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Alphonse Daudet: Jack - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleJack
publisherVerlag von Neufeld & Henius
printrunZweite Auflage
yearo.J.
translatorW. Vollmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151227
projectid9d16f389
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Vierundzwanzigstes Kapitel.
Der Kamerad.

»Höre, Schmiß, da ist einer, der vom Dampfer kommt und sich gern verdingen möchte.«

Der mit Schmiß Angeredete, ein langer Kerl mit Blouse und Mütze, dessen Gesicht eine lang Narbe aufwies, näherte sich dem Schenktisch, denn Mietverträge werden fast immer in einer der Weinschenken in der Vorstadt geschlossen, musterte den ihm vorgestellten Gefährten vom Kopf bis zu den Füßen:

»Nun, wenn Du Heizer gewesen bist,« begann er würdevoll.

»Drei Jahre lang,« versetzte Jack.

»So, das beweist, daß Du stärker bist, als Du aussiehst. Geh zu Eyssendeck, das große Haus in der Oberkampfstraße; dort werden Arbeiter verlangt. Dem Obermeister kannst Du sagen, daß Schmiß Dich schickt. So, nun könntest Du uns eine Flasche zum Besten geben.«

Jack that es, ging dann nach der ihm bezeichneten Fabrik und schritt eine Stunde später als mit sechs Franken Tagelohn bei Eyssendeck angestellter Arbeiter die Temple-Straße entlang, um in der Nähe seiner Werkstatt ein Unterkommen zu finden.

Welch' Getümmel herrschte in den Straßen! Jack schritt leuchtenden Auges mit stolz erhobenem Kopf durch das Leben und Treiben und suchte im letzten Tageslicht die gelben Wohnungszettel zu entziffern. Man stieß und drängte sich um ihn, ohne daß er es merkte. Er empfand nicht die Kälte des Dezemberabends, hörte nicht, wie die kleinen, zerzausten Arbeiterinnen im Vorbeigehen zu einander sagten:

»Ein hübscher Mensch!«

»Wie schön ist das Leben, wie fleißig will ich arbeiten,« dachte Jack, weiter eilend. Plötzlich stieß er an einen großen, viereckigen, mit Filzhüten und Mützen bepackten Korb, der neben dem schmalen Schaufenster eines Schusterladens an der Mauer lehnte. Jack dachte an die ewigen Leiden seines Freundes, des Krämers und empfand herzliche Freude, als er seine schwerfällige Gestalt im Laden bemerkte. Doch kaufte er nichts für sich, sondern für einen kleinen, kränklichen Knaben von vier bis fünf Jahren, dessen unförmlicher Kopf zwischen schmalen, eingesunkenen Schultern saß. Während der Schuhmacher ihm die Stiefel anprobierte, plauderte Belisar freundlich mit dem Kleinen.

»Nicht wahr, Freund Weber, die sitzen schön warm?«

Jacks Erscheinen schien ihn nicht zu überraschen.

»Sieh da!« meinte er so ruhig, als hätte er ihn erst gestern Abend gesehen.

»Guten Tag, Belisar, was macht Ihr da? Ist das Euer Junge?«

»O nein, er gehört der Frau Weber,« versetzte Belisar mit einem Seufzer, der zu sagen schien: »Ich wollte, es wäre meiner.« Dann fügte er zu dem Kaufmann gewendet hinzu:

»Sind sie auch weit genug, damit er bequem drin Platz hat?« –

Als sie endlich wieder draußen waren, fragte er Jack in bedeutsamem Tone:

»Wo geht Ihr jetzt hin, Kamerad?«

Jack, der sich das kühle Benehmen seines Freundes nicht erklären konnte, antwortete:

»Meiner Treu, das weiß ich nicht ... Ich bin Arbeiter bei Eyssendeck und suche hier in der Nähe ein Unterkommen.«

»Bei Eyssendeck?« versetzte der Krämer, welcher alle Fabriken der Vorstadt kannte; »ei, da kommt man nicht so leicht an, wenigstens muß man sehr gute Zeugnisse haben.«

Er zwinkerte dabei Jack zu, dem das Wort »gute Zeugnisse« sogleich Aufschluß gab. Es ging ihm mit Belisar, wie mit Rivals. Denn sobald dieser erfahren hatte, was in Indret geschehen war und das Zeugnis des Direktors las, veränderte sich alsbald sein Gesichtsausdruck, und ein gutmütiges Lächeln erhellte sein fahles Gesicht.

