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Jakob van der Nees. Dritter Theil. Floripes

Henriette Paalzow: Jakob van der Nees. Dritter Theil. Floripes - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorHenriette Paalzow
titleJakob van der Nees. Dritter Theil. Floripes
publisherJosef Max und Komp.
year1844
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150529
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Um das Jahr 1649 kehren wir nach Amsterdam in das alte Purmurandsche Haus zurück.

Der Frühling belaubte so eben mit zarten, lichten Blättern die alte Linde, unter deren Schatten wir Angela's Mutter, die unglückliche Brigitta van der Gröneveld verließen. War es das in Ehren gehaltene Andenken an diese stille Bewohnerin des Lusthofes, war es die Gewohnheit Aller sich um sie zu versammeln – genug, der kleine Raum zeigte, daß er eine stete Aufmerksamleit und Pflege genossen hatte. Die Garten-Anlagen waren empor gewachsen, hatten sich verbessert und durch schönere Blumen vermehrt. Der Einfluß von außen war über diese einst so wohlbewahrte Schwelle eingedrungen, er war nicht abzuwehren oder wieder zu vertreiben, welche Zuckungen des Widerstandes er auch nach innen erregen mochte, welche Einschränkungen er auch erleiden mußte.

Sieben Jahre hatten an der kleinen Behaglichkeit dieses Platzes geschaffen, die der stillen Schöpferin eine Annäherung schien an die Fürstenräume ihrer Verwandten; und es hatte sich in ihr seit der Geburt ihres Töchterchens ein oft ängstlicher Eifer gezeigt, alles Angenehme zu erhalten und zu vermehren. Sie hatte sogar einen Streit mit Nees nicht gescheut, in dem alle Wunden aufgebrochen waren, und er bei dieser Gelegenheit zu seinem Nachdenken und zu seiner großen Verlegenheit erfahren hatte, daß die stille Frau, die ihm ohne allen Vorwurf zur Seite blieb, doch um keinen Preis der Erde eine eben so entwürdigte Jugend, als die ihrige es gewesen, über diese Tochter verhängt wissen wollte. Sie hatte ihm gedroht, daß im Fall Nees sich hierbei hinderlich zeigen werde, sie entschlossen sei, den Schutz und die Hülfe ihrer Verwandten gegen ihn aufzurufen.

Obwohl dies nun sicher das wirksamste Mittel war, auf die Böswilligkeit Jakob's Einfluß zu gewinnen, da er vollendet feig' vor jeder Drohung zusammen kroch, hatte doch Angela von Glück zu sagen, daß ihr in Nees selbst ein Beistand erweckt ward, nämlich seine leidenschaftliche Liebe zu diesem Kinde, das ihn gegen Willen und Vorsatz tausend Niederlagen erleben ließ.

Gott hatte in diesem düstern, traurigen Winkel der Erde, wo neben den verächtlichsten Lastern eine Dulderin mit dem ewig fühlbaren Pfeil der Sehnsucht in der Brust lebte, ein Kind wie eine Blume aufblühen lassen, welches der erstaunten Mutter die eigene, unwiderruflich zerstörte Jugend mit allem Schmuck der Schönheit, mit allen Begabungen der Natur zurückbrachte. Indem dies reizende Geschöpf über den Urheber seines Lebens einen Sprung gemacht zu haben schien, und sein Blut wie ausgestoßen hatte, erkannte Angela mit erlaubtem Stolz und einer ehrerbietigen Dankbarkeit vor Gott, daß in ihrer eignen Veredlung die Kraft sich entwickelt habe, ihrer gekränkten Familie statt ihrer selbst ein Wesen übergeben zu können, in welchem sich die hohen Eigenschaften zweier erhabenen Familien, wie in einem würdigen Wohnsitz beisammen fanden.

»Ja! meine Sehnsucht nach Urica hat dich so schön gebildet,« sagte Angela oft in unbewußter Schwärmerei – »ja! du wirst in nichts deiner armen verwahrlosten Mutter gleichen; aber du wirst für sie ein Zeugniß ablegen, daß sie zu den edlen Familien gehört, von denen sie dir das Gepräge übertrug – und um deinetwillen wird man einst der armen Angela vergeben, ihren Namen durch eine solche Gemeinschaft befleckt zu haben!«

