Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charlotte Brontë >

Jane Eyre, die Waise von Lowood.

Charlotte Brontë: Jane Eyre, die Waise von Lowood. - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorCharlotte Brontë
titleJane Eyre, die Waise von Lowood.
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub1847
translatorMaria von Borch (1853 - 1895)
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon
senderwww.gaga.net
created20060420
projectiddfc226c4
Schließen

Navigation:

Vierzehntes Kapitel

Während vieler der folgenden Tage sah ich Mr. Rochester wenig. Des Morgens schien er ganz von Geschäften in Anspruch genommen, und am Nachmittag kamen gewöhnlich Herren aus Millcote oder der Nachbarschaft, um ihre Besuche zu machen und zuweilen auch, um am Mittagessen teilzunehmen. Als seine Verrenkung soweit geheilt war, daß sie ihm wiederum gestattete auszureiten, machte er viele und weite Ritte. Wahrscheinlich erwiderte er jene Besuche, denn gewöhnlich kam er erst spät in der Nacht zurück.

Während dieser Zeit wurde auch Adele nur selten zu ihm geholt, und meine ganze Bekanntschaft mit ihm beschränkte sich auf eine gelegentliche Begegnung in der Halle, auf der Treppe, oder in der Galerie; zuweilen ging er hochmütig und kalt an uns vorüber und nahm von meiner Gegenwart nur durch eine steife Verbeugung oder einen kalten Blick Notiz; ein anderes Mal hingegen lächelte er wieder und begrüßte mich mit der zwanglosen Höflichkeit eines Gentleman. Seine wechselnde Laune beleidigte mich nicht, denn ich sah bald ein, daß meine Person mit diesen Wechseln nichts zu thun hatte; die Ebbe und Flut hing von Ursachen ab, mit denen ich in keiner Verbindung stand. Eines Tages hatte er zum Mittagsessen Gäste gehabt und während desselben hatte er meine Zeichenmappe holen lassen, ohne Zweifel zu dem Zweck, um ihren Inhalt zu zeigen.

Die Herren entfernten sich früh, um einer öffentlichen Versammlung in Millcote beizuwohnen, wie Mrs. Fairfax mir mitteilte; da der Abend aber naßkalt und rauh war, begleitete Mr. Rochester sie nicht. Bald nachdem sie sich entfernt hatten, zog er die Glocke, Es kam der Befehl, daß Adele und ich nach unten kommen sollten. Ich bürstete Adelens Haar und machte sie zierlich, und nachdem ich mich vergewissert hatte, daß ich in meinem gewöhnlichen Quäkerputz war, der keiner »Retouche« bedurfte, – da alles zu fest und einfach und glatt, die Haarfrisur einbegriffen, um eine Unordnung zuzulassen – gingen wir hinunter. Adele fragte mich, ob ich glaube, daß der petit coffre endlich angekommen sei; denn durch irgend einen Irrtum hatte seine Ankunft sich bis jetzt verzögert. Ihre Hoffnung ging in Erfüllung; da stand er, der kleine Karton, auf dem Tische; beim Eintritt fielen unsere Blicke sogleich auf denselben. Instinktiv schien sie ihn zu erkennen.

»Ma boîte! ma boîte!« rief sie aus, und lief auf den Tisch zu.

»Ja, da ist deine ›boite‹ endlich. Nimm sie dir in eine Ecke, du echte Tochter des schönen Paris, und amüsiere dich mit dem Auspacken,« sagte Mr. Rochester mit seiner tiefen und ziemlich sarkastischen Stimme, die aus einem großen, tiefen Lehnstuhl vom Kamin her ertönte. »Und merke es dir,« fuhr er fort, »quäle mich nicht mit den Details des anatomischen Prozesses oder irgend einer Bemerkung über die Zustände der Eingeweide; führe deine Operation unter Stillschweigen aus – tiens-toi tranquille, mon enfant; comprends-tu?«

Es schien dieser Warnung bei Adele gar nicht zu bedürfen; sie hatte sich mit ihrem Schatz bereits auf ein Sofa zurückgezogen und war damit beschäftigt, den Bindfaden, welcher den Deckel hielt, zu lösen. Nachdem sie dies Hindernis entfernt und einige silberartige Hüllen von Seidenpapier emporgehoben hatte, rief sie nur aus:

»Oh, ciel, que c'est beau!« dann blieb sie regungslos in extatischer Betrachtung stehen.

»Ist Miß Eyre da?« fragte der Herr des Hauses jetzt, indem er sich halb aus seinem Lehnsessel erhob und sich nach der Thür umblickte, neben welcher ich noch immer stand.

»O! das ist gut! Treten Sie näher, und setzen Sie sich zu mir.« Er zog einen Stuhl an den seinen heran. »Ich bin kein Freund vom Geplauder der Kinder,« fuhr er fort, »denn ein alter Junggeselle wie ich hat keine freundlichen Erinnerungen, die sich an ihr Lallen knüpfen könnten. Es wäre unerträglich für mich, wenn ich einen ganzen Abend tête-à-tête mit solch einem Kinde zubringen sollte. Ziehen Sie den Stuhl nicht weiter zurück, Miß Eyre, setzen Sie sich gerade da, wohin ich ihn gestellt habe, das heißt natürlich, wenn es Ihnen recht ist. Zum Teufel mit diesen Förmlichkeiten! Ich vergesse sie immer wieder. Für einfache, harmlose alte Damen habe ich auch keine besondere Vorliebe. Dabei fällt mir ein, für die meine sollte ich sie doch haben; es würde nichts Gutes daraus entstehen, wenn ich sie vernachlässigen wollte. Sie ist eine Fairfax, oder war doch mit einem solchen verheiratet; und Blut ist dicker als Wasser, wie das Sprichwort sagt.«

Er zog die Glocke und sandte eine Aufforderung an Mrs. Fairfax, welche gleich darauf mit ihrem Strickkorbe in der Hand erschien.

