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Jane Eyre, die Waise von Lowood.

Charlotte Brontë: Jane Eyre, die Waise von Lowood. - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorCharlotte Brontë
titleJane Eyre, die Waise von Lowood.
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub1847
translatorMaria von Borch (1853 - 1895)
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon
senderwww.gaga.net
created20060420
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Zehntes Kapitel

Bis hierher habe ich jede Begebenheit meines unbedeutenden Daseins bis ins kleinste Detail geschildert; – den ersten zehn Jahren meines Lebens habe ich ebenso viele Kapitel gewidmet. – Es ist aber nicht meine Absicht, eine ordentliche Autobiographie zu schreiben; ich fühle mich nur verpflichtet, mein Gedächtnis zu befragen, wo seine Antworten bis zu einem gewissen Grade Interesse bieten können; darum übergehe ich einen Zeitraum von acht Jahren fast mit Stillschweigen; nur wenige Reihen sind notwendig, um die Verbindung aufrecht zu erhalten.

Als das typhöse Fieber seine Mission der Zerstörung in Lowood erfüllt hatte, verschwand es nach und nach von dort; aber nicht, bevor seine Heftigkeit und die Anzahl seiner Opfer die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten. Die Ursache dieser Geißel wurde genau untersucht, und so wurden mehrere Fakta entdeckt, welche die allgemeine öffentliche Empörung im höchsten Grade wachriefen. Die ungesunde Lage des Instituts; die Quantität und die Qualität der Nahrung, welche den Kindern verabreicht wurde; das schlechte, stinkende Wasser, welches bei der Zubereitung verwendet wurde; die elende, unzureichende Bekleidung der Schülerinnen – alle diese Dinge kamen ans Tageslicht, und die Entdeckung machte einen sehr beschämenden Eindruck für Mr. Brocklehurst, hatte aber eine wohlthätige Wirkung für das Institut. Mehrere wohlhabende und wohlwollende Leute in der Gegend zeichneten große Summen für den Aufbau eines passenderen Gebäudes in einer besseren Lage; neue Statuten wurden aufgestellt. Verbesserungen in Diät und Kleidung eingeführt; das Betriebskapital der Schule wurde der Verwaltung eines Komitees anvertraut. Mr. Brocklehurst, welcher seiner Familienverbindungen und seines Reichtums wegen nicht ganz übersehen werden konnte, behielt das Amt eines Kassenverwalters; aber bei der Erledigung seiner Pflichten standen ihm Herren von sympathischerer Sinnesart und humanerem Charakter zur Seite; auch sein Amt als Inspektor mußte er mit Leuten teilen, welche Strenge mit Vernunft, Komfort mit Sparsamkeit, Mitgefühl mit Gerechtigkeit zu paaren wußten. In solcher Gestalt verbessert, wurde sie mit der Zeit zu einer wahrhaft nützlichen und edlen Gründung. Ich blieb noch acht Jahre nach ihrer Renovation eine Bewohnerin ihrer Mauern: sechs Jahre als Schülerin und zwei als Lehrerin. In beiden Eigenschaften kann ich nur ihren großen Wert und ihre Wichtigkeit bezeugen.

Wahrend dieser acht Jahre war mein Leben außerordentlich einförmig; aber nicht unglücklich, weil es nicht unthätig war. Die Mittel, mir eine ausgezeichnete Erziehung anzueignen, waren mir an die Hand gegeben; eine Vorliebe für einige meiner Studien, der Wunsch, in allen das Höchste zu erreichen, verbunden mit dem innigen Wunsch, meine Lehrerinnen zu befriedigen, besonders jene, welche ich liebte: dies alles trieb mich vorwärts und daher benutzte ich in vollem Maße die Vorteile, welche sich mir darboten. Mit der Zeit stieg ich zum Range der ersten Schülerin in der ersten Klasse empor; dann wurde ich mit dem Amte einer Lehrerin betraut; dieser Pflichten entledigte ich mich während zweier Jahre. Doch nach Ablauf dieser Zeit wurde ich andern Sinnes.

Während all dieser Wechsel war Miß Temple Vorsteherin des Seminars geblieben; ihrem Unterricht verdankte ich den besten Teil meiner Kenntnisse; ihre Freundschaft und ihre Gesellschaft waren mein immerwährender Trost gewesen; sie hatte die Stelle einer Mutter bei mir vertreten, sie war meine Erzieherin und später meine Gefährtin gewesen. Um diese Zeit heiratete sie und zog mit ihrem Gatten – einem Geistlichen, der ein ausgezeichneter Mann und beinahe einer solchen Gattin würdig gewesen wäre – in eine entfernte Grafschaft; für mich war sie folglich verloren.