»Höre, Jack, es ist schon zu spät, einen Schlafstellenvermieter aufzusuchen, komm mit mir, ich habe eine große Wohnung, wo Du übernachten kannst.«

Jack, der Krämer und der kleine Weber machten sich nun alle drei auf den Weg zu Belisars Wohnung in der Rue des Panoyaux. Unterwegs erfuhr Jack, daß die Schwester in Nantes Wittwe sei und wieder in Paris lebe, daß Belisar nicht mehr über Land ginge und das Geschäft jetzt viel einträglicher sei. Von Zeit zu Zeit unterbrach er seine Erzählung, um seinen schrillen Ruf: »Hüte, Hüte, Hüte!« auszustoßen. Schließlich mußte er noch den Kleinen auf den Arm nehmen, der über Müdigkeit klagte.

»Das arme Kerlchen ist das Gehen nicht gewöhnt; und damit er öfter mitkommen kann, habe ich ihm jetzt die Stiefel machen lassen. Die Mutter ist den ganzen Tag fort. Sie trägt Brot aus; eine sehr tüchtige Frau. So, nun sind wir da.«

Sie betraten eine der großen Arbeiterkasernen mit engen Fenstern und langen Gängen. Das Zimmer des Krämers lag im sechsten Stock am Ende des Flures, und doch war der arme Belisar so stolz auf seine Wohnung!

»Du sollst gleich sehen, Jack, wie nett ich eingerichtet bin; warte nur einen Augenblick, ich will den Kleinen zurückbringen.«

Er suchte an der der seinigen gegenüberliegenden Thür unter der Strohdecke nach dem Schlüssel, öffnete, zündete ein Licht an und setzte den Kleinen auf einen hohen Stuhl am Tisch, nachdem er ihm als Spielzeug zwei Topfdeckel in die Hand gegeben hatte.

»Nun wollen wir schnell fortgehen. Frau Weber muß gleich zurückkommen, ich bin neugierig, was sie zu den neuen Schuhen sagen wird; sie kann keine Ahnung haben, woher sie kommen, das soll ein Spaß werden!«

Er lachte schon im Voraus, während er die Thür zu einer großen, durch eine Art Glaswand in zwei Hälften geteilten Dachstube öffnete. Ein Stoß von Hüten und Mützen verriet das Gewerbe und die kahlen Wände die Armut des Bewohners.

»Wie, Belisar?« fragte Jack, »Ihr wohnt also nicht mehr mit Euren Eltern zusammen?«

»Nein,« erwiderte der Krämer, während er sich verlegen den Kopf kratzte, »Ihr wißt, in zahlreichen Familien herrscht selten Einigkeit. Frau Weber findet es unrecht, daß ich für alle arbeite, ohne jemals etwas für mich anzuwenden. Sie hat gescheidte Gedanken, ja, ja.«

Während er so plauderte, zündete Belisar die Lampe an, packte seine Waaren fort und richtete das Essen her.

»Nun können wir uns zu Tische setzen,« meinte er, stolz auf den gedeckten Tisch weisend, wo eine Zeitung als Tischtuch und zugleich als Unterlage für Brot und Radieschen diente.

»Gott, wenn ich an den Schinken von damals denke, niemals habe ich etwas Besseres gegessen.«

Nun, sein Kartoffelsalat mit Häringen war auch nicht schlecht, wenigstens that ihm Jack alle Ehre an. Belisar beobachtete mit Entzücken den Appetit seines Gastes, während er daneben seine Pflichten als Hauswirt erfüllte, nach dem kochenden Wasser sah und Kaffee mahlte.

»Hört, Belisar,« begann Jack, »Ihr habt ja eine vollständig eingerichtete Wirtschaft!«

»O, es gehört mir nicht alles, Frau Weber borgt sie mir nur einstweilen bis ...«

»Bis was, Belisar?«

»Bis wir verheiratet sind,« meinte der Krämer treuherzig, während seine Wangen sich dunkelrot färbten.