»Guten Abend, Madame; ich ließ Sie zu einem mildthätigen Zwecke hierherbitten: ich habe Adele verboten mit mir über ihre Geschenke zu sprechen und sie stirbt jetzt beinahe vor verhaltener Aufregung; haben Sie die Güte, ihr als Zuhörerin und Fragestellerin zu dienen; es wäre eine der barmherzigsten Thaten, die Sie jemals vollbracht haben.«

In der That, kaum hatte Adele Mrs. Fairfax erblickt, als sie ihr schon ein Zeichen machte, an das Sofa zu kommen. Dort füllte sie ihr den Schoß mit dem ganzen Inhalt von Porzellan, Elfenbein und Wachs ihrer boite und gab zugleich ihr Entzücken in dem kleinen Vorrat von Englisch zu erkennen, dessen sie mächtig war.

»Jetzt habe ich die Rolle eines liebenswürdigen Wirtes gespielt und meinen Gästen den Weg gezeigt, auf dem sie ihre Unterhaltung finden können,« fuhr Mr. Rochester fort, »nun sollte es mir aber auch erlaubt sein, meinen eigenen Vergnügungen nachzugehen. Miß Eyre, ziehen Sie Ihren Stuhl noch ein klein wenig näher, Sie sitzen noch zu weit zurück. Ich kann Sie nicht sehen, ohne meine bequeme Lage in diesem prächtigen Stuhl aufzugeben; und dazu habe ich allerdings keine Lust.«

Ich that, wie mir geheißen wurde, obgleich ich viel lieber ein wenig im Schatten geblieben wäre; aber Mr. Rochester hatte eine so direkte Art, seine Befehle zu erteilen, daß es die natürlichste Sache der Welt war, ihm augenblicklich zu gehorchen.

Wie ich schon erwähnt habe, befanden wir uns im Speisezimmer; der Kronleuchter, dessen Kerzen für die Mittagstafel angezündet gewesen, erfüllte das Zimmer mit einem festlichen Glanz; das große Feuer brannte rot und hell und klar; die roten Vorhänge hingen in reichen Falten vor dem hohen Bogenfenster und der noch höheren Bogenthür; ringsum herrschte Ruhe, nur Adelens leises Geplauder – sie wagte nicht laut zu sprechen – unterbrach dann und wann die Stille. Draußen schlug der Winterregen kaum hörbar gegen die Scheiben. Wie Mr. Rochester so in seinem köstlich reichen Lehnstuhl dasaß, sah er ganz anders aus, als er mir bis dahin erschienen war, – nicht ganz so strenge, weniger düster. Auf seinen Lippen ruhte ein Lächeln, seine Augen funkelten; ob dies die Wirkung des Weins war oder nicht – das weiß ich nicht; aber ich halte es für wahrscheinlich. Kurzum, er war in seiner »Nach dem Mittagessen-Stimmung« natürlicher, lebhafter, elastischer, mitteilsamer, nicht so strenge und steif und förmlich als des Morgens, Und doch sah er noch ein wenig grimmig aus, wie er seinen massiven Kopf gegen die schwellenden Polster des Lehnstuhls legte und der Schein des Feuers auf seine wie aus Granit gehauenen Züge und seine großen, dunklen Augen fiel – denn er hatte große, dunkle Augen und sehr schöne Augen obendrein; – zuweilen wechselte der Ausdruck in ihren Tiefen und wenn es auch nicht grade Weichheit war, die sich dort spiegelte, so erinnerte es doch wenigstens an diese Empfindung.

Zwei Minuten hatte er ins Feuer geblickt, und ebenso lange hatte ich ihn angesehen – da wandte er sich plötzlich um und erhaschte meinen Blick, der auf seine Physiognomie geheftet gewesen.

»Sie prüfen mein Gesicht, Miß Eyre,« sagte er, »finden Sie mich schön?«

Wenn ich überlegt hätte, so würde ich auf diese Frage mit irgend einer konventionellen Höflichkeit geantwortet haben; aber ehe ich selbst es recht wußte, entschlüpfte die Antwort meinen Lippen: »Nein, Sir!«

»Ah! Auf mein Ehrenwort, Sie haben etwas ganz eigentümliches,« sagte er, »Sie sehen aus wie eine kleine Nonne; einfach, ruhig, ernst und selbstbewußt, wie Sie so mit gefalteten Händen da sitzen und die Blicke gewöhnlich auf den Teppich heften – ausgenommen, nebenbei gesagt, wenn sie durchdringend auf meinem Gesicht ruhen wie eben jetzt zum Beispiel – und wenn man dann eine Frage an Sie richtet oder eine Bemerkung macht, auf welche Sie zu antworten gezwungen sind, so kommen Sie mit einer Entgegnung, die, wenn auch nicht gerade grob, so doch wenigstens brüsk ist. Was bezwecken Sie eigentlich damit?«

