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Alphonse Daudet: Jack - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleJack
publisherVerlag von Neufeld & Henius
printrunZweite Auflage
yearo.J.
translatorW. Vollmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151227
projectid9d16f389
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Siebentes Kapitel
Ein nächtlicher Marsch

Anfangs rannte er noch nicht; er wollte nicht aussehen wie jemand, der durchgeht; nein im Gegenteil, er schlenderte müßig dahin, zwar mit wachsamem Auge und sprungbereiten Füßen. Aber je mehr er sich dem Boulevard Haußmann näherte, desto mehr trieb ihn die Lust zu laufen vorwärts, seine kleinen Schritte verlängerten sich unwillkürlich, seine Ungeduld wuchs zu einer entsetzlichen Unruhe.

Was würde ihm auf dem Boulevard begegnen? Vielleicht war das Haus verschlossen! Und wenn sich Hirsch und Labassindre geirrt hatten und die Mutter nicht zurückgekehrt war, was sollte dann aus ihm werden? An die Möglichkeit, nach diesem Fluchtversuch wieder ins Gymnasium zurückzukehren, dachte er nicht einmal. Und wenn er es that, so mußte ihn die Erinnerung an die dumpfen Schläge und das furchtbare Wimmern, welches er einen ganzen langen Nachmittag hindurch aus dem Zimmer, wo sich der Mulatte mit Maduh eingeschlossen hatte, gehört, mit Schrecken erfüllen und ihn von seinem Vorhaben abbringen.

»Sie ist da,« sagte sich das Kind mit freudigem Entzücken, als es schon von weitem sämmtliche Fenster des Hotels geöffnet und die Thorflügel zurückgeschlagen sah, als sei seine Mutter im Begriff auszufahren. Er beschleunigte seine Schritte, um den Wagen noch zu erreichen, aber als er in der Vorhalle anlangte, kam ihm das Haus ungewöhnlich fremd vor. Es war voller Menschen. Durch das Portal wurden Möbel getragen, lauter Sophas und Sessel, deren zarte, nur für das Dämmerlicht eines Boudoirs geeignete Farben in dem grellen Licht der Straße so verlassen aussahen. Ein von Amoretten umgebener Spiegel lehnte an den kalten Stufen neben welken Blumenkörben, abgenommenen Gardinen und einem kleinen Kronleuchter aus Bergkristall. –

Elegant gekleidete Damen stiegen die Treppe hinauf, ihre zierlichen Füße begegneten auf dem verblaßten Teppich den groben Stiefeln der Beamten, welche mit Möbeln beladen herab kamen. –

Inmitten der Menge stieg Jack bestürzt die Treppe hinauf, er hatte Mühe, die Wohnung wiederzuerkennen, so verändert waren die Zimmer durch die unordentlich umherstehenden Möbel.

»Wo war die Mutter?«

Er versuchte den Salon zu betreten, aber dort drängte sich die Menge um irgend etwas im Hintergrunde des Zimmers, und Jack, der zu klein war, um irgend etwas zu unterscheiden, hörte nur, daß Zahlen ausgerufen wurden und kurze, harte Hammerschläge auf den Tisch fielen.

»Ein Kinderbett mit vergoldetem Baldachin!« ...

Jack sah das kleine Bett, welches ihm »gut' Freund« geschenkt und in welchem er die lieblichsten Träume geträumt hatte, von dicken, schwarzen Fäusten vorübertragen.

Er wollte schreien: »Mir gehört das Bett, ich will nicht, daß es fortgenommen wird,« die Scham hielt ihn zurück; so irrte er betäubt, fassungslos, nach der Mutter ausschauend, von Zimmer zu Zimmer, als er sich plötzlich am Arme gefaßt fühlte.

»Nun, Herr Jack, sind Sie denn nicht mehr im Institut?«

Es war Constant, die Kammerfrau seiner Mutter im Sonntagsstaat mit einer rosa garnierten Haube wie eine Theaterschneiderin, mit erhitztem Gesicht und geschäftiger Miene.

»Wo ist Mama?« fragte das Kind sie leise in so erregtem, ängstlichen Ton, daß es dem groben Faktotum ans Herz ging.

»Ihre Mutter ist nicht hier, mein armer Kleiner.«

»Wo ist sie denn? Was soll denn das bedeuten? Was wollen denn die Leute hier?«

»Sie sind zur Auktion hergekommen, bleiben Sie nicht stehen, Herr Jack. Kommen Sie in die Küche hinunter ... Da können wir besser plaudern.«

Im Erdgeschoß war große Gesellschaft, Augustin, die Pikardin und mehrere Diener aus der Nachbarschaft. Der Champagner floß buchstäblich in Strömen über den fettigen Tisch, an welchem sich an jenem Abend Jacks Schicksal entschied. Die Ankunft des Kindes erregte Aufsehen, es wurde von dem ehemaligen Hauspersonal, welches im Grunde den Verlust einer bequemen, nachsichtigen Herrin bedauerte, umringt und geliebkost. Da er fürchtete, ins Gymnasium zurückgebracht zu werden, so hütete sich Jack wohl, zu erzählen, daß er entwischt sei, sondern sprach von Ferien, die er benutzte, um Näheres über seiner Mutter Ergehen zu hören.