»Und wann soll die Hochzeit sein?«

»Ich hätte sie am liebsten sobald als möglich. Aber Frau Weber, die die Vernunft selber ist, fand, daß wir bei den teuren Preisen nicht reich genug sind, um einen Hausstand anzufangen, wenn wir nicht noch einen Kameraden dazufinden, dem wir Schlafstelle, Kost und Wäsche gewähren. Denkt doch, welche Ersparnis! Was für zwei Personen genügt, reicht auch für drei. Nur möchten wir einen ehrlichen Menschen finden, der nicht zuviel Unordnung verursacht.«

»Nun, wäre ich Euch ehrlich genug, Belisar?«

»Wirklich, Jack, Du wolltest? Seit einer Stunde denke ich daran, wagte aber nichts zu sagen. Nun, ich bins zufrieden: welch' Glück, daß ich Dich gefunden habe! Still, da kommt Frau Weber.«

Die Treppe erdröhnte unter einem schwerfälligen Männerschritt. Das Kind mußte es sicher gehört haben, denn es blökte wie ein Kalb und schlug die Deckel zusammen.

»Horch,« sagte Belisar. Man hörte, wie die Thür geöffnet wurde, dann einen freudigen Ausruf. Belisars Gesicht zog sich vor Vergnügen zusammen.

Allmählich näherte sich das fröhliche Gelächter den beiden Freunden und bald trat eine große, kräftige Frau von fünfunddreißig Jahren in langer blauer Latzschürze ins Zimmer.

»Du Schäker,« sagte sie, »Du hast also den Streich ausgeführt? Aber sieh nur her, wie fein mein Junge aussieht.« Dabei lachte sie, daß Ihr die Thränen in die Augen traten.

Als der erste Freudenausbruch vorüber war, setzte sich Frau Weber auch mit an den Tisch und trank Kaffee aus einem Ding, das wie ein Mostrichtopf aussah. Dann wurde Jack als zukünftiger Kamerad vorgestellt und man kam überein, daß er bis zur Hochzeit mit in Belisars Zimmer wohnen sollte. Die Mahlzeiten wollte man gemeinsam einnehmen und nach der Hochzeit sollte eine größere Wohnung in der Nähe der Eyssendeck'schen Fabrik gemietet werden.

Während diese wichtigen Fragen erörtert wurden, ging Frau Weber, ihr schlafendes Kind auf dem Arm, ab und zu, richtete ein Lager für den Kameraden her, deckte den Tisch ab und spülte das Geschirr. Belisar begann Hüte zu nähen und Jack schichtete Doktor Rivals Bücher in einer Ecke des Schrankes auf.

Vor wenigen Tagen noch wäre er sehr erstaunt gewesen, wenn man ihm gesagt hätte, daß er mit solchem Eifer und so freudigem Herzen wieder an die Arbeit gehen würde; aber der Preis, der am Ziele winkte, ließ ihm jede Mühe leicht werden. Seine neue Werkstatt in der Oberkampfstraße erinnerte ihn an Indret, war aber bedeutend kleiner. Die Luft darin war zum Ersticken, besonders da hier nicht, wie in Indret, der frische Seewind um die überhitzten Gebäude spielte. Dennoch ertrug Jack das alles geduldig. Er betrachtete es nur als Übergang, that seine Arbeit zwar stets gewissenhaft, aber die Gedanken weilten anderswo. Seine Gefährten merkten das bald. Es fiel ihnen auf, daß er stets für sich blieb und sich nicht im Geringsten um ihre Streitigkeiten und Angelegenheiten kümmerte. Er verließ die Schmiede stets allein, beeilte sich, nach seiner Wohnung zu gelangen, seine Arbeitsblouse abzulegen und eine andere Beschäftigung vorzunehmen. Er holte seine Schulbücher hervor, begann sein Abendstudium und wunderte sich jedesmal, wieviel leichter ihm das Lernen wurde. Neben ihm nähte Belisar Mützenschirme oder Strohhüte, und wenn das Kind eingeschlafen war, erschien auch Frau Weber und setzte sich zu den beiden Freunden, um Kohlen und Öl zu sparen. Man war übereingekommen, die Hochzeit erst im Frühjahr zu feiern. Einstweilen saßen die beiden Liebenden fleißig nebeneinander und arbeiteten. Von Zeit zu Zeit versuchte Belisar, Frau Webers Hand zu ergreifen, aber sie fand, daß die Arbeit darüber ins Stocken geriet und so handhabten sie ihre Nadeln fleißig und dämpften ihre groben Stimmen zum Geflüster.