»Sir, ich war wohl zu deutlich. Ich bitte um Entschuldigung. Ich hätte antworten müssen, daß es nicht so leicht ist, eine Stegreif-Antwort auf eine Frage über äußere Erscheinung zu geben; daß der Geschmack verschieden ist; daß Schönheit wenig bedeutet, oder irgend etwas ähnliches.«

»Nein, Sie hätten durchaus nichts ähnliches antworten müssen. Schönheit wenig bedeuten! In der That! Und so, unter dem Vorwande, die vorhergehende Beleidigung wieder gut zu machen, mich zu streicheln und zu beruhigen, stoßen Sie mir ein feines, kleines Messer in den Nacken! Fahren Sie fort. Welche Fehler finden Sie sonst noch an mir? Bitte, sprechen Sie. Ich vermute doch, daß all meine Gesichtszüge und meine Gliedmaßen gerade so sind wie die anderer Leute?«

»Mr. Rochester, erlauben Sie mir, meine erste Antwort zurückzunehmen; ich hatte nicht die Absicht, eine spitze Bemerkung zu machen, es war wirklich nur eine Dummheit.«

»Da haben Sie recht. Das glaube ich auch. Und Sie sollen dafür büßen. Kritisieren Sie mich. Gefällt meine Stirn Ihnen nicht?«

Er strich die schwarzen Haarwellen, welche horizontal über seine Stirn fielen, zur Seite und zeigte dabei eine ziemlich solide Masse intellektueller Organe, wo indessen das sanfte Zeichen des Wohlwollens und der Güte sich hätte erheben sollen, war ein plötzlicher Mangel sichtbar.

»Nun Fräulein, bin ich ein Narr?«

»Weit entfernt, Sir, Vielleicht halten Sie mich für ungezogen, wenn ich Sie als Erwiderung frage, ob Sie ein Philanthrop sind?«

»Also wieder! Noch ein Stich mit dem feinen, kleinen Federmesser, während Sie vorgaben, meinen Kopf zu streicheln. Und das nur, weil ich gesagt habe, daß ich die Gesellschaft kleiner Kinder und alter Frauen – leise sei es gesagt – nicht liebe! Nein, meine junge Dame, ich bin kein allgemeiner Philanthrop, aber ich habe ein Gewissen;« und dabei zeigte er auf die Organe, welche diese Eigenschaft oder Fähigkeit verraten sollen – und die, zum Glück für ihn, ziemlich sichtbar waren und dem oberen Teil seines Kopfes eine bemerkenswerte Breite verliehen, »und außerdem wohnte meinem Herzen einst eine rohe Art von Zärtlichkeit inne. Als ich so alt war wie Sie, war ich ein ganz gefühlvoller Bursche; ich hatte Mitleid mit den Unterdrückten, den Vernachlässigten, den Unglücklichen; aber seitdem hat das Schicksal mich hin- und hergeworfen; es hat mich mit seinen Fäusten förmlich geknetet, und jetzt schmeichle ich mir, so hart und so zähe zu sein wie ein Gummiball. In der Mitte des Klumpens ist nur noch ein kleiner, empfindlicher Punkt, und an einer oder zwei unmerkbaren Stellen vermag noch etwas einzudringen. Ja! Und giebt es da noch irgend eine Hoffnung für mich?«

»Hoffnung auf was, Sir?«

»Auf meine schließliche Wiederumgestaltung vom Gummi zu Fleisch und Blut?«

»Ganz entschieden hat er zu viel Wein getrunken,« dachte ich bei mir und ich wußte nicht, welche Antwort ich auf seine sonderbare Frage geben sollte. Wie konnte ich denn wissen, ob er einer Wiedertransformation noch fähig sei?

»Sie sehen ganz verblüfft aus, Miß Eyre; und obgleich Sie ebensowenig hübsch sind wie ich schön bin, so kleidet diese verblüffte Miene Sie ausgezeichnet; außerdem ist sie bequem, denn sie lenkt Ihre prüfenden Blicke von meiner Physiognomie ab und beschäftigt sie mit den gewebten Blumen auf dem Kaminteppich; also seien Sie nur weiter verblüfft. Junge Dame, heute Abend bin ich in der Stimmung, lebhaft und mitteilsam zu sein.«

Mit dieser Ankündigung erhob er sich von seinem Stuhl, ging an das Feuer und lehnte den Arm auf den Kaminsims. In dieser Stellung traten seine Figur und sein Gesicht besonders deutlich hervor; ebenso die ungewöhnliche Breite seiner Schultern, welche zu seiner Höhe in gar keinem Verhältnis stand. Ich bin fest überzeugt, daß die meisten Menschen ihn für einen häßlichen Mann gehalten haben würden; und doch lag in seiner Haltung so viel unbewußter Stolz, in seinen Bewegungen so viel Leichtigkeit; in seiner Miene so unendliche Gleichgiltigkeit gegen seine eigene äußere Erscheinung; ein so hochmütiges, stolzes Sichverlassen auf die Macht anderer Eigenschaften innerer und äußerer Art, die für den Mangel persönlicher Reize entschädigen konnten, daß man unwillkürlich diese Gleichgültigkeit teilen mußte, wenn man ihn ansah, und sogar in einem gewissen, nur halbbewußten Sinne an sein Selbstvertrauen zu glauben begann.