An dem Abend, wo wir uns in diesem Hause wiederfinden, zeigte sich das besondere Verhältniß dieses Kindes in einer kleinen Scene, die nur die Wiederholung ähnlicher Abendunterhaltungen schien. Wir hören eine Fiedel lustig streichen und dazwischen das Klappen kleiner Pantoffeln auf glattem Estrich. Auf dem Lusthof, wo dies vorgeht, sehen wir unter der Linde Angela auf dem Platz ihrer Mutter sitzen. Sie ist sehr hager geworden, sieht größer aus und hat eine blasse, kranke Farbe. An gute Kleider scheint sie jetzt gewöhnt; die Wahl der Farben und der Stoffe zeigen eigenes Urtheil nach bereits gemachten Erfahrungen und der gehörigen Bildung des Geschmacks. Gegenüber, an der mit Wein dick belaubten Wand, auf einem niedrigen eichenen Fußgestell hockt Nees. – Er hat sehr an Leibesstärke zugenommen und sein Gesicht ist egal kupferroth – er trägt eine schwarze verschobene, abgetragene Mütze – Kopfhaar und Bart spielen in's Weiße. Er ist wohlhabig gekleidet, aber im bloßen Wams, ohne Mantel. Gegen die Hausthür zu, sitzt Susa, die ebenfalls gealtert ist – sie spinnt mit einer jüngern Magd um die Wette. Etwas weiter sitzt ein dreizehn bis vierzehnjähriger Bursche platt auf der Erde und spielt lustige Tänze auf der Fiedel. Er ist der Laufbursche, das Lastthier Neesens – der unermüdliche Gehülfe aller Hülfebedürftigen des ganzen Hauses – Cassian – zur Abkürzung wird er Caas genannt, durchrennt auf Neesens Gebot ganz Amsterdam, schleppt ungebürliche Lasten, wohin man will, hilft im Packhof Güter und Ballen aller Art verpacken, er zimmert etwas und hat vom Schlosser was gelernt – er flickt auch alte Kleider von Nees, welche dieser dann, wenn Caas die Flecke ausgerieben hat, unter der Hand verkauft, denn er darf sie nicht mehr tragen, weil Floris nicht gern auf seinem Schooß sitzt, wenn er schlecht gekleidet ist.

Caas putzt auch Gemüse – reparirt die Spinnräder – versteht die Blumen zu warten und kann den Wein beschneiden. Singend, mit zwei Kloben Wachs unter den Füßen, bohnt er den alten Purmurandschen Saal, und Floris will stets dabei sein, um Thränen zu lachen, wenn Caas Schlittschuhe läuft beim Bohnen. Alles Spielzeug von Floris hat er in Aufsicht, bessert es aus und bemalt das, was er ihr aus einer gelegentlich bei Seite gebrachten, alten Kiste oder Latte selbst schneidet. Caas ist auch der Einzige, vor dem sich Floris etwas fürchtet, wenn sie ein Stück zerbricht oder beschädigt, denn er macht es nicht immer gleich wieder ganz, und schilt vorher und nachher etwas. Dabei ist Floris sein Abgott – und da er auch die Fiedel streichen kann, steht er vor Tagesanbruch auf, und weil Niemand seine gräßlich die Ohren zerreißenden Uebungen im Hause hören will, klettert er über die Mauer, setzt sich an einen angebundenen Kahn, und kratzt so lange auf seiner Fiedel umher, bis alle Hunde der Hinterhäuser sich im wüthenden Geheul vereinigen, und nun sich die kleinen Fenster öffnen, und Schelt- und Schimpfreden, nicht selten kleine Steine nach dem armen, fleißigen Virtuosen geworfen werden, und er endlich seufzend über die Mauer zurück klettert, und bei so viel Widerspruch erst nach langer Mühe einen Tanz zusammen streicht, nach dem Floris jauchzend vor Lust, am Abend auf dem Lusthofe tanzen kann.

Aber womit ließen sich auch seine musikalischen Entzückungen vergleichen, wenn er nun sich am Boden vor der Herrschaft sitzen fühlt, die Stücke spielend, die hinreichen, die kleinen Beine von Floris – diesen Liebling des ganzen Hauses – in Bewegung zu setzen. Kann er nicht sagen: ich bin der Schöpfer dieser Lust – muß er nicht oft so lange spielen, daß ihm der Schweiß vom Kopf herunter fließt – und schreit nicht Floris auf, als stoße sie sich an einen Stein, wenn er nur inne hält, um – als sein liebstes Manœuvre und größte Renommisterei, den großen Bogen mit einem großen Stück Kalophonium zu wichsen, was ihm ein Schiffer geschenkt, und was er immer fort vor Nees zu schützen hat, welcher es zu kostbar für ihn hält und es ihm wegzunehmen trachtet, um es zu verhandeln?

