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Gutenberg > Charlotte Brontë >

Jane Eyre, die Waise von Lowood.

Charlotte Brontë: Jane Eyre, die Waise von Lowood. - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorCharlotte Brontë
titleJane Eyre, die Waise von Lowood.
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub1847
translatorMaria von Borch (1853 - 1895)
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon
senderwww.gaga.net
created20060420
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Fünfzehntes Kapitel.

Und bei einer späteren Gelegenheit erklärte Mr. Rochester mir alles.

Es war an einem Nachmittage, als er mir und Adele zufällig im Garten begegnete. Während sie mit Pilot und ihrem Federball spielte, forderte er mich auf, mit ihm in einer langen Buchenallee auf und ab zu gehen, von wo aus wir sie im Auge behielten.

Er erzählte mir also, daß sie die Tochter einer französischen Tänzerin, Cecile Varens, sei, für welche er einst, wie er sich ausdrückte, eine »grande passion« gehegt hatte. Und Cecile hatte vorgegeben, diese »passion« mit einer ebenso glühenden Liebe zu erwidern. Er hielt sich für ihren Abgott trotz seiner Häßlichkeit; er sagte, er habe geglaubt, daß sie seine »taille d'athlète« der Eleganz des Apoll von Belvedere vorziehe.

»Und, Miß Eyre, so sehr schmeichelte mir der Vorzug, welchen jene gallische Nymphe ihrem brittischen Gnomen gab, daß ich sie in einem Hotel installierte, ihr einen ganzen Haushalt von Dienern gab, eine Equipage, indische Shawls, Diamanten, Spitzen u. s. w. Kurzum, ich begann den Prozeß, mich in der hergebrachten Weise zu ruinieren, wie jeder erste beste Dummkopf. Wie es scheint, besaß ich nicht einmal so viel Originalität, um einen neuen Weg zur Schande und zum Ruin zu finden, sondern ging mit stupider Genauigkeit auf der alten Spur entlang, um nicht einen Zollbreit von der ausgetretenen Straße abzuweichen. Wie ich es verdiente, traf auch mich das Los aller anderen Tölpel. Eines Abends, als Celine mich nicht erwartete, kam ich zufällig, um ihr einen Besuch zu machen und fand sie nicht zu Hause; es war jedoch ein heißer Abend, und da ich des Umherschlenderns in Paris müde war, setzte ich mich in ihrem Boudoir, glücklich, die Luft einatmen zu können, welche sie soeben noch durch ihre Gegenwart geweiht hatte. Nein, – ich übertreibe; ich habe niemals geglaubt, daß sie irgend eine heiligende Tugend besitze; es war vielmehr ein sehr süßliches Parfüm, welches sie zurückgelassen hatte, ein Duft von Amber und Moschus, der durchaus nicht an Heiligkeit erinnerte. Ich war gerade im Begriff an dem Geruch der Treibhausblumen und der versprengten Essenzen zu ersticken, als es mir noch zu rechter Zeit einfiel, das Fenster zu öffnen und auf den Balkon hinauszugehen. Der Mond schien hell, das Gaslicht ebenfalls, und die Luft war still und klar. Auf dem Balkon standen ein oder zwei Stühle; ich setzte mich, zog eine Cigarre heraus – ich werde auch jetzt eine nehmen, wenn Sie gestatten.«

Hier folgte eine Pause, welche er damit ausfüllte, daß er eine Cigarre herausnahm und anzündete. Nachdem er sie an seine Lippen geführt und den Havanna-Weihrauch in die kalte, frostige, sonnenlose Luft hinausgehaucht hatte, fuhr er fort:

»In jenen Tagen liebte ich auch sogar die Bonbons, Miß Eyre, und ich knusperte – verzeihen Sie den Barbarismus – ich knusperte abwechselnd Chokoladeconfitüren und rauchte meine Havanna, betrachtete die Equipagen, welche durch die vornehmen Straßen dem benachbarten Opernhause zurollten, als ich in einem eleganten, geschlossenen, von einem herrlichen Paar englischer Pferde gezogenen Wagen, den ich deutlich in dem strahlenden Gaslicht sah, die ›voiture‹ erkannte, welche ich Celine geschenkt hatte. Sie kehrte zurück; selbstverständlich pochte mein Herz ungestüm vor Ungeduld gegen das eiserne Gitter, auf welches ich mich lehnte. Wie ich erwartet hatte, hielt der Wagen an der Thür des Hotels; meine Flamme – das ist das richtige Wort für eine Opern-innamorata – stieg aus. Obgleich sie dicht in einen Mantel gehüllt war – eine unnötige Last an einem so warmen Juniabende – erkannte ich sie sofort an ihrem kleinen Fuße, welcher unter dem Rande ihres Kleides hervorsah, als sie von dem Wagentritt herunterhüpfte. Ich war gerade im Begriff, mich über den Balkon zu beugen und in einem Tone, welcher nur für das Ohr der Liebe vernehmbar sein sollte ›mon ange‹ zu murmeln, als nach ihr noch eine Gestalt aus dem Wagen sprang. Auch sie war in einen Mantel gehüllt; aber es war ein bespornter Absatz, welcher auf dem Straßenpflaster klirrte, ein mit einem schwarzen Hute bedeckter Kopf, welcher unter der gewölbten porte-cochère des Hotels verschwand.