»Ich bin heute Abend in der Stimmung, lebhaft und mitteilsam zu sein,« wiederholte er, »und das ist der Grund, weshalb ich Sie hierher bitten ließ; das Kaminfeuer und der Kronleuchter genügten mir nicht als Gesellschaft, und ebensowenig wäre Pilot es gewesen, denn keines von diesen kann reden. Adele ist um einen Grad besser, doch noch tief unter der Linie; Mrs. Fairfax dito, aber Sie können mir genügen, wenn Sie wollen, dessen bin ich gewiß. Sie verblüfften mich schon an dem ersten Abend, als ich Sie einlud, herunterzukommen. Seitdem habe ich Sie beinahe schon wieder vergessen. Andere Gedanken haben jene an Sie aus meinem Kopfe vertrieben; heute Abend aber bin ich entschlossen, mich wohl zu fühlen, alles zu verbannen, was quälend ist, das ins Gedächtnis zurückzurufen, was angenehm ist. Jetzt würde es mir Freude machen, Sie zum plaudern zu bringen, Sie näher kennen zu lernen – deshalb sprechen Sie.«

Anstatt zu sprechen, lächelte ich. Aber es war gerade kein unterwürfiges oder gefälliges Lächeln.

»Sprechen Sie,« drängte er.

»Über was denn, Sir?«

»Über was Sie wollen. Das Gesprächsthema und die Art und Weise es zu behandeln überlasse ich Ihnen; wählen Sie selbst.«

Folglich setzte ich mich und sagte gar nichts: »Wenn er erwartet, daß ich sprechen soll, nur um zu sprechen und mich zu zeigen, so wird er finden, daß er an die unrechte Person gekommen ist,« dachte ich.

»Sie sind stumm, Miß Eyre.«

Ich war noch immer stumm. Er neigte den Kopf zu mir und schien mit einem einzigen hastigen Blicke in die tiefste Tiefe meiner Seele tauchen zu wollen.

»Eigensinnig?« fragte er, »und ärgerlich? Ah, ich habe es übrigens verdient. Ich stellte meine Frage in einer absurden, beinahe unverschämten Form, Miß Eyre, ich bitte Sie um Verzeihung. Ein- für allemal muß ich Ihnen nämlich sagen, daß ich Sie nicht gern wie eine Untergebene behandeln möchte. Das heißt – hier verbesserte er sich – ich nehme nur jene Überlegenheit für mich in Anspruch, welche die zwanzig Jahre Unterschied im Alter und die hundert Jahre in Erfahrung mir geben. Das ist nur gerecht, et j'y tiens, wie Adele sagen würde; und kraft dieser Überlegenheit und nur dieser allein wünschte ich, daß Sie die Güte haben möchten, jetzt ein wenig mit mir zu plaudern und meine Gedanken zu zerstreuen, die durch das Verweilen bei einer einzigen Sache ganz gallig geworden sind: angefressen wie ein rostiger Nagel.«

Er hatte mich einer Erklärung gewürdigt, beinahe einer Entschuldigung; ich war nicht unempfindlich für seine Herablassung, aber ich wollte es nicht merken lassen.

»Ich will Sie sehr gern unterhalten, Sir, sehr gern; aber ich kann kein Gesprächsthema wählen, weil ich nicht weiß, was Sie interessieren kann. Fragen Sie mich nur, und ich will mein Bestes thun, um Ihnen zu antworten.«

»Also in erster Reihe, stimmen Sie mit mir überein, daß ich das Recht habe, ein wenig herrisch und seltsam, zuweilen vielleicht auch ein wenig rechthaberisch zu sein, fußend auf den Gründen, die ich Ihnen angeführt habe; nämlich, daß ich alt genug bin, um Ihr Vater zu sein und daß ich mit vielen Menschen und vielen Nationen die verschiedenartigsten Erfahrungen gemacht und mehr als die Hälfte des Erdballs durchstreift habe, während Sie ruhig mit denselben Menschen in demselben Hause gelebt haben.«

»Thun Sie, was Ihnen gefällt, Sir.«

»Das ist keine Antwort, oder vielmehr eine sehr ärgerliche, weil es eine ausweichende ist, – bitte antworten Sie klar.«

»Ich glaube nicht, Sir, daß Sie ein Recht haben, mir zu befehlen, nur weil Sie älter sind als ich, oder weil Sie mehr von der Welt gesehen haben als ich; – Ihr Anspruch auf Überlegenheit entspringt dem Gebrauch, welchen Sie von Ihrer Zeit und Ihren Erfahrungen gemacht haben.«

»Bah! Das ist gut gesagt. Aber ich werde das nicht zugeben, weil ich sehe, daß es meiner Sache nicht nützen würde. Ich habe von beiden Vorteilen einen gleichgiltigen, um nicht zu sagen schlechten Gebrauch gemacht. Wenn wir die ›Überlegenheit‹ nun auch ganz aus dem Spiele lassen, so müssen Sie doch einwilligen, dann und wann meine Befehle entgegen zu nehmen, ohne sich durch den befehlenden Ton, in welchem ich sie gebe, verletzt zu fühlen; – wollen Sie das?«

Ich lächelte. Ich dachte bei mir: Mr. Rochester ist ein seltsamer Mann, – er scheint zu vergessen, daß er mir dreißig Pfund Sterling jährlich zahlt, damit ich seine Befehle ausführe.

