schnur zur Hand und fuhr fort zu nähen.

»Ich werde sie auf eine Probe stellen,« dachte ich, »eine so absolute Undurchdringlichkeit geht über meine Verstandeskräfte.«

»Guten Morgen, Grace!« sagte ich. »Ist hier irgend etwas geschehen? Mir war, als hätte ich vor kurzem die Stimmen aller Dienstboten gehört.«

»Nein. Der Herr hat nur gestern Abend im Bette gelesen; er ist eingeschlafen und hat das Licht brennen lassen; so gerieten die Vorhänge in Brand; aber zum Glück ist er aufgewacht, ehe die Betten oder das Holz der Bettstelle Feuer fingen, und es ist ihm gelungen, das Feuer mit dem Wasser aus dem Waschkruge zu löschen.«

»Eine seltsame Geschichte!« sagte ich leise, dann fuhr ich fort und blickte sie fest an: »Hat Mr. Rochester niemanden geweckt? Hat niemand das Geräusch vernommen, welches er doch notwendigerweise dabei machen mußte?«

Wiederum blickte sie zu mir auf, und diesmal glaubte ich etwas wie Schuldbewußtsein in ihren Augen zu entdecken. Sie schien mich genau zu prüfen, dann entgegnete sie:

»Sie wissen, Fräulein, die Dienstboten schlafen so weit fort; wahrscheinlich würden sie ihn nicht gehört haben. Mrs. Fairfaxs Zimmer und das Ihrige sind dem Zimmer des Herrn am nächsten; aber Mrs. Fairfax sagt, daß sie nichts gehört hat; wenn Leute älter werden, haben sie oft einen festen Schlaf.« Sie hielt inne und fügte dann mit einer gewissen angenommenen Gleichgültigkeit, aber immer noch in sehr bedeutsamem und markiertem Tone hinzu: »Aber Sie sind jung, Fräulein, und ich sollte doch meinen, daß Sie einen leichten Schlaf haben. Vielleicht haben Sie das Geräusch vernommen?«

»Das habe ich!« sagte ich so leise wie möglich, so daß Leah, welche noch immer die Scheiben putzte, mich nicht hören konnte, »und anfangs glaubte ich, daß es Pilot sei; aber Pilot kann nicht lachen; und ich bin sicher, daß ich ein Lachen vernommen habe, ein sehr seltsames noch dazu.«

Sie nahm einen neuen Faden für ihre Nadel, wichste ihn sorgsam, fädelte ihn mit fester Hand ein und bemerkte dann mit vollkommener Fassung:

»Es ist kaum denkbar, Fräulein, daß der Herr gelacht haben sollte, wenn er in solcher Gefahr war, sollt ich meinen. Sie müssen geträumt haben.«

»Ich habe nicht geträumt,« sagte ich mit einiger Heftigkeit, denn ihre eiserne Ruhe reizte mich. Wiederum blickte sie mich an und mit denselben durchdringenden, prüfenden Blicken.

»Haben Sie dem Herrn gesagt, daß Sie ein Lachen gehört haben?« fragte sie.

»Ich habe noch nicht die Gelegenheit gefunden, heute Morgen mit ihm zu sprechen.«

»Ist es Ihnen denn nicht eingefallen, Ihre Thür zu öffnen und in die Galerie hinauszusehen?« fragte sie weiter.

Sie schien ein Kreuzverhör mit mir anstellen zu wollen, indem sie mir unvermutet Antworten zu entreißen suchte. Plötzlich kam mir der Gedanke, daß wenn sie entdeckte, daß ich von ihrer Schuld etwas wisse, sie mir einige von ihren boshaften Streichen spielen würde. So hielt ich es denn für ratsam, auf meiner Hut zu sein.