»Sie ist nicht hier, Herr Jack,« sagte Constant mit geheimnisvoller Miene, »und ich weiß nicht, ob ich ...«

Dann setzte sie in einer großmütigen Anwandlung hinzu:

»Meiner Treu, das wäre noch schöner. Ich habe kein Recht, dem Kinde zu verheimlichen, wo seine Mutter ist.«

Dann erzählte sie dem kleinen Jack, daß die gnädige Frau in der Umgegend von Paris in einem Dorfe Namens Etiolles wohne. Der Knabe ließ sich den Namen mehrere Male wiederholen: »Etiolles, Etiolles,« und prägte ihn so seinem Gedächtnisse ein. –

»Ist es sehr weit von hier?« fragte er nachlässig.

»Acht gute Meilen,« erwiderte Augustin.

Aber die Pikardin, welche seinerzeit nach Corbeil zu gedient hatte, stritt sich um einige Kilometer. Es entspann sich ein langer Streit über den Weg nach Etiolles, und Jack hörte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu, denn er war schon entschlossen, die weite Reise allein und zu Fuß zu machen. Man ging über Bercy, Charenton, Villeneuve-Saint-Georges, dann wandte man sich nach rechts, ließ die Straße nach Lyon seitwärts liegen und verfolgte den Weg nach Corbeil die Seine entlang durch den Senartwald bis Etiolles.

»Jawohl,« meinte Constant ... »Die gnädige Frau wohnt dicht am Waldrande ... es ist ein niedliches Häuschen mit einer lateinischen Inschrift über der Thür.«

Jack riß die Ohren auf, so weit er konnte und versuchte, alle die Namen zu behalten, besonders diejenigen Orte vor Paris, die er passieren mußte. Die Entfernung schreckte ihn nicht zurück. –

»Ich will die ganze Nacht marschieren,« nahm er sich vor, »so klein meine Füße auch sein mögen, so habe ich doch Zeit genug, acht Meilen zu machen. Dann fügte er laut hinzu:

»Ich will jetzt gehen, ich muß ins Gymnasium zurück.«

Eine Frage brannte ihm noch auf den Lippen:

»War d'Argenton in Etiolles? Würde er zwischen sich und seiner Mutter diesen verhängnisvollen Einfluß wiederfinden?« Aber er wagte nicht, Constant danach zu fragen, ohne die Wahrheit genau zu kennen, fühlte er doch, daß dies ein wenig ehrenhafter Punkt im Leben seiner Mutter war, und schwieg.

»Adieu denn, Herr Jack.«

Die Dienstboten umarmten ihn, der Kutscher drückte ihm kräftig die Hand, dann fand er sich in der Vorhalle im Gewühl der Auktion, die zu Ende war. Ohne sich inmitten dieser unerklärlichen Zerstörung aufzuhalten, unternahm das vereinsamte, durch die Auflösung des Haushalts einer Abenteuerin obdachlos gewordene Kind die weite Reise, die es seiner einzigen Beschützerin näher bringen sollte, während das Nest, in welchem es Zuflucht suchen wollte, in alle Winkel der Großstadt zerstob.

Bercy.

Jack erinnerte sich, unlängst mit Moronval dort gewesen zu sein, als sie Maduhs Spur verfolgten; der Weg war leicht zu finden, man brauchte nur die Seine entlang aufwärts zu gehen. Es war sehr weit, o sehr weit, aber die Furcht, wieder in die Gewalt des Mulatten zu fallen, ließ ihn die Entfernung schnell durchmessen.

Der Tag ging zu Ende. Der gelbe, von Regengüssen angeschwollene Fluß wälzte sich schwerfällig durch die Brückenbogen; deren Eisenwerk aufblitzte. Der Wind verwehte die letzten Strahlen im Westen. Alles regte sich mit jener Hast, welche die letzten Augenblicke dieses überfüllten, geschäftigen Pariser Tages kennzeichnet. Die Frauen verließen ihre Waschplätze, schwer mit Bündeln feuchter Wäsche beladen, ganz bedeckt mit jenen dunklen Farbentönen, welche Spritzflecke auf dünnen Stoffen verursachen. Angler mit Stangen und Körben drängten sich zwischen den Pferden hindurch, die zur Schwemme geführt wurden. Dann und wann drehte sich einer dieser Leute, um dieser kleinen Schülerblouse nachzusehen, die sich so beeilte und so winzig aussah inmitten der großartigen Flußlandschaft.

