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Alphonse Daudet: Jack - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleJack
publisherVerlag von Neufeld & Henius
printrunZweite Auflage
yearo.J.
translatorW. Vollmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151227
projectid9d16f389
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Einundzwanzigstes Kapitel.
Cäcilie.

»Aber das ist ja Verläumdung. Du solltest den Doktor Hirsch verklagen. Mich fünf Jahre in dem Glauben lassen, daß mein Freund Jack ein Dieb sei! Warte Du Schurke! Er kam eigens, um mir die Neuigkeit mitzuteilen, dachte aber garnicht daran, sie zu widerrufen, als Deine Unschuld in einer für Dich sehr schmeichelhaften Weise bekannt gemacht wurde. So, nun zeige mir noch Dein Dienstbuch.«

»Hier, Herr Rivals.«

»Ausgezeichnet, besser kann unabsichtlich zugefügtes Unrecht nicht gesühnt werden. Der Direktor ist ein braver Mann. Und wenn ich Dich hier nicht zufällig bei Archambaulds getroffen hätte, so müßte ich Dir noch immer mißtrauen.«

In der That war Herr Rivals seinem ehemaligen Freunde im Hegerhäuschen begegnet. Seit zehn Tagen lebte Jack einsam und beschaulich wie ein Bramahne im Erlenhäuschen und genoß die letzten schönen Tage. Die einzigen menschlichen Wesen, mit denen er verkehrte, waren Archambaulds. Die liebevolle, treue Frau erinnerte ihn an seine Mutter, der sie so lange gedient hatte, und der gutmütige, schweigsame, nur mit seinen Bäumen beschäftigte Riese rief ihm die ganze Vergangenheit mit den köstlichen, erfrischenden Waldspaziergängen ins Gedächtnis. In Gesellschaft dieser beiden Einsiedler lebte er seine Kindheit wieder durch; saß neben ihnen auf der Bank vor dem Hause und rauchte seine Pfeife. Die guten Leute belästigten ihn niemals mit Fragen, nur wenn Vater Archambauld die hochaufgeschossene Gestalt und die geröteten Wangen betrachtete, schüttelte er traurig den Kopf, wie bei den von Rüsselkäfern angegriffenen Buchen.

An dem vorhin erwähnten Tage fand Jack den alten Mann von heftigem Rheumatismus geplagt im Bett und daneben ein in einen langen Überrock gekleidetes Männchen mit weißer, flatternder Mähne, Herrn Rivals.

Die erste Begrüßung fiel sehr verlegen aus. Jack schämte sich vor dem alten Doktor, wenn er an dessen verhängnisvolle Prophezeihungen dachte, und Herr Rivals verhielt sich im Gedanken an den Diebstahl sehr kühl; dennoch rührte ihn die Hinfälligkeit des Burschen; sie kehrten zusammen durch den Wald heim, kamen von einem Fußweg auf den anderen, von einem allgemeinen Gespräch auf Einzelheiten und gelangten endlich am Waldrande zur Lösung des ganzen Mißverständnisses.

Herr Rivals triumphierte und wurde nicht müde, das Zeugnis des Direktors immer wieder zu lesen.

»Nun, da Du nun einmal hier bist, mußt Du Dich recht oft bei uns sehen lassen; das ist durchaus notwendig. Man hat Dich hierher wie ein Pferd auf die Weide geschickt, aber das genügt nicht, Du bedarfst besonders um diese Jahreszeit großer Pflege; Etiolles ist nicht Nizza. Unser Haus ist dasselbe geblieben, nur meine arme Frau fehlt. Sie ist vor vier Jahren vor Kummer gestorben, denn seit unserem Unglück hat sie sich nie so recht wieder erholt. Glücklicherweise habe ich die Kleine, ohne welche ich nichts anzufangen wüßte. Sie steht der Apotheke vor und führt mir meine Bücher; sie wird sich freuen, Dich zu sehen, eines freundlichen Empfanges kannst Du gewiß sein, sie hat nie etwas über Dich erfahren. Du kannst ohne Furcht vor ihr erscheinen. Komm also morgen zum Frühstück, wir essen wie sonst um zwölf, zwei oder drei Uhr, je nachdem ... also auf Wiedersehen morgen.«

Jack verbrachte den Abend am Kamin sitzend; das Zusammentreffen mit Herrn Rivals, die Erwähnung Cäciliens erfüllte sein Herz mit einem unbekannten Wohlgefühl.