»Im Gegenteil,« sagte ich, »ich verriegelte meine Thür.«

»So pflegen Sie Ihre Thür also nicht jeden Abend zu verriegeln, bevor Sie sich schlafen legen?«

»Zum Teufel! Sie will meine Gewohnheiten ausforschen, damit sie danach ihre Pläne schmieden kann!« Empörung trug wiederum den Sieg über die Vorsicht davon. Ich erwiderte scharf: »Bis jetzt habe ich es stets unterlassen, den Riegel vorzuschieben; ich hielt es nicht für notwendig. Ich wußte nicht, daß in Thornfield-Hall irgend eine Gefahr oder ein Ärger zu erwarten sei; aber in Zukunft,« und ich legte einen besonderen Nachdruck auf die Worte, »in Zukunft werde ich die Vorsicht gebrauchen, nachzusehen, ob alles in Ordnung ist, bevor ich mich schlafen lege.«

»Es wird geraten sein, das zu thun,« lautete ihre Antwort, »diese Gegend ist so ruhig und sicher wie irgend eine, und seitdem Thornfield-Hall ein Herrenhaus ist, habe ich nicht gehört, daß irgend ein Raubversuch gemacht worden ist, obgleich sich in der Silberkammer Silbergeschirr im Werte von vielen hundert Pfund befindet, wie jedermann wohl weiß. Und sehen Sie, für ein so großes Haus befinden sich nur wenig Dienstboten hier, weil der Herr sich nur selten im Herrenhause aufhält. Und da er ein Junggeselle ist, braucht er, selbst wenn er kommt, nur sehr wenig Aufwartung und Bedienung. Aber ich halte es immer für das Beste, wenn man die Vorsicht ein wenig übertreibt; eine Thür ist bald geschlossen, und es kann nicht schaden, wenn man einen vorgeschobenen Riegel zwischen sich und allem möglichen Unheil hat. Es giebt eine Menge Leute, Fräulein, die dafür sind, alles der Vorsehung anheim zu stellen; aber ich sage, die Vorsehung will nicht, daß man die Mittel verschmäht, obgleich sie dieselben oft segnet, wenn sie vernünftig angewendet werden.«

Und damit schloß sie ihre Rede. Es war eine sehr lange für sie und sie hielt dieselbe mit dem Ernst einer Quäkerin.

Ich stand noch vollständig erstarrt und verdutzt über das, was ich für ihre wunderbare Selbstbeherrschung und undurchdringliche Heuchelei hielt, als die Köchin eintrat.

»Mrs. Poole,« sagte sie zu Grace gewendet, »das Mittagessen der Dienstboten wird bald bereit sein. Wollen Sie nicht herunterkommen?«

»Nein. Aber setzen Sie mir ein Viertel Porter und einen Bissen Pudding auf ein Speisebrett; das will ich dann nach oben holen.«

»Wollen Sie kein Fleisch haben?«

»Nur einen kleinen Bissen und ein Stück Käse, das ist alles, was ich brauche.«

»Und der Sago?«

»Den brauche ich jetzt nicht; ich werde noch vor dem Thee hinunterkommen: ich werde ihn selbst machen.«

Hier wandte die Köchin sich zu mir und zeigte mir an, daß Mrs. Fairfax mich erwarte. Dann ging ich.

So sehr war ich damit beschäftigt, mein Gehirn über Grace Poole's rätselhaften Charakter zu zermartern, daß ich während des Mittagessens Mrs. Fairfaxs Erzählung von dem Vorhangbrand gar nicht hörte. Und noch mehr dachte ich über ihre Stellung in Thornfield-Hall nach, ich fragte mich, weshalb man sie an diesem Morgen nicht ins Gefängnis gesteckt habe, oder sie doch wenigstens aus Mr. Rochesters Dienst entlassen habe. Am vorhergehenden Abend hatte er mir ja fast mit klaren Worten seine Überzeugung von ihrer Schuld mitgeteilt; welche geheimnisvolle Ursache hielt ihn denn zurück, sie anzuklagen? Weshalb hatte er auch mir die tiefste Verschwiegenheit anempfohlen? Es war doch seltsam. Ein kühner, mutiger, rachsüchtiger, hochmütiger Gentleman schien in der Macht einer der niedrigsten seiner Untergebenen zu sein; so sehr in ihrer Macht, daß er nicht einmal wagte, sie öffentlich anzuklagen, viel weniger sie zu bestrafen, als sie ihre Hand gegen sein Leben erhob.

