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Alphonse Daudet: Jack - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleJack
publisherVerlag von Neufeld & Henius
printrunZweite Auflage
yearo.J.
translatorW. Vollmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151227
projectid9d16f389
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Dreißigstes Kapitel.
Das Krankenhaus von Notre Dame.

Heute Abend war bei dem Hauptredakteur der »Rassen der Zukunft« am Quai des Augustins große litterarische Versammlung. Das ganze Heer nebst Nachhut der Bassermann'schen Gestalten war zu diesem Fest aufgeboten worden, das hauptsächlich zu Ehren der wiedergekehrten Charlotte stattfand, und das d'Argenton noch besonders durch Vorlesung seiner großartigen Dichtung »Die Trennung« zu verherrlichen gedachte. Es war ein Schauspiel der allerkomischsten Art, zu hören, wie der Dichter den Verlust seiner Geliebten in ihrer eigenen Gegenwart beklagte, wie er die »teure Abwesende« »grausam ungetreu« nannte und alle diese schönen Beiwörter aus einem mit rosa Schleifen geschmückten Heft ablas. Niemals hatte die Wohnung im vierten Stock eine so glänzende, zahlreiche Gesellschaft, einen solchen Reichtum an Vorhängen, Blumen und Erfrischungen aufweisen können. Und in diese Umgebung denke man sich nun die »teure Abwesende« in weißem, veilchenbekränzten Kleide, das so gut zu der stummen Rolle paßte, die sie während der Vorstellung zu spielen hatte. Wohl keiner der Anwesenden ahnte, daß Geldverlegenheiten wie unsichtbare Spinngewebe über all' dem Glanze schwebten. Und doch war es so. Die Zeitschrift lag in den letzten Zügen, die Nummern verloren immer mehr an Umfang und erschienen in immer längeren Zwischenräumen. Nachdem d'Argenton seine halbe Erbschaft darin verspekuliert hatte, dachte er daran, sie zu verkaufen. Diese niederdrückende Lage hatte zum Teil dazu beigetragen, die Närrin Charlotte für immer an ihren »Künstler« zu fesseln. Er hatte nur nötig gehabt, sich ihr gegenüber für einen besiegten, gebrochenen, von allen verlassenen Mann zu erklären, um sie zu den feierlichsten Schwüren zu veranlassen.

»Jetzt bin ich Dein ... für immer!«

Man muß zugeben, daß d'Argenton trotz seiner Narrheit und Aufgeblasenheit doch mit dieser Frau geschickt genug umzugehen wußte. Wenn Ihr gesehen hättet, mit was für Blicken sie ihn heute Abend verfolgte und wie verführerisch und genial sie ihn fand! Die übrige Gesellschaft war so ziemlich dieselbe: Labassindre in flaschengrünem Samt und Reiterstiefeln, Doktor Hirsch und Monroval in schwarzen, schäbigen Röcken und weiß sein sollenden Halsbinden, die kleinen »heißen Länder«, der ewige Egypter mit der straffen Haut, der safrangelbe Japanese und der Neffe von Berzelius.

Während der Vorlesung errötete Charlotte, die in einer gewählt gleichgiltigen Stellung auf dem Divan saß, beständig bei den in jeder Strophe vorkommenden Anspielungen; heut verfolgten sie keine beängstigenden Ahnungen, sie war ganz Ohr für ihren Dichter und als er im letzten Gesang der »teuren Abwesenden«, die zurückgekehrt war, um in seinen Armen zu sterben, die Augen zudrückte und ihr ewige Liebe schwur, da schluchzten alle Zuhörer und Charlotte am heftigsten, die Seelengröße dieses Mannes war zu rührend!

Gerade bei dieser pathetischen Stelle, als d'Argenton einen zufriedenen Blick über die Versammlung gleiten ließ, öffnete sich die Thür ungestüm, das Hausmädchen stürzte mit fliegenden Haubenbändern und allen Anzeichen der Bestürzung in den Salon und rief der Hausfrau zu:

»Gnädige Frau, gnädige Frau!«

»Was giebts?«

»Ein verdächtig aussehender Mann wünscht die gnädige Frau zu sprechen.«

»Ich komme,« rief Charlotte hastig, als ahne sie, woher der Bote käme.

Aber d'Argenton trat ihr in den Weg.

