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Alphonse Daudet: Jack - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleJack
publisherVerlag von Neufeld & Henius
printrunZweite Auflage
yearo.J.
translatorW. Vollmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151227
projectid9d16f389
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Sechstes Kapitel.
Der kleine König.

Einige Zeit nach dieser plötzlichen Abreise traf im Gymnasium ein Brief d'Argentons ein.

Der Dichter schrieb seinem »lieben Direktor,« um ihm zu melden, daß der Tod einer Verwandten seine Lage verändert habe, und er infolge dessen um seine Entlassung als Lehrer der Litteratur bäte. In einem Postskriptum fügte er in ziemlich anmaßender Weise hinzu, daß Frau de Barancy, welche Paris plötzlich verlassen müsse, den kleinen Jack der väterlichen Fürsorge des Herrn Moronval schicke. Im Fall einer Erkrankung des Knaben sei unter der Adresse d'Argentons, Paris, an sie zu schreiben, mit der Weisung, den Brief nachzuschicken.

»Der väterlichen Fürsorge Moronvals!« Wie mußte er beim Schreiben dieser Redensart gelacht haben! Als ob er den Mulatten nicht gekannt hätte, als ob er nicht gewußt hätte, wessen sich der Junge in der Anstalt gewärtig sein müsse, sobald man erfuhr, seine Mutter sei abgereist, und es wäre von ihr nichts mehr zu erwarten!

Beim Empfange dieses Schreibens, dieses trockenen, bündigen, durch seine Zurückhaltung beinahe unverschämten Briefes, hatte Moronval einen jener fürchterlichen Wutanfälle, jener unbändigen, wahnwitzigen Ausbrüche, wie er sie manchmal hatte und welche durch das Gymnasium das Beben, die Aufregung, das Entsetzen zittern ließen, das ein Gewitter unter den Tropen hervorruft.

Abgereist!

Sie war abgereist mit diesem Monsieur Beutelleer, mit diesem krummbeinigen Schönthuer, diesem Menschen ohne Geist, Talent oder irgend sonstwas! Na, das würde ihr ja viel Annehmlichkeiten bereiten, das würde ihr recht gut bekommen! Über die Maßen schändlich war's, daß eine Frau von ihrem Alter, denn sie stand doch nicht mehr in der frischesten Jugend, das Herz hatte, auf und davon zu gehen und diesen armen Jungen da zu lassen, in Paris, in den Händen von Fremden.

Und während er noch den armen Jungen seines Loses wegen bemitleidete, legten sich einige Falten um die dicken Lippen des Mulatten, die zu sagen schienen: »Warte! Warte! ich werde schon für ihn sorgen, ich werde für ihn sorgen, für Deinen Jack, und zwar recht väterlich!«

Was ihn vor allem aufbrachte, war weniger der Umstand, daß seine Gier nach Geld unbefriedigt blieb, und daß seine Revue ruiniert war und damit die letzte Hoffnung auf Vermögen für immer scheiterte, als vielmehr die unverschämte, argwöhnische Geheimniskrämerei, dieses mißtrauische, geheimnisvolle Wesen, das diese beiden Menschen annahmen, die sich durch ihn, bei ihm kennen gelernt und denen sein Haus als Vermittler gedient hatte. Er lief nach dem Boulevard Haußmann, um Erkundigungen einzuziehen, irgend etwas zu erfahren; aber dort trat ihm dieselbe Geheimniskrämerei entgegen. Constant erwartete einen Brief von der Gnädigen. Er erfuhr nur, daß man endgültig mit dem »guten Freunde« gebrochen habe, daß man ausziehen würde, und daß das Mobiliar wahrscheinlich verkauft werden würde.

»Ja, ja! Herr Moronval,« setzte das grobe Faktotum hinzu; »es ist ein großes Pech, daß wir den Fuß in Ihre vier Wände gesetzt haben.«

Der Mulatte kehrte ins Gymnasium zurück, überzeugt, man werde nach Ablauf des Quartals den kleinen Jack aus der Schule nehmen, oder er selbst würde gezwungen sein, ihn wegen nicht entrichteter Schulgelder zu entlassen. Daraus ergab sich für ihn, wie für die ganze übrige Anstalt, daß, da es von keinem Nutzen mehr war, den kleinen de Barancy freundlich zu behandeln, es am Platze sei, sich für alle die Flachheiten und all das seichte Gethue zu rächen, womit man ihm seit einem ganzen Jahre gekommen war.

Das fing von oben an, an der Tafel des Direktors, wo Jack von nun an einen Platz bekam, nicht etwa als eines gleichen mit den übrigen Zöglingen, sondern als Märtyrer und Zielscheibe ihres Spottes. Keinen Wein gab's mehr, keinen Kuchen.

Hagebuttensuppe bekam er, wie alle Übrigen; jenes halb salzige, halb süße Zeug, in dem allerhand fremde Körper und Fäden von ungesundem Moos, wie es die Wasser einer Überschwemmung mit sich führen, herumschwammen. Und die ganze Zeit über lauter boshafte, feindselige Blicke, verletzende Anspielungen.