»Nicht wahr, Miß Eyre, Sie haben niemals empfunden, was Eifersucht ist? Natürlich nicht. Ich brauche gar nicht zu fragen. Sie haben ja niemals Liebe gekannt. Beide Gefühle sollen Sie erst durch die Erfahrung kennen lernen; Ihre Seele schläft noch; der Schlag soll noch erfolgen, der sie wecken wird. Sie glauben, daß das ganze Leben in dem ruhigen Bache dahinfließt, in welchem Ihre Jugend bis jetzt dahinschlich. Mit geschlossenen Augen und tauben Ohren lassen Sie sich treiben, Sie sehen die Felsen nicht, welche in kurzer Entfernung unter der Oberfläche sich erheben; Sie hören nicht, wie die Fluten sich an den Wellenbrechern bäumen. Aber ich sage Ihnen – und merken Sie sich meine Worte – Sie werden eines Tages an dem felsigen Engpaß des Kanals ankommen, wo der ganze Lebensstrom sich in Wirbel und Tumult auflöst, in Lärm und Schaum und Toben; entweder werden Sie an den Felsen in Atome zerschellen – oder eine große Welle wird Sie emporheben und Sie in einen ruhigen Strom tragen – wie es mir geschehen ist.

»Ich liebe diesen Tag, ich liebe diesen bleiernen Himmel; ich liebe diese Ruhe, diese Stille, diese Erstarrung der Welt in diesem Frost. Ich liebe Thornfield; sein altehrwürdiges Aussehen; seine Abgeschiedenheit, seinen alten Krähenhorst und seine Dornbäume; seine graue Facade; die langen Reihen dunkler Fenster, welche jenen metallenen Himmel widerspiegeln! Und doch, wie lange Zeit habe ich den bloßen Gedanken an diesen Ort verabscheut; wie lange habe ich ihn verabscheut, wie ein von der Pest befallenes Haus! Wie verabscheue ich noch heute –«

Er knirschte mit den Zähnen und schwieg; dann hielt er im Gehen inne und stampfte auf den hartgefrorenen Boden. Irgend ein verhaßter Gedanke schien ihn erfaßt zu haben und ihn so fest zu halten, daß er nicht imstande war, einen Schritt vorwärts zu thun.

Wir schritten die Allee hinauf, als er auf diese Weise im Gehen inne hielt; das Herrenhaus lag vor uns. Indem er die Augen zu jenen Zinnen erhob, warf er einen Blick auf dieselben, wie ich vorher und nachher niemals einen ähnlichen gesehen. Schmerz, Schande, Wut – Ungeduld, Ekel, Abscheu schienen in diesem Augenblick einen wogenden Kampf in den großen Augen zu halten, über denen sich die ebenholzschwarzen Brauen wölbten. Wild war der Streit um die Oberhand; dann aber erstand ein anderes Gefühl und triumphierte: etwas hartes und cynisches, eigenwilliges und entschlossenes; es dämpfte seine Leidenschaft und versteinerte sein Gesicht; er fuhr fort:

»Während des Augenblickes, wo ich schwieg, Miß Eyre, kämpfte ich eine Sache mit meinem Schicksal aus. Da stand es, an jenem Birkenstamme – eine Hexe, ähnlich einer von jenen, welche Macbeth auf der Haide von Forres erschienen, ›Liebst du Thornfield?‹ fragte sie und hob den Finger empor; und dann schrieb sie ein Memento in die Luft, welches in feurigen Hieroglyphen an der ganzen Front des Hauses entlang lief und zwar zwischen den Fenstern des ersten und zweiten Stockwerks; ›Liebe es, wenn du kannst! Liebe es, wenn du den Mut dazu hast!‹«

»Ich will es lieben!« sagte ich. »Ich habe den Mut, es zu lieben, und,« fügte er düster hinzu, »ich werde mein Wort halten; ich werde jedes Hindernis zertrümmern, das sich dem Glück und dem Gutsein in den Weg stellt – ja, dem Gutsein; ich will ein besserer Mensch sein, als ich war, als ich bin – wie Hiobs Wallfisch den Speer, den Wurfspieß und die Harpune zerbrach; Hindernisse, welche andere Menschen für Stahl und Eisen halten, sollen für mich nichts anderes sein als Strohhalme, als schwaches, faules Holz.«

Hier kam Adele ihm mit ihrem Federball entgegengelaufen. »Fort mit dir!« rief er heftig, »halte dich fern, Kind, oder geh hinein zu Sophie!« Als er dann seinen Weg wieder schweigend fortsetzte, wagte ich es, ihm den Punkt seiner Erzählung wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, wo er plötzlich abgeschweift war:

»Und verließen Sie den Balkon, Sir, als Mademoiselle Varens eintrat?« fragte ich.

Ich erwartete beinahe eine Zurechtweisung für diese schlecht angebrachte Frage; aber das Gegenteil geschah, er erwachte aus seiner düsteren Grübelei, wandte die Blicke zu mir und der trübe Schatten schien von seiner Stirn zu schwinden.

»Ah! ich hatte Celine vergessen! Also, um wieder auf die Sache zurückzukommen, als ich meine Zauberin so von einem Kavalier begleitet ins Zimmer treten sah, war mir's, als vernähme ich ein Zischen und die grünäugige Schlange der Eifersucht ringelte sich in unzähligen Windungen von dem mondbeschienenen Balkon empor, kroch in meine Weste und hatte in zwei Minuten den Weg bis in das Innerste meines Herzens gefunden! Seltsam!«

Wieder brach er ab.

