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Jack und Bill

Friedrich Gerstäcker: Jack und Bill - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Walfischfänger und andere Seegeschichten
authorFriedrich Gerstäcker
year2000
publisherHusum Druck- und Verlagsgesellschaft
addressHusum
isbn3-88042-857-3
titleJack und Bill
pages115-140
created20000407
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Friedrich Gerstäcker

Jack und Bill

Es ist nun schon einige Zeit her, da lebten am Oldcastle-Kap in Wales zwei Brüder namens Jack und Bill Drygarn. Beide waren Seeleute, die sich seit ihrem achten Jahre auf Salzwasser umhergetrieben und nie viel nach dem festen Lande verlangt. Das Ufer betrachteten sie auch in der Tat, wie die meisten dieser Menschenklasse, nur als einen Platz, der dazu da sei, Wasser und frische Provisionen, besonders Rum, an Bord zu nehmen, und wo die Matrosen ihr auf See sauer genug verdientes Geld wieder rasch und fröhlich durchbringen könnten. Außerdem hielten sie es für das, was es für den Seemann auch wirklich gar nicht selten ist, nämlich für ihren schlimmsten Feind, und mochten nicht viel davon wissen.

Bill war zwei Jahre jünger als Jack, an Gesicht und Körper glichen sich aber die beiden so, dass sie schon oft für Zwillinge gehalten worden, und zuweilen selbst von ihren nächsten Bekannten verwechselt wurden. Ziemlich phlegmatischer Natur alle beide, hatten sie jedoch einander lieb und fuhren stets auf ein und demselben Schiff mitsammen, brachten mitsammen durch, was sie hatten, und ließen sich dann wieder ebenso ruhig und vergnügt zu neuer Reise anwerben. Machten es doch die anderen Matrosen ebenso.

So gut sie übrigens von der See dachten, so schlecht meinte es diese eine Zeit lang mit ihnen, und nachdem beide lange Jahre außerordentlich glücklich gefahren, änderte sich das plötzlich. Sie konnten keinen Fuß mehr an Bord eines Schiffes setzen, ohne dass es nicht irgendwo scheiterte oder strandete, oder wenigstens die Masten über Bord jagte und sonst schwere Havarie litt. Mit dem Leben kamen sie allerdings immer glücklich davon, aber sonst verloren sie auch auf mehreren Reisen hintereinander alles, was sie sich eben mit großer Müh und Anstrengung angeschafft, und mussten immer wieder von neuem, und zwar ganz von vorn, beginnen.

Seeleute sind alle ein wenig abergläubisch, und den beiden Brüdern kam zuletzt der Gedanke – der sich in diesem Fall auch wirklich entschuldigen ließ –, dass sie zum Unglück auf See ausersehen wären und die letzten Fatalitäten als wohlmeinende Warnung zu betrachten hätten: Salzwasser fortan zu meiden. Nur einen Versuch wollten sie noch machen, der eben über ihr künftiges Schicksal entscheiden sollte, und wie der ausfiel, danach wollten sie handeln. Der fiel übrigens sehr schlecht aus.

Sie gingen beide wieder in einer nach New York bestimmten Brigg von Pembroke aus in See, verloren gleich in der ersten Nacht beide Masten und Klüverbaum, und trieben endlich mit dem Wrack, nachdem sie dasselbe mit Pumpen noch vierundzwanzig Stunden flott gehalten, an dieselbe Küste wieder an, von der sie ausgelaufen.

Der Fingerzeig war denn doch zu deutlich, um ihn zu verachten, und Jack und Bill beschlossen jetzt, was schon seit einiger Zeit ihr Plan gewesen, zu bleiben, wo sie waren, das heißt auf festem Grund und Boden, und der See, wenigstens dem Fahren, zu entsagen. Dass sie nicht ganz von der See und dem, was dazu gehörte, Abschied nahmen, versteht sich wohl von selbst, wie hätten sie auch sonst wohl existieren wollen. Ihr ganzes Leben und Treiben war von Jugend auf viel zu eng damit verwachsen. Beides ließ sich aber auch leicht vereinigen, denn ein tüchtiger und ausgelernter Matrose ist auch meist immer ein geschickter Segelmacher, und so beschlossen denn Jack und Bill in Pembroke sich als Segelmacher zu etablieren. Dadurch blieben sie mit der See eng verbunden, hatten fortwährend mit allen dort einlaufenden Schiffen zu tun und – brauchten nicht selber mehr zu fahren.

Die Ausführung dieses Planes erforderte allerdings ein kleines Kapital, und beide Brüder waren ohne einen einzigen Penny. In Pembroke selber aber lebte eine alte Witwe, eine Mrs. Bellhope, mit einer einzigen Tochter, die einiges Vermögen besaß und den Brüdern gewogen war. Diese, die sie als rechtschaffene Matrosen kannte, entschloss sich, ihnen fünfundzwanzig Pfund vorzuschießen, mit denen sie recht gut beginnen konnten.

Alles ging vortrefflich. Die kleine Werkstätte war bald eingerichtet, und die beiden »jungen Leute« (Bill war dreißig und Jack zweiunddreißig Jahre alt) bekamen bald Arbeit genug. Nur eins fehlte ihnen noch – eine Häuslichkeit, und die mussten sie sich auf die eine oder die andere Art verschaffen. Matrosen sind nämlich nicht daran gewöhnt, sich ihre Lebensmittel selbst zu kochen – wenn sie sich auch ihre Betten selber machen und ihre Kleider eigenhändig ausbessern, ja auch wohl selber nähen. Für das Erstere sorgt unter allen Umständen der Koch, und einen solchen brauchten sie deshalb notwendig.

Einen wirklichen Koch konnten sie aber nicht bezahlen, und sie fielen deshalb auf den jedenfalls glücklichen Gedanken, dass einer von ihnen – welcher, bliebe sich ziemlich gleich – heiraten müsse. Bill schlug dabei vor, dass das Alter hierbei zu entscheiden habe, wer von ihnen diesen Schritt tun solle, Jack dagegen meinte, das Los müsse entscheiden, denn er sähe nicht ein, wie er gerade dazu käme, allein für den Koch zu sorgen.

