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Alphonse Daudet: Jack - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleJack
publisherVerlag von Neufeld & Henius
printrunZweite Auflage
yearo.J.
translatorW. Vollmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151227
projectid9d16f389
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Einunddreißigstes Kapitel.
Sie kommt nicht.

»Nun Du kannst schlafen! Holla, Nummer 11a, wach' auf, es ist Besuchszeit.«

Jack öffnet die Augen, und der erste Gegenstand, den sein Blick erfaßt, sind die regungslos herabhängenden Gardinen des nächsten Bettes.

»Ja, mein Bursche, Du magst die Nacht einen schönen Schreck bekommen haben. Der Unglückliche ist im Delirium auf Dein Bett gefallen. So, nun richte Dich ein wenig auf, daß man Dich sieht. Oho, so schwach sind wir?«

Der Sprecher ist ein Mann von fünfunddreißig bis vierzig Jahren in schwarzem Sammtkäppchen und großer, weißer Schürze, blondem Bart und scharfen, klugen Augen. Er betastet den Kranken und richtet einige Fragen an ihn.

»Dein Handwerk?«

»Schlosser.«

»Trinkst Du?«

»Früher trank ich, aber jetzt nicht mehr.«

»Wie hast Du denn gelebt, mein armer Bursche?«

Der Arzt macht weiter keine Bemerkungen, um den Kranken nicht zu erschrecken, aber Jack hat in seinem Antlitz dieselbe schmerzliche Verwunderung, dieselbe mitleidige Teilnahme wahrgenommen, der er schon im Krankenhause von Notre Dame begegnet ist. Die Assistenten versammeln sich um das Bett. Der dienstthuende Arzt erklärt ihnen die Symptome, die er beobachtet hat. Jack hält geduldig still, als alle die neugierigen Ohren sich an seinen Rücken legen und hört aus den Worten: »Atmung, pfeifendes Röcheln, hochgradige Schwindsucht«, genug heraus, um zu begreifen, daß sein Zustand ernst ist, so ernst sogar, daß, nachdem der Doktor seinem Gehülfen die nötigen Verhaltungsmaßregeln diktirt hat, die Schwester sich neben ihn ans Bett setzt und ihn sanft fragt, ob er Angehörige in Paris habe, die man benachrichtigen könne, und ob er heute am Sonntag Besuch erwarte. Seine Angehörigen?

Da sind sie ja! Die beiden Menschen, Mann und Frau, die schüchtern am Fußende des Bettes stehen und ihm zulächeln. Andere Freunde hat er nicht; sie sind die einzigen, die ihm nie etwas zuleide gethan haben.

»Nun, wie gehts? Etwas besser?« fragt Belisar, der ganz genau weiß, daß der Kamerad dem Tode verfallen ist, und der seinen Schmerz unter einer beinahe fröhlichen Miene verbirgt. Frau Belisar legt zwei mitgebrachte schöne Apfelsinen auf das Tischchen neben Jack, dann setzt sie sich, nachdem sie Jack von ihrem Kinde erzählt hat, in dem schmalen Gäßchen hinter dem Bett neben ihrem Manne nieder, der kein Wort spricht. Auch Jack schweigt, seine Augen sind weit geöffnet und starr, woran denkt er? Die Mutter errät es.

»Sagen Sie einmal, Jack,« fragt sie plötzlich, »wie wäre es, wenn ich Ihre Mama holte?«

Sein Auge leuchtet auf, lächelnd blickt er die brave Frau an, ja das ist sein Wunsch. Jetzt, wo er weiß, daß es zu Ende geht, vergißt er, was seine Mutter ihm zugefügt hat; und schon erhebt sich Frau Belisar, aber ihr Gatte hält sie zurück. Er weiß, daß sie der »schönen Dame« zürnt und den Mann mit dem langen Schnurrbart verachtet und daß sie, wenn man sie nicht einläßt, schreien, lärmen, ja vielleicht sogar auf die Wache gebracht werden wird. Die Furcht vor der Wache spielt in Belisar's Leben eine große Rolle, und die Brotfrau kennt ihren schüchternen Krämer.

»Nein, nein, sei ruhig, diesmal bringe ich sie mit,« sagt er endlich so zuversichtlich, daß seine Gefährtin einwilligt und ihn gehen läßt.