Wenn Grace jung und schön gewesen wäre, so würde ich geglaubt haben, daß zartere Gefühle als Furcht oder Vorsicht Mr. Rochester in Bezug auf sie beherrschten; aber häßlich und unangenehm und alt wie sie war, konnte ich einem solchen Gedanken nicht Raum geben. »Und doch,« dachte ich weiter, »sie ist einmal jung gewesen; ihre Jugend muß mit der ihres Brotherrn zusammengefallen sein; Mrs. Fairfax hat mir einmal erzählt, daß sie schon seit vielen Jahren hier lebt. Ich kann nicht glauben, daß sie jemals schön gewesen ist. Aber vielleicht besitzt sie Originalität und Charakterstärke, welche für den Mangel äußerer Reize entschädigen. Mr. Rochester ist ein Liebhaber des Entschiedenen und Excentrischen; Grace ist wenigstens excentrisch. Was, wenn eine frühere Laune, möglicherweise eine Grille, wie sie bei einer so heftigen, plötzlichen Natur wie die seine wohl vorkommen kann, ihn in ihre Hände geliefert hätte und sie jetzt auf seine Handlungen und Bewegungen einen geheimen Einfluß übt, das Ergebnis seiner eigenen Indiskretion, welchen er nicht abzuschütteln und nicht zu mißachten wagt?«

Als ich aber bei diesem Punkt meiner Vermutungen angekommen war, standen Mrs. Poole's vierschrötige, flache Figur, ihr häßliches, unangenehmes, trockenes, sogar rohes Gesicht so deutlich vor meinem inneren Auge, daß ich dachte: »Nein, unmöglich! Meine Voraussetzung kann nicht begründet sein. Doch,« sagte wieder die geheime Stimme, die in unserem Herzen zu uns spricht, »auch du bist nicht schön, und vielleicht findet Mr. Rochester trotzdem Gefallen an dir; auf jeden Fall war dir oft ums Herz, als thäte er es, und diese letzte Nacht – denk an seine Worte; denk an seine Blicke; denk an seine Stimme.«

Ich erinnerte mich an alles, an seine Sprache, an seinen Blick, an seinen Ton; alles stand wieder lebendig vor mir. Jetzt war ich im Schulzimmer; Adele zeichnete; ich beugte mich über sie und führte ihren Zeichenstift. Plötzlich fuhr sie zusammen und blickte zu mir auf.

»Qu'avez-vous, Mademoiselle?« sagte sie. »Vos doigts tremblent comme la feuille, et vos joues sont rouges: mais, rouges comme des cerises!«Was ist Ihnen, Fräulein? Ihre Finger zittern wie ein welkes Blatt und Ihre Wangen sind rot: aber rot wie Kirschen.

»Mir ist heiß, Adele, weil ich mich zu dir niedergebeugt habe!« Sie fuhr fort mit dem Zeichnen, ich mit dem Denken.

Ich beeilte mich, den verhaßten Gedanken, welchen ich in Bezug auf Grace Poole gefaßt hatte, aus meinem Gehirn zu verjagen, er ekelte mich an. Ich verglich mich mit ihr und fand, daß wir sehr verschieden waren. Bessie Leaven hatte gesagt, daß ich wie eine Dame aussähe, und sie sagte die Wahrheit: ich war eine Dame. Und jetzt war ich viel hübscher als damals, wo Bessie mich aufgesucht: ich hatte frische Farben und war stärker geworden; mein Geist war erwacht, ich war voll Leben und Lebenslust, weil ich fröhlichere Hoffnungen und innigere Freuden hatte.