Das Los entschied denn auch wirklich, aber nicht für Jack, sondern für den Jüngeren, der bei dem wichtigen Entscheid keine weitere Gemütsbewegung zeigte, als dass er sein erst halb verbrauchtes Priemchen Tabak wegwarf und sich ein frisches abschnitt, figürlich dadurch andeutend, dass er jetzt ein vollständig neues Leben beginnen müsse.

Wen er heiraten solle, darüber war bis jetzt zwischen ihnen noch kein Wort gewechselt. Nach stillschweigendem Übereinkommen konnte das aber niemand anderes sein als die Tochter der Witwe Bellhope, Polly, und zu der ging denn auch ohne weiteres Bill, bot ihr seine Hand an, wurde freundlich auf- und angenommen, und kehrte, nachdem er Polly einen tüchtigen Kuss gegeben, augenblicklich wieder nach Haus zurück, um die nun einmal notwendig gewordenen Anstalten zur Hochzeit zu treffen.

Diese war auf den Sonnabend vor den Osterfeiertagen bestimmt worden, und wurde denn auch mit alledem bei solchen Gelegenheiten üblichen und nicht üblichen Pomp vollzogen. Viel Poesie war eigentlich nicht dabei, Bill hatte deshalb auch nicht gewollt, dass die Hochzeit an einem Sonntag sei, da die Heirat doch eigentlich mit in das Geschäft gehöre und sonntags nicht gearbeitet würde. Nur einmal, gleich vor der Trauung, als sie die Braut in die Kirche führten, meinte Jack: »Eigentlich täte es ihm doch jetzt beinahe Leid, dass sie gelost hätten.« Als sie aber Ja gesagt und der Geistliche ihre Hände ineinander gelegt, versicherte er seinem Bruder. »Jetzt wär's ihm wieder lieb.«

An dem nämlichen Abend erhielten die beiden Brüder einen Brief von Wexford in Irland, dass ein Schiff dort eingelaufen sei, dessen Kapitän ihnen noch eine ziemliche Summe für Segel schulde und diese zu zahlen wünsche. Jack, als der am nächsten Tage noch nicht Beschäftigte, entschloss sich, mit einem gerade bei ihnen vor Anker und dorthin bestimmten Schoner hinüberzufahren und das Geld einzukassieren, schiffte sich am nächsten Morgen ein und versprach in spätestens drei oder vier Tagen wieder zurück zu sein. Es vergingen indessen sechs und acht Tage, und Jack ließ nichts wieder von sich hören.

Bill wurde zuletzt unruhig darüber. So lange war er in seinem ganzen Leben noch nicht von seinem Bruder getrennt gewesen, und die Summe, die jener holen sollte, ebenfalls keine Kleinigkeit für sie. Er beschloss also, selber hinüberzufahren und zu sehen, was aus ihm geworden, denn mit dem günstigen Westwind, der die letzten Tage geweht, hätte er recht gut von Wexford in vierundzwanzig Stunden herüberkommen können.

Gesagt, getan. Das Geschäft konnte er indessen recht gut seinem sehr zuverlässigen Altgesellen überlassen. Die Schwiegermutter ließ es sich überdies nicht nehmen, nach dem zu sehen was rechtens war, und am nächsten Morgen schiffte er sich in einem Küstenfahrer, der nach Wexford mit englischen Waren hinüberlief, ein, um seinen Bruder aufzusuchen.

Zu seinem Erstaunen hörte er in Wexford gar nichts von ihm. Allerdings hatte er das Geld bei dem Kapitän, der noch dort lag, erhoben, und dieser zeigte ihm die darüber ausgestellte Quittung – dann war er spurlos verschwunden.

Nur zwei Fälle blieben jetzt möglich. Einmal hatte an dem Abend ein kleines Segelboot mit zwei Mann das Ufer verlassen und war verunglückt. Den Eigentümer desselben, der ebenfalls mit ertrunken, kannte man; der andere sollte ein Fremder gewesen sein, und es blieb möglich, dass sein Geschick den armen Teufel hier ereilt. Dann aber war an dem nämlichen Abend ein Auswandererschiff nach New York in See gegangen, das noch spät abends mehrere Passagiere aufgenommen; und wen er darüber fragte, sprach sich dahin aus, Jack würde wohl das kleine Kapital genommen und damit nach der neuen Welt gegangen sein, um dort sein Glück rascher zu finden als im alten Vaterland.

Bill verwarf diesen Gedanken natürlich mit Entrüstung. Aber auch der andere Fall war ihm unwahrscheinlich, wenn allerdings möglich – dass sich Jack in einer solchen Nussschale von Fahrzeug der See ohne dringende Not anvertraut haben sollte. Das Wahrscheinlichste blieb immer, dass er, ohne weiter jemand etwas davon zu sagen, nach Waterford gegangen sei, um von dort mit dem Dampfboot nach Hause zurückzukehren, und nun schon lange gemütlich daheim sitze, während er ihn hier draußen suche. Gerade jetzt lag auch wieder eine amerikanische Barke in Wexford, die noch mehrere Passagiere in Waterford an Land zu setzen hatte. Auf der nahm er Passage, und weil sie noch einige Tage dort liegen blieb, amüsierte er sich indes ganz vortrefflich mit einigen da gefundenen alten Schiffskameraden. Nach drei Tagen erhielt er plötzlich Nachricht, dass die Barke abends sieben Uhr bei eintretender Ebbe segeln würde, und mit dem gerade günstig wehenden Wind konnte sie den Ort ihrer Bestimmung recht gut bis Tagesanbruch erreichen.

Bill ging an Bord und zwar, wie das alte Matrosen gewöhnlich tun, als Zwischendeckpassagier im Forecastle, das heißt, er aß mit den Leuten, mit denen er, als nicht der Mühe wert zu Koje zu gehen, die Nacht auf den verschiedenen Wachen verplauderte. Erst als sie dem Leuchtturm näher und näher kamen, und die Leute noch einiges aus dem Raum heraufholten, was mit an Land geschickt werden sollte, holte er sich seine kleine Tasche herauf, um, wenn das Boot abstieß, gleich fertig zu sein.