Eilig stürzt er nach dem Quai des Augustins, aber auch diesmal ist ihm das Glück nicht günstig.

»Wohin wollen Sie?« fragt ihn der Portier unten.

»Zu Herrn d'Argenton.«

»Sind Sie gestern Abend hier gewesen?«

»Gewiß,« erwidert Belisar harmlos.

»Nun, dann gehen Sie nicht unnötigerweise hinauf, oben ist niemand, sie sind aufs Land gefahren und werden sobald nicht wieder kommen.«

Bei dem Schneewetter und der Kälte aufs Land fahren? Das kommt selbst Belisar unwahrscheinlich vor. Vergebens macht er Einwendungen, erzählt, daß der Sohn der Dame schwerkrank im Hospital läge, der Portier läßt den unglücklichen Boten nicht einmal die Strohdecke, die vor dem Aufgang liegt, betreten. Wieder steht Belisar verzweifelt auf der Straße, da kommt ihm plötzlich ein großartiger Gedanke. Jack hat ihm nicht erzählt, was zwischen Rivals und ihm vorgefallen sei, sondern ihm nur mitgeteilt, daß die Verlobung aufgehoben sei. Aber schon in Indret und seit sie in Paris zusammenleben, haben sie oft zusammen von dem gütigen Doktor gesprochen. Wenn Belisar zu ihm ginge, um wenigstens eine mitleidige Seele, ein bekanntes Gesicht an das Sterbebett des armen Kameraden zu rufen! Gesagt gethan. Er geht nach Hause, nimmt seinen Warenballen, ohne den er niemals ausgeht, und wandert gebückt die Landstraße nach Etiolles dahin, wo Jack ihm zum ersten Mal begegnet ist. Aber ach, wir wissen, wie es ihm am Ziel seiner weiten Reise erging.

Unterdessen weiß Frau Belisar, die noch immer am Bett des Kameraden sitzt, nicht, was sie von Belisar's Ausbleiben denken, wie sie die Unruhe des Kranken beschwichtigen soll, den der Gedanke an das Wiedersehen mit seiner Mutter in furchtbarer Aufregung erhält. So oft die Thür aufgeht, späht Jack nach den eintretenden Besuchern hinüber. Es sind meistens Arbeiter, sorgsam gekleidete Handwerker, die sich zu den Kranken setzen, mit ihnen plaudern, sie aufmuntern und zu erheitern suchen. Jack horcht auf das Stimmengesurr, über dem ein Duft nach Orangen lagert. Aber welche Enttäuschung, wenn er sich mühsam an dem von der Decke herabhängenden Seil in die Höhe gezogen hat, um nach den neu Ankommenden auszuschauen und gewahr wird, daß sich seine Mutter nicht darunter befindet! Mutlos und erschöpft sinkt er wieder auf sein Lager zurück. Seine Gedanken sind nicht mehr imstande, ihm die gesunden Jugendjahre ins Gedächtnis zurückzurufen, sondern sie schweifen weit zurück in seine Kindheit. Nicht mehr der Schlosser Jack, sondern der kleine Jack mit einem K., der Enkel des Lord Peambock, der in Sammet gekleidete blonde Bursche Idas von Barancy erwartet seine Mutter ... Sie kommt nicht.

Die Brotfrau ist mit ihrer Beredsamkeit zu Ende. Sie hat alles mögliche in Erwägung gezogen, d'Argenton's Krankheit, den Sonntagsspaziergang, nun weiß sie nichts mehr zu sagen und hat, um sich zu thun zu machen, ein buntes Taschentuch über die Kniee gebreitet und schält langsam ihre Apfelsinen.