Besonders gern sprach man in seiner Gegenwart von d'Argenton. Das war ein hohler, selbstsüchtiger, eitler Mensch, der sich so stellte, als wäre er ein Dichter. Was seinen Adel anbetraf, so wußte man, was man davon zu halten habe, und die langen, düsteren Gänge, wo er, wie er sagte, seine an Krankheiten reiche Kindheit verbracht, hatten niemals in einem tief im Gebirge verborgenen Schlosse existiert, sondern in dem kleinen Hotel-garni, das seine Tante in der Rue de Courcy besaß, mitten in dem Netze von gewundenen und feuchten Gassen, die um die Sankt-Pauls-Kirche herumliegen.

Sie war aus der Auvergne, die wackere Frau, und jener erinnerte sich gehört zu haben, wie sie ihrem Neffen in selbigen düsteren Gängen zugerufen: »Amaury, mei liewer Junge, bring mer doch' mal 'n Schlissel von Nummer ßiem b 'nauf!« Und der Vicomte brachte ihr den Schlüssel von »Nummer 'ßiem b« hinauf.

Diese rohen Späße und Spötteleien über den Dichter, den er haßte, belustigten den Kleinen; aber ein Etwas hinderte ihn am Lachen, hinderte ihn, sich mit in die lärmende Lustigkeit der »kleinen heißen Länder« zu mischen, die mit außerordentlicher Freude bei jedem Witz von seiten Moronvals ihre niedre Gesinnung an den Tag legten. Und das war der Umstand, daß immer auf die burlesken Enthüllungen Anspielungen folgten auf eine Person, die Jack erkennen zu müssen zitterte, obwohl kein Name genannt wurde. Es klang ganz so, als ob im Geiste dieser Tischgesellschaft Amaury d'Argenton, dieser große heruntergekommene Mensch, dieser lächerliche Schönthuer, irgendwie verknüpft wäre mit jener anderen Person, die das Kind über Alles anbetete und hoch hielt.

Hauptsächlich war es ein gewisses Herzogtum von Barancy, das in allen diesen Gesprächen wiederkehrte.

»Wo denken Sie sich denn dieses Herzogtum überhaupt gelegen?« rief Labassindre. »In der Touraine, oder vielleicht am Kongo?«

»Jedenfalls muß man sagen, daß dieses Herzogtum köstlich unterhalten wird,« entgegnete der Doktor Hirsch mit einem Augenzwinkern.

»Bravo! Bravo! Unterhalten ist sehr gut. Famoser Ausdruck das!«

Und man lachte, man wälzte sich.

Auch von dem berühmten Lord Peambock wurde gesprochen, dem Generalmajor der indischen Armee.

»Ich kannte ihn sehr gut,« sagte der Doktor Hirsch; »er hatte das Kommando über das Regiment der sechsunddreißig Papas.«

»Bravo, der sechsunddreißig Papas!«

Jack senkte den Kopf, betrachtete sein Brot, seinen Teller, und wagte selbst nicht zu weinen, so sehr ihn dieser Hohn quälte und ihn förmlich erstickte. Manchmal verkündigte ihm, ohne daß er eigentlich die Worte, die er vernahm, begriff, ein gewisser beißenderer Hohn im Ausdruck der Gesichter um ihn her, und ein gewisser gemeinerer Spott, der aus dem ihn umtönenden Gelächter herausklang, die Beschimpfung, die man ihm anthun wollte.

Dann sagte Frau Moronval mit sanfter Stimme: »Jack, mein liebes Kind, gehe doch 'mal auf 'ne Minute nach der Küche.«

Dann schalt sie die anderen mit leiser Stimme.

»Bah!« sagte Labassindre, »er versteht's ja nicht.«

Gewiß, alles verstand der arme Junge nicht; aber sein Auffassungsvermögen erschloß sich weiter bei diesen ersten Bekümmernissen, plagte sich damit, die Gründe der gehässigen Verachtung zu finden, mit der man ihn behandelte; und gewisse dunkle Worte, die bei diesen Tischgesprächen gefallen, bohrten sich in sein Gemüt ein und lasteten dort wie ein Zweifel oder wie ein Makel.

Er wußte schon lange, daß er keinen Vater hatte, daß er einen Namen trug, der nicht der seine war, daß seine Mutter keinen Gatten hatte: das diente seinen unruhigen Erwägungen zum Ausgangspunkte. Sein Wesen wurde von einer nervösen Reizbarkeit. Als ihn eines Tages der lange Saïd »Kokottenkind« titulierte, da stürzte er, anstatt wie früher darüber zu lachen, auf den Ägypter los, sprang ihm an den Hals und umkrallte ihn mit zusammengezogenen Fingern, wie wenn er ihn erdrosseln wollte. Auf Saïds Geschrei lief Moronval herzu und zum ersten mal seit seinem Eintritt ins Gymnasium machte der kleine de Barancy Bekanntschaft mit der Karbatsche.

Von diesem Tag an war der Zauber gebrochen. In seinen Anwandlungen, jemanden züchtigen zu müssen, legte sich der Mulatte keinen Zwang mehr auf; auf einen Weißen loszuschlagen, kam ihm so kostbar, so herrlich vor! Jetzt hatte nur noch gefehlt, daß Jack auch in die Küche geschickt würde, dann war sein Schicksal das gleiche, wie das des Maduh. Aber man möge nicht glauben, daß durch diesen Umschwung, der im Gymnasium vor sich ging, das Los, das dem kleinen König beschieden war, auch nur im mindesten gebessert wurde. Im Gegenteil. Er war in noch höherem Grade als sonst, das Marterholz, der Bedauernswerte, der für alle unbefriedigten Gelüste herhalten mußte. Labassindre versetzte ihm Fußtritte, der Doktor hörte nicht auf, ihm die Ohren lang zu ziehen, und der »Papa mit dem gelben Onkel« ließ ihm das zerschlagene Projekt seiner Revue teuer zu stehen kommen.