Aber Caas kennt sein Recht als Fiedeler; er hat es mit gehobenem Stolz gesehen, wie in den Schenken jede Musikbande ein oft kleineres Stück Kalophonium als er besitzt, an einen Bindfaden gebunden in die Runde gehen läßt – und er würde lieber hungern und Nees sein Brot verhandeln, als seinen größten Schatz, sein großes Stück Kalophonium!

Zwischen diesen grotesken Gestalten nun hüpft in der Mitte des Hofes, wo die glatten Fliesen liegen und das Abendlicht am längsten weilt, Floris, wie eine reizende Libelle unter farblosen Nachtvögeln.

Wer könnte denken, Floris gehöre zu diesen Eltern – wer könnte anders glauben, als daß ein bloßer Zufall dieses fremdartige Kind in diese Räume versetzt habe? Wir wollen sie beschreiben, wenn das möglich sein wird.

Floris gleicht in Wahrheit Urica so auffallend, daß sie ihre Tochter hätte sein können. Während sie tanzt, ist ein kleines Netz von blauer Seide und Silberdraht fast ganz über den Hinterkopf gefallen, und ein Wald von goldblonden Locken hat sich hervorgedrängt und tanzt ungehindert mit – sie ist von glänzend weißer Farbe, durchsichtig scheint das Blut in den Adern zu fließen, um das rundliche Gesichtchen mit einem leichten Roth anzuhauchen; sie zeigt immerfort die kleinen, weißen Zähne, und das Naschen darüber ist so gerade mit der Stirn verbunden, so zart und kindlich zwischen den herrlichen Augen stehend, daß man es so gern wie den lächelnden Mund geküßt haben würde – und all' diesen Reiz vergaß man doch leicht über die Augen – diese tiefblauen Augen mit langen, schwarzen Wimpern, die, an den Spitzen gebogen, den Eingang zu öffnen schienen für dies qroße, herrliche Auge – darüber dämmerte schon eine zarte Linie, die es verräth, daß die schönsten Augenbrauen künftig sich über ihnen wölben werden. Sie ist für ihr Alter, was nah' an das sechste Jahr kommt, nicht zu groß – aber wunderschön gerundet ist der ganze Körper, und nie sah man sie gehen, ein Sprung oder mehrere hintereinander – das schien die Federkraft dieser zarten Glieder zu bedingen. Beim Tanz hatte sie ihr, damals für so kleine Kinder selbst übliches, offenes Ermelkleid abgelegt; in dem Unterkleide und Mieder vom selben geblümten Seidenzitz, macht sie um so leichter ihre Sprünge – die Ermel des feinen, weißen Hemdchens sind aufgekrempt um den Oberarm, und die kleinen, weißen Schultern heben sich kaum an dem vollen Halse hervor. Vorzüglich prachtvoll, wenn auch weder geschmackvoll noch passend, sind aber zwei hochrothe Pantöffelchen mit Gold und Silber gestickt, mit denen sie so geschickt zu klappen weiß, daß dies eine Art Begleitung zur Fiedel wird. Mit dieser Geschicklichkeit weiß sie sich etwas, denn es ist die Belustigung der ganzen Gesellschaft.

Nees spannte beide Arme um die Knie und wiegte sich hin und her, während heiseres, dickes Lachen aus seinem offenen Munde drang; er konnte unter diesem Anblick sich so vergessen, daß seine bösen Neigungen aussetzten – man hätte ihn erst daran erinnern müssen, daß durch solche Sprünge viel abgenutzt würde – er mußte nachher wohl daran denken, aber mit einem Seufzer, als ergebe er sich in ein unabweisliches Schicksal.

Mit ineinander gedrückten Händen saß Angela gegenüber und verwandte wie Nees kein Auge von ihrem Liebling – ein seliges Lächeln spielte um ihren Mund, ihre Augen, die immer so groß und schön waren, erschienen in dem nun blassen und hageren Gesicht noch größer; jetzt leuchteten sie von dem einzigen Gefühl von Glück, was dieses arme Wesen je kennen gelernt hatte: von der seligsten Mutterfreude – wenn dies liebliche Kind seine phantastischen, selbst erfundenen Tänze aufführte, und auf diesem Boden unschuldiger Freiheit seinen ganzen Liebreiz entwickelte, dann fragte die lauschende Mutter diesen Bewegungen voll Seele und Phantasie die Geheimnisse der Zukunft ab – wie sich diese Anlagen heranreifend entwickeln würden, welch ein Platz ihrer Floris damit geschaffen werden würde – ob sie so schön, so edel und gut als Urica und Frau von Marseeven werden könne, und mit welchem Rechte sie einst, trotz des Namens van der Nees, unter ihren hohen Verwandten stehen werde?