Irgendein kleiner geringfügiger Umstand, an und für sich nicht von der mindesten Bedeutung, hat oft Einfluss auf unser ganzes Leben und wirft unsere noch so vortrefflich berechneten Pläne über den Haufen. Hätte Bill die Tasche nicht unten im »Logis« liegen gehabt, wäre alles so gegangen, wie er dachte, und er selber wieder in kurzer Zeit zu Haus gewesen. So, als er im Dunkeln die schmale Treppe herauf und an Deck stieg und nach der Mitte des Fahrzeugs zu gehen wollte, wo das Boot niedergelassen werden sollte, stolperte er über den ausgeschobenen Lukendeckel, stürzte, ehe er sich halten konnte, in den Raum hinab, schlug mit dem Kopf an eine Kiste und blieb bewusstlos liegen.

Diese Luke wurde von den Leuten gleich darauf wieder zugelegt, und als das Boot niedergelassen ward, rief man vergebens nach dem plötzlich verschwundenen Passagier. Der rasch und heftig wachsende Wind ließ aber auch kein längeres Zögern zu – der fremde Seemann musste jedenfalls in der Dunkelheit über Bord gefallen sein, wo ihm doch nicht mehr zu helfen war, und die für Waterford bestimmten Passagiere, von denen einer Bill kannte und sich am vorigen Abend noch mit ihm unterhalten hatte, verließen das Schiff in der festen Überzeugung, dass der arme Teufel sein zeitiges Grab in den Wellen gefunden. Das Fliegende Eichhorn, wie die Barke hieß, brasste bald darauf die Segel wieder auf und flog mit trefflichem Wind seine Bahn entlang.

Der Morgen brach an und die Brise artete mit Sonnenaufgang in einen förmlichen Nordoststurm aus, der sie mit gerefften Segeln vor dem Wind elf oder zwölf Knoten die Stunde vorwärts jagte. Die Luken sollten wieder dichtgemacht werden, vorher aber brauchte der Koch noch Feuerholz aus dem untern Raum, und als ein paar von den Leuten hinabstiegen, fanden sie unten den armen Teufel von Passagier noch halb bewusstlos in seinem Blute liegen.

Bill wurde jetzt allerdings gleich an Deck und zur Koje gebracht und es geschah alles, was die Umstände erlaubten, ihn wieder zu sich zu bringen und zu pflegen, aber ihn jetzt an Land zu setzen, war unmöglich. Die See ging hoch und der Kapitän hätte nicht um irgendetwas die kostbare Brise versäumen mögen. Außerdem lag der Fremde in einem heftigen Fieber, und es blieb eben nichts weiter übrig als ihn mitzunehmen – nach New York.

Erst nach vier oder fünf Tagen, als sie schon lange weit draußen im Atlantischen Ozean und auf blauem Wasser schwammen, erholte sich Bill auch wirklich so weit, Rechenschaft von sich zu geben, wie er in den untern Raum gekommen, fand sich übrigens ungemein rasch in sein Schicksal, meinte, »es hätte einmal nicht anders sein sollen«, und ließ sich, da der Kapitän gerade knapp an Mannschaft war, mit Vergnügen als Matrose einschreiben, um seine Passage zu verdienen. In New York fand er ja bald Gelegenheit, wieder nach Hause zurückzukehren, und als er sich die Sache erst eine Weile überlegt hatte, schien es ihm sogar ganz recht zu sein, wieder einmal »ein Deck zu treten« und Masten und See über und um sich zu sehen, statt der »ewigen langweiligen Dächer und Häuser«. Das Seeblut stak ihm doch noch viel zu sehr in den Gliedern, es so leicht abzuschütteln, und nach Hause – »kam er noch immer zeitig genug«.

Von seiner Wunde, wie nur erst einmal das Fieber von ihm gewichen, erholte er sich ungemein rasch, und was seine häuslichen Verhältnisse betraf, so machte er sich derentwegen auch nicht die geringsten Sorgen. Jack war jedenfalls indessen lange wieder zu Hause angekommen, und seine Frau – ih nun, die musste sich schon die paar Monate trösten. Was hätte sie denn machen wollen, wenn sie einen Seemann geheiratet; die waren fortwährend auf dem Wasser, und nur dann und wann einmal acht oder vierzehn Tage zu Haus, und deren Frauen hielten es auch aus.

Nur eins genierte ihn im Anfang an Bord, obgleich er sich auch zuletzt daran gewöhnte: dass ihn der Steuermann und die Übrigen immer Jack statt Bill nannten. Zwischen den englischen und teilweise auch amerikanischen Matrosen ist es nämlich ein seit undenklichen Jahren eingeführter Brauch, alle, deren Namen sie nicht gleich wissen und die zum Seemannsstand gehören, Jack zu nennen. Wie man in Österreich jeden Fremden »Herr von« und in Leipzig »Doktor« nennt, so sagen die Matrosen untereinander Jack, und da der Name überhaupt so außerordentlich verbreitet ist, trafen sie noch nicht einmal so oft fehl. So lange Bill deshalb in seinem Fieber lag und doch schon, wenn er nicht starb, als zum Schiff gehörig betrachtet wurde, hieß er fortwährend, wenn von ihm geredet wurde, Jack, und zwar »der fremde Jack«, und als er wieder zu sich kam und Bill heißen wollte, ging das nicht mehr. Die Leute hatten sich daran gewöhnt und er blieb Jack nach wie vor.

»Hol's der Henker«, rief er dann zuletzt mit dem gewöhnlichen und allbekannten Seemannswitz, der vielleicht auch dem Namen Jack seinen Ursprung verdankt: »Es ist mir einerlei, wie ihr mich auch ruft – nur nicht zu spät zum Essen.«

Bill war früher, wie schon vorerwähnt, Matrose mit Leib und Seele gewesen, und es lässt sich denken, dass er sich bald wieder hinein und wohl in seiner altgewohnten Beschäftigung fand. Über die Trennung von seiner Frau hatte er sich schon lange getröstet, und lachte sogar manchmal, wenn er daran dachte, wie sie sich wohl den Kopf zerbrechen würde, wo er hingekommen und wann er zurückkehren würde. Am Ende war es noch gar kein so großes Unglück, dass er in das Loch gefallen, und jedenfalls hatte er bei der Gelegenheit doch wieder einmal tüchtig Salzwasser zu schmecken bekommen.

