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Alphonse Daudet: Jack - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleJack
publisherVerlag von Neufeld & Henius
printrunZweite Auflage
yearo.J.
translatorW. Vollmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151227
projectid9d16f389
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Genesung.

Wie Jack infolge der trübseligen Wanderung krank und vierzehn Tage lang der Gefangene Doktor Hirsch's wurde, der an dem neuen Maduh seine Heilmethode vermittelst Wohlriechendem versuchte, wie ihn Herr Rivals gewaltsam in sein Haus entführte und ihm Leben und Gesundheit wiedergab, das zu erzählen würde wohl zu viel Zeit in Anspruch nehmen und ich will mich also damit begnügen, Euch sogleich unsern Freund Jack vorzuführen, wie er in einem bequemen Lehnstuhl an einem Fenster der Apotheke mit seinen Büchern, von wohlthuender Ruhe umgeben, sitzt.

Er ist so glücklich, daß er fast garnicht spricht, sondern mit halbgeschlossenen Augen die süße Gegenwart genießt und Cäciliens Feder beobachtet, wie sie über das Abrechnungsbuch fliegt. –

»O, dieser Großvater! Ich bin sicher, daß er die Hälfte seiner Besuche mit Stillschweigen übergeht, gestern hat er sich zweimal verschnappt; er behauptete, garnicht bei Goudeloups gewesen zu sein und zwei Minuten später erzählte er, daß es der Frau besser ginge; nicht wahr, Jack?«

Er hat nichts gehört, sondern sie nur sinnend betrachtet. Sie ist durch und durch ernst und frei von jeder kindischen Thorheit. Wenn sie »mein Freund Jack,« sagt, so scheint es ihm, daß ihn noch niemand so genannt hat, und wenn sie ihm »Lebewohl« sagte, so krampfte sich sein Herz zusammen, als sollte er sie niemals wiedersehen.

O, die schönen, köstlichen Tage in diesem gesegneten Hause! Als seine Kräfte wiederkehrten, begann Jack zu lesen; er durchblätterte die alten Schwarten und fand viele unter ihnen, die er früher studiert hatte und die er jetzt mit reiferem Verständnis wieder las.

Cäcilie verrichtete ihre tägliche Arbeit, der Doktor war stets unterwegs und so blieben die beiden jungen Leute unter der Obhut des kleinen Dienstmädchens zurück, und es gab viele kluge Mütter, welche darob entsetzt waren.

Als d'Argenton von Jacks Aufenthalt bei Rivals erfuhr, faßte er dies als eine persönliche Beleidigung auf:

»Es paßt sich nicht, daß Du dort bleibst,« schrieb Charlotte ihrem Sohn; »man wird nun im Dorfe sagen, wir hätten keine Lust, Dich zu pflegen, Du machst uns damit einen Vorwurf ...« Als dieser Brief ohne Erfolg blieb, schrieb der Dichter selbst »Er selbst«. »Ich habe Dir Hirsch geschickt, Du hast aber die verrückte Behandlung eines Dorfarztes vorgezogen; Gott gebe, daß Du Dich dabei erholst. Jedenfalls lasse ich Dir zwei Tage Zeit, nach dem Erlenhäuschen zurückzukehren; wenn Du es nicht thust, sehe ich es als Auflehnung gegen meine Macht an und wir sind geschiedene Leute, also richte Dich danach.«

Als sich Jack auch dann noch nicht rührte, kam Charlotte mit würdevoller Miene, einer großen Schokoladendüte für unterwegs zu knabbern und einer Menge auswendig gelernter Redensarten. Herr Rivals empfing sie im Erdgeschoß und sagte ihr, ohne sich durch das kühle Benehmen der Dame einschüchtern zu lassen, grade heraus:

»Ich muß ihnen mitteilen, gnädige Frau, daß ich Jack verhindert habe, ins Erlenhäuschen zurückzukehren. Sein Leben stand auf dem Spiel. Jawohl, gnädige Frau, Ihr Sohn leidet an furchtbarer Entkräftung und den Folgen der Überanstrengung. Glücklicherweise ist er noch in dem Alter, wo sich dergleichen gutmachen läßt, und ich hoffe, er übersteht den Anfall, wenn Sie ihn dem elenden Hirsch, diesem Mörder, nicht mehr überlassen. Ich habe ihn im Erlenhäuschen aus einer Rauch- und Dunstwolke retten müssen; jetzt ist er außer Gefahr und ich übernehme es, ihn vollkommen wieder herzustellen.«