Susa aber ließ den Faden auf dem Rädchen abspringen und den thätigen Fuß ruhen, wenn sie Floris tanzen sah, und wenn die muntere flamändische Magd freudig lachend dasselbe that, dann strafte sie kein Blick der fleißigen Susa – und Susa ward von keinem Lauerblick Neesens erreicht – Alle lagen, ein Jeder nach Art seiner Natur, unter dem Zauber von Floris kleinen Füßen, und indem dies Kind selbst seine größte Lust trieb, verbreitete es auch um sich her die größte Freude für die düsteren Bewohner des düsteren Hauses.

Nun hatte sie sich zum zweitenmale außer Athem getanzt, und lief dazwischen, um sich auszuruhen, in die Arme ihrer zärtlichen Mutter – und jetzt überredete sie diese besorgt, es sei genug, sie müsse nun bald schlafen gehen und vorher noch Milch und Abendbrot nehmen und Floris widerstand nur selten dieser gütigen Mutter, welche sich in die Wünsche des Kindes zu versetzen wußte, und nichts allzu schweres von ihr forderte.

Floris ging daher auch jetzt mit Behagen auf die Gedanken an das nahe Abendbrot ein und küßte die Mutter, und Nees sah von drüben herüber und klopfte mit einem Schlüssel auf die Fliesen und sagte: Nun, nun!

»Ja, ja! Papa, ich komme schon!« rief Floris – küßte noch einmal die Mutter und war in zwei Sprüngen hinüber über den Hof, um vor Nees stehen zu bleiben. Hier zog sie ihre zierlichen kleinen Mückenfüße aus den bunten Pantöffelchen und huschte in zwei kleine schwarze hinein, die vor Nees standen; dieser nahm aber die goldgestickten vom Boden, besah sie genau, ob etwas daran verdorben war, wischte sie sorgsam mit dem Schnupftuche ab und steckte sie in seine weiten Hosentaschen.

»Nicht wahr, Papa, es ist Alles heil dran?« sagte Floris, die voll gleicher Sorgfalt mit ihren Augen der Besichtigung ihrer Lieblinge gefolgt war – »und morgen giebst du sie mir wieder, wenn ich tanze und Caas spielt?«

»Oho,« sagte Nees, als ob er sich weigern würde, »alle Tage, das wäre mir was – da sollten sie wohl halten – was denkst du, kleine Närrin?«

»Nun,« sagte das verzogene Kind – »sind sie entzwei, so gehst du mit mir an die große Marktlade auf dem Damrack, wo die Vornehmen kaufen, da sind neue und was für schöne!«

»Ist das Ding behext?« rief Nees halb erschrocken, halb entzückt; denn wenn sie mit ihm sprach, wußte er sich oft nicht zu haben, weil er vor Wonne zerspringen wollte – und sie ihn doch oft ins Herz seiner innersten Leidenschaften traf, indem sie nach allem Schönen und Kostbaren Verlangen hatte und eine instinktartige Abneigung gegen alles Schlechte und Gemeine. Verzog sie nun vor ihm das Engelsgesicht zur Betrübniß, so hätte er sich ein Leid anthun mögen vor Herzensangst, und doch war es ihm oft, als feure sie ein Pistol auf ihn ab, wenn sie ihm ruhig die kostbarsten Dinge abforderte. Daß er in den meisten Fällen ihren Wünschen nachgab und selbst zu kostbaren Seltenheiten das Geld hergab, erboste ihn, so wie er Floris nicht mehr sah, auf's heftigste, und leider hatte Angela dann oft harte Scenen mit ihm zu überstehen, obwohl sie nie zu solchen Ausgaben die Veranlassung war, und stets von ihrem eignen, festen Nadelgelde das herstellte, was sie in diesem Hause einzurichten beschlossen hatte.

