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Alphonse Daudet: Jack - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleJack
publisherVerlag von Neufeld & Henius
printrunZweite Auflage
yearo.J.
translatorW. Vollmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151227
projectid9d16f389
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Drittes Kapitel.
Größe und Untergang des kleinen Königs Maduh-Gheso.

Wenn das Gymnasium Moronval noch besteht, was ich mir zu glauben schmeichle, so denunziere ich der Sanitätspolizei den Schlafsaal dieser ehrsamen Erziehungswerkstatt als den ungesundesten, den verschrobensten, den nässesten Ort, wohin man jemals Kinder für die Nacht gebettet hat.

Stelle man sich ein langes Gebäude vor tief unten im Erdgeschoß, ganz ohne Fenster, bloß von oben erhellt durch ein Glasdach in der Decke und von einem unausrottbaren Dufte nach Kollodium und Äther erfüllt, denn es war ehedem als Raum für photographische Präparate benützt worden. Das Ding war in einem jener Pariser Gartenwinkel gelegen, wo sich große, düstere, stumme, mit Epheu überrankte Mauern erheben, deren Schatten überall, wohin er dringt, Feuchtigkeit und Nässe verbreitet.

Das Schlafzimmer lehnte sich an der Rückwand von einem stattlichen Hotel gegen einen Stall, der fortwährend voll war von Hufgestampf und von dem Geplätscher eines fortwährend in Thätigkeit befindlichen Röhrbrunnens – und dies drückte dem verwaschenen Anblick dieser Gicht-Büchse den Stempel auf, die bis zur mittlern Wandhöhe von einem unheimlichen grünen Bande umzogen war, das ganz so aussah wie die Wasserlinie an einem Schiffsrumpfe.

Hier war es immer feucht, vom ersten Tage des Jahres bis zu seinem letzten, mit dem einzigen Unterschiede bloß, daß die Feuchtigkeit je nach dem Stande der Jahreszeiten entweder sehr kalt war, oder sehr heiß war. Zur Sommerzeit fühlte sich diese, von aller Luft abgeschnittene, durch ihr Glasdach überheizte Büchse, die alle ihre Tageswärme auf Kosten der Nacht verdunstete, mit einer dämpfigen Luft wie eine Badezelle, und schwitzte aus allen ihren brüchig gewordenen Steinen.

Dazu kam noch, daß eine Unzahl von kleinen Lebewesen, die durch die Nachbarschaft des alten Epheus einen trefflichen Nährboden fanden, durch die hellen Glasscheiben angezogen, zu den kleinsten Rissen und Spalten hereinkrochen, summend und knisternd an der Decke oben herumflogen oder herumliefen und dann, von der weißen Farbe des Bettzeugs angelockt, sich auf die Betten niederfallen ließen.

Die winterliche Feuchtigkeit war im Grunde doch besser. Die Kälte senkte sich, wenn die Sterne zu funkeln anfingen, vom Himmel hernieder und stieg durch die Spalten der Verschläge und die geringe Dichtigkeit und Stärke des Fußbodens vom Erdboden herauf; man konnte sich aber in seine Bettdecken einhüllen, konnte die Kniee bis zum Kinn heraufziehen und sich nach Verlauf von ein paar Stunden ganz hübsch durchwärmen.

Das väterliche Auge Moronval's hatte die Bestimmung allsogleich begriffen, welche dieser Art von überflüssigem Schuppen zu geben war, der völlig vereinsamt lag zwischen Haufen von Kehricht und Unrat, und mit jener schwärzlichen Farbe überdeckt war, welche leerstehenden Gebäuden in Paris sehr rasch durch die mit dem Rauche dort sich mischenden Platzregen eingeimpft wird.

»Hier das Schlafzimmer!« hatte der Mulatte gesagt, ohne sich zu besinnen.

»Es wird vielleicht ein bischen feucht sein,« wagte Frau Moronval leise einzuwenden.

Er höhnte: »Unse'e kleinen, heißen Lände' we'den es hie' 'echt f'isch haben ...«

Nach vernünftigen Begriffen war in dem Raume Platz für zehn Betten. Es wurden ihrer aber an die zwanzig aufgestellt, im Hintergrunde befand sich der Waschraum, dargestellt durch eine mächtige Waschschüssel, vor der Schwelle lag ein schlechter Teppich – und dieses Loch war der »fü' die Zöglinge 'ese'vie'te Schlafsaal,« wie Herr Moronval sich ausdrückte.

Warum denn schließlich auch nicht?

Ein Schlafsaal ist doch ein Raum, in welchem man schläft. Nun! die Kinder schliefen dort trotz der Wärme, trotz der Kälte, trotz des Mangels an Luft, trotz der Tiere und Lebewesen, trotz des Spektakels, den der Röhrbrunnen machte, und trotz der wütenden Hufschläge, mit denen die Pferde gegen die Wände donnerten. Sie bekamen Gicht und Reißen, Augenkrankheiten, litten an Lungen- und andren Entzündungen. Aber sie schliefen mit geballten Fäusten friedlich, lächelnd, seufzend, gepackt von jener wohlthätigen Betäubung des auf Spiel- und Leibesübung und sorgenlose Tage folgenden Schlafes.

O du heilige Kindheit!

... In der ersten Nacht, die er hier weilte, konnte Jack kein Auge schließen. Noch nie bisher hatte er in einem fremden Hause geschlafen, und dieser Abstand zwischen seinem kleinen, von einer Nachtlampe erhellten, mit seinem Lieblingsspielzeug angefüllten Schlafzimmerchen und zwischen der Finsterkeit und wunderlichen Beschaffenheit des Raumes, in welchem er sich jetzt befand, war groß, war außerordentlich.

Sobald die Zöglinge zu Bett gegangen waren, hatte der schwarze Diener die Lampe fortgetragen, und seitdem lag nun Jack und wachte.

In dem bleichen Lichte, das sich von dem schneebeladenen Glasfenster herniedersenkte, betrachtete er diese eisernen Bettstellen, die Fuß an Fuß in der vollen Länge des Saales aufgestellt und zum weitaus größern Teile unbesetzt, die flach und eingelegen waren und deren Decken an einem Ende zu einem Haufen zusammengerollt lagen. Sieben bis acht Betten waren bloß von Schläfern besetzt, in die Höhe gebauscht von den Bewegungen, die diese im Schlafe machten, und durch einen Atemzug, durch einen Schnarchlaut, durch einen hohlen, unter den Decken erstickten Husten in Bewegung und Leben geratend.

Der neue Zögling hatte den besten Platz – ein bischen geschützt vor dem Windzuge, welcher von der Thür her durch den Raum strich, und vor dem Getöse, das aus dem Pferde-Stalle herüberschallte.