»Sie kommt nicht,« sagte Jack wie damals in dem kleinen Häuschen in Charonne, nur klingt seine Stimme noch gedrückter, als an jenem Abend, ja beinahe zornig: »Sie kommt sicherlich nicht.«

Und der Unglückliche schließt erschöpft die Augen, aber nur um einem anderen Kummer nachzuhängen, um immer wieder »Cäcilie« zu rufen, ohne daß jedoch der Schrei über seine Lippen dringt. Die Schwester, die ihn seufzen hört, tritt näher und fragt Frau Belisar, deren breites Gesicht von Thränen überströmt ist:

»Was fehlt dem Armen? Leidet er wieder mehr?«

»Er wartet auf seine Mutter, Schwester, die nicht kommt, ... das quält den armen Burschen.«

»Wir müssen sie so bald als möglich benachrichtigen.«

»Mein Mann ist zu ihr gegangen, aber sehen Sie, das ist eine vornehme Dame ... Wahrscheinlich fürchtet sie sich, ihr Kleid im Hospital zu beschmutzen.«

Plötzlich steht sie entschlossen auf.

»Weine nicht, mein Junge,« sagte sie zu Jack, als wäre er ihr Kleiner, »ich hole Dir Deine Mama.«

Jack hat sie wohl verstanden, dennoch wiederholt er mit heiserer Stimme:

»Sie kommt nicht, sie kommt nicht.«

Die Schwester sucht ihn zu beruhigen, da richtet er sich plötzlich in einem Fieberanfall hoch:

»Sie will nicht kommen, sage ich ... Sie kennen sie nicht ... sie ist eine schlechte Mutter, jeder Kummer meines Lebens rührte von ihr her ... O, die böse, böse Mutter! ... Sie hat mich getötet und will mich nun nicht sterben sehen.«

Erschöpft sinkt Jack auf die Kissen zurück; die Schwester beugt sich über ihn, um ihn zu beruhigen, während der kurze, trübe Wintertag schnell in gelbliche Dämmerung übergeht.

Charlotte und d'Argenton stiegen am Quai des Augustins aus. Sie kamen in großer Toilette, hellen Handschuhen, Spitzen und Sammet aus einem großen Konzert zurück. Charlotte strahlte: sie hatte sich mit ihrem Dichter öffentlich gezeigt und war bewundert worden. Eine große starke Frau aus dem Volke vertrat ihr den Weg.

»Gnädige Frau ... kommen Sie, so schnell Sie können ...«

»Frau Belisar,« rief Charlotte erbleichend.

»Ihr Sohn ist sehr krank ... er verlangt nach Ihnen ... Kommen Sie.«

»Das ist ja aber Wegelagerei!« sagte d'Argenton, »lassen Sie uns ins Haus, wenn der junge Herr krank ist, wollen wir ihm unsern Arzt schicken.«

»Er hat mehr Ärzte um sich, als er braucht, denn er liegt im Hospital.«

»Im Hospital?«

»Ja einstweilen, aber nicht auf lange, sage ich Ihnen; wenn Sie ihn sehen wollen, müssen Sie sich beeilen.«

»Komm, komm, Charlotte, das sind abscheuliche Lügen, sicherlich will man Dich in eine Falle locken,« sagte der Dichter und versuchte sie nach der Treppe zu drängen.

»Gnädige Frau, Ihr Kind liegt im Sterben ... Großer Gott, ist das eine Mutter?«

Nun hielt sich Charlotte nicht länger.

»Führen Sie mich zu ihm,« sagte sie.

Beide Frauen schritten die Straße hinab und ließen d'Argenton bestürzt und wütend mit der festen Überzeugung zurück, daß sein Feind ihm wieder einen Streich spiele.

In dem Augenblick, als die Brotfrau das Hospital verließ, traten zwei Personen ein und eilten hastig durch die der Thür zuströmenden Menge, es war ein junges Mädchen und ein alter Mann.

»Wo ist er, wo ist er?«

Ein himmlisches Antlitz beugte sich über Jack's Bett.

»Jack ... ich bins, Cäcilie ...«

Ja, es war ihr reines, von Nachtwachen und Thränen bleiches Gesicht, und die Hand, die Jack in der seinen hält, ist dieselbe liebe kleine Hand, die ihm soviel Gutes erwiesen, aber auch mit dazu geholfen hat, ihn hierher zu bringen, denn das Schicksal ist zuweilen so grausam, einem durch die liebsten, besten Menschen Leid zuzufügen. Der Kranke schließt und öffnet die Augen, um sich zu überzeugen, daß er nicht träumt. Aber Cäcilie ist noch immer da. Er hört ihre klare Stimme, die ihn um Verzeihung bittet, ihm erklärt, weshalb sie ihm solchen Kummer verursachen mußte. O, wenn sie nur geahnt hätte, daß das gleiche Schicksal auf ihnen ruhte! Je länger sie spricht, desto größere Ruhe breitet sich in Jacks Herzen aus und verdrängt jeden Zorn und jede Bitterkeit.