»Nie zufrieden, nie zufrieden,« wiederholte der unglückliche kleine Neger, gepeinigt durch die tyrannischen Anforderungen seines Gebieters. Zu seiner Entmutigung gesellte sich ein sonderbarer Anflug von Heimweh, den die neue Jahreszeit in ihm wachrief, die Wiederkehr der wärmenden Sonne, die ihn seltsam aufregte, und vor allem war es jener Besuch im Zoologischen Garten, der in ihm lebhafte und jähe Erinnerungen und die Empfindung erweckt hatte, als rufe ihn sein fernes Vaterland.

Der Trübsinn, die Schwermut, mit der ihn das Unglück, verbannt zu sein, erfüllte, trat zuerst in einem eigensinnigen Stillschweigen an den Tag, in einer Ergebenheit und Duldsamkeit, die sich nicht aufbäumte gegen die Anforderungen und die Schläge. Dann nahm das Gesicht Maduhs den Ausdruck des Entschlossenseins an, den Ausdruck einer außerordentlichen Erregtheit. Man hätte meinen mögen, er strebe, wenn er so durch das Haus, durch den Garten lief, und sich seinen mancherlei Obliegenheiten unterzog, einem fernen Ziele zu, einem Allen unbekannten, fernen Ziele. Dieser Gedanke drängte sich einem auf, wenn man seine starren Blicke sah, die in weite Ferne hinausblickten und seinen ganzen Körper mit der Begierde zu erfüllen schienen, diesem weitentlegenen Punkte zuzueilen, gleichsam als ob jemand vor ihm herginge und ihn riefe.

Als eines Abends der Negerjunge sich zu Bett legte, hörte Jack, wie er leise und sanft in seiner fremden Sprache hinsummte, und fragte ihn:

»Singst Du, Maduh?«

»Nein, Herr, mich nicht singen, sprechen negerisch.«

Und nun teilte er vertraulich seinem Freunde alles mit. Er hätte den Entschluß gefaßt, fortzulaufen. Er hätte schon lange daran gedacht, und nur noch die Sonne erwartet, um seinen Entschluß zur Ausführung zu bringen. Jetzt, da die Sonne wiedergekehrt wäre, wollte Maduh nach Dahomey zurückkehren und Kerika wieder aufsuchen. Wenn Jack mit ihm kommen wollte, würden sie zu Fuß bis nach Marseille gehen, sich in einem Dampfschiff verbergen und zusammen übers Meer fahren. Es könnte ihnen nichts Böses zustoßen, da er ja sein Gri-Gri habe.

Der andere machte Einwürfe, Vorstellungen. So unglücklich er auch war, Maduh-Ghesos Land lockte ihn nicht. Das große rote Kupferbecken, voll von abgeschnittenen Köpfen, kam ihm finster und unheimlich in die Erinnerung. Und dann würde er seiner Mama noch ferner sein.

»Na gut!« sagte der Neger ruhig. »Dich bleiben Gymnasium, mich laufen fort ganz allein.«

»Und wann wirst Du fortlaufen?«

»Morgen,« entgegnete der Neger mit entschlossener Stimme, und gleich darauf schloß er die Augen, um einzuschlafen, als ob er aller seiner Kräfte bedürfe.

Der morgende Tag war ein »Syntax-Tag,« wie man auf dem Gymnasium sagte. An solchen Tagen fanden sich die Schüler, um den Unterricht der Frau Decostère zu genießen, im großen Salon ein, weil man zum ausdrucksvollen Lesen des Harmoniums bedurfte. Als Jack eintrat, sah er Maduh stillschweigend den ungeheuren Saal bohnen, und glaubte schon, er habe den Gedanken an seine Flucht aufgegeben.

Ein paar Stunden schon mochten sich die »kleinen heißen Länder« abgequält und sich die Kinnbacken verrenkt haben, »um die Worte richtig zu bilden,« als Moronval den Kopf zur halbgeöffneten Thür hereinsteckte.

»Maduh ist nicht hier, he?«

»Nein, lieber Freund,« entgegnete Frau Moronval-Decostère, »ich habe ihn auf den Markt geschickt. Er besorgt die Einkäufe.«

Dieses Wort »Einkäufe« zauberte auf alle diese Kindergesichter einen so innigen Ausdruck des Glückes, daß sie aus Verlangen sofort die genaue und richtige Bildung dieses Wortes würden zu Wege gebracht haben. Sie wurden gar so kärglich gehalten, bei gar so schmaler Kost! Jack, den der Hunger weniger plagte, dachte an das Gespräch vom vorigen Abend, das, da es einen Moment vorm Einschlafen geführt worden war, in seiner Seele wie ein Traum haften geblieben war.

Herr Moronval ging hinweg, um nach einigen Minuten wieder zurückzukommen.

»Nun, und Maduh?«

»Er ist noch nicht zurück ... ich begreife gar nicht,« sagte die kleine Frau, die ihrerseits auch unruhig wurde.