»Seltsam, daß ich Sie zur Vertrauten all dieser Dinge wählen mußte, junge Dame, und noch viel seltsamer, daß Sie mir so ruhig zuhören, als wäre es die natürlichste und gewöhnlichste Sache der Welt, daß ein Mann einem zarten, unerfahrenen Mädchen wie Sie es sind, die Geschichten seiner Geliebten, einer Tänzerin, erzählt! Aber diese letzte Sonderbarkeit erklärt die erste, wie ich schon einmal andeutete. Sie mit Ihrem Ernst, Ihrer Überlegung und Vorsicht sind geschaffen, um die Großsiegelbewahrerin von Geheimnissen zu sein. Und außerdem weiß ich, welcher Beschaffenheit das Gemüt ist, das ich gewissermaßen mit dem meinigen in Rapport gesetzt habe; ich weiß, daß es eines ist, welches für keine Ansteckung empfänglich ist; es ist ein seltsames Gemüt – es ist ein einziges Gemüt! Glücklicherweise habe ich nicht die Absicht, ihm Schaden zuzufügen; aber selbst wenn ich sie hegte, so würde es sich von mir nicht schaden lassen. Je mehr Sie und ich miteinander sprechen, desto besser; denn während ich Ihre Seele nicht trüben kann, besitzen Sie die Fähigkeit, die meine zu erfrischen!« Nach dieser Abschwenkung fuhr er wieder fort:

»Ich blieb auf dem Balkon. Ohne Zweifel werden sie in ihr Boudoir kommen,« dachte ich, »ich werde einen Hinterhalt vorbereiten.« Dann schob ich meine Hand leise durch das geöffnete Fenster, zog den Vorhang vor dasselbe und ließ nur eine kleine Spalte offen, durch welche ich meine Beobachtungen machen konnte; dann schloß ich das Fenster bis auf eine schmale Ritze, die grade weit genug war, um die geflüsterten Schwüre eines Liebhabers herausdringen zu lassen; dann stahl ich mich zurück auf meinen Stuhl, und kaum hatte ich denselben eingenommen, als das Paar eintrat. Schnell war mein Auge an der Öffnung. Celine's Kammerjungfer trat ein, zündete eine Lampe an, stellte dieselbe auf den Tisch und entfernte sich wieder. So konnte ich das Paar also deutlich sehen. Beide legten ihre Mäntel ab, und da stand sie, die Varens, strahlend in Atlas und Juwelen – meine Geschenke natürlich – und da stand auch ihr Begleiter in der Uniform eines Offiziers.

Ich erkannte in ihm einen jungen Roué von einem Vicomte, – ein gehirnarmer, lasterhafter Jüngling, den ich zuweilen in der Gesellschaft getroffen hatte und den ich niemals geglaubt hatte hassen zu müssen, weil ich ihn so gründlich verachtete. Als ich ihn erkannte, war der Stachel der Schlange »Eifersucht« augenblicklich gebrochen, denn in demselben Augenblick sank meine Liebe für Celine unter den Gefrierpunkt. Es war nicht der Mühe wert, um ein Weib zu kämpfen, das mich um eines solchen Rivalen willen verraten konnte; sie verdiente nichts als Verachtung, aber immer noch weniger als ich verdiente, der sich von ihr hatte betrügen lassen.

»Sie begannen zu sprechen; ihre Unterhaltung beruhigte mich vollständig: frivol, eigennützig, herzlos und sinnlos, war sie nur darauf berechnet einen Lauscher zu ermüden, anstatt ihn zu empören. Meine Visitenkarte lag auf dem Tische; als dies bemerkt wurde, zogen sie meinen Namen in die Diskussion. Keiner von beiden besaß genug Witz oder Energie, um ihn gründlich zu bearbeiten; aber sie beleidigten mich so roh und gemein, wie es ihnen in ihrer kleinlichen Weise möglich war, besonders Celine, die beinahe geistreich wurde, als sie über meine äußeren Mängel und Fehler herfiel – Ungestaltheit, wie sie es nannte. Nun war es stets ihre Gewohnheit gewesen, in wortreiche Bewunderung über das auszubrechen, was sie meine »beauté mâle« nannte, eine Sache, in der sie sich diametral von Ihnen unterschied, die mir bei unserem zweiten Begegnen schon gradezu erklärten, daß Sie mich durchaus nicht für schön halten. Der Kontrast frappierte mich damals sehr, und –«

Hier kam Adele wiederum gelaufen, – »Monsieur, John ist eben da gewesen, um zu sagen, daß Ihr Agent angekommen ist und Sie zu sprechen wünscht.«