Am folgenden Tage klingelte er gegen Mittag bei Rivals.

»Der Herr ist noch nicht da, aber das Fräulein ist in der Apotheke,« sagte das kleine Dienstmädchen, welches Jack öffnete, und die alte treue Magd von früher ersetzt zu haben schien.

Jack stieg zur Apotheke hinauf und klopfte, ungeduldig, seine Freundin wiederzusehen, die ihm immer noch als das siebenjährige Mädchen von damals, als des Doktors »Kleine«, vorschwebte.

»Herein, Herr Jack,« rief Cäciliens Stimme, aber viel klangvoller, tiefer als früher.

Die Thür sprang plötzlich auf und Jack fragte sich, ob diese reizende Erscheinung mit dem glänzenden Haar und der mattweißen Stirn wirklich Cäcilie sei, und er wäre zurückgewichen, wenn sie nicht treuherzig »Guten Tag, Jack,« gesagt und ihm eine kleine Hand entgegengestreckt hätte, deren liebkosende Berührung ihn an jenen Festtag am fünfzehnten August erinnerte.

»Das Leben hat Ihnen übel mitgespielt, Herr Jack, Großvater hat mir's erzählt. Auch ich habe viel gelitten; die gute Mama ist tot. Sie hatte Sie sehr lieb, wir sprachen oft von Ihnen.« –

Das war Cäcilie; während er ihr gegenübersaß, betrachtete er sie, wie groß und schön sie war!

Plötzlich fiel sein Blick auf seine Hand, die er unbeholfen, wie alle Arbeiter, auf das Knie gelegt hatte. Er schämte sich dieser schwieligen, harten Hand und steckte sie verlegen in die Tasche. Nun erst ward er sich seines linkischen, unbeholfenen Aussehens bewußt. Er sah sich mit gespreizten Beinen in seiner Arbeitshose und einem alten Sammtrock d'Argentons, dessen Ärmel ihm viel zu kurz waren, auf dem Stuhle sitzen. Ja die zu kurzen Kleidungsstücke, das war stets sein Mißgeschick!

Und zu dieser physischen Verlegenheit gesellte sich nun auch noch die moralische; jeder Rausch, jede Matrosenkneiperei fiel ihm ein, und er litt darunter und schämte sich dessen.

Glücklicherweise kamen jetzt Leute in die Apotheke, und während sich Cäcilie an der Messingwaage zu schaffen machte, Päckchen wog und nummerierte und Bestellungen eintrug, wie einst ihre Großmutter, fühlte sich Jack erleichtert und folgte ihr mit bewundernden Blicken.

Ja es war wirklich zu bewundern, wie sanft und geduldig sie mit den beschränkten, geschwätzigen Bauernfrauen verhandelte, dieser ein ermutigendes Lächeln, jener einen guten Rat zukommen ließ. –

Eben hatte sie mit Jacks alter Bekanntschaft, der Holzdiebin Mutter Salée zu thun, die ihr von ihrem armen, alten Manne vorjammerte, der seit Monaten krank sei und nichts mehr verdienen könne.

Endlich zog sich die Bäuerin unter Bücklingen und Danksagungen zurück. Als sie an Jack vorbei ging, drehte sie sich um und sagte zu der sie begleitenden Cäcilie:

»Ach, das ist ja der Kleine aus dem Erlenhäuschen; guter Gott, sieht der aber erbärmlich aus! Nun werden wohl die bösen Zungen, die sagten, der Herr Rivals zöge sich den kleinen d'Argenton zum Schwiegersohn heran, nicht Recht behalten, denn Sie werden doch nichts mehr von ihm wissen wollen; ja, das Leben spielt einem übel mit!«

Hohnlachend ging sie hinaus.

Jack fühlte, wie er erblaßte; die Wunde ging tief und würde schwer heilen. Aber nicht allein Jack fühlte sich getroffen, nein, da saß noch jemand und schien mit gesenktem, hochrotem Kopf eifrig zu schreiben.