Mit jedem Schritt veränderte sich die Gestalt des Ufers. Hier war es schwarz, und lange biegsame Planken verbanden es mit riesigen Kohlenkähnen. Weiterhin strauchelte man über Obstschalen, frischer Gartenduft mischte sich in den Schlammgeruch und unter den offenen Zeltdächern zahlreicher Kähne zeigten hohe Aepfelpyramiden die Pracht ihrer ländlichen Farben.

Die Nacht brach herein. Die Brückenbogen verdüsterten sich zu schwarzen Schluchten, das Ufer wurde leer und war nur von jenem matten Schein erhellt, welchen auch das dunkelste Gewässer ausstrahlt. Von den Häusern am Quai sah man nur die Firste, ein Zickzack von Dächern, Schornsteinen, Glockentürmen, ein mattes Schwarz inmitten der abnehmenden Helligkeit; die Schatten in der Luft verbanden sich mit den feuchten Nebeln zu fahlen, verschwommenen Streifen, in denen die ersten Lichter, die Wagenlaternen wie Überreste des Tages aufblitzten. Ohne daß der Knabe es merkte, stieg der Schifferpfad unmerklich und während er entsprechend breiter wurde, mündete er nun auf einen breiten Damm, der sich in gleicher Höhe mit dem nur durch ein paar Pfähle getrennten Ufer befand. Hier beleuchteten die Gasflammen kleine Karren, welche in weite Thorwege hineinfuhren und auf denen Fässer mit großem Getöse hin- und herrollten; und aus diesen riesigen Thoren, diesen Niederlagen und Kellereien, diesen Tausenden von auf dem Damm nebeneinandergereihten Fässern stieg ein Weinhefengeruch, vermischt mit dem fauligen Dunst feuchten Holzes.

Es war Bercy. Aber zugleich war auch die Nacht da. Jack bemerkte es nur nicht gleich. Der Lärm auf dem lichterfüllten Damm, die Seine, die an dieser Stelle breit wie ein Seehafen, die Lichter der beiden Ufer zehnfach wiederspiegelt, täuschten ihn über die späte Stunde hinweg, und dann war seine kleine, durch den eiligen Lauf erhitzte Phantasie nur von dem Gedanken beherrscht, ob es ihm noch gelingen werde, die Thore zu passieren. Aber als das Thor erst einmal ohne die geringste Schwierigkeit durchschritten war, ohne daß einer der Zollwächter den kleinen, flüchtigen Kittel bemerkt hatte, als er, nach der Weisung Augustins die Seine rechts lassend, eine lange Straße einschlug, in welcher die Lichter immer spärlicher erglänzten, da senkten sich Dunkelheit und Kälte auf seine Schultern herab und drangen ihm durchkältend bis ins Herz. Solange er sich in der Stadt unter Menschen wußte, schwebte er in großer Furcht, erkannt und gefaßt zu werden, auch jetzt wich die Angst nicht, aber sie war anderer Art, ein thörichtes Unbehagen, durch die Einsamkeit und das Stillschweigen hervorgerufen.

Dennoch war der Ort, an welchem er sich befand, noch nicht das offene Land. Die Straße war auf beiden Seiten mit Häusern besetzt; aber je weiter der Knabe vorwärts schritt, desto mehr entfernten sich diese Gebäude von einander, da sich lange Plankenzäune, Zimmerplätze und strohgedeckte Schuppen dazwischen schoben.

Obgleich es kaum acht Uhr war, so lag doch diese lange Straße, welche sich weit hinten im Dunkel verlor, still und verlassen da. Die wenigen Fußgänger schritten geräuschlos über den durchweichten, mit Pfützen bedeckten Boden; lange, schweigende Schatten glitten die Zäune entlang zu irgend einer geheimnisvollen Beschäftigung und wie um die Pausen noch länger, die Stille noch unheimlicher zu machen, bellten von Zeit zu Zeit die Hunde in den öden Fabrikhöfen. Jack war aufgeregt. Jeder Schritt entfernte ihn mehr von Paris mit seinem Lärm und seinen Lichtern, trug ihn tiefer in die Nacht und das Stillschweigen hinein.

In diesem Augenblick erreichte er das letzte baufällige Häuschen, einen kleinen Weinschank, der noch erleuchtet war und den Weg mit einem breiten Lichtstreifen versperrte, welcher die Grenze des bewohnten Landes zu bilden schien.

Dahinter lag das Unbekannte, das Dunkel.

Er zögerte lange, ehe er sich da hineinstürzte.

»Wenn ich einkehrte und nach dem Wege fragte?« dachte er, den Laden betrachtend. Unglücklicherweise hatte er nicht einen Sou in der Tasche. Der Wirt schnarchte an seinem Pult. An einem wackligen Tischchen tranken zwei Männer und eine Frau, während sie leise plauderten. Bei dem Geräusch, welches der Knabe verursachte, als er die angelehnte Thür aufstieß, hoben sie die Köpfe und schauten ihn an. Sie hatten finstere, abgezehrte, unheimliche Gesichter, wie sie Jack an jenem Morgen auf der Wache, als man Maduh suchte, gesehen hatte. Besonders die Frau in dem roten Mieder sah entsetzlich aus.