»Ah! in diesem Falle muß ich mich kurz fassen. Ich öffnete die Balkonthür und trat zu ihnen ins Zimmer; ich befreite Celine von meinem Schutze, zeigte ihr an, daß sie das Hotel verlassen müsse, bot ihr eine gefüllte Börse für die augenblicklichen, dringendsten Ausgaben, kümmerte mich nicht um Geschrei, hysterische Thränen, Bitten, Beteuerungen, Krämpfe und Zuckungen, und traf mit dem Vicomte eine Verabredung für den folgenden Morgen im Bois de Boulogne. Am nächsten Morgen hatte ich das Vergnügen, ihm gegenüber zu stehen, ließ eine Kugel in einem seiner beiden jämmerlichen, kranken Arme zurück, die so schwach waren, wie die Flügel eines jungen Huhns, das den Pipps hat, und glaubte dann, mit der ganzen Gesellschaft fertig zu sein. Unglücklicherweise hatte die Varens mir aber sechs Monate zuvor dieses Mädchen Adele geschenkt, von welcher sie beschwor, daß es mein Kind sei, – und vielleicht ist sie's auch, obgleich ich in ihrem Antlitz keinen Zug ihres grausam häßlichen Vaters entdecken kann; Pilot hat mehr Ähnlichkeit mit mir als sie. Einige Jahre nachdem ich mit der Mutter gebrochen hatte, verließ sie ihr Kind und lief nach Italien mit einem Musikanten oder einem Sänger, Ich erklärte, daß Adele durchaus keine natürlichen, selbstverständlichen Ansprüche habe, von mir erhalten zu werden, und ebensowenig erkenne ich jetzt solche Ansprüche an, denn ich bin nicht ihr Vater; als ich aber hörte, daß das arme Geschöpf ganz verlassen sei, nahm ich es aus dem Schmutz und dem Elend und dem Schlamme von Paris und verpflanzte es hierher, um in dem reinen und gesunden Boden eines englischen Landhauses aufzuwachsen. Dann fand Mrs. Fairfax Sie, die Sie die zarte Pflanze pflegen und erziehen wollen; aber jetzt, wo Sie wissen, daß sie der Sprößling einer französischen Sängerin ist, werden Sie vielleicht anders von Ihrer Stellung und Ihrem Schützling denken; eines Tages werden Sie zu mir mit der Nachricht kommen, daß Sie eine andere Stelle gefunden haben – daß Sie mich bitten, mich nach einer anderen Gouvernante umzusehen u. s. w. u. s. w, nicht wahr?«

»Nein – Adele ist weder für die Sünden ihrer Mutter, noch für die Ihren verantwortlich; ich hege eine Neigung für sie, und jetzt, wo ich weiß, daß sie in gewissem Sinne elternlos ist – verlassen von ihrer Mutter und verleugnet von Ihnen, Sir – jetzt werde ich sie noch lieber haben als bisher. Wie wäre es denn möglich, daß ich den verzogenen Liebling einer reichen Familie, der seine Gouvernante wie ein notwendiges Übel hassen würde, einer armen, einsamen Waise vorziehen könnte, die an mir hängt wie an einer Freundin?«

»Ah! das ist also das Licht, in dem Sie die Sache ansehen! Nun, ich muß jetzt hineingehen, und Sie ebenfalls. Es wird dunkel!«

Aber ich blieb noch einige Minuten mit Pilot und Adele draußen, – lief mit ihr um die Wette und spielte noch eine Partie Federball. Als wir endlich ins Haus gegangen, nahm ich ihr Hut und Mantel ab und setzte sie auf meinen Schoß; dort behielt ich sie eine Stunde und erlaubte ihr, nach Herzenslust zu plaudern. Ich erteilte ihr auch keinen Verweis über einige kleine Freiheiten und Plattheiten, in die sie leicht zu verfallen pflegte, wenn sie sich beobachtet glaubte, und welche eine Oberflächlichkeit des Charakters verriet, die sie wahrscheinlich von ihrer Mutter geerbt hatte, da sie einem englischen Gemüt durchaus nicht verwandt war. Aber sie hatte doch auch ihre guten Seiten, und ich war geneigt, alles was gut war, bei ihr aufs höchste wertzuschätzen. Ich suchte in ihren Zügen und ihrem Gesichtsausdruck eine Ähnlichkeit mit Mr. Rochester, aber ich fand keine; kein Zug, keine Miene verrieten eine Verwandtschaft. Es war schade. Wenn man ihm nur hätte beweisen können, daß sie Ähnlichkeit mit ihm habe, so würde er mehr Liebe für sie gehegt haben.