Zehn Uhr, elf Uhr, noch immer kein Maduh. Der Unterricht war schon lange zu Ende. Schon war die Stunde da, wo sonst immer aus der Küche im Erdgeschoß, aus der so engen und so ärmlichen Küche, warme Dünste emporstiegen, die die wilde Eßlust der Schüler über die Maßen wachriefen. Nichts von alledem an diesem Mittag, kein Gemüse, kein Fleisch, und noch immer kein Maduh.

»Es ist ihm vielleicht etwas zugestoßen,« sagte Frau Moronval, die weit nachsichtiger war als ihr übelgelaunter Gatte, welcher von Zeit zu Zeit, die Karbatsche in der Hand, an den Thorweg hinausging, um auf die Ankunft des Negerjungen zu lauern.

Endlich tönten die zwölf Schläge der Mittagsstunde von allen Kirchtürmen, von allen Turmuhren, von allen Stubenuhren der Nachbarschaft, und meldeten jene Ruhestunde, welche die Arbeit des Tages in zwei fast gleiche Teile schneidet. Dieses lustige Geläute erzitterte in dumpfem Widerhall in den hohlen Mägen aller, die in den Mauern des Gymnasiums weilten. Und während die Ruhe sich über die Fabriken der Umgegend legte, und während selbst aus den ärmlichen baufälligen Häusern der Gasse alle glimmenden Feuer das Geräusch von brodelnden Braten und appetitanregende Düfte entsandten, überließen sich Lehrer und Schüler mäßig dem thörichten Harren auf das Manna, dessen sie ermangelten.

Man stelle hier sich vor die ausgehungerte Anstalt, die, ohne alle Lebensmittel, wie ein Schiff in Not verloren ist inmitten eines Ozeans von an Mahlzeiten sich erfreuenden Menschen!

Die »kleinen heißen Länder« hatten verzerrte Gesichter, stiere Augen, und in ihrem Innern, das der Hunger zusammenkrampfte, fühlten sie ihre frühere, kannibalische Wildheit erwachen. Gegen zwei Uhr beschloß Frau Moronval-Decostère, trotz ihrer eingebornen Vornehmheit, selbst in den Metzgerladen zu gehen, denn sie wagte nicht, den Auftrag irgend einem der kleinen Ausgehungerten zu geben, die wohl fähig gewesen wären, unterwegs alles zu verschlingen.

Als sie wiederkam, beladen mit mächtigen Broten und fettigen Papierpacketchen, empfing man sie mit einem begeisterten Jubelgeschrei, und erst dann, als die erschöpfte Phantasie aller durch die Mahlzeit wieder belebt war, teilten sie einander die Vermutungen und Befürchtungen mit, die das Ausbleiben des kleinen Königs wachrief. Moronval seinerseits glaubte nicht daran, daß ihm etwas zugestoßen sei; er hatte der triftigen Gründe genug, weshalb er an eine Flucht glaubte.

»Wie viel Geld hat er denn bei sich?« fragte er.

»Fünfzehn Franken!« ... antwortete ängstlich seine Frau.

»Fünfzehn Franken! ... dann ist es gewiß, er hat sich aus dem Staube gemacht!«

»Es ist doch aber nicht gut möglich, daß er mit fünfzehn Franken bis nach Dahomey kommt,« sagte der Doktor.

Moronval schüttelte den Kopf und brachte die Sache sofort bei dem Polizeikommissar des Stadtviertels zur Anzeige.

Die Geschichte kam ihm sehr ungelegen. Er müßte den Jungen um jeden Preis wieder bekommen und ihn verhindern, bis nach Marseille zu gelangen.

Der Mulatte hatte Angst vor den Wahrnehmungen, die der »Mußje Bonfils« machen möchte. Dann ist ja doch die Welt auch so schlimm. Der kleine König konnte sich über schlimme Behandlungsweise beklagen, die man ihm hatte angedeihen lassen, und konnte dadurch das ganze Pensionat in Verruf bringen. So ließ er es sich in der Aussage, die er bei dem Polizeikommissär niederlegte, recht sehr angelegen sein, hervorzuheben, daß Maduh eine sehr beträchtliche Summe Geldes mitgenommen hätte. Worauf er mit uninteressierter Miene hinzusetzte, daß ihn die Geldfrage in sehr geringem Maße beschäftigte, daß er vor allem an alle die Gefahren dächte, denen dieses unglückliche Kind, dieser arme kleine, von seinem Throne gestürzte, aus seinem Heimatslande in die Verbannung gejagte König entgegenliefe.

Bei dieser Erzählung wischte sich der Heuchler die Augen; die Polizisten trösteten ihn:

»Wir finden ihn wieder, Herr Moronval, seien Sie ohne Sorge.«

Dennoch war Herr Moronval sehr unruhig und dermaßen aufgeregt, daß er, anstatt zu Hause ruhig den Erfolg der Nachforschungen abzuwarten, wie ihm der Kommissar riet, sich sofort von allen »kleinen heißen Ländern« und unserm Freund Jack begleitet auf den Weg machte, um die Bemühungen der Polizei zu unterstützen.

Vor allen Stadtthoren wurden weitläufige Nachsuchungen angestellt.

Der Mulatte erkundigte sich bei den Zollwächtern, gab ihnen Maduh's Signalement, während die Kinder auf die langen Landstraßen hinausschauten, ob sie nicht zwischen den leeren Karren und marschierenden Regimentern den schwarzen Schatten des kleinen Königs verschwinden sähen. Schließlich begab man sich zur Meldezeit auf die Polizeipräfektur, oder man besuchte morgens die Wachtstuben, wenn die Thüren des »Hundelochs« sich öffnen und der große, nächtliche Fischzug gemustert wird, der soviel Elend und Schlechtigkeit ans Tageslicht fördert.