Trotzdem wurde er nicht warm, und die Kälte, in Verbindung mit der unvorhergesehenen Wendung, die das Leben für ihn genommen hatte, mit den ungewohnten Dingen, in die er hier hineintrat, hielt ihm die Augen offen. Durch die Wogen des langen Wachens geschaukelt, sah er den ganzen Tag, den er heut verlebt, jetzt nochmals an sich vorüberziehen, beleuchtet von ganz bestimmten Einzelheiten, wie sich das oft im Traume fügt, wo der Gedanke, durchsetzt von großen Lücken, sich immer wieder durch leuchtende, von Erinnerungen getränkte Fäden mit sich selbst verknüpft.

So waren dem Geiste des Kindes Moronvals weiße Kravatte, sein Schattenriß, der ganz so, wie eine lange Heuschrecke aussah, deren Beine gewissermaßen durch die scharf an den Leib gestemmten Ellbogen dargestellt wurden – ebenso die riesig gewölbten Brillengläser des Doktors Hirsch, sein mit Flecken sterndicht besäter Überrock, gegenwärtig, und vor allem andren der hochmütige, eisige, höhnische und blaue Blick »des Feindes.«

Der Schreck, den ihm dieser letzte Gedanke verursachte, war derartig stark, daß er sogleich nachher seiner Mama als eines Schutzes, als einer Wehr gedachte ... Was that seine Mama wohl in diesem Augenblick? Es schlug elf Uhr von allen möglichen fernen Türmen und allen möglichen fernen Uhren. Zweifelsohne war sie auf dem Ball, im Theater. Sie kehrte nun gewiß bald, eingehüllt in ihre warmen Pelze und in die Spitzen ihrer weichen Kapuze, von dem Balle nach Hause zurück.

Wenn sie so, und mochte die Zeit noch so weit vorgerückt sein, nach Hause zurückkam, dann öffnete sie die Thüre, die zu Jack's Schlafzimmer führte, und trat dann an sein Bett heran: »Du schläfst wohl schon, Jack?« Und wenn er auch schon schlief, so fühlte er doch, daß sie bei ihm weilte, und dann lächelte er, bot ihr die Stirn und schaute mit seinen halbgeschlossenen Augen auf den Pelz und die Pracht ihrer Toilette, ihres Schmuckes. Es verblieb seinem Geiste von dieser Erscheinung ein strahlendes, balsamisch durchduftetes Bild, das Bild gleichsam einer Fee, die auf einer Wolke im Regenbogen zu ihm herniedergestiegen.

Und jetzt ...

In die viele Trauer aber, die ihm der Tag gebracht, glitten doch einige Punkte selbstsüchtiger Freude hinein: die Tressen, das Käppi, und das glückliche Gefühl, seine langen Beine unter einer blauen, mit rotem Paspel verbrämten Hose versteckt zu haben. Das Kostüm war ihm ein bischen lang, sollte aber geändert werden. Frau Moronval hatte sogar schon die einzunähenden Stellen mit Stecknadeln bezeichnet. Dann hatte er gespielt, Bekanntschaft mit seinen Kameraden geschlossen, die wunderliche, aber trotz der wilden und grimmigen Art ihres Benehmens gutmütige Kerle waren. Es war eine Schneeball-Schlacht in der frischen, kalten Luft des Gartens geschlagen worden, und das war ein neuer Zeitvertreib gewesen, voller Reiz und Freude für ein Kind, das im molligen Boudoir einer hübschen Dame herangewachsen war.

Bloß eine Sache störte Jack, berührte ihn unangenehm. Er hätte um alles im Leben gern Seine Königliche Dahomeische Hoheit gesehen. Wo war dieser kleine König aus Afrika, von welchem Herr Moronval in so beredter Weise gesprochen hatte? In den Ferien? ... oder vielleicht in der Kranken-Abteilung? ... Ach! Wenn er doch nur hätte seine Bekanntschaft machen können! doch nur hätte mit ihm plaudern können!

Er hatte sich die Namen der acht kleinen »heißen Länder« sagen lassen. Nicht der kleinste Prinz hatte sich unter ihnen vorgefunden. Endlich faßte er sich ein Herz und fragte den langen Saïd.

»Ist denn Seine Königliche Hoheit nicht in der Pension?«

Darauf hatte ihn der junge Mensch mit der zu kurzen Haut angesehen und verwundert die Augen aufgerissen, so weit, daß ihm ein bischen Haut noch übrig geblieben war, um auf einen Augenblick auch den Mund schließen zu können. Er hatte sich diesen Umstand sofort zu nutze gemacht, und so war denn Jack's Frage ohne Antwort geblieben.

Das Kind beschäftigte sich in seinen Gedanken noch hiermit, als es in seinem Bett lag und auf die Musik lauschte, denn aus dem Hause her drangen stoßweise, gemeinschaftlich mit Tönen aus den hohlen Tiefen des jungen Mannes, den man Labassindre nannte, Orgeltöne. Das Ganze bildete mit dem Lärm, welchen der noch in Thätigkeit befindliche Röhrbrunnen machte, und mit dem Schnauben und Stampfen, womit die Pferde im nahen Stalle dröhnend die Wand erschütterten, ein sehr unangenehmes Gemisch.

Endlich trat Ruhe ein. Im Schlafsaale schlief alles, wie auch alles in dem Stalle schlief, und die Tischgäste des Herrn Moronval ließen das Eingangsthor hinter sich ins Schloß fallen und entfernten sich in dem brausenden, von ferne herüberschallenden Lärm und Getöse der Avenue – da öffnete sich die von einem Schneepolster wattierte Thür des Schlafsaals wieder.

Der kleine schwarze Diener trat herein, in der Hand eine Laterne haltend.

Er schüttelte sich lebhaft, was einen komischen Anblick gewährte, da die weißen Flocken seine schwarze Haut scharf heraushoben; und dann trat er in die Gasse, welche die beiden Bettreihen bildeten, mit krummem Buckel, den Kopf in die Schultern hinunter gezwängt, zusammengeduckt und schlotternd.

Jack betrachtete diesen schnurrigen Schattenriß, der sich, verlängert und verzerrt, im Profil an der Mauer hin dehnte und alle Gebrechen und Mängel dieses Affenschädels, den vorgerückten Mund, die abstehenden Ohren von gewaltiger Größe, den kugelrunden wolligen und zu weit hinaus springenden Schädel, scharf und kräftig heraushob.

Der Negerjunge hing seine Laterne im Hintergrunde des Schlafsaals auf, der nun erleuchtet war wie das Zwischendeck eines Schiffes. Dann blieb er aufrecht im Saale stehen, die dicken, von Frostbeulen steifen Hände und das erdige Gesicht mit einem so kindlichen und vertrauensseligen Ausdruck gegen die Wärme hin gewandt, daß Jack ihn auf der Stelle liebgewann.