Seit dem Tage, wo sie uns verließ, war ich nicht mehr dieselbe; mit ihr war jedes Gefühl der Festigkeit, jede Gemeinschaft, die Lowood bis zu einem gewissen Grade zu meiner Heimat gemacht hatte, dahin. Ich hatte einiges von ihrer Natur, viele ihrer Gewohnheiten angenommen; harmonischere Gedanken, besser geregelte Empfindungen waren die Bewohner meiner Seele geworden. Ich hatte mich der Pflicht und der Ordnung unterworfen; ich war ruhig geworden; ich glaubte, daß ich zufrieden sei; den Augen anderer, oft sogar meinen eigenen, erschien ich ein wohldisziplinierter und fester, gezügelter Charakter.

Aber das Schicksal in Gestalt Sr. Ehrwürden des Herrn Nasmyth trat zwischen Miß Temple und mich; – ich sah sie kurz nach der Ceremonie der Trauung im Reisekleide in die Postchaise steigen; ich sah den Wagen den Hügel hinauf fahren und hinter diesem Hügel verschwinden. Dann ging ich auf mein Zimmer. Und dort verbrachte ich auch in Einsamkeit den größten Teil des halben Ferialtages, welchen man uns der feierlichen Gelegenheit zu Ehren gewährt hatte.

Viele Stunden lang ging ich im Zimmer auf und ab. Ich bildete mir ein, daß ich nur meinen Verlust betrauere und daran dächte, ihn zu ersetzen; als ich aber den Schluß meiner Reflexionen zog und aufsah und fand, daß der Nachmittag hingegangen und der Abend weit vorgeschritten sei, – da dämmerte eine andere Entdeckung vor mir auf: ich fühlte, daß ich in der Zwischenzeit einen transformierenden Prozeß durchgemacht habe; daß mein Gemüt abgestreift habe alles, was es von Miß Temple erborgt hatte – oder vielmehr, daß sie die reine Atmosphäre, welche ich in ihrer Nähe eingeatmet hatte, mit sich genommen habe, und daß ich jetzt in meinem eigenen natürlichen Element zurückgeblieben sei. Ich fühlte, wie die alten, wilden Gefühle wieder in mir erwachten, Es war nicht, als ob eine Stütze mir genommen sei, sondern vielmehr, als ob eine bewegende Kraft verloren gegangen; nicht als ob die Fähigkeit, ruhig und zufrieden zu sein, geschwunden sei, sondern als ob die Ursache zur Zufriedenheit dahin sei. Während vieler Jahre war Lowood meine ganze Welt gewesen; meine Erfahrung kannte nichts anderes als seine Vorschriften, sein System. Jetzt aber fiel mir ein, daß die Welt groß sei, und daß ein weites, wechselvolles Feld von Furcht und Hoffnung, von Bewegung und Anregung jene erwarte, welche genug Mut besäßen, auf diese Wahlstatt hinauszugehen, um wirkliche Lebenserfahrung und Kenntnis inmitten seiner Gefahren zu suchen.

Ich ging an das Fenster, öffnete es und blickte hinaus. Da lagen die beiden Flügel des Gebäudes, da war der Garten, dort die Grenze von Lowood, weit hinten der hügelige Horizont. Mein Auge schweifte über alle anderen Gegenstände fort, um an den entferntesten haften zubleiben: an den Gipfeln der Berge! Diese zu übersteigen sehnte ich mich; alles was innerhalb ihrer Grenzen von Felsen und Haide lag, schien mir Gefängnisboden, Grenzen des Exils. Ich verfolgte die weiße Landstraße, welche sich an dem Fuße eines Berges dahin zog und in einer Schlucht zwischen zwei Höhen verschwand, mit den Augen. Ach! wie gern wäre ich ihr noch weiter gefolgt! Ich erinnerte mich der Zeit, da ich in einer Postkutsche auf dieser selben Straße des Weges gekommen; ich erinnerte mich, wie ich in der Dämmerung jenen Hügel herunter gefahren; ein Menschenalter schien vergangen seit jenem Tage, der mich zuerst nach Lowood geführt – und nicht eine Stunde hatte ich es seitdem verlassen. Alle meine Ferien waren in der Schule dahin gegangen; Mrs. Reed hatte mich niemals wieder nach Gateshead kommen lassen und ebensowenig hatte sie oder irgend ein Mitglied ihrer Familie mich besucht. Weder durch Briefe noch durch mündliche Botschaft hatte ich einen Verkehr mit der Außenwelt aufrecht erhalten; Schulregeln, Schulpflichten, Schulgebräuche, Schulgedanken, Stimmen, Gesichter, Phrasen, Kostüme, Sympathieen und Antipathieen – das war alles, was ich vom Dasein kannte. Und jetzt empfand ich, daß dies nicht genug sei. In einem einzigen Nachmittage wurde ich des Schlendrians von acht Jahren müde! Ich ersehnte die Freiheit; ich lechzte nach Freiheit; um die Freiheit betete ich; der Wind, der sich leise erhob, schien das Gebet davon zu tragen. Dann gab ich die Freiheit auf und sprach einen demütigeren Wunsch aus: ich bat um Veränderung, um irgend ein Reizmittel. Aber auch diese Bitte schien sich in dem leeren Raum zu verlieren. »Dann,« rief in voller Verzweiflung aus, »dann sei mir wenigstens eine neue Dienstbarkeit gewährt!«