»Katharine, rasch die Suppe, eine Flasche Wein, den Cognac und die übrige Bescheerung.«

Es war der Doktor, der, als er beim Eintreten Jacks und Cäciliens Verlegenheit gewahr wurde, in ein fröhliches Lachen ausbrach:

»So, mehr wußtet Ihr Euch nach sieben Jahren nicht zu sagen? Nun aber zu Tisch, das wird den armen Burschen bald ins Gleichgewicht bringen.«

Aber das Frühstück brachte Jack nicht ins Gleichgewicht, sondern verdoppelte nur sein Unbehagen. Er wußte sich in Cäciliens Gegenwart nicht zu benehmen und zitterte davor, Wirtshausgewohnheiten zu verraten, die Mahlzeit erschien ihm endlos. Endlich trug Katharine den Nachtisch ab und setzte heißes Wasser, Zucker und die Cognacflasche vor dem jungen Mädchen nieder. Seit Cäcilie an Stelle ihrer Großmutter den Grog bereitete, erging es dem armen Doktor noch schlimmer. Denn aus Furcht, das Getränk zu stark zu machen, setzte sie eine Apothekermischung zusammen, in der die Branntwein-Dosis von Tag zu Tag geringer wurde, wie der Doktor wehmütig bemerkte.

Als der Großvater sein Glas erhalten hatte, wandte sich das junge Mädchen zu dem Gast:

»Trinken Sie Branntwein, Herr Jack?«

Der Doktor lachte.

»Und ob, ein Heizer! Weißt Du denn nicht, wovon diese armen Teufel leben? Du kannst ihm einen Steifen machen, er wird ihn schon vertragen.«

Sie sah Jack mit sanftem, traurigem Blick an:

»Wollen Sie?«

»Nein, danke Fräulein,« sagte er leise, fast beschämt. Und wenn es ihn einige Anstrengungen kostete, sein Glas zurückzuziehen, so wurde er durch einen dankbaren, beredten Blick reichlich belohnt.

Die Bauern von Etiolles, die Jack an diesem Nachmittage mit langen Schritten auf der Landstraße heimkehren sahen, mochten glauben, daß er toll geworden, oder infolge des Frühstücks beim Doktor übergeschnappt sei. Er gestikulierte, sprach und drohte mit der Faust, was auffallend gegen seine sonstige Schlaffheit abstach.

»Arbeiter!« sagte er zähneknirschend, »Arbeiter bin und bleibe ich mein Leben lang. Herr d'Argenton hat Recht, ich gehöre unter meinesgleichen und darf nie versuchen, mich höher aufzuschwingen.«

Seit langer Zeit hatte er sich nicht in solcher Aufregung befunden, neue unbekannte Gefühle drängten auf ihn ein; aber alles wurde von Cäciliens Bild überstrahlt. Und nun zu denken, daß er statt eines gemeinen Arbeiters ein gebildeter, wohlerzogener Mann hätte werden können, der dieses Mädchens würdig war und sie als Frau erringen durfte!

In diesem Augenblick machte der Weg eine Biegung und er stand der mit einem Holzbündel beladenen Mutter Salée gegenüber. –

Die Alte sah ihn mit boshaftem Lächeln an, wie heute Morgen, als sie zu Cäcilie sagte: »Sie werden wohl nun nichts mehr von ihm wissen wollen;« in seiner Wut stürzte er auf die Alte zu:

»Warte Viper,« dachte er, »ich will Dir Deine Giftzähne schon ausreißen.«

Er sah so furchtbar aus, daß die alte Salée entsetzt ihr Bündel fallen ließ und zwischen den Büschen verschwand. Jack verfolgte sie einige Schritte weit und blieb dann plötzlich stehen:

»Ich bin wahnsinnig, die Frau hat mir ja doch nur die Wahrheit gesagt.«

An diesem Abend aß er nichts und zündete sich weder Feuer, noch die Lampe an. Er saß in einem Winkel des Eßzimmers, welches er mit einigen im ganzen Hause zusammengesuchten Möbeln ausgestattet hatte, starrte auf die weißen Herbstnebel hinaus und sann:

»Cäcilie will nichts mehr von mir wissen!«

Alles trennte sie jetzt von einander, er war Arbeiter und – das schreckliche Wort kam ihm auf die Lippen, »Bastard«. Zum ersten Mal in seinem Leben dachte er darüber nach; die Frage nach seiner Herkunft beschäftigte ihn mehr, als alles andere. Als Charlotte ihm den Namen seines Vaters nannte, war er vollkommen ruhig geblieben, jetzt drängte es ihn, sie auszufragen, damit er sich ein Bild von seinem Vater machen konnte; würde er, wenn er noch lebte, so großmütig sein und seinem Sohne seinen Namen geben?