»Der Abend kommt,« sagte ich und blickte zum Fenster hinaus. »Ich habe heute während des ganzen Tages weder Mr. Rochesters Stimme noch seinen Schritt im Hause gehört. Aber ich werde ihn gewiß noch vor Abend sehen; heute Morgen noch fürchtete ich die Begegnung, jetzt wünsche ich sie, weil meine Erwartung so lange getäuscht worden, daß sie in Ungeduld ausgeartet ist.«

Als die Dämmerung vollständig hereingebrochen war, und Adele mich verlassen hatte, um mit Sophie in der Kinderstube zu spielen, sehnte ich mich nach einem Wiedersehen. Ich horchte, ob die Glocke unten in der Halle nicht ertönen werde; ich horchte, ob Leah nicht mit einem Bescheid nach oben kommen würde; zuweilen bildete ich mir ein, Mr. Rochesters Schritt zu hören und ich wandte mich der Thür zu in der festen Erwartung, ihn eintreten zu sehen. Die Thür blieb geschlossen, nur Dunkelheit blickte ins Fenster. Und doch war es noch nicht spät; oft schickte er erst um sieben, acht Uhr, um mich holen zu lassen, und jetzt war es erst sechs Uhr. Heute Abend konnte er mich doch nicht umsonst hoffen lassen, heute, wo ich ihm so viel zu sagen hatte! Ich beabsichtigte noch einmal, das Gespräch auf Grace Poole zu lenken, um zu hören, was er mir antworten würde; ich wollte ihn fragen, ob er wirklich glaube, daß sie den schändlichen Mordversuch von gestern Abend begangen, und wenn es der Fall, weshalb er dann ein Geheimnis aus ihrer Schlechtigkeit mache. Es sollte mich wenig kümmern, ob meine Neugierde ihn ärgerte; ich kannte das Vergnügen, ihn abwechselnd zu reizen und wieder zu besänftigen; es war eins, an dem ich besondere Freude fand, und ein sicherer Instinkt bewahrte mich stets davor, zu weit zu gehen; über die Grenze des Reizens ging ich niemals hinaus, aber ich liebte es, meine Geschicklichkeit auf der äußersten Grenze zu prüfen. Indem ich selbst die kleine Förmlichkeit der Hochachtung, jede Pflicht meines Standes beobachtete, konnte ich mich doch ohne unbehaglichen Zwang, ohne Furcht mit ihm auf Argumente einlassen, und dies unterhielt sowohl ihn wie mich.

Endlich knarrte die Treppe unter Fußtritten; Leah trat ein, aber es war nur um mir anzuzeigen, daß der Thee in Mrs. Fairfaxs Zimmer bereitet sei. Dorthin begab ich mich, froh überhaupt hinuntergehen zu können, denn ich bildete mir ein, daß dies mich wenigstens Mr. Rochesters Person etwas näher brächte.

»Sie müssen nach Ihrem Thee Verlangen tragen,« sagte die gute Dame, als ich zu ihr ins Zimmer kam, »Sie haben heute Mittag so wenig gegessen. Ich fürchte,« fuhr sie fort, »daß Sie heute nicht ganz wohl sind, Sie sehen fieberhaft und erhitzt aus.«

»O, ich bin durchaus wohl, ich habe mich niemals wohler gefühlt.«

»Dann beweisen Sie es mir, indem Sie einen guten Appetit zeigen; wollen Sie die Theekanne anfüllen, während ich diese Nadel abstricke?« Als sie mit ihrer Arbeit zu Ende war, erhob sie sich, um den Vorhang herabzulassen, der bis jetzt aufgezogen gewesen, wahrscheinlich um noch das letzte Tageslicht für die Strickerei benützen zu können. Jetzt ging die Dämmerung in vollständige Dunkelheit über. »Es ist ein schöner Abend,« sagte sie, indem sie einen Blick durch die Scheiben warf, »wenn es auch nicht gerade sternenklar ist. Im Ganzen hat Mr. Rochester einen sehr schönen Tag für seine Reise gehabt.«

»Reise! – Ist Mr. Rochester verreist? Ich wußte nicht einmal, daß er nicht im Hause sei.«

»Ah! er ist gleich nach dem Frühstück aufgebrochen! er ist nach Leas, der Besitzung von Mr. Eshton, die zehn Meilen jenseits Millcote liegt. Ich glaube, es ist dort eine große Gesellschaft versammelt, Lord Ingram, Sir John Lynn, Oberst Dent und noch viele andere.«