Es war traurig, mit welchen Listen Nees sich in solchen Fällen gegen ein Kind benahm, welches ihm alle Kraft zum Widerstande raubte, aber seine bösen Gelüste doch nur zurückdrängen, nicht ausrotten konnte. Er überredete sie nämlich, er habe, was sie ihn veranlaßt hatte zu kaufen, ihr nur geliehen, nicht geschenkt, und da das Kind von diesem Unterschiede wenig begriff und sehr erfreut blieb, daß der gute Papa es ihr lieh, so ward es ihm leicht, es ihr nach einiger Zeit wieder weg zu nehmen, und wenn ihm dies gelungen war, so versetzte es ihn in eine solche Schadenfreude, daß er das Opfer vergaß, mit dem er es herbeigeschafft hatte, denn entweder verwahrte er es in unergründlich versteckten Kisten und Koffern, oder er suchte es an Personen, die den Werth nicht kannten, um einen höheren Preis los zu werden, als er dafür gegeben.

Angela wußte das Alles, und leider hatte ihr Auge eine Schärfe erhalten, vor der die leiseste Wahrnehmung sogleich den versteckten Zusammenhang aufhellte. In diesem Hause kamen niemals Domestiken über vermißte Gegenstände in Verdacht, und obwohl dies zu den häufigsten Vorfällen gehörte, trat doch der umgekehrte Fall ein, daß die Hausfrau den Domestiken ihre Unruhe über fehlende Dinge auszureden suchte. – Nur einige Male hatte Nees, von dieser milden Weise Angela's, ihn zu schonen, zu noch größerer Bosheit verleitet, versucht, einen Verdacht auf die Diener zu werfen und einige brutale Anläufe gemacht, von ihrem Lohn oder Eigenthum zu erpressen; aber beide Male war er zu seiner großen Ueberraschung von Angela ins Geheim mit einem so beredten Zorn niedergedonnert worden – sie hatte ihm so genau anzugeben gewußt, daß er selbst der Dieb gewesen, und wann und wo er den Raub geborgen habe, daß dies fortan unterblieb oder sich nur in einem unbestimmten Grunzen oder Drohen ausdrückte. Darauf achtete Angela nicht, und Susa, welche bereits dasselbe ahnte, antwortete mit ihren verächtlichen Geberden, die sie noch immer für Nees bereit hatte, da die Abneigung Beider gegen einander sich in nichts verringert hatte.

Dessenungeachtet hatte Nees nicht allein die von ihm selbst zu bösen Täuschungen nur hergerichtete Ausstattung des Hauses nicht wieder, wie er beabsichtigt, zurücknehmen können, sondern er hatte zusehen müssen, wie Angela durch Urica's Freigebigkeit den Bestand des Hauses durch Anschaffung von Silber und werthvollen Gegenständen aller Art ohne große Nachfrage bei Nees vermehrte und ihn durch ruhigen Widerstand zwang, den anständigen Zustand des Hauses zu ertragen und sich dem Gebrauch standesmäßiger Geräthe zu unterziehen. So wie sie damals eine neue Hoffnung unter ihrem Herzen fühlte, betrieb sie diese Aufgabe mit einer religiösen Gewissenhaftigkeit, denn sie gelobte sich, ihre eigene schmachvolle Jugend immer warnend im Sinne behaltend, daß wenn Gott ihr den Seegen eines lebenden Kindes gewährte, es vor den entsetzlichen Drangsalen bewahrt bleiben solle, von denen sie das Opfer gewesen und welche sie so spät erst verstanden hatte. Sie gelobte sich, daß dies Kind in der frühen Gewöhnung des Wohlstandes erwachsen solle, um sich nicht, wie sie selbst, später zu jedem höheren Verhältniß unfähig erklären zu müssen.

Nun läßt sich nicht leugnen, daß damals die Ansichten über das, was ein Amsterdamer Bürger sich zuerkennen durfte, durch die Mittel der meisten sich so gesteigert hatte, daß sie bei weitem jede, auch die billigste, Anforderung ihres Standes überbot, und außerdem gewährte das vornehme Haus Marseeven mit seiner fürstlichen Einrichtung ein Vorbild, wogegen Vieles zurückbleiben mußte.

Aber Angela verfiel auch nicht in den Fehler, sich ein solches Vorbild zu nehmen, sie konnte selbst die frühen Gewohnheiten nie so gänzlich los werden, daß sie solche Verhältnisse für sich nur wünschenswerth oder anwendbar gefunden hätte; aber sie kennen zu lernen, an Frau von Marseeven den geschickten bequemen Gebrauch derselben bewundern zu können, bildete ihren Geschmack und gab ihr Sinn, die oft noch in der größten Roheit sich aufnöthigenden Mängel ihres eigenen Hauses zu bemerken.