»Nein, nein,« und zu Labassindre, den stärksten von allen Anwesenden, gewendet, fuhr er fort:

»Sieh doch nach, was der Eindringling will.« Dann begab er sich eilig auf seinen Platz zurück, um die Vorlesung fortzusetzen, aber die Thür öffnete sich von neuem und Labassindre winkte dem Dichter, der, wütend über die Störung, ins Vorzimmer stürzte.

»Nun, was giebts?«

»Jack scheint schwerkrank zu sein,« entgegnete der Sänger leise, »der arme Teufel da behauptet es wenigstens.«

d'Argenton betrachtete den armen, schüchternen Teufel, dessen gebeugte Gestalt ihm nicht unbekannt zu sein schien.

»Sie sind also von dem jungen Herrn hergeschickt worden?«

»Nein, das hat er nicht gethan, dazu ist er überhaupt viel zu krank. Seit drei Wochen liegt er schon fest.«

»Was fehlt ihm denn?«

»Es sitzt ihm in der Lunge, der Doktor behauptet, er triebe es keine acht Tage mehr; da haben nun meine Frau und ich gedacht, man müßte es der Mutter mitteilen.«

»Wer seid Ihr denn?«

»Ich bin Belisar oder Bel, wie mich die Dame immer nannte, sie kennt mich und meine Frau ganz genau.«

»So, Herr Belisar? Nun, so geht und sagt dem, der Euch geschickt hat, daß der Witz schon zu abgedroschen ist, er soll sich auf einen anderen besinnen.«

»Entschuldigen Sie,« sagte der Krämer, der das »grausame Wort« nicht verstand; aber d'Argenton hatte schon die Thür zugeschlagen und ließ den verdutzten Belisar draußen stehen.

»Nichts von Bedeutung, es hatte sich jemand in der Nummer geirrt,« sagte der Dichter majestätisch, und während er seine Lektüre fortsetzte, wanderte der Krämer in Wind und Regen durch die dunkelen Straßen, um zu seinem armen Jack zurückzukehren, der im Dachstübchen auf dem Krankenbette lag.

Den Tag nach seiner Rückkehr von Etiolles hatte es ihn gepackt. Ohne ein Wort zu sagen, hatte er sich niedergelegt und seitdem schüttelten ihn Husten und Fieber so heftig, daß der Fabrikarzt sich den Freunden gegenüber sehr besorgt äußerte. Belisar wollte Herrn Rivals davon benachrichtigen, aber Jack hatte es ihm entschieden untersagt. Ein einziges Mal hatte er seine Apathie abgeschüttelt, um der Brotfrau seine Uhr und einen Ring, der von seiner Mutter stammte, zum Verkauf zu übergeben, denn das Geld wurde in der Rue des Panoyaux knapp. Alle seine Ersparnisse hatte Jack zur Wohnungseinrichtung in Charonne verwendet, seine Schubladen waren leer und auch Belisar ging es infolge der kostspieligen Hochzeit recht kümmerlich.

Dennoch waren der Krämer und seine Frau zu allen Opfern bereit, um nur den Unglücklichen pflegen zu können. Matratzen, Möbel, ja sogar ein Posten Strohhüte waren versetzt worden. Aber auch das genügte nicht, Holz und Arzneien waren gar zu teuer! Die Nachbarn rieten, Jack in ein Hospital zu bringen: »Er hat es dort besser und kostet Ihnen nichts.« Aber die braven Leute setzten einen gewissen Stolz darin, den Kameraden bei sich zu behalten. Als aber die Krankheit eine ernste Wendung nahm, kamen sie überein, Charlotte zu benachrichtigen; »die schöne Dame«, wie die Brotfrau entrüstet sagte. Sie hatte Belisar mit den Worten ausgeschickt:

»Bringe sie aber der Sicherheit halber gleich mit. Dem Armen wird es gut thun, seine Mutter wiederzusehen; er spricht niemals von ihr, dazu ist er zu stolz, aber denken mag er oft genug an sie.«

Aber Belisar kam allein zurück, ein wenig ängstlich sogar, da er nicht wußte, was für ein Empfang ihm zu teil werden würde.

Frau Belisar, die ihr schlafendes Kind auf den Knieen wiegte, saß mit Frau Levindré plaudernd am Feuer und horchte auf Jacks pfeifende Atemzüge und den erstickenden Husten, der aus dem Alkoven drang. Niemand hätte in dem leeren, düsteren Hofzimmer die helle Wohnung wiedererkannt, in der die Arbeit vom Morgen bis zum Abend gleich einer Lerche sang. Belisars Ankunft unterbrach das Geflüster.