»Erwarten Sie ihn heute Abend noch zurück?«

»Nein. Und morgen auch noch nicht. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß er eine Woche und noch länger fortbleibt; wenn diese reichen, vornehmen, fashionablen Leute zusammenkommen, sind sie derartig von Eleganz und Fröhlichkeit umgeben, so gut mit allem versehen, was gefällt und unterhält, daß sie durchaus keine Eile zeigen, wieder auseinander zu gehen. Besonders Herren werden bei solchen Gelegenheiten oft gesucht, und Mr. Rochester ist in Gesellschaft so liebenswürdig und lebhaft, daß ich glaube, er ist ein allgemeiner Liebling. Die Damen haben ihn sehr gern, obgleich Sie vielleicht der Ansicht sind, daß sein Äußeres ihn nicht gerade in ihren Augen begehrenswert erscheinen läßt; aber ich vermute, daß seine Kenntnisse und seine Talente, vielleicht auch sein Reichtum und sein alter Name ein wenig für seinen Mangel an Schönheit entschädigen.«

»Sind in Leas auch Damen?«

»Mrs. Eshton und ihre drei Töchter sind dort, sehr elegante junge Damen in der That; und dann sind noch die hochwohlgeborene Blanche und Mary Ingram da, wie ich vermute sehr schöne Frauen; in der That, ich habe Blanche einmal vor ungefähr sechs oder sieben Jahren gesehen, als sie ein junges Mädchen von achtzehn Jahren war. Sie kam hierher zu einer Weihnachtsgesellschaft mit Ball, welche Mr. Rochester gab. An jenem Tage hätten Sie sehen sollen, wie reich das Speisezimmer dekoriert war, wie herrlich es erleuchtet war! Ich glaube, es waren mindestens fünfzig Herren und Damen hier – alle aus den ersten Familien der Grafschaft. Und Miß Ingram war die Schönheit des Abends.«

»Sie sagen, daß Sie sie gesehen haben, Mrs. Fairfax? Wie sah sie aus?«

»Ja, ich habe sie gesehen. Die Thüren des Speisezimmers waren geöffnet; und da es Weihnachtszeit, war es den Dienstboten gestattet, sich in der Halle zu versammeln, um einige der Damen singen und spielen zu hören. Mr. Rochester wollte, daß ich hineinkomme, und so setzte ich mich in einen stillen Winkel und beobachtete sie alle. Niemals in meinem Leben habe ich ein prächtigeres Bild gesehen; die Damen waren in den kostbarsten Toiletten; – die meisten – wenigstens die jüngeren – sahen sehr schön aus; aber Miß Ingram war entschieden die Königin.«

»Und wie sah sie aus?«

»Groß, eine herrliche Büste, breite Schultern, einen schlanken Hals: einen matten, dunklen, klaren Teint, edle Züge; Augen, welche denen Mr. Rochesters gleichen, groß und schwarz und ebenso strahlend wie ihre Juwelen. Und dann hat sie das köstlichste Haar, rabenschwarz, und so kleidsam geordnet; rückwärts eine Krone von dicken, breiten Flechten und vorn die längsten, glänzendsten Locken, die ich jemals gesehen habe. Sie war in das klarste Weiß gekleidet; eine bernsteinfarbene Schärpe war über Schultern und Brust geschlungen, an der Seite geknüpft, und in langen Fransen bis an den Saum des Kleides herabfallend. Sie trug eine ebenfalls bernsteinfarbene Blume im Haar, welche mit der rabenschwarzen Masse ihrer Locken wunderbar kontrastierte.«

»Und natürlich war sie sehr bewundert?«

»Ja, in der That, und nicht allein um ihrer Schönheit, sondern auch um ihrer Talente willen. Sie war eine der Damen, die sang, ein Herr begleitete sie auf dem Piano. Sie und Mr. Rochester sangen ein Duett.«

»Mr. Rochester? Ich wußte nicht, daß er singt.«

»O, er hat eine sehr schöne Baßstimme und ein feines Ohr für Musik.«

»Und Miß Ingram? Was für eine Stimme hatte sie?«

»Eine sehr reiche, volle und mächtige. Sie sang entzückend. Es war ein Genuß, ihr zuzuhören; und später spielte sie. Ich habe kein Urteil über Musik, aber Mr. Rochester hat ein sehr treffendes. Und ich hörte ihn sagen, daß ihre Technik eine außergewöhnlich gute sei.«