Erst nachdem ich mich abends in mein Zimmer zurückgezogen hatte, um mich schlafen zu legen, begann ich ernstlich über die Geschichte nachzudenken, welche Mr. Rochester mir erzählt hatte. Wie er selbst sagte, war der Kern der Erzählung wahrscheinlich gar nichts außergewöhnliches; in der Gesellschaft war die Leidenschaft eines reichen Engländers für eine französische Sängerin oder Tänzerin und ihr Verrat an ihm gewiß eine Sache, die ohne Zweifel alle Tage vorkam; aber in dem Paroxismus von Rührung, der ihn so plötzlich erfaßte, als er im Begriff war, mir die gegenwärtige Zufriedenheit seiner Seele und seine neu erstandene Freude an dem alten Herrenhause und seiner Umgebung zu schildern, lag entschieden etwas seltsames. Über diesen Umstand dachte ich verwundert nach; aber nach und nach entließ ich ihn aus meinen Gedanken, da ich ihn für den Augenblick unerklärlich fand, und wandte mich der Betrachtung über die Art und Weise zu, welche der Herr des Hauses mir gegenüber an den Tag legte. Das Vertrauen, welches er mir zu schenken für gut befunden hatte, schien ein Tribut, den er meiner Diskretion zollte: ich sah es wenigstens dafür an und schätzte es als solchen. Während der letzten Wochen war sein Betragen gegen mich gleichmäßiger gewesen als im Anfang. Ich schien ihm niemals im Wege zu sein; er bekam nicht mehr jene Anfälle erstarrenden Hochmuts; wenn er mir unerwartet begegnete, schien diese Begegnung ihm willkommen zu sein; er hatte stets ein Wort und zuweilen auch ein Lächeln für mich; wenn er mich in aller Form auffordern ließ, ihm Gesellschaft zu leisten, so wurde ich mit einem so außerordentlich freundlichem Empfange beehrt, daß ich deutlich merkte, wie ich wirklich die Macht besaß, ihn zu unterhalten, und daß er diese abendlichen Zusammenkünfte ebenso sehr zu seinem eigenen Vergnügen wie zu meinem Wohle suchte. Ich sprach in der That verhältnismäßig wenig; aber es war mir ein Genuß, ihn sprechen zu hören. Es lag in seiner Natur, mitteilsam zu sein. Er liebte es, einem Gemüte, das mit der Welt unbekannt war, Bilder und Scenen aus derselben vorzuführen, (ich meine nicht sittenverderbte Bilder und wüste Scenen, sondern solche, welche durch ihre Neuheit fesseln konnten und ihr Interesse von dem großen Schauplatz herleiteten, auf welchem sie spielten) und es war für mich eine reine Wonne, die neuen Gedanken, welche er bot, in mich aufzunehmen; mir die Bilder zu vergegenwärtigen, welche er malte und ihm durch die neuen Regionen zu folgen, welche er eröffnete. Niemals erschreckte oder bekümmerte er mich durch eine verderbliche, schädliche Anspielung.

Die Leichtigkeit und Freiheit seiner Manieren befreite mich von quälendem Zwange; seine freundliche Offenherzigkeit, die ebenso korrekt wie wohlthuend war, zog mich zu ihm hin. Zuweilen war mir, als sei er mir nahe verwandt, ich vergaß ganz, daß er eigentlich mein Brotherr; wohl war er hier und da noch gebieterisch und herrisch; aber es kränkte mich nicht mehr; ich wußte, daß dies nun einmal so seine Art sei. Ich wurde so zufrieden, so glücklich mit diesem neuen Interesse, welches mein Leben erhalten hatte, daß ich aufhörte mich nach Gefährtinnen meines Geschlechts zu sehnen; die zarte Mondessichel meines Geschicks schien zu wachsen; die Leere meines Daseins war ausgefüllt; meine körperliche Gesundheit wurde besser, ich wurde stark und kräftig.

Und war Mr. Rochester in meinen Augen noch immer häßlich? Nein, mein lieber Leser. Dankbarkeit und andere gute, freie, sympathische Regungen machten, daß sein Gesicht das wurde, was ich auf der Welt am meisten zu sehen liebte; seine Gegenwart machte das Zimmer heller und wärmer und gemütlicher, als das loderndste Kaminfeuer. Seine Fehler hatte ich jedoch noch immer nicht vergessen, und ich konnte es auch in der That nicht, denn er führte sie mir beständig vor Augen. Er war stolz, sarkastisch, hart gegen Untergebene jeder Art; in der geheimsten Tiefe meines Herzens wußte ich, daß ungerechte Strenge gegen viele andere seiner großen Güte gegen mich die Wage hielt. Er war auch launenhaft und das in der unberechenbarsten Weise. Wenn er mich hatte holen lassen, daß ich ihm vorläse, fand ich ihn mehr als einmal allein in der Bibliothek, den Kopf auf die verschränkten Arme gebeugt; und wenn er dann aufblickte, verdüsterte ein mürrischer, fast maliziöser Blick seine Miene. Aber ich glaubte, daß seine Launenhaftigkeit, seine Härte und seine früheren Sünden (ich sage frühere, denn jetzt schien er sich bekehrt zu haben) ihren Ursprung in irgend einem harten Schicksalsschlage hatten. Ich glaubte, daß die Natur ihn zu einem Menschen von besseren Neigungen, strengeren Grundsätzen und reinerer Geschmacksrichtung bestimmt hatte, als die traurigen Verhältnisse später in ihm entwickelt, die Erziehung ihm eingeträufelt, das Schicksal in ihm ermutigt hatten. Ich glaubte, daß ausgezeichnete Eigenschaften in ihm schlummerten, obgleich für den Augenblick sein ganzes Innere verworren und elend schien. Ich kann nicht leugnen, daß ich um seinen Schmerz trauerte, welcher Art er auch sein mochte; und ich muß gestehen, daß ich viel gegeben hätte, wenn ich ihn hätte auf mich nehmen können.

Obgleich ich meine Kerze jetzt ausgelöscht hatte und bereits im Bette lag, konnte ich nicht schlafen, weil ich fortwährend den Blick vor mir sah, mit welchem er in der Allee stehen geblieben war und mir erzählt hatte, daß sein Schicksal vor ihm erstanden und ihn trotzig gefragt habe, ob er es wage, in Thornfield glücklich sein zu wollen.