Während er sich so wärmte, blickte der Negerjunge von Zeit zu Zeit nach dem Glasdache hinauf.

»Wieviel Schnie! Wieviel doch Schnie!« sagte er und schüttelte sich, bebend vor Frost, am ganzen Leibe.

Diese Art, das Wort Schnee auszusprechen, der Klang dieser milden, weichen Stimme, die sich in einer ihr fremden Sprache recht unsicher anhörte, rührte den kleinen Jack, daß er dem schwarzen Knaben einen Blick lebhaften Mitleids und reger Neugierde zuwarf. Der Neger wurde dies gewahr und fragte ganz leise: »Da da! Der Neue ... Warum Du nicht schlafen, Musjeh?«

»Ich kann nicht,« gab Jack seufzend zur Antwort.

»Es gut sein seufzen, wenn man haben Weh,« meinte der Negerjunge und setzte mit sentenziösem Tone hinzu: »Wenn arme Mensch nicht haben Seufzer, arme Mensch dann gewiß müssen sticken.« Und während er so redete, breitete er über das Bett, welches neben dem jungen Jack stand, eine Decke.

»Schlafen Sie hier?« fragte dieser, sehr verwundert darüber, daß ein Dienstbote im gleichen Raume mit den Zöglingen schlief ... »Aber es sind ja keine Leintücher da ...«

»Das nicht gut sein für mich, Leintücher ... Ich haben Haut zu schwarz ...«

Der Neger gab diese Antwort mit leisem Lachen und machte sich bereit, in sein Bett hinein zu schlüpfen, nur zur Hälfte entkleidet, um nicht gar so sehr zu frieren – da hielt er plötzlich inne, nahm von seiner Brust eine kleine, aus Elfenbein geschnitzte Riechkapsel und fing an, sie in frommer Regung zu küssen.

»O! das putzige Ding von Medaille!« sagte Jack.

»Nix Medaille,« machte der Neger. »Das sein hier mein Gri-gri.«

Jack wußte aber nicht, was ein Gri-gri war, und Maduh setzte ihm auseinander, daß man mit diesem Namen ein Amulett bezeichnete, ein Ding, das einem zu Glück verhelfen sollte. Seine Tante Kerika hätte ihm das Ding zum Geschenk gemacht, am Tage zuvor, als er aus der Heimat abgereist sei – seine Tante nämlich, die ihn aufgezogen hätte und die er wiederzusehen hoffte.

»Wie ich meine Mama,« sagte der kleine Barancy. Und nun folgte ein Augenblick des Stillschweigens, in welchem jedes von den beiden Kindern an seine Kerika dachte.

Jack fragte nach einem Augenblick wieder: »Ist's schön in Ihrer Heimat? ... Ist's weit bis dorthin? Wie heißen Sie denn?«

»Dahomey,« gab der Neger zur Antwort.

Der kleine Jack richtete sich in seinem Bett auf.

»O! aber dann ... dann kennen Sie ihn doch ... Sie sind vielleicht mit ihm zusammen nach Frankreich gekommen?«

»Mit wem?« fragte der Schwarze.

»Mit Seiner Königlichen Hoheit ... Sie wissen doch ... mit dem kleinen König von Dahomey.«

»Das sein ich,« sagte der Neger schlicht.

Der andre sah ihn verblüfft an ... Ein König! dieser Dienstbote, den er den ganzen Tag in seiner rotwollnen Kutte im Hause hatte herumlaufen sehen mit einem Besen oder einem Kohleneimer in der Hand, den er bei Tische hatte bedienen sehen! den er die Gläser hatte spülen sehen!

Der kleine Negerjunge sprach indes im vollen Ernste. Sein Gesicht hatte einen tiefen Ausdruck von Traurigkeit angenommen, und seine starren Augen schienen in die Ferne, in eine breite, weite Ferne, in die Vergangenheit oder in irgend ein verlorenes Heimatsland zu schauen.

Lag dies an der augenblicklichen Abwesenheit der roten Weste, oder war es die Zaubermacht des Wortes König? aber Jack fand, daß der auf dem Rande seines Bettes mit bloßem Halse sitzende Neger, dem das Hemd über der dunkelfarbigen Brust, wo das elfenbeinerne Amulett blitzte, halb auseinanderstand, ein ganz besonderes Ansehen, eine neuartige Würde gewann.

»Ja! das so gehn! ... das so gehn!« sagte der Neger. Dann schnellte er plötzlich wieder aus dem Bett heraus, um die Lampe auszulöschen ... »Muhsje Moronval nicht sein zufrieden, wenn Maduh lassen Licht brennen ...« Dann rückte er sein Bett näher an das Bett Jacks heran.

»Du nicht schlafen,« sagte er. »Ich niemals schlafen, wenn reden von Dahomey ... Du hören!«

Und in dem Schatten, in welchem seine weißen Augen leuchteten, fing der kleine Neger seine unheimliche Geschichte zu erzählen an.

Er hieß Maduh mit seinem Vatersnamen, nach dem berühmten Kriegsmanne Rack-Maduh-Gheso, der einer der mächtigsten Herrscher in den Ländern der Gold- und der Elfenbeinküste war, welchem Frankreich, Holland, England dort hinunter von der andern Küste des Meeres her Geschenke sandten.

Sein Vater besaß große Kanonen, tausende von Soldaten, die mit Flinten und Pfeilen bewaffnet waren, ganze Herden von kriegsdressierten Elefanten, Musikbanden, Priester, Tänzerinnen, vier Amazonen-Regimenter und zweihundert Weiber ganz allein für sich. Sein Palast war unermeßlich groß, mit Wurflanzen, Muschel-Stickereien und abgeschnittenen Köpfen geschmückt, die nach der Schlacht oder nach Opferfesten an die Wand aufgehängt wurden. Maduh war in diesem Palast aufgewachsen, wohinein die Sonne von allen Seiten drang, die Fliesen und ausgespannten Matten wärmend. Seine Tante Kerika, die Ober-Generalin der Amazonen, trug Sorge um ihn und nahm ihn, als er noch ein ganz kleiner Junge war, mit auf ihre Feld- und Kriegszüge.

Wie schön sie war, die Kerika! Groß und so stark wie ein Mann in ihrer blauen Tunika, die nackten Arme und Beine mit Glasspangen überladen, auf dem Rücken ihren Bogen und am Gürtel fliegende, wallende Roßschweife, auf dem Kopfe in der krausen Wolle ihres Haars zwei kleine Antilopen-Hörner, die sich in Halbmondform aneinanderschlossen, ganz so, wie wenn sich unter den schwarzen Kriegerinnen dieses Erdteils die Sage von Diana, der schönen Jägerin, erhalten hätte!