»Und diese schöne und talentvolle Dame ist noch nicht verheiratet?«

»Wie es scheint nicht. Ich glaube, daß weder sie noch ihre Schwester ein bedeutendes Vermögen haben. Die Güter des alten Lord Ingram waren zum größten Teil Fideikommiß, und der älteste Sohn hat beinahe alles geerbt.«

»Aber es nimmt mich Wunder, daß kein reicher Edelmann oder Gentleman sich in sie verliebt hat, Mr. Rochester zum Beispiel. Er ist doch sehr reich, nicht wahr?«

»O ja! Aber sehen Sie, es ist ein beträchtlicher Unterschied im Alter. Mr. Rochester ist beinahe vierzig, und sie kann nicht älter als fünfundzwanzig sein.«

»Was bedeutet das! Es werden täglich viel ungleichere Ehen geschlossen.«

»Das ist wohl wahr! Doch ich glaube kaum, daß Mr. Rochester einen solchen Gedanken hegen würde. Aber Sie essen ja nicht. Sie haben nichts gegessen, seitdem Sie sich an den Theetisch gesetzt haben.«

»Nein, ich bin zu durstig, um zu essen. Wollen Sie mir noch eine Tasse Thee geben?«

Ich war im Begriff, auf die Möglichkeit einer Verbindung zwischen Mr. Rochester und der schönen Blanche zurückzukommen, als Adele ins Zimmer kam und die Unterhaltung in andere Bahnen gelenkt wurde.

Als ich wieder allein war, dachte ich über die Mitteilungen nach, welche mir gemacht worden; ich sah in mein eigenes Herz, prüfte seine Gedanken und Empfindungen, und bemühte mich ernstlich, solche, welche durch die end- und pfadlose Wüste der Einbildungskraft geschweift waren, mit fester Hand in die enge Bahn der Vernunft zurückzuführen.

Vor meine eigenen Gerichtsschranken geführt, hatte mein Gedächtnis Zeugnis abgelegt von den Hoffnungen, Wünschen und Gefühlen, die seit der letzten Nacht in mir erstanden waren – von dem allgemeinen Gemütszustand, dem ich mich seit beinahe vierzehn Tagen hingegeben hatte; die Vernunft war vorgetreten und hatte in ihrer eigenen ruhigen Weise eine einfache, ungeschmückte Erzählung gegeben, wie ich die Wirklichkeit verworfen und das Ideal mit Heißhunger verschlungen hatte – da sprach ich folgendes Urteil:

»Daß eine größere Närrin als Jane Eyre niemals auf diesem Erdenrund geatmet habe; daß keine phantastischere Idiotin jemals in süßeren Lügen geschwelgt, daß niemals ein denkendes Geschöpf mit größerer Begierde Gift verschlungen habe, als wenn es Nektar wäre.«

»Du,« sagte ich, »von Mr. Rochester wohl gelitten? Du mit der Macht begabt, ihm zu gefallen? Du von irgend einer Bedeutung für ihn? Geh! Deine Thorheit widert mich an. Du hast an zufälligen Zeichen der Bevorzugung Freude gefunden – sehr zweideutige Zeichen, welche ein Gentleman von Familie, ein Mann von Welt einer Unerfahrenen, einer Untergebenen zu teil werden läßt. Wie konntest du nur? Arme, dumme Närrin! – Konnte nicht einmal dein eigenes Interesse dich weiser machen? Du hast dir heute Morgen die kurze Scene der letzten Nacht immer und immer wieder vor Augen geführt? – Verhülle dein Angesicht und schäme dich! Er sagte etwas zum Lobe deiner Augen, wie? Blinde Thörin! Öffne deine verblendeten Lider und sieh auf deine eigene verfluchte Sinnlosigkeit! Es ist keinem Weibe gut, wenn es sich von einem Höherstehenden schmeicheln läßt, der unmöglich die Absicht hegen kann, es zu heiraten; und jede Frau begeht eine Thorheit, wenn sie eine heimliche Liebe in sich wachsen läßt, die, wenn sie unerwiedert und unentdeckt bleibt, das Leben verzehren muß, durch welches es genährt wird; und welche, wenn sie entdeckt und erwidert wird, wie ignis fatuus in sumpfige Wildnis führen muß, aus der es keinen Ausweg mehr giebt.