O, wieviel Schlamm bringt dieses schreckliche Netz mit herauf, wenn es bis auf den dichtbelebten Grund der Großstadt taucht! Oft ist dieser Schlamm rot und strömt einen faden Geruch nach Blut und Verbrechen aus. Welch' sonderbarer Einfall, Kinder dahin zu bringen, ihnen diese Scheußlichkeiten vor die Augen zu führen, ihre Nerven mit dem Wimmern der Bittenden, dem Geheul und Schluchzen, den Flüchen und wüsten Liedern, mit aller jener Höllenmusik zu erschüttern, die man in den dichtbesetzten Wachtstuben hört, und die ihnen den höhnischen, traurigen Spitznamen »das Hundeloch« eingetragen hat.

Das nannte der Direktor: seine Schüler mit dem Pariser Leben bekannt machen!

Die »kleinen, heißen Länder« begriffen das, was sie sahen und hörten, nicht ganz, aber sie nahmen einen düsteren Eindruck mit sich fort; besonders Jack, dessen Verständnis reger und feiner war, kehrte von diesen Ausflügen mit blutendem Herzen, unruhig und ganz erschüttert von dieser Kehrseite von Paris zurück, während er mit Schrecken dachte:

»Maduh ist vielleicht dort!«

Dann tröstete er sich mit dem Gedanken, daß der kleine Neger so schnell ihn seine Füße trugen, auf der Straße nach Marseille dahineilte, die er sich grade wie eine 1 vorstellte, mit dem Meer am Ende und reisefertigen Schiffen darauf.

Jeden Abend wenn er in den Schlafsaal trat, empfand Jack ein Gefühl der Freude, sobald er den leeren Platz seines Genossen erblickte.

»Jetzt wandert wohl der kleine König,« sagte er sich und vergaß für einen Augenblick sein eigenes trauriges Dasein, die Einsamkeit, in der ihn seine Mutter zurückgelassen.

Nur ein Umstand beunruhigte ihn inbetreff Maduh's.

Das Wetter, welches am Tage seiner Flucht so schön war, hatte sich plötzlich geändert. Regengüsse wechselten mit Schnee- und Hagelstürmen und den wenigen Sonnenblicken folgten solche Schauer, daß die »kleinen heißen Länder«, die unter ihrem ächzenden, klirrenden, von Windstößen geschüttelten Glasdach schliefen, von langen Seereisen träumen und einen Begriff von dem offenen Meer und seinen Gefahren bekommen konnten.

Jack, der zu einem Knäuel zusammengerollt unter seiner Decke lag, um sich vor dem wie Peitschenhiebe durch den Schlafsaal sausenden Zugwind zu schützen, verfolgte in Gedanken den Weg Maduh-Gheso's. Er sah ihn am Grabenrand oder einer Waldecke kauern, den Windstößen und Regengüssen preisgegeben, in seinem engen, roten Kittel als einzigen Schutz gegen die Unbilden des Wetters. Aber ach, die Wirklichkeit war noch viel trauriger, als alle Mutmaßungen.

»Sie haben ihn gefunden!« schrie Moronval eines Tages in den Speisesaal stürzend, als die Zöglinge im Begriff waren sich zu Tisch zu setzen. »Sie haben ihn, soeben erhielt ich die Anzeige von der Polizeipräfektur. Rasch meinen Hut und Stock, ich will ihn von der Wache abholen!«

Er befand sich in einem Zustand grausamer Wut und Schadenfreude.

Um ihrem Lehrer zu schmeicheln und zugleich die ihnen eigentümliche Lust am Geschrei zu befriedigen, begrüßten die »kleinen heißen Länder« die Nachricht mit einem entsetzlichen Hurrah; nur Jack mischte seine Stimme nicht in dieses Triumphgebrüll, sondern dachte:

»Armer Maduh.«

Maduh befand sich wirklich seit gestern Abend auf der Wache.

In dieser Kloake, inmitten dieser Übelthäter und Vagabunden, dieser Horde von Menschen, die sich faul, erschöpft oder trunken durcheinander auf den Matratzen am Boden wälzten, wurde der zukünftige Thronerbe von Dahomey von seinem ausgezeichneten Lehrer aufgefunden.

»O unglückliches Kind, in welchem Zustand muß ich ... Dich ...«

Der würdige Mann konnte vor Rührung und freudiger Überraschung kein Wort hervorbringen, und als er seine langen Arme wie gierige Fühlfäden um den Hals des kleinen Negers schlang, da konnte der ihn begleitende Polizei-Inspektor nicht umhin zu denken:

»Alle Achtung, das ist doch ein Institutsvorsteher, der seine Schüler liebt.«

Im Gegensatz dazu erschien Maduh's Gleichgültigkeit beinahe herzlos. Beim Anblick Moronval's verrieten seine Züge weder Freude noch Trauer, Scham oder Überraschung, ja nicht einmal jenen heiligen Schrecken, welchen der Mulatte sonst einflößte und den die Umstände nach verstärken mußten.