Nach einer Fahrt von neunundvierzig Tagen erreichten sie New York, und Bill bekam, was er unterwegs verdient, ausgezahlt. In der Erinnerung aber an die freie fröhliche Zeit, die er sonst verlebt, wenn er nach langer Seefahrt wieder zum ersten Male Land betrat, dachte er in dem Augenblick gar nicht an die Heimat und seine dortigen, ihm noch etwas neuen Pflichten, und jubelte mit den Kameraden Tag und Nacht durch, bis auch – was gar nicht so sehr lange dauerte – der letzte Cent verzehrt und sogar, nach echter Matrosenart, die Jacke versetzt war.

Damit hatte er den Gipfelpunkt seiner jetzigen Glückseligkeit erreicht, denn geborgt wird solchen Leuten nichts. Als aber der Rausch ausgeschlafen war, kratzte er sich doch hinter den Ohren und dachte zum ersten Mal ernstlich an die Rückfahrt, die er sich nun wieder als Matrose verschaffen musste. Umsonst hätte ihn natürlich kein Kapitän als Passagier mit hinübergenommen, hätte er selber als Passagier gehen wollen.

Bill sah sich deshalb rasch wieder nach einem Schiff um, auf dem er ein »birth« bekommen könne, fand aber zu seinem Schrecken, dass kein einziges passend für ihn im Hafen lag. Vier oder fünf waren allerdings nach England bestimmt, aber schon vollauf mit Mannschaft versehen, andere, von dort erst angekommen, blieben vielleicht vier bis sechs Wochen liegen, ehe sie ihre Fracht gelöscht und neue eingenommen hatten, und so lange konnte er doch unmöglich ohne Geld und in Hemdsärmeln in New York herumlaufen.

Ein einziges Schiff brauchte Leute und war nach England bestimmt, aber – über Rio Janeiro. Das verzögerte allerdings seine Rückkunft, doch blieb ihm in der Tat keine große Wahl. Der Kapitän, der schon segelfertig im Hafen lag, bot ihm Handgeld und Bill – ging an Bord.

Dass er aber so gewissermaßen von zu Hause fortschiffte, wo er doch eine Frau sitzen hatte, war ihm ein unbehagliches Gefühl, und er wollte wenigstens nicht gekannt sein. Der Name Jack, den ihm das Fliegende Eichhorn aufgezwungen, passte ihm jetzt insofern, als er inkognito reisen konnte, und er ließ sich als Jack Brown in die Schiffsbücher eintragen. Gern hätte er auch nach Hause geschrieben und die Seinigen wissen lassen wie es ihm ginge, aber – er konnte nicht schreiben, und einem Fremden mochte er die Geschichte auch nicht erzählen. Überdies drehte sich ja die Sache nur um sechs oder acht Wochen länger, und dann war er ja selber wieder zu Haus.

Das Schiff, eine englische Brigg, der Yorkshireman, ging schon am nächsten Morgen in See und kreuzte gegen ziemlich widrigen Wind nach Südost hinab. Es dauerte auch wirklich anderthalb Monate, bis sie nur die Passate erreichten, dann aber liefen sie mit Leesegeln und vor dem Wind den Hafen von Rio in vierzehn Tagen an, ankerten in der wundervollen Bai und löschten ihre für Rio mitgebrachte Fracht in kleine, zu dem Zweck langseitlegende »Lichter«.

Der Kapitän des Yorkshireman hatte nun allerdings darauf gerechnet, in Rio augenblicklich und gute Fracht nach England zu finden. Es lagen aber wenigstens sechs Schiffe im Hafen, die sämtlich keine Ladung zu anständigem Preis bekommen konnten, und einige hatten sich schon entschlossen, lieber in Ballast nach Haus zurückzukehren oder vielleicht Bahia oder Buenos Aires anzulaufen, als ein frisch einkommendes amerikanisches Schiff der ganzen Sache eine andere Wendung gab.

Gerade war nämlich die erste Nachricht von der kalifornischen Goldentdeckung in Amerika angelangt, und dies das erste Schiff, das dorthin mit Auswanderern um Kap Horn nach dem neuen El Dorado ging. Die Gerüchte, die von den Passagieren dieses Fahrzeugs in der Stadt verbreitet wurden, waren dabei so fabelhafter Art, dass besonders die Kaufleute ein wahrer Schwindel erfasste, und jeder jetzt Güter so rasch als möglich nach Kalifornien verschiffen wollte, um reine, solide Goldklumpen dafür einzutauschen. Die Kapitäne, die von ihren Reedern Vollmacht hatten, über ihre Schiffe zu verfügen, wie sie es für das Beste hielten, standen sich jetzt vortrefflich und akkordierten augenblicklich Fracht nach San Francisco. Unter diesen befand sich der Yorkshireman, und unserem Bill Drygarn oder Jack Brown, wie er sich genannt hatte, machte der Kapitän das Anerbieten, ihn, statt einer direkten Reise nach England, erst einmal nach San Francisco zu begleiten und dort, wenn er wolle, Gold zu graben. Er, der Kapitän, hätte selber Lust, einmal in die Minen zu gehen, wenn das Gold denn gar so dick dort oben herumliegen sollte.

Hier war auf einmal eine plötzliche Aussicht, reich – steinreich zu werden, und weiter nichts dazu nötig, als eine etwas längere Seefahrt. Und kam es denn, wo er nun doch einmal so lange von zu Haus entfernt war, jetzt auf die paar Monate an? – Paar Monate, ja der Teufel; mit ein paar Monaten mochte es, wie sich Bill heimlich selber gestand, wohl kaum abgetan sein, und eine Reise nach San Francisco und von da zurück nach England konnte immer acht bis zehn Monate fortnehmen. Vierzehn Tage musste er außerdem noch wenigstens darauf rechnen, eine Quantität Gold in den Minen zusammenzusuchen. Wenn er nur wenigstens hätte einen Brief nach Haus schicken können! Aber auch das schadete nichts; die Überraschung, wenn er, noch dazu mit einem tüchtigen Klumpen Gold, ganz plötzlich angerückt käme, wurde nachher um so größer, und sein Bruder und seine Frau sollten nicht wenig staunen.