»Das Lächeln ist sehr schön,« sagte er, indem er augenblicklich den vorübergehenden Gesichtsausdruck bemerkte, »aber Sie müssen nun auch sprechen,«

»Ich dachte darüber nach, daß sehr wenig Herren sich darum kümmern würden, ob ihre bezahlten Untergebenen durch ihre Befehle verletzt und beleidigt wären oder nicht.«

»Bezahlte Untergebene! Was? Sie sind meine bezahlte Untergebene? Sind Sie das? Ach ja, ich hatte das Gehalt vergessen! Gut also! Wollen Sie mir auf diesen feilen Grund hin erlauben, ein wenig anmaßend zu sein?«

»Nein Sir; auf den Grund hin nicht; aber auf den Grund hin, daß Sie ihn vergessen konnten, und daß Sie sich darum kümmern, ob eine Untergebene in ihrer Abhängigkeit glücklich ist oder nicht, willige ich von Herzen gern ein.«

»Und wollen Sie auch einwilligen, mich von einer ganzen Menge konventioneller Formen und Phrasen zu dispensieren, ohne zu glauben, daß diese Unterlassung aus Nichtachtung entspringt?«

»Ich bin überzeugt, Sir, daß ich Formlosigkeit niemals mit Nichtachtung verwechseln würde; für das eine habe ich eine gewisse Schwäche, dem anderen würde sich kein Freigeborener fügen, nicht einmal um eines Lohnes willen.«

»Unsinn! Die meisten freigeborenen Geschöpfe würden alles ertragen um eines Lohnes willen; deshalb urteilen Sie nur für sich selbst und sprechen Sie nicht über Allgemeinheiten, über die Sie gänzlich in Unwissenheit sind. Indessen schüttele ich Ihnen im Geiste die Hand für Ihre Antwort, obgleich diese durchaus nicht treffend war, und ebensosehr für die Art, in welcher Sie es sagten, wie für den Inhalt der Rede; die Art und Weise war frank und frei und aufrichtig; man trifft sie nicht allzuoft an; nein, im Gegenteil, Affektation oder Kälte, oder dummes, grobes, gemeines Mißverstehen der Absicht sind der gewöhnliche Lohn für Aufrichtigkeit. Unter dreitausend eben der Schule entwachsenen Gouvernanten würden nicht drei mir geantwortet haben, wie Sie es soeben gethan haben. Aber ich habe nicht die Absicht, Ihnen zu schmeicheln; wenn Sie in einer anderen Form gegossen sind als die Mehrzahl, so ist das nicht Ihr eigenes Verdienst, die Natur hat es gethan. Und dann bin ich auch wahrscheinlich zu voreilig in meinen Schlüssen, denn wie kann ich eigentlich wissen, ob Sie besser sind als die übrigen. Sie können ja unzählige unerträgliche Mängel und Fehler haben, welche Ihren guten Seiten das Gegengewicht halten.«

»Das können Sie ebenfalls,« dachte ich bei mir. Als dieser Gedanke mein Hirn kreuzte, begegnete mein Blick dem seinen; er schien in demselben zu lesen und er antwortete mir, als hätte ich meinem Denken Worte verliehen:

»Ja, ja! Sie haben recht,« sagte er, »ich selbst habe eine Menge Fehler; ich weiß das sehr wohl und wünsche durchaus nicht, sie zu beschönigen, dessen versichere ich Sie. Gott weiß, daß ich keine Ursache habe, andern gegenüber zu strenge zu sein. Mein früheres Dasein, eine lange Folge von Thaten, eine Färbung meines Lebens sind in meiner eigenen Brust verzeichnet, welche mein Naserümpfen und mein Urteil leicht von meinem Nächsten auf mich selbst lenken könnten. Im Alter von einundzwanzig Jahren warf man mich – denn wie andere Sünder lege auch ich gern die Hälfte der Schuld auf ein trauriges Schicksal und auf widrige Umstände – auf den falschen Pfad und seitdem ist es mir noch nicht geglückt, den rechten Weg wiederzufinden; aber ich hätte ein anderer Mensch sein können; ich hätte ebenso gut sein können wie Sie – klüger – fast ebenso rein. Ich beneide Sie um Ihren Seelenfrieden, um Ihr reines Gewissen, Ihre unbefleckte Erinnerung! Mein kleines Mädchen, eine Erinnerung ohne einen dunklen Fleck, ohne Vorwurf muß ein großer Schatz sein, – eine unerschöpfliche Quelle reinster Erfrischung – ist es nicht so?«

»Wie waren denn Ihre Erinnerungen, als Sie achtzehn Jahre zählten?