»Weshalb nicht?« fragte ich mich; »was entfremdet ihn dem Hause? Wird er es bald wieder verlassen? Mrs. Fairfax erzählte, daß er niemals länger als vierzehn Tage hier bleibe, und jetzt residiert er schon acht Wochen hier. Wenn er wieder geht, wird es eine schmerzliche Veränderung für mich sein. Wenn er nun Frühling, Sommer und Herbst fortbliebe: wie freudlos würde dann der Sonnenschein, wie traurig würden die schönen Tage für mich sein!«

Ich weiß nicht, ob ich nach diesen Reflexionen eingeschlafen war oder nicht; auf jeden Fall fuhr ich aber erschreckt empor, als ich ein undeutliches Murmeln, seltsam und unheimlich, vernahm, das, wie ich glaubte, gerade über meinem Kopfe war. Ich wünschte, daß ich meine Kerze hätte brennen lassen; die Nacht war trübe und dunkel, mein Gemüt war bedrückt. Ich erhob mich und richtete mich im Bette auf, um zu horchen. Die Töne verstummten.

Wiederum versuchte ich zu schlafen; aber mein Herz klopfte ängstlich, meine innere Ruhe war hin. Weit unten in der Halle verkündete die Uhr die zweite Stunde. In diesem Augenblick war es, als berühre jemand die Thür meines Zimmers, als hätte jemand sich durch die dunkle Galerie an den Holzverkleidungen der Wand entlang getastet. Ich rief: »Wer ist da?« Niemand antwortete. Die Furcht machte mich fast erstarren.

Plötzlich fiel es mir ein, daß es Pilot sein könne, welcher oft, wenn die Küchenthür nicht geschlossen war, seinen Weg bis an die Schwelle von Mr. Rochesters Zimmer fand. Oft hatte ich ihn am Morgen selbst dort liegen sehen. Einigermaßen durch diesen Gedanken beruhigt, legte ich mich wieder. Stille und Ruhe stärken die Nerven, und da jetzt eine ununterbrochene Stille im ganzen Hause herrschte, fühlte ich, wie der Schlaf sich wiederum auf meine Lider senkte. Aber das Schicksal hatte beschlossen, daß ich in dieser Nacht keinen Schlummer finden sollte. Kaum hatte ein Traum sich leise flüsternd meinem Ohre genähert, als er erschreckt von dannen floh, von einem markerschütternden Zwischenfall verjagt.

Es war ein dämonisches Lachen – leise, unterdrückt, tief – welches, wie es schien, durch das Schlüsselloch meiner Zimmerthür drang. Das Kopfende meines Bettes stand nahe an der Thür, und im ersten Augenblick glaubte ich, daß dieser teuflische Lacher neben meinem Bette stehe – oder vielmehr auf meinem Kopfpolster krieche; aber ich stand auf, blickte umher und konnte nichts sehen; als ich noch ins Dunkel starrte, wiederholte sich der übernatürliche Laut, und ich wußte dann, daß er von der anderen Seite der Thür kam. Mein erster Impuls war aufzustehen und den Riegel vorzuschieben; der nächste wiederum auszurufen: »Wer ist da?«

Ich hörte ein Gurgeln, ein Stöhnen. Nicht lange und ich vernahm leise Schritte, die sich über die Galerie nach dem dritten Stockwerk zurückzogen; auf jener Treppe war vor kurzem eine verschließbare Thür angebracht; diese wurde ganz vernehmbar geöffnet und wieder geschlossen. Dann war alles still.

»War das Grace Poole? Und ist sie vom Teufel besessen?« dachte ich. Jetzt war es unmöglich, länger allein zu bleiben, ich mußte zu Mrs. Fairfax gehen. Eilig warf ich mir Kleid und Shawl über; mit zitternder Hand zog ich den Riegel zurück und öffnete die Thür. Draußen stand auf dem Teppich, welcher in der Galerie lag, ein brennendes Licht. Dieser Umstand setzte mich in Erstaunen; aber noch erstaunter war ich, zu bemerken, daß die Luft ganz trübe war, wie mit Rauch angefüllt; und während ich nach links und rechts blickte, um zu sehen, woher die blauen, sich kräuselnden Wolken kamen, machte sich schon ein starker Brandgeruch bemerkbar.

Ein Knarren; es war eine halbgeöffnete Thür; diese Thür führte zu Mr. Rochesters Zimmer, und von dort kamen auch jetzt dichte, schwere Rauchwolken. Ich dachte nicht mehr an Mrs. Fairfar. Ich dachte nicht mehr an Grace Poole oder an das Lachen, – in einem Augenblick befand ich mich in jenem Gemache. Rund um das Bett züngelten Flammen empor, die Vorhänge brannten lichterloh. Inmitten dieses Feuers, dieses Rauches lag Mr. Rochester bewegungslos ausgestreckt; tiefer Schlaf hielt ihn umfangen.

»Wachen Sie auf! Wachen Sie auf!« schrie ich – ich schüttelte ihn, aber er murmelte nur etwas unverständliches und wandte sich um. Der Rauch hatte ihn bereits betäubt. Es war kein Augenblick zu verlieren; die Betttücher fingen bereits Feuer. Ich stürzte an die Waschschüssel und an den Wasserkrug; zum Glück war erstere groß und weit, letzterer tief, und beide waren mit Wasser angefüllt. Ich hob sie auf, überflutete das Bett und den darin Liegenden, flog zurück in mein eigenes Zimmer, brachte meinen Wasserkrug, taufte das Lager von neuem, und mit Gottes Hilfe gelang es mir, die Flammen zu löschen, welche es verzehrten.