»Nun?« fragte die Brotfrau.

Er erzählte mit leiser Stimme, daß der Herr mit dem großen Schnurrbart ihn verhindert habe, bis zu Jacks Mutter vorzudringen.

»Der Schuft. Aber Du bist auch ein Hasenfuß, Du hättest ihn beiseite stoßen und der Spitzbübin zurufen sollen: ›Ihr Kind liegt auf den Tod.«

Der Krämer senkte den Kopf, er wußte, daß er seiner Schüchternheit niemals Herr werden konnte.

»Wenn ich gegangen wäre, hätte ich sie sicher hergebracht,« meinte die brave Frau und ballte die Fäuste. »Aber was soll nun werden? Wir können den armen Burschen nicht aus Mangel an Pflege sterben lassen.«

Nun äußerte Frau Levindré ihre Meinung.

»Thun Sie, wie der Arzt meint, und schicken Sie ihn aufs Meldeamt im Krankenhause Notre Dame. Da bekommt er eine Eintrittskarte in irgend ein Hospital.«

»Bst, bst, nicht so laut,« sagte Belisar und deutete auf den Alkoven, wo sich der Kranke unruhig im Fieber hin und herwarf, »er hat Sie sicherlich gehört.«

»Ein großes Unglück, er ist weder Ihr Bruder, noch Ihr Sohn! Sie sollten sich ihn vom Halse schaffen und ihn ins Spital bringen.«

»s'ist der Kamerad,« versetzt Belisar, und legte soviel Stolz und Herzensgüte in diese Worte, daß seine Frau ganz rot wird und mit thränenden Augen zu ihm aufsieht. Frau Levindré verabschiedet sich achselzuckend; sobald sie fort ist, erscheint das Zimmer weniger düster und traurig.

Jack hatte das ganze Gespräch mit angehört. Seit ihn der heftige Anfall seines Brustleidens ans Bett gefesselt hielt, schlief er nicht, wendete sich aber gleichgiltig von seiner Umgebung ab und hüllte sich in ein Stillschweigen, aus dem ihn die heftigsten Fieberphantasien nicht zu reißen vermochten. Den Kopf gegen die Wand gedreht, lag er mit weitgeöffneten Augen den ganzen Tag unbeweglich, während der Lärm des Tages in sein Dachstübchen hinaufdrang und ihn seine Unthätigkeit verwünschen ließ. Weshalb war er nicht so stark und tapfer wie die anderen, um die Täuschungen des Lebens leichter überwinden zu können? Aber für wen sollte er arbeiten?

Seine Mutter hatte ihn verlassen, Cäcilie mochte ihn nicht! Diese beiden Frauengesichter verließen ihn Tag und Nacht nicht. Wenn die lächelnde, unbedeutende Charlotte verschwunden war, erhob sich Cäciliens reines Antlitz vor seinem geistigen Auge, und er mußte regungslos daliegen, während das Klopfen in seinen Schläfen und Pulsen, die erstickenden Hustenanfälle sich mit dem Straßenlärm und dem Sausen des Windes vermischte.

Als die Brotfrau am Morgen nach der vorhin erwähnten Unterredung mit mehlbestaubter Schürze von ihrem Rundgang zurückkehrte und zu Jack ins Zimmer trat, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen, fuhr sie erschreckt zurück, als sie die lange, hagere Gestalt fertig angekleidet am Feuer stehen und mit Belisar unterhandeln sah.

»Was giebt's? Ihr seid ja aufgestanden?«

»Er wollte durchaus,« entgegnete der Krämer trostlos. »Er will ins Krankenhaus.«

»Ins Krankenhaus? weshalb? Pflegen wir Euch nicht gut genug? Fehlt es Euch an irgend etwas?«

»Nein, meine lieben Freunde. Ihr seid edelmütig und aufopferungsvoll, aber es ist mir unmöglich, länger bei Euch zu bleiben; bitte, haltet mich nicht zurück, ich will und muß fort.«

»Aber Ihr seid ja viel zu schwach, um gehen zu können!«

»Ich bin etwas hinfällig, aber wenn es sein muß ... Belisar wird mich stützen. Er hat es schon einmal in Nantes gethan, als ich noch weniger fest auf den Füßen stand als heute.«