»Oh, Herr Rivals, was höre ich? Mein Gott, mein Gott, womit habe ich das verdient?«

Natürlich folgte diesen Worten ein Thränenstrom, welchen der Doktor mit einigen freundlichen Worten beschwichtigte, dann stieg Charlotte in die Apotheke zu ihrem Jack hinauf. Sie fand ihn hübscher und feiner aussehend, aber noch sehr erschöpft von der Krankheit; als er sie eintreten sah, erblaßte er:

»Du willst mich mitnehmen?«

»Nein, nein, Du bist hier sehr gut aufgehoben; wer sagt Dir denn, daß ich Dich holen will.«

Zum ersten Mal in seinem Leben empfand Jack, daß er auch ohne seine Mutter glücklich sein könne. –

Charlotte plauderte noch eine Weile mit ihm und erging sich in vertraulichen Mitteilungen. »Ja, ja, mein Kind, dieses litterarische Leben bringt viel Aufregung mit sich, wir halten alle vierzehn Tage Vorlesungen, ich weiß garnicht, wo mir der Kopf steht. Herrn Monrovals japanischer Prinz hat ein langes Gedicht verfertigt und ›Er‹ hat sich in den Kopf gesetzt, es Wort für Wort zu übersetzen; er nimmt jetzt Unterricht im Japanischen und ich auch, denke Dir ... Nein, ich fange wirklich an zu glauben, daß die Litteratur nicht in mein Fach schlägt. Und dabei bringt die Zeitschrift keinen Sou ein, ja hat nicht einmal einen Abonnenten. Du weißt, gut' Freund ist tot. Erinnerst Du Dich seiner noch?«

In diesem Augenblick trat Cäcilie ein.

»Ah, Fräulein Cäcilie, wie groß und schön sind Sie geworden!«

Sie schüttelte die Spitzen ihrer Mantille zurück, um das junge Mädchen zu begrüßen. Jack fühlte sich unbehaglich. d'Argenton, gut Freund hätte er um alles in der Welt nicht in Cäciliens Gegenwart erwähnen mögen.

Frau d'Argenton wurde genötigt, zum Mittagessen zu bleiben, schlug es aber um des Dichters willen ab. Überhaupt wurde sie, je näher die Abschiedsstunde rückte, immer unruhiger und erfand schon im Voraus eine kleine Geschichte, um ihr langes Ausbleiben zu entschuldigen.

»Und, mein Jack, wenn Du mir schreibst, schicke Deine Briefe postlagernd nach Paris. Du weißt, ›Er‹ ist jetzt sehr böse auf Dich. Wundere Dich auch nicht, wenn Du eine Strafpredigt von mir erhältst, er sieht alle meine Briefe durch, ja diktiert sie sogar; aber ich werde ein Kreuz darunter machen, das soll heißen: ›Das gilt nicht.‹«

Sie gab freimütig ihre Sklaverei zu, aber Jack tröstete sich über die Tyrannei, die seine Mutter bedrückte, als er die arme Närrin so heiter und vergnügt davongehen sah.

»Wenn Ihr Lust habt,« sagte Herr Rivals eines Abends zu seinen beiden Kindern, »so wollen wir uns morgen in Condray an der Weinlese beteiligen. Der Weinbergsbesitzer hat versprochen, mir seinen Karren zu schicken. Ihr beide könnt schon früh fahren und ich komme gegen Mittag nach.«

Beide willigten mit Freuden ein. An einem schönen Oktobermorgen fuhren sie ab; ein leichter Nebel stieg empor und enthüllte die schöne Landschaft; leichte, seidige Fäden zogen über die gemähten Wiesen und Felder. Eine der Bauerntöchter lenkte den kleinen, dickköpfigen Esel und dahin ging es durch Etiolles und Soisy. Hinter der Corbeiller Brücke dehnten sich, dem Flusse folgend, die Weinberge aus. Auf den nach der Seine zu abfallenden Abhängen raschelte ein Schwarm eifrig pflückender Arbeiter zwischen den Stöcken, wie Seidenwürmer in den Zweigen des Maulbeerbaumes. Jack und Cäcilie ergriffen jeder aufs Geratewohl einen Weidenkorb und eilten an die Arbeit. Der schöne Tag ging bald zu Ende, wenigstens erschien es Jack so. Er ließ Cäcilie keine Minute aus den Augen, sondern sah stets ihren breitkrämpigen Strohhut, das geblümte Sommerkleid und den mit auserlesenen Trauben gefüllten Korb vor sich. Und doch kam ein Augenblick, wo die beiden jungen Leute müde am Rande eines Gehölzes auf rotblühendem Haidekraut saßen.