»Was will er denn noch?« sagte eine heisere Stimme.

Einer der Männer stand auf, aber Jack rettete sich entsetzt, indem er mit einem Sprung über den Lichtschein setzte. Hinter sich hörte er eine Flut von Verwünschungen und das Zuschlagen der Thür. Hals über Kopf in das dichte, jetzt zu einer Zufluchtstätte gewordene Dunkel stürzend, rannte er so schnell er konnte und hielt erst lange nachher im freien Felde inne. Vor ihm breiteten sich rechts und links Felder aus, welche den Horizont zu berühren schienen.

Der Knabe stand unbeweglich, angewurzelt.

Zum ersten Mal befand er sich zu so später Stunde allein im Freien. Dazu kam, daß er seit dem Morgen nichts gegessen noch getrunken hatte, brennender Durst quälte ihn. Jetzt begann er zu ahnen, in welches furchtbare Abenteuer er sich gestürzt hatte. Vielleicht irrte er sich und wanderte nach der dem schönen Etiolles entgegengesetzten Richtung. Und vorausgesetzt, daß er sich wirklich auf dem rechten Wege befand, welcher Anstrengungen bedurfte es noch, um zum Ziele zu gelangen?

Es fiel ihm ein, sich in einen der den Weg begrenzenden Graben schlafen zu legen und den Morgen abzuwarten, aber als er sich näherte, hörte er neben sich lange tiefe Atemzüge. Ein Mann lag dort ausgestreckt, mit dem Kopf auf einem Steinhaufen, ein wirres Lumpenbündel zwischen den weißen Kieseln.

Jack blieb bestürzt, zitternd, mit wankenden Knien stehen, unfähig, einen Schritt vor oder rückwärts zu thun.

Um sein Entsetzen noch zu vervollständigen, begann diese namenlose, schwankende Masse sich zu bewegen, zu stöhnen und sich im Schlafe zu recken.

Der Knabe dachte an den blutdürstigen Blick jener Frau im roten Mieder, an die Galgengesichter, welche dahinten die Mauern entlang gestrichen waren, er sagte sich, daß das, »was hier schlief,« eins dieser gemeinen Gesichter sein müsse und er zitterte davor, diese geschlossenen Augen sich öffnen, diese verwahrloste Gestalt sich mit nach vorwärts gestreckten Füßen nach der Straße zu aufrichten zu sehen. Oh, wenn der Elende, der hier auf den Steinhaufen gesunken war, um sein Verbrechen, oder seinen Rausch auszuschlafen, erwacht und über ihn hergefallen wäre, hätte Jack nicht einmal Kraft zu einem Schrei besessen.

Ein Licht und näherkommende Stimmen weckten ihn jäh aus seiner Betäubung. Ein Offizier, welcher in ziemlicher Eile nach einem jener kleinen, vor Paris zerstreut liegenden Forts zurückkehrte, schritt neben seiner Ordonnanz, welche ihm in der stockdunklen Nacht mit einer Handlaterne entgegengekommen war.

»Guten Abend, meine Herren,« sagte das Kind mit sanfter, vor Bewegung zitternder Stimme.

Der Soldat, welcher die Laterne trug, hob sie in der Richtung dieser Stimme ...

»S' ist eine schlechte Stunde zum Reisen, mein Junge,« sagte der Offizier. »Hast Du weit zu gehen?

»Oh nein, mein Herr, nicht sehr weit, hier ganz in der Nähe,« antwortete Jack, welchem nichts daran lag, von seinem kühnen Entweichen zu erzählen.

»Nun gut, dann können wir ein Stück Weges zusammengehen ... Ich muß bis nach Charenton.«

Welch' Glück für den Knaben, noch eine Stunde in Gesellschaft dieser beiden braven Soldaten zu wandern, seine kleinen Schritte nach den ihrigen zu richten, im Lichte der wohlthätigen Laterne zu marschieren, welche die Finsternis ringsum zerstreute und sie noch dichter und fürchterlicher erscheinen ließ. Auch hatte er den Vorteil, sich auf dem richtigen Wege zu wissen, denn die Ortsnamen, welche er aussprechen hörte, waren diejenigen, welche ihm Augustin genannt hatte.

»Wir sind nun zu Hause,« sagte mit einemmale der Offizier, indem er stehen blieb, »guten Abend mein Kind! Ein andermal rate ich Dir, Dich um diese Zeit nicht auf die Landstraße zu wagen, das Weichbild von Paris ist nicht ganz sicher.«

Die beiden Soldaten verschwanden mit ihrer Laterne in einem kleinen Gäßchen und ließen Jack wieder am Anfang der langen Straße von Charenton allein.