Hier rief mich eine Glocke, welche die Stunde des Abendessens verkündete, in das Refektorium hinunter.

Bis zur Zeit des Schlafengehens konnte ich meinen unterbrochenen Gedankengang nicht mehr aufnehmen; selbst dann hielt mich noch eine Lehrerin, welche das Zimmer mit mir teilte, durch einen Erguß kleinlichen, interesselosen Geschwätzes von dem Gegenstande fern, zu dem ich mich sehnte mit meinen Gedanken zurückkehren zu können. Wie wünschte ich, daß der Schlaf sie endlich zum Schweigen gebracht hätte! Mir war, als müßte mir irgend eine erfinderische Eingebung zur Hilfe kommen, wenn es mir nur möglich gewesen wäre, zu jenem Gedanken zurückzukehren, der meine Seele zuletzt beschäftigte, als ich am Fenster stand. Endlich schnarchte Miß Gryce; sie war eine schwerfällige Walliserin, und bis jetzt hatte ich ihre gewöhnlichen nasalen Töne in keinem anderen Lichte betrachtet, als in dem einer Belästigung; heute Abend aber begrüßte ich die ersten tiefen Noten mit innerster Befriedigung; ich brauchte keine Unterbrechung mehr zu fürchten; meine halbverlöschten Gedanken belebten sich von neuem.

»Eine neue Dienstbarkeit! Darin liegt etwas,« sagte ich zu mir selbst, (natürlich nur im Geiste, wohlverstanden, denn ich sprach nicht laut). »Ich weiß, daß es so ist, denn es klingt nicht allzu süß; es klingt nicht wie die Worte Freiheit, Aufregung, Genuß – – prächtige Laute in der That; aber für mich doch nichts als Laute; und so hohl, so flüchtig, daß es wahre Zeitverschwendung ist, ihnen nur zu lauschen. Aber Dienstbarkeit! Das ist eine Thatsache! Jeder kann dienen! Ich habe hier acht Jahre gedient; und jetzt wünsche ich ja nichts weiter, als anderswo dienen zu können. Kann ich meinen eigenen Willen denn nicht wenigstens so weit durchsetzen? Ist die Sache denn nicht thunlich? Ja – ja – das Ende ist nicht so schwer, wenn mein Gehirn nur thätig genug wäre, um die Mittel, es zu erreichen, aufspüren zu können.«

Ich saß aufrecht im Bette, um mein vorerwähntes Hirn zur Thätigkeit anzuspornen; es war eine frostige Nacht; ich bedeckte meine Schultern mit einem Shawl und dann fing ich wieder mit allen Kräften an zu denken.

»Was wünsche ich denn eigentlich? Eine neue Stelle, in einem neuen Hause, unter neuen Gesichtern, unter neuen Verhältnissen. Dies wünsche ich, weil es nichts nützt, etwas Besseres, Größeres zu wünschen. Wie machen die Leute es nun, um eine neue Stelle zu bekommen? Sie wenden sich an ihre Freunde, wie ich vermute, – ich habe keine Freunde. Es giebt aber noch viele Menschen, die keine Freunde haben und sich selbst umsehen müssen und sich selbst helfen. Welches sind denn nun ihre Hilfsquellen?« Ja, das wußte ich nicht; niemand konnte mir antworten. Deshalb befahl ich meinem Hirn, eine Antwort zu finden, und zwar so schnell wie möglich. Es arbeitete schneller und schneller; ich fühlte die Pulse in meinem Kopf und meinen Adern klopfen; aber fast eine Stunde lang arbeitete es in einem Chaos, und all seine Anstrengungen hatten keinen Erfolg. Fieberhaft erregt durch die nutzlose Arbeit erhob ich mich wieder und ging einigemal im Zimmer auf und nieder; zog den Vorhang zurück, blickte hinauf zu den Sternen, zitterte vor Kälte und kroch wieder in mein Bett.