»Du liebst mich also noch immer?«

»Ich habe nur Dich geliebt, Jack, und werde nur Dich lieben.«

In dem öden Gemach, das schon soviel verzweifelte Reden gehört hat, nimmt das Wort »Liebe« einen eigentümlich sanften Klang an, als hätte sich eine Taube zwischen die Krankenbetten verirrt.

»Wie gut, daß Du gekommen bist, Cäcilie! Nun will ich nicht mehr klagen, sondern ruhig und mit Dir versöhnt sterben.«

»Sterben, wer spricht von Sterben?« fragt Vater Rivals in seinem rauhesten Ton ... »Fürchte nichts, mein Sohn, wir bringen Dich durch, Du siehst jetzt schon ganz anders aus, als vorhin.«

Wirklich veränderte das letzte Aufflackern der erlöschenden Lebenskraft sein Aussehen für eine Weile, er hatte Cäciliens Hand gegen seine Wange gedrückt und schmiegte sich liebkosend dagegen, während er leise mit ihr flüsterte.

»Alles, was meinem Leben fehlte, hast Du mir gegeben! Du wärest mir alles geworden, Mutter, Schwester und Gattin.«

Aber seine Erregung machte bald einer kraftlosen Starrheit, die Fieberröte einer fahlen Blässe Platz. Die Qualen der Krankheit prägten sich in seinen durch die mühsamen, pfeifenden Atemzüge leicht verzerrten Zügen aus. Cäcilie warf ihrem Großvater einen entsetzten Blick zu, der Saal füllte sich mit Dämmerlicht und das Herz der Umstehenden krampfte sich bei der Annäherung von etwas Finsterem, Geheimnisvollem zusammen. Plötzlich richtete sich Jack mit weitgeöffneten Augen empor:

»Hört, hört ... es kommt jemand ... sie ist es.«

Man hörte den Wind durch das Treppenhaus sausen und die sich entfernende Menge murmeln; Jack lauschte einen Augenblick, stieß einige unverständliche Worte hervor, dann sank er mit geschlossenen Augen zurück. Und doch hatte er sich nicht getäuscht. Zwei Frauen eilten die Treppen hinauf. Trotzdem die Besuchsstunde vorüber war, hatte man sie doch eingelassen. In solchen Fällen haben alle Verordnungen nichts zu sagen. An der Thür zum Johannessaal blieb Charlotte stehen.

»Ich fürchte mich,« sagte sie.

»Vorwärts, vorwärts, es muß sein,« drängte die andere. »Ja, ja, eine Frau wie Sie, sollte überhaupt keine Kinder haben.«

Ungestüm stieß sie sie vorwärts. O, das große kahle Zimmer, die trüben Nachtlichter, die dunkeln, knieenden Gestalten! Die Mutter erfaßte das alles mit einem Blick; dann bemerkte sie im Hintergrunde ein Bett, über das sich zwei Männer beugten, während Cäcilie totenbleich, so bleich wie der, dessen Hand sie in der ihrigen hielt, daneben stand.

»Jack mein Kind!«

Herr Rivals wandte sich um:

»Still! ...«

Alles lauschte, man vernahm ein kaum verständliches Murmeln, einen pfeifenden, klagenden Laut, dann einen tiefen Seufzer ...

Charlotte näherte sich zagend und furchtsam. Das war ihr Jack! Die starre Gestalt mit den ausgebreiteten Händen, den regungslosen Zügen, in denen ihr bestürzter Blick kein Lebenszeichen wahrnehmen konnte. Der Doktor neigte sich über ihn ...

»Jack, mein Freund ... Deine Mutter ist da.«

Und die Unglückliche breitete die Arme aus:

»Jack, ich bins ... ich bin hier.«

Keine Bewegung ... die Mutter stieß einen verzweifelten Schrei aus:

»Tot?«

»Nein,« versetzte der alte Rivals mit düsterer Stimme, »nein ... erlöst

 

Ende.

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