Das Zischen des verlöschenden Elements, das Zerbrechen des Kruges, den ich aus der Hand schleuderte, als er geleert war und vor allen Dingen das Plätschern des Tropfbades, welches ich so reichlich über ihn ausgegossen, weckten Mr. Rochester endlich. Obgleich es jetzt dunkel war, wußte ich, daß er erwachte, denn ich hatte ihn seltsame Flüche murmeln hören, als er sich in einem Wasserpfuhl liegend fand.

»Ist das eine Überschwemmung?« schrie er.

»Nein, Sir,« entgegnete ich, »aber es war ein Feuer; stehen Sie auf, ich flehe Sie an, Sie sind gänzlich durchnäßt; ich werde ein Licht holen.«

»Im Namen aller Feeen der Christenheit, ist das Jane Eyre?« fragte er. »Was haben Sie mit mir gemacht, Hexe, Zauberin? Wer ist noch außer Ihnen im Zimmer? Haben Sie sich verschworen, mich zu ertränken?«

»Ich werde Ihnen ein Licht holen, Sir; und stehen Sie auf, um Gottes willen! Irgend jemand hat ein Komplott geschmiedet; Sie können nicht früh genug untersuchen, wer es, was es ist!«

»So, jetzt bin ich auf; aber es geht auf Ihre eigene Gefahr, wenn Sie jetzt ein Licht holen. Warten Sie noch zwei Minuten, bis ich in trockene Kleider komme, wenn es deren hier überhaupt noch trockene giebt – ja, hier ist mein Schlafrock, jetzt eilen Sie!«

Und ich eilte. Ich brachte das Licht, welches noch in der Galerie stand. Er nahm es mir aus der Hand, hielt es in die Höhe und betrachtete das Bett, welches ganz schwarz und versengt war, die Betttücher waren durchnäßt, der Teppich rund umher stand unter Wasser.

»Was ist es? Und wer hat es gethan?« fragte er.

Ich erzählte ihm kurz, was ich bemerkt hatte, das seltsame Lachen in der Galerie, der leise Tritt, welcher in das dritte Stockwerk emporstieg; der Rauch – der Brandgeruch, welcher mich an seine Thür geführt hatte; in welchem Zustande ich ihn da gefunden hatte, und wie ich ihn mit allem Wasser, dessen ich habhaft werden konnte, überflutet hatte.

Er hörte sehr ernst zu; als ich fortfuhr, drückte sein Gesicht mehr Kummer als Erstaunen aus. Als ich zu Ende war, schwieg er noch einige Minuten.

»Soll ich Mrs. Fairfax rufen?« fragte ich.

»Mrs. Fairfax? Nein. Weshalb zum Teufel wollten Sie sie rufen? Was könnte sie thun? Lassen Sie sie unbehelligt schlafen.«

»Dann will ich Leah holen und John und seine Frau wecken.«

»Nein, durchaus nicht. Seien Sie nur ganz still. Haben Sie ein Tuch? Wenn Ihnen nicht warm genug ist, so nehmen Sie meinen Mantel, der dort hängt; hüllen Sie sich ein und setzen Sie sich in jenen Lehnstuhl; so – ich werde Sie zudecken. Jetzt legen Sie Ihre Füße auf den Stuhl, damit sie nicht naß werden. Ich werde Sie ein paar Minuten allein lassen. Bleiben Sie, wo Sie sind, bis ich zurückkomme; halten Sie sich so still wie eine Maus. Ich nehme das Licht mit. Jetzt muß ich in das zweite Stockwerk hinaufgehen, um zu sehen, ob auch dort etwas geschehen. Rühren Sie sich nicht. Rufen Sie niemanden, ich bitte Sie darum.«

Er ging. Ich sah, wie das Licht sich entfernte. Leise ging er die Galerie hinauf; mit so wenig Geräusch wie möglich öffnete er die Treppenthür, schloß sie wieder hinter sich – und somit verschwand der letzte Lichtstrahl. Ich blieb in undurchdringlicher Finsternis zurück. Angestrengt horchte ich, ob ich kein Geräusch vernehmen könne, aber ich hörte nichts. Es verging eine Zeit, die mich fast eine Ewigkeit dünkte. Ich wurde müde; trotz des Mantels fror mich; und dann begriff ich auch nicht, zu welchem Zweck ich bleiben und warten sollte, wenn ich niemanden im Hause wecken durfte. Grade war ich im Begriff, Mr. Rochesters Mißfallen zu riskieren, indem ich seine Befehle nicht befolgte, als der schwache Schein des Lichts wiederum an der Mauer der Galerie sichtbar wurde, und ich den Tritt seiner unbeschuhten Füße auf dem Teppich der Galerie vernahm.