Nees war durch Herrn von Marseeven gezwungen worden, vierteljährlich bei ihm eine vorgeschriebene Summe für seine Frau nieder zu legen, von der diese nach Belieben nehmen konnte und welche der gute Oberschulze mit großer Strenge eintrieb, da Nees kein Vierteljahr vorübergehen ließ, ohne Ausreden und Entschuldigungen zu finden, die ihn von Entrichtung des Ganzen oder der Hälfte entbinden sollten. Die Folge war freilich, daß Nees mit mehr Glück Angela die ebenfalls verbrieften Summen zur Erhaltung des Hauses abdingte und bei allen diesen Scenen seine Wildheit spielen ließ; aber trotz all diesem gelegentlichen Abbruch erschien sich doch Angela eine reiche Frau, und die Ausstattung ihres Hauses mußte danach fortschreiten und gewährte ihr in unschuldiger Nachahmung manchen Genuß, den sie verstehen lernte und jetzt um ihrer Tochter willen sorgfältig sich zu erhalten strebte.

Floripes war nun nicht allein der Liebling des ganzen Hauses, sondern aller Menschen, die sie sahen. Frau von Marseeven, welche um diese Zeit aufhörte, junge Kinder zu haben, behielt die volle Zärtlichkeit solcher Frauen dafür, und Floripes war ihr ein solcher Gegenstand der Freude und Liebe, daß sie oft in Versuchung kam, gegen dies fremde Kind schwächer, wie gegen ihre eignen zu sein.

Frau von Marseeven besuchte öfter Angela, als diese in das große von Fremden und Vornehmen stets besuchte Haus derselben gehen mochte; aber Angela ließ es zu, daß Floripes in der schönen Kutsche mit den vier Schimmeln in das herrliche bunte Haus fuhr, und dort ein Gegenstand der Liebe und Bewunderung, sich mit dem Glanz und der Schönheit dieses Hauses unterhielt und ihren Sinn dafür entwickelte und sich daran gewöhnte.

Früh zeigte sich schon dieser Sinn und ein angeborenes Geschick, sich in allen feineren Lebensgebräuchen bequem zu fühlen, dagegen bis zum unartigsten Widerspruch, von Allem verletzt zu werden, was roh, schmutzig, häßlich oder unbequem war. Wie sehr diese so leicht zum starren Egoismus führenden Neigungen nun auch das holde Wesen in Gefahr brachten, so war in ihr Herz dagegen ein Gewicht gelegt, was diese Gefahren ausglich – dies Kind, das den starrsten, mitleidlosesten Geizhals seinen Vater nannte, hatte das mitleidigste Herz für jeden Schmerz eines Andern, den leidenschaftlichsten Eifer, Jedem zu helfen, die rührendste Hingebung aller eignen Vortheile, um dies durchzusetzen. Zu den größten Versuchungen des armen Nees gehörte es ohne Zweifel, wenn er sich verführen ließ, mit ihr auszugehen. Denn obwohl es seinem Stolz schmeichelte, wenn die Vorübergehenden stehen blieben und das schöne Kind bewunderten, lief er doch wie auf Dornen mit ihr, denn sie blieb bei jedem Alten, Kranken, Hinfälligen stehen, jedes Kind war ihr Kamerad, und wehe Nees, wenn Einer von diesen ihn um eine Gabe ansprach – nie that er ihr genug, oder durfte sie ganz versagen; eine ungestillte Noth, eine versagte Hülfe tränkte diese schönen Augen gleich in Thränen – sie stürzte sich auf Nees, bereit, ihn zu plündern, und das einzige Mittel zu seiner Rettung, was er einst versucht hatte, nämlich auch die kleine elende Münze, die er beisteckte, zu Hause zu lassen, versuchte er nie wieder, denn Floripes war bei der Unmöglichkeit, einer armen Mutter mit zwei Kindern geben zu können, in solche Verzweiflung gerathen, daß sie sich weinend der armen Frau in die Arme gestürzt hatte, sie um Vergebung gebeten und ihr Schürzchen, ihren kleinen Mantel, Alles, was nur schnell los zu machen war, um die armen Kinder gedeckt hatte. Diese Scene, da Nees versuchte, zu widerstehen und mit Schreien und Toben, obwohl vergeblich, das Kind abzuhalten bestrebt war, hatte Menschen versammelt, Alle waren von Floripes gerührt, Alle schimpften auf Nees, daß der reiche Geizhals kein Geld wolle hergeben; die arme Frau bekam viel zusammen, denn Jeder gab der weinenden Floripes ein Scherflein, das sie dann mit sich stillenden Thränen ihr zusteckte.