Und welch ein Auge, scharf und kühn, hatte sie! Welche Sicherheit besaß ihre Hand, wenn es galt, einen Elfenbein-Zahn auszubrechen oder einen Aschanti-Schädel mit einem einzigen Hiebe vom Rumpfe zu trennen! Wenn aber Kerika auch Augenblicke hatte, in denen sie furchtbar schrecklich war, so war sie doch gegen ihren kleinen Maduh niemals anders als sanft und weich, gab ihm Bernstein- und Korallenspangen, goldgestickte Seidenschürzen, und Muscheln über Muscheln, welche die Münze dieses Landes sind. Sie hatte ihm sogar einen kleinen Karabiner aus Goldbronze zum Geschenk gemacht, den ihr die Königin von England geschickt hatte und den sie für ihren Gebrauch zu leicht fand. Maduh bediente sich seiner, wenn er sie auf die großen Jagden begleitete, in die von Schlingpflanzen durchwucherten Riesenwälder.

Dort waren die Bäume so dicht belaubt und die Blätter so groß, daß die Sonne nicht unter diese grünen Gewölbe drang, wo alles Geräusch hallte, wie in einem Tempel. Aber es war trotzdem hell dort, und die Blumen von ungeheurer Größe, die reifen Früchte, die Vögel mit ihrem in allen Farben strahlenden Gefieder, das von den hohen Zweigen bis hinunter auf die Erde reichte, blitzten und funkelten dort wie lauter Juwelen und Edelsteine.

In den Schlingpflanzen war ein Summen und Brummen, ein Flügelschlagen und Rauschen ohne Ende! Ungefährliche Schlangen schaukelten ihre mit spitzen Zünglein bewehrten Köpfe; die schwarzen Affen durchsprangen mit einem einzigen Satze die zwischen den Wipfeln der Bäume befindlichen Räume, und große, geheimnisvolle Teiche und Seen, wie Riesenspiegel in den ungeheuren Wald gesenkt, in denen sich aber niemals der Himmel gespiegelt hatte, schienen den Wald unter der Erde fortzusetzen in neuen von schillernden Vogelfittichen durchschwebten, schier unergründlichen Tiefen.

Bei dieser Stelle der Erzählung konnte Jack einen Seufzer nicht zurückhalten:

»Oh, wie das schön sein muß!«

»Ja, sehr, sehr schön,« versetzte der Negerjunge, der vielleicht ein bischen übertrieb und seine Heimat durch das Prisma der Abwesenheit erblickte, im Zauber der Erinnerung aus der Kinderzeit und in der übergoldeten Begeisterung der Sonnenvölker.

»O ja! sehr schön! sehr schön! ...«

Und ermutigt durch die Aufmerksamkeit seines Kameraden, fuhr er in seiner Erzählung fort ...

Zur Nachtzeit verwandelten die Wälder ihr Aussehen. Man biwakierte in den Dschungeln, vor großen Feuern, welche die ringsum schweifenden, einen Ring von Gebrüll und Geheul um die Flammen schließenden wilden Tiere verscheuchten. Die Vögel selbst ängstigten sich in den Zweigen, und die Fledermäuse, schweigsam und schwarz wie die Nacht, angelockt von dem hellen Schein des Feuers, durchschnitten die Luft mit ihrem kurzen, jähen Flug, um sich am Morgen zusammen auf einen mächtigen Baum zu hocken, wo sie dann, unbeweglich und eng aneinandergeschmiegt, aussahen wie vertrocknete abgestorbene Blätter von wunderlicher Form.

In diesem Abenteurer-Leben in frischer Luft wurde der kleine König stark und kräftig und gewandt in allen Arten von kriegerischer Übung, lernte den Säbel schwingen, die Axt werfen, und zwar in einem Alter, in welchem sonst die Kinder den Müttern noch am Schürzenbande hängen.

Der König Rack-Maduh-Gheso war stolz auf seinen Sohn, auf den Erben seines Thrones.

Aber, ach! es scheint, als sei das nicht genug, selbst nicht genug für einen schwarzen Prinzen, wenn er versteht, eine Waffe zu halten und eine Kugel einem Elefanten in das Auge zu schießen – er muß auch verstehen, in den Büchern der Weißen zu lesen, muß ihre Buchstaben kennen, um mit ihnen den Goldstaub-Handel betreiben zu können; denn, so sagte der weise Rack-Maduh zu seinem Sohne: »Weiße' Mann imme' hat Papie' stecken in Tasche, um zu ä'gern schwa'zen Mann.«

Zweifelsohne würde man auch in Dahomey einen Europäer haben ausfindig machen können, der Klugheit genug besaß, den jungen Prinzen zu unterrichten; denn es flatterten auf den Faktoreien am Meeresgestade wie auf den Masten der in den Häfen vor Anker liegenden Schiffe die französischen und englischen Flaggen. Der König war aber von seinem Vater selbst nach einer Stadt geschickt worden, die Marseille hieß, sehr weit, am Ende der Welt, gelegen war, damit er dort recht klug und gescheit würde – und nun wollte er, daß sein Sohn die nämliche Bildung empfange, wie er.

Wie groß war die Verzweiflung des kleinen Königs gewesen, als er von Kerika scheiden, seinen Säbel in der Scheide stecken, seinen Karabiner an der Wand hängen lassen mußte, um mit »Muhsje Bonfils« fortzureisen, einem weißen Manne aus der Faktorei, der jahraus jahrein den Goldstaub in Sicherheit schaffte, den er den armen Schwarzen gestohlen hatte!

Maduh fügte sich indes ergeben darein.

Er wollte eines Tages König sein, wollte den Befehl über die Amazonen seines Vaters führen, wollte alle seine Korn- und Maisfelder besitzen, seine mit Krügen aus roter Erde, in denen das Palmöl erstarrte, angefüllten Paläste bewohnen und all diese Haufen und Berge von Elfenbein und Gold, von Mennige und Korallen sein eigen nennen.

Um diese Schätze zu gewinnen, mußte er ihrer auch würdig sein, mußte imstande und fähig sein, sie gegebenen Falls zu verteidigen; und Maduh dachte schon bei sich, daß es eine harte und schwierige Sache sei, König zu werden, und daß wenn man mehr Genüsse und Freuden habe als die andren Menschen, man auch viel mehr Beschwerden und Mühe hat als sie.

Seine Abreise wurde zum Anlaß genommen für große Festlichkeiten; es wurden Fetischen, den Meeresgöttinnen zahlreiche Opfer gebracht. Alle Tempel wurden anläßlich dieser Feier dem Volke geöffnet; alle Geschäfte ruhten, aller Handel ruhte, das Volk lag bloß im Gebete zu seinen Fetischen, und im letzten Augenblick als das Schiff bereit war, in See zu stechen, führte der Henker fünfzehn gefangene Aschanti an den Strand, deren vom Rumpfe getrennte Köpfe, vom Blute rot überrieselt, schallend in ein großes Kupferbecken fielen.