Hier fand er die Lichter von Bercy wieder, jene Winkelschenken, aus denen weinselige Lieder und rohes Gezänk schallte. Vom Kirchturm, hinter welchem Häuser und Gärten am Abhang emporstiegen, schlug es neun Uhr. Endlich befand er sich am Ufer eines Dammes, überschritt eine Brücke, welche über einen Abgrund gespannt schien, so schwarz war die Nacht. Er wollte stehen bleiben, sich einen Augenblick an die Brustwehr lehnen, aber der durch die Straßen erklingende Wächterruf näherte sich und von neuer Angst gejagt fing der arme Kleine an zu laufen um das freie Feld zu erreichen, wo die Furcht wenigstens einem bösen Traum glich.

Dieses über der Welt schwebende Stillschweigen, dieser Mangel an Leben, macht auf den Knaben den Eindruck eines ringsum herrschenden Schlafes, er glaubt neben sich das träge Schnarchen zu vernehmen, welches ihn dort auf dem Steinhaufen so erschreckt hat. Sogar das leise Geräusch seiner Schritte stört ihn, oft wendet er sich heftig um ... Noch immer erhellen die Lichter von Paris den Horizont. In der Ferne hört man Rädergerassel und Schellengeläut. »Horch,« denkt das Kind, aber nichts nähert sich, dieser unsichtbare Wagen, dessen Räder sich mühsam vorwärts zu bewegen scheinen, verschwindet weit hinten am Horizont, nähert sich wieder, hält an, windet sich einen verschlungenen Weg entlang, aber will nicht zum Vorschein kommen.

Jack setzt seinen Weg fort. Wer ist der Mann, der ihn dort an der Biegung des Weges erwartet, einer, zwei, drei Männer ...? Es sind Bäume, hohe Pappeln, deren Blätter alle zittern, ohne daß der Wipfel sich bewegte. Dann kommen Ulmen, Frankreichs alte Ulmen mit riesigen, knorrigen, dichtbelaubten Stämmen und Jack wandert durch die Natur, ergriffen von dem großen Geheimnis der Frühlingsnächte, wo man das Gras sprießen, die Knospen sich öffnen und die Erde sich spalten zu hören glaubt. Das verworrene Geräusch ängstigt ihn.

»Soll ich singen, um mir Mut zu machen?«

In der Dunkelheit fiel ihm ein Wiegenlied aus der Touraine ein, mit welchem ihn seine Mutter früher in seinem Zimmerchen in den Schlaf sang, wenn das Licht ausgelöscht war.

»Meine Schuhe sind rot,
Mein Lieb, mein Schätzchen«

Das zitterte durch die kalte Luft und war rührend zu hören, wie diese Kindesangst mitten auf der dunklen Landstraße trällerte und ein Liedchen benutzte, um sich daran wie an einem dünnen Faden zu halten.

Plötzlich brach das Lied kurz ab.

Etwas Schreckliches näherte sich, ein Schwarm, schwärzer noch als die weite Nacht, als brächen die Schranken des Abgrundes über das Kind hinein, um es zu verschlingen.

Ohne etwas zu sehen, zu unterscheiden, hört er.

Es war ein Geschrei wilder Menschenstimmen, welches einem Schluchzen oder Heulen glich, dann mischten sich dumpfe Schläge in den Lärm eines gewaltigen Regenschauers, welcher ihm aus jener düstern Masse entgegenzukommen schien. Plötzlich ein entsetzliches Gebrüll.

Ochsen! Eine ganze Ochsenheerde, zwischen den beiden Gräben eingezwängt, welche den kleinen Jack umgiebt, ihn streift und stößt.

Er fühlt das Schnauben ihrer feuchten Nüstern, die Peitschenhiebe der kräftigen Schwänze, die Wärme der riesigen Leiber, den vorwärts eilenden Stallgeruch. Wie ein Wirbelwind saust die Heerde vorüber, bewacht von ein paar stämmigen Hunden und zwei stattlichen Burschen, halb Hirten, halb Schlächter, welche hinter dem zügellosen, wilden Vieh herlaufen und es mit Knüttelhieben und Gebrüll vorwärts treiben. Hinter ihnen bleibt das Kind starr vor Entsetzen stehen. Keinen Schritt wagte es zu thun. Dieser Schwarm ist vorüber, aber es können andere kommen. Wohin soll es flüchten? Quer über die Felder? Aber er wird sich verlaufen, denn es ist so dunkel. Er weint, sinkt in die Kniee und möchte am liebsten sterben. Wagengerassel, zwei Laternen, die er schon von weitem wie ein paar Freundesaugen leuchten sieht, beleben ihn plötzlich. Von Furcht getrieben ruft er:

»Mein Herr, mein Herr!«

Der Wagen hält und unter dem Verdeck schaut eine gutmütige, warme Mütze mit Ohrenklappen hervor und bückt sich, um nachzusehen, wem diese schüchterne Stimme gehört, die sich da unten fast von ebener Erde erhebt.