»Jack, Marquis de l'Epan,« den Satz wiederholte er sich immer wieder, als wenn ihn der Titel Cäcilien näher brächte.

Er beschloß, an seine Mutter zu schreiben, aber was er zu sagen hatte, ließ sich so schwer ausdrücken, daß er sich vornahm, selbst mit Charlotte zu sprechen. Unglücklicherweise besaß er nicht genug Geld, die Eisenbahnfahrt zu bezahlen, seine Mutter hatte ihm welches schicken wollen und es ohne Zweifel vergessen. –

»Bah,« dachte er, »ich habe den Weg mit elf Jahren zu Fuß gemacht und werde es wohl auch jetzt noch können.«

Und wirklich unternahm er am nächsten Tage den weiten Weg und wenn er ihm diesmal weniger lang vorkam, so fand er ihn dafür desto trauriger. Jack kam an dem kleinen Hause in Villeneuve vorbei, wo er ausgestiegen war, um eine brave Mütze mit Ohrenklappen glauben zu machen, daß er dort wohne. Er fand den Steinhaufen und die elende Winkelkneipe wieder, die ihm damals solche Furcht eingeflößt hatte. Gegen ein Uhr nachmittags langte er bei kühlem, trübem Regenwetter in Paris an. Welch' ein Gegensatz zu dem glänzenden Maimorgen, an dem ihm am Ende seiner ersten Reise seine Mutter wie ein lichtumstrahlter Erzengel erschienen war, der mit seinem Glanze alle Schrecknisse der Nacht verscheuchte. Statt seiner von Blumen umgebenen Mutter traten ihm in dem kellerartigen, düsteren Thorweg der Redaktion d'Argenton und Moronval, von einem Schwarm zudringlicher Freunde umgeben, entgegen.

»Sieh da, Jack,« rief der Mulatte.

Der Dichter fuhr zusammen und sah auf; Jack reichte ihm die Hand, die jener nachlässig ergriff, während er fragte, ob das Erlenhäuschen vermietet sei.

»Nein,« erwiderte Jack bestürzt, »es ist niemand dagewesen.«

»Was willst Du denn sonst hier?«

»Meine Mutter besuchen!«

»Nun, das begreife ich; Reisen kostet aber Geld.«

»Ich bin zu Fuß gekommen,« sagte Jack bescheiden, aber in fester, sicherer Haltung.

»Ah,« versetzte d'Argenton höhnisch, »ich sehe mit Vergnügen, daß Deine Füße leistungsfähiger sind, als Deine Hände.«

»Ein g'ausames Wo't,« stichelte der Mulatte.

Der Dichter lächelte zufrieden und zog mit seinem Gefolge ab, während Jack hinaufstieg. Er fand die ganze Wohnung in Unordnung und einen Tapezierer beschäftigt, Vorhänge anzubringen und Bänke wie zu einer Preisverteilung aufzustellen; ein großes litterarisches Fest sollte am Abend stattfinden, daher auch d'Argentons Ärger, als er Jack erblickte.

Auch Charlotte schien nicht sehr entzückt. Sie war eben eifrig beschäftigt, die ganze Wohnung umzustellen, kleine Salons und Rauchzimmer einzurichten.

»Ach Du bists, mein armer Jack? Du willst Dir sicherlich Geld holen; ich wollte es Herrn Hirsch mitgeben, der in einigen Tagen nach dem Erlenhäuschen kommt, um dort merkwürdige Experimente mit Wohlgerüchen zu machen, er hat nämlich ein neues Heilverfahren entdeckt. Du wirst ja sehen.«

»Ich habe Wichtiges mit Dir zu besprechen,« begann Jack.