Während meines Umherwanderns hatte eine gütige Fee gewiß den erflehten Rat auf mein Kopfkissen niedergelegt, denn als ich wieder lag, kam er ruhig und natürlich in meinen Sinn: – »Leute, welche Stellungen suchen, kündigen es an; du mußt es im –shire Herald ankündigen.«

»Aber wie? Ich weiß nichts von Zeitungsannoncen.«

Schnell und wie von selbst kamen die Antworten jetzt:

»Du mußt die Annonce und das Geld für dieselbe an den Herausgeber des Herald einschicken; bei der ersten Gelegenheit, die sich dir darbietet, mußt du die Sendung in Lowton auf die Post geben; die Antwort muß an J.E. an das dortige Postamt geschickt werden; eine Woche nachdem du deinen Brief abgesandt, kannst du hingehen und dich erkundigen, ob irgend eine Antwort eingetroffen ist; daraufhin hast du zu handeln.«

Zwei-, dreimal überdachte ich diesen Plan; jetzt hatte ich ihn genügsam verdaut, ich hatte ihn in eine klare, praktische Form gefaßt; jetzt war ich zufrieden und fiel in tiefen Schlaf.

Mit Tagesanbruch war ich auf. Ehe noch die Glocke ertönte, welche die ganze Schule weckte, hatte ich meine Annonce geschrieben, couvertiert und adressiert; sie lautete folgendermaßen: »Eine junge Dame, welche im Lehren geübt ist (war ich denn nicht zwei Jahre lang Lehrerin gewesen?) wünscht eine Stellung in einer Familie zu finden, wo die Kinder unter vierzehn Jahren sind (da ich selbst kaum achtzehn Jahre alt war, hielt ich es nicht für ratsam, die Erziehung von Schülern zu übernehmen, welche meinem eigenen Alter näher waren). Sie ist befähigt in den gewöhnlichen Zweigen, welche zu einer guten, englischen Erziehung gehören, zu unterrichten, ebenso im Französischen, im Zeichnen und in der Musik.« (In jenen Tagen, mein lieber Leser, war dies Verzeichnis, welches heute allerdings sehr unzureichend sein würde, ein sehr umfassendes.) »Gefällige Adressen sind an J. E. poste restante Lowton, –shire zu richten.«

Während des ganzen Tages lag dieses Dokument in meiner Schieblade verschlossen; nach dem Thee bat ich die neue Vorsteherin um die Erlaubnis nach Lowton gehen zu dürfen, wo ich einige Kommissionen für mich und zwei meiner Mitlehrerinnen zu machen hatte. Die Erlaubnis wurde mir gern gewährt. Ich ging. Der Weg war zwei Meilen lang; es war ein feuchter Abend, aber die Tage waren noch lang; ich ging in zwei, drei Läden, warf meinen Brief in den Briefkasten und kam in strömendem Regen mit durchnäßten Kleidern aber mit leichtem Herzen zurück.

Die jetzt folgende Woche schien endlos lang. Wie alle Dinge dieser Welt nahm sie aber auch ein Ende, und an einem herrlichen Herbstabende befand ich mich abermals zu Fuß unterwegs nach Lowton. Und nebenbei erwähnt, es war ein pittoresker Weg, der an dem Waldbach und den herrlichsten Windungen des Thals entlang führte; aber an diesem Tage dachte ich nur an die Briefe, die mich in dem kleinen Marktflecken erwarteten oder nicht erwarteten, nicht an die Reize von Berg und Thal.

Mein ostensibler Vorwand bei dieser Gelegenheit war gewesen, mir das Maß zu einem Paar Schuhe nehmen zu lassen; folglich machte ich dieses Geschäft zuerst ab, und nachdem es erledigt, ging ich aus dem Laden des Schuhmachers quer über die kleine, reinliche Straße in das Postbureau. Eine alte Dame verwaltete dasselbe; sie trug eine Hornbrille auf der Nase und schwarze gestrickte Pulswärmer an den Händen,

»Sind irgend welche Briefe für J.E. angelangt?« fragte ich, mir ein Herz fassend.