»Daß Gott erbarm!« fiel ihm Jack außer sich ins Wort und verkroch sich tief unter seine Decken.

Thatsache ist es nun freilich, daß es nicht beruhigend wirkt, derartige Geschichten von demjenigen selbst erzählen zu hören, welcher ihnen als Held, als Ursache gedient hat.

Maduh verweilte, als er die Erregtheit seines Auditoriums bemerkte, nicht länger mehr bei der Schilderung der öffentlichen Festlichkeiten, welche seiner Abreise voraufgingen, und gelangte nunmehr rasch zu seinem Aufenthalte im Marseiller Lyceum.

O! wie groß es war, dies Lyceum mit den düstern Mauern! wie traurig die Klassenstube war mit den nassen, schimmeligen Bänken, auf denen die mit Messern eingeschnitzten Namen der Zöglinge offenbarten, in welcher Weise sich die Häftlinge ihre Zeit vertrieben. O! und die Lehrer und Professoren, deren schwarze Tracht durch die langen Ärmel und durch das Barett, das sie auf dem Kopfe trugen, an Feierlichkeit noch gewann! und die Stimme des inspizierenden Lehrers, wenn sie: »Silentium! ein bischen stille!« gerufen hatte. Und alle die Köpfe, die gebückt über ihre Arbeit saßen, das Kratzen der Federn, die an fünfundzwanzig mal wiederholten eintönigen Lektionen, ganz so als wenn ein jegliches von den Kindern in der stickigen Klassenluft nach einem und demselben Wissens-Fetzen haschte! und dann die großen Speisesäle, die Schlafsäle, der von einem schmalen Streifen Sonnenlicht auf kurze Zeit am Tage erhellte Kasernenhof! So knapp und mager ward dies Sonnenlicht über diesen Hof hier gespendet, daß es des morgens hier ein bischen, des abends dort ein bischen herein fiel und sich immer so scharf in den Ecken hielt, daß man sich, um sie zu fühlen, sie einzuschlürfen, sie zu genießen, dicht mit dem Buckel an die großen schwarzen Mauern herandrängen mußte, die sie ganz und gar für sich in Anspruch nahmen.

Maduh's Erholungs- und Freistunden verstrichen auf solche Weise, es machte ihm nichts Vergnügen, es erheiterte ihn nichts, nichts gewann ihm Interesse ab. Eine einzige Sache war's, die dies kleine Königsherz zum Schlagen brachte, und zwar trotz ihrer alltäglichen Wiederkehr: das war der Trommler, der mit dem Wirbelschlag seiner Stäbe die Eßstunden, Schulstunden, die Zeit zum Aufstehen und zum Schlafengehen verkündete. Es gab auch Ausgehtage; aber das Recht, sie zu benutzen, wurde ihm bald entzogen. Und zwar aus folgender Ursache:

Sobald »Muhsje Bonfils« ihn abholte, schleppte Maduh ihn hin nach dem Hafen, dessen verschlungene Raaen, am Kai in Reih und Glied gestellte Schiffskiele ihn vom äußersten Straßenende her anzogen. Nur dort fühlte er sich glücklich, im Teer- und Seegras-Geruch, zwischen den Handelswaren, die man dort ablädt und von denen viele aus seiner Heimat stammen. Vor diesem Rieseln von Goldkörnern, vor diesen Säcken und Ballen, die zuweilen eine bekannte Marke trugen, geriet er in schwärmerische Begeisterung, bekam er Anfälle von Verzückung.

Die Dampfer, die zur Fahrt geheizt wurden und trotz ihrer unbeweglichen Lage durch die ächzenden Stöße ihres Dampfes schon die Fahrtbewegung anzeigten, irgend ein großes Schiff, das seine Segel blähte, seine Taue spannte, setzten ihn in Versuchung, redeten ihm von Abfahrt, von Befreiung.

Er blieb stundenlang stehen, um einem Segel nachzublicken, das, gebläht wie der Fittich einer Möve, nach Sonnenuntergang hin entfloh, um ein Wölkchen am Horizonte zu verfolgen, das leicht wie ein Cigarrendampf, der Flamme des schönen Gestirns zu folgen, mit ihr unter dem Horizont zu verschwinden schien.

Maduh dachte während der ganzen Schulzeit an seine Schiffe. Es war so recht das Abbild seiner Rückkehr nach dem Lande des Lichts und der Sonne, ein Schiff: solch ein Vogel, dachte er bei sich, hatte ihn hierher geführt – ein andrer Vogel würde ihn wieder hinwegführen.

Und von dieser fixen Idee verfolgt, ließ er das Ba, Be, Bi, Bo, Bu, wo seine Augen nur die Bläue sahen, die Bläue des wogenden Meeres und des weiten offnen Himmelszeltes, im Stiche und entwischte eines schönen Tages aus der Anstalt, verkroch sich in eines der Schiffe des »Muhsje Bonfils«, tief unten im Kielraume, wurde beizeiten noch gefunden, riß abermals aus und fing es diesmal so schlau und pfiffig an, daß man seine Anwesenheit auf dem Schiffe erst im Meerbusen von Lyon gewahr wurde. Ein andres Kind würde man ruhig an Bord behalten haben. Als aber Maduh's Name bekannt wurde, schaffte der Kapitän, der sich auf eine entsprechende Belohnung spitzte, Seine Königliche Hoheit wieder nach Marseille zurück.

Von diesem Tage an wurde sein Unglück größer; man überwachte ihn, hielt ihn gefangen; seine Beharrlichkeit wurde aber hierdurch nicht geschwächt.

Man konnte anfangen mit ihm, was man wollte: er riß wieder und wieder aus, versteckte sich in allen Schiffen, die aus dem Hafen liefen. Man fand ihn hinten in den Heizräumen, in den Kohlenschuppen, unter Fischnetzen und Tauwerk. Wenn man ihn nach der Anstalt zurück schaffte, leistete er nicht den mindesten Widerstand, sondern zeigte bloß ein tieftrauriges Lächeln, das einem die Möglichkeit raubte, ihn zu strafen.

Zuletzt mochte der Anstalts-Direktor keine Verantwortlichkeit mehr für einen so heiklen Schüler übernehmen. Den kleinen Prinzen nach Dahomey zurückzuschicken, getraute sich der »Muhsje Bonfils« nicht, denn er fürchtete, sich hierdurch das Wohlwollen Rack-Maduh-Ghesos zu verscherzen, dessen königlichen Starrsinn er kannte. Mitten in diese Verlegenheiten hinein schneite die Anzeige des Gymnasiums Moronval im Marseiller »Semaphore«. Ohne Verzug wurde der kleine Schwarze nach Nr. 25 der Avenue Montaigne expediert, mitten hinein in das schönste Stadtviertel von Paris, woselbst er – ich bitte den Leser recht sehr, mir das glauben zu wollen – mit offenen Armen empfangen wurde.