»Was denn? Du weißt, Ernsthaftes war nie nach meinem Geschmack und außerdem, die Gesellschaft heute Abend ... ich möchte Dir nicht zureden, hierzubleiben, denn Du machst Dir doch nichts daraus. Nun komm hier her auf den Balkon ... nun?«

Jack zögerte noch einen Augenblick, denn das, was er zu sagen hatte, erschien ihm zu hoch für das zierliche Köpfchen, das sich zu ihm neigte.

»Ich wollte ... ich wollte mit Dir über meinen Vater sprechen.«

Sie hatte ein »Was fällt Dir ein« auf den Lippen und wenn sie es nicht aussprach, so verriet doch ihr bestürztes und zugleich gelangweiltes Gesicht deutlich genug, was sie dachte.

»Das ist für uns beide ein trauriges Thema, mein Jack, aber ich begreife Deine Neugierde und bin bereit, sie zu befriedigen; ich hatte mir so wie so vorgenommen, Dir, wenn Du zwanzig Jahre alt sein würdest, das Geheimnis Deiner Herkunft zu enthüllen.«

So wußte sie also nicht mehr, daß sie ihm diese Enthüllung bereits vor drei Monaten gemacht hatte? Wenigstens konnte er nun sehen, ob ihre Aussage von damals und jetzt übereinstimmte.

»War mein Vater adlig?«

»Gewiß, mein Kind, vom reinsten Adel.«

»Marquis?«

»Nein, nur Baron ...«

»Aber, ich dachte ...«

»Nein, nur die Bulacs der älteren Linie führten den Titel Marquis.«

»Er war also mit den Bulacs verwandt?«

»Gewiß, er war das Haupt der jüngeren Linie.«

»Also ... hieß ... mein Vater ...«

»Baron von Bulac, Lieutenant zur See.«

»Ist er schon lange tot?«

»O ja, sehr lange!«

Sein Vater war tot, das war sicher. Hatte seine Mutter diesmal oder neulich gelogen? Welche Schande!

»Wie elend Du aussiehst, Jack,« unterbrach sich Charlotte mitten in einer langen Geschichte über ihren Lieutenant zur See. –

»Es ist nichts,« versetzte Jack mühsam, »es wird unterwegs vorübergehen.«

»Wie, Du willst schon gehen? Nun, es ist auch besser, Du kommst beizeiten nach Hause.«

Sie umarmte ihn, wickelte ihm ein Tuch um den Hals und ließ einiges Geld in seine Tasche gleiten, und als ihre Kammerfrau sie rief: »Gnädige Frau, der Friseur,« da beeilte sie sich, den Abschied möglichst abzukürzen:

»Ich muß fort, pflege Dich recht und schreibe bald.«

Er stieg langsam die Treppe hinab, der Kopf schwindelte ihm.

Nicht das Fest heute Abend machte ihm das Herz schwer, nein, sondern der Gedanke an alle jene Familienfeste, die ihm das Leben versagte, und die nur denen bescheert werden, die liebende Eltern, ein Heim, eine Familie besitzen.

In diese trüben Gedanken versunken, näherte er sich dem Lyoner Bahnhof, jenen ärmlichen Stadtteilen, in denen der Nebel noch drückender und schwerer zu sein scheint. Es war Feierabend, die Fabriken leerten sich, ein Menschenstrom drängte den Schenken zu, von denen einige statt der Schilder Inschriften trugen: »Hier findet man Trost.« Jack, dem sein Leben düster und hoffnungslos wie der kalte, regnerische Herbstabend erschien, rief in einem Anfall von Verzweiflung:

»Ja, wahrhaftig, sie haben Recht, hier findet man Trost, man muß trinken.«

Der ehemalige Heizer trat über die unsaubere Schwelle und ließ sich eine doppelte Portion »Unverfälschten« geben. Aber während er das Glas zum Munde führte, hörte er neben seinem Ohr eine sanfte, ruhige Stimme:

»Trinken Sie Branntwein, Herr Jack?«

Nein, er trank nicht, wollte nie wieder trinken. Ungestüm verließ er die Schenke und ließ zum allgemeinen Erstaunen neben der hingeworfenen Münze sein volles Glas stehen.

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