Jack rührte sich nicht, um sie nicht zu stören, dachte aber bei seiner Schreiberei: »Wie glücklich sie sind!«

Er fühlte sich nur Sonntags wohl, wenn er in Etiolles war.

Niemand verwendete mehr Sorgfalt auf seine Toilette, als Jack am Morgen dieses wichtigen Tages ohne Stunden und Minuten, voller Glückseligkeit und Sonnenschein! Wie in früheren Tagen überhörte der Doktor die Aufgaben in Cäciliens Gegenwart und der verständige Blick des jungen Mädchens schien Jack das Verständnis zu erleichtern. Nach beendetem Unterricht wurde bei schönem Wetter ein Spaziergang durch den Wald unternommen.

Das war die schönste Stunde des Tages! Der gute Doktor verlangsamte seine Schritte absichtlich und ließ die jungen Leute Arm in Arm vorausgehen. Oft kamen sie bei diesen Spaziergängen auch am Erlenhäuschen vorbei, wo Doktor Hirsch von Zeit zu Zeit Experimente mit seinem neuen Heilverfahren anstellte; wenigstens verriet der beißende, aromatische Rauch, der dem Schornstein entquoll, seine Anwesenheit.

»Aha, der Giftmischer ist wieder da, es riecht nach seiner Teufelsküche,« meinte der Doktor.

Cäcilie suchte ihn zu beschwichtigen.

»Nimm Dich in acht, Großvater, er könnte Dich hören.«

»Mag er, glaubst Du, ich fürchte mich vor ihm? Seit dem Tage, wo er mich nicht zu Jack lassen wollte, weiß er, daß der alte Rivals noch eine kräftige Faust hat.«

Dennoch sprachen die beiden leiser und gingen schneller, so lange sie sich im Bereich von Parva domus befanden; war doch jede Verbindung zwischen d'Argenton und Charlottens Sohn abgebrochen. Seit drei Monaten hatten sie sich nicht mehr gesehen. Charlotte, welche Erklärungen und Szenen fürchtete, hatte es aufgegeben, die Beiden zu versöhnen. d'Argenton gegenüber erwähnte sie ihren Sohn garnicht mehr, aber dann und wann traf sie ihn heimlich. Zwei oder drei Mal war sie verschleiert in einer Droschke in der Oberkampfstraße vorgefahren und Jacks Gefährten hatten ihn an der Thür mit einer noch jugendlichen, hübschen Frau plaudern sehen; die sie für seine Geliebte hielten. Jack waren diese Gerüchte sehr peinlich, und ohne sie Charlotte mitzuteilen, schützte er Mangel an Zeit vor, um sie am Wiederkommen während der Arbeitszeit zu verhindern. Nun trafen sie sich nur noch in öffentlichen Gärten oder in der Kirche, denn, wie viele Ihresgleichen, wurde Charlotte mit zunehmendem Alter fromm.

»Jack,« sagte sie eines Tages, als beide aus der Panthéonkirche traten, »Jack, könntest Du wohl ... denke Dir, ich weiß nicht, wie ich auskommen soll, ich habe kein Geld mehr. Ich wage ihn nicht zu bitten, denn sein Geschäft geht schlecht; er ist ganz krank davon. Könntest Du mir vielleicht? ...«

Er ließ sie nicht ausreden, sondern drückte ihr errötend seinen Lohn in die Hand.

Im hellen Tageslicht bemerkte er, was er in der Kirche nicht gesehen hatte, wie bleich und verkümmert sie aussah. Unendliches Mitleid ergriff ihn.

»Weißt Du Mutter, wenn Du unglücklich bist ... ich bin da ... komm zu mir.«

Sie erbebte.

»Nein, nein, es ist unmöglich; er ist jetzt so abgespannt und es wäre nicht ehrenhaft von mir.« Und mit hastigen Schritten entfernte sie sich, als fürchte sie sich vor der Versuchung.

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