»Ich bin so sehr müde,« sagt Jack zitternd, »möchten Sie mir wohl erlauben, einzusteigen?«

Die warme Mütze zögert mit der Antwort, aber aus dem Hintergrunde des Wagens kommt eine Frauenstimme dem Kinde zu Hilfe.

»Der arme Kleine, laß ihn einsteigen!«

»Wohin willst Du?« fragt die Mütze.

Der Knabe schwankt eine Minute; wie alle Flüchtlinge, welche Verfolgung fürchten, verschweigt er sein Reiseziel sorgfältig.

»Nach Villeneuve-Saint-Georges,« antwortete er aufs Geratewohl.

»Nun, dann steige ein.«

Da sitzt er nun im Wagen in eine schöne Reisedecke gehüllt zwischen einem dicken Herrn und einer behäbigen Dame, welche beim Licht der Wagenlaternen den kleinen von der Straße aufgelesenen Schüler neugierig betrachten. Wohin um Gotteswillen geht er denn noch so spät und ganz allein? Jack hatte große Lust, die Wahrheit zu gestehen. Er wird in Gesellschaft dieser braven Leute mitteilsam und zutraulich. Aber er fürchtete sich doch zu sehr davor, ins Gymnasium Moronval zurückgebracht zu werden. Er erzählte ein Märchen. Seine Mutter sei auf dem Lande bei guten Freunden schwer erkrankt ... Man hätte ihn am Abend davon benachrichtigt, er sei sofort zu Fuß aufgebrochen, weil er den Frühzug nicht mehr habe abwarten wollen.

»Ich begreife das,« sagte die Dame, welche ein gutmütiges, offenes Äußere hat; und auch die Mütze mit den Ohrenklappen begreift das, gewiß. Allein sie macht dazu sehr weise Randbemerkungen, wie unbedacht es von einem Knaben seines Alters sei, sich um diese Zeit auf der Landstraße herumzutreiben. Was konnte ihm da zustoßen! Die warme, bequeme, aber sehr weise Mütze findet ein Vergnügen daran, das ihrem jungen Freunde aufzuzählen, worauf sie ihn endlich fragt, in welchem Teil von Villeneuve die Bekannte seiner Mutter wohne.

»Ganz am Ende des Ortes,« antwortet Jack lebhaft. »Das letzte Haus rechts.«

Wie gut, daß es Nacht ist und sein Erröten sich unter dem Verdeck verstecken kann. Aber leider sind die Fragen noch nicht zu Ende. Der Mann und die Frau sind sehr gesprächig und neugierig wie jene Schwätzer, mit denen man nicht fünf Minuten zusammensein kann, ohne ihre ganzen Angelegenheiten kennen zu lernen. Es sind Tuchhändler aus der Rue des Bourdonnais, welche jeden Sonnabend aufs Land gehen und in ihrem niedlichen Häuschen die ernste Miene und den erstickenden Staub des Geschäfts abschütteln, allerdings eines einträglichen Geschäfts, welches ihnen bald erlauben wird, sich ganz in ihren grünen Winkel in Soisy bei Etiolles zurückzuziehen.

»Ist das weit von Etiolles?« fragt Jack gespannt.

»Oh nein, es grenzt aneinander,« antwortet die dicke Mütze und versetzt dem Gaul einen freundschaftlichen Peitschenhieb.

Welch' Mißgeschick!

So hätte er, wenn er ohne zu lügen einfach eingestanden hätte, daß er nach Etiolles ginge, seinen Weg in dem schönen Wagen fortsetzen können, der so gleichmäßig inmitten eines beruhigenden Lichtstreifens dahinrollte. Er hätte sich von dem wohlthuenden Gefühl schaukeln lassen, seine kleinen abgestorbenen Füße strecken, auf dem Shawl der Dame einschlafen können, die ihn alle Augenblicke fragte, ob er gut säße und warm sei. Dann hatte die Mütze mit den Ohrenklappen eine Flasche entkorkt und ihn einen Schluck trinken lassen, um ihn aufzumuntern.

Wenn er doch den Mut gefunden hätte, zu sagen: »Es ist nicht wahr, ich habe gelogen, ich habe in Villeneuve nichts zu suchen, ich muß noch viel weiter.«

Aber das hieße sich der Verachtung, dem Mißtrauen dieser guten, freundlichen Leute aussetzen, da wollte er lieber in die Angst zurücksinken, aus der ihn ihr Mitleid errettet hatte. Dennoch konnte der Knabe, als er sie sagen hörte, daß Villeneuve nun erreicht sei, ein Schluchzen nicht unterdrücken.