Lange nachher ging Floripes nicht mit Nees hinaus, denn sie hatte was gegen den Papa auf der Straße, der nicht so gut sei wie der Papa im Hause, und dies war für Nees eine unbeschreiblich empfindliche Züchtigung, und dieser eine Fall mag für Viele erwähnt sein und das eigenthümliche Verhältniß bezeichnen.

Während Floripes ihre Pantöffelchen gewechselt hatte, war von Susa und der Magd eine kleine Tafel auf dem Hofe bereitet worden, worauf sich auf weißem Damast mit silbernen Bestecken und Schaalen und buntem Porzellan eine einfache aber reichliche Abendkost befand, während die Leute an dem Heerde im Hausflur von Susa ihren Antheil erhielten.

Nach dieser Erquickung kämpften die schönen Aeuglein des Kindes mit dem Schlaf und die sorgsame Mutter trug sie selbst hinauf nach ihrem Schlafzimmer, wo Floripes vor ihrem Bette ihr zierliches Lager bereitet war. –

Noch über den eben entschlafenen Engel gebogen, hörte sie den Klopfer am Hause und da Frau von Marseeven an Abenden, die sie frei hatte, gern bei Angela einsprach, überließ sie Susa die Aufsicht über das schlafende Kind und stieg in den Hausflur hinab.

Nees hatte sich schon zurückgezogen, denn er machte grobe Scherze hinter dem Rücken der Frau von Marseeven, da er fühlte, nie sich vor ihr mit einiger Würde behaupten zu können, und floh ihre Nähe, als ob er sie gering schätzte.

So fand Angela die geliebte, kindlich verehrte Muhme schon auf dem Platz unter der Linde ihrer harrend.

»Angela,« sagte die edle Frau nach herzlichen Begrüßungen – »ich bringe dir heut' viel Grüße und willkommene Nachrichten von unserer Muhme Urica! Doch mäßige deine Freude,« fuhr sie fort, als Angela entzückt zu fragen begann – »damit ich dir im Zusammenhange von ihrem Ergehen erzählen kann; denn Herr von Marseeven begehrt mich heute noch zu sehen, wenn er von dem Schöffenschmause kommt, ich habe also nicht viel Zeit.«

»Unsere letzten Nachrichten waren also aus Frankreich – du weißt, daß es dem armen Montrose nach seinen glänzenden Waffenthaten und vielleicht eben deshalb auferlegt war, nachdem der unglückliche König sich in die Mitte der englischen Armee versetzt sah, auf Befehl desselben die Waffen niederzulegen, und um dem gegen ihn erregten Mißtrauen zu entgehen und die Aufrichtigkeit des Königs zu bestätigen, sich entschließen mußte, sein geliebtes Vaterland zu verlassen. Er traf die Wahl nach Frankreich zu gehen und so war es Urica vergönnt, da sie heldenmüthig ihrem edlen Gemahl überall hin folgte, bei der unglücklichen Königin in Versailles zu sein, als die entsetzliche Nachricht von der Hinrichtung des Königs sie traf. Hier sind die Briefe, die Urica über diese schreckliche Zeit schrieb und die sie nicht früher abzusenden wagte, als jetzt aus Deutschland, wohin Montrose durch das Vertrauen und die hohe Bewunderung des deutschen Kaisers für seine außerordentlichen Talente berufen worden ist. Sie schildert mit ergreifender Wahrheit die Verzweiflung der Königin und ihren tiefen, nachhaltigen Kummer und wie sie es besonders unablässig bereut, ihren Gemahl verlassen zu haben, da es ihr das einzige ihrer würdige Loos erscheint, mit ihm den Märtyrertod gestorben zu sein. Dennoch fand sie in Urica's und Montrose's Nähe den ausreichendsten Trost und nie traf Letzteren von der edlen Frau ein Vorwurf, obwohl sie wußte, wie sehr er damals dazu beigetragen hatte, ihre Abreise zu bestimmen.«