Diesem festen Entschluß war nicht zu widersprechen. Jack umarmte Frau Belisar und stieg, von dem Krämer unterstützt, die Treppe hinab, nachdem er der kleinen Wohnung, wo er so schöne Stunden verlebt und so glänzende Luftschlösser gebaut hatte, einen wehmütigen, stummen Abschiedsblick zugeworfen hatte. Wie weit erschien ihm der Weg nach dem Notre Dame gegenüberliegenden Krankenhaus! Oft blieben sie an Brückengeländern und Straßenecken stehen, aber der Tag war zu kalt, als daß sie sich eine längere Ruhepause gönnen durften. Unter dem düsteren, niedrigen Dezemberhimmel schien der Kranke noch bleicher und fahler auszusehen, sein Antlitz triefte von Schweiß infolge der ungeheuren Anstrengung. Es war noch früh am Tage, als sie das Meldeamt erreichten. Dennoch war der Wartesaal dicht mit Menschen angefüllt, die auf Holzbänken an der Wand und um den knatternden Ofen saßen. Als Jack an Belisars Arm eintrat, richteten sich ärgerliche, unruhige Blicke auf ihn.

»Noch einer, das wird schön werden!« schienen sie zu sagen.

In der That ist der Zudrang zu den Krankenhäusern so stark, jedes Krankenbett wird so ungestüm begehrt, daß die wohlthätigen Anstalten verdoppelt werden könnten und es dennoch immer mehr Kranke, als freie Plätze geben würde.

Endlich öffnete sich die Thür und ein kleiner, trockener, beweglicher Mann trat ein, der Arzt.

Sofort herrschte tiefes Stillschweigen auf allen Bänken, das Husten nahm zu, und die Gesichter wurden immer jämmerlicher. Während sich der Doktor die Hände am Ofen wärmte, ließ er einen prüfenden, festen Blick über die Versammlung gleiten, dann begann er seinen Rundgang durch den Saal in Begleitung eines Dieners, der Eintrittskarten zu den verschiedenen Hospitälern verteilte. Welche Freude für die Unglücklichen, wenn sie für das Krankenhaus reif erklärt wurden! Welche Enttäuschung und flehentlichen Bitten, wenn sie noch nicht krank genug waren! Die Untersuchung ging ein wenig ungestüm vor sich, denn es waren ihrer Viele da, und die armen Leute ließen sich gar zu weitschweifig über ihre Krankheit aus.

»Nun, liebe Frau, was fehlt Ihnen?« fragte der Doktor eine Frau, die neben einem zwölfjährigen Knaben sitzt.

»Ich nicht, mein Herr, mein armer Junge hier ist taub, er ist es seit ... ich will es Ihnen gleich erzählen. Komm her, Eduard, auf welchem Ohr bist Du taub ... Sehen Sie, Herr Doktor, es sind beide Ohren ...«

Dann wendet sich der Doktor zu Jacks Nachbar, einem starken, blatternarbigen Mann.

»Was fehlt Ihnen?«

»Ich bin halsleidend, mein Herr, die Kehle brennt mir.«

»So, die Kehle brennt Ihnen? Sie trinken wohl zuweilen Branntwein?«

»Oh, niemals, mein Herr,« versetzte jener entrüstet.

»Sehr gut, also Branntwein trinken Sie nicht, aber Wein? ...«

»Ja, mein Herr, je nach Bedarf.«

»Und wie groß ist Ihr Bedarf? Einige Schoppen täglich? Zeigen Sie einmal ihre Zunge!«

Vergebens sträubt sich der Trunkenbold, er muß schließlich sein Laster doch eingestehen. Dann kommt Jack an die Reihe. Der Arzt untersucht ihn aufmerksam, fragt ihn nach seinem Alter und wie lange er krank sei.

»So, nun stehen Sie einmal auf,« sagt der Doktor und legt sein Ohr gegen die durchnäßten Kleider des Kranken, um ihn auszuhorchen. »Sind Sie zu Fuß gekommen?«

»Ja, mein Herr.«

»Außerordentlich, daß Sie in diesem Zustand noch gehen konnten! Sie müssen sich furchtbar zusammengenommen haben, aber ich verbiete Ihnen, es zu wiederholen; Sie sollen auf einer Tragbahre fortgeschafft werden.«

Dann wandte er sich zu seinem Gehülfen:

»Nach der Charité in den Johannessaal,« und setzte ohne ein Wort wieder seine Untersuchung fort.