Bill besann sich auch wirklich nicht lange; die Verlockung war zu groß, und ein Abend, den er mit einem Teil der Mannschaft des kalifornischen Schiffes verbrachte, festigte seinen Entschluss dermaßen, dass er jetzt die Zeit kaum erwarten konnte, wo sie nach dem Lande seiner heißen Sehnsucht aufbrechen sollten.

Außerordentlich lieb war es ihm jetzt übrigens, dass er den Namen Jack Brown angenommen hatte. Er schämte sich doch etwas, so weit von der Heimat fortzuziehen, und seine Frau – aber zum Henker, gerade für die ging er ja nach Kalifornien, um etwas Ordentliches zu verdienen und als reicher, angesehener Mann zurückzukommen. Lieber wäre es ihm freilich gewesen, wenn er Jack bei sich gehabt hätte.

Der Yorkshireman machte eine verhältnismäßig rasche Reise zum Kap Horn und erreichte das Goldland noch mitten in der ersten Gährung und Aufregung. Nicht allein die sämtliche Mannschaft brach denn auch, sowie der Anker niedergerasselt war, nach den Minen auf, das Schiff sich selbst und seinem Kapitän überlassend, sondern dieser hatte kaum seine Fracht und Ladung zu ziemlich guten Preisen untergebracht, als er mit seinen beiden Steuerleuten seine Kajüte zuschloss, die Luken vernagelte und ebenfalls in der kleinen Schiffsjolle durch die Bai und den Sacramento hinaufruderte.

Ich habe hier keinen Raum, das alles, was Bill im El Dorado erlebte, zu beschreiben. Leider hatte er aber mit seinem Goldsuchen ebenso wenig Glück wie mit seiner Passage, und hielt das wenige, das er fand, immer nicht des »Aufhebens« wert. Einmal musste er ja doch an einen tüchtigen Klumpen kommen. Fünf Monate suchte er danach, bis er es endlich in Verzweiflung aufgab, und mit vielleicht sechzig Dollar in der Tasche und ärgerlich über sich und die ganze Welt, vorzüglich aber über das verwünschte Kalifornien, wieder nach San Francisco zurückkehrte. Eine Möglichkeit bot sich ihm allerdings noch dort, seinen Gewinn in kurzer Zeit zu verzehn-, ja vielleicht zu verhundertfachen, wenn er nämlich sein Glück in einem der San Francisco-Spielsäle versuchte. Das tat er denn auch, verlor in etwa einer halben Stunde alles, was er sich in den fünf Monaten mühsam erarbeitet, und vermietete sich dann aus reiner Desperation noch an demselben Abend auf ein Schiff, das am nächsten Morgen den Hafen verließ und – nach Sidney bestimmt war.

Wieder ganz in das Matrosenleben hineingekommen, und doch einmal viele tausend Meilen von zu Haus entfernt, wo es auf ein paar Monate mehr oder weniger nicht ankommen konnte, gab er sich dem alten Beruf mit all der Gleichgültigkeit dieser Menschenklasse hin, schiffte sich in Sidney auf ein anderes, nach Manila bestimmtes Fahrzeug ein, ging von da nach China, von China nach Bombay, und fand erst dort wieder eine direkte Gelegenheit nach England, und zwar nach Liverpool, mit der er nun endlich in die Heimat zurückkehren konnte.

Darüber waren etwas über drei Jahre vergangen und Bill den heimischen Verhältnissen so entfremdet worden, dass ihm seine bis dahin erlebten Schicksale, und was davor lag, oft wie irgendein toller, wunderlicher Traum vorkamen, von dem er sich nicht einmal recht deutlich mehr besinnen konnte, was eigentlich echt und was nur Einbildung davon sei. Manchmal zweifelte er sogar daran, ob er denn auch wirklich verheiratet und durch eine wunderbare Kette von Umständen seiner Frau entführt worden sei, wonach er seiner Schwiegermutter, vor der er allen möglichen Respekt hatte, denn auch gar nichts anging, ob er jetzt wiederkam, oder gleich noch einmal nach irgendeiner andern Himmelsrichtung unter Segel ging.

Das gute Schiff verfolgte indessen wacker seine Bahn, und wieder im Sommer war es, als Jack Brown – welchen Namen er jetzt, solange er zur See fuhr, beibehalten – nach viermonatlicher Fahrt von Bombay aus, den St. Georgs-Kanal hinaufkreuzte. Zum ersten Mal, nach so langer Trennung, erblickte er hier wieder die Küste von Wales, konnte aber natürlich nicht gleich an Land, sondern musste erst mit dem Schiff, auf dem er sich verdingt, nach dem Ort seiner Bestimmung anlaufen. Erst wenn dort Anker geworfen und die Segel beschlagen waren, blieb es den Matrosen verstattet, das Schiff zu verlassen, dessen Kapitän dann zum Löschen der Fracht andere Leute nimmt.

Wunderbar war ihm zu Mute, als er in Liverpool zum ersten Mal wieder an Land trat. Einmal hatte er auch wirklich gar nicht übel Lust wieder, und noch einmal zu guter Letzt, in das alte Leben mit beiden Füßen zugleich hineinzuspringen, und seine Kameraden ließen es nicht an Aufforderung dazu fehlen. Aber das Gute, was noch in ihm steckte, siegte doch zuletzt, und wenn er auch, um nicht knickerig zu scheinen, ein paar Nächte mit ihnen durchtrank, behielt er doch noch immer Verstand und Geld genug übrig, um sich neue und anständige Kleider zu kaufen und seine Passage nach Pembroke mit der Eisenbahn zu zahlen.

Mit den alten, abgetragenen Kleidern hatte er denn auch den alten Menschen ausgezogen, und als er in Pembroke anlangte, schlug ihm das Herz nicht wenig in der Brust; wusste er doch nicht, wie er sein eigenes Haus nun wieder finden würde.