Seine Augen schauten abwesend aus seinem erloschenen, blassen Gesicht. Was diese Erschlaffung noch besonders hervortreten ließ, war der schmutzige verwahrloste Zustand seines Äußeren, welches einem Bündel unsauberer Lumpen glich. Von den wolligen Haaren bis zu den Füßen war er mit einer Schmutzschicht bedeckt, die in staubfarbigen trockenen Krusten abfiel. –

Er glich einem amphibienartigen Wesen, welches sich abwechselnd im Wasser und im trockenen Sande gewälzt hat.

Was mochte ihm zugestoßen sein?

Er allein konnte es erklären, wenn er gewollt hätte. Der Inspektor wußte nur, daß ihn Sicherheitswächter bei ihrem Rundgang in den Steinbrüchen auf einem Kalkofen liegend, halb tot vor Hunger und ganz verschmachtet von der Ofenhitze gefunden hatten. Weshalb war er denn noch in Paris? Wer hatte ihn an der Flucht gehindert? Moronval fragte ihn nicht, richtete während der langen Fahrt nach dem Gymnasium kein Wort an ihn.

Zwischen dem erschöpften, traurigen, eingeschüchterten Kinde, welches einem Bündel gleich in der Ecke kauerte, und dem ernsthaften, triumphierenden Direktor wurden nur Blicke gewechselt.

Aber was für Blicke!

Als Jack die armselige, schwarze, runzlige Gestalt in ihren Lumpen vorfahren sah, erkannte er den kleinen König kaum.

Maduh rief ihm mit unaussprechlicher Trauer ein »Guten Tag, Herr« zu; dann war während des Tages nicht mehr von ihm die Rede.

Der Unterricht fand in der gewöhnlichen Unordnung statt, ebenso die Freistunden. Von Zeit zu Zeit vernahm man mit verschiedenen Unterbrechungen aus dem Zimmer des Direktors schwere, dumpfe Schläge und lautes Stöhnen.

Am Abend fand Jack das Bett neben dem seinigen besetzt. Er hätte gern mit Maduh gesprochen, um die Einzelheiten seiner mühseligen, kurzen Reise zu erfahren, aber Frau Moronval und Doktor Hirsch waren da und beugten sich über den Kleinen, der im Schlafe tief seufzte, wie nach einem Tage voller Erschöpfung und Thränen.

»Sie glauben also wirklich nicht, Herr Hirsch, daß er krank ist?«

»Nicht mehr, als ich, Frau Moronval, die Sorte ist widerstandsfähig, wie ein Panzerschiff.«

Als sie hinaus waren, ergriff Jack Maduh's Hand, die abgezehrt und heiß wie ein eben aus dem Ofen gekommener Ziegel auf der Decke lag.

»Guten Abend, Maduh.«

Maduh öffnete die Augen und sah seinen Freund voll finsterer Verzweiflung an:

»Alles aus mit Maduh,« sagte er leise, »Maduh Gri-Gri verloren, niemals Dahomey wiedersehen ... Alles aus ...!«

Der kleine König sprach an diesem Abend nicht mehr, so erschöpft war er, und sein Bettnachbar mußte einschlafen, ohne mehr zu erfahren.

Mitten in der Nacht erwachte Jack plötzlich. Maduh lachte, sang und sprach mit außergewöhnlicher Lebhaftigkeit in der Sprache seines Landes. Das Delirium begann.

Am Morgen erklärte Doktor Hirsch, den man in aller Eile hatte kommen lassen, daß Maduh schwer krank sei.

»Eine nette kleine Gehirnentzündung,« meinte er und rieb sich die glatten, gelben Finger, die wie ein Knöchelspiel aussahen. Seine Brillengläser funkelten, er sah entzückt aus.

Frau Moronval hatte die Absicht, einen wirklichen Arzt kommen zu lassen, aber der weniger gefühlvolle Direktor, welcher Kosten scheute, die ihm vielleicht niemals ersetzt wurden, fand, daß der Doktor Hirsch genügte, um diese Meerkatze zu pflegen und überließ ihm den Kranken vollständig.

Um seinen Patienten ganz und gar für sich zu haben, schützte der sonderbare Doktor Ansteckungsgefahr vor und ließ Maduh's Bett an das andere Ende des Gartens in eine Art Verschlag bringen, der gleich den übrigen Gebäuden der ehemaligen photographischen Anstalt und Reitbahn mit Glas gedeckt und mit einem Kamin versehen war.

Acht Tage lang konnte er an seinem kleinen Opfer die Heilkünste aller Barbarenvölker erproben und es nach Herzenslust quälen; dieses wiederstrebte so wenig, als ein kranker Hund. Wenn der Doktor mit kleinen, schlechtverschlossenen Fläschchen beladen, die mit allerhand verschiedenartig zusammengestellten Pulvern gefüllt waren, in den Verschlag trat und die Thür sorgfältig hinter sich schloß, so dachte jeder:

»Was wird er nun mit ihm machen?«

Die »kleinen heißen Länder«, für die ein Arzt etwas von einem Magier oder Zauberer an sich hatte, drehten die Köpfe und rollten die Augen, sobald sie ihn erblickten. Aber jede Annäherung war ihnen der Ansteckung wegen verboten.

Auch Jack hätte seinen Freund Maduh gern gesehen, und die Schwelle betreten, welche so sorgfältig bewacht wurde. Endlich machte er einen Augenblick ausfindig, als der Doktor, um eine vergessene Medizin zu holen, den Weg entlang eilte und betrat mit dem langen Saïd das improvisierte Krankenzimmer.