Während Jack auf der schwankenden Tragbahre unter Schütteln und Stoßen nach dem Krankenhause gebracht wurde, hörte er neben sich den unregelmäßigen Schritt des braven Krämers, der sich's nicht hatte nehmen lassen, ihn zu begleiten und von Zeit zu Zeit seine Hand faßte, um ihm zu beweisen, daß er nicht ganz verlassen sei. Ganz erschöpft und zerschlagen erreichte der Kranke den im zweiten Stock gelegenen Johannessaal, einen öden, säulengetragenen Raum mit zwanzig Betten, zwei Lehnstühlen, einem riesigen Ofen, Tisch und Schrank. Das war alles. Als Jack eintrat, unterbrachen fünf oder sechs Gespenster in braunen Schlafröcken und Baumwollmützen eine stumme Partie Domino, um den Ankömmling zu betrachten; andere, die sich am Ofen wärmten, wichen vor ihm zurück. Der einzige freundliche Winkel in dem riesigen Zimmer war der Glasverschlag, wo sich die dienstthuende Schwester aufhielt, und der mit Blumen, Flittern und Kerzen geschmückte Altar der Jungfrau Maria.

Die Schwester kam Jack entgegen und rief mit eintöniger, hoher Stimme:

»Oh, der arme Mensch, wie krank er aussieht! Er muß sich gleich hinlegen ... Wir haben zwar kein Bett mehr, aber das da drüben wird bald frei sein, einstweilen wollen wir ihn in ein Gurtbett legen.«

Was sie Gurtbett nannte war eine Art Bahre, die der Krankenwärter neben das Lager schob, das bald frei sein sollte und aus dem qualvolles Stöhnen hervortönte, das noch grausiger erschien durch die Gleichgiltigkeit, mit der es alle anhörten. Der Mann dort lag im Sterben, aber Jack selbst fühlte sich zu schwach und krank, um von der unheimlichen Nachbarschaft Notiz zu nehmen. Er hörte kaum noch das »Auf Wiedersehen.«

Belisar, der ihm versprach, am nächsten Morgen wiederzukommen, und das durch die Suppenverteilung hervorgerufene Klappern von Schüsseln und Tellern und schließlich das Geflüster neben seinem Bett, wobei von einer Nummer 11a die Rede war, die sehr krank sein sollte. Schon sank er nach der großen Erschöpfung in Schlummer, als ihn eine klare, ruhige Stimme emporschrecken ließ.

»Meine Herrn, das Gebet.«

Nur undeutlich erkannte er die Umrisse einer vor dem Altar knieenden Frauengestalt, auch ist er nicht imstande, dem rasch und etwas singend gesprochenen Gebet zu folgen, das ohne Pausen und Seufzer ganz gewohnheitsmäßig den Lippen der Knieenden entströmt, nur die letzten Worte bleiben in seinem Gedächtnis haften:

»Schütze, o Herr, meine Freunde und Feinde, die Gefangenen, Reisenden, Kranken und Sterbenden.«

Dann versinkt Jack in fieberhaften, unruhigen Schlaf, in dem die Seufzer seines Nachbars sich zu den Bildern von Reisenden gesellen, die auf einem endlosen Wege dahinwandern.

Er selbst ist einer der Reisenden, er wandert auf der Straße nach Etiolles, die ihm endlos lang erscheint. Vor ihm gehen Cäcilie und seine Mutter, die er trotz aller Anstrengung nicht einholen kann. Riesige Maschinen versperren ihm den Weg. Endlich entschließt er sich zitternd, hindurchzugehen, wird von den Ungeheuern erfaßt und zerrissen. Es kostet einen furchtbaren Kampf, bis es ihm gelingt, sich in den Senartwald zu retten ... Unter den frischen, grünen Zweigen wird Jack mit einem Mal ganz klein. Er ist zehn Jahre alt und kommt von einem köstlichen Spaziergang mit dem Heger nach Hause. Aber dort drüben an der Ecke erwartet ihn die alte Salé mit geschwungener Sichel. Er will fliehen, aber die Alte stürzt auf ihn zu, faßt ihn, ringt mit ihm, wirft ihn zu Boden und setzt sich endlich mit ihrer ganzen Last auf die Brust des Knaben ... Jack fährt empor. Er erkennt den weiten, von einem Nachtlicht erhellten Saal mit seinen Bettreihen, aus denen Seufzen und Husten dringt. Er träumt nicht mehr und doch empfindet er noch immer ein Gefühl der Schwere, irgend etwas Kaltes, Unheimliches liegt quer über ihm, das die auf seinen Ruf herbeieilenden Wärter eilends entfernen, in das benachbarte Bett legen und die Vorhänge fest zusammenziehen.

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