»Hol mich der Deuvel, Jack Drygarn – Junge, wo kommst du her?«, waren übrigens die ersten Worte, die ihn, wie er mit seinem Bündel unter dem Arm aus dem Waggon stieg, begrüßten. Er drehte sich rasch und erstaunt nach der Stimme um, und sah einen alten Schiffskameraden von sich und seinem Bruder, der ihn mit eingestemmten Armen und großen Augen betrachtete. »War's nicht hübsch in Amerika?«

Woher wusste der schon, dass er in Amerika gewesen war? Dass er Jack genannt wurde, fiel ihm übrigens gar nicht mehr auf, war er es doch die langen Jahre her gewohnt worden. Übrigens folgte er willig der Aufforderung des Freundes, mit ihm ins nächste Wirtshaus zu gehen und dort ein Glas auf glückliche Rückkehr zu trinken. War ihm doch die eigene Kehle von einer ganz unerklärlichen, ungewohnten Angst wie zugeschnürt, und ein Glas Grog unumgänglich nötig, dort Luft zu machen.

Zu gleicher Zeit suchte er aber auch etwas Näheres über die Seinen zu Haus zu hören, und hielt das eben gefüllte und schon gehobene Glas allerdings etwas erstaunt vor den Lippen fest, ohne zu trinken, als ihm sein Freund in aller Ruhe erzählte, dass »Bills Frau« wieder geheiratet habe und das Geschäft vortrefflich gehe.

Bills Frau? Alle Wetter, wer war er denn? Er trank jetzt erst einmal vor allen Dingen sein Glas aus, setzte es nieder und sagte dann, den Kameraden dabei von der Seite ansehend, ob der ihn vielleicht zum Besten habe:

»Wäre nicht übel, Bills Frau hat wieder geheiratet?«

»Nun ja«, lautete die ruhige Antwort des ebenfalls mit seinem Glas Beschäftigten. »Wessen Frau denn sonst?«

Jetzt erst fiel es Bill auf, dass ihn der andere mit Jack angeredet und also jedenfalls für seinen Bruder gehalten hatte. Aber war denn der auch nicht mehr in Pembroke? Ein eigenes wehes Gefühl schoss ihm durch's Herz, über das er sich selber noch keine ordentliche Rechenschaft geben konnte. – Er beschloss, jedenfalls erst selber nach Haus zu gehen und nachzusehen, wie die Sachen ständen, ehe er sich einem Fremden entdeckte. Dieser wollte allerdings etwas Näheres über ihn hören, wo er die ganze Zeit gesteckt und wie es ihm gegangen sei. Bill ließ sich aber auf nichts Derartiges ein, gab ausweichende Antworten, griff sein Bündel wieder auf, schüttelte ihm die Hand und eilte dann mit raschen Schritten die wohl bekannten Straßen entlang, dem eigenen Hause zu.

Eigenen Hause? – Wieder gab es ihm jenen Stich durchs Herz, und er wusste eigentlich selber kaum, weshalb er den Kopf beim Gehen niederbog und das Gesicht mit seinem Strohhut beschattete, dass ihn keiner seiner früheren Bekannten weiter anredete.

So erreichte er endlich den wohlbekannten Platz unten am Hafen, ein kleines, freundliches Häuschen mit der riesigen Firma, die noch immer seinen und seines Bruders Namen bildete. Nur einen Blick warf er aber in den untern Raum, in dem fünf oder sechs matrosenartige Burschen gar emsig an Segeltuch nähten und ein fremder Mann ihnen dabei Anweisung gab, und stieg gleich die wenigen Stufen hinan, die zur Haustür und der innern Wohnung führten, ergriff den Klopfer und – behielt ihn unschlüssig in der Hand. Nach dem, was ihm der Bekannte vorhin gesagt, wagte er wahrhaftig nicht einmal seine eigenen Räume zu betreten und beschloss, lieber erst einmal unten hinein in die Segelkammer oder Werkstätte zu gehen und zu sondieren – d. h. wenn er keinen Bekannten darin sah.

Rasch stieg er wieder die kurze Stiege hinunter und fand sich, nach einem flüchtigen, forschenden Blick in den Raum, glücklicherweise lauter Fremden gegenüber.

»Guten Morgen mitsammen«, sagte er, als er hineintrat und sein Bündel dabei in der Hand, seinen Hut auf dem Kopf behielt. »Könnt ich nicht einmal mit Jack Drygarn sprechen?«

»Guten Morgen«, sagte der ältere Mann, der hier die Oberaufsicht zu führen schien. »Jack Drygarn sucht Ihr? Ja, der ist nicht mehr in Pembroke.«

»Nicht mehr in Pembroke?«, rief Bill erstaunt. »Aber wo ist er denn und wem gehört denn hier das Geschäft?«

»Das Geschäft gehört mir«, sagte der Fremde, »und Jack Drygarn ist, soviel wir von ihm haben erfahren können, vor etwas über drei Jahren nach Amerika gegangen.«

»Nach Amerika?«, rief Bill erstaunt. »Hm, das ist doch wunderbar! Und was ist aus Bill geworden?«

»Ja, das ist eine unglückliche Geschichte«, meinte der Eigentümer der Werkstätte, mit den Achseln zuckend. »Bill ging hinüber nach Irland, wo Jack hatte Geld einkassieren sollen, um diesen zu suchen, und fiel nachts, als das Schiff an Waterford beilegen wollte, über Bord.«

»Über Bord?«

»Ja. Ein Passagier, der in Waterford an Land gesetzt wurde, brachte die Nachricht mit dorthin. Ihr seid wohl ein früherer Schiffskamerad von den beiden?«

»Beinah so was«, sagte Bill, der sich noch immer nicht von seinem Erstaunen erholen konnte. »Und Bills Frau?« setzte er dann hinzu, denn was nun kommen musste, wusste er, wie er fürchtete, schon mehr als zu gut.

»Nun, Bills Frau«, sagte der Mann, indem er sich auf das Fensterbrett setzte und sein rechtes Bein über das linke schlug, »wartete ihr gehöriges Trauerjahr ab, und wie das vorbei war, heiratete sie wieder, einen gewissen Henry Burton, und ihr Mann sitzt vor Euch.«

»Das ist nicht möglich«, rief Bill erschreckt, »Polly hat also wirklich –«

»Nicht möglich?«, sagte spöttisch der Mann. »Aber, mit Eurer Erlaubnis, doch wahr.«

»Mit meiner Erlaubnis?«

»Ja, wenn Ihr nichts dagegen habt«, lachte der Segelmacher.