»O, damals war alles noch gut, klar, durchsichtig, gesund; damals hatte noch kein Schlagwasser sie zu einem faulen Tümpel gemacht. Mit achtzehn Jahren war ich Ihnen gleich – ganz gleich. Die Natur hatte mich im großen Ganzen zu einem guten Menschen bestimmt, Miß Eyre, zu einem von der besseren Sorte – und wie Sie sehen, bin ich es doch nicht geworden. Sie können mir nun erwidern, daß Sie es nicht sehen; wenigstens schmeichle ich mir, daß ich das in Ihrem Auge lese – nebenbei gesagt, hüten Sie sich davor, irgend etwas durch dies Organ auszudrücken, denn ich weiß seine Sprache wohl zu deuten. Aber nehmen Sie mein Wort darauf – ich bin kein Schurke, das dürfen Sie nicht voraussetzen – so viel böse Wichtigkeit dürfen Sie mir gar nicht zutrauen; nein, dank den Umständen mehr als meinem eigenen natürlichen Hange, bin ich ein ganz gewöhnlicher Sünder geworden, der in all den gemeinen armseligen Zerstreuungen abgenützt worden ist, mit denen die Reichen und Liederlichen das Leben auszuschmücken pflegen. Wundern Sie sich darüber, daß ich Ihnen dies Geständnis mache? Wissen Sie denn, daß Sie in Zukunft noch oft finden werden, daß man Sie zur unfreiwilligen Vertrauten der Geheimnisse Ihrer Freunde macht. Instinktiv werden die Menschen stets, wie ich es gethan habe, herausfinden, daß es nicht Ihre schwache Seite ist, von sich selbst zu reden, sondern aufmerksam zuzuhören, wenn andere von sich sprechen; sie werden auch herausfühlen, daß Sie nicht mit spöttischer Verachtung auf die Ergüsse ihrer Indiskretion horchen, sondern mit wirklicher Sympathie, welche nicht weniger tröstlich und ermutigend, weil sie in ihren Kundgebungen weder laut noch aufdringlich ist.«

»Woher wissen Sie das? – Wie können Sie alles dies erraten, Sir?«

»Ich weiß es sehr wohl, deshalb spreche ich so frei von der Leber fort, als ob ich meine Gedanken in ein Tagebuch schriebe. Sie möchten mir gern sagen, daß ich stärker als die Verhältnisse hätte sein müssen, – ja, das hätte ich sein müssen – das hätte ich sein müssen; aber Sie sehen – ich war es nicht. Als das Schicksal mir ein Unrecht zufügte, besaß ich nicht genug Weisheit, um kalt und ruhig zu bleiben; ich geriet in Verzweiflung – dann entartete ich. Und wenn jetzt der lasterhafteste Dummkopf meinen Ekel durch seine gemeine Liederlichkeit erweckt, so kann ich mir nicht mehr schmeicheln, daß ich besser bin als er; ich bin gezwungen zu erklären, daß er und ich auf gleichem Standpunkt stehen. Ach, wie ich wünsche, daß ich standhaft geblieben! – Gott weiß, wie innig ich es wünsche! Wenn die Versuchung an Sie herantritt, Miß Eyre, so fürchten Sie sich vor Gewissensbissen! Gewissensqualen sind das Gift des Lebens!«

»Aber Sir, man sagt, daß die Reue sie heilt!«

»Nein, Reue heilt sie nicht! Besserung mag Heilung für sie sein; und ich könnte mich bessern – ich besitze noch Kraft genug dazu – wenn –, aber was nützt es denn, auch nur daran zu denken, gehindert, belastet, verflucht wie ich bin? Und außerdem, da das Glücklichsein mir unwiderruflich versagt ist, habe ich doch das Recht, dem Leben so viel Freuden abzugewinnen, wie möglich, – und diese will ich haben, koste es, was es wolle!«

»Aber dann werden Sie noch mehr ausarten, Sir.«

»Das ist möglich! Aber weshalb sollte ich, wenn ich süße, neue Freuden haben kann? Und ich kann deren haben, so süß, so frisch, so unberührt wie der Honig, welchen die Biene im Walde sammelt.«

»Aber diese Freuden werden bitter schmecken, Sir!«

»Wie können Sie das wissen? – Sie haben es ja niemals versucht. Wie unendlich ernst – wie feierlich Sie aussehen! Und Sie verstehen so wenig von der Sache wie diese Camée hier,« – er nahm eine solche vom Kaminsims.

»Sie haben kein Recht, mir zu predigen; Sie sind eine Neophytin, welche noch nicht durch das Thor des Lebens eingegangen und mit seinen Mysterien gänzlich unbekannt ist.«

»Ich erinnere Sie nur an Ihre eigenen Worte, Sir. Sie sagten, daß Irren nur Gewissensbisse bringe und Sie erklärten Gewissensbisse für das Gift des Lebens.«

»Und wer spricht denn jetzt noch von Verirrungen? Ich glaube kaum, daß der Gedanke, welcher mein Hirn durchkreuzte, eine Verirrung war. Ich glaube, es war eher eine Eingebung als eine Versuchung, – es war sehr beruhigend, sehr belebend – das weiß ich. Und hier kommt dieser Gedanke schon wieder! Es ist kein Teufel, ich versichere Sie; oder wenn es einer ist, so hat er doch die Gewandung eines Engels des Lichts angelegt. Einen so schönen Gast muß ich doch einlassen, wenn er so bittend Einlaß in mein Herz begehrt!«

»Mißtrauen Sie ihm, Sir; es ist kein wahrer, kein lichter Engel!«

»Noch einmal, wie können Sie das wissen? Kraft welchen Instinkts glauben Sie zwischen einem gefallenen Engel aus dem Abgrund der Hölle und einem Boten von dem Thron des Ewigen unterscheiden zu können – zwischen einem Führer und einem Verführer?«

»Ich urteilte nach Ihrem Gesichte, Sir, und dieses sah kummervoll aus als Sie sagten, daß jener Gedanke Sie abermals heimsuche. Ich bin überzeugt, daß noch mehr Elend für Sie daraus entspringt, wenn Sie ihm Gehör schenken.«

»Durchaus nicht. Es ist die lieblichste Botschaft der Welt; und überdies sind Sie ja nicht die Hüterin meines Gewissens, deshalb beruhigen Sie sich. Hier, komm herein, lieblicher Wanderer!«

Die letzten Worte sprach er wie zu einer Erscheinung, die keinem anderen Auge sichtbar als dem seinen. Dann verschränkte er die Arme, welche er halb ausgebreitet hatte, über der Brust und schien das unsichtbare Wesen in eine innige Umarmung zu schließen.