Und was geschah dann?

Nun, sie sprachen nicht. Ihre Liebe war nicht von der Art, die gleich Worte findet, um sie zu gestehen; sie ließen den Abend auf den schönsten Traum ihres Lebens niedersinken und schwiegen.

Als der Wind kühler ward, wollte Cäcilie durchaus ein wollenes Tuch um Jacks Schultern legen. Die Weichheit des Gewebes, das Bewußtsein, gepflegt zu werden, erschien dem Liebenden wie eine Liebkosung und er erblaßte.

»Was haben Sie, Jack? Sind Sie krank?«

»Oh nein, Cäcilie, ich habe mich niemals so wohl gefühlt.«

Sie hatte seine Hand ergriffen und als sie die ihre zurückziehen wollte, hielt er sie fest und so saßen sie einen Augenblick schweigend mit verschlungenen Händen, das war alles.

Als sie zum Gehöft hinabstiegen, war eben der Doktor angelangt. Man hörte seine herzliche Stimme und das Rollen des Wagens. Jack und Cäcilie genossen die Poesie des Herbstabends, während sie in das große Wohnzimmer traten, wo bereits das Feuer flackerte. Das grobe Tischtuch, die großblumigen Teller, der Duft der kräftigen, bäuerlichen Mahlzeit verliehen dem Fest ein ländliches Gepräge. Jack, der sich ausschließlich seiner Nachbarin, Cäcilie, widmete, empfand tiefen Abscheu vor den staubigen Flaschen, die ohne Unterlaß aus dem Keller heraufgebracht wurden, während der Doktor sich den Freuden des Erntemahles hingab, und zwar derartig, daß seine Enkelin sich erhob, anspannen ließ und sich in ihren Mantel wickelte, worauf der brave Vater Rivals aufstand, einstieg, die Zügel ergriff und zum Ärger seiner Zechgenossen sein halbvolles Glas stehen ließ.

»Frierst Du auch nicht, Jack?« fragte er, als sie, wie früher, die stille Straße entlang an schweigenden Gärten und Feldern vorbeirollten. Weshalb sollte er frieren? Cäciliens großes Tuch streifte ihn und dann war der Tag so sonnig gewesen!

Oh warum folgt ein Morgen auf solche wundervollen Tage? Jack wußte, daß er Cäcilie liebe, aber er fühlte auch, daß diese Liebe ihm Leid bringen würde. Cäcilie stand zu hoch über ihm, ja der bloße Gedanke, daß das junge Mädchen seine Leidenschaft erraten könne, verursachte ihm Pein. Überhaupt begann er, je mehr seine Gesundheit wiederkehrte, sich der langen, müßigen Stunden in der Apotheke zu schämen. Cäcilie war so fleißig, was mußte sie von ihm denken? Er mußte fort, das stand fest.

Eines Morgens trat er in Herrn Rivals Zimmer, um ihm zu danken und ihm seinen Entschluß mitzuteilen.

»Du hast recht,« sagte der würdige Mann, »Du bist nun stark und gesund, nun heißt's wieder arbeiten. Mit Deinen guten Zeugnissen wirst Du bald Beschäftigung finden.«

Einen Augenblick lang herrschte Stillschweigen. Jack fühlte sich gerührt und unbehaglich unter Herrn Rivals forschendem Blick.

»Hast Du mir garnichts zu sagen?« fragte ihn der Doktor plötzlich.

Jack errötete und erwiderte verlegen:

»Oh nein, Herr Rivals.«

»So? Nun ich dächte, wenn man ein braves Mädchen, das nur noch einen alten, ehrlichen Großvater hat, liebt, so hätte man wohl ein Wort mit ihm zu reden.«

Ohne ein Wort zu erwidern, barg Jack das Gesicht in den Händen.

»Weshalb weinst Du, Jack? Deine Sache steht nicht schlecht, sonst hätte ich nicht gesprochen.«

»Oh Herr Rivals, ist es möglich? Ein elender Arbeiter, wie ich bin!«

»Versuche, weiter zu kommen, es geht. Wenn Du willst, bin ich Dir gern behilflich.«

»Aber das ist noch nicht alles ... Sie wissen das Schrecklichste noch nicht, ich ... ich bin ...«

»Oh, ich bin über Deine Herkunft unterrichtet,« versetzte der Doktor ruhig, »nun und sie ist in dieser Beziehung noch viel trauriger daran, als Du, komm her mein Kind und höre mich an.«

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