Es war ein halb ländlicher Raum, in welchem Gartengerätschaften, Blumenstecklinge und gegen Frost empfindliche Pflanzen aufbewahrt wurden. Das eiserne Bett, auf welchem Maduh ruhte, stand auf der gestampften Erde. In der Ecke lagen thönerne Blumentöpfe aufgeschichtet, daneben Stücke Eisengitter und zerbrochene Scheiben. Vertrocknete Ranken und dicke Ballen abgestorbener Wurzeln vervollständigten den trostlosen Anblick. Im Kamin flammte das Feuer, als hätte sich eine zarte verwöhnte, kleine Tropenpflanze dorthin geflüchtet, und erfüllte den Verschlag mit erstickender, einschläfernder Wärme.

Maduh schlief nicht, seine arme, kleine, leidende, immer mehr verkümmernde Gestalt trug noch immer denselben Ausdruck vollkommener Gleichgültigkeit. Seine schwarzen Hände krampften sich auf der Decke zusammen. Es lag etwas Tierisches in diesem Sichgehenlassen, in diesem Verzicht auf alles, was ihn umgab, in der Art und Weise, wie er sich nach der Wand drehte, als hätten sich unsichtbare Wege für ihn zwischen den geweißten Mauersteinen eröffnet, als sei jeder Riß in dem alten Gebäude ein sonniger Ausblick geworden in ein Land, welches er allein kannte.

Jack näherte sich dem Bett:

»Ich bin es Maduh, Herr Jack.«

Der andere sah ihn verständnislos an, ohne zu antworten; er verstand nicht mehr Französisch. Alle Methoden der Welt hätten hier nichts mehr vermocht; die Natur ergriff wieder Besitz von dem kleinen Wilden.

In seinem Delirium, in dem er sich nicht mehr gehörte, sprach Maduh nur noch Dahomeyisch. Jack redete ihn noch einmal ganz leise an, während sich der ältere Saïd der Thür näherte, ergriffen von der Kälte, welche die großen Flügel des Todes um ihn her verbreiten, wenn er langsam wie ein schwebender Vogel auf die verdüsterte Stirn des Sterbenden herniedersteigt.

Plötzlich stieß Maduh einen tiefen Seufzer aus ... Die beiden Knaben sahen sich an:

»Ich glaube, er schläft ...« murmelte Saïd erbleichend.

Jack erwiderte leise und ängstlich:

»Ja, Du hast recht, er schläft, ... laß uns gehen.«

Beide gingen eilig hinaus und überließen ihren Gefährten jenem dunkeln Schatten, der ihn umgab und der noch düsterer erschien an diesem wunderlichen, von einem grünlichen Dämmerlicht erleuchteten Ort.

Nun ist die Nacht hereingebrochen. In dem verlassenen dunklen Schuppen, dessen Thür die Knaben im Hinausgehen geschlossen haben, leuchtet das Herdfeuer und dehnt sich nach allen Seiten, als suche es etwas. Es läßt die zerbrochenen Scheiben aufblitzen, taucht bis auf den Grund der Blumenvasen, klettert am Gitter in die Höhe, und bewegt sich unaufhörlich, ohne etwas zu finden. Der Schein wandert über das eiserne Bett, über jenen kleinen, roten Kittel, dessen Ärmel eine so friedliche, ruhende Stellung angenommen haben; aber auch dort scheint nichts zu sein, denn die Flamme fährt fort, über Thür und Decke zu leuchten, bis sie endlich müde und erschöpft gewahr wird, daß ihr Feuer vergebens ist, daß sie niemand mehr zu erwärmen braucht und sie sich in die Asche verkriecht und erlischt, wie jener frostige, kleine König, der sie so liebte.

Armer Maduh! Der Hohn des Schicksals verfolgte ihn noch im Tode; der Institutsvorsteher zögerte lange, ob er ihn wie einen Bedienten, oder wie eine königliche Hoheit beerdigen lassen sollte. Auf der einen Seite schien der Kostenpunkt bedenklich, während auf der andern die Eitelkeit und Reklamesucht den Sieg davontrug. Nach vielem Zögern sagte sich Moronval, daß etwas Außerordentliches geschehen müsse und daß, da der kleine König zu Lebzeiten nicht alle Erwartungen erfüllt habe, es recht und billig sei, aus seinem Tode Nutzen zu ziehen.

Man veranstaltete also ein großartiges Begräbnis.

Alle Zeitungen brachten eine Lebensbeschreibung des kleinen Königs von Dahomey, leider nur kurz und der Dauer seiner Existenz angemessen, aber von einer langen Lobrede auf das Gymnasium Moronval und seinen Direktor umgeben. Die Vorzüge der Methode Decostère, das Wissen des dem königlichen Kinde zugethanen Arztes, die Einrichtung des Instituts, nichts war vergessen und am rührendsten war die Einmütigkeit dieser Lobsprüche.

Endlich an einem Maitage sah Paris, welches trotz seiner zahllosen Beschäftigungen und seiner fieberhaften Thätigkeit, dennoch ein offnes Auge hat für alles, was vorgeht, einen prunkvollen, seltsamen Leichenzug die Boulevards entlang ziehen.