Sie blickte mich über ihre Brille forschend an; dann öffnete sie eine Schieblade und wühlte so lange zwischen dem Inhalt derselben umher, daß meine Hoffnung zu schwinden begann. Endlich, nachdem sie ein Dokument mindestens fünf Minuten lang vor ihre Augengläser gehalten hatte, reichte sie es mir durch den Postschalter hin, indem sie diese That zugleich mit einem zweiten fragenden und mißtrauischen Blicke betrachtete – – der Brief war an J.E. adressiert.

»Ist nur ein einziger da?« fragte ich.

»Es sind keine weiteren da,« sagte sie; ich schob ihn in die Tasche und machte mich auf den Nachhauseweg. Jetzt konnte ich ihn nicht öffnen; die Hausregel verpflichtete mich, um acht Uhr zurück zu sein, und es war bereits halb acht.

Bei meiner Heimkehr harrte meiner die Erfüllung verschiedener Pflichten; ich hatte die Mädchen während ihrer Arbeitsstunde zu überwachen; dann war an mir die Reihe, das Gebet zu lesen; darauf zu sehen, daß die Schülerinnen schlafen gingen – und dann nahm ich das Abendessen mit den anderen Lehrerinnen ein. Selbst als wir uns endlich für die Nacht zurückzogen, war die unvermeidliche Miß Gryce noch meine Gefährtin. Die Kerze in unserem Leuchter war fast herabgebrannt – und ich fürchtete, daß Miß Gryce sprechen würde, bis das Licht verlöschen würde; glücklicherweise übte aber das substantielle Mahl, welches sie zu sich genommen, eine einschläfernde Wirkung, Sie schnarchte bereits, als ich mich noch nicht entkleidet hatte. Noch war ein Zolllang Kerze vorhanden – ich zog meinen Brief hervor, – das Siegel trug den Anfangsbuchstaben F – ich erbrach es, der Inhalt war kurz.

»Wenn J.E., welche am letzten Donnerstag eine Annonce in den –shire Herald rücken ließ, die aufgezählten Fähigkeiten besitzt und wenn sie in der Lage ist, genügende Referenzen über Charakter und Wirkungskreis geben zu können, so wird ihr eine Stellung geboten, wo der Gehalt sich auf dreißig Pfund Sterling im Jahr beläuft, und sie nur ein kleines Mädchen unter zehn Jahren zu unterrichten hat. – J.E. wird gebeten, Referenzen, Namen, Adresse und alles Nähere einzusenden unter der Adresse:

»Mrs. Fairfax, Thornfield bei Millcote – shire

Lange prüfte ich das Schriftstück; die Handschrift war altmodisch und ziemlich unsicher, wie die einer alten Frau. Dies war ein beruhigender Umstand, denn eine heimliche Furcht hatte mich gequält, daß ich durch dieses eigenmächtige Handeln, ohne irgend eines Menschen Rat eingeholt zu haben, ins Unheil geraten würde; und vor allen Dingen wünschte ich doch auch, daß das Resultat meiner Bemühungen anständig passend, mit einem Worte en règle sein solle. Jetzt fühlte ich, daß eine ältere Dame durchaus keine schlechte Ingredienz für die Sache sei, welche ich so selbständig in die Hand genommen. Mrs. Fairfax! Ich sah sie in einem schwarzen Kleide und in der Witwenhaube; vielleicht etwas steif – aber nicht unhöflich: ein Muster der ältlichen, englischen Respektabilität. Thornfield! das war ohne Zweifel der Name ihrer Besitzung, gewiß ein sauberes, ordentliches Fleckchen Erde; obgleich es mir trotz der größten Anstrengung nicht gelang mir ein korrektes Bild des ganzen Grundstücks zu machen, Millcote, –shire! ich frischte meine Erinnerung an die Karte von England auf; ja, da lagen sie vor mir, die Grafschaft sowohl wie die Stadt. –shire war London um siebzig Meilen näher, als die entlegene Grafschaft, in welcher ich jetzt lebte: das war schon eine große Empfehlung in meinen Augen. Ich sehnte mich dorthin, wo Leben und Bewegung war; Millcote war eine große Fabrikstadt am Ufer des A... gelegen, ein geschäftiger Ort ohne Zweifel; desto besser, das würde wenigstens eine gründliche Veränderung sein. Nicht daß meine Phantasie etwa bei dem Gedanken an hohe Fabrikschornsteine und Rauchwolken in Extase geraten wäre – »aber« folgerte ich weiter, »Thornfield liegt wahrscheinlich eine gute Strecke Wegs von der Stadt entfernt.«