»Jane Eyre, höre also deinen Urteilsspruch: nimm morgen den Spiegel, stelle ihn vor dich und zeichne dann so getreu wie möglich dein eignes Bild, ohne irgend einen Mangel zu verdecken, ohne eine harte Linie fortzulassen; gleiche keinen unliebsamen Schönheitsfehler aus, und schreib darunter: Porträt einer armen, alleinstehenden, häßlichen Gouvernante.

»Später nimm eine Platte weißen Elfenbeins – Du hast eine solche in deinem Malkasten vorbereitet; nimm deine Palette, mische deine frischesten, schönsten, klarsten – Farben; wähle deine zartesten Kameelhaarpinsel; zeichne mit Sorgfalt das schönste Gesicht, welches deine Einbildungskraft dir vorzaubert, male es in den weichsten Tönen und süßesten Farben nach der Beschreibung, welche Mr. Fairfax dir von Blanche Ingram gemacht hat. Vergiß nicht die rabenschwarzen Locken, das orientalische Auge – was! Du willst dir diejenigen Mr. Rochesters zum Vorbilde nehmen? – Ordnung! – Kein Schluchzen! – kein Gefühl! – kein Bedauern! – Ich werde nur Vernunft und feste Entschlossenheit gelten lassen. Rufe dir die majestätischen und doch harmonischen Linien, den griechischen Nacken, die antike Büste ins Gedächtnis zurück; laß den runden, blendenden Arm sichtbar sein, und die zarte Hand; vergiß weder das Armband, noch den Diamantring; male getreu den Anzug, die luftig zarten Spitzen, den schillernden Atlas, die graziöse Schärpe, die goldene Rose; nenne es: »Blanche, eine liebenswürdige und schöne Dame von Rang!«

»Wenn du dir jemals in Zukunft einbilden solltest, daß Mr. Rochester gut von dir denkt, so nimm diese beiden Bilder vor und sage: Mr. Rochester würde wahrscheinlich die Liebe dieser edlen Dame gewinnen, wenn er sich die Mühe geben wollte, dieselbe zu erobern, – ist es aber wahrscheinlich, daß er dieser armen, unbedeutenden Plebejerin auch nur einen Gedanken schenken würde?

»Ich werde es thun,« beschloß ich, und nachdem dieser Entschluß besiegelt war, wurde ich ruhig und fiel in einen tiefen Schlaf.

Ich hielt mein Wort. Eine oder zwei Stunden genügten, um mein eigenes Bild in Crayon zu zeichnen; und in weniger als einer Stunde hatte ich ein Miniaturbild der imaginären Blanche Ingram auf Elfenbein vollendet. Es war ein gar liebliches Bild, und wenn ich es mit dem der Wirklichkeit nachgezeichneten Kopfe in Crayons verglich, so war der Kontrast so groß, wie die Selbsterkenntnis ihn nur immer wünschen konnte. Die Arbeit war eine Wohlthat für mich. Sie hatte meinen Kopf und meine Hände beschäftigt und den neuen Eindrücken, welche ich unauslöschlich in mein Herz graben wollte, Kraft und Festigkeit verliehen.

Es dauerte nicht lange, und ich hatte alle Ursache, mir zu dem Verlauf der strengen Disziplin, welcher ich meine Gefühle in dieser Weise unterworfen hatte, Glück zu wünschen. Dank ihr, war ich imstande, später folgenden Begebenheiten mit der nötigen, gebührenden Ruhe zu begegnen, Begebenheiten, die, wenn sie mich unvorbereitet gefunden hätten, mir wahrscheinlich sogar jede äußere Fassung geraubt haben würden.

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