Vier kleine schwarze Schüler hielten die Schnüre eines Leichenwagens erster Klasse. Hinter ihnen trug ein gelbhäutiger mit einem Fez geschmückter Zögling – unser Freund Saïd – auf einem Sammtkissen irgendwelche, absonderliche Orden, sozusagen die königlichen Abzeichen. Dann folgte der Mulatte in weißer Kravatte, umgeben von Jack und den anderen »heißen Ländern«; dann die Lehrer, die Freunde des Hauses und jene verdächtigen Gestalten, die wehklagend in regellosem Durcheinander folgten. Sie alle zogen mit kläglichen Gebärden, vom Tageslicht geblendet dahin, es war ein Zug, wie er dem kleinen entthronten König zukam. Besaßen diese unglücklichen Verblendeten nicht auch Ansprüche auf irgend ein eingebildetes Königreich, welches sie niemals beherrschen sollten?

Um die jammervolle Leichenfeier noch trauriger zu gestalten, fiel unaufhörlich ein dichter, feiner prasselnder Regen, als verfolge die Kälte den kleinen König hartnäckig bis in die Erde, in der er ruhen sollte. Ja bis in die Erde, denn die Rede, welche Moronval am hinabgesenkten Sarge hielt, dieser Schwall von Gemeinplätzen und hochtrabenden, eisigen Worten, war nicht dazu angethan, Dich zu erwärmen, mein armer Maduh. Der Mulatte sprach von den Tugenden, dem klaren Verstande des Verstorbenen, welch musterhafter Herrscher er eines Tages geworden wäre und schloß seine Leichenrede mit dem faden Ausspruch, der in solchen Fällen paßt:

»Er war ein Mensch!« sprach er pathetisch.

Ja er war ein Mensch!

Für diejenigen, welche dieses kleine bemitleidenswerte, sympathische Affengesicht, diese durch entwürdigende Dienstbarkeit verlängerte Kindheit in Sprache und Wesen gekannt hatten, klangen Moronvals Worte ebenso betrübend, als komisch.

Dennoch war unter all den Krokodilsthränen, die Maduh beweinten, ein wahres Gefühl, ein aufrichtiger Schmerz, derjenige Jacks. Der Tod seines Kameraden hatte einen tiefen Eindruck hinterlassen, und die kleine Mohrenfratze mit dem düsteren, trostlosen Ausdruck, die er in dem dämmerigen Schuppen gesehen, verfolgte ihn tagelang. Dazu kam in diesem Augenblick auch noch die Nachwirkung der schauerlichen Leichenfeier und das Bewußtsein seines eigenen Unglücks. Seit der Neger nicht mehr war, fühlte er sich ganz allein dem Zorn seines Lehrers ausgesetzt; die »kleinen heißen Länder«, so verlassen sie sein mochten, hatten doch alle Berichterstatter, welche sie dann und wann besuchten und gegen allzu sichtbare Gewaltthätigkeiten Einspruch erhoben hätten. Jack war seinem Schicksal überlassen, das sah er wohl ein. Seine Mutter schrieb ihm nicht, kein Mensch im Gymnasium wußte, wo sie sich befand. O, wenn er es nur erfahren konnte, wie würde er sich beeilt haben, zu ihr zu flüchten, ihr sein Leid zu klagen.

Daran dachte der kleine Jack, während er die lange, schmutzige Straße vom Kirchhof hinabschritt. Vor ihm gingen Labassindre und der Doktor Hirsch, welche sich sehr laut unterhielten, da hörte er sie sagen:

»Sicherlich ist sie in Paris.«

Mechanisch horchte Jack auf.

»Ich habe sie vorgestern über den Boulevard gehen sehen.«

»Und er?«

»Tausend, Du denkst wohl, sie sind zusammen zurückgekommen?«

Er, sie, das waren ein paar unbestimmte Bezeichnungen und doch fühlte sich Jack so aufgeregt, als höre er jene Tischgespräche, die ihn so folterten. In der Tat verrieten ihm die im nächsten Augenblick sehr deutlich ausgesprochenen beiden Namen, daß er sich nicht täuschte. Seine Mutter war also in Paris, in derselben Stadt wie er, und kam nicht her, ihn zu liebkosen. –

Wenn ich zu ihr ginge! fiel ihm plötzlich ein.

Während des weiten Weges vom Père Lachaise bis zur Avenue Montaigne beschäftigte ihn unausgesetzt der Gedanke: Fliehen, die Unordnung benutzen, in welcher die Zöglinge jetzt zurückkehren; von der Anstrengung ermüdet, achtet keiner auf Ordnung und Haltung, nun die Vorstellung beendet ist.

Moronval, von seinen Lehrern und einer Gruppe fragwürdiger Gestalten umgeben, eröffnete den Zug und wendete sich von Zeit zu Zeit mit einer aufmunternden Geste »Vorwärts« zu dem langen Saïd, welcher eine zweite Schar leitete. Der Ägypter übermittelte den Ruf des Lehrers den kleinen Beinen, welche in weiter Entfernung mühsam folgten. »Vorwärts, vorwärts!« Darauf setzten sich die Nachzügler in Trab, um den Haupttrupp, so gut es ging, zu erreichen, nur Jack blieb anscheinend sehr ermüdet mehr und mehr zurück.

»Vorwärts,« rief Moronval.

»Vorwärts, vorwärts,« wiederholte der Ägypter.

Am Eingang der Champs-Elysées drehte sich Saïd noch einmal um und telegraphierte mit seinen langen Armen, ließ sie aber sogleich mit bestürzter Miene sinken.

Der kleine Jack war verschwunden.

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