Er war das Glück von dem Gymnasium und eine lebendige Reklame, dieser kleine schwarze Prinz eines fernen Königreichs. Darum stellte man ihn aus, führte ihn spazieren. Herr Moronval zeigte sich mit ihm im Theater, bei den Wettrennen, ging mit ihm die Boulevards entlang spazieren, ähnlich wie jene Handelsleute es machen, die ihre Waren auf irgend einem Reklame-Schilde mittels Zeitdroschke durch Paris fahren und so zur Kenntnis des Publikums bringen lassen. Er führte ihn in Salons, in Klubs, und trat dort ein, ernst und gewichtig wie Fénélon mit dem Herzog von Burgund an der Hand, während er anmelden ließ: »Seine Königliche Hoheit der Prinz von Dahomey und Herr Moronval, sein Erzieher und Lehrer.«

Monatelang waren die kleinen Zeitungsblätter voller Anekdoten über Maduh und voller schlagfertiger Antworten, die ihm auf das Konto gesetzt wurden. Ja, ein Redakteur des »Standard« kam expreß von London herüber, ihn zu besichtigen, und führte mit ihm eine sehr ernsthafte Unterredung über Finanz- und administrative Politik, um sich über die Art und Weise zu unterrichten, wie der Prinz gesonnen war, dereinst in seinen Staaten das Scepter zu führen; ebenso darüber, was er von der parlamentarischen Regierungsform, vom Schulzwange und von dergleichen wichtigen Fragen mehr hielte. Das englische Blatt druckte damals dieses merkwürdige Interview in Fragen und Antworten ab. Die Antworten waren unbestimmter Natur und ließen im allgemeinen sehr zu wünschen. Man vermerkte aus ihnen jedoch mit besonderem Interesse den Ausspruch Maduh's, den er, auf Befragen, über Preßfreiheit gethan hatte: »Alles essen; gut das alles zum Essen; alles Wort nicht gut zum Sprechen ...«

Von nun ab wurden alle Auslagen und Kosten des Moronval'schen Gymnasiums durch diesen einzigen Zögling aufgebracht; »Muhsje Bonfils« zahlte nämlich alle Rechnungen, ohne die geringste Einwendung zu erheben. Die Erziehung Maduh's wurde freilich einigermaßen vernachlässigt. Er blieb beim A-B-C stehen, und die Methode Moronval-Decostère fand ihn in fortwährender Auflehnung gegen ihre Vorzüge und Reize; aber hieraus erwuchs nicht der geringste Mißstand, da sich ja der Pensions-Aufenthalt des jungen Königs im umgekehrten Verhältnis zu den Fortschritten, die er machte, vervielfältigen mußte.

Er behielt also seine schlechte Aussprache bei, seine halb kindische Ausdrucksweise, die dadurch, daß sie den Zeitwörtern die Zeiten nahm, dem Satze einen unpersönlichen Ausdruck gab, und gleichsam als der erste Versuch eines Volks zum Stammeln erschien, das kaum aus dem tierischen Zustande der Stummheit herausgetreten ist. Im übrigen ward er verhätschelt, verwöhnt, mit Fürsorge überschüttet.

Man dressierte die andren »heißen Länder,« um ihm Zerstreuung zu schaffen; drillte sie, ihm in allem gefügig zu sein. In der ersten Zeit war das freilich nur mit ziemlich großen Schwierigkeiten zu erreichen gewesen, in Anbetracht nämlich seiner ganz schrecklich schwarzen Hautfarbe, die in fast allen tropischen Ländern ein Merkmal für das Sklaventum ist.

Und mit welcher Nachsicht, mit welch liebenswürdigem Lächeln behandelten die Professoren diese kleine schwarze Kugel, die sich trotz ihrem klugen Sinn gegen alle Wohlthaten des Unterrichts sträubte und unter der dichten Wolle ihres Haars, mit einer glühenden Erinnerung an die Heimat, namenlose Geringschätzung gegen diesen »hohlen Kram« barg, mit dem man ihn vollzupfropfen beflissen war! Ein jeder im Gymnasium baute Pläne auf dieses künftige Königtum, das schon seine Macht entfaltete, das schon höfisch umringt und umschmeichelt wurde, ganz so, als wenn Maduh mitten in Paris unter den Federwedeln, dem gefransten Thronhimmel, den Lanzenbündeln, im Gefolge seines Vaters gewandelt wäre.

Wenn Maduh erst König sein wird!

Das war der ewige Kehrreim aller Gespräche, die von ihnen geführt wurden. Sobald als Maduh die Krone auf seinem Haupte trüge, würde man sich in pleno dorthinunter begeben.

Labassindre malte sich im Traume aus, wie er die grobe Dahomëische Musik neugestalten würde, und sah sich schon als Direktor eines Dahomëischen Konservatoriums, als Kapellmeister der Königlich Dahomëischen Musik-Chöre. Frau Moronval-Decostère hoffte, ihre Methode en gros in Klassen von gewaltigem Umfange anzuwenden, und diese Klassen stellte sie sich im Geiste vor, dicht besetzt von kleinen, auf unzähligen schwarzen Matten kauernden Negerknäblein und Negermägdlein. Der Doktor Hirsch aber brachte im Traume diesen ganzen Kinderschwarm in zahllosen, in langen Reihen aufgestellten Betten zur nächtlichen Ruhe und kurierte an ihm nach den gefährlichen Lehrsätzen seiner phantastischen und nicht konzessionierten Arzneiwissenschaft herum, ohne daß die Polizei im geringsten Neigung zeigte, sich hier hinein zu mischen.

Die ersten Zeiten seines Aufenthalts in Paris bedünkten dem kleinen König sehr nett und angenehm infolge dieser gar kein Ende findenden Anbetung und Vergötterung. Sodann ist ja Paris diejenige Stadt auf Erden, in welcher sich die im Exil lebenden Personen am wenigsten langweilen, vielleicht weil sich in seiner Atmosphäre in gewissem Grade die Atmosphäre aller Länder und Gegenden mischt.

Wenn bloß der Himmel hätte lächeln wollen, statt unaufhörlich einen feinen, schneidenden Regen hernieder zu rieseln, oder sich mit weißen Flockenwirbeln, jenem »Schnie«, der soviel Ähnlichkeit mit dem geplatzten reifen Samenkorn der Baumwollstaude hatte, zu umhüllen; wenn doch die Sonne den wirren Gazeschleier zerrisse, mit dem sie sich unaufhörlich umgab, und eine recht ordentliche Portion Wärme über die Erde geschüttet hätte! Wenn doch Kerika endlich einmal mit ihrem Köcher und ihrem Bronze-Karabiner, mit ihren nackten, von Spangen überladenen Armen dann und wann einmal hier in dem Zwölfhäuser-Gäßchen sichtbar geworden wäre! Dann würde sich Maduh ganz und gar glücklich geschätzt haben!