»Hm? – Sonderbar«, brummte Bill vor sich hin, indem er sich hinter den Ohren kratzte.

»He?«, sagte da Pollys zweiter Mann, dem bei dem wunderlichen Betragen des Fremden ein eigener Gedanke aufstieg, indem er den Seemann lächelnd anschaute. »Ihr seid wohl gar ein alter Anbeter von Polly und habt gedacht, sie solle auf Euch warten, bis Ihr zurückkämet und um sie anhieltet?«

Bill sah den Mann überrascht an. Der Gedanke hatte aber doch so viel Komisches, dass er trotz seiner eben nicht heitern Stimmung darüber lachen musste.

»Beinahe könntet Ihr Recht haben«, erwiderte er dann, »und doch nicht so ganz. – Lebt die Schwiegermutter noch?«

»Meine Schwiegermutter? – Ja, gewiss. Kennt Ihr die auch?«

»Ich denke – wenn's Euch recht ist, werd ich einmal hinaufgehen und ihr einen guten Tag sagen.«

»Wird sich ungemein freuen, denk ich«, erwiderte der Mann ganz ernsthaft. »Geht nur voran, ich komme gleich nach, habe hier unten nur noch eine Kleinigkeit zu tun.«

Bill ging, ohne weiter etwas zu erwidern, hinaus und die Treppe hinauf, und achtete nicht darauf, dass die Gesellen hinter ihm zusammen lachten. Er ließ diesmal auch den Klopfer herzhaft auffallen, und als ihm ein Mädchen geöffnet und ihn, auf seine Frage nach der alten Dame, hinaufgewiesen hatte, stieg er langsam die Treppe hinan. Jetzt aber kam es ihm wirklich so vor, als ob er unter jedem Fuß eine zolldicke Bleisohle habe, so schwer wurden ihm die Füße, und auf der letzten Stufe musste er stehen bleiben und frisch Atem schöpfen. Endlich klopfte er an.

Die alte Dame, die schon auf der Treppe jemand fremdes gehört, öffnete die Stubentür, sah ihn an, stieß einen Schrei aus – und schlug sie ihm wieder vor der Nase zu. Dass sie ihn erkannt hatte, war außer allem Zweifel. Bill wusste jetzt auch wirklich nicht, ob er da stehen bleiben und warten solle, bis sie wiederkäme, oder ruhig und unbekümmert eintreten. Darüber wurde er aber nicht lange in Zweifel gelassen, denn kaum zwei Minuten später ging die Tür wieder auf, und Polly, seine eigene, allerdings höchst ungerecht verlassene Frau, stand auf der Schwelle und winkte ihm, einzutreten. Sie sah totenbleich aus – jedenfalls vor Schreck – und streckte ihm zitternd die Hand entgegen. Hinter ihr stand die doppelte Schwiegermutter und schaute ihn durch die Brille an.

»Aber, Jack«, sagte sie, »wo habt Ihr die Zeit über gesteckt, seit das Unglück passiert?«

»Das Unglück?«, sagte Bill ganz verstört und achtete gar nicht auf den Namen Jack. Er hielt seine Frau wieder an der Hand, und wagte nicht einmal, ihr um den Hals zu fallen.

»Ach, Jack! Ach, Jack!«, jammerte die alte Dame. »Was habt Ihr damals durch Euer Fortgehen für Jammer und Elend angerichtet – und der arme, arme Bill – das gute, ehrliche Herz –«

»Bill?«, rief dieser aber erstaunt, ja erschreckt aus. »Nun bei Gott, ich bin doch nicht Jack, und wenn Jack wirklich nach Amerika –«

»Ihr seid nicht Jack?«, rief Mrs. Bellhope. »Und wer denn sonst?«

»Kennt denn Polly nicht einmal ihren eigenen Mann mehr?«, sagte der arme Teufel traurig. »Und sind doch erst kaum drei Jahre darüber hingegangen.«

»Bill?«, rief Polly erschreckt und riss ihre Hand aus der des Gatten. »Ihr seid doch nicht Bill – der ist ja über Bord gestürzt und ertrunken.«

»Ist ihm nicht eingefallen«, sagte Bill kopfschüttelnd. »In die Luke ist er stolpert und hat sich den Schädel geborsten, das war alles, und jetzt – wie er zurückkommt –«

»Na, nun wird's aber Tag!«, schrie da plötzlich Mrs. Bellhope und stemmte die Arme in die Seite. »Erst geht der liederliche Strick mit dem Gelde durch und nach Amerika, und nun, da er das vertan und verjubelt hat und sein armer Bruder darüber verunglückt ist, kommt er mit einem Schnupftuch voll alten Gelumpes wieder an und will sich für den andern ausgeben.«

»Aber, Schwiegermutter –«

»Der Teufel ist seine Schwiegermutter!«, rief die alte Dame in vollem Zorn aus, und Polly rang indes die Hände, setzte sich auf einen Stuhl und barg das Gesicht in die Schürze.

»Hallo, was ist nun los?«, sagte da plötzlich die tiefe, aber vollkommen ruhige Stimme des neuen Segelmachers, der in diesem Augenblick in der Tür erschien und die drei verwundert ansah.

»Was los ist?«, rief Mrs. Bellhope in, wie sie glaubte, sehr gerechter Entrüstung. »Da kommt Jack Drygarn zurück von seiner Vagabundenfahrt, und will sich für Pollys Mann, für seinen Bruder ausgeben – weiter nichts.«

»So?«, sagte der Segelmacher, indem er die Hände in die Taschen schob und den angeblichen Delinquenten neugierig betrachtete. »Das ist also Jack Drygarn, der –«

»Jack, und immer nur Jack – zum Teufel noch einmal mit dem Namen!«, rief aber jetzt auch Bill ärgerlich. »Ihr werdet mich noch zuletzt so verrückt machen, dass ich am Ende selber nicht mehr weiß, wer ich bin.«

»Der Fall scheint mir schon jetzt eingetreten, mein Junge«, sagte Pollys neuer Mann gutmütig.