»Doch die Hauptsache ist jetzt, daß Schottland gleich nach der Hinrichtung des Königs den Prinzen von Wales zum König Karl den Zweiten ausgerufen hat, und der Ritter Joseph Douglas mit diesem Beschluß im Haag angelangt ist, um dem jungen Könige dort die Vorschläge der Covenanters zu überbringen. Nun höre ich, daß damit Bedingungen verknüpft sind, die allerdings den jungen König in eine schwierige und nicht glückliche Lage versetzen. Er versammelt daher auf's schnellste die Getreuen seines Hauses, um sich mit ihnen zu berathen, ob er in so mangelhafte Anerbietungen eingehen soll oder nicht, und der Ritter Douglas sowohl, wie die ihm beigegebenen Herrn werden hingehalten, bis eine solche Berathung hat Statt finden können. – So höre nun was uns daraus erwächst – Montrose ist augenblicklich von seinem König zurückberufen und ihm die Oberfeldherrnstelle von Schottland verliehen worden. Jetzt sagt man, Montrose habe seine Stelle als Feldmarschall beim Kaiser niedergelegt, um sogleich alle seine Dienste dem Vaterlande weihen zu können und das Eine ist gewiß: wir dürfen ihn und Urica in kürzester Zeit in Holland erwarten!«

Angela erblaßte bei diesen Worten der guten Frau von Marseeven so auffallend, daß diese den Arm um sie schlang und die tief Erschütterte an sich zog – hier stürzte ein Strom von Thränen aus Angela's Augen und während sie die Hände rang, rief sie »Urica – meine Urica! Sie – sie soll ich wieder sehen – und mein Kind! meine Floris!« rief sie plötzlich wie neu belebt und richtete so dringend fragende Blicke auf die Frau von Marseeven, daß diese liebevoll sie errathend ausrief: »Wie wird Urica dies schöne Kind bewundern.«

»Glaubt ihr Muhme!« rief Angela, während die heftigste Gemüthsbewegung ihren Busen krampfhaft hob – »glaubt ihr, daß nichts an dem Kinde ist, was ihr Widerwillen – Erinnerungen erregen wird – daß sie dies Kind als ihre Verwandte anerkennen wird und vergessen, was damit zusammenhängt?«

»Zweifelt nicht, Muhme,« entgegnete diese, gerührt von der Herzensangst der armen Angela und auf's Neue erkennend, wie unvernarbt alle damals empfangenen Wunden diesem Herzen geschlagen waren – »zweifelt nicht, meine liebe Angela, sie wird sich so wie ich selbst über die Gerechtigkeit des Himmels freuen, die eine so schöne Ausgleichung für eure unverschuldeten Leiden an euer Herz legte.«

»Ja,« sagte Angela – »so denkt ihr, edle Muhme, die ihr stets milde waret, nie von so heftigem Widerwillen erschüttert, als meine schöne, glänzende Urica, in der viel Heftiges vorgehen kann, wie wir Alle erfahren!«

»O, trübe dir die Freude, nach der du dich so lange sehntest, nicht durch so schmerzliche Betrachtungen!« fuhr Frau von Marseeven fort – »du hast alle Ursach dem Herzen Uricas zu vertrauen, welches durch die Liebe – mich selbst überraschend – äußerst milde geworden ist – und denke doch nicht so gering von deinem holden Kinde, ich kann das gar nicht zugeben, daß du mir meinem Liebling nicht seine volle Gewalt über alle Herzen zugestehen willst – ich – ich würde es Urica nie verzeihen, wenn sie dies Kind nicht für den gelungensten Nachkommen unserer edlen Familie anerkennen wollte.«

»Ach!« rief Angela – »ich von meinem Kinde gering denken – o! nein, Muhme, ich nie – aber denkt an den Namen, den sie trägt, und den Urica so haßt und – der seither nicht durch andere schätzenswerthe Eigenschaften aus seiner Erniedrigung gehoben worden ist.«

»Verführe mich nicht zum Sprechen,« sagte Frau von Marseeven lächelnd – »aber das Eine will ich dir sagen, damit du siehst, wie Urica stets dein Schicksal im Auge behielt – sie war nicht umsonst an dem deutschen Kaiserhofe, und genoß die besondere Gunst des Kaisers. Mein Gemahl hat alle Familienpapiere über dich und deine Mutter hingeschickt, um Uricas Wünsche beim Kaiser zu unterstützen – aber still – still – ich bin eine Schwätzerin und mich tröstet bloß, daß du gar nicht verstehen wirst, was ich verrathen habe, und daß ich dich nun doch erst versichern muß, daß daraus die Liebe Uricas gegen dich und deine Tochter ersichtlich ist, daß du also nichts zu thun hast, als dich auf sie zu freuen!«

»Ach!« rief Angela – »das wird mir nur zu natürlich sein – und da ihr wirklich Recht habt, und ich nicht begreifen kann, was Urica mit mir und meinem Kinde vor dem Kaiser will, so will ich euch auf's Wort glauben, und will der Freude nicht wehren, die sich so mächtig in mir regt.«

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