Aber das Schicksal nahm eine plötzliche Wandlung. Es kam ein Tag, welcher den »Muhsje Bonfils« nach dem Gymnasium Moronval führte – und er brachte aus Dahomey sehr unheilvolle Nachrichten mit. Der König Rack-Maduh-Gheso war seines Thrones verlustig gegangen, war in die Gefangenschaft der Aschanti gefallen, und die Aschanti hatten sich des Landes bemächtigt und dort eine neue Dynastie begründet. Die königlichen Truppen, die Amazonen-Regimenter, alles war besiegt, zerstreut, niedergesäbelt worden, und Kerika, die allein durch ein Wunder vor dem allgemeinen Morden errettet geblieben war und sich nach der Faktorei Bonfils geflüchtet hatte, ließ Maduh bitten, in Frankreich zu bleiben und seinen »Gri-Gri« in sicherem Verwahr zu halten.

Das aber stand ganz fest: wenn Maduh nicht des Amuletts verlustig ginge, dann würde er auch zur Herrschaft gelangen.

Dieses Gedankens bedurfte es, den Mut des armen kleinen Königs aufrecht zu erhalten. Moronval, der an das »Gri-gri« keinen Glauben hatte, überreichte seine Rechnung – und was für eine Rechnung! – dem »Muhsje Bonfils«, welcher sie für dieses mal noch bezahlte, dem Pensionsvorsteher dabei aber bedeutete, daß wenn er Maduh zu behalten gewillt sei, er künftighin nicht mehr auf eine sofortige Bezahlung seiner Rechnungen zu rechnen hätte, sondern sich auf die Erkenntlichkeit und auf die Wohlthaten des Königs verlassen müßte, der sich, sobald ihn das Kriegsglück wieder auf den Thron zurückgeführt hätte, seiner gewiß ohne Säumen erinnern würde. Es stand bei ihm, zwischen diesem auf den Zufall angewiesenen Glück oder einem unbedingten Verzicht auf jeden weiteren Nutzen zu wählen.

Moronval antwortete mit Edelmut: »Ich nehme mich des Kindes an.«

Es hieß schon nicht mehr von ihm »Königliche Hoheit.«

Nachdem die Achtung verloren war, war auch gar keine Veranlassung mehr, die Fürsorge und Aufmerksamkeit weiter zu üben, mit der man bislang den kleinen Neger überhäuft hatte. Jeder trug ihm eine persönliche Enttäuschung nach, und unter der schlimmen Laune aller hatte er beständig zu leiden. Er wurde zuerst der einfachste Zögling, der den andren ähnlich war bis auf den geringfügigsten Knopf an der Uniform, der ausgezankt, gestraft und gezüchtigt wurde wie sie, der im Schlafsaale schlafen mußte, für den dieselben Regeln galten wie für alle andren Schüler.

Der Kleine begriff nicht, wie das zuging, versuchte umsonst, sich durch seine witzigen Einfälle, durch seine Grimassen, die ehedem Bewunderung geerntet hatten, jetzt aber mit verwunderlicher Kälte aufgenommen wurden, wieder zum Ansehen zu verhelfen.

Es wurde weit schlimmer noch, als nach Verlauf von mehreren Quartalen kein Geld einging und Moronval die Meinung zu fassen anfing, daß Maduh ein unnützer Esser wäre. Vom Stande des Zöglings setzte man ihn herunter auf den Stand eines Untergebenen, eines Lakaien. Als man aus Sparsamkeitsrücksichten dem Hausdiener den Laufpaß gegeben hatte, trat Maduh an seine Stelle, freilich nicht, ohne sich zuerst dagegen zu sträuben. Das erste Mal, als man ihm einen Besen in die Hände gab, und ihm zeigte, wie er denselben zu führen hätte, setzte er diesem Ansinnen entschiedene Weigerung entgegen. Herr Moronval brachte aber unwiderstehliche Argumente in Anwendung, und nachdem das Kind eine sehr kräftige Bastonnade erlitten hatte, fügte es sich darein.

Übrigens war es ihm noch lieber, mit dem Besen zu hantieren, als Lesen zu lernen.

Der kleine König fegte also aus und bohnte die Dielen mit einem ganz merkwürdigen Eifer, einer wirklich auffälligen Ausdauer, wovon man sich durch einen Blick auf den Glanz, in welchem der Salon Moronval blitzte, leicht überzeugen konnte. Indes besänftigte das aber den wilden Grimm des Mulatten keineswegs, der dem Jungen all die Enttäuschungen nicht verzeihen konnte, deren unfreiwillige Ursache er war.

Maduh mochte es sich noch so angelegen sein lassen, alles blitzblank zu machen, der verlotterten Wohnung ein sauberes Aussehen zu geben, er mochte zu seinem Herrn mit noch so schmeichlerischem, unterwürfigem Blick aufsehen, er mochte sich noch so sehr der kriechenden Demut des geprüften Hundes befleißigen – er erhielt doch zumeist nur mit Hetzpeitsche oder Ochsenziemer Prügel zur Belohnung.

»Niemals zufrieden! niemals zufrieden!« sagte der Negerjunge mit dem Ausdruck der Verzweiflung. Und der Himmel von Paris schien ihm schwärzer zu werden, der Regen nicht mehr aufzuhören, der Schnee schien dichter und kälter zu fallen.

O, Kerika, Tante Kerika! Die Du so liebevoll warst und so stolz! wo weilst Du! Komm doch und sieh, was sie aus dem kleinen Könige machen! wie schlecht und hart man ihn behandelt! wie man ihn in Lumpen kleidet, ohne zu fragen, ob es ihn friert, ob ihn etwas schmerzt. Er hat jetzt nur einen einzigen Anzug noch, das ist seine Livree: rote Jacke, gestreifte Weste, Mütze mit Borte. Jetzt geht er nicht mehr, wenn er den Anstaltsvorsteher begleitet, neben ihm als Gleichberechtigter; jetzt geht er zehn Schritte hinter ihm her. Und das ist noch immer nicht das härteste, was er zu ertragen hat.

Aus dem Vorzimmer steigt er weiter hinunter in die Küche, und von der Küche aus, als wenn man dort seine Anständigkeit, seine Harmlosigkeit recht gut bemerkt hätte, schickt man ihn mit einem großen Korbe auf den Wochenmarkt nach Chaillot, um dort Vorräte einzukaufen.