»Jetzt,« fuhr er zu mir gewendet fort, »habe ich den Pilger eingelassen – eine verkleidete Gottheit, wie ich glaube. Sie hat mir schon Liebes gethan; mein Herz war eine Art von Beinhaus; jetzt wird es ein Altar sein.«

»Wenn ich die Wahrheit gestehen soll, Sir, so verstehe ich Sie durchaus gar nicht. Ich kann das Gespräch nicht weiter führen, weil es über meine Begriffe hinausgeht. Ich weiß nur eins: Sie sagten, daß Sie nicht so gut seien, wie Sie selbst es zu sein wünschten; und daß Sie Ihre eigene Unvollkommenheit tief beklagten, – das kann ich wohl verstehen; Sie deuteten an, daß es ein ewig wirkendes Gift sei, eine Vergangenheit zu haben, welche nicht ganz rein. Mir ist's, als würden Sie es mit der Zeit möglich finden, das zu werden, was Sie selbst wünschen, wenn Sie es ernstlich versuchten; Sie würden finden, daß wenn Sie von dem heutigen Tage an den festen Entschluß faßten, Ihre Thaten und Gedanken zu bessern, Sie in wenigen Jahren einen neuen und fleckenlosen Vorrat von Erinnerungen haben würden, die Sie stets mit Freuden heraufbeschwören könnten.«

»Sehr richtig gedacht, und richtig gesagt, Miß Eyre; und in diesem Augenblick pflastere ich den Weg zur Hölle mit größter Energie.«

»Sir?«

»Ich lege gute Vorsätze nieder, welche ich ebenso hart wie Kieselsteine glaube. Ganz gewiß, meine Gefährten, meine Freunde, meine Beschäftigungen sollen andere werden, als sie es bisher waren.«

»Und bessere?«

»Und bessere – um so viel, wie reines Gold besser, als schlechte Schlacken ist. Sie scheinen an mir zu zweifeln; ich selbst zweifle nicht. Ich kenne mein Ziel, ich kenne meine Motive; und jetzt, in diesem Augenblick, erlasse ich ein Gesetz, unrückbar, unantastbar wie das der Meder und Perser, daß beide die einzig richtigen sind.«

»Das können sie nicht sein, Sir, wenn es eines neuen Gesetzes bedarf, um sie zu legalisieren.«

»Sie sind es doch, Miß Eyre, obgleich sie durchaus ein neues Gesetz verlangen. Unerhörtes Zusammenwirken von Umständen und Verhältnissen verlangt auch unerhörte Regeln und Gesetze.«

»Das scheint mir eine gefährliche Maxime, Sir; weil man auf den ersten Blick sehen kann, daß sie leicht mißbraucht werden kann.«

»Wortreiche Weise! so ist es: aber ich schwöre bei den Penaten meines Hauses, daß ich sie nicht mißbrauchen werde.«

»Sie sind auch nur ein Mensch und fehlbar.«

»Das weiß ich – aber Sie sind es ebenfalls. Was dann?«

»Die, die da menschlich sind und fehlbar, sollten sich nicht eine Macht aneignen, welche nur der Ewige mit Sicherheit handhaben kann.«

»Welche Macht?«

»Jene, von seltsamen und nicht sanktionierten Handlungen sagen zu dürfen: Sie sollen gerecht sein.«

»›Sie sollen gerecht sein.‹ Ja, ja, das sind die rechten Worte: Sie haben sie ausgesprochen.«

»Mögen sie denn gerecht sein,« sagte ich, indem ich mich erhob; ich hielt es für nutzlos, ein Gespräch weiter zu führen, bei welchem ich gänzlich im Dunkeln tappte; außerdem fühlte ich, daß der Charakter meines Gegenüber sich gänzlich meiner Beurteilung entzog, wenigstens meinem augenblicklichen Urteilsvermögen; und die Unsicherheit bemächtigte sich meiner, welche stets die Überzeugung der eigenen Unwissenheit begleitet.

»Wohin gehen Sie?«

»Ich will Adele ins Bett bringen; es ist schon über ihre gewöhnliche Schlafenszeit hinaus.«

»Sie fürchten sich vor mir, weil ich dunkel spreche wie eine Sphynx.«

»Ihre Sprache ist allerdings rätselhaft, Sir; aber obgleich ich verblüfft bin, fürchte ich mich doch nicht.«

»Sie fürchten sich doch; Ihre Eigenliebe fürchtet sich, einen Irrtum zu begehen.«

»Ja; in dieser Beziehung fürchte ich mich allerdings – ich wünsche nicht, Unsinn zu schwatzen.«