»Aber Polly wird doch wenigstens wissen, wer ich bin?«, rief der arme Teufel, zur Verzweiflung getrieben. »Polly, mein Schatz – kennst du denn deinen Bill nicht mehr?«

»Ach, Jack«, sagte aber schluchzend die junge Frau. »Wie dürft Ihr nur Eures armen seligen Bruders Namen so missbrauchen und Jammer und Elend hier in seine Familie bringen wollen. – ja, wenn es Bill wäre, das arme Herz, aber das schläft schon lange in seinem nassen kalten Grabe.«

»Ich werde wahrhaftig verrückt!«, sagte Bill, sich mit beiden Händen den Kopf haltend.

»Nun«, meinte der Segelmacher, »solange Ihr noch immer nur erst die Aussicht habt es zu werden, mag es angehen. Jetzt aber, solang es noch Zeit ist, seid so gut und kommt erst einmal mit in meine Stube, dass wir über die ganze Sache ein vernünftiges Wort sprechen. Auch selbst, wenn Ihr nur Jack Drygarn seid, wie es mir doch scheinen will, haben wir eine Abrechnung miteinander, und wenn die in Frieden und Freundschaft abgemacht werden kann, ist es immer besser, als den Nachbarn nachher Futter für Skandal zu geben.«

Bill warf noch einen zögernden Blick auf Polly, als er aber in deren bleiches, verweintes und halb von ihm abgewandtes Gesicht schaute, drehte er sich langsam ab und folgte, ohne ein Wort weiter zu sagen, dem ihm vorangehenden Stellvertreter.

Auf der Stube angekommen, schloss Burton ohne Weiteres die Tür hinter ihm ab, rückte zwei Stühle zum Tisch, holte eine Flasche mit Brandy und Wasser aus dem Schrank, aus der er sich selber vor allen Dingen ein tüchtiges Glas einschenkte, und begann dann mit seinem wunderlichen Gast eine lange und, wie es schien, sehr ausführliche Besprechung, die aber so leise geführt wurde, dass selbst Madame Bellhopes dicht an der Tür gelegtes Ohr nur einzelne, unzusammenhängende Sätze, und nicht den geringsten Sinn daraus entnehmen konnte. Zwei volle Stunden dauerte die Unterredung, dann wurden drinnen die Stühle gerückt. Mrs. Bellhope glitt in ihre Stube, und aus der geöffneten Tür schritten Burton und Bill Drygarn, anscheinend als die besten Freunde. Burtons Gesicht drückte dabei volle Zufriedenheit aus, während Bill mehr ernst und sogar niedergeschlagen schien.

Unten an der Tür von Pollys Stube blieb er stehen und sah sich nach seinem ihm folgenden Gefährten um.

»Geht nur hinein, Jack«, sagte dieser. »Ich will so lange hier draußen auf Euch warten.«

Bill drückte die Klinke auf und trat hinein. Polly saß in der Sofaecke und sprang erschreckt auf, als sie ihn allein auf sich zukommen sah. Ohne indessen eine Miene zu verziehen, trat er zu ihr, reichte ihr die Hand und sagte:

»Es hat mich gefreut, Polly, euch alle so wohl und munter hier zu sehen – die Mutter sieht noch recht gut aus, und – ich will wünschen, dass es euch immer unter der alten Firma wohl gehen mag.«

»Ihr wollt fort?«, stammelte Polly, und wagte nicht zu ihm aufzusehen.

»Ja – ich gehe wieder an Bord – wird wohl lange dauern, ehe ich einmal wieder nach Prembroke komme. Gott behüte Euch, Polly!«

Er drückte ihr die Hand, die er noch immer in der seinen hielt, und wollte sie loslassen, aber sie hielt ihn fest.

»Polly!« sagte er mit weicher, fast herzlicher Stimme. Die Frau ließ seine Hand los, sah ihm ein paar Momente starr in die Augen, warf plötzlich ihre Arme um seinen Nacken und drückte ihm einen heißen Kuss auf die Lippen. Dann, als ob sie ein Unrecht getan, schrak sie zurück und bedeckte ihre Augen mit den Händen. Sie hörte Schritte – die Tür wurde auf- und wieder zugemacht, und als sie emporblickte, war das Zimmer leer.

»Nun, Jack, das war rasch abgemacht«, sagte Burton, als Bill wieder aus dem Zimmer trat.

»Ja«, sagte dieser, sein Bündel mit der Linken aufnehmend und sich mit der Rechten den Hut in die Stirn drückend. »Es war weiter nichts zu bestellen.«

»Und wo schick ich Euch die Sachen heut Abend hin?«

»In den Anker – wann geht der Zug nach Liverpool zurück?«

»Um neun. Wollt Ihr fort mit dem?«

»Wird wohl das Beste sein. Good bye, Burton.«

»Adieu, alter Junge. Hat mich herzlich gefreut, Eure Bekanntschaft gemacht zu haben. Wollt Ihr nicht Abschied von der Schwiegermutter nehmen?«

»Danke«, sagte Bill. »Grüßt sie recht schön von mir.«

Die beiden Männer schüttelten sich die Hände; Bill schob die seinige dann in die Tasche, verließ das Haus und schlenderte langsam die Straße hinunter, dem Anker zu. Eine Stunde später etwa wurde eine Seekiste, wie sie die Matrosen gewöhnlich mit sich führen, im Anker für »Jack Drygarn« abgegeben, um gleich darauf von Bill geschultert und nach dem Liverpool-Bahnhof getragen zu werden.

Um neun Uhr ging der Zug, und Bill mit ihm; auch erfuhr Burton, der sich sehr angelegentlich danach erkundigte, später, dass er sich in Liverpool auf einem schon in den nächsten Tagen in See gehenden Ostindienfahrer eingeschifft habe. Weiter hörte man nichts mehr von ihm, und als die Tatsache in Pembroke bekannt geworden, dass Jack Drygarn, der Verschollene, plötzlich wieder aufgetaucht sei, schwamm Jack Brown schon lange wieder draußen auf seinem alten Element.