Dazu also ist's gekommen mit dem letzten Abkömmling des mächtigen Tokodonu, des Begründers der Dahomëischen Dynastie! daß er den Proviant für das Gymnasium Moronval einkaufen geht! ... Zweimal in der Woche sieht man ihn die lange Rue de Chaillot hinauf gehen, an den Wänden entlang, abgemagert, kränklich, schlotternd, denn jetzt friert es ihn, friert es ihn in einem fort. Und nichts erwärmt ihn mehr, weder die heftigen Anstrengungen, zu denen man ihn verdammt, noch die Schläge, noch die Schande, daß er Lakai geworden, noch auch sein Haß gegen den »Vater mit Stock«, wie er Moronval in seiner bilderreichen Rede nannte.

Und er ist doch so kräftig, dieser Haß! so überaus kräftig!

Ach! wenn Maduh doch eines Tages wieder König würde! ... Sein Herz zitterte vor Wut bei diesem Gedanken, und man mußte ihn hören, wie er Jack beiseite nahm und in seine Rache-Pläne einweihte:

»Wann Maduh zurückkehren nach Dahomey, dann schreiben Briefchen an Vater mit Stock, dann ihn kommen lassen nach Dahomey und ihm Kopf abschneiden in großes Kupferbecken; dann mit seiner Haut überziehen eine große Kriegstrommel und in Krieg ziehen mit ihr gegen die Aschantis! ... Zim! bum! bum! ... Zim! bum! bum!«

Jack sah sein kleines Augenpaar in dem vom Reflex des Schnees gemilderten Schatten funkeln, während der Neger mit der Hand dumpf auf den Bettrand schlug, den Klang der Kriegstrommel nachzuahmen. Der Kleine von Barancy war vor Schreck schier versteinert; deshalb ruhte die Unterhaltung hier auf einige Minuten. Vergraben in seine Decken, den Kopf voll von dem was er eben vernommen, meinte der »Neue« blitzende Säbel vor seinen Augen zu sehen und hielt den Atem an.

Maduh, den seine Erzählung in Erregung gesetzt hatte, hätte fürs Leben gern noch weiter gesprochen; er war aber des Glaubens sein Kamerad sei eingeschlafen. Endlich stieß Jack einen von jenen langen Seufzern aus, die aus jenen unermeßlichen Räumen herüber, welche der Traum in einer Sekunde durchläuft, und aus den Tiefen des Alpdruckes herauf zu kommen scheinen.

»Du nicht schlafen, Muhsje ... Nicht mehr Maduh reden ... nicht mehr Du reden ... Wie Du heißen?«

»Jack ... mit einem K ... Mama betonte das ganz besonders.«

»Sie gar reich? Deine Mama?«

»Ob sie reich ist ... ich glaube wohl,« sagte Jack, der es nun seinerseits nicht daran fehlen ließ, den kleinen König zu blenden ... »Wir haben eine Equipage, ein schönes Haus auf dem Boulevard, Pferde, Lakaien und alles ... Und dann, na! Sie werden ja sehen, wenn Mama mich besuchen kommt, wie schön sie ist. Auf der Straße, da guckt sie jedermann an, Sie hat schöne Kleider, schöne Edelsteine ... Der liebe Freund hat recht, wenn er sagt, daß er ihr nichts abschlagen mag ... Als Mama gewünscht hat, nach Paris zu kommen, da hat er uns hingeführt ... Vorher, da sind wir in Tours gewesen ... Ach! ist das ein schönes Land! Wir wohnten auf dem Mail, und dann sind wir auch in der Rue Royale spazieren gegangen, wo es vortreffliche Kuchen giebt, und wo viele Offiziere in schönen Uniformen auf- und abgehen ... Ach! wie hat es mir dort so gut gefallen! ... Erstlich haben mich alle Herren dort gehätschelt, geherzt und geküßt. Ich hatte dort einen Papa Charles, einen Papa Léon, lauter Papas zum Lachen, wissen Sie, weil ja mein richtiger Papa gestorben ist vor schon langer, langer Zeit ... gekannt, gekannt habe ich ihn auch gar nicht ... In der ersten Zeit, als wir in Paris gewesen sind, da hab ich mich freilich gelangweilt, daß ich weder die Bäume mehr gesehen habe, noch das schöne Land. Aber Mama liebt mich so sehr, verhätschelt mich so, daß mich das über alles hinweg getröstet hat. Man hat mich nach englischer Weise gekleidet und, wie es heißt, ist ja das die Hauptmode – hat mich alle Tage gekämmt und frisiert, um mich im Bois de Boulogne, um den See herum spazieren zu führen ... Da hat der liebe Freund gesagt, daß ich niemals im Leben etwas lernen würde, und daß es deshalb nötig wäre, mich in eine Pension zu thun, und die Mama, die hat mich nach Vaugirard hin gebracht, zu den Patres ...«

Hier hielt Jack inne.

Das Geständnis, das er eben machen wollte, daß ihn die Patres nicht hatten bei sich aufnehmen wollen, verletzte seine Eigenliebe; und trotz der Unbefangenheit, trotz der Unwissenheit des Alters, in welchem er stand, fühlte er, daß in diesem Umstande für seine Mutter und für ihn eine Demütigung läge. Und dann führte ihn diese Erzählung, die er in unbedachter Weise angefangen hatte, zurück zu dem einzigen ernsten Punkte, mit dem er sich bislang in seinem ganzen Leben beschäftigt hatte, zu der Frage: Warum hatte man ihn nicht haben mögen? Warum hatte seine Mama Thränen vergossen? ... Und warum hatte der Anstalts-Obere ihn in solch barmherzigem Tone »armes Kind« genannt?

»Sage doch, Muhsje!« sagte der Neger da plötzlich ... »was ist denn das eigentlich, eine Dohle?«

»Eine Dohle?« antwortete Jack, ein bischen verwundert ... »Ich weiß nicht, Sie ... eine Dohle, meine ich, ist ein Vogel.«

»Vater mit Stock sagen zu Madame Moronval, Deine Mama sein eine Dohle.«

»Das ist ja ein ganz alberner Einfall ... Mama eine Dohle! Sie haben gewiß schlecht hingehört ... Mama eine Dohle!«

Über diesem Gedanken, daß seine Mutter eine Dohle wäre mit Federn, Flügeln, Krallen, fing Jack aus vollem Halse an zu lachen, und Maduh machte es ebenso wie er, ohne seinerseits zu wissen, warum ...

Die Lustigkeit verscheuchte sehr geschwind den unheimlichen Eindruck der Geschichten, die eben zwischen ihnen erzählt worden waren, und die armen kleinen vergessenen Wesen schliefen, nachdem sie sich gegenseitig ihr Elend, ihren Jammer, ihr Herzeleid anvertraut hatten, frohen Herzens ein, mit halb geöffnetem Munde, auf dem noch das Lächeln schwebte, das der regelmäßige Atemzug des Schlummers alsbald in tausenderlei kleine Laute fröhlicher Verworrenheit verjagte ...

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