»Und wenn Sie dies wirklich thäten, so würde es in einer so ernsten, ruhigen Weise geschehen, daß ich es für sehr sinnreich halten würde. Lachen Sie niemals, Miß Eyre? Bemühen Sie sich nicht, mir zu antworten – ich sehe, Sie lachen nur selten; aber Sie können sehr fröhlich lachen. Glauben Sie mir, von Natur sind Sie ebensowenig unfreundlich, wie ich lasterhaft bin. Der Zwang von Lowood lastet noch immer ein wenig auf Ihnen; er beherrscht Ihre Züge, dämpft Ihre Stimme und lähmt Ihre Glieder; und Sie fürchten in Gegenwart eines Mannes und Bruders – oder Vaters oder Herrn, sei es wer es sei – zu fröhlich zu lachen, zu frei zu sprechen oder sich zu schnell zu bewegen; aber ich hoffe, daß Sie es mit der Zeit lernen werden, mir gegenüber natürlich zu sein, denn ich finde es ganz unmöglich, mit Ihnen förmlich zu verkehren, und dann werden Ihre Züge und Ihre Bewegungen mehr Freiheit und Lebhaftigkeit und Abwechselung annehmen, als sie sich jetzt erlauben. Zuweilen hasche ich durch die engen Stäbe eines Käfigs den Anblick eines seltsamen Vogels; ein lebhafter, ruheloser entschlossener Gefangener sitzt drinnen; wäre er aber frei, so würde er hoch in die Lüfte steigen. – Wollen Sie noch immer gehen?«

»Es hat bereits neun Uhr geschlagen.«

»Das schadet nichts, Warten Sie noch eine Minute. Adele ist noch nicht bereit, sich schlafen zu legen. Meine Stellung mit dem Rücken gegen das Feuer und dem Gesicht gegen das Zimmer begünstigt meinen Wunsch, Beobachtungen anzustellen, Miß Eyre. Während ich mit Ihnen sprach, beobachtete ich auch gelegentlich Adele; – (ich habe meine eigenen Gründe, sie für eine eigentümliche Studie zu halten, – Gründe, die ich Ihnen vielleicht, nein, gewiß eines Tages mitteilen werde;) vor ungefähr zehn Minuten zog sie einen kleinen rosa seidenen Rock aus ihrem Koffer; Entzücken malte sich auf ihren Zügen, als sie ihn entfaltete; die Koketterie liegt in ihrem Blute, vermischt sich mit ihrer Gehirnmasse und würzt das Mark ihrer Knochen, ›Il faut que je l'essaie!‹ rief sie, ›et à l'instant même!‹ und mit diesen Worten stürzte sie aus dem Zimmer hinaus. Sie ist jetzt bei Sophie und unterwirft sich einem Ankleideprozeß. In wenigen Minuten wird sie wieder eintreten, und ich weiß, was ich dann erblicken werde, – ein Miniaturbild von Celine Varens, wie sie beim Aufgehen des Vorhangs auf der Bühne von – – – doch lassen wir das lieber. Indessen, meine zärtlichsten Gefühle werden einen Schlag bekommen, ich habe eine Ahnung. Bleiben Sie, um zu sehen, ob diese sich erfüllen wird.«

Nicht lange dauerte es und wir hörten Adelens kleinen Fuß durch die Halle trippeln. Sie trat ein, umgewandelt, wie ihr Vormund es vorher gesagt hatte. Ein Kleid von rosenfarbigem Atlas, sehr kurz und so faltenreich, wie der schwere Stoff es erlaubte, ersetzte das braune Kleidchen, welches sie vorher getragen; ein Kranz von Rosenknospen umschloß ihre Stirn; seidene Strümpfe und kleine, weiße Atlasschuhe bekleideten ihre Füße.

»Est ce que ma robe vai bien?« rief sie vorwärts hüpfend, »et mes souliers? et mes bas? Tenez, je crois que je vais danser!«Sitzt mein Kleid gut? Und meine Schuhe? Und meine Strümpfe? Hört, ich glaube, ich werde tanzen.

Und indem sie ihr Kleid emporhob, chassierte sie durch das Zimmer. Als sie Mr. Rochester erreicht hatte, wirbelte sie vor ihm leicht auf den Zehen herum, ließ sich dann vor seinen Füßen auf ein Knie nieder und rief aus:

»Monsieur, je vous remercie mille fois de votre bonté,« dann erhob sie sich und fügte hinzu: »C'est comme cela que maman faisait, n'est ce pas, Monsieur?«Mein Herr, ich danke Ihnen tausendmal für Ihre Güte. – So machte Mama, nicht wahr, mein Herr?

»Gerade so!« lautete die Antwort, »und comme cela lockte sie mir auch das englische Gold aus meinen brittischen Hosentaschen. – Ich war auch einmal ›grün‹, Miß Eyre – ach ja, ›grasgrün‹, und kein frühlingsfrischer Hauch schmückt Sie jetzt, der nicht auch einst auf mir geruht hätte! Mein Frühling ist dahin indessen, aber er hat mir jene kleine französische Blütenknospe hinterlassen, welche ich in manchen Stimmungen oft gern wieder los sein möchte. Ich schätze und verehre die Wurzel nicht mehr, welcher sie entsprungen; ich habe seitdem erfahren, daß jene zu einer Abart gehörte, welche nur mit Goldstaub gedüngt werden konnte, – und ich liebe die Blüte nur noch zur Hälfte, besonders wenn sie so künstlich aussieht, wie in diesem Augenblick. Ich erhalte sie und pflege sie eigentlich nur nach jener Lehre der römisch-katholischen Kirche, die da sagt, daß wir durch eine gute That unzählige Sünden zu sühnen vermögen. Alles dies werde ich Ihnen ein andermal erklären. Gute Nacht!«

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.