Hier erlosch die Kerze; vollständige Dunkelheit herrschte, – ich schlief ein. Am folgenden Tage mußten neue Schritte gethan werden. Meine Pläne konnten nicht länger in der eigenen Brust verschlossen bleiben; um sie ihrer Ausführung näher zu bringen, mußte ich Mitteilung von ihnen machen. Nachdem ich bei der Vorsteherin des Instituts eine Audienz nachgesucht und erhalten hatte, teilte ich ihr während der Mittags-Erholungsstunde mit, daß ich Aussicht auf eine neue Stellung habe, in welcher der Gehalt das Doppelte von dem betragen würde, den ich jetzt erhielt, – in Lowood gab man mir nur fünfzehn Pfund Sterling jährlich – und bat sie, die Angelegenheit für mich bei Mr. Brocklehurst oder irgend einem anderen Mitgliede des Komitees zur Sprache zu bringen und sich vergewissern zu wollen, ob diese Herren gesonnen seien, Auskunft über mich zu geben. Sehr verbindlich willigte sie ein, in dieser Sache als Vermittlerin auftreten zu wollen. Am nächsten Tage trug sie Mr. Brocklehurst die Angelegenheit vor; dieser erwiderte, daß man an Mrs. Reed schreiben müsse, da diese meine natürliche Vormünderin sei. Infolgedessen ging eine Notiz an diese Dame ab, auf welche sie antwortete, daß ich ganz nach eigenem Ermessen handeln könne, da sie längst jede Einmischung in meine Angelegenheiten aufgegeben habe. Dieser Brief machte die Runde bei dem Komitee, und nach langer, wie es mir schien, sehr unnötiger Verzögerung, erhielt ich die Erlaubnis, meine Stellung zu verbessern, wenn die Gelegenheit sich dazu böte. Dieser Einwilligung folgte die Versicherung, daß man mir, da ich sowohl als Lehrerin wie als Schülerin mir die vollständige Zufriedenheit der Lehrerinnen in Lowood erworben, unverzüglich ein Zeugnis über Charakter wie über Fähigkeiten, das von allen Inspektoren der Anstalt unterzeichnet, zustellen würde.

Nach ungefähr einer Woche erhielt ich demzufolge das Zeugnis, schickte eine Abschrift desselben an Mrs. Fairfax, und erhielt die Antwort dieser Dame, welche besagte, daß sie zufrieden sei und mich binnen vierzehn Tagen in ihrem Hause erwarte, wo ich den Posten als Gouvernante antreten könne.

Jetzt war ich mit meinen Vorbereitungen beschäftigt; die vierzehn Tage gingen schnell dahin. Ich hatte keine große Garderobe, obgleich sie meinen Bedürfnissen vollkommen genügte. Der letzte Tag genügte, um meinen Koffer zu packen – denselben, welchen ich bereits vor acht Jahren von Gateshead gebracht hatte.

Die Kiste wurde geschnürt, die Adresse hinaufgenagelt. Nach einer halben Stunde sollte der Bote kommen, um sie nach Lowton mitzunehmen, wohin ich selbst mich am folgenden Morgen in früher Stunde begeben sollte, um mit der Post weiter zu fahren. Ich hatte mein schwarzwollenes Reisekleid sorgsam ausgebürstet, meinen Hut, Muff und meine Handschuhe zurecht gelegt; in allen Schiebladen nachgesucht, damit nichts zurückbliebe und jetzt, da ich nichts mehr zu thun hatte, setzte ich mich und versuchte mich auszuruhen. Doch das war unmöglich; obgleich ich während des ganzen Tages auf den Füßen gewesen, konnte ich jetzt doch nicht einen Augenblick Ruhe finden; ich war zu heftig erregt. Heute Abend schloß eine Phase meines Lebens ab; morgen begann eine andere; unmöglich in der Zwischenzeit zu schlafen. Fieberhaft mußte ich wachen, während der Übergang sich vollzog,

»Miß,« sagte ein Mädchen, welches mich in dem Korridor, wo ich wie ein geängstigter, ruheloser Geist auf- und abging, aufsuchte, »unten ist eine Person, die mit Ihnen sprechen möchte.«

»Ohne Zweifel der Bote,« dachte ich und lief ohne weitere Frage die Treppe hinunter. Ich ging an dem hintern Salon oder Wohnzimmer der Lehrerinnen vorbei, dessen Thür halb geöffnet war, um in die Küche zu gehen, als jemand aus dem Zimmer gestürzt kam.

»Sie ist's, wahrhaftig sie ist's! – Überall hätte ich sie wiedererkannt!« rief die Gestalt, die mich in meinem Laufe aufhielt und meine Hand ergriff.