»Weine nicht, mein Junge,« tröstete ihn die Dame, »Deine Mutter ist vielleicht nicht so krank, als Du glaubst, sie wird sich freuen, Dich zu sehen.«

Vor dem letzten Hause von Villeneuve hielt der Wagen.

»Da ist es,« sagte Jack ganz aufgeregt.

Die Frau küßte ihn, der Mann drückte ihm die Hand und half ihm aussteigen.

»Du kannst Dich freuen, nun an Ort und Stelle zu sein. Wir haben noch vier gute Meilen vor uns.«

Und er hatte diese vier guten Meilen auch noch vor sich!

Es war entsetzlich.

Er näherte sich dem Gitter, als wollte er läuten.

»Gute Nacht,« riefen ihm seine Freunde zu.

Mit thränenerstickter Stimme antwortete er »Gute Nacht;« und der Wagen, der jetzt die Lyoner Straße verließ, schlug den mit Bäumen besetzten Weg rechts ein, sodaß die Laternen einen weiten leuchtenden Halbkreis auf der dunklen Ebene beschrieben.

Dann kam Jack der tolle Gedanke, ob er vielleicht dieses schützende Licht einholen, mit ihm Schritt halten, hinterher laufen könnte. Er warf sich in einer Art Verzweiflung vorwärts, aber die durch die Ruhe noch mehr ermatteten Füße versagten den Dienst.

Nach wenigen Schritten mußte er stehen bleiben, versuchte noch einen Anlauf und brach endlich vor Erschöpfung in Thränen aus, während der gastliche Wagen friedlich seinen Weg fortsetzte, ohne zu ahnen, daß er hinter sich solche tiefe, vollständige Verzweiflung zurückließ. Da liegt er am Wegrande. Er friert, denn die Erde ist feucht.

Was thuts, die Müdigkeit ist stärker, als alles andere. Ringsum ahnt er die unermeßlichen Felder. Der Wind fegt in langen Stößen über die weite Fläche, allmählig schmilzt das Atmen der Ebene, das Rascheln der Gräser und das Knistern der Blätter zu einem Gewoge von Tönen und Seufzern zusammen, welches das Kind einwiegt, beruhigt und sanft einschläfert.

Ein entsetzlicher Lärm läßt ihn wieder auffahren. Mit halboffenen Augen sieht Jack auf einer nur wenige Meter entfernten Böschung ein heulendes, pfeifendes Ungeheuer mit zwei riesigen, blutdurstigen, vorstehenden Augen und einem schwarzen Schuppenpanzer, der im Dahinsausen Funken aufsprühen läßt. Das Ungeheuer verschwindet im Dunkel wie ein Riesenkomet, dessen Glanz die Luft mit entsetzlichem Ungestüm durchdringt. Wo es vorbeikommt, öffnet sich das Dunkel, man sieht einen Pfahl, Baumgruppen, dann schließt es sich wieder und erst als die Erscheinung schon weit entfernt ist, und man nichts mehr von ihr sieht, als ein kleines, grünes Licht, merkt das Kind erst, daß es einen Eilzug vorbeisausen sah.

Wie spät ist es? Wo befindet er sich? Wie lange hat er geschlafen? Er weiß nichts, der Schlaf hat ihn elend gemacht. Halb erfroren, mit steifen Gliedern und gequältem Herzen ist er erwacht. Er hat von Maduh geträumt. Er hat sein Gesicht gesehen, seinen kleinen eiskalten Körper neben sich gefühlt. Um dieser Einbildung zu entgehen, erhebt er sich; aber auf der vom Nachtwind ausgetrockneten Straße tönt sein Gang so dumpf, daß er sich von jemand gefolgt glaubt. Maduh geht hinter ihm. Und der tolle Lauf beginnt von neuem. Jack marschiert weiter in das Dunkel und Stillschweigen hinein. Er passirt ein schlafendes Dorf, geht am viereckigen Glockenturm vorbei, der ihm seine dumpfen, zitternden Stundenschläge auf den Kopf wirft. Zwei Uhr. – Wieder ein Dorf. Es schlägt drei. Er wandert weiter. Sein Kopf schwindelt und die Füße brennen. Von Zeit zu Zeit begegnet er mit großen Planen bedeckten Lastwagen und schlaftrunkenen Kutschen, in denen alles schläft, Pferde und Kutscher.

Der Knabe fragt erschöpft: »Ist's noch weit bis Etiolles?«

Ein Grunzen antwortet ihm.

Aber ein anderer Wanderer schickt sich an, ihn auf seinem Wege durch das Land zu begleiten, ein Wanderer, dessen Aufbruch durch das Krähen der Hähne und das leise Quaken der Frösche angekündigt wird. Es ist der Tag, welcher hinter den Wolken emporsteigt, unentschlossen, welchen Weg er einschlagen soll. Das Kind ahnt ihn und teilt mit der Natur die ängstliche Erwartung des jungen Tages.