»Ich hoffe, daß er es ist,« dachte ich, »und nichts schlimmeres.«

Er trat wieder ein, bleich, düster, niedergeschlagen. »Ich habe jetzt alles entdeckt,« sagte er, indem er den Leuchter auf den Waschtisch stellte, »es ist alles so, wie ich vermutete.«

»Wie, Sir?«

Er entgegnete nichts, sondern stand mit verschränkten Armen da und blickte zu Boden. Nach Verlauf von einigen Minuten fragte er mit seltsamem Ton:

»Ich habe vergessen, ob Sie mir sagten, daß Sie irgend etwas gesehen, als Sie die Thür Ihres Zimmers öffneten.«

»Nein, Sir, ich sah nichts als den Leuchter, welcher auf dem Teppich dicht vor meiner Thür stand.«

»Aber Sie hörten ein eigentümliches Lachen? Haben Sie dasselbe oder ein ähnliches schon früher gehört?«

»Ja, Sir. Hier ist eine Person, die sich mit Nähen beschäftigt; sie heißt Grace Poole – sie lacht in dieser Weise. Überhaupt ist sie ein sonderbares Geschöpf.«

»Die ist's. Grace Poole – Sie haben es erraten, Sie ist, wie Sie sagen, sonderbar – sehr sonderbar. Nun, ich werde über die Sache nachdenken. Inzwischen bin ich froh, daß Sie außer mir die einzige Person sind, welche die genauen Umstände bei den Geschehnissen dieser Nacht kennt. Sie sind keine geschwätzige Närrin – also sprechen Sie nicht darüber. Für diese Zustände hier (auf das Bett zeigend) will ich schon eine Erklärung finden. Und jetzt kehren Sie in Ihr Zimmer zurück. Ich werde es mir für den Rest der Nacht auf dem Sofa in der Bibliothek bequem machen. Es ist beinahe vier Uhr: – in zwei Stunden werden die Dienstboten wach sein.«

»Gute Nacht denn, Sir,« sagte ich im Begriff fortzugehen.

Er schien erstaunt – mir war das unerklärlich, denn er hatte mir ja soeben gesagt, ich sollte gehen.

»Wie!« rief er aus, »Sie verlassen mich schon, und in dieser Weise?«

»Sie sagten ja, Sir, daß ich gehen könne!«

»Aber doch nicht, ohne Abschied zu nehmen; nicht ohne ein oder zwei Worte des Mitgefühls, des guten Willens; kurzum, nicht in jener kurzen, trockenen Manier. Sehen Sie! Sie haben mir das Leben gerettet! – Sie haben mich einem entsetzlichen, martervollen Tode entrissen! – und Sie gehen an mir vorüber, als wären wir gegenseitig Fremde! – Wenigstens reichen Sie mir die Hand!«

Er streckte seine Hand aus; ich gab ihm die meine; er faßte sie erst mit der einen, dann auch mit der zweiten Hand.

»Sie haben mir das Leben gerettet. Es macht mir Freude, Ihnen gegenüber eine so große Pflicht der Dankbarkeit zu haben. Keinem andern lebenden Wesen gegenüber hätte ich solche Verpflichtungen ertragen, aber mit Ihnen ist es anders; – Jane, die Dankbarkeit gegen Sie ist mir keine Last.«

Er hielt inne, er blickte mich an. Ich sah, wie ihm die Worte auf den Lippen zitterten, – aber seine Stimme versagte ihm den Dienst.

»Noch einmal gute Nacht, Sir. Sprechen Sie nicht von Schuld, Wohlthaten, Verpflichtungen; in diesem Falle giebt es keine solchen.«

»Ich fühlte immer,« fuhr er fort, »daß Sie mir zu irgend einer Zeit Gutes erweisen würden; – als ich Sie zum erstenmal erblickte, sah ich es in Ihren Augen! nicht umsonst – (hier hielt er inne) – nicht umsonst – (und hastig weiter sprechend) – nicht umsonst strahlte Ihr Lächeln, Ihr Ausdruck mir Wonne bis in den geheimsten Winkel meines Herzens. Die Menschen sprechen von natürlichen Sympathien; ich habe von gütigen Schutzengeln gehört – selbst in den wildesten Fabeln giebt es doch ein Körnchen Wahrheit. Meine geliebte Lebensretterin, gute Nacht.«

In seiner Stimme lag eine seltsame Energie, in seinen Blicken ein wunderbares Feuer.

»Ich bin glücklich, daß ich zufällig wach war,« sagte ich; dann wollte ich wieder gehen.

»Wie! Sie wollen gehen?«

»Mich friert, Sir.«

»Es friert Sie? Ja, – und da stehen Sie mitten in einem Wasserpfuhl! Gehen Sie denn, Jane, gehen Sie!«

Aber er hielt noch immer meine Hand, und ich konnte sie nicht frei machen. Da fiel mir ein Auskunftsmittel ein.

»Ich glaube, Sir, ich höre Mrs. Fairfax,« sagte ich.

»Gut denn. Lassen Sie mich allein,« er ließ meine Hand los, und ich ging.

Ich suchte mein Lager auf, aber ich dachte nicht an Schlaf. Bis zum Tagesanbruch schaukelte ich auf einem bewegten, tobenden Meere, wo Wogen von Kummer und Sorge unter Brandungen von Glück und Wonne dahinrollten. Zuweilen war mir's, als sähe ich hinter jenen wilden Gewässern eine Küste, schön wie die Hügel von Beulah; dann und wann trug eine erfrischende Brise, durch die Hoffnung geweckt, meine Seele triumphierend der Küste entgegen, aber ich konnte sie nicht erreichen, nicht einmal im Geiste – eine hindernde Brise blies vom Lande her und trieb mich unaufhörlich zurück. Die Sinne wollten dem Delirium widerstehen: die Vernunft wollte die Leidenschaft warnen. Zu fieberhaft, um ruhen zu können, erhob ich mich mit Tagesanbruch.

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