Ich blickte auf. Vor mir stand eine Frau, gekleidet wie eine herrschaftliche Dienerin, matronenhaft, aber dennoch jung; sie war hübsch, schwarzes Haar, dunkle Augen, frische Gesichtsfarbe.

»Nun, wer ist's wohl?« fragte sie mit einem Lächeln und einer Stimme, die ich halb und halb erkannte; »aber Miß Jane, ich hoffe doch, daß Sie mich nicht ganz vergessen haben?«

Nach einer halben Minute umarmte und küßte ich sie voll Entzücken: »Bessie! Bessie! Bessie!« weiter konnte ich nichts hervorbringen; sie hingegen lachte bald, bald weinte sie; dann gingen wir zusammen ins Wohnzimmer. Am Kaminfeuer stand ein kleiner Bursche von ungefähr drei Jahren in schottischem Rock und Hosen.

»Das ist mein kleiner Junge,« sagte Bessie schnell.

»Du bist also verheiratet, Bessie?«

»Ja. Seit beinahe fünf Jahren mit Robert Leaven, dem Kutscher; außer dem Bobby dort habe ich noch ein kleines Mädchen, das Jane getauft ist,«

»Und du wohnst nicht mehr in Gateshead?«

»Ich wohne in der Pförtnerloge; der alte Portier ist fort.«

»Nun, und wie geht es allen dort? Du mußt mir alles erzählen, Bessie; aber nimm erst Platz; und du, Bobby, komm zu mir und setze dich auf meinen Schoß, willst du?« aber Bobby zog es vor, sich neben seine Mama zu stellen.

»Sie sind nicht sehr groß geworden, Miß Jane, und auch nicht sehr stark,« fuhr Mrs. Leaven fort. »Vermutlich hat man Sie hier in der Schule nicht allzu gut gehalten. Miß Reed ist mindestens einen Kopf größer als Sie, und Miß Georgiana ist gewiß zweimal so breit.«

»Georgiana ist wohl sehr hübsch geworden, Bessie?«

»Sehr hübsch. Im vorigen Winter ist sie mit ihrer Mama in London gewesen und dort hat jedermann sie bewundert; ein junger Lord hat sich in sie verliebt; aber seine Verwandten waren gegen die Heirat; und – was glauben Sie wohl? – er und Miß Georgiana verabredeten, miteinander davon zu laufen. Aber es kam an den Tag und sie wurden aufgehalten. Miß Reed hat die Sache entdeckt. Ich glaube, sie war neidisch. Und jetzt leben sie und ihre Schwester wie Hund und Katze miteinander; sie zanken und streiten unaufhörlich.«

»Nun, und was ist aus John Reed geworden?«

»Ach, er führt sich nicht so brav auf, wie seine Mutter es wohl wünschen könnte. Er war auf der Universität und wurde fortgejagt; dann wollten seine Onkel, daß er Advokat werden und die Rechte studieren sollte. Aber er ist ein so leichtsinniger junger Mensch, ich glaube, daß niemals viel aus ihm werden wird.«

»Wie sieht er aus?«

»Er ist sehr schlank. Einige Leute finden, daß er ein schöner junger Mann ist. Aber er hat so dicke, aufgeworfene Lippen.«

»Und Mrs. Reed?«

»Die gnädige Frau sieht im Gesicht dick und wohl genug aus, aber ich glaube nicht, daß sie sich im Gemüt wohl fühlt. Mr. Johns Betragen gefällt ihr nicht – er braucht sehr, sehr viel Geld.«

»Hat sie dich hergeschickt, Bessie?«

»Nein, in der That; aber ich habe schon so lange gewünscht, Sie zu sehen, und als ich hörte, daß ein Brief von Ihnen gekommen sei, und daß Sie in eine andere Gegend des Landes gehen wollten, dachte ich mir, daß ich mich auf die Reise machen müsse, um Sie noch einmal zu sehen, bevor Sie ganz außer meinem Bereich wären.«

»Und ich fürchte, Bessie, du siehst dich in deinen Erwartungen getäuscht.« Dies sagte ich wohl lachend, aber ich hatte bemerkt, daß Bessies Blicke, wenn sie auch achtungsvoll waren, in keiner Weise Bewunderung ausdrückten.