Plötzlich zerreißt rechts vor ihm in der Richtung nach Etiolles, wo seine Mutter sein soll, der Himmel dicht über dem Horizont. Anfangs ist es nur ein heller Streifen, ein am Rande der Nacht ausgebreiteter fahler Schein ohne Glanz. Bald verbreitert sich dieser Streifen und flackert empor wie eine Flamme, die nach Luft ringt, um auflodern zu können. Jack wandert diesem Licht entgegen, er wandert in einer Art Rausch, die seine Kräfte verzehnfältigt. Ein etwas sagt ihm, daß seine Mutter und zugleich das Ende dieser entsetzlichen Nacht dort drüben ist.

Jetzt hat sich der ganze Himmel geöffnet.

Man sollte meinen, ein klares, in Thränen gebadetes Auge schaue voller Sanftmut und Milde auf das Kind hernieder.

»Ich komme, ich komme,« möchte es auf diese strahlende, gesegnete Aufforderung antworten. Der dämmernde Weg ängstigt es nicht mehr. Zwischen weißen Häusern, Obsthecken und Weinbergen, senken sich grüne Abhänge zu einem Fluß hernieder, der auch aus der dunklen Nacht hervorkommt und über und über in dunkelm Blau, zartem Grün und Rosa schillert. Dabei wird das himmlische Licht immer strahlender.

»Ist es noch weit nach Etiolles?« fragt Jack die Erdarbeiter, welche mit übergehängten Säcken in mürrischen, verschlafenen Gruppen vorbeikommen.

Nein es ist nicht mehr weit, er braucht nur den Wald »gradezu« zu verfolgen.

Der Wald erwacht in diesem Augenblick, das große, grüne Gewebe, welches längs des Weges ausgespannt ist, erschauert. Die vom frischen Luftzug getroffenen Zweige rascheln gegeneinander und während die letzten Schatten in der Luft verfliegen, und die Nachtvögel mit leisem schwerfälligem Fluge ihre geheimen Schlupfwinkel aufsuchen, steigt eine zierliche Lerche mit ausgebreiteten Flügeln von der Erde auf, hebt sich hell trillernd höher und schlägt damit jene erste, unsichtbare Brücke, auf welcher sich an schönen Sommertagen die erhabene Ruhe des Himmels mit dem geschäftigen Lärm der Erde verbindet.

Der Knabe schleppt sich nur noch vorwärts.

Ein altes, in Lumpen gehülltes Weib mit boshaftem Gesicht führt eine Ziege vorüber. Er fragt noch einmal:

»Wie weit ist es nach Etiolles?«

Die Alte sieht ihn mürrisch an und zeigt ihm einen schmalen, steinigen Weg, welcher am Waldrande steil hinaufsteigt. Trotz seiner Müdigkeit hält er sich nicht auf. Die Sonne wärmt beinahe schon, aus der Morgenröte ist ein blendender Strahlenkranz geworden. Jack ahnt, daß er sich seinem Ziele nähert. Er geht gebückt, schwankend, von rollenden Steinen gestoßen, aber er geht.

Endlich ist er oben und erblickt einen Kirchturm, der sich über im Grün versteckten Dächern erhebt. Nun vorwärts, nur noch bis dahin! Aber die Kräfte versagen.

Er rafft sich auf, sinkt wieder hin und sieht durch die halbgeschlossenen Augenlider dicht neben sich ein weinumranktes Häuschen, welches von blühenden Glycinen und Kletterrosen bis zum First des Taubenschlages und dem mit neuen roten Ziegeln gedeckten Türmchen umrankt ist. Über der Thür steht in goldenen Buchstaben, von blühendem Flieder beschattet die Inschrift:

» Parva domus, magna quies

Oh das hübsche, kleine, von goldenem Licht umflossene Häuschen! Es ist noch verschlossen, aber man schläft drinnen nicht mehr, denn eine frische, fröhliche Frauenstimme hebt an zu singen:

»Meine Schuhe sind rot.
Mein Lieb, mein Schätzchen«

Die Stimme, das Lied! ... Jack glaubt zu träumen. Da schlagen beide Flügel der Fensterläden gegen die Mauer und eine weiße Frauengestalt erscheint im Morgenanzug, mit hochgewundenen Haaren und erstaunten, schlaftrunkenen Augen.

»Meine Schuhe sind rot,
Sei gegrüßt, mein Lieb.« –

»Mama, Mama ...« ruft Jack mit matter Stimme.

Die Frau stutzt, späht geblendet umher, dann bemerkt sie plötzlich das kleine, hagere, schmutzige, ermattete Wesen.

Sie stößt einen Schrei aus: »Jack!«

Im nächsten Augenblick ist sie neben ihm und erwärmt mit der ganzen Glut ihres Mutterherzens das erstarrte, von den Schrecken der letzten Nacht halbtote Kind.

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