»Nein, Miß Jane, das nicht gerade; Sie sehen sehr fein aus; Sie sehen aus wie eine Dame, und mehr habe ich eigentlich nie von Ihnen erwartet. Als Kind waren Sie auch keine Schönheit.«

Ich mußte über Bessies offenherzige Antwort lächeln. Ich fühlte, daß sie treffend war, aber ich muß gestehen, daß ich doch nicht ganz unempfindlich gegen ihren Inhalt war. Mit achtzehn Jahren wünschen die meisten Menschen zu gefallen, und die Überzeugung, daß ihr Äußeres nicht geeignet ist, ihnen die Erfüllung dieses Wunsches zu verschaffen, bringt alles andere als Freudigkeit hervor.

»Aber ich vermute, daß Sie sehr gelehrt sind,« fuhr Bessie, wie um mich zu trösten fort. »Was können Sie denn alles? Können Sie Klavier spielen?«

»Ein wenig.«

Im Zimmer stand ein Instrument; Bessie ging hin und öffnete es; dann bat sie mich, ihr ein Stück vorzuspielen. Ich gab ihr ein paar Walzer zum besten und sie war entzückt.

»Die beiden Miß Reeds können nicht so gut spielen!« sagte sie triumphierend. »Ich habe ja immer gesagt, daß Sie sie im Lernen übertreffen würden. Können Sie auch zeichnen?«

»Dort über dem Kamin hängt eine von meinen Zeichnungen.« Es war eine Landschaft in Wasserfarben, welche ich der Vorsteherin aus Dankbarkeit für ihre liebenswürdige Vermittelung bei dem Komitee geschenkt hatte, und die sie unter Glas und Rahmen hatte bringen lassen.

»Aber das ist wirklich schön, Miß Jane! Der Zeichenlehrer der Miß Reeds könnte es auch nicht schöner gemalt haben; von den jungen Damen selbst will ich schon gar nicht reden. Denen könnte es bald jemand nachmachen. Haben Sie auch Französisch gelernt?«

»Ja, Bessie; ich kann es lesen und auch sprechen.«

»Und können Sie auch sticken und nähen?«

»Gewiß, das kann ich.«

»O, Sie sind ja eine ganze Dame geworden, Miß Jane! Das habe ich mir immer gedacht. Ihnen wird es immer gut gehen, ob Ihre Verwandten sich um Sie kümmern oder nicht. Ich wollte Sie noch um etwas befragen. – Haben Sie jemals von den Verwandten Ihres Vaters, den Eyres etwas gehört?«

»Nein, in meinem ganzen Leben nicht.«

»Nun, Sie wissen ja, Mrs. Reed hat immer gesagt, daß sie arm und ganz gemein wären; möglich, daß sie arm sind, aber ganz gewiß sind sie ebenso fein wie die Reeds selbst; denn eines Tages vor beinahe sieben Jahren kam ein Mr. Eyre nach Gateshead und wünschte Sie zu sehen. Mrs. Reed sagte, daß Sie fünfzig Meilen weit in einer Schule seien; er schien sehr enttäuscht, denn er konnte nicht bleiben; er wollte auf eine Reise in ein fremdes Land gehen, und das Schiff sollte schon in zwei, drei Tagen von London abgehen. Er sah aus wie ein Gentleman, und ich glaube, daß er Ihres Vaters Bruder war.«

»Nach welchem fremden Lande ging er, Bessie?«

»Nach einer Insel, die viele tausend Meilen entfernt ist, wo sie Wein machen – der Kellermeister hat mir das gesagt.«

»Nach Madeira vermutlich?«

»Ja, ja, das war's, so hieß sie.«

»Und dann ging er wieder fort?«

»Ja. Er blieb nicht viele Minuten im Hause, Mrs. Reed war sehr von oben herab mit ihm. Nachher sagte sie von ihm, er sei ein »armseliger Handelsmann«. Mein Robert glaubt, daß er ein Weinhändler war.«

»Sehr wahrscheinlich,« entgegnete ich, »oder vielleicht der Commis oder der Agent eines Weinhändlers.«

Noch eine ganze Stunde lang sprachen Bessie und ich von alten Zeiten, und dann war sie gezwungen, mich zu verlassen. Als ich am nächsten Morgen in Lowton auf die Postkutsche wartete, sah ich sie noch für einige Minuten wieder. Schließlich trennten wir uns vor der Thür des »Wappens von Brocklehurst« daselbst; jede zog dann ihre Straße; sie begab sich auf den Gipfel des Lowood-Felsens, wo der Wagen vorüber kam, der sie nach Gateshead zurückführen sollte; ich bestieg das Gefährt, das mich in die unbekannte Gegend von Millcote brachte, einem neuen Leben und neuen Pflichten entgegen.

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